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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Der fünfzehnte Geburtstag.

Das Mutterherz hatte richtig gefühlt, über Land und Meer hinweg. Nie hatte Leni sich so nach ihrer lieben Waterkant heimgesehnt wie am Christmas-eve.

Verlassen und ausgestoßen kam sie sich mitten unter den Verwandten vor. Kein Weihnachtsbaum, keine Bescherung, kein Julklapp, nicht einmal ein bunter Teller! Bis zum dinner hatte sie gleich den anderen Stöße von Karten mit » A merry Christmas and a happy new Year« an ihre Lehrer, Freundinnen und Bekannten geschrieben. Nun saß sie still und in sich gekehrt vor dem knusprigen Turkey, dem süßen Noel Plumpudding und Mince pie, den hergebrachten englischen Weihnachtsgerichten. Ach, die Weihnachtskarpfen daheim und Mamsellings Mohntorte mundeten anders! Ein Nedderdorfer Weihnachtsabend, von dem Zauber der Erinnerung umsponnen, tauchte vor dem deutschen Backfischchen auf in seiner ganzen breiten, tannendurchdufteten Gemütlichkeit, bis verstohlene Tränen auf den Teller tropften. Niemand sah sie; nur Lizzie mit ihrem feinfühlenden Herzen drückte Leni zärtlich die Hand unter dem Tische.

Und doch hatte auch der englische Christmas seinen Reiz! Die rooms waren phantastisch mit roten Brombeerzweigen geschmückt, der mistletoe hing harmlos vom Kronleuchter herab.

»Wie ein struppiger Besen,« dachte Leni verächtlich im Vergleich zu ihrer deutschen Tanne und trat, nichts Böses ahnend, unter seine weißbeerigen Zweige.

Bobbys lange Beine setzten sich sogleich in Bewegung, und »Leni, make haste, come here,« rief die getreue Lizzie. Zu spät! Bobby hatte sich bereits heruntergeneigt, um sich den ihm nach englischer Sitte zukommenden Mistelzweigkuß zu holen. Aber er bekam nur einen derben Stoß vor die Brust. »Jung, du bist wohl ganz und gar übergeschnappt?« Wenn Leni erregt war, fand sie stets die deutschen Mutterlaute. Onkel und Tante aber standen dabei und lachten über den mißglückten Raub.

Leni schrieb Weihnachts- und Neujahrskarten.

» Ellen, you are a silly girl; ich hätte dir sechs Paar Handschuhe schenken müssen,« prahlte Bobby.

» Well, so bekommt sie die Handschuhe von mir.« Onkel Richard hatte die noch immer unter dem mistletoe stehende Leni ganz wie Vating beim Schopf gepackt, und wie ihr leiw Vating drückte er ihr einen herzhaften Kuß auf die junge Stirn. Da kam sich Leni nicht mehr ganz verlassen am Weihnachtsabend in der Fremde vor.

»Aber unter so 'n ollen Mistelzweig geh' ich all mein Lebtag nicht wieder,« gelobte sie sich.

Als sie in das Kinderzimmer hinaufkam, stand mitten auf dem Tisch die Nedderdorfer Kiste; sie mutete die junge Deutsche wie ein guter alter Freund aus der Heimat an. Mit der jubelnden Lizzie, die sich über jedes Stück, das ihre Leni bekam, noch mehr freute als diese selbst, ging es nun ans Auspacken.

Nichts hatte Mutting vergessen, aber auch rein gar nichts! Von allem, was es daheim am Christfest Gutes gab, mußte die Dirn ihr Teil haben. Auch an Lizzie hatte Mutting gedacht: ein Extrapaket lag für das junge Mädchen bei.

Als das Backfischchen sich auf Miß Browns wiederholte Mahnung nun endlich von den Gaben der fernen Lieben trennte, um sein Lager aufzusuchen, da machte die große Ellen in London es so, wie das lütte Lening es daheim als Gör getan hatte: ihre liebsten Geschenke nahm sie mit sich ins Bett! Auf der einen Seite Jürgens' in Holz geschnitzten Cäsar, auf der anderen Dörthes in Silberpapier prangende Blutwurst, so schlief Leni sanft ein.

Die Weihnachtsglocken verhallten. Im lichten Flockenmantel kam das neue Jahr über die Erde und jagte mit seinem Eishauch den grauen Londoner Nebel aus Tor und Gassen. Ohne Pfannkuchen und Punsch, ohne Bleigießen und »Tüffelwerfen« ging der Silvesterabend, an dem Leni und Karl Heinz schon seit zwei Jahren »aufbleiben« durften, hier in England dahin. The children – Leni hatte sich allmählich darein ergeben, mit Lizzie auf eine Stufe gestellt zu werden – wurden am new-year's eve wie allabendlich um neun Uhr ins Bett geschickt.

Um Mitternacht fuhr Leni plötzlich in die Höhe. Der hallende Glockenton, das Brausen und Dröhnen in den Lüften draußen – »Feuer!« schrie sie entsetzt, »Feuer!« – – – war das nicht das Tuten des Nachtwächters auf Nedderdorf? Sie rieb sich die verschlafenen Augen.

Ach nein, das war ja bloß ein vorüberratterndes Auto auf der Straße, und » A happy new year!« rief eine müde Stimme aus Lizzies Bett; auch diese war aufgewacht.

