Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Heyse >

Vier neue Novellen. Vierte Sammlung

Paul Heyse: Vier neue Novellen. Vierte Sammlung - Kapitel 6
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleVier neue Novellen. Vierte Sammlung
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1862
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180312
Schließen

Navigation:

Auf der Alm.

(1861)

 

Am westlichen Ufer des Königssees, der starren Wand des Watzmann gegenüber, die sich pfadlos in die Fluthen hinabsenkt, führt ein wilder Fußsteig gradauf durch den Wald. Die Holzknechte und Jäger kennen ihn, die Sennerinnen steigen dort auf die Alm, das Wild wechselt darüber hin. Zweimal verläuft er in den Wiesengrund kleiner Waldblößen, wo einzelne Sennerhütten stehen und Blockhäuser, in denen die Holzknechte überwintern. Je mehr er sich der Schneide des Berges nähert, desto lichter werden die Stämme, bis der Grat endlich nackt aus den Tannen und Lärchen aufragt und frei niederschaut in die schönen Thalgründe drüben um Berchtesgaden, in den dunkeln See zu seinen Füßen und auf das graue Jagdschloß Bartholomä, das mit seinem Kranz hoher Ahornwipfel mitten aus dieser Felsenwildniß dem Wanderer zuwinkt.

In der Herbstzeit, wo die Hirsche in die Brunft gehen, stieg ein junger Mann von einem Jägerburschen begleitet den schroffen Pfad hinan und sah häufig staunend in die Tiefe zurück. Er trug die landübliche Jägertracht, an der aber offenbar die Hand eines städtischen Schneiders vornehme Künste versucht hatte. Die feine Tuchjoppe war mit grünem Sammt eingefaßt, eine grüne Weste von gesteppter Seide, gemslederne Hosen bis an die nackten Knie, grüne Kniestrümpfe, deren Bänder durch goldene Fuchsköpfe geschlossen wurden, Bergschuhe, die trotz des schweren Nägelbeschlags spiegelblank und mit gelben Schnüren zierlich gebunden waren. Auf dem nagelneuen spitzen Jagdhut steckte freilich ein Gemsbart und eine Spielhahnfeder, aber an der verkehrten Stelle, was den fünfzehnjährigen Buben, der unter der groben Joppe ein kundiges und kluges Jägerherz trug, schon lange wurmte. Nur wagte er nicht, dem vornehmen Herrn davon zu sagen. Nachdenklich trug er die schöne Doppelbüchse dem jungen Baron nach und sah mit einer gemüthlichen Schadenfreude, wie die scharfen Kanten der Steine, die wie gesät umherlagen, dem glänzenden Firniß der Schuhe manches Denkzeichen mit auf den Weg gaben.

Wir wünschen aber durchaus kein übles Vorurtheil gegen den Schönbeschuhten zu erwecken. Er war ein leidlicher Jäger in den Forsten seiner Erbgüter, nur der Gebirgsjagd ungewohnt und in den Landessitten ein Neuling. Je höher er stieg, desto fröhlicher blickte er um sich. Die Herbstluft trug jeden Schall vom See herauf deutlich an sein Ohr, er hörte die Schifferinnen, die nach Bartholomä fuhren, fern in der Tiefe singen, die Pistolenschüsse, die der Echowand gegenüber abgefeuert wurden, und das tosende Ausrollen des Wiederhalls, und als es wieder still geworden war, den Meisenschlag im Wald und das Rauschen der kleinen Bäche. Da stand er, lüftete den Hut und sah aufmerksam in der Waldung umher. Es ist schön bei Euch, Phrygius, sagte er zu dem Knaben, der von seinen Vorvätern, einer langen Reihe ehrsamer Schulmeister, diesen klassischen Namen in den romantischen Wald mit hinübergenommen hatte.

Wollt's meinen, Herr Baron! erwiederte der Bursch. Es giebt viel Gemsen drüben im Warteck, und höher hinauf Mankei'n, wenn Euer Gnaden grad' einmal eins schießen wollten.

Damit stockte das Gespräch; denn Phrygius sprach die reinste Gebirgsmundart, und der Baron, ein Franke, verstand kaum die Hälfte, ja er wußte nicht einmal, daß ein Mankei ein Murmelthier ist, und fürchtete doch, durch Fragen sich um den Respect zu bringen. Sein Sinn stand nach einem starken Hirsch, der droben unterhalb der Regenalm sein Wesen trieb, und den der Forstmeister ihm angezeigt hatte. Phrygius kannte seinen Wechsel, und morgen früh wollten sie, nachdem sie in der Sennhütte übernachtet, ausgehen, um auf ihn zu pirschen. Also ließ er ein Mankei Mankei sein, und stieg schweigend wieder bergan.

Sie waren schon mehrere Stunden unterwegs, als ein stämmiger, verwegen blickender Bursch ihnen von oben entgegen kam, plötzlich stehen blieb und mit finsterer Miene sie musterte. Er mochte kaum vierundzwanzig Jahre alt sein, trug eine sehr verschossene kurze Joppe, ein wettermorsches Hütlein mit einer langen Hahnenfeder, die starken nackten Kniee sahen braun aus den Lederhosen und wollenen Stutzen hervor, und das grobe Hemd ließ Hals und Brust frei. Nun stand er auf den hohen Bergstock gelehnt mit einem fast höhnischen Trotz mitten im Weg, als hätte er hier zu befehlen, und trat keinen Fußbreit auf die Seite, als der schmucke Fremde sich näherte. Dem gefiel der kecke Gesell. Er sah ihm vertraulich ins Gesicht, nickte ihm zu und sagte: Grüß' Gott! Wie weit ist's noch bis zur Regenalm hinauf?

Der scharfgeschnittene Mund des Andern verzog sich, er preßte die Lippen zusammen, als wollte er die Antwort lieber verschlucken. Nach der Regenalm? wiederholte er endlich, mit einem spöttischen Blick auf den Anzug des Fremden. Meint Ihr, es sei Fastnacht droben?

Er hob den Stock und stieß ihn gegen einen Stein, wie um die Wucht der scharfen Eisenspitze zu prüfen. Seppi, sagte der Jägerbursch, mach' daß du auf die Seite kommst, sonst sag' ich's dem Forstmeister, du weißt schon, was!

