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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Übers Meer.

Es war vier Wochen später; man schrieb den 15. Mai. Lenis Koffer stand gepackt.

Wie eine Prinzessin kam sie sich vor. Was mütterliche Liebe und Sorgfalt für ein Kind, das zum ersten Male aus dem heimischen Nest fliegt, zu ersinnen vermochte, war in den dickbauchigen braunen Familienkoffer gewandert, in dem einst Lenis Großmutter, die aus dem Holsteinischen stammte, ihr Hochzeitsgut eingebracht hatte. Lichte Kattunkleider für den Sommer, die Mutter mit Fräuleins Hilfe eigenhändig nach der neuesten Modezeitung geschneidert hatte, das Grünschottische für Sonn- und Feiertage, und das ehemalige braune Sonntagskleid, das man mit leuchtend blauen Blenden herausgeputzt und so in ein gar stattliches Schulkleid verwandelt hatte.

Lenis Hauptstolz aber war der Regenmantel.

»Den brauchst du. In London regnet es neun Monate im Jahr,« hatte die Mutter behauptet und Vaters alten graugrünen Lodenmantel gewendet, der auf der Innenseite noch gar nicht verschossen war; das gab einen prächtigen Mantel für die Leni.

Acht blanke Goldknöpfe opferte Mutting auch noch dazu, und daß er stark auf Zuwachs berechnet war, schadete durchaus nichts, im Gegenteil, da sah doch gleich jedermann, daß sie ein richtiger Backfisch war.

Dann die niedlichen Schürzchen, alle mit Schleifen und Spitzen, aber auch derbe große Wirtschaftsschürzen, denn für ein tüchtiges Mädel gibt es überall im Hause etwas zuzugreifen.

Nun kamen die Kunsterzeugnisse des braven Schusters Hannemann drunten aus dem Dorf an die Reihe. Erst ein Paar dicke schwere Stiefel für schlechtes Wetter, dann feste Halbschuhe – für leichte Arbeit war Schuster Hannemann nun mal nicht – und schließlich noch ein Paar Sonntagsstiefel. Die hatte er, um doch auch noch ein übriges für das »arme Frölen Lening, dat von sin liwlichen Öllern utgesetzt ward«, zu tun, mit Lackspitzen versehen. Aber »so 'n Lack, de nich up de Elsterogen brannt«!

Immer neue Herrlichkeiten schluckte der alte Koffer. Leni war bange, daß nicht alles hineingehen würde; doch Mutter verstand auch das kleinste Plätzchen zu nützen. Schließlich durfte Leni sogar die Abschiedsgaben der Geschwister, die ihr noch alle etwas Liebes antun wollten, obenauf packen. Hänschen brachte einen Kasten geköpfter Bleisoldaten, Fränzchen seinen Lieblingsholzgaul ohne Schwanz, und selbst klein Suschen streckte mit lallendem »da« ihre naßgelutschte Gummipuppe hin. Nur das Abschiedsgeschenk von Karl Heinz wurde von der Mutter mit lebhaftem Protest zurückgewiesen. »Säutsnut«, Karl Heinz' Lieblingskarnickel, das er in einem Korb angeschleppt brachte, um es Leni als Reisegenossen mitzugeben, wurde, trotzdem er sich eifrig erbot, Luftlöcher in den Deckel zu bohren, aus dem Familienkoffer verbannt.

»Laß nur, Leni,« tröstete Karl Heinz sich selbst und die Schwester, die noch einmal abschiednehmend über die väterliche Scholle sprang, »Säutsnut soll doch mit; ich habe einen famosen Plan. Dann hast du doch wenigstens einen Landsmann in der Fremde.«

»Karling, ich schicke dir auch die feinsten Marken her, sollst mal sehen,« versicherte Leni, die ihr Herz heute von Liebe gegen ihre Angehörigen überfließen fühlte. »Und was soll ich euch mitbringen, ihr Lütten?« Sie wandte sich zu den Zwillingen zurück, die sich mit Cäsar um die Wette kugelten. Alle gaben sie Leni noch das Geleit.

