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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Landregen.

Es goß in Strömen, von morgens bis abends, und von abends bis morgens – unaufhörlich. Mit geradezu verblüffender Ausdauer rauschte das schmutziggraue Naß hernieder, bald hart und prasselnd, vom Winde gepeitscht, als ob man Säcke von Erbsen gegen das Fensterglas schütte, bald gleichmäßig, sanft und friedlich, voll tödlicher Eintönigkeit, Dickgeschwollene, düstere Wolkensäcke hingen bewegungslos über der vernebelten Landschaft. Grau der Himmel, grau das Dorf und die Äcker, schmutziggrau Hof und Scheune, und grau die Sonne.

»Hu – ah – ha – uh –« Mary gähnte vernehmlich – »ich langweilige mir!«

Keiner der im Zimmer Anwesenden nahm Kenntnis von ihrem trostlosen Ausruf; sie hatten ihn, seitdem der Landregen einsetzte, jeden Tag wohl ein dutzendmal mit anhören müssen. Er machte keinen Eindruck mehr.

Fräulein hielt die zerlöcherten Kinderstrümpfe prüfend gegen das fahlgelbe Tageslicht, Karl Heinz saß bei seiner Schnitzarbeit, die Zwillinge brachten Regenwürmer in einer alten Zigarrenkiste unter, und klein Suschen tappelte von einem zum anderen.

Einträchtig schauten sie beide durch die bespritzte Scheibe in den vereinsamten Hof hinaus.

Jetzt kam sie zu Mary, und zupfte sie an dem Rock.

»Miesche – mehmen – Arm –« befahl sie.

Das junge Mädchen beugte sich mit einem tiefen Seufzer hinab und stellte das kleine Ding auf das Fensterbrett.

Einträchtig schauten sie beide durch die bespritzte Scheibe in den vereinsamten Hof hinaus. Einem großen trüben See glich der sonst so belebte Gutshof; kein Mensch, soweit das Auge reichte. Das dumpfe Brummen der Kühe drang nicht durch die geschlossenen Stalltüren; das Federvieh hockte, den Kopf unter einem Flügel, eng zusammengeschart auf der Hühnerstiege. Nicht einmal Cäsar war zu bewegen, seine Hütte zu verlassen; dies Hundewetter war selbst für einen Hund zu schlecht!

»Hottehüh!« sagte Suschen und wies nach außen.

Mary folgte ihrem Finger. Das Scheunentor hatte sich geöffnet; alle zehn Sekunden erschien in dem halbdunklen Torweg ein Pferdekopf. Ringsherum, immer im Kreise, bewegten sich die vier Ackergäule; sie trieben die Dreschmaschine, Einförmig und gleichmäßig trotteten sie in der Runde einher, tauchten auf und verschwanden wieder, eintönig, einschläfernd, grau und schemenhaft gleich dem Regen draußen. Und wie mit der grauen Landschaft verwachsen, erschien jetzt in der Scheunentür Jürgens grauer Flausrock. Das kurzstummelige Pfeifchen im Mundwinkel, spähte der alte Knecht in die sich kaum verschiebenden Wolken.

»Wat 'n echter, rechter Landregen is, de durt sine acht Dag,« halte Jürgens in tröstlichem Tone zu Mary gesagt, als sie ihn nach den ersten vierundzwanzig Stunden eifrig befragte, ob es denn noch nicht bald aufhöre. Jürgens und der Hahn galten als Wetterpropheten auf Nedderdorf: beide waren gleich zuverlässig.

»Dat ward woll noch 'n lütten Strämel so bi bliwen,« hieß es seitdem jeden Tag. Heute aber, als Mary ihn wieder bestürmte, hatte Jürgens sich bedenklich den Kopf gekratzt und mit einem Achselzucken tiefsinnig bemerkt: »Et kann sin, dat' better ward, kann sin ok nich!«

Nun stand Mary hier am Fenster und wartete darauf, daß es besser werde.

Suschen hatte längst schon wieder herumzulaufen verlangt, Mary aber starrte immer noch regenmüde durch das nasse Fensterglas.

Der Lindenbaum, der mit seinen Zweigen vom Garten in den Hof herüberlangte, war fast kahl. Hu, wie der Wind ihn zauste! Die letzten braunen Blätter riß er dem alten Gesellen von dem ächzenden Geäst. Doch, was war denn das? Wollte jemand bei diesem Wetter fortfahren?

Jürgens watete in seinen hohen Schaftstiefeln über den Hof und spannte Peter und Hans vor den Karrenwagen.

Auch Karl Heinz und die Zwillinge waren ans Fenster geeilt: die kleinste Veränderung wurde in diesen Regentagen zum Ereignis. Karl Heinz öffnete das Fenster.

