Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Else Ury >

Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
Schließen

Navigation:

Ein inhaltsvoller Brief.

Leni reckte ihre kleine, etwas untersetzte Gestalt wichtig in die Höhe.

»Mutting, siehst du mir gar nichts an?«

Die Mutter ließ die leise summende Kaffeemaschine einen Augenblick außer acht und wandte sich lächelnd mit prüfendem Blick ihrem erwartungsvollen Töchterchen zu.

»Hm – ich sehe da eine Sicherheitsnadel statt eines Knopfes an der Schürze, dann einen Tintenfleck am Finger und – – –«

»Du siehst wirklich alles! Aber – Mutting, das meine ich doch gar nicht!«

Ungestüm flog Leni auf die Mutter zu, daß die Kaffeetassen bedenklich zu klirren begannen, und der Vater mit einem »Na – du Gör« schmunzelnd von seiner landwirtschaftlichen Zeitung aufblickte.

»Halt, Vating – von heute ab darfst du nicht mehr ›Gör‹ zu mir sagen, denn heute – na, wißt ihr's wirklich nicht? Heute bin ich ja ein richtiger Backfisch! Vierzehn Jahr' und sieben Wochen, es stimmt genau, hurra!«

Damit drehte sich Leni ein halbdutzendmal um ihre eigene Achse, bis die Mutter mit einem festen Griff dieser wirbligen Freude ein Ende bereitete.

»Mädel, du machst einen ja ganz schwindlig! Wenn du von heute an wirklich in die würdige Altersstufe der Backfische eingereiht sein willst, dann hast du doch auch zum mindesten die Pflicht, dich danach zu benehmen.« Mutters Blick, der mit stolzer Freude an der blühenden Ältesten hing, strafte die ernst klingenden Worte Lügen. Leni wußte schon, wie sie gemeint waren.

»Erbpächters Lising hat eine richtige Kaffeegesellschaft gegeben an dem Tage, da sie vierzehn Jahr' und sieben Wochen alt wurde,« berichtete Leni eifrig weiter, »mit Kuchen und Schlagsahne! Mutting, darf die Mamsell nicht auch heute mir zu Ehren Waffeln backen? Ach ja, bitte, bitte!«

»Meinetwegen, du Naschkatze!« Die Mutter machte sich lachend aus Lenis Umarmung los.

»Und jetzt darf auch Onkel Felix mich nie mehr mit dem gräßlichen Namen ›Schmaltierchen‹ uzen, und Dörthe und der alte Jürgens müßten nun eigentlich ›Sie‹ zu mir sagen und – – –«

»Ja, ja, wir sagen alle ›Sie‹, aber für jetzt, Fräulein Backfisch, laufen Sie mal der zweibeinigen Post entgegen! Ich sehe den alten Grawert eben dort um das Rapsfeld biegen. Hü – hopp – allons!«

Der Vater schnalzte scherzhaft mit der Zunge, womit er sonst seiner großen Dogge rief, und Leni setzte sich, die täppischen Sprünge Cäsars nachahmend, in Trab.

»Du machst mir das Mädel noch wilder, als es schon ist, Alter!«

Mit einem Seufzer schob Frau Sürsen ihrem Gatten die Tasse mit dem duftenden Mokka zu.

»Laß gut sein, Mutting!« Zärtlich streichelte Lenis Vater die kräftige, gebräunte Frauenhand. »Ich bilde nur das notwendige Gegengewicht zu deinem allzu stark ausgeprägten Bildungs- und Wirtschaftssinn. Laß die Dirn, wie sie ist: frisch, fröhlich und gesund an Körper und Geist. Gehorchen muß sie, das ist das einzige; aber sonst – ich pfeife auf all das Getue und Geziere! Das lernen die Mädel noch früh genug – leider!«

»Nun, etwas mehr von der Kultur beleckt dürfte die Leni wohl sein! Jeden Getreideschlag kennen und auf ungesattelten Ackergäulen einherjagen, das genügt heutzutage nicht für ein junges, gebildetes Mädchen. Gretchen Leonhard auf Butenhagen ist viel – – –«