»Englisches Heftpflaster,« verlangte Fränzchen ohne Besinnen, aber Hänschen, der das gefräßige Element der Familie Sürsen vertrat, überschrie ihn: »Nee, lieber englisches Roastbeef!«

»Du bekommst auch etwas, Cäsar, eine große Wurst,« versprach Leni, die treue Dogge zwischen den Ohren krauend und zärtlich streichelnd.

Cäsar bellte erfreut und sprang um sie herum.

»Wo gehen wir erst hin, Leni, in unseren Turm oder auf den Windmühlenberg?« erkundigte sich Karl Heinz.

Leni schüttelte den Kopf.

»Ich muß noch ins Dorf. Bei Tante Kantor ist jetzt gerade Kindergarten, wo ich immer so gern geholfen habe; den Gören muß ich doch auch noch Adjüs sagen. Und Bäcker Pichermann, und Schuster Hannemann und oll Struwenschen, der ich jede Woche die Krankensuppe hingetragen habe, und allen ...« ihre Stimme schwankte bedenklich.

»Snak, Leni, wer wird denn heulen! Meinst woll, weil du von der Waterkant her bist?« sagte der Bruder, um Lenis Abschiedstimmung scherzend zu zerstreuen. »Sieh nur, wie der Weizenschlag hier in den letzten paar Tagen in die Halme geschossen ist!«

»Ja – und wenn der Weizen gelb ist, bin ich weit fort, und wenn er geschnitten und eingefahren wird, bin ich auch nicht da – auch nicht beim Erntefest!«

Es war heute mit der Leni, sonst ein solch lustiger Kamerad, nichts anzufangen. Sie befand sich in »klüteriger Transtimmung«, nach Karl Heinz' Aussage.

Und dann legte der alte Herr Kantor ihr die Hand auf das Haupt und sprach die Worte: »Kind, nicht darauf kommt es an, wo du deine Pflicht tust, sondern nur wie du sie erfüllst!« Tante Kantor aber zog sie mütterlich ans Herz und schnitt ihr noch einen großen Strauß von dem weißen Flieder, der so duftete, wie kein anderer in der ganzen Welt.

Stining, Phining, Trining und lütt Mariken, die bei Tante Kantor im Kindergarten waren, streckten ihr die dicken, roten Patschhändchen entgegen; Fritzing und Körling mußten noch geschwind das Näschen gewischt bekommen, und Lowising eine ausgerissene Masche an dem schwarzgrauen Strickzeug aufgenommen werden.

Jetzt schritt Leni durch die Dorfstraße. Aus allen Fenstern nickte und winkte es: »Adjüs, adjüs ok, lütt Frölen, kummen Sei ok wedder!« Und Schuster Hannemann stieß das kleine Fenster an der Werkstatt auf, und Büdner Swart, der am Dach seines Schweinestalls die Holzbohlen ausbesserte, rief von oben herunter: »Bliwen Sei ok gesund – adjüs – adjüs ok!«

Nun noch schnell in den alten, viereckigen Turm, der den Seitenflügel des Gutshauses krönte, und der Lenis schönste Kinderspiele gesehen hatte! Dort hatte sie mit Karl Heinz Verstecken gespielt; in dem Turmstübchen, in dem man altes Gerümpel aufbewahrte, hatte sie als verwunschene Prinzessin gefangen gesessen, die ein furchtbarer Drache – diese Rolle fiel stets dem braven Cäsar zu – bewachte. Und Karl Heinz, der schöne Königssohn, hatte sie befreit. Robinson war dort gespielt worden, und der Kampf um Rom hatte gegen die alten Mauern getobt. Karl Heinz umlagerte bald als Totila, bald als Teja mit seiner Streitmacht den niedrigen Turm, den Leni bis aufs äußerste verteidigte. Jetzt stand sie nun zum letzten Male in dem von Märchen und Sagen belebten Raum, aus dem die Kinderphantasie ein Wunderland geschaffen hatte.

