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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Gut Freund.

Lenis Krankendienst war zu Ende. Das servant-maid tummelte sich wieder wacker im Hause, Margaret entschädigte den Onkel und Leni durch die saftigsten Roastbeefs, und die Miß nahm ihre Pflichten wieder auf.

Heute wurde auch Lizzie aus der Klinik zurückerwartet.

Leni war mit Kitty im Covent Garden zum Blumenmarkt gewesen und hatte die ganze Cottage mit Blüten und Zweigen geschmückt. Rote japanische Bälle wiegten sich in schlanken Vasen; Leni hatte sie geschmackvoll in der hall verteilt. Das Kinderzimmer glich einem weißen Chrysanthemengarten, und um den Namen »Lizzie« über der Haustür hatte das Backfischchen eine Blättergirlande gewunden. Jetzt schritt sie prüfend von Zimmer zu Zimmer; ihr Herz klopfte in frohem Stolz. Das ganze Haus trug ein festliches Gepräge. Sie hatte ihre Sache fein gemacht!

Kamen sie denn noch immer nicht? Leni stand am Fenster und wartete; die Zeit verging unerträglich langsam.

Ob Lizzie nun wirklich die Treppen emporspringen würde? Leni glaubte es nicht recht. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Tage, da sie Lizzie das erstemal in der Kinderklinik besucht hatte.

Ein trüber Schatten huschte über das junge Mädchengesicht. Von klein auf hatte Mutting sie zu Armen und Siechen im Dorf mitgenommen; doch das waren meist alte Leute gewesen. Aber als sie hier in dem großen Saal die armen Würmer mit ihren Gebrechen erblickte, da waren ihr die Tränen aus den Augen gestürzt. Babys, die noch nicht laufen und sprechen konnten, kleiner noch als ihr lütt Schwesting daheim, lagen in Verbänden, in Maschinen und Streckbetten. » Pain – pain,« schrie ein kleiner Junge; tagelang verfolgte Leni diese klagende Kinderstimme. Sie hatte sich zu dem Kleinen voll innigen Mitleids niedergebeugt. »Wo hast du denn Wehweh, armer kleiner boy

Kamen sie denn noch immer nicht?

Das Kind wies auf sein Bein und sah Leni in hilflosem Jammer an. Und sie hatte nichts, gar nichts bei sich, um dem Kleinen eine Freude zu machen!

Aber das nächstemal kam sie mit Spielzeug beladen in die Kinderklinik. Bis auf den letzten Penny hatte sie ihr Taschengeld für die poor little ones ausgegeben. Nur das Spargeld war nicht angerissen worden, beileibe nicht! Das war schon für Weihnachtsgeschenke in die Heimat bestimmt.

Dann wurde sie zu Lizzie geführt. Ein seltsam beklemmendes Gefühl beschlich sie, als der Onkel die Tür zu dem Privatzimmer öffnete, das Tante Jane mit ihrem Töchterchen bewohnte.

In einem verstellbaren Stuhl am Fenster, das in den Garten hinausging, saß Lizzie. Ihre gesunde Seefarbe war schon wieder etwas abgeblaßt, aber die Augen schimmerten in innerer Glückseligkeit. Beide Hände streckte sie Leni entgegen.

»Leni, meine liebe alte Leni, mir war ja so bange nach dir!«

Da verschwand jedes Gefühl des Fremdseins in Lenis Brust; immer wieder neigte sie sich zu der Cousine hinab und streichelte sie.

Auch Tante Jane hatte Leni warm und herzlich begrüßt, sie »junge Stellvertreterin« und »braves Mädchen« genannt, weil sie es mit allen Schwierigkeiten im Hause so mutig aufgenommen hatte.

»Ja, Jane, du kannst ruhig noch ein paar Wochen fortbleiben,« neckte Onkel Richard, »Lenchen ersetzt mir die Hausfrau vollkommen. Aber Pflaumensuppe mit Grießklößen mußt du der Tante auch mal kochen, Kind; die muß doch solch Mecklenburger Spezialgericht ebenfalls kennen lernen.«

Das Backfischlein wurde rot. »Nee, Onkel, man lieber nicht! Das war ja 'n grugliches Essen,« sagte Leni dann mit der ihr eigenen Ehrlichkeit, nicht die Spur empfindlich.