»Ach was, der Zieraff'! Ich halte unsere Leni für ein ganz prächtiges Kerlchen!«

»Kerlchen? Siehst du, Waldemar, da sagst du's ja selbst! Kerlchen – ist das etwa ein Ehrentitel für eine angehende junge Dame?«

»Na, für einen bleichsüchtigen Jammerlappen danke ich, Mutting. Leni ist ja dein Ebenbild; laß sie nur so werden, wie du bist, dann wird sie gut!«

Der Gegenstand der elterlichen Auseinandersetzung, die Leni, hatte inzwischen dem alten Landbriefträger mit einem aufmunternden: »Na, oll Grawert, wat makt de vertrakte Gicht?« die Postsachen abgenommen. Dann mußte sie noch einen Augenblick im Hof beim Aufladen des Dungs zuschauen, der gelbweißen Schecke freundschaftlich eins auf die Flanken versetzen, Hänschen und Fränzchen, die sechsjährigen Verbündeten, von einer tollen Hühnerjagd zurückholen und Mamsell einen eindringlichen Wink wegen der Backfischwaffeln geben. Immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, erschien sie endlich wieder mit heißen Wangen in dem kleinen gemütlichen Jagdzimmer, in dem man den Morgenkaffee einzunehmen pflegte.

»Vating, aus London ein Brief von Onkel Richard, die Marke muß ich für Karl Heinz aufbewahren.« Damit schwenkte Leni ein umfangreiches Schreiben in der Luft herum.

»Es wird auch Zeit, daß der Jung' mal wieder was von sich hören läßt,« sagte schmunzelnd der Vater, legte aber doch aus alter Gewohnheit den Brief seines Bruders zur Seite, um erst sämtliche beruflichen und amtlichen Schreiben durchzusehen.

Leni stand wie auf Kohlen. Die große altmodische Standuhr in der Ecke, die mit ihrem dünnen, hellen Schlage bereits die dritte Generation der Sürsen durch das Leben begleitete, zeigte beinahe schon die achte Stunde. Seit geraumer Zeit war Karl Heinz mit seiner Mappe schon ins Dorf gezogen. Der Herr Kantor, bei dem Leni mit dem um ein Jahr jüngeren Bruder in Deutsch, Rechnen, Geographie, Geschichte und Religion gemeinsamen Unterricht erhielt, verstand in bezug auf Pünktlichkeit keinen Spaß. Noch zwanzig Minuten fehlten; Leni trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Selbst das Nesthäkchen Suschen, das ihr jetzt lustig vom Arm der Mutter entgegenkrähte und von Leni vergöttert wurde, bekam nur ein ziemlich gleichgültiges »Mum – mum – kiek – kiek« zu hören.

Ob sie kommen würde? Darin gipfelte augenblicklich Lenis ganzes Interesse. Seit dem Augenblick, da an Cousine Marie, die gerade wie sie selbst vor vierzehn Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, die Einladung von den Eltern für die Zeit der Sommerferien abgegangen war, hatte Leni im Verein mit Karl Heinz jeden Tag neue Pläne zur Belustigung der fremden Verwandten geschmiedet. Sie waren dabei auf die abenteuerlichsten Dinge verfallen, wie Wettringkämpfe, Kegelschieben, Korndreschen, Taubenschießen und Froschfang. Nun aber lag die heißersehnte Antwort auf all die geplanten Herrlichkeiten unbeachtet in dem festverschlossenen Kuvert neben Vaters Kaffeetasse!

Endlich war der Vater über die verschiedenen Kleearten und über ein kräftiges Ochsengespann, das zu Verkauf stand, unterrichtet; er griff zu Onkel Richards Brief. Umständlich löste er das Siegel, und viel zu langsam für Lenis Ungeduld entfaltete er das mit steilen Schriftzügen bedeckte Schreiben.

