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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Shocking.

So, my dear Jane, da bin ich wieder, und hier bringe ich dir Lenchen, die wir für unsere Mary eingetauscht haben,« sagte Onkel Richard in geläufigem Englisch, die Hand seiner schönen Frau an die Lippen ziehend.

Leni, von der langen Reise und der ziemlich heftigen Seekrankheit noch etwas blaß, wollte der Tante, die jetzt Mutterstelle an ihr vertreten sollte, zärtlich um den Hals fallen. Aber die wohlgepflegte Hand, die Tante Jane ihr reichte, hielt sie in angemessener Entfernung.

»Ah – sieh da, Ellen Sursen! Nun, meine liebe Ellen, sehr groß bist du nicht für dein Alter und auch sonst – na, du bist wohl noch in Reisetoilette und hast gewiß noch andere Kleider im Koffer, nicht wahr?« Sie warf durch die lange Lorgnette einen beredten Blick auf Lenis sonderbare Erscheinung.

Leni starrte die schöne blonde Frau in dem weißen Spitzenmorgenrock stumm an; sie hatte kaum die Hälfte von ihrem schnellen Englisch verstanden. Ratlos sah sie auf Onkel Richard.

»Tante fragt, ob du noch mehr Kleider hast?« verdolmetschte der Onkel.

Leni nickte selig, in Erinnerung an all die Herrlichkeiten in dem braunen Familienkoffer.

»O, einen ganzen Berg – sehr viele – very much,« radebrechte Leni, die daheim hauptsächlich englische Grammatik getrieben hatte und nur wenig Übung im Sprechen besaß.

»Dann kleide dich nachher zum Dinner um. Du sollst heute ausnahmsweise mit uns speisen; von morgen an ißt du dann mit Lizzie und der Miß im Kinderzimmer. Jetzt wirst du gewiß deine Sachen auspacken und einräumen wollen, my dear; die Miß wird dir helfen. Bitte, Dick« – damit war Onkel Richard gemeint – »führe Ellen in das Kinderzimmer.«

Leni warf den Kopf zurück. Kinderzimmer? Sie war doch kein Gör mehr! Daheim hatte sie mit Fräulein das Zimmer geteilt, und hier – – –

Nein, so ließ sie sich nicht behandeln! Sie war ja seit vier Wochen ein richtiger Backfisch! Aber Tante Jane hatte bereits wieder zu ihrem Buch gegriffen. Leni war entlassen.

Langsam folgte sie dem Onkel über die mit vornehmem Geschmack ausgestattete Diele oder » hall«, wie man es in England nennt, die Treppe empor in das erste Stockwerk. Hier lagen die Zimmer der Jugend. Onkel Richard öffnete eine Tür und schritt Leni voran in ein mattblau getünchtes, mit weißlackierten Möbeln eingerichtetes Zimmer. Auf einem Streckbett am Fenster ruhte ein blondes Mädchen von vielleicht zehn Jahren; der linke Fuß war mit Riemen in seltsame Maschinen geschnallt. Sie wandte den Kopf nicht.

»Nun, Lizzie, mein Liebling, wie ist es dir ergangen?« Onkel Richard neigte sich über die Kleine und küßte leise ihre Stirn.

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über das unkindlich ernste Gesicht.

» Thank you – nicht gut; sie haben mich wieder gequält.«

Leni sah jetzt erst, wie gelblich das Antlitz der Kleinen war. Ihr warmes Herz wallte von Mitleid über; schnell trat sie an das Ruhebett, und streckte der jungen Cousine mit ungestümer Herzlichkeit beide Hände entgegen.

»Arme Dirn – hast du viel Schmerzen?« Sie beugte sich zärtlich zu Lizzie hinab.

Ein fast feindseliger Blick aus den graubraunen Kinderaugen antwortete Leni; unwirsch wandte sich Lizzie zur anderen Seite.

