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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Erntefest.

Mary, ach, komm doch eben mal her! Du könntest mir einen Weg abnehmen; ja, willst du?«

Tante Lisabeth rief es aus der Vorratskammer, in der es verheißungsvoll nach frischgebackenem Kuchen duftete.

Hänschen, Fränzchen und Cäsar waren denn auch nicht von dem in den Hof hinausgehenden Fenster fortzubringen; alle drei hockten sie mit schnuppernden Nasen und begehrlichen Augen vor dem ihnen noch verschlossenen Schlaraffenland.

»Mary – Dirn – wo steckst du denn wieder? Immer, wenn man das Mädel braucht, ist sie unsichtbar!« Frau Lisabeth hielt nach allen Seiten hin Umschau.

Auf der obersten Treppenstufe, die zur Tenne führte, wurden zwei schlanke Mädchenfüße in Halbschuhen sichtbar; ein heller Leinenrock wehte, und nun tauchte auch ein etwas zerzauster Blondkopf auf.

»Ja, Tante, was tust du wünschen?«

»Sieh mal, Mary, ich habe hier ein Körbchen gepackt für die alte Struwensche; die arme kranke Alte möchte gewiß auch gern beim Erntefest dabei sein. Da soll sie wenigstens 'n bischen Erntekuchen und einen Happen Braten haben. Und sag auch, die Hühnersuppe sei von der gelben Henne, die ich ihr damals abkaufte; sie soll sie sich gut schmecken lassen! Also, mach dich auf den Weg, mein' Dirn!«

Tante Lisabeth wurde schon wieder von der Mamsell in Anspruch genommen. Mary machte ein verzweifeltes Gesicht.

»Ich kann jetzt nicht, Tante; Karl Heinz braucht mir. Wir machen der Tenne schön, mit roter Tuchlappens und grünes Girland!«

Tante hörte nicht mehr.

Mary wandte sich ärgerlich der geräumigen Tenne zu, aus der Karl Heinz »Mary, lang mal eben den Hammer her!« kommandierte.

»Boy, ich soll in Dorf gehen, zu der alte kranke Frau, wo es riecht so horribly nach arm Leute. Aber ich kann jetzt doch nicht fort – no – und ich will auch nicht!« Sie schüttelte sich förmlich.

»Mußt,« sagte Karl Heinz mit Gemütsruhe. »Wenn Mutting es sagt, wäscht dich kein Regen ab. Aber wart, ich komm' ein Ende lang mit; will mal eins zusehen, ob Radmachers Krischan mir nicht 'n beten zur Hand gehen kann. Der versteht das Ding doch noch anders, wie so 'ne Stadtdirn!«

Mary setzte ihr beleidigtes Gesicht auf. Karl Heinz hatte ihr in seiner geraden derben Mecklenburger Art die Backfischempfindlichkeit ziemlich abgewöhnt; nur ab und zu meldete sie sich noch.

Mit brummiger Miene trat sie zur Tante.

»Warum muß ich mitnehmen das häßliche Korb?« fragte sie.

»Aber Kindchen, wie willst du's denn sonst hinbekommen? Ein junges Mädel wird doch wohl noch mit einem Korb am Arm gehen können! Oder meinst du, du wirst den Ochsen und Kühen im Dorf nicht gefallen?« scherzte Tante Lisabeth, die stets am lustigsten war, wenn es am meisten zu schaffen gab.

Schweigend und mit einer Duldermiene griff Mary nach dem braunen Henkelkorb.

»Kind, wenn man armen Leuten etwas Gutes antun will, soll man es aus fröhlichem Herzen tun oder gar nicht,« sagte die Tante, jetzt ernst werdend.

»Dann lieber gar nicht,« hätte Mary am liebsten gerufen, aber sie wagte es nicht.

