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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Five-o'clock-tea.

Über den sonnenbeschienenen frischgrünen Rasenplatz sprühte in bunten Regenbogenfarben der silberne Wasserstrahl; in hohem Bogen zerstäubte das erquickende Naß.

Leni schaute, in ihren Korbsessel zurückgelehnt, nachdenklich dem Gärtner bei seiner Arbeit zu. Ein englisches Buch lag unbeachtet in ihrem Schoß.

»Komm, Leni, ich werde dir helfen,« sagte eine weiche junge Stimme. Lizzie ruhte halbliegend auf einem verstellbaren Stuhl; sie hatte sich mühsam emporgerichtet. Ihr Gesicht war noch bleicher und durchsichtiger als im Frühjahr.

»Du wirst ja heute gar nicht mit deiner Übersetzung fertig, und du wolltest doch mit mir spielen!« Ein weinerlicher Zug trat um ihren farblosen Mund.

Leni fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie war wieder einmal mit ihren Gedanken weit fort gewesen, daheim, wo der alte Jürgens kunstvoll den schillernden Wasserstrahl auf Baum und Busch spritzen ließ, und sie mit Karl Heinz als Gör jauchzend im frischgewaschenen Kleid unter dem lustigen Sprühregen dahingelaufen war, bis Mutting sie pitschenaß erwischte.

Jetzt sah sie Lizzie groß an.

»Leni, du träumst ja; bist du wieder mal zur Abwechslung an der Waterkant gewesen?« Ihre schmale Hand suchte die der Cousine.

Leni nickte.

»Erzähle, darling,« bat Lizzie, während sie sich matt in die Kissen zurückfallen ließ. »Du weißt schon, von dem deutschen Wald, wo die Eichen rauschen und die Vöglein singen, und von dem weiten, brandenden Meer. O, könnte ich das doch auch nur ein einziges Mal schauen!« Sehnsuchtsvoll suchten die großen Kinderaugen die Ferne.

»Laß, Lizziechen!« Leni hatte ihren Stuhl neben die Cousine gerückt und schlang fest den Arm um die gebrechliche Gestalt der Freundin. Dicht neigte sie ihren Mund zu Lizzies Ohr herab.

»Nun dauert's gar nicht mehr lange, nur noch acht Monate, dann darf ich wieder heim – ach!«

Ihre Brust dehnte sich jubelnd.

Das jüngere Mädchen war erschreckt zusammengezuckt.

»Nee, sei nicht bange, meine olle Dirn, dich lasse ich nicht allein! Du kommst mit mir, ja? Auf unserem Gut, da wirst du ganz sicher gesund, sollst bloß mal sehen, Lizziechen! Solch gute Seeluft wie bei uns gibt's nirgends mehr in der Welt, und wie Mutting zu pflegen versteht, ach, das kann ja gar kein anderer so!« Lenis Augen bekamen einen warmen Glanz.

»Weiter, Leni, erzähle mehr,« bat Lizzie.

»Und dann gehen wir allesamt auf den Windmühlenberg; da kannst du das Meer sehen, Lizzie, denk nur, das Meer! Und wenn du müde wirst, dann machen Karl Heinz und ich einen Teufelsknoten und tragen dich. Deine häßlichen Beinmaschinen brauchst du dann gar nicht mehr umzutun, nie mehr, mein Lüttes; dann läufst du mit uns um die Wette, ja?«

Lenis Hände strichen liebkosend an Lizzies Kleid herunter. Ihre halblaute Stimme hatte einen zärtlich-mütterlichen Ton.

»Das wäre schön – oh – das wäre schön, Leni!« Das kranke Kind hatte die Augen halb geschlossen. Plötzlich aber umklammerte sie wild den Arm des jungen Mädchens. »Leni, nicht wahr, ich muß doch nicht sterben? Nein – ich will noch nicht sterben – Sterben ist gräßlich, und ich – ach, ich möchte doch so gern leben!« Mit verängstigten Augen starrte sie in die Ginsterbüsche, als ob der knochige Sensenmann ihr schon daraus winke.

»Aber Lizziechen, Dirn!« Leni schlang auch noch den anderen Arm schützend um die bebende Gestalt. »Wie in aller Welt kommst du denn bloß aus so was? ›Zum Sterben kommt man allemal noch früh genug‹, sagt Vating immer.« Leni versuchte mit schwimmenden Augen zu scherzen.