Auch auf den Windmühlenberg ging es noch im Sturmschritt. Dort legte sie die Hand über die Augen, bis sie gen Norden ganz am Horizont einen schmalen weißlichgrauen Streif entdeckte; das war das Meer, das man von hier aus sehen konnte, und das sie bald auf seinen Wasserarmen schaukeln würde. Sie blickte in die Runde, von den Getreidefeldern, auf denen zum Teil noch fleißig geeggt wurde, zu den im zartesten Gelbgrün prangenden Buchen- und Eichenwäldern, die das Dorf umkränzten, und dann wieder zurück zu dem lieben alten Haus, auf dem der Wetterhahn lustig in der Maisonne blitzte. Und unhörbar flüsterte auch sie: »Adjüs – adjüs auch!«

Pferde-, Rinder-, Schweine- und Kaninchenställe, Hühnerhof, Ententümpel und Taubenschlag wurden noch einmal besucht. Jetzt endlich stand Leni fix und fertig mit dem neuen Regenmantel, der fast bis auf die Füße herabhing, und dem schwarzen Hut, den ein Kranz von Feldblumen zierte, am Gartentor.

Soeben fuhr die große, viersitzige Kalesche vor, der »Affenkasten«, wie Vater sie nannte. Der Familienkoffer wurde aufgeladen, und »macht's kurz!« rief Vater, als Mutting ihre »olle Dirn« noch immer nicht aus den Armen lassen wollte.

»Du, Leni,« – Karl Heinz drängte die Schwester ein wenig abseits – »du hast doch Gummiband in deinen weiten Ärmeln; fix, zieh mal auseinander!« Ehe sich's Leni versah, hatte Karl Heinz in ihren rechten Regenmantelärmel Säutsnut eingeschmuggelt, und in den linken stopfte er ihr noch so viel Kaninchenfutter, als überhaupt hineingehen wollte.

Dann saß sie im Wagen. Jürgens knallte mit der Peitsche, Hänschen und Fränzchen johlten, Cäsar umsprang bellend die Kalesche, Fräulein ließ klein Suschen tanzen, die alte Dörthe trocknete sich mit dem Schürzenzipfel die Tränen von dem runzligen Gesicht, und Mutting lächelte mit schwimmenden Augen: »Adjüs – adjüs, mein Lüttes! Bleib gesund!«

Der »Affenkasten« rasselte davon.

Drinnen ging es gar schweigsam zu. Brummend hatte Vater zuerst Lenis Wangen gestreichelt, als sie sich mit einem unterdrückten Aufschluchzen in die Wagenpolster zurücklehnte, und sie mit barscher Stimme, der man die verhaltene Liebe anmerkte, getröstet: »Dirn, für Rührkartoffeln dank' ich! Wer wird denn gleich flennen? Ein Jahr vergeht ja schnell. Wie lang wird's dauern, dann haben wir den Roggen herein, und wenn erst die Kartoffeln gehackt sind, dann kommt auch bald wieder die Wintersaat; na ja – hm – und dann bist du auch wieder da. Na also!«

Leni erwiderte kein Wort. Mäuschenstill saß sie da, mit angehaltenem Atem, denn Säutsnut begann sich in ihrem Ärmel unbehaglich zu fühlen und verlangte Bewegungsfreiheit. Daß er sich nur nicht verriet, ehe sie in der Bahn saßen! Unweigerlich wurde er sonst mit Jürgens zurückgeschickt. Das war wirklich eine aufregende Fahrt!

Nicht nur der Mensch gewöhnt sich an alles, sondern sogar das unvernünftige Vieh. Säutsnut sah ein, daß ihm sein rebellisches Zappeln nichts half, und gab als Klügerer nach. Er hielt es für das Geratenste, inzwischen in der warmen dunklen Behausung ein kleines Mittagschläfchen zu machen.