»Sie versteht dich wohl noch nicht recht, Lenchen. Na, das wird schon noch kommen; unsere Lizzie ist durch das lange Kranksein ein wenig menschenscheu geworden,« sagte der Onkel, um Leni mit dem Empfang zu versöhnen. »Aber nun muß ich noch geschwind zur City ins Geschäft, damit ich zum Dinner wieder zurück bin.« Damit küßte er Lizzies Stirn, klopfte Leni freundlich die Wange, und fort war er.

Verlassen stand Leni jetzt in der Mitte der Kinderstube. Es war ihr, als ob mit dem Onkel auch ihr letzter Freund hier in der Fremde von ihr gegangen sei. Wenn Säutsnut noch wenigstens bei ihr gewesen wäre!

Lizzie kümmerte sich nicht um sie. Langsam schritt Leni zu dem weit geöffneten Fenster. Sie tat einen tiefen Atemzug. Ach, da draußen gab es grüne Bäume, Büsche und Blumen wie daheim; Vöglein zwitscherten in den Zweigen, und auf dem kurzgeschorenen Rasenteppich strickte die liebe Sonne ein gerade so goldenes Maschennetz wie in Mecklenburg auf den Lupinen- und Kleefeldern. Freilich, in der Ferne hinter den Bäumen, die das Villenviertel abschlossen, türmten sich schwarze, große Fabrikschornsteine drohend zum Himmel empor, und statt des Zirpens der Heimchen und des Geigens der Heupferdchen, wie es Leni auf den Heimatfluren zu hören gewohnt war, vernahm sie ein dumpfes fernes Brausen; das war der Atem der Riesenstadt London.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Wenn Karl Heinz sie so mutlos sehen würde, Karl Heinz, der immer gesagt hatte, seine Leni sei das einzige Mädel, das nicht feige wäre! Und Vating, dessen Wahlspruch lautete: »Wenn man noch so sehr in der Bisternis drin sitzt, die Kandare genommen und drauf losgeritten, nicht um Tod und Düwel gekümmert; irgendwo kommt man immer tau Enn!«

Nein, sie wollte sich nicht so schnell unterkriegen lassen, und wenn man sie zehnmal hier »Ellen« nannte! Sie blieb doch die Leni Sürsen von Nedderdorf, Vatings olle tapfere Dirn!

Mit den ihr eigenen schnellen Bewegungen schleuderte sie den Blumenhut auf den einen Stuhl, den Regenmantel auf den anderen und begann, ohne sich weiter um das »miesepetrige Gör« – damit war Lizzie gemeint – zu kümmern, ihren Koffer aufzuschließen.

Aber als sie nun all die Sachen ordentlich nebeneinander gereiht sah, die Muttings liebe Hand verpackt hatte, und als sie Hänschens invalides Heer und Fränzchens schwanzlosen Gaul hier in der Fremde in Händen hielt, da war es um ihren frischen Mut wieder geschehen. Schwere Tränen rollten ihr über die Wangen und tropften auf die rosenroten und himmelblauen Kattunkleider.

Und jetzt – ein unterdrücktes Schluchzen! Leni stopfte das Taschentuch in den Mund; Lizzie sollte nicht hören, daß sie weinte. Aber die Kleine hatte sich bereits umgewandt; erstaunt schaute sie auf das junge Mädchen, das vor dem Koffer am Boden kniete und über zerbrochenes Spielzeug bitterlich zu weinen schien. Lizzie setzte sich auf. Es trieb sie, der neuen Cousine ein liebes Wort zu sagen; aber plötzlich trat wieder jener gehässige Zug in ihr junges Gesicht, und sie drehte sich aufs neue zur Wand.

Die eintretende Miß schaute verwundert auf.