Der Andere lachte kurz auf. Schwätz' was du willst, sagte er. Ich fürcht' keinen Teufel, am wenigsten einen Fratz wie du, der so einem Affen das Schießzeug nachträgt. Behüt' dich Gott, Phrygius!

Und von Neuem auflachend, schlug er sich seitwärts in die Tannen und verschwand bald in einer Schlucht. Die Beiden sahen ihm nach. Wer ist der grobe Gesell? fragte der Baron.

Der Seppi vom Thiereck, Euer Gnaden, sagte der Knabe, der nach der Schlucht hinstarrte, als wäre ein angeschossenes Stück Wild dahinter verschwunden. Der Forstmeister hat ihn lang auf dem Korn, denn er wildert gefährlich herum, wo's ihm gerad' taugt. Früher, als seine Mutter noch lebte, hielt er sich stiller; jetzt treibt er's am helllichten Tag. Die Resei auf der Regenalm ist sein Schatz. Drum hat er so aufbegehrt, als Euer Gnaden nach dem Weg gefragt haben. Und auch das kam ihm quer, daß der Herr Baron die Spielhahnfeder nach vorn tragen, statt nach hinten. Wo einer so unter die Leut' geht, bedeutet's, daß er raufen will, da sind sie gleich über ihn her. Bin nicht gut dafür, daß der Sepp nicht mit Euer Gnaden Händel sucht, wenn er auch jetzt aus dem Weg gegangen ist.

Was soll er mir thun? sagte der junge Mann gelassen. Er hat nicht einmal ein Gewehr.

Wohl hat er eins, Euer Gnaden haben's mir nicht gesehen, eins zum Abschrauben. Den Kolben trägt er im Rucksack, den Lauf, der ganz kurz ist, im Joppensack. Will er schießen, ist Alles im Nu bei einander. Aber faßt ihn einmal der Jäger, muß er's hergeben und kommt viele Wochen ins Loch.

Und womit hast du ihm gedroht, Phrygius, was du dem Förster sagen wolltest?

Ich hab' ihn mit einem Gemsbock gesehen vorigen Samstag, im Ofenthal, gerade am Stand, wo der König schießt. Nach dem Hintersee stieg er hinab. Wär' seine Mutter nicht meine Firmpathe gewesen, so hätte er mich dazu erschossen, so rabbiat macht' es ihn, daß ich ihm begegnete. Ich hab' ihm Schweigen angelobt. Aber er hat halt kein' Ruh in seinem Gewissen.

Ist er arm, daß er sich aufs Wildern legen muß?

Er könnte ganz gut leben, ohne das Spielen und Großthun bei allen Kirchweihen und jedem Schießet. Aber er meint halt, es muß so sein, und da giebts nicht genug aus mit dem Schachtelmachen. Seine Mutter, die's noch zusammenhielt, ist auch nimmer da, seine Kühe hat er verkauft, Schulden auf'm Haus. Wo soll's herkommen? Die Resei mag ihn auch nimmer, hab' selbst gehört, wie sie's zu ihrer Freundin gesagt hat, daß sie einen Lumpen und Wildschützen nicht wolle. Darum ist er nun doppelt so grimmig und grantig und möcht' lieber Alles zusammenschießen. Aber Euer Gnaden brauchen nichts zu fürchten, ich geb' schon Acht mit der Büchs hinter Euerm Rücken. Noch eine Stunde, so sind wir in der Hütten.

Auf diese Reden schwiegen sie wieder, desto beharrlicher, je mehr die letzte Steile des Wegs einen festen Athem erforderte. Als sie aus den Schatten des Waldes auftauchten und nun an den freien grünen Abhängen der letzten Höhe hinaufsahen, stand der Baron wieder still und blickte unverwandt nach einem Punkt hoch auf der Schneide, wo sich vor dem lichten Himmel etwas Dunkles auf und ab bewegte. Der Bursch sagte ihm, daß es eine Schaukel sei, auf der die Sennerinnen sich zuweilen die Zeit vertrieben. Bald, da er wieder anstieg, hörte er dann auch den hellen Juhschrei, mit dem ihn die scharfäugigen Dirnen schon von weitem bewillkommneten. Aber erst droben, als der oberste Grat erklommen war und er sich der Schaukel genähert hatte, überlief es ihn kalt, das gefährliche Spiel mitanzusehen. Hart neben dem jähen Abhang war ein mannshoher Pfahl in den Boden eingerammt, über dem der lange Schaukelbalken lag und zitternd auf und ab schwankte. An jedem Ende, nur an einem kurzen Pflock sich festhaltend, saß rittlings, die Beine züchtig gekreuzt, eine der Sennerinnen, und sie flogen auf und nieder, daß die Zipfel der schwarzen Kopftücher flatterten und der Boden dröhnte, wenn sie mit der vollen Wucht ihres Leibes aufschlugen, um im nächsten Moment wieder hoch überm Abgrund zu schweben, in welchen Ein Ausweichen des Pfahls sie hinabschleudern mußte. Wie sie in der Luft hangend mit lachendem Uebermuth dem fremden Jäger zunickten, die Hände hoch in der Luft schwenkten, und ihre weißen Zähne blitzten, verging dem Zuschauer aller Schauder, und er weidete sich nur an der kecken Jugendfrische, die hier in der Wildniß ihn anlachte, wie ein Strauß Alpenrosen von der schroffen Felsenwand.