Nun war auch das letzte Händeschütteln mit dem alten, treuen Jürgens vorüber, und abgespannt von all der Aufregung der Abschiedstunden, lehnte Leni stumm in ihrer Waggonecke. Die Mitreisenden hatte sie zur Genüge betrachtet. Die alte Dame, die aufrecht und steif ihr gegenübersaß, war ebenso vornehm als unliebenswürdig; sie hatte Lenis freundlichen Gruß kaum mit einem Kopfnicken erwidert. Das junge Mädchen neben ihr, wohl ihre Gesellschafterin, wagte nicht die Augen zu heben. Das Schlipsmuster des dicken alten Herrn jenen gegenüber, der eifrig das Kursbuch studierte, kannte Leni nun schon auswendig. Auch die Gegend draußen war eintönig und für das Landkind nicht besonders interessant. Wiesen mit schnatternden Gänsen und barfüßigen kleinen Hirten, seltsame Vogelscheuchen auf grünenden Feldern, und hin und wieder saubere Bauernhäuser, aus deren Schornstein der Rauch kerzengerade in die blaue Luft stieg.

»Es ist Mittag,« unterbrach Leni endlich das Schweigen; ihr Magen begann vernehmlich zu knurren.

Vater lächelte; daran erkannte er sein vernünftiges Mädel. Auch beim schmerzlichsten Abschiedsweh vergaß sie nicht, was Leib und Seele zusammenhält!

Er langte in die Handtasche und begann, trotzdem sich die alte vornehme Dame mit sichtbarer Mißbilligung in die äußerste Ecke zurückzog, ein leckeres Mahl aufzutischen.

»Ach – Früherdbeeren von Muttings selbstgezogenen! Die gute Mutter!« rief Leni gerührt, und mit feuchten Augen stopfte sie die letzten Liebesgaben der Mutter in den Mund.

Aber noch einem Mitreisenden schien es plötzlich einzufallen, daß es nun wohl Mittagszeit sei. Säutsnut war wieder zum Leben erwacht. Er hatte die Dunkelhaft nun endlich satt; auch machte ihn das ungewohnte Rütteln und Schütteln der Eisenbahn fast seekrank, und er wünschte, der Ursache dieses eigentümlichen Rasselns auf den Grund zu kommen. Oder lockte ihn der herrliche Duft von Muttings Erdbeeren? Kurzum, ein rosenrotes Schnäuzchen bohrte sich plötzlich neugierig aus dem Regenmantelärmel. Leni war in ihre Schinkensemmel so vertieft, daß sie von Säutsnuts abenteuerlichen Plänen nichts merkte. Erst als dem fürwitzigen Schnäuzchen ein weicher Kopf mit wackelnden Ohren folgte und das Gummiband, das den bauschigen Ärmel zusammenhielt, mit Kraft auseinandergeschnellt wurde, erwachte Lenis Aufmerksamkeit.

Vater Sürsen brachte das Karnickel in seinem Hute unter.

Zu spät! Säutsnut hatte bereits mit seinem kühnsten Karnickelsprung den Schoß der vornehmen Reisenden gegenüber erreicht, und unbekümmert um das entsetzte Kreischen der ehrwürdigen Dame, seinen Forschungstrieb auch auf den Platz neben ihr ausgedehnt. Dort saß er nun seelenvergnügt und begann, sie grünen Gräser anzuknabbern, womit der Hut der alten Dame geziert war.

Da aber ereilte ihn das Verhängnis, und zwar in der Gestalt Vater Sürsens, der ihn mit kräftiger Hand im Genick packte, tüchtig schüttelte und dann in dem eigenen Hut unterbrachte.

Vaters höfliche Entschuldigung wurde von der Fremden mit eisiger Zurückhaltung beantwortet; auch Lenis schüchtern hervorgestoßene Bitte um Verzeihung fand keinen Anklang, Empört hatte sich die Dame den Hut wieder aufgesetzt, während der dicke Herr auf der anderen Seite hinter seinem Kursbuch laut vor Lachen prustete.

Auch um des Vaters Lippen zuckte es. Zuerst wollte er Leni den Standpunkt klarmachen, doch als er ihr zerknirschtes Gesicht sah, womit sie ihrem Mitschuldigen Säutsnut von dem Kaninchenfutter aus der Vorratskammer des linken Regenmantelärmels reichte, und mit welcher Gemütsruhe der kleine Missetäter es sich schmecken ließ, gewann die Komik der Situation bei ihm wieder die Oberhand. Er drohte ihr zwar: »Dirn, paß auf! Wenn du mir noch einmal einen solchen Streich machst, dann heißt es linksumkehrt und zurück ins Nest!« Aber Leni sah an dem lustigen Zwinkern seines linken Auges, daß Vating nicht gar zu böse war.