»Prosit Neujahr!« gab Leni kräftig zurück. »Prost Neujahr!« schrie sie noch einmal mit so verstärkter Stimme, daß selbst der tiefe Schlummer der Miß eine kurze Unterbrechung erlitt.

An Einschlafen war vorläufig nicht zu denken. Von allen Türmen Londons begrüßten die Glocken mit ehernen Zungen das junge Jahr. In der nachtstillen Cottage wurde es lebendig; Onkel und Tante kamen aus der Kirche zurück.

»Nanu?« Leni setzte sich in die Höhe; da rasselten ja die Wagen vor das Haus, gerade wie bei Tante Janes five-o'clock-tea! »Nanu, Lizzie, Pferdegetrappel und Hundegebell? Was bedeutet denn das in aller Nacht?«

»Unsere Bekannten machen jetzt ihre Besuche, to wish a happy new year. O, wenn nur Mister Fewson als erster in das Haus gegangen wäre! Er hat schwarze Haare, und das bringt dem ganzen Hause Glück!«

Leni lachte hellauf. »Aber Lizzie, Lüttes, du bist ja grad so abergläubisch wie die ollen Spinnfrauen bei uns auf dem Dorf! Na, das müßte Vating hören – – –!«

» Please, ask my mother,« verteidigte sich die Kleine eifrig, »Mama erlaubt Papa nie, am new-year's eve to open die Haustür, weil er blonde Haare hat; das muß immer jemand mit schwarzen Haaren tun.«

Leni sah Lizzie in dem ungewissen Mondlicht zweifelnd au; die Dirn machte doch wirklich ein ganz ernsthaftes Gesicht!

»Ihr habt ja alle 'nen lütten –« den unparlamentarischen Nachsatz verschluckte Leni wohlweislich. Mitten in der Nacht Besuche machen und schwarze Haare? »Du, Lizzie, dann muß ich euch doch unheimlich viel Glück bringen?« Leni ließ lachend ihr weiches dunkles Haar durch die Finger gleiten.

»Das hast du auch schon getan, Lenichen, mir wenigstens; o, so viel Glück!« Lizzies Stimme klang weich und zärtlich. Leni hielt es nicht länger im Bett aus; einen Kuß wenigstens mußte sie der Lütten geben.

»Schade, daß wir weder Punsch noch Pfannkuchen haben, sonst könnten wir beide hier im Dustern regelrecht Silvester feiern; aber weißt was, mein' Dirn? Wir machen uns an Dörthes Blutwurst! Damit können wir auch anstoßen.«

Die Schere der Miß mußte als Messer dienen; mit hochgezogenen Beinen hockte Leni auf Lizzies Bett, und beide schmausten sich nach Herzenslust in die Wurst und in das neue Jahr hinein.

»Nu möten wi all dat Jahr Blutwurst eten, würde oll Dörthe prophezeien,« sagte Leni sinnend.

» O yes, aber in Nedderdorf!« Lizzies Wünsche flatterten noch immer zu dem deutschen Gut.

Eine Viertelstunde später träumten sie beide von der Waterkant – und Träume in der Neujahrsnacht gehen in Erfüllung, sagt oll Dörthe! –

Die Tage kamen und gingen. Schule, Kränzchen, Musik- und Tanzstunde wechselten; nur durch das regelmäßige Erscheinen Bobbys am Sonnabend merkte Leni, daß schon wieder eine Woche vergangen war.

In der Schule hatte sich nicht viel verändert. Leni ging jetzt nicht mehr allein mit der Miß hin und zurück, sondern Lizzie war die Dritte im Bunde. Es gefiel Leni weit besser in der Schule, seitdem sie wenigstens in den Pausen Lizzies blonden Kopf und ihr liebes Gesicht unter all den fremden Kindern auftauchen sah. Die Freundinnen waren weniger einverstanden damit. Immer und immer schleppte Ellen the little one hinter sich her; man war ja keinen Augenblick mehr unter sich! Am liebsten würde Ellen es wohl auch gesehen haben, wenn man das kleine Ding in den Schärpenbund aufgenommen hätte; da erhoben sie aber einstimmig Widerspruch. Das sollte ihnen fehlen, such a little thing! Eveline, die im nächsten September schon sechzehn Jahre alt wurde, erklärte ihren Austritt aus der Geheimverbindung. Drei Viertelstunden lang saß man ärgerlich bei tea and cake, bis man unter heißen Tränen und noch heißeren Küssen eine Einigung erzielte. So oft das Kränzchen bei Ellen stattfand, wurde Lizzie gnädigst zugelassen. Das jüngere Mädchen paßte auch wirklich nicht recht in den Schärpenbund hinein – Leni mußte es sich selbst zugestehen – denn der circle hatte eine ungeahnte Entwicklung genommen. Das Handarbeitskränzchen wurde schon nach der ersten Woche begraben; Handarbeiten, das war doch zu » stupid«! Man hatte sich an Shakespeare gewagt und mit verteilten Rollen mehrere Stücke gelesen. Es war himmlisch. Leider fand aber Mays Mutter die Mädchen noch reichlich jung für Shakespeare; sie steuerte energisch der frühzeitigen Bildung.

Weil es also mit dem literarischen Kränzchen nichts war, kam man überein, Sport zu treiben. Zweimal tummelten sich die jungen Mädchen mit heißen Wangen bei Tennis, Krocket, Golf, ja sogar Fußball auf dem schon bräunlichen Rasen; da legte Petrus plötzlich sein Veto ein. Er sandte den dicken fog; graue, schemenhafte Nebelkobolde ritten durch die Lüfte daher, wirbelten über den Tennisrasen und verscheuchten die blühende Mädchenschar.