Im übrigen war Leni enttäuscht. Die Operation sollte gelungen sein; freudestrahlend hatte es Onkel Richard ihr mitgeteilt, und auch Lizzie ihr gleich anfangs zugeflüstert: »Leni, was sagst du denn? Ich kann wieder laufen!« Aber sie merkte nichts davon, und als Lizzie dann mit freudestrahlendem Gesicht ihre Gehversuche zeigte, da war Leni noch viel enttäuschter.

Na ja, Lizzie bedurfte jetzt nicht mehr des Stocks; auch das Hinken und Nachziehen des Fußes hatte sich verloren. Aber das linke Bein erschien noch immer steif.

»Lizzie geht wie ein alter Kriegsinvalide!« scherzte der Onkel.

Vorwurfsvoll sah Leni ihn an. Wie konnte der Onkel nur über das, was ihr selbst in innerster Seele weh tat, einen Spaß machen! Ihr sprechendes Gesicht verriet ihre Gedanken; Lizzie, die ihre altere Freundin so gut wie sich selbst kannte, las sie ihr von der Stirn.

» You are sorry wegen der Steifheit, Leni? Die gibt sich noch, sagt Mama und der Arzt.« Mama spielte jetzt bei ihr in jeder Hinsicht die erste Rolle. »Ich werde täglich massiert und muß orthopädische Übungen machen; etwas besser ist es ganz bestimmt schon geworden!« So versuchte sie selbst, Leni zu trösten.

Ach, wie sehr hoffte Leni, daß die Cousine recht behalte! Ihr Herz klopfte zum Zerspringen vor Aufregung. Wie würde Lizzie heimkehren?

Sie spähte vom Fenster aus auf die Straße. Nur wenige Leute gingen heute am Sonntag vorbei. Es beschlich Leni ein seltsam einsames Gefühl. Sie war allein; die Miß weilte noch in der Kirche, der Onkel holte seine Frau und sein Kind.

War die Herbststimmung draußen im Garten am Ende schuld, daß sie so nachdenklich wurde? Das blutfarbene Blättergeriesel der Buchen, der Silberregen der Pappeln und all die purpurnen, grauvioletten und grünlich-goldenen Laubtöne, das farbenprächtige Ersterben der Natur hatte sie daheim niemals mit Wehmut erfüllt. Wenn der Sommer vorbei war, kam eben der Winter, und der war ja auch schön!

»Ja, solch Kiekindiewelt merkt nichts von Welken und Vergehen,« hatte Mutting oft lächelnd gesagt, wenn Leni begeistert aus dem herbstlichen Walde heimkehrte. »Werd nur erst älter, Dirn, dann wird dir der Herbst auch noch was anderes predigen.«

Freilich, älter war sie inzwischen geworden!

Das Gartentor kreischte. Leni fuhr empor.

Ach je, nur Bobby! Der fehlte ihr jetzt gerade noch! Ob sie vom Fenster fortging?

Nee, ja nich! Auszurücken brauchte sie nicht vor ihm. Wo hatte der sich übrigens den Morgen über 'rumgetrieben?

Sein sonst tadelloser Anzug sah nachlässig und bestaubt aus. Das helle, strähnige Haar fiel ihm wirr in das sommersprossige Gesicht; zwei rote Flecke zeichneten sich auf seinen sonst stets blassen Wangen ab. Der Junge würde wohl ebensowenig Sehnsucht nach ihr haben, wie sie nach ihm; sie verstanden es geradezu großartig, einander als Luft zu betrachten.

Schritte kamen näher. Also doch! Die Tür wurde hinter ihr ins Schloß geschmettert.

Leni wandte sich nicht; sie hatte eine kampfbereite Stellung eingenommen. Aber es blieb alles still hinter ihr.

Verstohlen schielte sie ein wenig zur Seite, ob »der lange Lulatsch« sich auch nicht etwa wieder auf den Polstern »herumfleetzte«. Nein, Bobby hatte das Gesicht in den Händen vergraben; hin und wieder fuhr er sich durch das wirre Haar. Was sollte denn das bedeuten?

Hatte es da nicht laut und vernehmlich hinter ihr geseufzt? Bobby seufzte? Bobby hatte einen Kummer, er, der stets so tat, als ob an seine geheiligte Person sich überhaupt nichts heranwagen könne? Es war wirklich zum Lachen!