»Ei sieh, Mutting, haben die sich auch ein kleines Landhaus oder ›Cottage‹, wie sie's dort nennen, zugelegt! ... na, die Lizzie, seine Jüngste, ist auch mehr krank als gesund ... der Tausend, er kommt in vier Wochen nach Deutschland; er hat in Hamburg geschäftlich zu tun. Das freut mich aber wirklich, mein Jung'! Wie lange habe ich ihn nun nicht gesehen? Wartet mal –« und unbekümmert um Lenis Verzweiflungsseufzer begann der Vater nachdenklich die Zahl der Jahre an den Fingern herzuzählen.

»Eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf Jahre – denk mal, Mutting, fünf Jahre werden es nun auf Johanni, daß er das letzte Mal bei uns war!«

»Na und Marie, wie steht's mit Cousine Marie, Vating?« unterbrach Leni aufgeregt.

»Geduld, Jungfer Naseweis; das wird schon noch kommen. Also: ›Mary bringe ich Euch mit‹« – Leni vollführte einen wilden Indianersprung vor Freude – »›ich nehme für mein blasses Stadtmädel, das in letzter Zeit zu schnell in die Höhe geschossen ist, gern Eure freundliche Aufforderung für einen gesunden Landaufenthalt an, aber‹ – nanu, ist dem Jung' etwa der Londoner Nebel zu Kopf gestiegen? Nee, mein Jung', daraus wird nichts! Leni, dich will er dafür! Du Dreikäsehoch nach London, in die weite Welt! Der Jung' hat wirklich 'nen – – –«

Der Vater ließ den Satz mit einem für den Bruder wenig schmeichelhaften Tippen des rechten Zeigefingers gegen die Stirn unvollendet.

»Aber was schreibt er denn?« drängten die Mutter und Leni gleichzeitig.

»Dummes Zeug!« brummte der Vater, »hört bloß mal: ›Also ich nehme gern Eure freundliche Einladung für einen Landaufenthalt an, aber vier bis sechs Wochen nützen nach Ansicht des Arztes so gut wie gar nichts; Mary soll womöglich für ein ganzes Jahr aus der Stadt heraus und geistig vollständig ausspannen. Da habe ich an einen Austausch unserer beiden Mädel gedacht, wie man ihn bei uns sehr häufig hat. Dir und Deiner lieben Frau ist gewiß ebenfalls damit gedient, Euer Töchterchen, das ja nun auch bald eine junge Dame ist, für ein Jahr in eine richtige, gute Schule zu tun, und in der Großstadt all das genießen und lernen zu lassen, was man ihr auf dem Lande nicht bieten kann. Ich bin davon überzeugt, daß Ihr mit meinem Vorschlag einverstanden seid, und bringe Mary in vier Wochen nach Hamburg. Wir verabreden, da meine Zeit diesmal nur kurz bemessen ist, ein Zusammentreffen, und Du führst mir Dein Lenchen dort zu. Es wird ihr sicher bei uns gefallen, und auch Mary, denke ich, wird sich auf unserem Gut an der Waterkant, wo wir beide, mein Alter, die herrlichen Jugendjahre zusammen verlebt haben, wohl fühlen und kräftigen‹ und so weiter, und so weiter. Na, was sagt ihr zu dieser hirnverbrannten Idee? Total übergeschnappt, was?«

Leni sagte vorerst gar nichts; sie sperrte vor Erstaunen Mund und Augen auf, und der Ausdruck ihres niedlichen Gesichtes war nichts weniger als geistreich. Die Mutter aber griff nachdenklich zu dem Schreiben, das der Vater unwirsch auf den Frühstückstisch hatte sinken lassen. Und während ihr Mann mit langen Schritten wie ein gefangener Löwe in dem kleinen Raum auf und nieder schritt, las sie noch einmal bedächtig die Zeilen ihres Schwagers durch.

»Na, Mutting ...?« tönte es grollend von den Lippen des Landwirts, als Frau Lisabeth noch immer schwieg.

Diese übergab das laut krähende Suschen dem eintretenden Fräulein und legte dann ihrem Mann leicht die Hand auf die Schulter, ein Zeichen dafür, daß eine Beschwichtigung notwendig sein würde. Er sah sie denn auch sogleich mißtrauisch von der Seite an.