»Jürgens,« schrie er hinaus, »du bliwst ja stecken!«

»Je, de Pird kummen all dorch,« Jürgens zog den Riemen fester und sah zum Fenster auf. »Ick möt de Wintersaat afhollen un ok woll de Breif; oll Grawert grawwelt sik bi dat Wedder nich herut – ih, du vertrackter Racker, da soll einer nich falsch bi warden!« Damit war die Dachrinne gemeint, die mit ihren lustigen Gießbächlein ihm inzwischen gründlich den Kopf gewaschen hatte.

Das rotbedruckte Schnupftuch erschien auf der Bildfläche; dann zog Jürgens einen alten Sack über den Kopf. »Hü – et – ho – hü!« Hoch aufspritzte das Wasser; schwerfällig setzten sich die Braunen in Bewegung. Die Räder des Wagens versanken tief in dem zähen schlammigen Erdreich; langsam verschmolz der Karren mit den grauen Wasserschleiern, und alles war wieder eintönig wie zuvor.

Mary kannte den Londoner fog, wenn die Riesenstadt die Nebelkappe über die Ohren zog, oft wochenlang, aber niemals waren ihr jene Tage so lähmend, so endlos grau in grau erschienen wie hier auf dem Lande. Sie hatte meist gar nicht acht darauf gehabt. Die Schule, die Freundinnen, das gesellige Leben im Hause, und das bewegte, abwechslungsreiche Treiben in den Straßen ließen keine Langeweile aufkommen.

Sie verstand es nicht, sich selbst zu beschäftigen.

»Mary, willst du mir Strümpfe stopfen helfen?« fragte Fräulein freundlich, als Mary untätig bald Karl Heinz bei seiner Weihnachtsarbeit, bald Hänschen und Fränzchen bei ihren zoologischen Untersuchungen zuschaute.

» Oh no!« Mary schüttelte sich förmlich. Strümpfe stopfen? Das taten nur die Deutschen. Eine englische Lady stopfte Strümpfe nicht selbst; dafür gab es ja Maschinen!

»Wie wär's, wenn du etwas Klavier spielen würdest,« schlug Fräulein wieder vor.

Mary verneinte gähnend. »Ich habe schon gespielen zwei Stundens to-day, I don't like more

»Vielleicht hilfst du der Tante drunten in der Küche, Mary; jetzt beim Schlachten kann man fleißige Hände gebrauchen.« Fräulein mochte das Rekeln und Gähnen des langen Mädels nicht mehr mit ansehen.

» O yes, indeed!« Mary band sogleich voll Eifer Fräuleins Schürze um; das war doch immerhin eine kleine Abwechslung.

Ja, unten in der Küche, da gab es doch wenigstens Leben.

In der Federkammer kauerten die Hofdirnen, sangen und zupften die genudelten Martinsgänse. Hier wurden große Schinken in die Räucherkammer befördert, dort Leber- und Blutwürste gestopft, Gänsebrüste zu Spickgänsen gerollt, und Riesenkübel mit Sülze und Weißsauer eingekocht. Das Winterschlachten war im vollen Gange.

»Das ist recht, mein Dirn, daß du helfen kommst!« So empfing Tante Lisabeth, die mit einer großen weißen Ärmelschürze angetan, hundert Augen und Hände zu gleicher Zeit zu haben schien, das junge Mädchen. »Geh zu Dörthe, die kann dir Arbeit anweisen.«

Dörthe war heute der Mittelpunkt des Ganzen; sie kannte noch alle die alten Wurstrezepte von der Mutter des jetzigen Gutsherrn her.

»Je, lüttes Frölen Miß, denn helpen Sei man hier 'n beten mang de Gäus!«

Dörthe schob ihr einen großen Napf mit Gänseflügeln, Magen, Füßen und Köpfen hin.

Mary sah schaudernd in die Schüssel. Wie die gebrochenen Gänseaugen sie anstierten! Ob das am Ende die Gans war mit dem geknickten Flügel, die immer so langsam einhergewatschelt war und so melancholisch geschnattert hatte?

» No, ich kann nicht! Sie sehen mir so traurig an; ich kann keinen bekannten Gans kochen.« Mary ließ erschreckt das Messer fallen.

Dörthe guckte sie verdutzt von der Seite an.

»Ih, denn nehmen Sei man de Poten, wenn Sei de Köpp tau gruslich sünd, lüttes Frölen. De Undirt dauhn Sei nix nich mihr. Kieken Sei woll, so trecken Sei ehr de Hautschen ut!« Dörthe ergriff eine Gänsepfote und zog ihr mit geschicktem Griff die Haut wie einen gelben Lederhandschuh ab.