Leni lachte aber nicht; sie hatte ein viel besseres Herz, als sie selbst es wußte. Mit erschreckten Augen sah sie zu dem heut so sonderbaren Vetter hinüber.

Jetzt kam es wie ein verzweifeltes Stöhnen unter den sich fest gegen den Mund pressenden Händen hervor. Da schwankte Leni nicht länger. Mit schnellen Schritten trat sie vor den großen Jungen. Vergessen hatte sie allen früheren Streit, warmes Mitgefühl klang aus ihren Worten.

» Bobby, by heaven, was ist dir – was ist geschehen?«

Er antwortete nicht, aber es schien, als ob ein trockenes, mit Gewalt zurückgedämmtes Schluchzen seinen langen Körper schüttle.

Noch einen Augenblick zauderte das junge Mädchen, dann legte es ihm weich die Hand auf das Haupt und streichelte beruhigend sein Haar.

Hier litt jemand tiefe Seelenpein; das sah Leni. Da war es gleich, ob Freund, ob Feind!

» Bobby – boy – will you not tell me – vielleicht kann ich dir helfen?«

Er ließ die Hände sinken und sah sie mit trostlosen Augen an.

» There is no help – I am lost – verloren – aus!« wiederholte er noch einmal mit Grabesstimme.

In Leni erwachte Muttings Energie. Bobby saß in irgend einer Patsche; sie mußte ihm heraushelfen. Mit raschem Griff zog sie sich einen Stuhl heran.

»So, jetzt erzähle!« sagte sie mit fester Stimme, trotzdem ihr das Herz fast hörbar schlug; ihre rasche Entschlossenheit übte eine starke Wirkung auf den willenlosen Jungen aus.

» I have not got my remove into the lower first,« brachte er tonlos heraus, ohne sie anzusehen.

»Nicht nach Unterprima versetzt worden – sitzen geblieben? O weh!« Leni sah erschrocken drein. »Ja, das kommt davon, wenn man zu gut zu seinen Kindern ist und ihnen allen Willen läßt,« dachte sie altklug.

»Papa hat gedroht, wenn ich nicht versetzt werde, nimmt er mich aus dem College und läßt mich ein Handwerk lernen; aber ehe ich das ertrage – – –« Bobby ballte die Fäuste. »Ich fürchte mich auch, es ihm zu sagen,« setzte er nach einem Weilchen kleinlaut hinzu.

Leni fühlte etwas wie Verachtung in sich aufsteigen. Wie erbärmlich klein saß Bobby, der sonst stets ein großes Mundwerk führte, heute vor ihr! Am liebsten hätte sie ihm »feige Memme« ins Gesicht geschleudert. Ob ihr Karling sich wohl auch so benehmen würde?

Das Mitleid mit Bobby gewann wieder die Oberhand; gerade weil er sonst ein richtiger »Großmogul« war, ging ihr seine heutige Niederlage zu Herzen.

» Well, ich werde mit Onkel reden,« sagte sie mit beruhigender Stimme. »Ich werde ihn bitten, es noch einmal mit dir zu versuchen; aber du mußt versprechen, künftig nicht mehr so faul zu sein!« Leni wußte gar nicht, woher sie den Mut nahm, so mit dem langen Vetter zu sprechen.

» Certainly not! I shall not be idle and lazy, nevermore!« Aber er stöhnte noch immer.

»Bobby, Jung, beruhige dich doch! Sie werden gleich kommen!« Leni versuchte ihn aufzurichten.

»Ich verdiene es eigentlich gar nicht, daß du so – so gut zu mir bist – – –«

»Nee, wahrhaftig nicht!« Leni biß sich auf die Lippen; es schien ihr unedel, die Schwäche eines Feindes auszunützen.

Bobby sah indessen mit angstvollen Augen zur Tür. »Sie werden gleich kommen und – und –« Das Schluchzen schüttelte ihn wieder.

»Aber boy, den Kopf kann dir der Onkel doch nicht abreißen!« Leni versuchte zu scherzen.

»Ach, das ist es ja gar nicht! Das ist – that is not all,« stieß er plötzlich mit dem Mut der Verzweiflung heraus.

Leni erbleichte.

»Was denn noch?«

» I have gambled – gespielt – verspielt – gestern mit Charles Edward – all my money und das Schulgeld auch – Papa has given me yesterday.« Bobbys Blick wurde stier. Auch Leni saß wie erstarrt; das Blut in ihren Adern schien stillzustehen.