Freilich, mit Säutsnut war das eine schlimme Sache, als man nun den Hamburger Bahnhof erreicht; er wollte durchaus nicht wieder in Lenis Mantelärmel Quartier nehmen. Trotz ihres Bittens und Bettelns, und trotz Vaters nachdrücklicheren Wünschen, beharrte Säutsnut steif und fest bei seinem Starrkopf. Vating mußte sich dazu bequemen, dem Karnickel seinen neuen schönen Hut zu überlassen und so seinen Einzug in die alte Patrizierstadt zu halten. Sie mochten wohl einen sonderbaren Anblick gewähren, die hohe, vierschrötige Gestalt des Landwirts mit dem sonnengebräunten Gesicht ohne Kopfbedeckung, und das Backfischlein neben ihm in dem langen Mantel, das ängstlich Vaters Hut, aus dem lange Kaninchenohren lugten, gegen die Brust gepreßt hielt. Die Vorübergehenden lächelten und schauten sich nach ihnen um. Ja, der Portier des Hotels, der in seiner prächtigen Livree so riesig vornehm aussah, daß Leni vor Ehrfurcht ganz in sich hineinkroch, begann erst zu dienern, als er wirklich die Gewißheit hatte, er sehe Herrn Sürsen von Nedderdorf, der Zimmer bestellt hatte, vor sich.

Säutsnut wurde bei dem freundlichen Stubenmädchen mit dem zierlichen Hamburger Häubchen in Pension gegeben. Nachdem dann Leni noch einmal ihren Defregger-Zopfkranz fest um den Kopf gesteckt, die Hände gewaschen, und in dem großen Pfeilerspiegel mit Genugtuung festgestellt hatte, daß sie der neue Mantel mindestens um drei Jahre älter mache, ging es nach dem Alsterpavillon. Hier wollte der Onkel, der mit Marie bei Verwandten seiner Frau wohnte, den Bruder treffen.

Lenis Herz klopfte zum Zerspringen, als nun der langersehnte Augenblick der Bekanntschaft mit Cousine Marie immer näher rückte. Wie mochte sie wohl ausschauen?

Ängstlich klammerte sie sich trotz ihrer Backfischwürde an Vaters Hand. Die vielen vorüberhastenden Menschen, die himmelhohen Häuser, klingelnde elektrische Bahnen, sausende Automobile und tutende Dampfschiffe, die den Verkehr auf der Alster unterhielten, machten ihr den Kopf ganz wüst. Das ging ja hier auf dem Jungfernstieg noch schlimmer zu als zum Rostocker Pferdemarkt!

»Man tau, Leni,« ermunterte sie der Vater, als er ihr Zögern und ihre Benommenheit merkte, »is ja 'n beten starker Toback für so 'n Gänschen vom Lande, aber bange machen gilt nicht!«

Von goldenem Lenzsonnenschein eingesponnen lag der Alsterpavillon, das Schmuckkästchen der ehrwürdigen Hansastadt, vor Lenis erstaunten Blicken. Lachende, schwatzende und trinkende Menschen in funkelnagelneuen Frühjahrskostümen scharten sich um die runden Tischchen.

»Waldemar!« rief es aus einer Ecke, und »Richard, min oll leiw Jung!« tönte es in dröhnendem Baß aus Vaters Munde zurück, daß man von allen Tischen neugierig aufguckte. Da sah man, wie zwei hochgewachsene Männer sich die Hände schüttelten, wie die rauhe, verarbeitete Hand des Älteren sanft und zärtlich die vom englischen Backenbart umrahmte Wange des Jüngeren, eleganter Gekleideten klopfte, und wie sie sich immer wieder in die hellen blauen Augen blickten, in denen für jeden von ihnen die entschwundene Jugendzeit auftauchte.