Kleinlaut hockten sie nun wieder in der hall um den summenden Teekessel, die Füße gegen das knisternde Kaminfeuer gestemmt, schlürften ihren tea und sprachen über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Aber als die vierzehnjährige Weltweisheit bei dem Punkt angelangt war, daß nur die Freundschaft auf dieser Erde ewige Dauer habe, erkannte man plötzlich den wahren Zweck des circle: ein philosophisches Kränzchen mußte es werden! So saßen die englischen Backfischchen denn an jedem Donnerstagnachmittag mit ernstgefurchten Gesichtern beisammen und besprachen bei eifriger Vertilgung der süßen cream-tort die tiefsten Weltenrätsel, die je hinter der Stirn eines Philosophen gethront haben. Was Sokrates, Kant und Locke nicht ergründen konnten, das wurde von den Backfischen beim five-o'clock-tea in eifriger Debatte klargelegt.

Nur Leni gähnte hin und wieder und fand heimlich das »olle philosophische Tüg sei man bloß ein Gesnak«, aber sie wagte sich nicht recht mit ihrer ketzerischen Ansicht hervor.

Nach und nach bekamen die wesenlosen Gesprächsthemata wieder festere Formen; besonders nach jeder Tanzstunde nahmen sie gern die Gestalt von hüpfenden, blau, rosa und weiß gekleideten Mägdlein und von galanten boys an. Man philosophierte über Anny Green und Milly Scott, und vor allem mußten sich die jungen Herren eine gründliche Durchhechelei gefallen lassen. Da wurde es erst eigentlich interessant. Aber die boys revanchierten sich in der Tanzstunde. Trotz des Gelöbnisses ewigen Schweigens der Schärpenbündlerinnen war etwas von dem Geheimbund durchgesickert; man hatte Gerty in Verdacht, aus der Schule geplaudert zu haben. Eines Tages erschien der größte Teil der gentlemen, Bobby und Charles Edward an der Spitze, mit rosa Schleifchen im Knopfloch. In der Tanzpause trafen sich die vier Freundinnen in höchster Erregung in der verschwiegenen Garderobe. Kein Zweifel, eine Verschwörung war gegen sie geplant! Bobby hatte May während des ganzen Walzers von der Unsterblichkeit der Maikäfer unterhalten, John Peters von Eveline Aufklärung über das allen unbekannte Wort »Nirwana« verlangt, und sogar der Knirps mit »bewußtem und unbewußtem Willen« die arme Gerty in die Enge getrieben. Nur Leni ließ sich nicht so leicht verblüffen; die teilte Charles Edward, als er ihr etwas vom Übermenschen vorfaseln wollte, ganz einfach mit, daß er selber übergeschnappt sei.

Noch ehe man zu einem Ergebnis gelangte, wie diesem Komplott der boys zu steuern sei, rief der dancing-master zum Menuett. Die armen philosophischen Opfer mußten liebenswürdig lächeln und höflich knicksen, anstatt ihrem Partner tüchtig die Meinung zu sagen, wonach ihnen der Sinn doch tausendmal mehr stand.

Im Kränzchen und in der Tanzstunde ging es wie draußen im Leben. Eins wurde von dem anderen, dem Größeren und Wichtigeren, verdrängt. Lenis Mißgeschick bei ihrer ersten Tanzstunde, das sie nie zu verwinden geglaubt hatte, war längst der Vergessenheit anheimgefallen. Auch die Philosophie wurde beiseite geschoben, und die Gedanken der jungen Welt gipfelten nur noch in dem geplanten Tanzstundenball. In die Stunden bei Monsieur, während des Übersetzens, bei den schwedisch-gymnastischen Turnübungen, ja selbst in den Literaturunterricht der gestrengen Mrs. Smith, schlichen sich immer häufiger unzulässige Gäste ein. Fröhliche, leichtgeschürzte Ballgedanken waren es, die recht wenig mit dem »befreiten Jerusalem« und den letzten Tagen Byrons zusammenstimmten.

Beim scating auf dem spiegelblanken Serpentine im Hydepark wurde von nichts anderem mehr gesprochen. Leni, die eine vorzügliche Schlittschuhläuferin war, fand, daß die ollen Dirns über den dämlichen Ballsnak die Hauptsache, das Eislaufen, ganz vergaßen. Überhaupt gefiel ihr das scating hier in London gar nicht. Erstens waren die Tanzstundenboys immer da und forderten sie zum Laufen auf, während sie viel lieber mit ihren Freundinnen und Bobby allein gelaufen wäre. Dann mußte sie sich stets in Gala werfen, denn am Ufer des Serpentine wogte eine elegante Menschenmenge, Tante Jane mitten darunter; die wollte Staat mit ihrer Ellen machen, und wenn diese mal wie die Dorfjungen daheim mit vornübergeneigtem Oberkörper und nach hinten gestreckten Armen in langen Stößen über das Eis sauste, dann hieß es gleich: » Ellen, shocking!« Ach, da war es doch ein vergnüglicheres Stück, den Windmühlenberg hinunterzufahren, mit wehenden Kleidern, fliegender Mütze und gelösten Zöpfen!