Gespielt? Fremdes Geld verspielt? Dann war Bobby ja ein Betrüger! O Pfui, pfui! Man würde ihn in den finsteren Tower einsperren – die Schande für Onkel und Tante! Nein, das durfte sie nicht geschehen lassen! »Warte!« sagte sie mit einer ihr selbst fremd klingenden Stimme. » One moment – warte!«

Die Füße versagten ihr fast den Dienst, aber sie hastete trotzdem die Treppe zu ihrem Zimmer empor. Jeden Augenblick konnten die Eltern ja hier sein! Das blumengeschmückte Kinderzimmer erschien ihrem wehen Herzen wie ein Faustschlag ins Gesicht; hier lichte Freude und dort unten – –!

Rasch, rasch! Sie griff zu ihrer Sparbüchse, einem braunen Mohrenkopf aus Porzellan, – wie hatte sie sich immer über ihn gefreut! Noch ein kurzes Zögern, dann klirrte der Mohr in tausend Scherben; blanke Kupfer-, Nickel- und Silberstücke, ihr ganzer Weihnachtsschatz, rollte über den Tisch.

Mit fliegender Hast beseitigte Leni die Spuren und raffte ihre Barschaft zusammen. Das würde wohl ausreichen.

Atemlos kam sie wieder bei Bobby an. Der saß noch gerade so zusammengesunken da wie vorhin.

»Da, nimm!« Leni drückte ihm ihre Sparpfennige in die Hand. »Reicht es?«

Brennende Schamröte überflog Bobbys fahles Gesicht, aber er begann doch zu zählen. Dann lachte er verzweiflungsvoll auf.

»Nicht die Hälfte! Du meinst es gut, Ellen, sehr gut, aber es reicht noch lange nicht.«

Er versank wieder in dumpfes Brüten, und auch Leni zermarterte vergebens ihr Hirn. Diese Riesensumme! Sie fand keinen Ausweg mehr.

»Halt – –!« Leni war so jäh emporgesprungen, daß Bobbys glasige Augen ihr erschreckt folgten; die Tür flog krachend hinter ihr ins Schloß.

»Da – hier –« wie der Wind war Leni wieder zurück – »da!«

Bobby fühlte ein unscheinbares Papier in seiner Hand; es war eine Banknote.

»Ellen, for goodness sake, wie kommst du zu dem Gelde?«

»Mutting, mein liebes Mutting hat es mir mit der letzten Obstsendung geschickt. Wir vier Freundinnen wollten uns zur Tanzstunde alle gleiche Mullkleider machen lassen, weiße Mullkleider mit rosa Schärpen.« Es zitterte trotz Lenis Willenskraft doch durch ihre Worte etwas von dem Schmerz, auf den langgehegten Wunsch verzichten zu müssen. »Aber mein altes weißes Kleid ist auch noch ganz schön,« tröstete sie zugleich sich und Bobby, denn sie sah, daß er zögerte, das Geld zu nehmen.

»Ich kann nicht – mein Himmel, ich kann nicht! Du beschämst mich aufs tiefste!« Er schlug die Hände vor das Gesicht.

»Du nimmst das Geld, boy!« Lenis Stimme klang fast gebieterisch. »Ich – ich geb' es ja gar nicht für dich, nur um deinen Eltern den Gram zu ersparen,« setzte sie schnell hinzu; nun würde er es doch wohl nehmen.

Die Wirkung ihrer Worte war anders, als sie gedacht hatte.

Bobby haschte nach ihrer Hand und zog sie, ehe sie es verhindern konnte, inbrünstig an die Lippen.

» Oh, Ellen, I thank you with all my heart! Das vergesse ich dir nicht, never! Ich will deine Güte verdienen, so wahr ich hier stehe.«

»Versprich mir nur, das Spielen und Wetten zu lassen, boy, ja? Gelobst du mir's?« Sie hielt ihm ihre Hand hin.

» Upon my honour!« Bobby schlug ein.

Sie hatten beide in ihrer Erregung das Rollen des Wagens überhört, auch die auf dem Kies knirschenden Schritte; erst als Onkel Richards Stimme von draußen hereinschallte: »Nanu, schläft denn das ganze Haus hier?« eilte Leni hinaus, ihn zu begrüßen.