»Und auf dem Rückweg, Dirn, spring ins Lehrerhaus und frage, ob die Frau Kantor auch nicht vergessen hat, mir die Lampions aus der Stadt mitzubringen.«

Stumm stapfte Karl Heinz an Marys Seite; hin und wieder versetzte er ihr einen kleinen Stoß mit dem Ellenbogen.

Mary beachtete es nicht.

»Du schwippst ja die Suppe aus.« Er blieb stehen und sah halb belustigt, halb ärgerlich, daß Mary im Gehen den Korb wie eine Schaukel hin und her fliegen ließ.

»Na, gib man her, Prinzeßchen!« Gutmütig griff er nach dem Henkelkorb, der Marys Selbstbewußtsein so arg verletzte.

»Biste noch immer bockig?«

Mary nickte.

»Na denn man tau – viel Vergnügen!« Damit hatte er ihr den Korb wieder vor die Füße gestellt und stürmte mit langen Sätzen feldein.

Kurz vor dem Dorf bog Mary von dem geraden Wege ab und schritt, einen hastigen Blick zu dem von Obstbäumen verdeckten Gutshause zurückwerfend, den schmalen Wiesenpfad entlang, der sich seitwärts zum Walde hinschlängelte. Unter einer breitästigen Eiche warf sie sich in das weiche Moos und stellte den Korb neben sich. Durch die zackigen Eichenblätter starrte sie zu dem klaren blauen Himmel empor. Ihr Herz klopfte wieder vernehmlich, wie schon manches Mal, wenn die Tante sie zu armen Leuten gesandt hatte. Aber auch heute hörte sie nicht auf das mahnende Pochen.

»Ich sein zu fashionable für das arme people,« versuchte sie ihr Gewissen zu beschwichtigen.

In der Stadt, da war man auch wohltätig; dort gab man Geld an die verschiedenen Vereine und veranstaltete große Wohltätigkeitsfeste und Basare. Ja, so machte es ihre Mama in London; das war mehr nach Marys Geschmack. Aber hier selbst in die elenden Hütten zu gehen, wo nur selten ein Fenster aufgemacht wurde, den Kranken gar noch vorzulesen und Mut zuzusprechen, wie die Tante es von ihr verlangte, nein, das brachte sie nicht fertig! Ein einziges Mal hatte sie es getan und dann nicht wieder. Dann hatte sie jedesmal gelogen – jawohl, die Tante belogen! Die unbequeme Stimme in ihrer Brust sprach hell und laut das häßliche Wort.

»Ich sein zu fashionable für das arme people

Mary lachte, aber es war ein unfreies Lachen.

Es merkte ja niemand – sie nahm den Topf mit der kräftigen Hühnerbrühe und goß diese in den leis dahinplätschernden Waldbach. Von dem Kuchen biß sie ein großes Stück ab, und den Rest verwahrte sie in der Kleidertasche; der war zu schade zum Wegwerfen. Nun noch der Braten; auch der hatte schon seinen Platz. Den Rückweg nahm sie übers Ried; dort suchte kein Mensch das Fleisch.

Als Mary das Lehrerhaus betrat, hörte sie aus dem großen Parterrezimmer frohe Kinderstimmen. Es war wieder einmal Kindergarten. Auf niedrigen Stühlen saßen die Kleinen, wanden aus Eichenlaub Kränze und Blattgewinde zum Erntefest und sangen dazu ihre Liedchen.

Mary öffnete die Tür, und im Augenblick verstummte der helle Sang; scheu sahen die Tagelöhnerkinder, die doch mit Leni so gut Freund gewesen waren, auf das fremde schöne Fräulein.

»Ei, Mary, das ist nett, daß du dich auch mal wieder um meine kleine Gesellschaft kümmerst. Ein junger Mensch versteht es immer besser, mit den Gören fröhlich zu sein,« sagte Frau Kantor freundlich.

»O, Mrs. Kantor« – Mary zupfte verlegen an ihren Halbhandschuhen, die sie selbst hier im Dorf trug »ich muß home sofort.« Die Kinder hatten alle vielfach geflickte Kleidchen an, und ganz sauber sahen ihre Hände auch nicht aus; mit denen mochte Mary sich nicht gern abgeben.