»Ich hab's gehört, Leni, deutlich hab' ich's gehört; Margaret und John sprachen miteinander, unten in der Küche. Sie wußten nicht, daß mein Stuhl dicht am offenen Fenster stand. ›Lange treibt sie's nicht mehr,‹ hat John gesagt, ›das Wurm ist ja nur noch Haut und Knochen; sicherlich, she is consumptive.‹ Weißt du, was das ist, Leni?« Ihre Stimme flüsterte heiser.

Leni versuchte zu antworten – vergebens; das Entsetzen lähmte ihr die Sprache. Sie schüttelte gequält den Kopf.

»O das ist, was ihr in German ›Schwindsucht‹ nennt, eine böse Krankheit! Und Margaret sagte: ›Du hast recht, John; wenn die Blätter fallen, dann ist's aus. Bei meiner Mutter Schwestersohn war's gerade so. Und das ist auch das beste für das arme, lahme Ding; das wird niemand hier im Hause fehlen. Die Frau ist froh, wenn sie das schwache, ewig kränkelnde Kind los ist. Miß Mary, her favourite child, bleibt ihr ja. Und der Herr – dear me – der sieht sie ja nur des Abends ein paar Minuten, wenn er zum dinner kommt. Poor little one!‹ Das hat sie gesagt, Leni, aber ich will nicht – ich will nicht – o Lord!« Sie schluchzte leidenschaftlich.

»Ich geb' dich nicht, Lizzie, mein Lizziechen! Ist ja alles Unsinn! Die Köchin und der Kutscher, die können viel reden! Nach den Tropfen, die der Arzt dir verschrieben hat, geht dein Husten fix über; sollst mal sehen, mein' Dirn! Und nun fahren wir auch bald ins Seebad auf die Insel Wight; da siehst du noch eher das Meer als in Nedderdorf. Wunderschöne Kleider kauft Tante Jane für uns, graue Strandanzüge mit blauen und roten Borten, und dann bauen wir im Sande große Ritterburgen mit bunten Fahnen, und einen Eisenbahntunnel grab' ich dir; Karl Heinz hat's mir gezeigt. Ja, Lizziechen?«

Leni wußte nicht, was sie dem verängstigten Kinde alles Schöne vorerzählen sollte, und dabei war ihr doch das Herz schwer, so grenzenlos schwer, wie damals, als es vom Elternhause in die Fremde ging.

Die Kleine wurde ruhiger; still lehnte ihr blondlockiges Köpfchen an Lenis Schulter. So saßen sie schweigend nebeneinander.

»Ellen – El–len!«

Miß Browns kräftige Stimme hallte durch das Haus.

Leni rührte sich nicht. Lizzie hatte die Augen geschlossen; sie mochte sie nicht stören.

»Ellen – girl – I call to you – hörst du denn nicht?« Miß Brown kam mit langen Schritten über den knirschenden Kies.

» What do you like?« Lenis Englisch ließ kaum noch etwas zu wünschen übrig, obgleich sie mit Lizzie nur Deutsch sprach, wenn sie beide allein waren.

»Es ist Zeit, Klavier zu üben; muß man dich denn jeden Tag noch daran erinnern? This afternoon empfängt Mrs. Sürsen zum five-o'clock-tea; sie wünscht, dich den Ladies vorzustellen. Dann wird wieder nichts aus dem Üben, und wenn Master Bobby heute abend erst mit seinen drei Freunden für die holidays einrückt, dann ist es so wie so mit jedem Ernst vorbei!« Miß Brown seufzte vernehmlich.

Leni tat desgleichen. Sie war in den letzten Wochen tüchtig in die Höhe geschossen. Als sie jetzt leichtfüßig über den grünen Rasen sprang, hätte wohl niemand das untersetzte Ding wiedererkannt, das vor fast drei Monaten in dem lächerlichen Regenmantel seinen Einzug hier gehalten hatte. Der breite Saum, den die Tante damals zu Lenis Schmerz in die neuen Kleider hatte nähen lassen, mußte längst ausgetrennt werden, und wenn sie jetzt aus der Schule nach Hause kam, brauchte sie sich nicht mehr auf die Fußspitzen zu recken, um an den Türklopfer zu reichen, der die Klingel in London vertrat. Das war die Errungenschaft der vielen Sportstunden und körperlichen Übungen.