Da kam Lizzie ihr entgegen. Sie ging nicht, nein – sie lief und warf sich Leni an den Hals.

»Leni, da bin ich wieder! Bist du jetzt mit mir zufrieden?«

Das Backfischchen nickte; es vermochte nicht zu sprechen. Die starke Gemütsbewegung, die Bobbys Geständnis in ihr heraufbeschworen hatte, löste sich in wohltuende Tränen.

»Aber Leni, darling, so hast du dich um mich gesorgt? Sieh nur, das Bein ist kein bißchen mehr steif; ich kann jetzt wie ein Wiesel springen! Und vom fünfzehnten an gehe ich mit dir in die Schule; freust du dich, Leni?« Das stille Kind war wie ausgetauscht.

Die Schule! Dieses Wort gab Leni einen Stich durchs Herz; sie mußte ja mit Onkel Richard sprechen!

Selbst Tante Janes Lob über den duftigen Blumenschmuck und Lizzies Freude an Lenis liebevollem Ausputz des Hauses vermochten sie nicht ganz froh zu stimmen. Wie ein unsichtbarer Schatten glitt Bobbys lange Gestalt stets neben ihr und mahnte sie, ihr Versprechen zu erfüllen.

Kaum hatte sich Onkel Richard mit seinen » Times« in den smoking-room zurückgezogen, als es leise und schüchtern an die Tür klopfte.

» Come in!« Der Onkel war nicht wenig erstaunt, als sich Leni durch die Türspalte schob.

»Ei, so feierlich, Lüttes? What is the matter

»Onkel Richard ich muß dir etwas gestehen!« Sie begann ihre Daumen umeinander zu drehen.

»Nur Mut! Forward, go on

Onkel Richard betrachtete lächelnd Lenis Verlegenheit. »Was entzweigeschlagen, ja? Da soll ich die Tante wohl schonend darauf vorbereiten? Na schön, in order

»Nee, Onkel Richard, ich will dich schonend vorbereiten,« platzte Leni los.

»Du mich? Na, Lenchen, ich verzeihe dir im voraus. Ich weiß, daß du mich nicht kränken willst, also los! Mädchen, du bist doch sonst nicht so ängstlich!«

Leni gab sich einen Ruck. »Bobby – Onkel – Bobby –«

»Was, nicht du? Bobby?« Onkel Richard setzte eine strenge Miene auf.

»Ach, Onkelchen, sieh doch nicht gleich so bös aus!« Leni versuchte ihm die Falten von der Stirn zu streichen. »Es tut ihm ja so leid – er ist so unglücklich, und es wird auch ganz gewiß nicht wieder vorkommen!«

» Bless me, so sage endlich was los ist!« Noch nie hatte der Onkel sie so angefahren.

»Er ist nicht versetzt,« kam es tonlos von Lenis Lippen; es war ihr schrecklicher, als wenn sie eine eigene Schuld hätte beichten müssen.

»Das ist recht erfreulich! Das ist ja recht nett! Und dieser Schwächling kommt nicht selbst zu mir, verkriecht sich hinter Weiberröcken?« donnerte Onkel Richard. Wie er heute Vating glich!

Und ganz, als ob es Vating wäre, sprang die große Leni plötzlich dem aufgebrachten Onkel aufs Knie und versuchte alle Besänftigungsmittel, die ihr von Vating her geläufig waren. Sie bürstete mit ihren weichen Fingern seine buschigen Augenbrauen glatt, versuchte seinen englischen Backenbart zu einem Vollbart zu vereinigen und gab ihm schließlich, als die Zornader auf der Stirn noch immer nicht abschwellen wollte, einen versöhnenden Kuß mitten auf die Nase.

»Onkelchen, min leiwes Onkelchen, er hat doch solche Bange, daß du ihn aus der Schule nimmst, und er wird sich doch ganz gewiß ändern! Nicht wahr, du tust ihm nichts?« bettelte sie.

»'ne tüchtige Advokatin hat sich der Junge ausgesucht,« brummte Onkel Richard schon ein klein wenig sanfter. » Well, schick ihn mir mal her, den Taugenichts! Der boy ist good for nothing, indeed!«

»Onkelchen – – –« Leni zögerte noch und sah bittend zu ihm auf.