Die Sache gefiel Mary. Vorsichtig langte sie ebenfalls nach einem Gänsepfötchen, aber entsetzt ließ sie ihn sogleich wieder los. Es war doch gerade, als ob ihr die Gans noch einmal die Hand zum Lebewohl reichen wollte. »Ich u–ill nicht machen das – oh no – ich habe ein zu weicher Herz.« Das Backfischchen faßte die schinkenbeladene Dörthe am blauen Schürzenzipfel.

»Wat 'ne olle lütte Stadtmamsell!« dachte die alte Dörthe kopfschüttelnd; aber als Mary ihr nun bittend mit den zarten Fingern über die runzlige Wange fuhr – denn wenn es etwas zu erbetteln gab, vergaß selbst das Prinzeßchen den Standesunterschied – wies sie dem zimpferlichen Ding doch gutherzig eine andere Arbeit an.

»Na, denn stoppen Sei man de Lewerwust hier; dat Stück is pläsierlicher. So, un dat Tüg, dat wickeln Sei ehr denn an 'n Enn herümmer, Frölen Miß; damit maken Sei ehr tau.« Dörthe stellte das fertige Wurstgemengsel, den sauber zubereiteten Darm, Wurstpeile, und was sonst noch dazu gehörte, vor das Backfischchen.

Langsam machte sich Mary an die Arbeit. Das »Stopfen« schien heute nun mal ihr Verhängnis zu sein; erst Strümpfe und nun Wurst! Sie begann die Enden des Darms geschickt zu umwinden und das Holzstäbchen dagegen zu binden. Ein Seufzer der Befriedigung hob ihre Brust – allright.

Dear me, wie bekam sie denn nun aber die Füllung hinein? Mit langem Gesicht betrachtete sie den kunstvoll an beiden Enden zugewickelten Darm.

»Dörthe, Dörthe, das Pelle ist fertig, aber der Wurst hat keine Eingang more,« rief sie bedenklich.

Dörthe kam eilig herbeigelaufen. Sie stützte die Hände in die Seiten und lachte, daß ihr die dicken Tränen über das alte Gesicht rollten. Die Hofdirnen in der Federkammer reckten neugierig die Hälse und den mit einem weißen Tuch verbundenen Kopf; Mamsell, Mining, Gusting und Körlin schielten herüber, und Tante Lisabeth ließ ihre Sülze im Stich und eilte herzu, um zu sehen, was es denn da gebe.

»Madamming« – Dörthe wischte sich mit der schwieligen Hand die Tränen von der Wange und wies auf das betroffene Backfischchen, das hilflos mit der mißglückten Wurst in der Hand dastand – »Madamming, kieken Sei blot dat olle Worm von Wust; die Sak is würklich dull.« Dörthe lachte noch immer.

Als aber Tante Lisabeth nun ebenfalls in das Gelächter mit einstimmte, da warf das empfindliche Prinzeßchen die merkwürdige Wurst fort und lief weinend aus der Küche.

»Lütt Frölen – äwer Frölen Miß – argern Sei sich man nich; dat brukt Sei gor nich schauirlich tau sin! Sei möten jo irst lirnen,« rief die gute Dörthe hinter ihr her; aber Mary wollte nicht mehr hören. Sie stand wieder am Fenster und weinte mit dem Himmel um die Wette.

Nebenan im Kinderzimmer war man »im Schummern« zusammengerückt. Fräulein hatte Suschen auf den Schoß genommen; Fränzchen und Hänschen hatten sich so lange um die Fußbank gestoßen, bis keiner von ihnen auch nur einen Zentimeter mehr als die Hälfte »besaß«, und kauerten nun zu Fräuleins Füßen. Selbst Karl Heinz hatte den Briefmarkenkasten für Vating bei der einbrechenden Dunkelheit sinken lassen und den Kopf in beide Hände gestützt. Sie lauschten alle dem Märchen vom Regenmännlein, das Fräulein erzählte.

Unwillkürlich mußte auch Mary hinhören; das war ja eine lustige Geschichte! Sie vergaß allmählich ihren Kummer. Da, der große Tropfen, der eben auf das Fensterblech sprang, war das nicht das spannenlange Regenmännlein mit seinem winzigen Schirm, das dem bösen Buben, der so arg auf das Wetter schimpfte, ins Fenster hineinsah?

Marys Auge versuchte die dichten Dämmerschatten zu durchdringen. Hatte sie nicht auch über den Landregen gestöhnt und geseufzt? Horch, wie es gegen das Glas trommelte! Jetzt klopfte das Männlein dreimal Einlaß begehrend. Die große Mary hielt es doch für geratener, den etwas unsicheren Platz am Fenster aufzugeben und sich in Fräuleins geschütztere Nähe zurückzuziehen.