Leni aber erblickte nichts von alledem. Die sah nur ein überschlankes, hochaufgeschossenes Mädel im kurzen blauen Matrosenkleid, auf dem lichtblonden offenen Haar, das nur im Nacken von einer schwarzen Seidenschleife gehalten wurde, die englische Matrosenmütze.

Peinlich errötend starrte die junge Engländerin auf die nun ebenfalls erglühende Leni. Als aber Lenis Vater mit einem herzlichen »Und das ist wohl meine Nichte Mariechen? Willkommen, mein' Dirn!« die Arme nach ihr ausbreitete, blieb sie steif wie angenagelt stehen und sagte nur mit einem wohlerzogenen Knicks: » O yes – I am Mary Sursen.«

»Sprich Deutsch, Mary,« gebot Onkel Richard, dem Leni ungestüm an den Hals geflogen war. »Siehst du, hier ist deine Cousine Lenchen. So, ihr Mädel, nun könnt ihr euch miteinander anfreunden; wir Alten haben uns genug zu erzählen.« Damit nahmen sie alle vier an einem der Tische Platz.

Vorläufig ging es aber bei den Alten noch bedeutend lebhafter zu als bei den Jungen. Stumm saßen die beiden Backfischlein nebeneinander; scheu streifte Leni Marys reizendes bleiches Gesicht, in dem die wasserblauen Augen gar kühl und überlegen den Anzug der neuen Cousine musterten. Wieder errötete Leni heiß unter diesem prüfenden Blick. Das war also Cousine Marie, auf die sie sich so lange gefreut hatte?

Mary, die weltgewandtere von den beiden, sah ein, daß es notwendig war, ein Gespräch anzubahnen.

»Wie gefällt es Sie hier in Hamburg? I think it zu sein very nice,« begann sie in gebrochenem Deutsch.

Leni schoß das Blut zu Kopf. »Sie!« »Sie« nannte sie die neue Cousine? Leni, die sonst darauf brannte, von jedem mit »Sie« angeredet zu werden, fühlte, wie ihr die Tränen aufstiegen. Sie kam sich dem viel jünger aussehenden Mädchen gegenüber gar zu unbedeutend vor, fast einfältig; aber »Sie« ließ sie sich doch nicht von ihr nennen.

»Ich bin keine ›Sie‹, ich bin ›Du‹ für dich,« stieß sie mit gepreßter Stimme heraus.

»Nanu, Leni?« Der Vater wurde aufmerksam. »Was ist denn dir in die Krone gefahren?«

»Vating – sie sagt ›Sie‹!« Die Tränen erschienen jetzt doch verräterisch in Lenis Augen.

»Was? Da soll doch –! Miezeken, du hast ja wohl, was man bei uns zu Lande so 'n kleinen ›Lüttiti‹ nennt? Cousinen duzen sich,« polterte Lenis Vater dazwischen.

Aber lachend legte sich Richard ins Mittel.

»Waldemar, Mary meint es nicht bös. Sie kennt es von ihrer Muttersprache her nicht anders; ihre deutschen Kenntnisse liegen noch recht im argen. Meine Frau ist Stockengländerin, und in unserem Hause wird nur Englisch gesprochen. Na – die deutsche Sprache wird sie bei euch ja bald lernen.«

»Das sollst du, Miezeken,« sagte Onkel Waldemar jetzt wieder begütigend, »und wenn du sonst Lust hast, ein ehrliches Mecklenburger Plattdütsch dazu! Auch tüchtig herausfuttern wollen wir dich, du spillerige Dirn; jeden Tag einen Liter frische Milch, was, Miezeken?«

Einen ganzen Liter Milch? Brr! Mary schüttelte sich förmlich. Und wie gräßlich sie der Onkel immer nannte! Sie setzte sich kerzengerade auf.

»Ich heiße Mary, dear Onkel, Mary Sursen,« sagte sie mit ruhiger Stimme.

»Bei uns in Deutschland sagt man eben anders,« brummte Onkel Waldemar. Das war ja ein greulicher Zieraffe! Am liebsten – na, aber sie war doch die Tochter seines Richard!