»Aha!« Die gute Frau Kantor lächelte. »Du hilfst wohl der Tante fleißig, Kind? Na, wo kommst du denn her?«

»Von – von old Mrs. Struwen; ich habe gebracht sie Erntekuchen, Braten und Suppe.«

Mary beugte sich tief zu lütt Lising hinab und strich ihr über die roten Wangen. Die Frau Kantor hatte so durchdringende graue Augen.

»Und Tante Lisabeth läßt Ihnen grüßen,« fuhr Mary sich überstürzend fort, »und ich soll mitbringen der Lampions, der Lampions from town,« wiederholte sie noch einmal, als Fran Kantors leuchtende Augen immer noch mit seltsamem Blick auf ihr ruhten.

»Hat sich denn die alte Struwensche mit dir gefreut, Mary?«

» O yes, very much,« log das junge Mädchen, seinen ganzen Mut zusammenraffend

»Und hat sie sich die guten Sachen alle schmecken lassen?«

Warum in aller Welt stellte Frau Kantor nur diese eingehenden Fragen?

»Sie hat only die Suppe geeßt.« Mary wußte schon nicht mehr, was sie antworten sollte.

»Komm mit ins Nebenzimmer, Kind; ich werde dir die Lampions in dein Körbchen packen,« sagte Frau Kantor, plötzlich das Gespräch abbrechend.

»Mary, wo bist du gewesen?« fragte die alte Dame drin noch einmal; ihre gütigen Augen blickten ernst und streng.

»Bei – bei –« Mary brachte die Lüge das zweite Mal nicht über die Lippen.

»Die Wahrheit – ich wünsche die Wahrheit zu hören!« Die grauen Frauenaugen schienen auch die geheimsten Fältchen ihres Herzens zu durchdringen.

»Im Wald,« kam es leise von den Mädchenlippen. Mary hatte den Kopf tief gesenkt.

»Und warum lügst du? Weißt du nicht, daß die Lüge das Verabscheuungswürdigste und Feigste auf der ganzen Welt ist?« Niemals hatte Mary die gute Frau Kantor so böse gesehen.

»Ich – ich kann nicht atmen das Luft bei arm Leute; ich tu' nicht lieben Krankheit und Schmutz!« Unsicher stieß Mary es hervor.

»Wo hast du die Suppe zur Labung der armen Kranken gelassen?« wurde das Examen fortgesetzt.

Schluchzend gab Mary Auskunft.

»Hast du das schon öfters getan? Hast du die Tante schon wiederholt belogen?«

Mary vermochte nicht zu sprechen; sie nickte nur und verbarg ihr Antlitz.

»Ich habe dir nichts weiter zu sagen, Mary,« fuhr Frau Kantor mit abgewandtem Gesicht fort. »Du bist groß genug, um allein das Schlechte und Häßliche deiner Handlungsweise einzusehen. Ich will nur wünschen, daß dich der Himmel nicht für deine kalten, hartherzigen Worte straft! Man ist nicht immer jung, gesund und reich; daran denke, Mary! Und nun gehe nach Haus; du selbst sollst der Tante Lisabeth aus freien Stücken erzählen, was für ein böses Mädchen du bist. Sage ihr, die arme, verlassene Frau, die du schon oft um eine kleine Erquickung gebracht hast, sei vor einer Stunde gestorben.«

Mary stand allein in dem Zimmer; Frau Kantor war ohne Gruß von ihr gegangen.

Aufschluchzend warf sich das junge Mädchen auf einen Stuhl; die Nachricht von dem Hinscheiden der armen kranken Frau, der sie die letzte Liebesgabe der Tante vorenthalten hatte, griff tief an ihr Herz. Sie war ja nicht schlecht, nur leichtsinnig, verwöhnt und hochmütig.

Leise weinend schlich sie sich davon.