Nun hockten sie alle wie die Küchlein dicht zusammen. Langsam breitete die Dunkelheit draußen ihren schwarzen Mantel über den Gutshof; der Wind pfiff heulend um den Wetterhahn, der Regen pladderte gegen die Scheiben, und Fräulein erzählte.

Da ging die Tür. »Das Regenmännlein!« schrien die Kleinen erschreckt; auch Mary faßte Fräuleins Arm. Aber es war nur Mutting, die mit der brennenden Lampe ins Zimmer trat.

»Na, Kinnings, vertellt ihr euch was? Das ist schön! Aber nun ist das Schummerstündchen aus; jetzt bringe ich Arbeit.« Frau Lisabeth stellte einen umfangreichen Kasten auf den Tisch.

Die Kinder, die geblendet die Hand über die Augen gedeckt hatten, drängten sich neugierig hinzu.

»Och, Puppen!« rief Karl Heinz enttäuscht, als ein flachsköpfiges Püppchen nach dem anderen aus dem Pappkasten spazierte. Auch die Zwillinge taten so verächtlich, als ob sie niemals die Puppen ihres lütt Schwesting heimlich zu ihren Spielen benutzt hätten. Nur klein Suschen griff jubelnd nach dem Spielzeug. Mary sah fragend die Tante an.

»Ja, mein' Dirn, die sollt ihr anziehen, Fräulein und du; Jürgens hat sie eben von der Bahn geholt. Die bringt der ›Ruklas‹ den Tagelöhnergören als Julklapp zum Weihnachtsfest,« erklärte die Tante dem Londoner Backfischchen, das weder etwas von »Ruklas« noch von »Julklapp« wußte.

Aber daß sie die niedlichen Püppchen alle ankleiden sollte, das hatte sie begriffen; sie strahlte über das ganze Gesicht. Eine hübschere Arbeit hätte sich das putzsüchtige Backfischchen gar nicht wünschen können.

» Oh, I have so viele Bänders und Lappens, aller Farbens; ich bringe ihnen gleich.« Sie lief aus dem Kinderzimmer und kam mit Schachteln und Schächtelchen bepackt wieder zurück.

»Rot, gelb, blue and green, hier ein scottish band; daß muß werden ein scottish Bäuerin. Well, der Puppe kriegt einen fashionable Spitzenkleid; that is eine vornehme lady. O, ich habe eine old Strohhut; eine Hut muß es kriegen auf!« Sie war schon wieder aus der Tür.

»Na, das ist was für das Putzlieschen,« Tante Lisabeth sah ihrem Nichtchen lächelnd nach. »Denn man tau, Kinnings; hilfst du auch, lütt Susing?« Sie strich dem Kleinchen, das eine Puppe in den Armen »Baba wiegte«, über das weiche Haar und begab sich wieder in die Wirtschaftsregionen.

Mary aber beugte mit heißen Wangen den blonden Kopf über die Schneiderarbeit; ihre noch vor kurzem trüben Augen leuchteten. Auf Regen war Sonnenschein gefolgt.

Fräulein mußte alle Hemdchen, Höschen und Röckchen nähen, denn das ging Mary viel zu langsam; aber die Kleidchen machte sie allein. Sie entwickelte dabei den vornehmen Geschmack, den sie von ihrer Mama geerbt zu haben schien. Da sie mit Lust und Eifer an die Sache ging, blieb auch die Geschicklichkeit nicht aus. Das Backfischchen, das sonst über jeden Riß stöhnte und jammerte, ließ jetzt lustig die Nadel durch das Spitzen- und Seidenzeug stiegen. Lange Stiche, wenn es nur hübsch aussah; das gefiel ihr so.

Die Dorfkinder würden Augen machen! Die hatten bisher nur Gänse, Schweine und Ochsen zu sehen bekommen, aber noch keine Schottin, keine english lady und elegante babies. Little boys in Matrosenanzügen, in Tenniskleidern, ja sogar eine Balldame mit langer Schleppe erstand unter Marys schlanken Fingern, allerdings alles nur halb. Sie machte nichts fertig; immer fiel ihr noch etwas Schöneres ein. Auch Hütchen nähte und formte sie eigenhändig, blaue Matrosenmützen, Pelzbarette und Muffe, denn der Winter an der Waterkant war kalt.

Karl Heinz hatte sich mit seiner Holzarbeit neben sie gesetzt und gab bei allem seinen Senf dazu, aber heute lachte ihn Mary des öfteren aus.