Das glatte Eisgesicht des Serpentine zeigte Risse und Schmisse; die trügerische Februarsonne hatte sich breitspurig am Himmel aufgepflanzt, und wie ein unnützer Junge warf sie große Löcher in den schönen blanken Kristallspiegel. In dem kahlen Buschwerk ließen sich schon wieder vereinzelt gefiederte Sänger hören; in Oxford- und Regent-Street boten die flower-girls duftige blaue violets und lichte weiße snow-drops, die holden Vorboten des Lenzes, feil.

Der Tausend, wollte es denn schon Frühjahr werden? War der graue Winter, der sich daheim in Nedderdorf oft bis nach Ostern hinter dem warmen Kachelofen rekelte, schon abgezogen?

Das Landkind schritt prüfend durch den braunen, sonnenbeflimmerten Vorgarten. Ob sich das daheim wohl grad so anließ? Ach, dann sproßte ja bald Gras, und Wintersaat und der Klee war dann auch all »prat« – ja und denn, wie hatte Vating doch noch gesagt? »Wenn das Winterkorn ausgrünt, dann bist du auch wieder da, Dirn!«

»Nee, von meinetwegen kann sich das Winterkorn ruhig noch 'n beten Tid nehmen,« dachte Leni. »In zwei Wochen ist mal erst der Tanzstundenball, ach – und dann bin ich ja schon fünfzehn! Uje, was freu' ich mich darauf!«

Ob Lenis Jubel der »Fünfzehn« oder dem bevorstehenden Balle galt, darüber war sie sich nicht ganz klar; jedenfalls sprang sie mit einem Freudensatz die Treppenstufen empor, daß die ihr entgegenkommende Miß bedenklich ins Wanken geriet.

»Ellen, Ellen, du wirst dein Lebtag nicht ladylike

Leni war schon längst an ihr vorüber; es war ihr heute viel zu hell und sonnig zumute. Trällernd begab sie sich an die Arbeit.

»Ein Bauernball! Famos! Eigentlich doch riesig nett von Mrs. Smith, daß sie an ihrem Geburtstag so 'n Fest gibt! – Komma – Bobby und ich als Norweger? Der lange Jung im Bauernrock? – Herrje, hier muß ja der Konjunktiv stehen! – Und einen Blumenrechen nehm' ich über die Schulter, oder nee, lieber 'ne Forke, und denn – potztausend, ich hab' mich ja schon wieder verschrieben! – Was meinst, Lizzie, soll ich 'ne Mütz' mit roten oder swarten Sniepeln aufsetzen?« vollendete Leni plötzlich laut.

Lizzie, die am anderen Fenster Schularbeiten machte, sah verdutzt empor.

»Jetzt hier beim exercise?« Sie verstand den geheimen Gedankengang der Freundin nicht.

»Dirn, du büst ja woll unklauk,« antwortete Leni lachend die auch schon mit ihren Worten in der Bauerntracht steckte. »Nee, zum Ball, weißt du! Und mitspielen darf ich auch im Theaterstück, wenn auch nur als servant-maid – jemine, ein Klecks! Na, Monsieur wird schön zanken!« Das Backfischchen steckte das Näschen wieder in das französische Exerzitium.

Leni sollte von Monsieurs Unwillen über die fehlerhafte Arbeit nichts mehr zu sehen bekommen, denn ihr Schicksal spann bereits seine Fäden über das Meer hinüber nach der Waterkant zu. Drunten im smoking room zwischen Onkel und Tante hockte es, unsichtbar, und spann und spann. Als Onkel Richard seine Rede geendet hatte, da schlug es einen großen Knoten in Lenis Lebensfaden und band ihn wieder an den alten grauen Nedderdorfer Turm. Tante Jane aber rief: » Ellen, one moment, please, come here

Unbehaglich sah Leni in die feierlichen Gesichter der Verwandten; alle ihre jüngsten Streiche ließ sie innerhalb einer Sekunde vor ihrem Geiste vorüberziehen. Was war denn los?

»Lenchen,« begann der Onkel herzlich, »ich denke, du weißt es, wie gern wir dich hier gehabt haben.« Er machte eine Kunstpause.

Na, der Anfang war ja recht vielversprechend! Ob die Tante am Ende von ihrer letzten schlechten Lektion Wind bekommen hatte?

» Well, Lenchen« – Onkel Richard sprach schnell und ein wenig erregt – »eben schreibt mein Hamburger Vertreter, daß meine dortige Anwesenheit eines wichtigen Abschlusses wegen dringend erwünscht sei.«

Wieder eine Pause. »Ja, was in aller Welt geht denn das mich an?« dachte Leni erstaunt.

»Montag über acht Tage bin ich bereits in Deutschland; ich muß meine im April geplante Reise um ein paar Wochen früher antreten. Mary wird natürlich mit mir return to London und du, Lenchen, hm, what do you think about

»Ich – ich –« stotterte Leni verlegen und nahm in Ermanglung des Zopfes eine Haarlocke in den Mund; sie wußte nicht recht, was sie denken sollte.

»Ja, Kind,« begann der Onkel aufs neue, sie näher zu sich heranziehend, »es wird sich auch für dich nicht bald wieder eine passende Reisebegleitung finden, und da es sich doch nur um wenige Wochen handelt, sind Tante und ich der Meinung, daß ich dich gleich zu Hause abliefere – daß wir unsere beiden Backfischchen wieder austauschen.«

Um Lenis Lippen zuckte es.