»Ich kann in Richards Vorschlag ganz und gar nichts Hirnverbranntes oder Übergeschnapptes finden, Alter,« begann sie mit ruhiger Stimme. »Im Gegenteil, ich meine, daß die Sache durchaus einer reiflichen Überlegung wert ist. Schon längst habe ich innerlich die unumgängliche Notwendigkeit erwogen, Leni noch eine regelrechte gute Schulbildung zuteil werden zu lassen; auch ihr Benehmen bedarf unbedingt noch eines gründlichen Schliffs. Nur dein mir bekannter Widerwille gegen Mädchenpensionate hat mich bisher davon zurückgehalten, dir einen diesbezüglichen Vorschlag zu machen. Aber nun, da sich uns die Gelegenheit so günstig darbietet, wie vielleicht nie wieder, meine ich, ist es unsere Elternpflicht – –«

Frau Lisabeth legte ihrem Manne beschwichtigend die Hand auf die Schulter.

Er unterbrach sie fast heftig.

»Elternpflicht? Pflicht guter Eltern ist es, das ihnen vom Himmel anvertraute Gut nicht anderen zu überlassen, sondern selbst nach dem Rechten zu sehen, und wenn es not tut, mit einem Bombenelement dazwischen zu fahren! Komm her, mein' Dirn!« Er faßte Lenis Kopf zwischen seine Riesenfäuste und zog sie so zu sich heran.

»Leni, sag, hättest du denn Lust, von uns allen hier fortzugehen, von Mutting und mir, von den Gören und unserem lieben alten Haus, was, du Lüttes?«

»Ja,« sagte Leni mit heller Stimme zu seinem höchsten Erstaunen, und als sie jetzt die klaren blauen Augen zum Vater aufschlug, spiegelte sich darin der ganze Jubel eines vierzehnjährigen Mädchenherzens wider, dem zum ersten Male in der Ferne die fremde Welt in unbekannter, verlockender Schönheit winkt.

»Sieh mal, Vating, ich bin doch seit heute ein richtiger Backfisch; da ist es auch allerhöchste Zeit, daß ich anfange, meine Weltkenntnisse ein bischen zu erweitern.«

»Vor allen Dingen erweitere mal erst deine Weltgeschichtskenntnisse eifriger, liebes Kind,« fiel die Mutter ein, »das scheint mir entschieden das wichtigere. Es ist ja schon acht Uhr vorbei, Leni; die Stunde beim Herrn Kantor hat längst begonnen. Mädel, wann wirst du endlich anfangen, dich an Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen?«

Leni blickte entsetzt nach der Uhr. Sie hatte während der aufregenden Erörterung vollständig das mahnende Schlagen überhört. Aber trotzdem machte sie auch jetzt nicht die geringsten Anstalten, sich in Bewegung zu setzen; die Sache war doch von zu großer Wichtigkeit.

»Leni, du bist hier bei der Verhandlung durchaus überflüssig; mach, daß du zur Schule kommst!«

Leni wußte, dem bestimmten Ton Muttings gegenüber gab es keinen Widerspruch. Sie zauderte zwar noch eine Viertelsekunde, ob sich Vater nicht ihrer annehmen würde. Aber als alles ruhig blieb und der Vater nur verstimmt gegen die Fensterscheiben trommelte, hielt sie es doch für geratener, sich, wenn auch verdrossen, auf den Weg zu machen.

Die Mappe war natürlich nicht gepackt. Leni hatte gestern noch spät abends mit Karl Heinz die »süßen« jungen Karnickel besichtigen müssen, und dadurch war es in Vergessenheit geraten. Sie begann jetzt auf ihrem Pult hastig Bücher und Hefte durcheinander zu kramen. Wohin hatte sich denn nur das Rechenheft verkrochen! In der Eile übersah sie, daß sie statt des Geschichtsbuches Karl Heinz' Lieblingslektüre, die lustigen Verse von Busch, die das gleiche Format hatten, in den Tiefen der Schulmappe verschwinden ließ.