Leni hatte indessen die Augen getrocknet und im Zimmer Umschau gehalten. Jener weitgeöffnete leere Schrank war sicherlich für ihre Garderobe bestimmt. Sie wollte die unfreundliche Lizzie nicht fragen; von der Miß aber, die ihr helfen sollte, war nichts zu sehen. Doch sie brauchte sie auch gar nicht; sie war ja Muttings praktische Tochter, die sich allein half.

Mit Eifer ging sie ans Einräumen. Mutting hätte wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn sie die schöngeplätteten Kleider zwischen der dicken Wintergarderobe eingepfercht gesehen hätte; aber Leni kümmerte sich nicht um so kleinliche Dinge. Sie sperrte Strümpfe, Taschentücher, Tante Kantors verwelkten Flieder die Leberwurst, die ihr die alte Dörthe noch zugesteckt hatte, und Schuster Hannemanns künstlerische Erzeugnisse in traulichem Beieinander in denselben Kasten.

Als die Stubentür aufging, stand Leni gerade hoch oben auf dem Tisch und war eben dabei, ihren Mantel und Hut wegen Platzmangel an die elektrischen Glühbirnen der Krone zu hängen; sie wollte doch alles schön aufräumen. Lizzie sah mit großen Augen ihrem seltsamen Treiben zu.

Auch die eintretende Miß riß die Augen verwundert auf, als sie Leni auf ihrem erhöhten Standort gewahrte, und Leni schaute ihrerseits die Miß ebenso erstarrt an.

War das ein Herr oder eine Dame?

Die scharf geprägten Gesichtszüge hatten entschieden etwas Männliches; das straff zurückgestrichene Haar, auf dem der kleine Männerhut thronte, der steife Leinenkragen mit dem schwarzen Schlips und der weite Überzieher machten es Leni zweifellos, daß sie einen Herrn vor sich habe. Vielleicht Vetter Bobbys Lehrer? Aber unter dem Paletot schaute ein schwarzer Frauenrock hervor, so daß Leni ihrer Sache nicht mehr ganz sicher war.

Als die seltsame Erscheinung nun in echt englischen Kehllauten zu sprechen anhub: »O – ich habe wohl das Vergnügen, meine neue Pflegebefohlene Ellen Sursen vor mir zu sehen? Mein Name ist Miß Brown. Was tust du nur da oben auf dem Tisch, Kind?« da bedurfte es der ganzen Aufbietung von Lenis Willenskraft, um der männlichen Miß nicht laut ins Gesicht zu lachen. Sie dachte schnell an die Hinrichtung Maria Stuarts, ein Mittel, das immer half, wenn ihre Lachmuskeln zu ungeeigneter Zeit widerspenstig werden wollten. Aber die Miß mußte zweimal fragen, ehe sie von Lenis zuckenden Lippen eine Antwort erhielt.

»Ich hänge meine Sachen auf,« gab Leni endlich nicht ganz fehlerfrei, aber mit Selbstbewußtsein zurück. Die Miß sprach langsam und deutlich; Leni verstand sie recht gut.

»Tut man das bei euch in Deutschland an den Kronleuchter?« fragte verwundert die Miß, während Leni mit einem kühnen Satz von ihrem Höhenausflug zur Erde zurückkehrte.

Die Miß hielt sich die Ohren zu.

»O – was für ein Lärm und dieser Sprung! Wenig ladylike – shocking indeed! Wie alt bist du denn, little one

Leni stellte sich auf die Fußspitzen und machte ein möglichst erwachsenes Gesicht. » I am – I shall be – ich werde fünfzehn,« sagte sie schließlich auf deutsch, da sie bei ihrem Alter auf keinen Fall einen Fehler machen wollte. »Ich bin ein ganz richtiger Backfisch.« Dabei schielte sie nach Lizzie, um zu sehen, was für einen Eindruck diese Eröffnung wohl auf sie mache.

» Beg your pardon – was ist ›Backfisch‹?« Die Miß verstand nicht allzuviel Deutsch.