Hinter dem Gutshaus, auf dem großen Rasenplatz, wo sonst die Wäsche zur Bleiche ausgebreitet wurde, war man gerade dabei, lange Holztafeln aufzustellen. Überall herrschte rege, frohe Geschäftigkeit.

Was würde nur die Tante sagen? Tante Lisabeth, welche die verkörperte Wahrheitsliebe war, und die nichts bei ihren Kindern so hart strafte, wie gelegentliches Flunkern und kleine Schwindeleien!

»Gut, daß du kommst, mein Mädel,« rief ihr die Tante entgegen, »geschwind, hilf hier die Tassen herumsetzen, immer zwanzig an einer Tafel. Und dann ordne die Feldblumen in die Vasen; das versteht ja niemand so hübsch wie du.«

Mary schwankte. Sollte sie jetzt, da die Tante so lieb mit ihr war, ihre Schuld eingestehen? Sie zögerte noch, da – dem Himmel sei Dank! – holte der alte Jürgens Tante Lisabeth. Man konnte über den geeignetsten Platz zur Aufstellung der Tonnen mit Erntebier nicht einig werden.

»Na, Dirn, was hat die alte Struwensche gesagt?« Die Tante setzte Berge von Kuchen auf die Tafel.

»Sie – sie hat vor einer Stunde gestorben.« Mary brach in heftiges Weinen aus.

»Kind – Kindchen –« Tante Lisabeth zog das erregte Mädchen zu sich heran, »wer wird denn so weichherzig sein! Hab' ja gar nicht gewußt, daß du ein so gutes, mitfühlendes Herz hast. Lüttes! Na, nimm dich mal 'n bischen zusammen, Dirn; ist wohl das erste Mal, daß sich dir der Ernst des Lebens offenbart hat.« Sie streichelte an Marys verweintem Gesicht herum.

»Tante Lisabeth« – in plötzlicher Aufwallung preßte Mary, die sonst sehr wenig zärtlich war, die Hand der Tante an die Lippen – »ich muß dir sprechen; ich bin so schlecht, ich bin eine Scheusal!« Sie zog die Tante ins Haus.

In dem kleinen, abgelegenen Jagdzimmer verbarg Mary den Kopf in den Schoß der Tante, und nun beichtete sie, von Anfang an. Sie beschönigte nichts. Wie sie am ersten Tage ihrer Ankunft auf Nedderdorf die Milch heimlich fortgegossen, und wie sie die Tante seitdem durch Wort und Tat oft getäuscht hatte, bis zu dem heutigen Tage, da der Himmel ihre Schlechtigkeit durch den Tod der alten Frau ans Licht brachte.

Es blieb still in dem kleinen Zimmer, als Mary geendet hatte; das junge Mädchen wagte nicht den Kopf zu heben. Aber als Tante Lisabeth noch immer nicht sprach, als sich ihr Zorn nicht entlud, wie Mary es doch erwartet hatte, da warf das Backfischchen einen scheuen, schnellen Blick auf die Tante.

Was war das? Tante Lisabeth weinte! Über ihr sonst immer heiteres Gesicht rannen große Tränen! Die Tante weinte um sie – über ihr böses Tun ...

»Nein, Tante Lisabeth, du sollst nicht weinen um mir! Das verdiene ich nicht. Du sollst mir schelten, mir strafen, aber nicht weinen – dear aunt Lisabeth!«

Mary schlang beide Arme um die Tante; das sonst so zurückhaltende Mädchen versuchte immer wieder ihre Lippen auf die Hand der Tante zu drücken, die sich ihr entzog.

» Dear aunt Lisabeth, sprich doch endlich eine Wort! Ich will mir ja bessern; ich will sagen kein Lügens mehr all my life! Ich werde immer sein aufrecht – sei doch nicht traurig um mir!«

Tante Lisabeth erhob sich.