Mit geschlossenen Augen saß sie nun am Klavier und übte Tonleitern.

Aber bald ließ sie die Hände von der Tastatur sinken und tat das, womit sie meistens die Übungsstunden ausfüllte: sie döste.

Erst dachte sie darüber nach, was Lizzie ihr erzählt hatte, und wieder legte sich eine große Traurigkeit um ihr junges Herz. Nein, das konnte der Himmel nicht wollen; dieses süße, blumenhafte Geschöpf, das sich mit einer grenzenlosen Liebe an sie geklammert hatte, durfte nicht von einer so furchtbaren Krankheit dahingerafft werden! Lizzie konnte nicht von ihr gehen; es war ja die einzige, die sie hier in der Fremde liebhatte.

Ob sie den Onkel darauf aufmerksam machen sollte, was sich die Dienerschaft zuflüsterte, und was nur den Eltern verborgen zu bleiben schien, daß das zarte Lebenslicht still dem Verlöschen entgegenflackerte? Ach, der Onkel kam jetzt abends immer so abgespannt und nervös vom Geschäft heim! Leni hatte etwas von starken Verlusten, die er in Südamerika hatte, aufgeschnappt; sie durfte ihm augenblicklich nicht damit kommen. Und die Tante, die von Lizzie heimlich angebetet wurde, trotzdem diese selbst der älteren Freundin gegenüber nie ein Wort davon hatte verlauten lassen, und nach deren mütterlichen Liebe sich die Kleine innerlich verzehrte? Heute hatte die Tante überhaupt keine Zeit, da sie ihren letzten five-o'clock-tea vor der Reise gab.

Leni tat das, womit sie zumeist die Übungsstunden ausfüllte, sie döste.

Lenis Herz klopfte ein wenig schneller.

Zum ersten Male sollte sie zugelassen werden! Endlich hatte Tante Janes strenges Urteil sie für genügend dressiert erachtet, um die anwesenden Ladies nicht mehr durch unvorhergesehene Tollheiten in Schrecken zu versetzen.

»Ph!« machte Leni recht wenig respektvoll. Was lag ihr daran, sich bei diesem mopsigen tea wie ein Wundertier betrachten zu lassen und den Damen wohlerzogen die behandschuhte Rechte zu küssen! Viel lieber blieb sie bei ihrer Lizzie. Zum Dinner war sie heute auch gnädigst befohlen worden, zur Empfangsfeierlichkeit für Bobby und seine drei Freunde.

Leni empfand ein Gefühl des Unbehagens, wenn sie an die kommenden Tage dachte.

Ein »bischen« hochnäsig sind die »ollen Jungs« in diesem Alter wohl immer, sagte ihr ihre Backfischweisheit, aber so wie Bobby, na das war denn doch schon nicht mehr schön!

Sie lebte mit dem Vetter in ewigen Hecheleien. Auf Schritt und Tritt versuchte er, sie lächerlich zu machen und ihr gegenüber den jungen Herrn herauszubeißen, und gerade, daß Leni sich so wenig von ihm imponieren ließ, ärgerte ihn wohl am meisten.

Einmal hatte sie ihn mit einigen Kameraden im Museum getroffen, wohin Mrs. Smith ihre Klasse eines Aufsatzthemas wegen führte. Recht sonderbar hatten sie ausgesehen, die halbwüchsigen Schlingel, mit den kleinen Zylinderhüten auf dem Kopf, die sie nach Vorschrift ihrer Anstalt tragen mußten. Als die Hütchen wie auf Kommando grüßend in die Luft flogen, hatte Leni hell aufgelacht. Das hatte ihr natürlich eine kleine Vermahnung von der Schulvorsteherin eingetragen, aber sie konnte sich nicht helfen; es war ja das erstemal, daß jemand vor ihr den Hut zog.

»Na, noch schlimmer als Bobby können seine Freunde wohl nicht sein!« Damit tröstete sich Leni und machte sich aufseufzend wieder an ihre Tonleitern.

Einige Stunden später wogte in dem luxuriös ausgestatteten drawing-room, dessen weitgeöffnete Glastür zum Garten hinausführte, ein Spitzenmeer von eleganten Damenkleidern, ein Durcheinander von raschelnder Seide, hellen Stimmen, vornehm gedämpftem Lachen und leisem Klirren der Teetassen.