»Backfisch – Backfisch ist –«, Leni zuckte die Achsel, »wenn man vierzehn Jahr' und sieben Wochen alt ist,« half sie sich aus der Verlegenheit.

» O yes – ein › school-girl‹, so sagt man hier bei uns in London.« Die Miß lächelte, daß ihre weißen, stark hervortretenden Vorderzähne sich leuchtend von den Lippen abhoben.

» School-girl« – also Schulmädel! Der Titel klang doch recht wenig erwachsen, und Leni wunderte sich, daß sich die englischen Backfische das gefallen ließen.

»Lizzie, es ist Zeit, daß du dich zum Dinner ankleidest; du darfst heute Ellen zu Ehren unten im Speisesaal mitessen.« Die Miß schnallte Lizzie, die ein mürrisches Gesicht aufgesetzt hatte, aus ihren Maschinen los; schwerfällig erhob sich das kranke Kind.

Leni sah jetzt erst, daß Lizzie den linken Fuß stark nachzog, und wieder empfand sie inniges Mitleid mit dem armen Mädel. Aber sie wollte sich nicht zum zweiten Male einer häßlichen Abweisung aussetzen.

»Ellen, make haste! Du hast nur noch eine Viertelstunde bis sieben Uhr; geschwind hole dein dinner-dress,« drängte die Miß, Lizzie die langen goldblonden Haare bürstend.

Leni stand sinnend vor ihrem schön eingeräumten Schrank.

» Dinner-dress«! Ja, welches war nur ihr »Mittagbrotkleid«?

Sie überlegte. Zu Hause hatte sie nichts dergleichen besessen; da hatte sie sich zur Mittagsmahlzeit das Haar gebürstet, die Hände gewaschen und allenfalls eine frische Schürze vorgebunden. Aber hier schien das ja anders zu sein. Schon daß man abends um sieben Uhr Mittagbrot aß, gerade zu der Zeit, da man daheim zu Abend speiste, war verwunderlich. Und nun noch ein besonderes Kleid dazu?

Ach was! Sie nahm eins von den schönen neuen Kattunkleidern; ihre Eitelkeit regte sich, sie wollte sich auch fein machen. Lizzie bekam eben ein weißes Matrosenkleid übergezogen. Schnell schlüpfte Leni in das himmelblaue Kleid, das nach Karl Heinzens Aussage genau dieselbe Farbe hatte wie ihre Augen. Es raschelte und knisterte wie Seide; wunderschön steif hatte es Gusting, das Stubenmädchen, geplättet. Leni wand und drehte sich vor dem Spiegel wie ein Pfau.

»Ellen, du hast mich wohl nicht verstanden? Du solltest dein dinner-dress anziehen; in diesem Morgenkleid kannst du doch unmöglich zu Tisch kommen!«

Morgenkleid? Ach Unsinn! Leni, die eben noch erschreckt ausgesehen hatte, lächelte schon wieder beruhigt. Sie hatte die Miß sicherlich falsch verstanden. Die meinte gewiß, das Kleid sei für einen Wochentag zu schade; sie solle es für morgen, zum Sonntag, aufheben.

»Ach, dear Miß Brown,« bettelte sie, »bitte, lassen Sie es mich doch anbehalten; es läßt sich ja waschen, und ich will mir auch ganz gewiß keinen Fleck machen!«

Jetzt war die Reihe, verdutzt auszusehen, an der Miß.

»Aber Ellen, a cotton-dress? Was wird nur Mrs. Sursen dazu sagen, wenn ich so was zugebe! Hast du denn kein anderes Kleid?«

Sie öffnete den Schrank, während Leni zärtlich an dem geschmähten Kleide entlang strich.

»Himmel, das nennst du Ordnung, Ellen?« Die Miß fuhr vor Aufregung mit beiden Armen in der Luft herum. »O, wie hat der Schrank ausgesehen, als Mary ihn noch hatte! Aber, Mädchen, hat denn deine Governeß zu Hause dich gar nicht ein bißchen zur Ordnung angehalten?«

Leni schwieg verstockt.