»Ich kann es nicht mehr glauben, daß du von nun an aufrichtig sein wirst, Mary; ich habe kein Zutrauen mehr zu dir. Ich habe dir mütterliche Liebe und Vertrauen entgegengebracht, wie ich es für meine Leni empfand; meine Liebe hast du unerwidert gelassen, mein Vertrauen getäuscht!«

Die Tante faßte nach der Türklinke, aber noch einmal hielt Mary sie zurück

»Ich – ich – Tante Lisabeth – ich habe dir ja lieb – ich habe dir gleich lieb bekommen – ich habe mir nur geschämt, es zu zeigen. Ich habe gedenkt, es sei kindisch und unfair. Und dann – später hast du mir auch nicht mehr geliebt!« Mary ließ den Kopf tief sinken.

Frau Lisabeth hemmte den Schritt; überrascht blickte sie auf ihre Nichte. Hatte sie hier etwas versäumt und das junge Herz, das sich nach Zuneigung sehnte, nach den ersten mißglückten Versuchen nicht genug zu sich herangezogen?

Ihre eigene Ehrlichkeit konnte sie nicht ganz von einem Vorwurf freisprechen. Rasch schlang sie mit festem Druck den Arm um Marys schlanke Gestalt.

»Dirn – ich bin wohl auch mit schuld an deiner Unaufrichtigkeit. Hätte dich mehr an mein Herz und in meine Hut nehmen müssen! Jawohl,« nickte sie, als Mary den blonden Kopf schüttelte. »Aber das läßt sich ja wieder gutmachen; es ist noch nicht zu spät dazu, wenn wir zwei nur wissen, wie wir zueinander stehen. Freilich, mein Vertrauen, das mußt du dir erst wieder erringen; aber wenn du mich wirklich lieb hast, wird dir das wohl nicht zu schwer fallen. Komm nur immer zu mir, mit allem, was dich bedrückt; ich will dir schon helfen, das Unkraut auszujäten, damit das Gute in deinem Herzen emporblühen kann. Ja, Dirn, soll's so sein zwischen uns?«

Mary vermochte nicht zu antworten. So hatte noch niemand zu ihr gesprochen; solche ernste, gute Worte waren noch nie an ihr Ohr gedrungen. Aber sie hatten auch den Weg zu ihrem Herzen gefunden; heiß stieg es ihr wiederum in die Augen. Sie schmiegte fest den Kopf an die Brust der Tante.

»Mutting – Lisabeth – in welches Mauseloch bist du nur geraten? Du fehlst an allen Ecken und Enden! Hat dich der Erdboden etwa verschluckt?« So ertönte von draußen her die laute Stimme des Gutsbesitzers.

Noch einmal klopfte Tante Lisabeth aufmunternd Marys Wange. »So, und nun wird ein anderes Gesicht aufgesetzt, Dirn! Onkel ruft, der braucht nichts von der Sach' zu wissen; er würde sich bloß um sein Bruderkind grämen. Der heutige Tag gehört unseren Arbeitern, die sich die ›Austköst‹ durch wackeres Schaffen redlich verdient haben. Jetzt ist genug gesnakt; nun heißt's fixing an die Arbeit!«

Damit schritt die Tante Mary voraus in den breiten Hausflur.

»Je, Mutting, wo hast du dich denn verkrochen? Nanu, Regenwetter? Donnerlittchen, hat hier etwa jemand den Kopf gewaschen bekommen?« setzte Onkel Waldemar mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu, Marys verweintes Gesicht musternd.

Frau Lisabeth winkte ab, und Herr Waldemar Sürsen verstand seine Fran auch ohne Worte.

»Mutting, du wirst an vier Orten zu gleicher Zeit gewünscht,« begann der Landwirt aufs neue. »Karl Heinz und Jürgens sind uneins, ob die Musikanten sich schöner an der Scheunentreppe oder nach den Kornböden zu machen. Mamsell kann den Leinenschrankschlüssel nicht finden, Gusting will die Görentafel gar nach dem Meßhof zu decken, und Fräulein fragt, in welchem Kleide Suschen heute erscheinen soll.«

Frau Lisabeth war mit einem kurzen Stoßseufzer bereits wieder davon, um überall ihre Meinung abzugeben und selbst mit Hand anzulegen, wo es not tat.