Endlich wurden die Beiden des Spiels müde und hielten an. Im Nu waren sie von der Schaukel, da Phrygius ihnen half, und begrüßten treuherzig den Ankömmling, der sich bei ihnen zu Gast lud. Er konnte sich nun erst auf der Höhe, wo er stand, umsehen und hielt sich für den mühsamen Weg reich belohnt. Auf dem Scheitel des Watzmann lag ein frischer Schnee, das steinerne Meer war leise vom Abendroth angehaucht, und die glänzende Eisdecke der übergossenen Alm leuchtete wie ein großer Diamant im Kronschmuck des gewaltigen Alpenreichs. Von der Schneide gemach sich senkend zog sich die Alm nach Süden, hie und da starrte ein größerer Felsbrocken mit Alpenrosen überwuchert aus dem Felsengrund vor, oder ein Dickicht dunkelgrüner Laatschen, zwischen denen die Kühe weideten; tiefer hinab nach der Regenalm zu begann wieder Tannenholz und einzelne Lärchen. Dahinunter gingen nun die Vier, in Gesprächen, wie sie Jäger in groben oder feinen Schuhen mit Sennerinnen zu führen pflegen. Die Größere und Schönere war jene Resei, deren Phrygius bei Gelegenheit des Wildschützen gedacht hatte. Die Andere, Genovefa oder Vefa, gab wohl an Reiz der Gestalt, aber nicht an gutem Humor ihrer Kameradin etwas nach. Sie trugen Beide über dem festen Mieder eng anschließende wollene Janker, braun, mit rothen Streifen und einer Menge bunter Glasknöpfe zierlich eingefaßt; wollene Stutzen vom Knöchel bis zum Knie, Resei in bloßen Füßen, während Vefa in schweren Holzschuhen ging. Beide bewohnten eine große Sennhütte am Regen, die durch eine Wand in zwei gleiche Hälften getheilt war, so daß jede der Dirnen ihr Reich und Regiment, Milchkammer, Keller, Herd und Stall für das Vieh für sich hatte. Da hatten sie schon viele Wochen gehaus't, und die Zeit war nahe, wo sie mit den wohl herausgefütterten Heerden »abifahren« sollten, zu den Bauern zurück, die das Vieh ihnen anvertraut hatten.

Das ließ sich der Baron von ihnen erzählen auf dem Weg von der Schaukel bis zu ihrer Hütte. Indessen hüllte die Dämmerung sie immer dichter ein, und es ward kalt auf der freien Höhe. Das steinerne Meer blickte grau herüber, gespenstisch bleich stand das Schneehaupt des Watzmann vor der entfärbten Luft, und drüben aus dem unsichtbaren Kessel des Obersees dampfte ein weißer Nebel langsam herauf. Kaum eine Viertelstunde verging, so hatte er, scheinbar schwerfällig sich weiter wälzend, den ganzen Horizont verschleiert und hing sich wie ein zähes Spinnweb ungeheurer Spinnen auch um die Tannen und Laatschen auf der Alm, daß die Jäger mit den Mädchen noch gerade zur rechten Zeit die Hütte erreichten. Drinnen fanden sie schon ein Feuer auf dem platten Boden der Thür gegenüber; ein alter Holzknecht saß und kochte sich seine Schmalzkost in Resei's Pfanne, zwei Sennerinnen und der Hüterbub von einer benachbarten Alm hatten sich ebenfalls eingefunden, um noch ein Stündlein zu schwatzen. Da ward es enge um die rauchgeschwärzte Feuerstelle, und die beiden Bänkchen reichten nicht aus. Phrygius kauerte sich neben dem Hüterbuben auf der Schwelle der Milchkammer nieder, der Baron saß ziemlich warm zwischen Vefa und einer der fremden Dirnen, Resei ging ab und zu, um für ihre Gäste einen echten Gebirgsschmarren in Eile zuzurüsten. Aber die Enge pflegt der Vertraulichkeit nicht zu schaden. Bald ging das Lachen und Kichern laut genug um in dem bunten Kreis, die zinnernen Löffel klapperten, der Baron that einem hölzernen Weidling voll süßer Milch, in welchen Vefa große Brodschnitten warf, gebührende Ehre an, Phrygius rauchte mit der Befriedigung eines Neulings eine Cigarre, die ihm der Baron geschenkt, und der alte Holzknecht, dem der Fremde ebenfalls zuerst nicht recht einleuchten wollte, wurde durch die Jagdflasche, aus der er trinken durfte, so munter gestimmt, daß er anfing zur eintönigen Musik einer alten Zither seinen unerschöpflichen Vorrath von Schnaderhüpfeln auszukramen, in welche die Sennerinnen oft lachend und sich am Elnbogen stupfend unverlegen mit einstimmten. Es war kein anderes Licht in dem engen Gemach, das kaum fünf Schritt im Geviert haben mochte, als das Herdfeuer und der schwache Schimmer des Mondes, der sich durch den Nebel stahl. Resei hatte sich mit gekreuzten Armen vor das eine Fenster gesetzt und sang nur leise mit. Sie gefiel dem Baron immer mehr. Wo hatte sie diese vornehme Manier gelernt, die Lippe zu rümpfen und so nachdenklich in den Nebel hinaus zu sehen? Manchmal kam es dem Baron vor, als sei sie in ihren Gedanken weit abwesend. Ihre gerade, kräftige Nase zitterte von schweren Athemzügen, ihre Stirn wurde höher. Unwillkürlich mußte der Fremde an jenes französische Bauernkind denken, das einem Kriegsheer die Fahne vorangetragen hatte.

Als sie so im besten Singen und Lachen waren und allzusammen die Stunde vergaßen, öffnete sich auf einmal sacht die Thür, und mit einer kalten Wolke der weißen Nebelluft, die sich an ihn gehängt hatte, trat die wohlbekannte Gestalt des Sepp vom Thiereck in die Hütte. Niemand schien von seinem Kommen sehr erbaut. Der alte Holzknecht, der am Tisch saß und unermüdlich die Zither schlug, warf einen schiefen Blick unter den grauen Wimpern auf den Ankömmling und hustete wie aus Verlegenheit. Die Dirnen raunten sich in die Ohren und schienen nichts Gutes zu ahnen, nur Resei, veränderte keine Miene.

Ist's erlaubt, sagte der Sepp gleichmüthig, eine Pfeif' anzuzünden? Sonst will ich weiter nicht stören.

Niemand antwortete. Aber während der Wilderer an das Herdfeuer trat und einen brennenden Spahn aus der Glut zog, fuhr der alte Sänger in seinen Schnaderhüpfeln fort:

Ein Fuchs hat vier Branteln,
Warum denn so viel?
Ich kenn' einen mit zwei,
Der schleicht auch wie er will.