Mutting hatte ihr auch oft daheim die Leviten gelesen wegen des Punktes Ordnung; »Mamsell Liederjan« hatte Mutting sie sogar gescholten. Dann war Leni der Mutter stürmisch um den Hals gefallen und hatte Besserung gelobt, um es natürlich im nächsten Augenblick schon wieder zu vergessen. Aber hier von einer Fremden getadelt zu werden, das ging doch tiefer, und noch dazu vor der jüngeren Lizzie! Gewiß lächelte die gerade so spöttisch, wie Mary es in Hamburg getan hatte.

Scheu hob Leni die Augenlider. Nein, Lizzie sah voll Teilnahme auf die gescholtene Cousine, aber als sie ihrem Blick begegnete, blitzte es wieder zornig in den graubraunen Augen auf.

Was hatte nur Lizzie gegen sie?

»Nun, Ellen, fünf Minuten hast du noch, um dich umzuziehen; geschwind, mache deine Haare auf, ich werde sie dir bürsten.« Die Miß stand schon mit Kamm und Bürste bewaffnet hinter ihr.

»Ich bin ja schon gekämmt!« Lenis Antwort klang ziemlich brummig.

»Ja, aber mit aufgesteckten Zöpfen geht man doch nicht. Erst mit achtzehn Jahren darf ein junges Mädchen hier in England das Haar hochstecken. Ein Mädchen von vierzehn Jahren ist noch ein Kind und trägt das Haar offen.«

Die Miß begann Leni die Nadeln aus den Zöpfen zu ziehen. Aber ungezogen riß sich Leni los; ihr Trotz war erwacht; denn Miß Brown hatte sie an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen,

»Ich bin kein Gör,« rief sie mit flammenden Augen auf deutsch; in ihrer Erregung brachte sie auch nicht ein einziges englisches Wort heraus, »und was man hier in England tut, das ist mir ganz gleichgültig! Ich bin eine Deutsche, und das bleibe ich auch in London! Und wenn der Tante mein Kleid nicht gut genug ist, mein schönes Kleid, das Mutting aus der neuesten Modezeitung geschneidert hat, dann will ich auch gar nicht zu Tisch kommen! Dann kann ich ja ebensogut hier oben essen!« Sie war ganz außer sich.

Die Miß hatte kaum ein Wort von Lenis heftiger Auseinandersetzung verstanden, aber daß es nicht gerade höflich und artig gewesen, entnahm sie dem Ton, in dem es gesprochen wurde. Da hatte man sich ja ein nettes Früchtchen auf den Hals geladen! Statt der ruhigen, wohlerzogenen Mary diesen kleinen wilden Teufel! Für solch einen Austausch dankte Miß Brown!

Leni aber fühlte plötzlich ihre noch immer zornig geballten Hände von kühlen Fingern umschlossen; Lizzie stand hinter ihr,

»Du hast ganz recht,« sagte sie zu Lenis Verwunderung in ziemlich gutem Deutsch, »behalte ruhig deine Zöpfe und gehe in deinem Kattunkleide zu Tisch! Wenn du der Mama nicht gefällst, mag sie es selbst sagen.«

»Du sprichst Deutsch?« Es war Leni, als ob all das Häßliche eben nur ein böser Traum gewesen sei, als sie ihre Mutterlaute wieder vernahm.

Lizzie nickte.

»Ich liebe die deutsche Sprache; es ist die Heimatsprache meines Vaters, und so schöne Märchen gibt es in keiner anderen.« Doch als ob sie schon zuviel gesagt habe, wandte sie sich schnell zur Tür.

Ein lautes Dröhnen ließ Leni plötzlich zusammenfahren.