Leni, der ihr vorheriges Aufbrausen leid tat, legte jetzt ihre kleine rote Hand freundlich auf Marys weiße Finger.

»Es wird dir auf unserem Gut schon gefallen, Mary; es ist so schön bei uns, o so schön!« Sie schaute sehnsüchtig in die Ferne.

Mary beschäftigte sich angelegentlich mit ihrer Eisschokolade. Sie dachte eben daran, was wohl die elegante Mama zu diesem bäurischen Landpomeränzchen sagen würde, und Bruder Bobby, ach, wie würde der lachen!

Da wandte sich auch Leni ihrer Eisschokolade zu. Wenn sie nur gewußt hätte, was für eine Bewandtnis es mit den beiden langen Strohhalmen hatte, die aus dem Glase schauten! Ob die Leute hier in der Stadt Stroh zur Schokolade aßen? Sie blickte auf Mary; richtig, Mary hatte bereits den einen Strohhalm im Munde.

Widerwillig begann auch Leni nun an dem ihrigen zu kauen; es schmeckte gräßlich. Damit es besser hinuntergehe, nahm sie immer abwechselnd einen Löffel Eisschokolade und ein Stückchen Stroh.

»Na, Lenchen, das rutscht, was, du Süßschnabel?« fragte Onkel Richard freundlich.

»Ach, Onkel« – Leni schüttelte eifrig den Kopf – »die Schokolade ist ja recht gut, aber das Stroh dazu – bei uns auf dem Hof brauchen es nur die braune Lise, Hans und Peter zu fressen, klein geschnitten und mit Hafer vermischt; das nennt man dann Häcksel. Aber ich bin doch kein Ackergaul!« Sie schob die Eisschokolade verächtlich fort.

»Lenchen!« Der Onkel lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen rollten, und auch Vating stimmte in sein Gelächter ein; selbst Mary lachte, trotzdem sie nur die Hälfte verstanden hatte. »Lenchen, du bist ja ein Prachtmädel! Komm, die Strohhalme, durch die man die Schokolade emporzieht, tun wir heraus, so – und nun nimmst du den Löffel, Stroh brauchst du selbst in der Stadt nicht zu essen.«

Leni schielte seitwärts auf Mary; die machte schon wieder so spöttische Augen wie vorhin. Die Schokolade mundete Leni jetzt erst recht nicht.

Aber als man dann durch das im herrlichsten Maigrün prangende Hamburg zog, um die Stadt zu besichtigen, und als Mary die erste Verlegenheit wegen Lenis » dreadful dress« und wegen des gräßlichen Blumenhutes, an dem sich eine Herde Kühe satt fressen konnte, endlich überwunden hatte, kamen sich auch die ungleichen Cousinen ein wenig näher.

Lenis ursprüngliche Freude an all dem Schönen, was sie sah, wirkte ansteckend auf die ruhigere Mary, und – alle Achtung! – von Bäumen und Blumen verstand die Leni etwas. Freilich, das fand Mary wieder höchst ungebildet, daß sie die prächtigen Magnolienbäume, welche die vornehmen Villen an der Harvestehuder Chaussee umbuschten, einfach »Tulpenbäume« nannte. Und loszuschreien brauchte sie auch nicht, als die beiden Neger vorübergingen; die hatte doch wahrhaftig in ihrem Leben noch nie einen Mohren gesehen!

Aber dazwischen war Leni wieder so natürlich und drollig, und ihre Verwunderung über die großen Karren mit Ananas und Bananen, die zum Verkauf auf der Straße hielten, und über die schön geputzten Vierländerinnen, die Veilchensträuße feilboten, war so echt, daß Mary sich ihr gegenüber um Jahre älter vorkam. Das ist natürlich immer ein höchst wohltuendes Gefühl, wenn man die Vierzehn noch nicht überschritten hat.

Doch als sie abends ein Boot nahmen und auf der silberig flimmernden Alster, die mit Nachen besät war, nach Uhlenhorst zum Militärkonzert hinausruderten, zeigte es sich, daß auch Leni der Cousine zu imponieren verstand. Ihre kleinen Hände führten so geschickt und kräftig das Ruder, daß Onkel Richard ihres Lobes voll war.