Als sie endlich mit aufgeschnallter Mappe, schief sitzendem Hut und dem umfangreichen Frühstückspäckchen über den Gutshof jagte, konnte sie es sich doch nicht versagen, dem alten Jürgens, der gerade mit tiefsinnigem Gesicht Kartoffeln in den Schweinetrog schnitt, die große Neuigkeit zuzurufen: »Jürgens – ich gehe auf ein ganzes Jahr nach England!«

Der grauhaarige Freund ihrer Kindheit sah langsam und bedächtig, wie er ein jedes Ding handhabte, von seinem Schweinetrog auf. Aber als er sich eben zu einer umständlichen Entgegnung anschickte, bemerkte er voll Staunen, daß Leni schon über alle Berge war. Als bräunlicher Punkt jagte sie bereits die Landstraße hinunter und dem Dorfe zu. Da schob Jürgens seine Pfeife in den anderen Mundwinkel, und noch ehe die Eltern oben im Frühstückszimmer zum Endergebnis ihrer Überlegungen gelangt waren, wußte man es schon drunten in der Leutestube: »Uns' lütt Frölen wannert ut; sei geiht nah Amerika!«

Noch niemals waren Leni die roten Ziegelkappen der stattlichen Büdnergehöfte und die vielfach geflickten Schindeldächer der armen Tagelöhnerhütten drunten im Dorf so fern erschienen. Ungeachtet ihrer vierzehn Jahre suchte sie sich den einförmigen Schulweg durch Hin- und Herspringen über den Straßengraben, ähnlich wie Cäsar, etwas interessanter zu gestalten.

Bald würde sie statt des einsam pflügenden Bäuerleins dort drüben auf dem Felde, das gleichmäßig seine geraden Furchen zog, glänzende Straßen, prächtige Häuser und schön geputzte, lachende Menschen schauen! In London war sicher das ganze Jahr über »Markt«: das war das höchste der Gefühle für Leni, die der Vater ein paarmal nach Rostock zum Pferdemarkt mitgenommen hatte.

Aus den gardinenlosen Fenstern der Schulstube klang es im Chor von der Dorfjugend: »Nun ade, du mein lieb Heimatland.«

Leni blieb einen Augenblick lauschend stehen; es schien doch gerade, als ob das ihr gelte.

»Leni – Leni, kommst du jetzt erst zum Unterricht?« Frau Kantor, die am Fenster des weißen, freundlichen Lehrerhauses Goldlack und Azaleen begoß, hatte den Fensterflügel aufgestoßen. Mit ihren guten Augen sah sie mißbilligend auf die erglühende Leni.

»Ach, Tante Kantor« – Leni hatte die Anrede »Tante« aus ihrer Kinderzeit beibehalten – »es ist ein wichtiger Brief gekommen; ich soll doch zum Onkel nach England! Da konnte ich wirklich nicht eher hier sein!«

Sie reinigte sich sorgsam die Füße draußen auf der Matte, wie Tante Kantor es gern sah, und pochte, nun doch ein wenig beklommen, an der Tür zum Studierzimmer des Herrn Kantors.

Das »Herein« klang nicht sehr ermutigend.

Über seine goldene Brille hinweg schaute der Kantor ernst fragend auf die eine verworrene Entschuldigung stammelnde Leni, während Karl Heinz mit teilnehmendem Gesicht seine rechte Hand lose im Gelenk schüttelte. Das hieß in ihrer Geschwistersprache: »Au, dir wird's schlecht gehen!«

»Das ist ja alles recht schön, mein liebes Kind,« sagte der Herr Kantor schließlich, als Leni ihr Kuddelmuddel von Bericht über den alten Grawert, Onkel Richard, Cousine Marie, Hamburg und London beendigt hatte, »aber man darf doch nicht über Neuem seine alten Pflichten vernachlässigen. Pflichtbewußtsein und Pflichttreue, das sind die Grundpfeiler, auf denen sich unser Lebenswerk ausbaut!«

Er schüttelte so betrübt seinen greisen Kopf, daß Leni tief zerknirscht zu ihm aufblickte.