» Oh boy, du hast keine Geschmack, not at all! Grünes Rock und rotes Bluse? That is not fashionable! Look! Jung, blaues Rock muß sein; now ist der Puppe tip-top

Der lange Winterabend flog dahin. »O, schon supper?« fragte Mary sehr erstaunt, als Dörthe heraufrief, die frische Wurst mit Pelltüften stehe »all up 'n Tisch«.

Auch beim Abendbrot erzählte das Backfischlein von nichts anderem als von den Puppenkleidern; sie war in so gehobener Stimmung, daß sie sich sogar herbeiließ, Karl Heinz eine Kartoffel zu schälen.

»Kiek, Prinzeßchen, das mach' ich viel fixer!« Im Nu hatte er drei Kartoffeln für Mary geschält.

»O, du nimmst ja die Fingers als Messer!« rief Mary entsetzt und schob naserümpfend die ihr gespendeten Erdäpfel zurück.

»Na, denn nich, min Dirn!« Karl Heinz hatte ein dickes Fell; ohne jede Empfindlichkeit nahm er die Freundschaftsgaben wieder an sich.

»Kinnings, paßt auf, der Regen geht zu End'! Der Wind hat sich gedreht; morgen wird das Wetter besser,« prophezeite Vating mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wird all Zeit für die Wintersaat; auch den Rüben könnt' ein rechtschaffener Frost nichts schaden.«

»Ich wünsche, es regnet to-morrow das ganze Tag,« seufzte Mary aus tiefstem Herzen.

»Nanu, Miezeken? Du hast doch genug über die Regentage geklöhnt, Dirn; auch wetterwendisch, he?«

» Oh no, but man kann machen bei das Regen so schöne Puppenkleiders; that is very interesting

»Miezeken, hör auf!« Der Onkel hielt sich halb scherzhaft, halb im Ernst die Ohren zu. »Das Kleidergedrähn ist ja nicht mehr mit anzuhören; nee, was geben die ollen lütten Dirns mit ihrer Kledasch' an! Wenn mir die Leni auch etwa so wird – ih, täuw du man, min Döchting!« Er schüttelte drohend die Faust gegen die Ferne, aber in seine blauen Augen trat eine weiche, sehnsüchtige Zärtlichkeit. Mutting strich ihm leise über den Arm; sie wußte wohl, wie bange Vating nach seiner Ältesten war, auch wenn er es nicht zugestand.

Mary und Karl Heinz kabbelten sich inzwischen zur Abwechslung mal wieder ein bißchen. Karl Heinz mußte doch auch seine Meinung über die Eitelkeit der Mädel abgeben, und daß Mary es sich nicht gefallen lassen wollte, mit dem Truthahn auf dem Hofe verglichen zu werden, konnte ihr ja auch niemand verdenken.

»Sixte, jetzt wirst du puterrot; nu kriegst du gleich 'n Koller, ganz wie der Truthahn,« hänselte sie der Vetter immer von neuem.

Marys Finger krümmten sich. Am liebsten hätte sie gekratzt; das war die heldenhafte Art, wie sie sich früher stets gegen Bobby verteidigt hatte. Da trat Tante Lisabeth zum Glück trennend dazwischen.

»Jung, willst du woll Frieden halten? Muß man denn immer achter euch her sein? Sieh lieber eins nach, wo die Lütten stecken, daß die nicht wieder Unfug treiben; es ist mir zu still da oben.« Mutting lauschte zu dem über dem Eßzimmer gelegenen Kinderzimmer empor.

»Tante ist doch nie zufrieden,« dachte Mary heimlich. »Wenn die boys Lärm machen, schilt sie, und wenn sie still sind, ist's auch nicht recht!«

Aber Mutting kannte ihre kleinen Rangen. Wirklich, Karl Heinz suchte sie vergeblich in allen Winkeln. Die Gören würden doch nicht etwa bei Nacht und Regen hinausgelaufen sein? Spähend trat Karl Heinz in die Haustür.

Das dreeschte ja noch recht nüdlich vom Himmel herab! Drüben in der Scheune legten die Drescher noch die letzten Kornschwaden in die Dreschmaschine. Herrje, der winzige Schatten dort am Fenster – »is das Lüttzeug doch wirklich wieder ausgekniffen!«

»Hänschen – Fränzchen!« Karl Heinz legte die Hände an den Mund und schrie in den Hof hinein, aber der Wind brüllte lauter als er; hohnlachend nahm er ihm die Worte von den Lippen.

Es half nichts; er mußte durch den Regensee waten, und die Kleinen zurückholen. Bis an die Büchsen schwippste ihm das Wasser.