Mary lief wie ein Hündchen hinter der Tante her und vollführte eine jede ihrer Anordnungen mit grenzenlosem Eifer. Wie stolz war sie aber auch, als Tante Lisabeth anerkennend sagte: »Sieh, Dirn, du läßt dich ja recht brav an; bist gar nicht so dämlich, wie du manchmal aussiehst.«

Punkt drei Uhr war alles zum Empfang der Gäste bereit. Die drei Tafeln standen in Reih' und Glied; Mary hatte jede in einer anderen Farbe mit Feldblumen geschmückt. Die dickbäuchigen Riesenkaffeekannen, noch aus Großvaters Zeiten, dampften auf dem Herde, und Karl Heinz war endlich mit seiner Arbeit, die braunen Holzpfeiler der Tenne mit rotem Tuch zu benageln, zu Ende gekommen. Draußen aber in der Kirschenallee stolzierte mit heißem Gesicht und weißbaumwollenen Handschuhen der alte Jürgens; in seinem grüngrauen Flausrock prangte eine leuchtende Nelke. Er war heute der Minister an dem Hofe und empfing die Gäste.

Da kamen sie auch schon.

Zuerst sah man nur eine mächtige graue Staubwolke sich auf der Straße näherschieben, dann vernahm man die nicht ganz rein geblasenen Klänge: »Deutschland, Deutschland über alles«, und schließlich erkannte man voran den fast tauben Nachtwächter, den Schneider, der gleichzeitig Barbier war, und den Gemeindeschäfer mit ihren Blasinstrumenten. Das war die Musikkapelle. Daran reihte sich der Zug der Tagelöhner und ihrer schön herausgeputzten Weiber; mit Kind und Kegel ging es auf den Hof zur Gutsherrschaft. Den Schluß bildeten die Gören; singend, johlend und sich balgend zogen sie den kommenden Erntefreuden entgegen. Blondzöpfige Mädchen mit hellen, runden Gesichtern und blanken Augen, Erntekränze in den Händen und den buntbebänderten Rechen über der Schulter, umgaben »Snutkens Marieken«, die mit steif ausgestreckten Armen die Erntekrone vor sich her trug. Sie war als das »smuckste Mäten« zu dieser Ehrenrolle ausersehen worden.

Durch den Garten ging der Zug, von Jürgens geführt, vor das große Hausportal, wo der Gutsherr seine Arbeiter empfing.

Die Musikkapelle blies einen gutgemeinten Tusch, nur der taube Nachtwächter war um fast vier Takte zurück; aber es machte sich auch so ganz schön.

Dann trat Marieken glutübergossen hervor, stotterte in unverständlichen Worten den althergebrachten Erntespruch und überreichte ihre Erntekrone.

Der Herr erwiderte ein paar aus dem Herzen kommende Worte vom treuen Zusammenhalten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und von dem Segen Gottes, der ihren Fleiß auch in diesem Jahre gekrönt hatte. Damit war die offizielle Feier vorüber, und die Fidelitas konnte beginnen.

Zum Zeichen, daß der offizielle Teil des Erntefestes vorüber sei und die Lustbarkeit nun in ihre Rechte trete, zog Jürgens seine weißbaumwollenen Handschuhe aus und führte die Mannslüd, alle seine guten Freunde, zu der ersten Tafel. An der zweiten nahmen die Weiber unter Dörthes Vorsitz Platz, und an der Görentafel präsidierte Karl Heinz, während Hänschen und Fränzchen ihm Adjutantendienste leisteten.