»Ihr wollt mich los sein!« Als ob sie die Ungeheuerlichkeit dieses Gedankens nicht fassen könne, wiederholte sie ihn noch einmal halblaut.

»Aber Ellen, Kind, davon ist ja gar keine Rede!« Tante Jane hatte den Arm um Leni geschlungen. » Not at all! You are our darling – oh no, I thought only you were longing to return home

»Ja – aber – aber – ich muß doch zum Ball Theater spielen,« kam es plötzlich schluchzend von den Lippen des Backfischchens.

»O, dafür wird sich wohl noch Ersatz finden lassen, denke ich,« antwortete die Tante lächelnd.

»Also überleg dir's, Kind; dir selbst lassen wir die Entscheidung. Willst du noch in London bleiben, so soll uns das recht freuen; willst du aber mit nach Haus, dann heißt's bald deine Siebensachen packen. Kannst mir heute abend Bescheid sagen, Lüttes; ich will dann deinem Vating schreiben.«

Vating – hatte der Onkel ein Zauberwort gesprochen? – Vating und Mutting, ihr Karling, das Lüttzeug, der alte Turm und der Windmühlenberg! Da tauchten sie vor Leni auf, die trauten Gefährten ihrer Kindheit. War es denn möglich, sie, die Leni Sürsen, Muttings olle Dirn, wollte nicht heim nach dem Nedderdorfer Gutshaus, sie, die sich doch am Weihnachtsabend halb krank nach der Heimat gesehnt hatte?

Ein heftiger Kampf malte sich in Lenis sprechenden Zügen.

Der Ball – ach, wenn es nur nicht grad ein Bauernball gewesen wäre! Und dann der fünfzehnte Geburtstag! Wie hatte sie sich darauf gefreut, jetzt um noch ein Jahr jünger zu sein als Bobby! Und was würden May, Eveline und Gerty bloß dazu sagen? Und Lizzie? »Nee, mein' Dirn, dich nehm' ich mit,« sagte Leni plötzlich laut vor sich hin, und damit war der schwere Kampf entschieden.

Die Gedanken an norwegische Trachten, bunte Bänder und swarte Sniepel, an Theaterspiel und Menuett versanken; ein heißes Gefühl quoll in dem Herzen des Backfischchens empor. Wieder heim! Dann aber kam eine leise Empfindung der Beschämung hinterher. War sie nicht am Ende doch eine rechte Zierpuppe geworden? Nee, du mein, wie hatte sie denn bloß schwanken können! Ob Vating wohl mit seinem Mädel noch zufrieden sein würde?

Ohne daß sie es wußte, war Leni die Gartenpfade auf und niedergerannt, und plötzlich belebten sich die stillen Wege: hinter jedem Baum, aus jedem Gebüsch lugte ein liebes Gesicht der Heimat. »Weißt woll noch, Lening?« so schienen sie zu fragen. »Weißt woll noch?«

Ja, Leni wußte alles noch! Wie sie zwischen Jürgens und Dörthe auf der Regentonne gehockt – wie das lütt Schwesting ihr entgegengestrampelt – Säutsnuts lustige Sprünge – die Dorfgören alle zum Kindergarten bei der Tante Kantor – und nun Mutting, ihr leiw Mutting, die ihrer Ältesten sanft »eins äwer strackte!« Und »Nein, was wird mein Karling sich freuen!« jubelte sie plötzlich laut auf.

Da war der Heimatspuk zerflattert. Leni aber raste die Treppe empor, um Lizzie die aufregende Neuigkeit mitzuteilen.

Das Kinderzimmer schien leer. Doch nein – dort in der dunklen Nische hinter dem Schrank schimmerte Lizzies blaues Matrosenkleid; was hatte die Dirn denn da in der Düsternis herumzugraweln?

Das jüngere Mädchen sah bei Lenis Nahen nicht auf; steif und starr kauerte es auf dem Fußboden. Große Tränen liefen über das immer noch zarte Gesicht.

»Lizzie, Lüttes, was hat's denn gesetzt? Hat die Miß dir 'nen Marsch geblasen?« Leni versuchte die Cousine zärtlich aufzurichten.

Keine Antwort, die Tränen rannen schneller, und jetzt schluchzte Lizzie laut auf.

Leni konnte niemand weinen sehen, und der Schmerz ihres Lieblings ging ihr ganz besonders nahe; auch ihre Augen füllten sich langsam. Eng umschlungen saßen sie beieinander und mischten ihre Tränen.

Nach einer Weile hob Leni den Kopf.

»Dirn, warum heulen wir denn bloß?« fragte sie, die Augen kräftig mit dem Kleiderärmel bearbeitend.

Lizzie sah sie vorwurfsvoll an.

»O, du kannst noch fragen, Leni? Wenn es mir doch so weh ist in the heart – o, so weh!« Ein erneutes Schluchzen.

Leni streichelte ratlos den Blondkopf der Freundin.

» Do'nt go away, Leni, bleibe hier!« Lizzie umfing in ungewohnter Heftigkeit die große Cousine. » Miss Brown told me, in fünf Tagen wärst du schon weit fort; no, stay here – – –!«

»Aber darling« – Leni lachte befreit auf – »warum sagst denn das nicht gleich? Meinst woll, ich geh' allein heim? Ih, wo werd' ich! Du mußt mit, Lizziechen; wart, gleich wollen wir die Tante bitten!« Sie zog die jüngere Freundin die Treppe hinab zum drawing-room.