»Jung!« Karl Heinz packte das erschreckte Fränzchen, das sich gerade von einem der Drescher auf einen Gaul heben lassen wollte, beim Kragen und beförderte es trotz heulenden Protestes und lebhafter Gegenwehr der Arme und Beine durch den Hofteich zum Wohnhaus zurück. »Jung, wo ist Hänschen?« Karl Heinz schüttelte den kleinen schreienden Gesellen erzieherisch.

»An der Pump,« wurde es endlich aus dem Schluchzen verständlich.

»I der Tausend!« Karl Heinz überließ Fränzchen Mutting und seinem Schicksal, und lief aufs neue in den Regen hinaus. Den Tod konnte sich das Wurm ja holen!

»Hänschen!« Da stand die Wasserpumpe, aber kein Hänschen dabei.

»Was 'ne Düsternis,« brummte Karl Heinz und strich sich die nassen, klebenden Haare von der Stirn. »Hänschen –!«

»Hier,« rief eine klägliche Stimme dicht neben ihm. Karl Heinz tappte darauf zu – patsch, da war er mit der Hand in die große Regentonne geraten, die bis zum Rande gefüllt war.

»Dunnerlittchen!« Karl Heinz schüttelte sich wie ein Pudel; da kam's ja noch obendrein wie eine Dusche von der Dachrinne herab! Wenn er nur erst das Hänschen hätte! »Jung, komm her,« schrie er aufs neue.

»Ich häng' ja hier an der Tonne,« winselte es wieder aus nächster Nähe.

Karl Heinz griff zu; richtig, er hielt den nassen Kopf des kleinen Bruders gepackt.

»Jung, bist du denn ganz verdreht? Was tust denn hier? Laß los!«

Vorsichtig löste er die Hände des Kleinen, die sich gar nicht von der Regentonne trennen wollten, von dem Holzrand und stellte den Zappelnden auf seine Füße. Aber er behielt ihn fest am Schlafittchen; vielleicht hatte er noch einmal Lust zum Auskratzen.

Ach nein, die war dem armen Hänschen gründlich vergangen!

»Das Regenmännlein – ich hab' doch man das Regenmännlein suchen wollen,« heulte der bibbernde Kleine auf Karl Heinz' Vorwürfe. »An der Pump war er nicht; da wollt' ich sehen, ob er nicht in der Regentonne wohnt. Und denn – denn konnt' ich nicht wieder runter, jawoll – und – und« – er schluckte krampfhaft – »und denn war ich so bange, ob das olle Dings auch nicht kippt, und ihr mich nie mehr findet –«

Die letzten Worte gingen in einem erneuten Geheul unter, denn in dem Hausflur, in dem sich sofort eine dunkle Lache um Karl Heinz und Hänschen bildete, standen mit »verheißungsvollen« Mienen Vating und Mutting. Aber vorläufig entging der kleine Schlingel, der sich im Vorgeschmack des elterlichen Strafgerichts schon recht ängstlich gebärdete, ihm noch; niemand traute sich an das triefende Bürschchen heran.

Dann aber siegte die Mutterliebe. Frau Lisabeth ergriff den Kleinen, der sich wie eine naßkalte »Pog« anfühlte, und trug ihn nach oben; eine düstere Schlammspur zog sich hinter ihnen her.

Schade, Mamsell backt heute gerade Martinsmännchen: sie soll aber gleich Haferschleim für dich aufsetzen.

»Freu' du dich man auf morgen, min Söhning; morgen sprechen wir zwei uns!« klang es von Vatings Lippen Hänschen noch tröstlich ans Ohr.

Am anderen Morgen war Hänschen nicht zum Aufstehen zu bewegen.

»Du, der Herr Kantor wird lauern,« stellte ihm sein Zwillingsbruder vor, der es für unmöglich erachtete, allein ohne Hänschen in die Schule zu gehen.

Auch Fräulein versuchte es im guten und im bösen – vergebens.

»Ich bin krank, doll krank,« stöhnte der Kleine, sah aber dabei ganz munter und ausgeschlafen aus. Mutting wurde geholt. Sie fühlte Kopf und Puls, denn eine Mutter ist ja ein halber Doktor.

»Na, denn bleib liegen, mein Jung, wenn du krank bist. Schade, Mamsell backt heute grade Martinsmännchen; sie soll aber gleich Haferschleim für dich aufsetzen.« Hänschen überlegte eifrig; ganz rot wurde er vor Anstrengung. Was war vorzuziehen, die versprochene Tracht Prügel von Vating und Martinsmännchen, die es mir alle Jahr einmal gab, oder keine Prügel und Krankensuppe?

Mit einem Satz war Hänschen aus dem Bett!