Mary aber lief im weißen Sommerkleide, einen Kranz von tiefroten Mohnblumen in dem lichten Blondhaar, von einer Tafel zur anderen. Sowie eine der Kaffeetassen leer war, winkte sie Gusting und Körlin mit ihren schweren Kannen herbei; sie sorgte auch für Milch und Zucker und eilte dann wieder zu Tante Lisabeth, um eine neue Ladung Kuchen in Empfang zu nehmen. Sie ermunterte die Leute so freundlich, zuzugreifen, daß oll Riebensam, der sich der Vorsicht halber schon gleich drei Stück Topfkuchen auf einmal genommen hatte, nicht umhin konnte, das halbe Dutzend auf seinem Teller voll zu machen. Das heißt neben seinem Teller, denn es schien ihm doch schade darum, den schönen »blagen Teller« erst noch schmutzig zu machen.

Es sah aus, als ob Mary bemüht sei, hier an den armen Leuten ihren häßlichen Hochmut vom Vormittag wieder gutzumachen. Sie ließ sich sogar dazu herbei, lütt Wising über das mit Wasser glattgestriegelte Haar und die steif abstehenden Zöpfchen zu fahren, und Körling eine große Rosine in das stets geöffnete Mäulchen zu schieben.

Als die Leute ihr möglichstes in Essen und Trinken getan hatten, wurde der noch übrige Kuchen verteilt. Frau Lisabeth schritt von einer Hausmutter zur anderen und legte in den neben einer jeden stehenden Korb ein umfangreiches Stück. Dann setzten die Gäste ihre Tassen zusammen, und die Frauen trugen sie eigenhändig in die Küche. Anders taten sie es nicht; es war ihnen schon peinlich genug, sich beim Essen bedienen zu lassen.

Gleich nach dem Kaffee ging das Tanzen los. Wer von den Mannsleuten nur über einigermaßen gerade Knochen verfügte, ließ das kurzstummelige Pfeifchen ausgehen und führte seine Schöne auf den Tanzboden.

Ein allgemeines »Ah« der Überraschung wurde laut. Wie prächtig hatte Karl Heinz aber auch die Tenne hergerichtet! Eichenlaubgewinde, die jedem tanzenden Paare störend um den Kopf baumelten, zogen sich von einem rotbehängten Pfeiler zum anderen.

Als es schummerig wurde und Jürgens die sechs an dem Holzgebälk befestigten, ein wenig nach Petroleum riechenden Stallaternen entzündete, denn jedes offene Licht war beileibe in der Scheune verboten, da wurde es erst recht schön. Karl Heinz, der Tausendsasa, hatte jede Laterne mit rotem, blauem, grünem und gelbem Papier beklebt, und wenn man auch eigentlich »nich recht wat bi dat olle bunte Tüg kieken kunnt«, wie der praktische Jürgens meinte, schön war's doch!

Unten im Hof tanzten die Gören; was Beine hatte, sprang durcheinander. Fränzchen blies dazu auf seiner Kindertrompete, und Hänschen auf seiner Mundharmonika, daß Mutting sich verzweifelt die Ohren zuhielt.

Plötzlich setzte die Musik besonders schön ein; der Nachtwächter, der Schneider und der Schäfer trompeteten, was das Zeug hielt. Jürgens hatte die Weißbaumwollenen wieder übergestreift und ging mit feierlichem Gesicht auf die Scheunentür zu, in die soeben Frau Lisabeth zum Zusehen getreten war. Dann stampfte er, seine Gutsherrin behutsam von sich abhaltend, mit schweren Schritten, daß die Holzfugen krachten, im Hopsertakt »up un dal«, während sich der Gutsbesitzer lächelnd mit »Snutkens Marieken«, der Erntekönigin, drehte.

Noch einmal sollte am heutigen Tage Marys nicht ganz geheilter Hochmut zum Ausbruch kommen. Das war, als der brave Jürgens nun mit breitem Lächeln auch zu ihr trat.