»Ja, und doll gesund ist das der Lizzie obendrein; Milch kann sie trinken, so 'ne Potts voll, und Eier soll sie essen und Tauben, je, halbe Ochsen, und Seeluft, die haben wir ganz für umsonst an der Waterkant,« schloß Leni herzklopfend ihre Fürsprache.

Die Tante zog ihr Töchterchen auf den Schoß.

» Little one, indeed, do you like to go away

»O, Mama, ich möchte so gern das deutsche Gut kennen lernen und den alten Turm und Jürgens, und Cäsar, nur über den Sommer, please

»Und du kriegst ja dafür Mary wieder,« fügte Leni noch hinzu, da die Tante immer noch schwieg.

Tante Jane seufzte. Das war der gesunde Egoismus der Jugend! Ihr wurde es schwer, das Kind, das sie erst so spät an ihr Herz genommen hatte, von sich zu lassen; aber gut tun würde es der Kleinen, indeed, und eine Mutter ist gewohnt, Opfer zu bringen.

»Ich werde heute abend den Onkel fragen,« sagte sie leise.

»Hurra!« – Die derbe Leni erstickte die zarte Tante fast mit ihrer Umarmung. – »Wenn du's erst erlaubst, Tante, dann ist die Sache allright! Onkel will ja doch nur, was du willst, ja – wenn's Vating wäre –«

Der naseweise Backfisch kam diesmal ohne eine Rüge davon; Tante Janes Gedanken waren bei der Trennung. Aber recht behielt die Leni; auch Onkel fand den Landaufenthalt zur Festigung von Lizzies Gesundheit für durchaus zweckmäßig. So war's beschlossene Sache: in fünf Tagen geht's heim!

Leni hatte gar nicht gewußt, daß sie so viel gute Freunde in London zurückließ.

»Weißt, Lizzie, ich komme mir vor, als ob ich schon tot bin. Sonst hat alles immer auf mir herumgehackt, und jetzt sind sie riesig nett mit mir; da wird einem ja ganz wehleidig.«

Leni gestand es sich nur heimlich zu; der Abschied ging ihr doch sehr nahe, nicht nur von den Freundinnen, die gar nicht wußten, was sie ihrer Ellen noch alles an Liebe antun sollten, und die ihr im letzten circle einen goldenen Freundschaftsring zum ewigen Andenken an den Schärpenbund überreichten. Auch von der Schule wurde es ihr schwer zu scheiden, Mrs. Smith sprach mütterlich zu ihr, und Miß Sorry sah wirklich ganz sorry aus; selbst Monsieur machte einen kleinen Versuch, der jungen Deutschen ein freundliches Wort mit auf den Weg zu geben.

»Der freut sich nicht schlecht, daß er mich Slingel los wird,« sagte Leni nachher zu May in edler Selbsterkenntnis.

In der letzten Tanzstunde bereiteten die Gentlemen Leni eine Überraschung. Der Knirps, ihr eifrigster Tänzer, überreichte ihr im Namen der anderen einen Blumenstrauß, der fast so groß war, wie er selbst. Leni freute sich aber kein bißchen darüber; es war ihr schrecklich »schanierlich«, so den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu bilden.

Bobby war wahrhaft betrübt.

» What a pity, Ellen, what a pity! You are the best fellow, I know,« sagte er, ihr immer wieder die Hand schüttelnd.

Miß Brown küßte sie herzlich, und Leni fühlte, wie gut sie es meinte. »Ellen, wenn du nicht ladylike genug geworden bist, es ist nicht meine Schuld; ich habe mein möglichstes getan.«

»Ja, Sie haben mich redlich gezwiebelt,« gab Leni lachend zurück, » many, many thanks for all

Immer wieder drehte sich der braune Mädchenkopf nach der Cottage; manch ernste, aber auch viele frohe Stunden hatte sie dort verlebt.

Westminster, der düstere Tower, die breite Themse – Leni reckte den Hals aus dem handsome-cab, um all die ihr vertraut gewordenen Stätten noch einmal zu grüßen. Fare well!

Der große Familienkoffer mit Lenis Kattunkleidern und dem verbannten Regenmantel war verladen.

»Tante Jane, I thank you with all my heart!« Noch ein Händedruck. » Lizzie, my darling, goodbye, goodbye! Ellen, don't forget us!« Dann wurde die schlanke Frauengestalt auf der Viktoriastation kleiner und kleiner; Leni rollte wieder dem Kontinent entgegen.

»So,« sagte sie mit einem nachdenklichen Seufzer und begann mechanisch ihr Haar in Zöpfe zu flechten, »jetzt wird ein Strich unter Ellen Sursen gemacht; von heute an bin ich wieder die Leni Sürsen.«

Die Überfahrt, vor der Lizzie sich ziemlich gefürchtet hatte, verlief ohne jede Störung. Das Meer war spiegelglatt; warmer Sonnenschein folgte ihnen, und die Brise, die sie umfächelte, sog Leni durstig ein.

»Lizzie, Dirn, das ist schon deutscher Wind! Der weht von Hamburg her, und grad so fährt er die Waterkant entlang!«

Lizzie konnte den Wind beim besten Willen nicht anders finden als in London. Ja, dazu mußte man Deutsche sein!