Die Hausfrau, im rosaseidenen tea-gown, der Hals und Arme frei ließ, waltete an dem silbernen Teetisch anmutig und geräuschlos ihres Amtes. Für jeden neueintretenden Gast hatte sie ein verbindliches Wort und ein liebenswürdiges Lächeln.

Die Gäste waren versammelt, und die Unterhaltung im Fluß.

Plötzlich verstummte das Gespräch an jedem Tischchen. Die Augen bewaffneten sich mit der langgestielten Lorgnette; aller Blicke richteten sich auf die Tür.

Da war aber eigentlich gar nichts Besonderes zu sehen. In dem Türrahmen stand mit ziemlich hilflosen Augen ein nettgewachsenes Backfischchen im weißen Mullkleid, durch das in dunklen, weichen Wellen herabfließende Haar ein mattblaues Seidenband geschlungen.

»Bäh!« hätte Leni am liebsten gerufen, dem innersten Drang ihres Herzens folgend, als sie sich von all den bebrillten Augen förmlich durchbohrt fühlte. Aber sie dachte zum Glück noch rechtzeitig an die Anstandslektion, die ihr Tante Jane für alle Fälle noch vorher erteilt hatte. Mit zierlichen Schritten, wie man es ihr in der Graziestunde eingetrichtert hatte, ging sie auf die Tante zu, bemühte sich aber vergeblich, auf ihr Antlitz ein holdseliges Lächeln zu zaubern. Sie empfand, daß es vielmehr einer Mundverzerrung glich, als ob sie heftige Zahnschmerzen habe.

» Oh, my dear Ellen« – Leni fühlte sich fast bedrückt von der ungewöhnlichen Freundlichkeit der Tante – »komm, laß dich meinen Freundinnen vorstellen.« Sie ergriff Lenis Hand.

»Mrs. Fewson, allow – meine Nichte Ellen –« und nun ging es von einer zur anderen.

Leni machte Knicks auf Knicks.

»Da kann man ja 'nen Wadenkrampf von kriegen,« dachte sie in heimlichem Ärger. Nach Vorschrift berührte sie die grauen und weißen, die seidenen und ledernen Handschuhe mit ihren Lippen. Vating hätte das mitansehen müssen, das Gehabe, Getue und Geziere!

»Wenn ihr mich noch länger so beguckt, nehm' ich Entree dafür,« dachte die unverbesserliche Leni wieder, als die Damen anerkennend sagten: » Oh – what a sweet little one – allerliebstes Ding, indeed – nein, Mrs. Sürsen, was haben Sie nur in der kurzen Zeit aus der Kleinen gemacht – so verstehen auch Sie nur, eine junge Wilde zu zähmen!«

Die Tante lächelte geschmeichelt; Leni aber war empört. Es war doch hier nicht Kirchweih, daß man sie wie einen dressierten Pudel vorführte!

»Ellen, come here – last not least möchte ich dich mit Exzellenz von Hillersdorp bekannt machen, leider immer nur ein vorübergehender Gast hier in London. Exzellenz, eine junge Landsmännin; ich empfehle sie Ihrer bekannten Liebenswürdigkeit.«

Leni hob das Auge und ein überraschtes »Nee aber!« entfuhr ihrem Munde. Das war ja die vornehme Dame aus dem Eisenbahncoupé, der Säutsnut damals seinen Besuch abgestattet hatte! Vergessen hatte Leni die einstige Unfreundlichkeit; warme Freude, wieder jemand aus der Heimat zu sehen, durchflutete sie.

Sie dachte nicht an Knicks und Handkuß; beide Hände streckte sie der Exzellenz entgegen.

»Wir kennen uns doch, gnädige Frau,« rief sie mit heller Stimme in deutscher Sprache.

Exzellenz lehnte sich hoheitsvoll in ihren Sessel zurück und übersah die sich ihr freundlich bietenden Mädchenhände.

»Ich erinnere mich nicht, liebes Kind,« sagte sie sehr von oben herab, das dreiste junge Ding durch ihr Glas musternd.