»Na, lütt Frölen Miß, nu möten wi twei wull ok noch 'n Bummelschottschen maken, wat?« Er streckte wie selbstverständlich die Hand nach ihr aus, um sie zum Tanz zu führen. Mary aber zog sich in die äußerste Ecke zurück.

» Oh, no – ich kenne das Tanz nicht!«

Damit machte sie dem verblüfften Knecht eine kunstgerechte Verbeugung und lief schnell aus der staubigen, dunstigen Tenne hinaus in den Hofraum.

Mit Jürgens tanzen, dessen graugrüner Flausrock so nach dem Pferdestall roch? Oh no, that was not possible!

Tante Lisabeth, die nicht weit von ihr gestanden hatte, folgte ihr.

»Mary,« sagte sie vorwurfsvoll, »du hast den guten Jürgens mehr gekränkt, als du ahnst. Wer in die Tenne kommt, muß auch tanzen; hier auf dem Land ist das nicht so wie bei den Stadtbällen. Hast du so schnell vergessen, daß du deinen häßlichen Stolz beiseite lassen wolltest?«

Mary senkte die Wimpern, und als der Nachtwächter kurz darauf zur Damenwahl blies, trat sie mit plötzlichem Entschluß auf Jürgens zu.

»Das ist eine Galopp; von dieses Tanz weiß ich mehr,« und sie ließ sich von ihm herumschwenken, links und rechts, bis er sie mit einem schmunzelnden »Ick hew't jo ümmer seggt, uns' Frölen Miß is nich slicht, man bloß so 'n beten verbohrt,« wieder absetzte.

Draußen auf dem Wäscheplatz hatte man inzwischen quer herüber Leinen gezogen. Aber statt Handtüchern, Bettstücken und Kinderkleidern wippten heute runde und längliche Lampions, die Vating selbst angezündet hatte, daran auf und nieder.

»Das ist eine Galopp; von dieses Tanz weiß ich mehr,« sagte Mary und ließ sich von Jürgens herumschwenken.

Im magischen Schein dieser feenhaften Beleuchtung mundete der »Swinebraden mit Klüte« und das Erntebier noch mal so gut, und oll Riebensams Rede auf die Gutsherrschaft blieb an derselben Stelle stecken, wie in jedem Jahr.

Zum Schluß wurde gesungen; frische, klangvolle Stimmen mischten sich mit alten, ausgeleierten, aber jeder gab's, so gut er's konnte. Doch plötzlich horchte alles auf. Diese glockenreinen, hellen Töne, so konnte es niemand von ihnen! Aller Blicke wandten sich zu dem Herrschaftstisch. Da sang dat lütt »Frölen Miß«, die das Lied kannte, lustig mit den anderen im Chor, und ihre Stimme schwebte wie Engelgesang durch die linde Augustnacht.

Als das Lied zu Ende war, zog der Onkel die große Mary auf sein Knie.

»Dirn,« sagte er mit bewegter Stimme, »solch einen Schatz hast in deiner Kehle, und den verbirgst du vor uns? Du bist ja kein Piep Toback wert, du Slingel! Täuw du man, jetzt wirst du mir jeden Abend ein Lied vorsingen! Strafe möt sin!«

Die Gäste verabschiedeten sich endlich mit einem treuherzigen »Ick bedank' mi ok velmals«, und den brennenden Ballons, wovon jedermann einen mitnehmen durfte.

Mary stand allein in der dunklen Veranda und schaute dem Zuge der Dorfleute nach. Die schrille Musik klang noch lange zu ihr herüber.

Da mußte sie mit einem Male an das letzte Haus im Dorf denken, wo die stille Alte im ewigen Schlaf ruhte. Es wurde ihr weh um das eben noch fröhliche Herz.

»Ich werde das heutige Tag nicht vergessen,« sagte sie leise vor sich hin. »Ich will nicht wieder sein schlecht und stolzmütig, und ich will sagen von jetzt stets ehrbar das Wahrheit. Du sollst sein zufrieden mit mir, Tante Lisabeth!«

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