»Es donnert!« rief sie und stürzte zum Fenster, um es zu schließen, wie man es zu Hause stets bei einem Gewitter tat. Aber die goldene Abendsonne strahlte noch ebenso vom wolkenlosen Himmel herab wie zuvor. Fragend wandte Leni sich zur Miß.

»Das war das ›Gong‹,« erklärte diese, »das Zeichen, daß wir zum Dinner kommen sollen. Es hängt in der hall und wird jedesmal geschlagen, wenn die Mahlzeit aufgetragen ist. Du kannst es dir unten ansehen, komm!«

In aufrechter Haltung schritt sie Leni voran, die Treppe hinab ins Erdgeschoß der Cottage, wo die Speise-, Wohn- und Besuchsräume lagen.

Plötzlich sah sie etwas Blaues an sich vorbeifliegen.

» Good gracious«! schrie die Miß und hielt sich die Augen zu; Ellen war sicherlich die Treppe hinabgestürzt. Die aber stand unten auf beiden Füßen und lachte wie ein Kobold. Sie hatte der Versuchung, das blankpolierte Treppengeländer hinunterzureiten, wie sie es stets daheim mit Karl Heinz um die Wette zu tun pflegte, nicht widerstehen können. Die kleine Rutschpartie hatte sie auch wieder vergnügt gestimmt, und selbst Miß Browns » shocking«, das Wort, das sie in den nächsten Wochen am häufigsten zu hören bekommen sollte, änderte nichts mehr daran.

Sehr begeistert schien Tante Jane allerdings nicht von Lenis dinner-dress zu sein. Sie selbst hatte, da man nachher noch einen Besuch machen wollte, ein helles Seidenkleid angelegt. Aber sie war höflich genug, in Gegenwart der anderen nichts zu sagen, wenn auch ihr sprechender Blick immer wieder Lenis glattgebürsteten Kopf und das blaue Kleid streifte, von dem man, wie sie innerlich meinte, Augenschmerzen bekam.

»Ist Bobby noch nicht aus dem College nach Hause gekommen? Es ist doch heute Sonnabend,« sagte Onkel Richard, die Augenbrauen hochziehend. Leni war es aufgefallen, daß der Onkel hier in seiner Häuslichkeit viel stiller und zurückhaltender war als bei dem Zusammensein mit Vating. Damals hatte auch er einen derblustigen Ton angeschlagen.

»Bobby ist bei seinem Freunde zum Dinner in der Stadt geblieben,« entschuldigte die Mutter. »Charles Edward Gamble feiert heute seinen sechzehnten Geburtstag; da durfte Bobby doch nicht fehlen.«

»Ich halte es für notwendiger, daß er daheim wäre, um seinen Vater zu begrüßen, der von der Reise zurückkommt,« meinte der Onkel ernst.

Leni aber wurde es leichter ums Herz; sie wollte es sich zwar nicht eingestehen, aber ein bißchen graulte sie sich vor Vetter Bobby. Sie mochte die »ollen dämlichen Jungs« überhaupt nicht leiden, Karl Heinz natürlich ausgenommen. Und nun noch einen, der zwei Jahre älter war als sie! Es war recht gut, daß Bobby die Woche über in seiner Schule blieb und nur am Sonntag herauskam. Da sah sie ihn doch erst morgen! Sie hatte sich heute schon genug über die neuen Verwandten ärgern müssen.

Mäuschenstill ging es bei Tisch zu, gar nicht so lustig wie zu Hause, wo Hänschen und Fränzchen jede Lieblingsspeise mit einem Freudengeheul begrüßten, und klein Suschen jauchzend dazwischen krähte.

Leni begann mit einem Male laut und hell aufzulachen; es klang ordentlich seltsam in dem vornehm stillen Raum, in dem man nur das Klappern der Messer und Gabeln vernahm. Aller Augen wandten sich ihr zu, die der Tante Jane in geheimer Mißbilligung.