»Nun, mach nur kein solches Armsündergesicht, Leni,« lenkte der gutmütige Kantor, dem Leni leid zu tun begann, wieder ein, »sondern nimm das Geschichtsbuch heraus und versuche, durch doppelte Aufmerksamkeit das Versäumte nachzuholen.«

Leni nahm ihren Platz ein, zog mit abwesender Miene ein Buch aus der Mappe und schlug es vor sich auf.

Während aber Karl Heinz, der brennend gern über die auch in sein Leben einschneidende Neuigkeit näheres gehört hätte, jetzt in der Stunde jedoch nicht zu fragen wagte, weiter mit eintöniger Stimme von den Punischen Kriegen vorlas, machten Lenis Gedanken statt nach Süditalien eine Reise gen Westen über den Kanal, und statt des tapferen Feldherrn Hannibal stand im Mittelpunkt ihres Gedankenkreises Cousine Marie. Ob sie wohl schon erwachsener aussah als sie selbst?

Dem Herrn Kantor war ihre Unaufmerksamkeit nicht entgangen.

»Leni, fahre fort!«

Erschrocken neigte Leni den Kopf über das Buch.

»Ich glaub', ich –« begann sie auf gut Glück irgendwo zu lesen, hielt aber gleich daraus entsetzt inne. Himmel, was war das? Diese Verse konnte sie doch unmöglich vorlesen! Wie kam nur das falsche Buch in ihre Mappe?

»Nur weiter, Leni! Du scheinst immer noch nicht ganz hier zu sein. Also was rief Hannibal nach dem Siege von Cannä aus?«

Aber als Leni auch jetzt noch schwieg und krampfhaft den Zeigefinger auf die eine Stelle ihres Buches preßte, zog es der Herr Kantor zu sich heran.

»Ich glaub', ich mach' mich unbeliebt,«
Spricht Fips, der sich hinwegbegibt,

las er in höchstem Erstaunen.

»Aber Mädchen, was für ein Unfug ist denn das? Wie kommen die Buschverse jetzt in die Geschichtstunde? Soll ich etwa annehmen, daß du darauf ausgehst, mich zu täuschen?«

»Herr Kantor« – Leni stieß es in so flehentlichem Tone hervor, daß der Lehrer einsah, er habe ihr mit seiner letzten Annahme unrecht getan.

»Na also?« forschte er weiter.

Leni drohten die Tränen in die Augen zu treten, aber sie drängte sie nach Kräften zurück. Vor Karl Heinz weinen, das ging doch nicht; Karl Heinz verachtete jedes flennende Mädchen.

»Es ist wirklich notwendig, daß du in andere Hände und in strengere Zucht kommst, Leni,« meinte der Kantor nach Schluß des Unterrichts. »Ich bin schon zu alt und zu gutmütig für dich; du lernst bei mir nicht mehr genug.«

»Aber, Herr Kantor!« Leni preßte erschreckt ihre Lippen auf die Hand ihres alten Lehrers. »Ich werde bei keinem Menschen lieber und mehr lernen als bei Ihnen, und wenn Sie es nicht wollen, dann – dann will ich auch gar nicht nach England gehen –« Der Schluß kam aber recht kleinlaut heraus.

»Na, lauf nur erst heim, Leni, und höre, wie die Eltern sich entschlossen haben. Ja, ja, ins Blaue hinein von der noch unbestimmten Zukunft phantasieren, das ist nun mal die glückliche Gabe der lieben Jugend; wir Alten schauen mehr zurück als vorwärts.«

Wortkarg trabte Karl Heinz neben der Schwester auf der Landstraße dem väterlichen Gute zu. Er schleuderte mit der breiten Stiefelspitze harte Erdklumpen vor sich her und schien in seine geistreiche Beschäftigung völlig vertieft.