»Es geht ihm nicht an den Kragen, dem sauberen, jungen Herrn! Habe übrigens gar nicht gewußt, daß ihr solche friendship miteinander habt; kamt mir immer wie Katze und Hund vor. Na, marsch!«

Leni war bis heute auch noch nichts von der Freundschaft bewußt gewesen, aber jetzt hatte sie ein Gefühl für Bobby, ungefähr so, wie wenn sie in Nedderdorf ein junges Küchlein vor dem Schlachtmesser errettet hatte; halb Mitleid, halb Verantwortlichkeit.

Sie schob den angstvoll draußen Harrenden mit einem aufmunternden Puff durch die Tür. »Es hat schon ziemlich abgebraust!« flüsterte sie ihm zu.

Von diesem Tage an wußte Bobby nicht, was er Leni alles an den Augen absehen sollte. Er war von rührender Aufmerksamkeit und übertrug seine Dankbarkeit sogar auf Lizzie.

In den Ferien ging er mit den beiden Mädchen in das British Museum.

Niemals hätte Leni gedacht, daß Bobby, der nur für Sport zu leben schien, so viel Kunstverständnis besitze. Er erklärte ihnen die » Elgin marbles«, die Ausgrabungen der Akropolis in Athen, so eingehend, daß Leni ihn förmlich anstaunte. Freilich, wenn sie gewußt hätte, daß er erst kurz zuvor einen Aufsatz über dieses Thema hatte machen müssen, würde ihre Bewunderung wohl etwas herabgestimmt worden sein. Als er seine drei Ladys – auch Miß Brown war mit – in die Erfrischungshalle des Museums führte, sorgte er durchaus gentlemanlike auch für ihr leibliches Wohl. Nur schade, daß Miß Brown die Sache zahlen mußte; Bobby sparte jetzt jeden Penny, um seine Schulden an Ellen abzutragen.

Auch die National Gallery zeigte er den jungen Mädchen, aber Leni, das Naturkind, hatte noch kein volles Verständnis für solche Sachen. Sie fand es tausendmal schöner im Regent Park, und nirgends in London gefiel es ihr so gut wie im Zoologischen Garten. Vom Affenhaus war sie nicht fortzubekommen. Sie freute sich so lebhaft über die possierlichen Äffchen, daß Bobby sich zuerst fast schämte. Aber als er merkte, daß die Umstehenden selbst ihre Freude an der urwüchsigen Begeisterung des Backfischchens hatten, war er stolz darauf, ihr dieses Vergnügen bereitet zu haben. Ihr Liebling war der größte Affe, den sie »Tom« nannten; der nahm ihr Nüsse aus der Hand, knackte sie geschickt auf und warf ihr dann die Schalen an den Kopf.

Daß sie all das Neue und Schöne gemeinsam mit Lizzie genießen konnte, vergrößerte eine jede Freude; der Cousine liebenswürdiges Naturell kam erst jetzt, da sie sich nicht mehr zurückgesetzt und ausgestoßen fühlte, richtig zum Vorschein. Selbst Bobby bemerkte: » Well, Lizzy, now I like you more than Mary

Auch die National Gallery besuchte Bobby mit den jungen Mädchen.

So wären es ideale Ferien gewesen, wenn nicht die Sportwettprüfung in der Schule als dräuende Wolke an dem sonnenhellen Horizont gestanden hätte. Diese Wolke wuchs und wuchs; immer näher rückte der Tag heran, auf den sich all die Mitschülerinnen freuten, und als Leni sich eines Abends ins Bett legte, da verkündete sie mit düsterer Stimme: »Ich plumpse mit tödlicher Gewißheit morgen rein!«

Ein wolkenloser Oktobertag zog herauf.

»Ihr gebt mir das letzte Geleite,« scherzte sie mit Galgenhumor, als sie im vorgeschriebenen weißen Matrosenkleid, von Tante Jane, der Miß, Lizzie und Bobby begleitet, sich auf den Weg machte. Die Angehörigen der school-girls waren zu der Prüfung geladen. Onkel Richard konnte sich nicht freimachen.

Auf dem halb mit Asphalt, halb mit Rasen gedeckten Schulhof standen Stühle für die Zuschauer.

Also die würden alle Zeuge ihrer Blamage werden! Nur Mut, die Sache würde schon schief gehen!

Leni verabschiedete sich, um sich zu ihrer Klasse zu begeben.