»Ach, Onkel,« rief Leni lustig, »du tranchierst ja den Braten! Das tut bei uns immer Mutting. Aber Schuster Hannemann im Dorf teilt auch das Mittagessen unter seine acht Gören, weil nämlich seine liebe Frau ganz schreckliches Reißen im Arm hat. Hast du auch vielleicht Reißen?« Teilnahmsvoll wandte sich Leni an die Tante.

Die hatte zum Glück Lenis etwas kräftiges Deutsch nicht verstanden, nur der Onkel schmunzelte in sich hinein.

»Nein, Lenchen, in England ist es Sitte, daß der Hausherr den Braten schneidet; nun sprich aber Englisch, daß dich die anderen auch verstehen.«

Leni schüttelte den Kopf. Ein seltsames Volk waren doch die Engländer! Wieviel komische Sitten sie heute schon kennen gelernt hatte! Was für Augen würde Karl Heinz machen, wenn sie ihm das alles erzählte!

Über diesen Gedanken an ihren guten Kameraden versank der mit englisch geradlinigen Möbeln ausgestattete Speisesaal, in dem selbst bei dieser vorgeschrittenen Jahreszeit ein lustiges Kaminfeuer flackerte, und das trauliche Familienzimmer auf dem Gut erstand vor Lenis Blick. Ehe sie sich's versah, hatte sie den Kompotteller an die Lippen gesetzt und machte es so, wie sie es stets zu Hause taten, trotzdem Mutting jedesmal schalt; sie schlürfte mit lautem Behagen die Soße ein.

Vier empörte Augenpaare richteten sich zu gleicher Zeit auf die vertiefte Leni.

» Shocking!« riefen Tante Jane und die Miß wie aus einem Munde; selbst der Onkel sagte mit leisem Tadel: »Aber Lenchen!« Nur Lizzie blieb stumm; ihr begann die Sache augenscheinlich Spaß zu machen.

»Ellen, geh hinauf in das Kinderzimmer; du mußt erst lernen, wie man sich beim Dinner benimmt,« gebot die Tante, die nichts mehr haßte als schlechtes Benehmen.

Leni, der ihre Sünde jetzt erst zum Bewußtsein gekommen war, erhob sich in glühendem Schamgefühl. Onkel Richard aber, neben dem sie saß, zog sie wieder auf ihren Platz.

»Jane, du darfst den Bogen nicht gleich zu straff spannen,« bat er gutmütig. »Lenchen ist ja noch jung und hier, um zu lernen; wo könnte sie wohl für alles, was ladylike ist, eine bessere Lehrmeisterin finden, als in dir.«

Tante Jane war versöhnt.

»Eins begreife ich aber nicht; wie kann ihre Mutter so etwas mit ansehen, wie kann deine Schwägerin das Mädchen nur so wild aufwachsen lassen, in solchen Kleidern herumlaufen und – – –«

»Schscht – Jane!« Onkel Richard legte ihr beschwichtigend die Hand auf die Schulter und winkte mit den Augen zu Leni hin. Die aber war bereits aufmerksam geworden.

Mißtrauisch hatte sie das Wort »Mutter« von Tante Janes Lippen vernommen; wenn sie auch nicht alles erfaßt hatte, fühlte sie doch heraus, daß die Tante ihrer Mutter einen Vorwurf wegen ihrer Erziehung machte.

»Du brauchst gar nicht so mit den Augen zu plinken, Onkel Richard; ich weiß, was die Tante meint. Aber Mutting kann nichts dafür, wenn ich die Kompottsoße austrinke; die hat es mir oft genug verboten. Mutting laß aus, Tante, die ist tausendmal besser als du, min leiw Mutting – – –!«

Heftiges Schluchzen unterbrach Lenis Worte; sie preßte die Serviette gegen die Augen.