»Na aber, gnädige Frau!« Leni ließ sich durch Tante Janes beschwörende Blicke nicht in dem eingeschlagenen Fahrwasser stören. »Wissen Sie denn wirklich nicht mehr? Damals in dem Zuge nach Hamburg, als das Rackertüg von Karnickel auskniff, und Sie vor Angst so losschrieen? Na, und nachher, da waren Sie eklig böse – und denn« – Leni begann jetzt ihrerseits die Exzellenz zu mustern – »und denn,« begann sie aufs neue, trotzdem Tante Jane sie nachdrücklich auf die Fußspitze trat, um sie endlich zum Schweigen zu bringen, »damals hatten Sie noch graue Haare, gnädige Frau, und jetzt sind Sie ganz hellblond!« Leni blickte mit offenbarer Bewunderung auf diese Verwandlung.

Die umsitzenden Damen, die fast alle der deutschen Sprache mächtig waren, zogen wie auf Kommando ihr Spitzentüchlein aus der Tasche, um das verräterische Lächeln zu verbergen. Sie gönnten der sich gern jugendlich machenden Exzellenz, die sich neuerdings die Haare färbte, diese öffentliche Niederlage.

Exzellenz hatte sich mit einem vernichtenden Blick von Leni abgewandt. Tante Jane aber ergriff mit zuckender Lippe die Hand des enfant terrible.

»Es ist Zeit, daß du wieder in das Kinderzimmer hinaufgehst; my dear Ellen,« sagte sie mit einem Lächeln, das nicht ganz natürlich war. Der Sicherheit halber führte sie Leni selbst bis zur Tür.

Oben bei Lizzie machte Leni ihrem Herzen Luft.

»Aex, bei solchem five-o'clock-tea ist ja nichts weiter als Händeküssen und Knicksemachen, daß es einem in den Beinen davon wie Selterwasser kribbelt! Nee, das ist nichts für Vating seine Dirn!«

Lizzie lächelte müde, aber als Leni ihr nun einen etwas ausführlicheren Bericht von ihrem ersten Debüt gab und damit schloß: »Die alte Exzellenz hat doch aber wirklich graue Haare gehabt!« machte Lizzie ein entsetztes Gesicht. Trotzdem sie vier Jahre jünger war als Leni, wußte sie mehr von der Welt als diese. »Mama wird sehr böse sein, Leni,« sagte sie ängstlich.

Ja, Tante Jane war schrecklich böse, wenn sie es auch beim Dinner noch nicht zeigen konnte, da Bobby mit seinen Freunden zugegen war, deren Ferien schon einige Tage früher begonnen hatten als Lenis.

Mit einem schnippischen Knicks hatte Leni die tiefe Verbeugung der drei Boys bei der Vorstellung entgegengenommen. Die waren gerade so geziert wie Bobby. Warum gaben sie ihr denn nicht einfach die Hand, wie die Gutsbesitzerjungen daheim es alle taten?

Als der Kleinste von ihnen, der nach Lenis Dafürhalten den größten Spleen hatte, erst Tante Jane die Hand nach dem Dinner küßte und dann auch Anstalten machte, Lenis Finger an die Lippen zu ziehen, entriß sie ihm hastig ihre Rechte.

»Handküssen ist nicht – ich bin keine alte Lady,« erklärte sie mit gerunzelter Stirn.

Man promenierte in den Gartenwegen auf und nieder. Der Onkel gab sich Mühe, an der Unterhaltung der jungen Leute teilzunehmen; aber man merkte, daß seine Gedanken nicht recht dabei waren.

»Mein Bobby ist der stattlichste von allen,« stellte Tante Jane innerlich frohlockend fest.

»Ich wünschte, die ollen Jungs wären, wo der Pfeffer wächst, und min leiw Karling dafür hier,« dachte Leni voll Sehnsucht.

Oben aber am geöffneten Kinderzimmerfenster ruhte ein heißer blonder Kopf und lauschte auf die frischen jungen Stimmen und auf das fröhliche Lachen, das ab und zu hinaufschallte.

»Wenn ich doch auch wäre, wie die übrigen Kinder – ich möchte doch so gerne gesund sein – warum bin ich anders – warum, lieber Gott?« Träne auf Träne löste sich von den seidenweichen Wimpern des selbst an diesem warmen Juliabend leis fröstelnden Kindes.