Da kicherten die Dirnen unter einander und deuteten mit den Augen auf den Sepp hin, der ihnen den Rücken zugekehrt hatte. Jetzt drehte er sich um und stand am Tisch zwischen dem Alten und der Resei, dem Baron gerade gegenüber, der trotz des unsanften Begegnens drunten im Wald den Burschen ohne Feindseligkeit, vielmehr mit offenem Wohlgefallen betrachtete. In dem engen Raum erschien der prachtvolle Wuchs des wilden Gesellen noch gewaltiger, als zwischen den hochstämmigen Tannen, und dem kühnen Schnitt seines Gesichts stand die ungewisse Mondscheinbeleuchtung nicht schlecht.

Der Sepp aber schien den Fremden gar nicht zu gewahren. Franzel, sagte er und schlug dem Alten auf die Schulter, hockst hier bei den Weiberleuten? Wären die rechten Hennen für dich, alter Gockel! Wer ist heuer dein Schatz, die Vefa oder's Gretel? Hast nicht deine Alte daheim in der Ramsau, die dir einheizt, wenn du heimkommst, daß dir's Feuer zu den Nägeln herausschlägt?

Statt aller Antwort spielte der Alte fort und sang:

Hast kein Freud auf der Welt,
So pack' nur gleich z'samm',
Und geh' denen aus'm Weg,
Die ein' Freud' damit ha'n.

Der Sepp aber schob ihn ein wenig die Bank hinauf und setzte sich neben ihn. Dann sang er selbst, mit einer derben aber geübten Stimme:

Und 's ist nix so traurig
Und nix so betrübt,
Als wenn sich ein Krautkopf
In ein' Rose verliebt.

Sofort erwiederte der Alte:

Und es ist nix so traurig
Und ist nix so hart,
Als wenn sich ein Pudel
In ein Katzel vernarrt.

Jetzt ergriff der Sepp, während die Andern lachend näher rückten, die Zither und setzte mit einer lebhafteren Schnaderhüpfel-Melodie wieder ein. Es gilt, Franzel, sagte er, laß schaun, ob du mich in Grund und Boden singst! Und dann sang er:

Die Mauser Ein Raubvogel. wer'n geschossen,
Da spart man kein Blei;
O wär'n die Duckmauser
Doch auch vogelfrei!
Und der Alte darauf:

Ein Geisbock ist gestiegen
Gar hoch in sei'm Zorn,
Hat ein Gems werden wollen,
Ist dennoch keins wor'n.
Der Sepp antwortete:

Ein Spatz ist kein Spielhahn,
Geht deswegen nit drauf,
Und ich bin kein gnäd'ger Herr
Und bin doch kreuzwohlauf.

Aller Augen wandten sich nach dem Baron, der ganz arglos diesem Wettgesang aus dem Stegreif mit großem Vergnügen zuhorchte und kaum begriff, daß der letzte Vers ihn selbst gestreift hatte. Wohl aber wußte der Alte, worauf es abgesehen war, und um den Händelsucher mit einem Hauptschlag womöglich zum Rückzug zu nöthigen, sang er jetzt mit deutlicher Beziehung auf die Spielsucht des Sepp:

Zwicken und Paschen
Macht gern leere Taschen,
Und gewinnst auch dein Spiel,
Es bedeut't halt nit viel.

Denn ein Floh ist hart hüten,
Und leichter halt doch,
Als ein Geld, das erspielt ist,
Das findt't schon sein Loch.

Aber dieser sehr persönliche Angriff glitt völlig an dem Getroffenen ab. Während seine Finger mechanisch die leichte Melodie spielten, faßte er plötzlich den Fremden scharf ins Auge und richtete nun Alles Folgende unverholen an ihn. Denn ohne dem Alten auf seine Anspielung zu dienen, sang er mit einer leiseren aber erregteren Stimme, in der ein böses Zittern von Haß und Ingrimm zu spüren war:

Bist lang noch kein Jäger,
Weil du Federn am Hut
Und ein Doppelbüchs hast,
Die »pum pum« machen thut.

Und im Berg will ich lieber
Ein Eichkatzel sein,
Als im Land ein Kameel,
Das fällt mir nicht ein! –

Als er inne hielt, und nur das Nachspiel fortging, schwieg auch der Alte und schien nachzusinnen, wie er am besten den wehrlosen Fremden wieder aus dem Treffen bringen könne. Eine von den fremden Sennerinnen aber, nicht mehr jung, doch die vorwitzigste, fiel mit einem Nothvers ein und sang:

Ein Echo das hat schon
Das sauerste Leben,
Wenn's jedwedem Laffen
Ein' Antwort muß geben.

Roth vor Zorn sah der Sepp sie an und blieb die Antwort nicht schuldig:

Und 's Gredl vergißt Alles,
Das macht ihr kein' Müh,
Aber daß sie einmal schön gewest,
Dasselb vergißt's nie.

Dann, ohne seinen Vortheil der Dirne gegenüber weiter zu verfolgen, fuhr er nur hitziger fort, da er die gelassene Miene des Fremden, der das Gefährliche seiner Lage kaum ahnen mochte, wie Hohn und Verachtung auslegte. Mit steigender Erbitterung sang er:

Ein Mensch, der kein Herz hat,
Nit kalt und nit warm,
Und wie reich als er wär',
Ist er dennoch blutarm.

Und ein Büchs' ohne Hahn
Und ein Dirndl ohne Mann
Und ein Jäger ohne Schneid –
Alle drei thun mir leid.

Und der Nebel kann's wohl,
Daß er lang was verdeckt,
Aber das kann er nit,
Daß er's allweil versteckt.

Der Alte wollte einfallen und die dichten Hiebe endlich wieder pariren, aber der Sepp, der mit zitternden Lippen und brennenden Augen die Zither schlug, daß die Saiten ächzten, hörte ihn nicht, sondern sang immer lauter fort, die Augen starr auf den Baron geheftet, der seinerseits jetzt wirklich sich hinter ein höhnisches Lächeln verschanzte, da er völlig außer Stande war, mit den gleichen Waffen sich zu wehren. Athemlos hörten die Andern zu, als der Sepp jetzt mehr kreischend als singend fortfuhr und Takt und Melodie des Instruments kaum noch mitgingen:

Und wo du nit hintaugst,
Da mach' dich auf d'Seit.
Mit so vielfeine Stieferln
Da kommst ja gar weit.

Denn die Dirndln in Berg
Und die Federn am Hut
Für so lausige Stutzer
Sind's tausendmal zu gut.