» Good luck!« Lizzies und Bobbys Wünsche begleiteten sie.

May, Eveline und Gerty nahmen sie in ihre Mitte; das muntere Geplauder der jungen Mädchen, ihr aufgeregtes Vermuten und Wetten steckte selbst Leni an. Ihr trübseliges Gesicht klärte sich auf.

Mit großen Augen betrachtete sie die seltsamen Vorbereitungen, die Miß White und Miß Sorry betrieben. Nanu, jetzt schütteten sie ja sogar einen Berg Kartoffeln auf die Erde! Sollten hier etwa Tüften gebuddelt werden? Leni fand ihren Humor wieder.

Da sah sie, wie Mrs. Smith, die Schulvorsteherin, durch die Reihen des Publikums schritt, um die ihr bekannten Mütter ihrer Zöglinge zu begrüßen.

Herrje, nun würde wahrscheinlich auch die dumme Geschichte mit Monsieur ausgegraben werden! Wenn Mrs. Smith damit anfing?! Es war wieder um Lenis fröhliche Unbefangenheit geschehen.

Das schrille, durchdringende Läuten der Schulglocke machte ihrer Besorgnis und dem leisen Gesumme der durcheinander flüsternden Stimmen ein Ende. Aller Augen richteten sich aus den Rasenplatz. Die Wettprüfung begann.

Zuerst die Kleinen. Du mein, die ganz Lütten aus dem Kindergarten waren ja auch dabei! Leni mußte ordentlich den Hals recken, um die winzigen Dingerchen überhaupt zu sehen.

Eine Lehrerin aus der infant-school leitete die Prüfung. Nun erfuhr Leni auch, wozu die Kartoffeln dienten, und der deutsche Backfisch mußte über diese Übung laut lachen; sie war aber auch zu »rappelköppsch«.

Man band das rechte Bein eines kleinen Mädchens und das linke eines anderen zusammen, immer zwei Kinder miteinander, daß sie sich nur gleichmäßig fortbewegen konnten. Dann ertönte laut das Kommandowort: » Are you ready? Go

Nun mußten die armen gefesselten Gören möglichst flink zu einem Tisch laufen, dort ein löffelartiges Gerät herunternehmen, zu dem Kartoffelberg eilen, drei Kartoffeln aufschaufeln und diese eine Strecke weit bis zum Ziele tragen. Wehe, wenn eine Kartoffel bei dem eiligen Laufen hinpurzelte oder die kleine Trägerin gar selber durch das an die Genossin gebundene Bein fiel! Endloses Lachen erwartete sie, wenn sie sich aus dem weichen Gras erhob.

Lautes Ausrufen der Namen verkündete die beiden Siegerinnen, die zuerst das Ziel erreicht hatten; das Publikum klatschte und schrie »Hurra!« Die beiden stolzlächelnden Kleinen aber wurden zu einem Tisch mit Preisen geführt und nahmen mit einem seligen Knicks je ein Bilderbuch entgegen.

Monsieur verteilte die Preise. Leni verzog die Lippe; er würde nicht in die Verlegenheit kommen, ihr einen reichen zu müssen.

» Go on

Die zweite Abteilung, die Unterstufe der Schulklassen, war jetzt an der Reihe.

Auch bei dieser Übung kam es lediglich auf Schnelligkeit und Geschicklichkeit an. Aus einem Grashaufen mußten Knöpfe herausgegraben werden; war dieses Kunststück vollbracht, so liefen die kleinen girls ein Endchen weiter. Dort mußten sie eine Nadel von einem aus die Erde gebreiteten Tuch aufraffen; wieder ein Stück davon gab es den Faden, und am Endziel lagen bunte Flicken. Der Knopf war nun in aller Geschwindigkeit auf den Flicken zu nähen. Lautes Hurrageschrei lohnte wieder dem gewandtesten kleinen Mädchen.

So ging es weiter, von Klasse zu Klasse. Lenis Wangen hatten sich gleich denen ihrer Freundinnen tiefer gefärbt; die Aufregung war groß.

Die erste Klasse kam jetzt an die Reihe. Gerty oder Anny, wer würde im Tennis siegen? Pfundweise hatte man um Bonbons und Schokolade gewettet.

Ein bitterer Kampf entbrannte zwischen den beiden Backfischen, das Tennisturnier gestaltete sich unglaublich erregend.