»Der Leuchtturm – da – da!« Leni ließ Onkels Krimstecher nicht von den Augen; die Passagiere standen ringsum und lächelten über die junge Mecklenburgerin, die so begeistert die Heimaterde grüßte.

»Kuxhaven – Lizzie, jetzt geht es elbaufwärts! Da Brunshausen, nu kommt Blankenese! – Onkel, weißt woll, bis hierher hab' ich damals geheult! Dort drüben das ist Vierland – das Kirschenland! – Ach, sieht man denn noch immer nicht den Hafen? Das dauert ja ewig! – Da endlich – die Kais – der Freihafen! Dirn, nu paß Achtung, nu kommt's! Hurra, Hamburg! Siehst, Lizzie, das ist Hamburg, da St. Pauli und dort – kiek, Dirn, nee, tau Höchten – sühst, das ist unser Bismarck!«

Ja, da stand er, der gewaltige steinerne Recke, ein treuer Wächter der deutschen Gauen; ihm gilt der letzte feuchtverschleierte Blick des scheidenden und der jubelnde Willkommengruß des heimkehrenden Deutschen. – – –

Der goldene Wetterhahn auf dem alten Gutshaus blinkte und funkelte; blitzblank hatte die Februarsonne ihn geputzt. Lustig knarrend drehte er sich im linden Winde und äugte scharf die helle Landstraße hinunter. Dort die dichte Staubwolke beim Bahnhofsgebäude, war das nicht – –?

Die graublauen Täubchen, die sich auf dem Dachfirst sonnten, wurden zu Rate gezogen; sie drehten die Köpfe nach allen Seiten.

»Rucke–di–guck–rucke–di–guck,
Wir wissen genug,«

girrten sie und flatterten in den Geflügelhof hinab. Bald wußte man es auch dort; die Gänse und Enten schnatterten, die Hühner gluckten es, und der Hahn schrie es mit lautem Kikeriki vom Gartenzaun in die Welt hinein: »Uns' Lening kummt heut wedder tau Hus – uns' olle Nedderdorfer Dirn!«

Vor dem Küchenfenster spazierten Cäsar und Peter, der Hauskater, in ausnahmsweiser Eintracht auf und nieder. Cäsar schnupperte in die Luft – Mamsell hatte Waffeln gebacken – und jedesmal, wenn Dörthe zu der Gartenpurt humpelte, wo sie, die Augen mit der Hand beschattend, die Landstraße hinunterspähte, gab er ihr gravitätisch das Geleite.

»Je, du truges Biest, du büst ok froh, wat? Jo, hüt freut sich jedwerein,« sagte die Alte und streichelte schmunzelnd seine langen Ohren.

Plötzlich begann Cäsar laut und kurz zu blaffen; nur er vernahm das ferne Räderrollen des Affenkastens. Aufgeregt sprang er vom Haus zur Gartenpurt und von der Gartenpurt zum Haus. Hörte denn niemand das Nahen Lenis? Wo steckte bloß Dörthe, der olle Frugensmensch, wo war Karl Heinz, der nölige Jung? Ih, der stand doch wirklich noch oben auf der Leiter und nagelte im Schweiße seines Angesichts »Herzlich willkommen auf Nedderdorf« an die Ehrenpforte des tannengeschmückten Hauses. Cäsar umsprang kläffend die Leiter, aber der Junge hatte nur ein »Kusch dich, Cäsar!« für den klugen Hund. Da rannte Cäsar auf eigene Faust, ein langgezogenes Freudengeheul ausstoßend, die Straße entlang, der Spielgefährtin seiner Kindheit entgegen.

Auch Peter, der Kater, war nicht müßig geblieben; der war um das Haus gestrichen bis in den viereckigen grauen Turm. Es knackte und knisterte heute in dem alten Gestein; es surrte und summte in den dunklen Nischen und Winkeln. Wußte der Turm, daß der Liebling des Hauses nicht mehr fern war? Droben im Turmstübchen aber rumorte Frau Lisabeth; sie legte die letzte Hand an. Was hatte denn Mutting in dem alten Turm zu schaffen, wenn ihre Älteste heimkehrte? Der Kater war durch die Türspalte hineingehuscht und zerrte an den Kleidern der Gutsherrin. Frau Lisabeth wurde aufmerksam. »Du meinst woll, es ist nu all Tid, Peter; na, denn komm man,« sagte sie glücklich lächelnd.

Horch, Rädergeroll! Mutting und Peter jagten die Turmtreppen hinab und »Mutting – mein Mutting!« jubelte es von dem Kutschbock des Affenkastens, wo Leni neben dem von einem Ohr zum anderen grienenden Jürgens thronte.

Warm und weich lag Leni an Muttings Brust; sie hob den Kopf nicht. Ja, Leni, jetzt weißt du es, solch einen guten Platz gibt's nicht da draußen in der Welt!

Aber die anderen wollten nun auch ihr Teil. Karl Heinz stand mit dem Hammer in der Hand und mit den von dem eiligen Leiterabrutsch zerfetzten Hosen umarmungsbereit da. Die Lütten zerrten an Lenis Zöpfen, denn »mit so 'ner Londoner Löwenmähne darf ich Mutting nicht vor die Augen kommen,« hatte Leni erklärt.

Schon dreimal wollte Dörthe ansetzen: »Je, Lening,« aber für Leni existierte nur Mutting.