Und von Reden allein
Fällt kein Tannenbaum um;
Willst einmal schon was thun,
Ei so schwatz' nit lang rum.

Mit den letzten Worten, die er gleichsam an sich selbst gerichtet hatte, sprang er auf, schob die Zither bei Seite und schlug mit der Faust schallend auf die Tischplatte, daß die Saiten klirrten und die Milch in der großen Schüssel aufspritzte. Tausedsakra! schrie er, jetzt ist's aus und gar. Wenn Ihr's noch nicht wißt, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat, Herr, so will ich's Euch weisen, Herr. Hinaus mit dem Fuchs aus dem Taubenschlag! Hinaus, sag' ich! Meint Ihr etwa, ich spürte nicht, welche Schlanklerei Ihr im Sinne habt, und daß es nicht Pirschens wegen ist, daß Ihr auf die Alm gestiegen seid? Da ist kein Platz für so ein windiges papierenes Ratzenbartel, und hinterm Berg wohnen auch Leut', und jetzt macht, daß Ihr mir aus den Augen kommt, oder, mein Eid –!

Er hob drohend die Faust gegen den Baron, der ihn mit kalter Ruhe betrachtete. Geh' deiner Wege, Bursch, sagte er jetzt, und hüt' dich wohl, mir zu drohen. Wir haben nichts zu schaffen mit einander, und Niemand soll mir wehren, hier zu bleiben, so lang es mir gefällt, und die Sennerin nicht selbst mich aus ihrer Hütte weis't. Wagst du aber nur mit dem Finger mich anzurühren, so sollst du erfahren, daß noch andere Leute Mark in den Knochen haben, als ihr in den Bergen, und daß man in allerlei Schuhen, blanken oder schmutzigen, seinen Mann stehen mag.

Sei stat, Seppi! raunte nun auch der Alte ihm zu und faßte ihn am Arm, ihn auf die Bank niederzuziehen. Aber der Bursch kannte sich nicht mehr. Einen Augenblick hielt er inne und sah die Resei an, ob sie etwa ihr Hausrecht brauchen werde. Als das Mädchen stumm blieb und ihn nur mit finsterer Miene von oben bis unten maß, brach die eifersüchtige Wuth lichterloh aus ihm heraus. –

Meint Ihr, man kennt Euch nicht, Ihr sauberer Vogel? schäumte er. Hab' ich Euch nicht schon drüben in Bertelsgaden getroffen bei der letzten Kirchweih, wie Ihr um alle Dirnen herumschwänztet und das Maul spitztet? Dazumal waren mehr Augen, die Euch auf die Finger sahen, daß Ihr's Karessiren fein unterwegs lassen mußtet. Jetzt hier oben bin ich's allein, denn das anderthalb Mannsvolk außer mir hat einen großmächtigen Respect vor Euerm Affenputz, und das Weibervolk taugt alleweg nichts. Aber so wahr ich nach der Resei und Allen hier den Teufel nichts frag', Ihr sollt diesmal verspielt haben und mit Schimpf und Schand abziehen im Guten oder Bösen, wie Ihr's haben wollt. Hinaus mit Euch aus der Hütten, oder macht's Testament, eh' ich Amen sag'! –

Er war hinter dem Tisch hervorgesprungen und stand nun dicht vor dem Baron, beide Fäuste geballt, im Begriff sich über ihn zu werfen, je nachdem er antworten würde. Da erhob sich die Resei, wie es schien gelassen, nur daß ihr Gesicht seltsam bleich geworden war. Sepp, sagte sie mit starker Stimme, jetzt machst, daß du weiter kommst. Für ein wildes Thier hat meine Hütte keinen Platz, und wenn einer hinaus muß, bist du's. Dich hab' ich nicht kommen geheißen, und wär' auch dumm genug, wenn ich's gethan hätt'; denn der Stier, wenn er ein rothes Gewand schaut, hat mehr Vernunft wie du, und wer kein' Fried' halten kann, gehört nicht unter Menschen. Jetzt weißt's, und nun geh' hin, wo du herkommen bist. Wir zwei sind geschiedene Leut'!

Der Bursch wollte etwas erwiedern, aber der Zorn schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Man hörte in der Todtenstille des engen Raums, wie er die Zähne zusammenbiß, daß sie knirschten, während ihm die Fäuste wie gelähmt vom Uebermaß der Leidenschaft schlaff an den Seiten niedersanken. Plötzlich aber zuckte er mit einem heftigen Entschluß empor, faßte den Baron, der noch immer auf der Bank saß, an beiden Schultern und riß ihn in die Höhe. Laut schrieen die Dirnen, Phrygius und der Hüterbub sprangen hinzu, der Alte suchte den Wüthenden an der Joppe zurückzuzerren, und einen Augenblick schien es, als würde ein wüstes Ringen in der helldunkeln Kammer anheben. Aber der Baron, von der Bank emporgerissen, er sah seinen Vortheil, und mit einem kraftvollen Ruck schleuderte er den Wilderer dergestalt zurück, daß er, das Gleichgewicht verlierend, über die Bank fiel und gewaltsam mit dem Hinterhaupt an die Schwelle der Thür hinschlug. Rasch faßten ihn Phrygius und der Alte an Armen und Beinen, stießen die Thür auf, und ehe er sich vom Sturz besinnen und aufraffen konnte, hatten sie ihn über die Schwelle geschoben und die Thür hinter ihm verriegelt.