»Siehst du, Mary, solche Muskeln mußt du dir auch anschaffen; nimm dir ein Beispiel an Lenchen,« sagte er.

Mary aber dachte nicht an Muskeln; mit angstvollen Augen saß sie auf ihrem Platz und klammerte sich furchtsam an den Vater. Wenn Leni sie nur nicht umwarf oder in einen der großen Dampfer hineinfuhr! Sie wurde der Fahrt nicht froh.

» Bless me – die Schiff geht unter,« rief sie voller Entsetzen, sobald der Wind das Boot seitwärts trieb.

»Du Banghase,« antwortete Leni lachend, und übermütig bespritzte sie mit dem Ruder die wasserscheue Cousine.

Noch im letzten Augenblick, ehe es am nächsten Tage an Bord ging, litt das jetzt ziemlich gute Einvernehmen zwischen den beiden Backfischchen arg Schiffbruch.

Leni hatte sich in dem Hafengewühl schüchtern an Marys Arm gehängt. Das kribbelte und krabbelte ja beim Ein- und Ausladen der Schiffe wie in einem Ameisenhaufen durcheinander! Diese Riesenkräne, die wie große Elefantenrüssel schwere Fässer und Ballen in die Speicher beförderten, und die vielen hohen Schiffe, die richtige Wasserstraßen bildeten, die waren ja noch höher als ihr alter Turm daheim an der Waterkant! Und in einem dieser schwimmenden Häuser sollte auch sie die weite Reise übers Meer antreten?

Fest preßte sie Marys Arm.

» I don't like that!« Unsanft schüttelte Mary sie ab, denn sie begann sich unter den elegant gekleideten Reisenden wieder des Aussehens ihrer Begleiterin zu schämen. » Why tust du haben deine Mantel so lang und weit?« fragte sie ärgerlich.

Leni schaute betroffen an sich hinunter.

»Ich werde schon hineinwachsen,« tröstete sie die Cousine, »aber findest du ihn denn nicht schön?« Sie war so stolz auf ihren neuen Regenmantel!

» Dreadful – horrible indeed,« antwortete Mary verächtlich.

»Mary?!« Leni sah die Cousine mit entsetzten Augen an. »Den hat ja Mutting selbst genäht, mein liebes Mutting!«

Mary zuckte die Achsel. Natürlich, wenn ihn nicht einmal ein Schneider gemacht hatte, dann mußte er ja auch so häßlich sein. Sie verstand Lenis Schmerz nicht.

Aber Leni hatte jetzt keine Zeit mehr, ihrer Enttäuschung nachzuhängen. Ringsum sah man Händeschütteln und Umarmungen; nun war's so weit. Immer wieder schmiegte sie sich an Vaters Brust, der seiner Ältesten zärtlich die Wange klopfte.

»Zähne zusammenbeißen! Du bist meine alte tapfere Dirn! So – und nun noch einen letzten Kuß, den bring' ich Mutting mit! So, so – und nun adjüs, mein Döchting!«

Leni stand an Onkel Richards Hand hinter dem Eisengitter hoch oben auf Deck, und nur noch die schmale Schiffsbrücke verband sie mit Vating, der drüben am Ufer neben Mary mit dem Hut winkte.

Da zog auch Leni das Taschentuch.

» Good-bye, farewell!« rief Mary, die den Abschied von ihrem Vater ruhiger hinnahm.

Lenis weißes Tuch wehte noch immer, als das Schiff schon langsam elbabwärts glitt. Bald aber konnte sie Vating durch den dichten Tränenschleier, der sich vor ihre Augen legte, nicht mehr erkennen. Und als sie den Kopf von Onkel Richards Brust, an die sie sich in ihrem ersten Weh geflüchtet hatte, endlich wieder hob, da grüßten schon die verstreuten Häuschen am bergigen Uferhang von Blankenese in lachender Heiterkeit herüber. Dann kam Cuxhaven und die offene See.

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