Leni puffte Karl Heinz, der stets ihr getreuer Schatten war, aufmunternd in die Rippen.

»Na, min leiw Jung, was sagst du denn bloß dazu?«

Noch immer gab Karl Heinz keine Antwort. Er starrte nachdenklich auf die sich lustig drehenden Windmühlen, beobachtete angelegentlich den bogenartigen Flug der Schwalben und schwieg hartnäckig.

»Karling!«

Das war der Kosename, der nur höchst selten in Anwendung kam. Leni schaute dem Bruder, der sie, trotzdem er der Jüngere war, um Kopfeslänge überragte, von unten bittend in die Augen. Da schlang Karl Heinz ungestüm den Arm um die Schwester.

»Du darfst nicht fort, Leni, du darfst nicht ... ich will die andere nicht ... das war alles nur schön mit dir zusammen! Bleib doch hier, olle Dirn, ja?« und er streichelte mit einer an ihm fremden Zärtlichkeit Lenis Zöpfe.

Leni war gerührt.

»Vielleicht erlaubt es Vating gar nicht,« flüsterte sie dem Bruder tröstend zu und in diesem Augenblicke wünschte sie das wirklich.

Sie hatte noch öfters im Laufe des Tages Gelegenheit, zu wünschen, daß der Vater die heiß ersehnte Erlaubnis lieber nicht gegeben hätte.

Als sie heimkam und die Mutter im Verein mit dem Fräulein vor einem großen Berg Modezeitungen fand, und erstere lächelnd sagte: »Siehst du, Leni, wir sind schon mit deiner Ausrüstung beschäftigt. Vater meint nun auch, daß er es dem Onkel nicht abschlagen könne –« und dann leiser, wie für sich, hinzusetzte: »Nein, was wird mir meine Älteste fehlen, trotzdem sie solch ein Unnütz ist!« da schmiegte Leni plötzlich fest den Kopf an der Mutter Brust.

Gab's in der weiten Welt da draußen denn auch noch einen solchen warmen Platz?

Leni war heute stiller bei Tisch als je. Von dem runden Gesicht klein Suschens, das auf dem Sofa hinter den Eltern Kriechübungen machte, glitt ihr Blick zu Hänschen und Fränzchen, den Zwillingen, die Brotstücke in ihre Bratensoße warfen und »Angeln« spielten, dann weiter zum Vater.

Mit seltsam grimmigem Lächeln erwiderte dieser ihren Blick. Als er sie aber nach Tisch beim Ohr nahm und in rauh-zärtlichem Ton sagte: »Je, Leni, nu helpt das nich mehr! Nu sorg man, daß sie dort keinen Zieraff aus meiner frischen Dirn machen!« da erschien Leni der Ausflug in die Fremde gar nicht mehr so verlockend als am Morgen.

Doch wenn man vierzehn Jahre und sieben Wochen alt ist, gehen solche traurigen Anwandlungen schnell vorüber. Am Abend desselben Tages hockte Leni wieder seelenvergnügt, mit den Füßen baumelnd, auf der großen Regentonne zwischen ihren guten Freunden Jürgens und der lahmen Dörthe, die sie einst auf ihren Armen gewiegt hatte. Sie fabelte den alten Leutchen von dem fernen Lande vor, von dem sie selbst eine nur höchst mangelhafte Vorstellung besaß.

»Lening,« meinte die Alte schließlich, »Vadder Siewert is jo all draewen west; de seggt jo nu, de Hauptsak is, dat einer dor gaud uf englisch spucken kunnt.«

»Woll, Dirn, dat wirst schon lirnen; dat is jo nich swer.« Der alte Jürgens spuckte in weitem Bogen aus.

Leni ahmte ihm sogleich nach. Er hatte recht, das war ganz und gar nicht schwer; das würde sie schon lernen.

»Un wenn de wedder kummst, Dirn, denn möten wi jo ok woll ›Frölen‹ un ›Sei‹ tau di seggen,« rief die alte Dörthe noch hinter ihr her.

Damit schloß der für Leni so bedeutungsvolle Tag.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.