Darauf war es eine Weile still in der Hütte. Jeder saß wieder auf seinem Platz, aber Niemand sprach ein Wort; denn Alle horchten gespannt hinaus, was der Ueberwundene draußen beginnen würde, um seine Schmach zu rächen. Aber es rührte sich nichts. Nur im Stall nebenan war das Vieh von dem Lärmen unruhig geworden, und zwischen dem ängstlichen Blöken der Kälber hörte man das dumpfe Läuten der Glocke am Halse der Leitkuh. Der alte Holzknecht zündete seine Pfeife, still vor sich hin fluchend, wieder an, hob die Zither auf, die während des Tumults zu Boden gefallen war, und machte sich daran, die mißhandelten Saiten wieder zu stimmen. Die fremden Sennerinnen flüsterten mit einander, Phrygius hatte sich neben die Thür hingekauert und lugte durch einen Spalt in den Nebel hinaus nach dem Sepp. Der Baron aber hielt es für passend, sich gegen Resei zu entschuldigen, daß er für ihre Gastfreundschaft ihr so übel gelohnt habe durch den ärgerlichen Raufhandel, dessen Urheber er unschuldiger Weise geworden. Sie antwortete ihm nichts, sondern schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Da nun der Mond draußen hinter Wolken ging und das Herdfeuer verlosch, zündete sie ein Lämpchen an und stellte es auf den Tisch. Sie hatte den Janker und das schwarze Kopftuch abgelegt, und das Licht spielte frei über die kräftigen gebräunten Arme und die festen Züge des luftbraunen jugendlichen Gesichts; das braune Haar war schlicht hinters Ohr gestrichen, eine lose Flechte hing die Schulter herab, die Augenbrauen zog das nachdenkliche Mädchen, wie wenn die Stirn sie schmerzte, zusammen, aber die Lippen waren ruhig halb geöffnet, daß die kleinen Zähne blinkten. Endlich erweckte sie eine Saite auf der Zither, die unter dem Stimmhammer des Alten zersprang. Vefa, sagte sie, 's ist Zeit, schlafen zu gehen.

Ich mein's, sagte die Andere. Aber ich trau' mich nicht vor die Thür. Er lauert uns auf und schlägt uns alle Glieder zusammen, so wüthig wie er ist.

Laß sehen, ob er's wagt, antwortete Resei stolz. Damit ging sie furchtlos auf die Thür zu, schob den Riegel zurück und trat in die Nacht hinaus. Allen schlug das Herz lauter.

Er ist nimmer um die Hütte, hörten sie Resei draußen sprechen. Ihr könnt ohne Gefahr herauskommen.

Ich wett', was Einer will, sagte die witzige Gretel, der Fuchs hat sich in die Erde vergraben und lauert uns auf. Dir thut er freilich nichts zu Leid. Uns aber vergißt er's nimmer, daß wir's gesehen und dazu gelacht haben, wie er mit dem Purzelbaum abgefahren ist.

Laß ihn kommen, sagte der Alte und stand auf. Wir haben auch noch fünf Finger in der Faust. – Damit trieb er die Vefa, den Hüterbub und die anderen Sennerinnen zum Aufbruch, und der kleine Trupp schritt, nicht ohne einige Vorsicht, hinaus, um drüben theils in Vefa's Hütte, theils auf.der benachbarten Alm sich zum Schlaf niederzulegen.

Als sie fort waren, kehrte Resei zurück und verriegelte nun ebenfalls vorsichtig das Gemach. Obwohl sie die Runde ums Haus gemacht hatte, schien sie dennoch nicht völlig beruhigt zu sein. Doch wich sie einem weiteren Gespräch mit ihrem Gast geflissentlich aus und führte den Fremden nebst seinem Jagdgefährten in den großen Stall nebenan, wo man durch die schlafenden Thiere hindurch zu der Leiter und auf dieser zum Heuboden hinauf gelangen mußte. Als sie Phrygius hinter dem Baron oben angekommen sah, rief sie ihnen eine gute Nacht zu, schloß die Thür des Stalles und ließ sie in der Dunkelheit droben sich selbst zurechtfinden.

Phrygius streckte sich sogleich ins Heu und war nach wenig Athemzügen fest eingeschlafen. Aber dem Baron ward es nicht so gut. Zwar lag er sanft genug, und selbst die dunstige Wärme, die von dem Stall unter ihnen heraufdrang, war in der frischen Herbstnacht nicht unwillkommen. Wenn er den Kopf ein wenig hob, konnte er über den Rand des offenen Bretterbodens in dem weiten Raum unten die gehörnten Häupter der Heerde sich im Schlaf hin und her bewegen sehen und das glänzende Auge der Leitkuh, die nach ihrem Kalbe schaute. Durch die losen Schindeln im schrägen Dach ihm zu Häupten drang ein leichter Nachthauch herein, nur so viel um seinen Athem zu erfrischen. Und nichts störte die tiefe Stille auf der einsamen Höhe, als ganz in der Ferne das rauhe Gebrüll des Brunfthirsches, der noch in seinen Liebesgedanken durch den Nebel dahin wandelte, vielleicht zum letzten Mal. Denn die Büchse, die ihm nachstellte, war schon geladen. Aber auch dieser Ruf war es nicht, der den Jäger droben im Heu wach hielt. Hinter den geschlossenen Augenlidern sah er, so deutlich wie kurz zuvor, das runde feste Gesicht des Mädchens, das ihn beherbergte, vom Lampenschein geröthet, und zumal die frischrothen Lippen lachten ihn seltsam an. Er stand wieder neben der Schaukel und sah sie in die Lüfte fliegen und hörte das übermüthige Jauchzen. Damals schien sie ihm eine ganz Andere, noch ganz ohne Schicksale und ernsthafte Gedanken. Was war's mit dem Sepp? Dachte sie noch an ihn, oder war es ihr Ernst, als sie ihm sagte: Wir sind geschieden?

Das und Anderes sie zu fragen, verlangte den Schlaflosen immer stärker. Auch bildete er sich unbedenklich ein, daß er neben dem rohen Wilderer eine sehr schmucke Figur gespielt habe, zumal da er offenbar als Sieger das Feld behauptet hatte. Die Resei – wer weiß – lag jetzt wohl auch noch ohne Schlaf und dachte an den saubern fremden Jäger, und erwartete vielleicht jeden Augenblick, ihn zu etwas freierer Zwiesprach an ihre Thür klopfen zu hören. Sie mußte ihn für einen Tölpel halten, daß er die gute Stunde verschlafen konnte, oder gar für hochmüthig, als sei sie ihm nicht der Mühe werth. Und nicht am wenigsten reizte ihn auch der Gedanke, daß sein eifersüchtiger Feind nun draußen in der kalten Wildniß liege, während er in guter Ruhe die Gelegenheit wahrnähme, und das schöne Schätzlein sich eroberte.