»Mir ist jetzt schon viel besser,« versicherte er, »aber für Haue bin ich doch woll noch 'n bischen zu swach,« setzte er schnell diplomatisch hinzu.

Mutting, die gleich gewußt hatte, was die Glocke geschlagen, drohte dem kleinen Schauspieler ernst: »Für Martinsmännchen am Ende auch, mein Jung!« Ob Vating nun ebenfalls fand, daß Hänschen für die in Ansicht gestellten Hiebe noch zu leidend sei, oder ob sein väterlicher Zorn über Nacht verraucht war, der Kleine kam mit einem gelinden Rüffel davon.

Vatings Wetterprognose erfüllte sich. Das tagelange Trommeln und Prasseln hatte am anderen Morgen aufgehört; nur der Wind schnob noch über Hof und Acker und leckte gierig die Regenlachen und Pfützen auf. Wolkenfetzen flatterten um die Dorfhütten und Waldungen; der Sturm trieb sie lustig vor sich her. Jetzt hob sogar die Sonne behutsam einen Wolkenzipfel auf und blinzelte, immer noch müde und verschlafen, auf die schmutzige Erde herab, ob denn das große Scheuerfest noch nicht bald beendigt sei. O weh, da auf der Landstraße, da sah es ja noch lustig aus! Geschwind langte sie nach ihrem goldenen Strahlenbesen und fegte und kehrte, bis alle Wege, Felder und Höfe wieder blitzsauber waren.

Mary aber lief freudestrahlend zum Onkel, »Onkel U–aldemar, das Sonne scheint; u–ir können morgen nach Staveneck!«

Dann ging es wieder spornstreichs an die Arbeit; dear me, was hatte sie noch alles bis morgen zu tun!

Das dunkelblaue Kostüm hatte Kerzenflecke und einen dreieckigen Riß, zum Glück in der Falte. An der weißen Matrosenbluse fehlten zwei Knöpfe; der neue rote Winterhut, den Mama aus London geschickt hatte, und der ihr »bezaubernd« stand, war noch ohne Gummiband, und die Morgenschuhe mußten auflackiert werden. Sie sollte ja acht Tage bei Mieting bleiben!

Da stand es; Mary zog trotz der vielen Arbeit zum soundsovielten Male den Brief der Freundin wieder aus der Tasche. Mieting schrieb unter ewigen Freundschaftsbeteuerungen, Betrachtungen über den Regen, zwischen Sehnsuchtsergüssen und dem diesjährigen Schweineschlachten, wie sehr ihr Mieting sich freuen würde, Mary für acht Tage als Gast auf Staveneck zu haben.

»Bitte nur dein Tanting recht sehr; dat soll ein Lewen warden!« schrieb sie noch als elfte Nachschrift unter den fertigen Brief.

Mary hatte ihr Tanting gar nicht sehr zu bitten brauchen; die gute Frau Lisabeth gönnte ihr gern die Freude, und ein Zusammensein mit der verständigen Mieting und der praktischen Frau Dürenfurt, die als die tüchtigste Wirtin an der Waterkant galt, konnte dem Prinzeßchen nur von Nutzen sein.

Es traf sich gut, Onkel Waldemar mußte sowieso zu seinem Gutsnachbar hinüber; da wollte er bei besserem Wetter das Miezeken selbst abliefern.

»Kind, Mary, willst du etwa all den Kram hier mitschleppen? Frau Dürenfurt soll dir wohl das ganze Gehöft anweisen?« fragte die eintretende Tante lachend und begann eine Auswahl unter Marys ausgebreitetem Staat. »Das Mullkleid bleibt hier, auch die Goldkäferschuhe; dünne Blusen brauchst du im November nicht mehr, und drei Hüte – nee, mein' Dirn! Die Mütze wird aufgesetzt und allenfalls der rote Hut mitgenommen. Was sollen denn die Dürenfurts denken, wenn du wie ein Möbelwagen einrückst? Die glauben ja woll, du willst dich gleich in Permanenz erklären. Oder hast du etwa die Absicht, uns hier piplings zu verlassen und auszurücken, Dirn?« setzte sie scherzend hinzu.

»Aber Tante Lisabeth!« Mary machte erschreckte Augen. »O, Tante Lisabeth, no, I shall return, wenn du mir haben willst!« In einer plötzlichen zärtlichen Aufwallung schmiegte sie sich an die Tante.

»Bist doch meine olle lütte Dirn!« Frau Lisabeth streichelte ihr den Blondkopf.

»Tanting,« Mary benutzte die liebkosende Stimmung der Tante, »laß mir doch das rote Hut aufsetzen, ja?«

»Nee,« sagte Tante Lisabeth, das große Mädchen aus den Armen lassend, »bist schon grad eitel genug, Dirn. Du fährst mit der Mütz' oder gar nicht!«

Die Tante packte die Sachen des Backfischchens zusammen, das unzufrieden die Unterlippe vorschob.