»Na – na – Lenchen – Lenchen ... wer wird denn gleich so heftig sein – genau so ein kleiner Heißsporn, wie dein Vater früher war! Komm, bitte Tante Jane um Entschuldigung; sie meint es doch gut mit dir.«

Onkel Richard wollte sie zur Tante führen. Aber Leni hatte ihre »Nücken«, gerade so wie Vaters Reitfuchs; das hatte schon der alte Jürgens von ihr gesagt, als sie noch eine ganz kleine Dirn war. Wenn sie und der Fuchs nicht wollten, dann wollten sie eben nicht.

Heute, da man ihr liebes Mutting geschmäht hatte, brachte sie kein Mensch zu einer Abbitte. Sie machte sich von Onkels Hand frei, benutzte in der Annahme, sie habe ihr Taschentuch vor den Augen, zu Tante Janes neuem Entsetzen die Damastserviette für ihre Nase und eilte mit einem unverständlichen »Gesegnete Mahlzeit!« zur Tür hinaus.

Wo nun hin?

Nach Hause, nur heim, auf das Gut, zu dem lieben alten Haus, zu Vating und Mutting! Aber da lag ja das Meer dazwischen, das große Wasser und viele Meilen Landes noch obendrein! Leni zog das Portemonnaie heraus und überzählte ihre Barschaft. Damit kam sie nicht weit. Und was würde man wohl zu Hause sagen, wenn die Leni, die sich so auf die Reise nach England gefreut hatte, schon nach einer Woche wieder heimkam? Am Ende hieß es, die Verwandten hatten sie fortgeschickt! Nein, Lenis Selbstgefühl bäumte sich dagegen auf; solche Schande machte sie den Eltern nicht. Langsam schritt sie die Treppe empor zum Kinderzimmer.

Eigentlich – ganz unrecht hatte die Tante nicht, wenigstens mit dem Schlürfen. Leni war zu ehrlich, um sich das nicht einzugestehen. Und sehr erwachsen hatte sie sich heute auch nicht benommen, sondern wie ein richtiges Gör losgeheult!

Onkel und Tante waren ohne »Gute Nacht« fortgefahren; sie mußten wohl recht böse sein. Na, morgen wollte sie die Tante um Verzeihung bitten, aber über ihr Mutting durfte sie nie wieder schlecht sprechen!

Die Miß brachte ihr den Tee in das Kinderzimmer und half Lizzie, die wieder ihr abweisendes Gesicht aufgesetzt hatte, beim Ausziehen.

»Jetzt gibt es erst noch Tee?« fragte Leni gähnend. »Ja, wann soll ich denn da Abendbrot essen? Es ist doch bald Schlafenszeit!«

Sie war von all dem Neuen und von der Aufregung so müde, daß ihr die Augen fast zufielen.

»Abendbrot? Wir essen hier niemals Abendbrot, Ellen; aber wenn du noch nicht satt bist, kannst du ja ein paar Sandwiches zum Tee bekommen.«

Leni glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

»Sandwichse? Nein, danke, die esse ich nicht,« und trotzdem die Miß mehrmals versicherte, das seien ja Butterbrote mit Fleisch, verwahrte Leni sich hartnäckig gegen eine solche Zumutung. Sie wußte auch schon einen Ausweg, denn ohne Abendbrot ins Bett gehen, das konnte sie doch nicht, selbst wenn sie ganz satt war.

Ehe sie in das niedrige Messingbett schlüpfte, in dem bisher Mary geschlafen hatte, biß sie heimlich noch ein großes Stück von der Leberwurst ab, die ihr Dörthe mitgegeben hatte. Als sie dann den Kopf auf dem ungewohnten Roßhaarkissen – zu Hause hatte sie Federbetten gehabt – hin und her warf, und sich statt des Deckbetts die wollene Schlafdecke über die Ohren zog, da murmelte sie noch im Halbschlaf vor sich hin: »Also ich heiße jetzt Ellen Sursen und bin ein school-girl, aber ein Zieraff werd' ich darum noch lang nicht!«

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