Ein Versuch war immerhin zu wagen. Er stützte sich auf seinem Heulager auf und lauschte mit Befriedigung auf die tiefen Naturlaute, die aus dem Schlafwinkel seines jungen Gefährten herklangen. Schon hatte er sich sacht aufgerichtet, den Rücken unter den Dachbalken gekrümmt, den Fuß tastend vorgesetzt, um sich nach der Leiter zurückzufinden, als er draußen am Hause einen verstohlenen Pfiff rasch wiederholen und den Hirschruf gedämpft nachahmen hörte. Der Sepp ist's, sagte er augenblicklich bei sich selbst. Was hat der Unverschämte noch hier zu suchen?

In hellem Aerger duckte er sich nieder und kroch auf Händen und Knieen über die ganze Breite des Dachbodens hin, bis zu einer Mauerlücke. Er sah aber, obwohl er merkte, daß unter ihm das Fenster von Resei's Kammer lag, nichts als ein Stück der nebligen Landschaft, die nach dem Monduntergang grau und unheimlich ihn anstarrte. Wieder ein Pfiff, jetzt lauter und befehlender, und darauf ein rasches Pochen am hölzernen Laden, der das Fenster verschloß. Sie wird doch keine Thörin sein und öffnen? sagte der Lauschende bei sich selbst. Und wirklich blieb es eine geraume Weile still. Dann aber hörte er die gedämpfte Stimme des Sepp:

Resei! auf der Stelle thust den Laden auf und hörst, was ich dir zu sagen hab', oder mein Eid! ich steck' dir die Hütten überm Kopf an, daß du mit sammt deinem Baron die Engel im Himmel sollst singen hören!

Der Laden unten erklang, und sofort erwiederte die Stimme des Mädchens heftig und trotzig:

Thu's nur, Sepp! hast ohnehin nimmer weit zum Räuber und Mordbrenner. Jetzt, was soll's? Mach's kurz, denn ich hab' keine Zeit, unnütze Reden anzuhören.

Hast freilich bessere Dinge zu thun, höhnte der Bursch. Wie? Steht er hinter dir, dein Herr Baron, und bispert dir zu, daß du mir's Fenster vor der Nase zuschlagen sollst? Ihr habt's auch viel fein und heimlich mit einander im Dunkeln, und Schad drum, daß noch einer auf der Welt ist, der euch den Spaß versalzen möcht'. Kann ihm aber nicht helfen, wissen will ich, wie ich d'ran bin, und nachher magst meinetwegen auf die Nacht einlassen, wen du willst; wir zwei sind fertig.

Wir sind's lang, Sepp, und deine Reden kümmern mich nicht. Wenn du weiter nichts kannst, als schimpfen und aufbegehren, geh mir vom Fenster weg und laß mich in Fried.

Der entschlossene und kalte Ton dieser Worte schien den Burschen betroffen zu machen. Er schwieg eine Weile und hustete, ehe er wieder anfing.

Es ist nicht immer so gewesen zwischen uns Zweien, sagte er. Als du zum ersten Mal auf der Alm warst, hab' ich nicht lang stehen und pfeifen brauchen, wenn ich den weiten Weg mich zu dir gestohlen hatt', um dir ein Edelweiß zu bringen, oder ein paar Kirchweihnudeln, oder gar nichts als eine gute Nacht. Was ist dir nun auf einmal in Kopf gefahren, daß du mich anschaust wie ein wildfremdes Gespenst, und schlimmer, wie deinen Todfeind? Bin ich der Sepp nimmer, dem du dazumal auf der jähen Wand überm See gesagt hast: Schau, Sepp, wenn du mir sagst, spring da hinunter mir zu Lieb, ich mein', ich müßt's thun? – Sie haben mich verschwätzt, ich weiß wohl; ein Lump sei ich worden, ein Spieler und Raufer. 's ist wahr, seit mein' Mutter todt ist und das Häusel auf'm Thiereck leer steht und die zwei Kühe sich verfallen haben – was hatt' ich daheim zu suchen? Nach Bertelsgaden bin ich gegangen und hab' Arbeit gesucht bei der Saline. Aber es taugt mir nicht in den Moderkasten; Luft muß ich um mich haben. Und von der Luft lebt man nicht. Aber ich hätt' wohl so oder so was Ehrlichs vor mich gebracht, wenn du nicht auf einmal mich anders angeschaut hättest und alle Lieb' und Freundschaft aus gewesen wär' wie verhext. Da erst hat mich der Teufel geritten, daß ich unnütz herumgefahren bin und die Gemsen weggeschossen hab', wo ich sie fand, und das Geld verspielt und verkegelt und verlumpt, und ist mir Alles Eins gewesen, was die Leut' von mir schwatzen. Denn du bist Schuld, Resei, du hast angefangen. Hättst du mir damals, da mein' Mutter todt war, gesagt: Halt' das Deine zusammen, Sepp, in selbes Häusel führst mich einmal ein, und zu ein paar Kühen wird auch noch Rath sein, wenn du dich ordentlich hältst, – auf Ehr' und Seligkeit, ich hätt' geschafft für Drei. Damals aber hast mich auf einmal mit keinem Aug' mehr angeschaut, und auf der Kirchweih in Bartelmä hast mit dem Aloys und Anderen getanzt wie besessen, und als ich zu dir kommen bin, hast dich weggedreht, daß ich hätt' in den Boden sinken mögen vor Wuth. Und ich wüßt' doch, es geschah Niemand zu Lieb' und nur mir zum Possen. Denn so gut wie die Andern bin ich zehnmal, und das Bissel Wildern ist noch lang keine Todsünde. Jetzt zum letzten Mal, Resei: was ist's mit uns Zweien? Und was hab' ich dir angethan, daß es für immer aus sein muß zwischen mir und dir?

Es ist mir lieb, daß du mich fragst, antwortete die Stimme des Mädchens, und jetzt sollst du's wissen. Denn wenn's auch vorbei ist mit der Lieb': für so eine Windfahn', die sich dreht, heut so, morgen so, will ich nicht angesehen werden, auch nicht von dir. Hast ganz Recht, Sepp, daß ich dich anders angeschaut hab', seit deine Mutter gestorben ist, Gott hab' sie selig. Denn ich hab's wohl erfahren, was du gethan hast, als du mit der todten Frau eingeschneit warst droben am Thiereck und hast die Leich' die langen Wochen nicht hinunterführen können auf den Gottesacker. Was du dazumal gethan hast, Sepp, das hat mir's Herz umgekehrt, daß alle Lieb' daraus verschwunden ist und du lang danach suchen kannst.