Da faßte Vating, der inzwischen mit Onkel Richard, Mary und Lizzie dem Affenkasten entstiegen war, sein Mädel mit dem alten Griff.

»So, Alte, nu laß den Slingel man heut noch wieder los! 's gibt hier noch andere Leute zu begrüßen! Hätt' sie knappemang erkannt, die Krabbe. Das ist ja äußerlich fast 'ne Dame geworden, aber innerlich – na, ich denk', meine frische, brave Dirn ist mir ohne Stadtmucken wieder heimgekommen. Wollt's ihr aber auch geraten haben!« Hinter Vatings rauh polterndem Ton verbarg sich die tiefe Bewegung und Freude, seine Leni wieder zu haben.

»Dirn, Leni, du bist ja jetzt man noch 'n halben Kopp lütter als ich,« war alles, was Karl Heinz zur Begrüßung herausbrachte.

Leni schüttelte ihrem Karling fast den Arm aus dem Gelenk. »Min ollen gauden Jung, du bist doch der beste!«

Vorn am Hals hing ihr Fränzchen, den Rücken lang Hänschen. Nein, wie groß waren die Gören geworden! Und lütt Susing, die erst ganz fremd und verschämt tat, und dann doch nach der großen Schwester langte! Ach, wie hatte sie es nur so lange in der Fremde ausgehalten!

»Je, Lening« – oll Dörthe kam nun endlich an die Reih' – »nu möt ick woll Sei und Frölen tau di seggen – nee, Dirn, nee, ick kreg dat nich fartig! Du hast noch datsülwige Görengesicht un de leiwen Kinnerogen von duntaumalen, wenn du ok hüt föfteihn Johr olt büst!«

Fünfzehn Jahr? Richtig, der 25. Februar, das hatte man ja über dem Wiedersehen ganz vergessen! Und nun ging's noch einmal los mit Umarmen und Gratulieren, und auch Mary, die ja an demselben Tage Geburtstag hatte, bekam ihr Teil.

Drinnen im Parterrezimmer standen zwei Geburtstagstische, in jeder Ecke einer, und auf jedem flammten fünfzehn Lichte um das große Lebenslicht. Das war ein schönes Heimkommen.

Mamselling erschien mit einem Berg Waffeln zum Kaffee, wie Leni sie gern aß. Lizzie saß zwischen den Lütten und war schon ein Herz und eine Seele mit allen. Onkel Richard aber wollte gar nicht glauben, daß die blühende Dirn, die da hausmütterlich den Kaffee einschenkte, seine blasse Mary sei.

Dann ging es in den Turm: auch Mutting schloß sich an. Ja, der war's wohl nicht zu verdenken, daß sie sich heute keinen Augenblick von ihrer »ollen Dirn« trennen mochte. Oder hatte Mutting noch einen anderen Grund?

Sie lächelte geheimnisvoll, und jetzt flüsterte sie gar mit Mary; aber ehe Leni noch fragen konnte, stieß Karl Heinz schon die Tür zum Turmgemach auf.

Himmel – Leni traute sich nicht über die Schwelle – das entzückendste Mädchenstübchen, das Mutterliebe ersinnen konnte, tat sich vor ihr auf! Die alten Turmwände waren mit lichten Rosenknospentapeten beklebt; die hellen, zierlichen Möbel zeigten das gleiche Muster. Da gab es ein kleines Sofa und mehrere Sessel; ja sogar der Nähtisch war mit dem gleichen duftigen Stoff bespannt.

»Ist das schön an der Waterkant!«

»Den hat Karl Heinz dir eigenhändig gezimmert, und Mary hat mir geholfen, alles so hübsch herzurichten,« sagte Mutting lächelnd und sich an Lenis Glückseligkeit weidend.

»Ja, und nu biste das Dornröschen hier in dem ollen Turm,« schrien die Lütten.

»Aber schlafen soll das Dornröschen nicht hier; das ist mir zu weit weg, Kind! Du schläfst mit Lizzie in deinem alten Zimmer; am Tage magst du das Turmfräulein spielen, soviel du Lust hast,« vollendete Mutting.

Leni wußte gar nicht, wie sie für so viel Liebe danken sollte. Ach, künftig mußte sie sehr brav sein, um sich das alles zu verdienen!

Bevor es dämmerte, wollte Leni noch einmal auf den Windmühlenberg; eher war sie nicht ganz zu Haus.

Hand in Hand zog sie mit ihrem Karling den oft begangenen Weg empor.

In bräunlichem Violett reihte sich Acker an Acker, mit kahlen Armen umfingen die Buchen- und Eichenwälder die rotbemützten Dorfhäuslein, und die untergehende Wintersonne warf ihre kupfernen Strahlen über die starre, braune Ebene, bis an den mattglänzenden Meeresstreifen in der Ferne.

Leni aber kannte ihre väterliche Scholle. Sie wußte, bald regte es sich in dem schlummernden Erdreich. Dann blühte hier goldgelber Raps empor, dort rauschte Roggen- und Gerstensaat in endlosen Wogen, graugrüner Hafer nickte im Winde, blutroter Mohn und tiefblaue Kornblumen grüßten aus reifenden Weizenfeldern. Leni ahnte den Frühling.

Weit dehnte sich ihre Brust, ihre Lippen tranken den herben Heimatduft.

»Ist das schön – ist das schön an der Waterkant!«

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