Im Publikum trampelte man und rief: » Gerty will get it – oh no, Anny, I say!« Dann wieder eine Pause atemlosen Schweigens, bis schließlich laut der Name »Gerty Newton« erscholl.

Glückwünschend drängten sich die Freundinnen um die hellblonde Irländerin. Leni war so bei der Sache, daß sie vollständig vergessen hatte, daß sie ja nun aufs Schafott, das heißt auf den tennis-lawn, mußte.

Sie machte es ihrer Gegnerin May nicht allzu schwer; die Bälle hatten die boshafte Eigenschaft, meist dahin zu fliegen, wo Leni gerade nicht war. May gewann ihre sechs games glatt hintereinander. Diese Niederlage nahm sich Leni aber gar nicht sehr zu Herzen. Sie war mit allen ihren Gedanken schon bei der nächsten Übung.

Die Angst überkam sie, wenn sie nur daran dachte. Sie sah sich bereits vom Rade heruntersegeln und hörte schon das spöttische Gelächter des Publikums. Sie hatte das Radfahren erst hier in London erlernt und es zu keiner hervorragenden Meisterschaft darin gebracht.

Aber was half's? Sie mußte hinauf auf das Stahlroß. Wenn es nur nicht tückisch wurde und sie abwarf!

» Are you ready? Go

Auf dem Asphalt wurden Achten gefahren, immer um eine Tafel herum. Eins, zwei, drei, vier, fünf – noch saß sie oben – sechs, sieben, acht – wenn das Nickel nur nicht so enfamtig kippeln wollte! neun, zehn, elf – jemine, das Publikum fing schon an, sich vor ihren Augen zu drehen – zwölf – lag sie denn noch nicht unten? – – –

Da – lautes Siegesgeschrei! »May Gamble,« ertönte es von Miß Whites Lippen, welche die Siegerinnen aufschrieb.

May hatte bereits ihre zwanzig vorgeschriebenen Achten geradelt, und vom Rad aus an die Tafel die Zahlen von eins bis zwanzig angeschrieben. Ob das Rad auch noch so sehr wippte, sie saß fest darauf, wie mit ihm verwachsen. Leni küßte sie innig; May hatte ihr durch ihren schnellen Sieg den größten Freundschaftsdienst geleistet. Bei dreizehn, der Unglückszahl, wäre sie bestimmt zur Erde gerasselt.

Die letzte Übung hatte keine Schrecken mehr. Es war Distanzrennen mit Hindernissen.

Leni fühlte sich so selig, sich nicht blamiert zu haben, daß sie förmlich über die Erde flog. Es war ihr, als wenn sie daheim mit Karl Heinz und Cäsar den Windmühlenberg hinuntersauste; sie wußte gar nicht mehr, daß ihre Füße den Boden berührten.

»Ellen Sürsen!« Laut und durchdringend traf die Stimme der Oberlehrerin ihr Ohr. »Hurra – Hurra!« Klatschen und Trampeln; Bobby gebürdete sich wie toll.

Leni hielt noch immer den Stab umklammert, der erreicht werden mußte. Sie war ganz betäubt.

Erst als die weit im Felde gelassenen Mitschülerinnen ihr voll neidloser Bewunderung die Hand schüttelten und sie im Triumph zum Prämientisch führten, wurde sich Leni des großen Augenblickes bewußt. Tante Jane und die Miß winkten ihr zu; Lizzie warf Kußhände, und Bobby klatschte noch immer. Was war das alles aber gegen das triumphierende Gefühl, daß Monsieur ihr jetzt doch noch einen Preis reichen mußte! Nichts in der ganzen Welt hätte Leni gegen diesen einen Augenblick eintauschen mögen.

Die Prüfung war zu Ende. In der Vorhalle der Schule reichte man Törtchen und Limonade. Lizzie, Tante Jane und Miß Brown umgaben stolz ihre Ellen und bewunderten den Siegespreis, das in Prachteinband gebundene Buch » Midsummernights Dream«.

Bobby aber war verschwunden. Doch als die junge Siegerin nun glückstrahlend nach Hause kam, da prangte in ihrem Zimmer ein herrlicher Rosenstrauß.

Man riet und vermutete. Leni aber ahnte sogleich den heimlichen Geber.

Ja, sie und Bobby waren jetzt miteinander gut Freund!

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