»Was, Dirn, das soll ein gestopfter Riß sein? Ich muß mich ja vor Frau Dürenfurt schämen, wenn ich dich so einherlaufen lasse! Schicke mir rasch Fräulein nach oben; sie ist mit Suschen ein bißchen auf den Hof gegangen. Das lütte Wurm ist schon ganz blaß von dem Stubenhocken. Kannst noch ein Viertelstündchen mit ihr unten bleiben; aber paß auf, daß sie nicht ins Nasse läuft. Wir wollen dir dein Sach hier schon richten.«

Mary trollte sich auf den Hof. Ihre Gedanken aber blieben oben bei dem schönen roten Hut. Sie hatte sich so darauf gefreut, Mieting damit entgegenzukommen!

Lütt Suschen machte auf dem etwas erhöhten, bereits ganz trockenen Teil des Hofes, ihren Spaziergang und verzehrte dabei ein knusperiges Martinsmännchen. Fräulein hielt sie an der Kapuze ihres kleinen blauen Mantels.

Mary löste Fräulein ab. Stumm schritt sie hinter Baby her.

»Miesche, bösche?« Die Kleine drehte sich zu ihr um und richtete die Blauaugen erstaunt auf sie.

Schnell beugte sich Mary hinab und küßte sie.

»'llein laufen!«

Mary willfahrte; ihre Gedanken wanderten nach Staveneck. Ob sie sich unterwegs heimlich den roten Hut aus der Schachtel nahm? Aber Onkel U–aldemar ...!

Sie sah nicht, daß Suschen, des einförmigen Weges müde, quer über den Hof mitten durch eine stehengebliebene Pfütze dem Geflügelhof zustrebte, auch nicht, daß ein noch ungeschlachteter, großer Gänserich seinen Abendspaziergang bis auf den verbotenen Raum hinter der offen gebliebenen Gittertür ausdehnte. Erst als sie Suschen bitterlich weinen hörte, kehrte sie von Mieting zurück. Aber der Anblick, der sich ihr bot, war so komisch, daß sie hell zu lachen begann, ohne dem kleinen Ding zu Hilfe zu kommen.

Der Gänserich hatte Appetit auf Suschens gelbbraunes Martinsmännchen bekommen und es ihr fortgeschnappt. Nun stand Kleinchen weinend vor dem Räuber, schlug die Hände zusammen, knickste höflich und wiederholte immer wieder: »Bitte scheen – danke scheen – bitte scheen!« Wenn sie so artig bat, mußte er es ihr doch wieder geben!

Doch da der Gänserich kein Einsehen hatte, lief sie entschlossen auf das Tier zu und versuchte, ihm das Martinsmännchen wieder aus dem Schnabel zu reißen. Der Gänserich fauchte, schnappte und wurde tückisch; Suschen schrie wie am Spieß. Jetzt erst setzte sich die immer noch lachende Mary in Bewegung.

Aber auch Tante Lisabeth und Fräulein eilten herbei, um das Kind zu schützen, und Mary wurde wieder mal gründlich ausgezankt. Die große Dirn, zu nichts war sie nutz!

Marys Stimmung am letzten Abend vor ihrer großen Reise war recht trübselig geworden.

»Wenn ich bloß erst fort wäre!« dachte sie störrisch.

Aber als sie dann am anderen Tage neben dem Onkel warm verpackt im Affenkasten saß – es war tüchtig kalt geworden – drehte sie immer wieder den Kopf zu Tante Lisabeth, Karl Heinz, den Gören und dem Gutshof zurück, als ob es nach Amerika gehe. Wenn sie auch die Mütze hatte aufsetzen müssen, und wenn Tanting auch manchmal schalt, sie hatte sie ja doch lieb!

Über die grauschwarzen Äcker und durch die kahlen Wälder war in der Nacht der Winter geschritten. Ein funkelndes Reifkleid hatte er über Au und Flur gestreift, die Freundschaftswiese mit Milliarden von glimmernden Silbersternchen bestickt, und die Dohlen und Krähen aus ihren Schlupfwinkeln aufgescheucht, daß sie krächzend landeinwärts flogen. Er selbst aber hatte sich zu Jürgens auf den Kutscherbock geschwungen und blies Vating und dem Backfischchen seinen eisigen Atem ins Gesicht; er färbte Vatings blonden Bart schneeweiß und Marys Näschen rosenrot. So hielten sie ihren Einzug auf Staveneck, wo man schon auf sie wartete.

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