»Junge – das ist deine Cousine Ellen, von der du uns solche Wunderdinge vorgefabelt hast? Die Vogelscheuche – der Bauerntrampel – um derentwillen ihr euch geschämt habt?« Charles Edward hatte Bobby beiseite genommen. » Good gracious, die ist doch weder häßlich noch klein und dick; I think her to be a beautiful girl

» Oh I see, sie macht sich indeed,« erwiderte Bobby einräumend und die kleinen Augen zusammenkneifend.

»Wollen gleich mal eine Partie Tennis mit ihr spielen; es ist noch hell genug. Hallo, Boys!«

Charles Edward pfiff nach den übrigen.

Lenis Augen blitzten vor Freude, als Bobby sie im Namen der Freunde zu einem Spiel aufzufordern geruhte; er hatte sie bis jetzt niemals dazu für würdig erachtet, und doch hatte sie auch in der Sportkunst inzwischen erhebliche Fortschritte gemacht.

»Gleich, gleich, ich hole nur noch mein Rakett!«

Damit wollte sie ins Haus stürmen. Aber Tante Jane hielt sie zurück.

»Ellen wird heute nicht mit euch spielen; sie hat sicher noch Schularbeiten zu machen,« sagte sie in bestimmtem Ton.

»I wo – I have done all

»Du wirst trotzdem nicht mitspielen, my dear; es ist Zeit für dich, schlafen zu gehen. Du magst im Kinderzimmer noch darüber nachdenken, wie sich ein großes Mädchen in Gegenwart von fremden Ladys zu benehmen hat.«

Das war die Strafe für die Blamage beim five-o'clock-tea!

» Allright, es ist time für das Baby, ins Bett zu gehen!« Bobby lachte wieder höhnisch, während Leni heimlich vor Wut mit dem Fuß aufstampfte.

Charles Edward zupfte bedauernd an seinem Bärtchen, das dereinst sprießen sollte, während seine beiden Gefährten verlegen grinsten. Aber es half nichts, Leni mußte wie ein Gör gute Nacht sagen und verschwinden.

Als sie in das Kinderzimmer trat, lag Lizzie mit hochroten, brennenden Wangen im Bett. Ihre Augen suchten unstet umher; der Atem ging schnell.

Erschreckt beugte Leni sich über die Cousine.

»Lizzie – Liebling – was ist dir?« Leni hatte den eigenen Kummer im Augenblick vergessen.

Unzusammenhängende Worte stieß Lizzie angstgequält hervor; ein neuer Fieberschauer schüttelte den schmächtigen Kinderkörper. Da eilte Leni wie gehetzt in den Garten hinab, wo alle in heiterem, nichtsahnendem Gespräch beieinander saßen.

Qualvoll aufschluchzend umklammerte Leni des Onkels Hals.

»Onkel Richard – Lizzie – Lizzie stirbt!« Sie zitterte am ganzen Leibe.

Eine halbe Stunde später saß der Arzt mit besorgter Miene an dem Lager des kranken Kindes. In der dunkelsten Ecke des Zimmers kauerte leise vor sich hinweinend Leni; sie hatte sich nicht hinausweisen lassen.

Der Arzt gab seine Anweisungen für die Nacht und schied mit dem Versprechen, am nächsten Morgen früh wieder zu kommen. Unten in der Halle fühlte er seine herabhängende Linke plötzlich von kalten Mädchenhänden umklammert.

»Doktor – dear Doktor – muß sie sterben?« Leni war ihm nachgeschlichen.

»Das steht bei Gott, liebes Kind,« war die tiefernste Antwort. »Wir Menschen müssen tun, was in unseren Kräften liegt, aber helfen kann hier nur er!«

» Is she – is she consumptive?« kam es kaum hörbar von Lenis zuckenden Lippen.

»Schwindsucht? Dummheiten!« polterte der alte Arzt. »Ein schweres Nervenfieber ist ausgebrochen, dem der zarte Organismus der armen Kleinen schwerlich gewachsen sein wird. Na, die Hoffnung wollen wir darum noch nicht sinken lassen.« Damit klopfte er beruhigend Lenis tränenüberströmte Wange.

Bald darauf lag das am Nachmittag recht belebte Haus still und dunkel da. Nur im Krankenzimmer schien man noch zu wachen; aus den Fenstern fiel ein Schein des Nachtlämpchens. Ruhelos wälzte sich das fiebernde Kind dort in den Kissen.

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