Was ist's gewesen? fuhr er auf. Jetzt sag's, denn 's ist erlogen, wenn's was Unrechts war, das sag' denen, die dich gegen mich gehetzt haben; erstunken und erlogen ist's.

Mach' hier keinen Lärm, erwiederte sie, ich streit' nicht mit dir, denn ich weiß, was ich weiß, und du selbst wirst nicht abschwören, was du laut genug beim Wirth in der Schönau dir nachgesagt hast, als was Apartes und Gespaßiges. Jetzt schau mir in die Augen und sag', ob's erlogen ist, daß du die Leich' von der alten Frau im Stadel hingelegt hast, mit den Füßen zur Thür hinaus, und dich dann hingehockt und gepaßt, daß die Füchse kämen, und so einen Tag wie den andern deine Gaudi gehabt, Füchs' zu schießen an der Leiche von deiner todten Mutter, daß die arme Seele keine Ruh gehabt hat, anstatt deine Vaterunser zu beten, wie's andere Christenmenschen thun? Als ich das gehört hab', hab' ich mir gesagt: So einen Wüsten wenn ich zum Mann bekäm', da wär's gefehlt in diesem und im ewigen Leben, und wer steht mir dafür, daß ich auch einmal so zu liegen komm', steifgefroren, mit den Füßen in den Schnee hinaus, als Witterung für Füchs' und Vögel, oder was zu schießen dir sonst etwa einfallet? Da soll mich Gott behüten, und lieber schlag' ich mir gleich das Häusel am Thiereck aus dem Sinn; denn wenn ich auch nur ein armes Dirndl bin, dafür schätz' ich mich noch lang zu gut. Und jetzt weißt's, Sepp, und jetzt leugn' es ab, wenn du's Herz dazu hast. Was geschehn ist, ist geschehn.

So soll mich der Teufel auf'm Fleck zerreißen, schrie der Bursch außer sich, wenn ich das dem Aloys nicht heimzahle. Reu und Leid soll er machen, wo ich ihm wieder begegne, denn kein Anderer hat dir das gesagt, und 's ist eine hundsvöttische Lüge bei alledem, so wahr mir die Mutter Gottes helfe in der Stunde meines Todes. Wohl hab' ich Füchs' geschossen, während meine Mutter im Stadel gelegen ist und ich droben im Schnee gesteckt hab'. Denn hätt' ich kein Zeug dazu gehabt, – mit Haut und Haar hätten sie die todte Frau aufgefressen, und ich hätt's Geld für den Sarg sparen können. So ist's gewesen, und das hätt' Jeder gethan, und 's ist auch wahr, daß es mir die Langweil vertrieben hat, aber erlogen, daß ich's der armen Seele zu Schimpf und Unehr angestellt und sie dem Gethier als Witterung vorgeworfen hätt'. Wer das sagt, ist ein verlogener Hund, und das Fell will ich ihm über die Ohren ziehen; er kommt mir schon einmal!

Auf diesen heftigen Ausbruch erfolgte eine Stille. Der Baron oben unterm Dach machte sich schon darauf gefaßt, eine vollständige Versöhnung mitzuerleben. Aber so weit war das trutzende Paar noch nicht gediehen. Nach einer Weile hörte er wieder die Stimme der Resei.

Der Aloys ist ganz unschuldig dran. Ich hab's von einem Andern, und du magst jetzt sagen, was du willst, Sepp, und es mag wahr sein oder erlogen, wer so ist, daß man ihm das nachred't und die Leute glauben's, mit dem ist's nicht richtig, und so einer bild' sich nicht ein, daß ein Mädel es sich für eine Ehre schätzen wird, für seinen Schatz angesehen zu werden. Jetzt merk' dir's ein für allemal, Sepp: ich nehm' keinen Wildschützen, und keinen Raufer, und vor einem Spieler schlag' ich erst recht drei Kreuz'. Ich hab' keine Lust dazu, daß mir der Jäger einmal meinen Mann wie einen Gemsbock von der Wand herunterschießt, oder der Gensd'arm ihn fortschleppt aus dem Wirthshaus, weil er flinker mit dem Messer bei der Hand war, als mit dem Beutel. Jetzt hab' ich dir's gesagt, Sepp, und nun laß mich in Frieden ein für allemal, und bleib' weg von meiner Hütten; denn was du hier suchst, findst du doch nimmer, das sagt dir die Resei und damit behüt' dich Gott, Sepp!

Es klang am Fenster, als wenn sie den Laden erfaßt hätte, um ihn zu schließen; aber der Sepp legte noch einmal seine Faust dazwischen. Hör' an, sagte er mit rauher, von Leidenschaft bewegter Stimme. Ich hab' dir auch noch ein letztes Wort zu sagen. Was in Zukunft geschieht, und ob ich ein anderes Leben führen werd', ist meine Sach. Das aber merk': wenn du jetzt nicht auf der Stelle aus der Hütten gehst und dich über Nacht zur Vefa hinüberthust, weiß ich auch, was ich weiß. Meinst, ich hätte nicht gemerkt, mit welchen Augen der Lackirte, der Stutzer, dich angeschaut hat, und daß dir's in Kopf gestiegen ist? Ich aber kenn' ihn, und darum bin ich so fuchsteufelswild geworden, und das kann ich dir auch noch sagen, was er dir nicht thut, das prahlt er, er hätt' dir's gethan, und wo hast nachher einen Zeugen, es ihm in den Hals zu werfen? Nochmals, wo du nicht gescheidt bist und bei der Vefa übernachtest, sollst du von mir zu hören kriegen, daß dir die Ohren sausen.

Du hast mir weiter nichts zu sagen und zu befehlen, antwortete das Mädchen. Meine Ehr' ist mein, ich hab' sie dir nicht aufzuheben gegeben. Und wo ich bei Tag oder Nacht bleiben will, mach' ich mit mir selber aus, verstehst? Wenn du's doch wissen willst: es ist noch lang die Frag', bei wem ich besser aufgehoben wär', bei dem Baron, oder bei dir. Denn wer so alt worden ist, wie du, und hat noch keine Manieren gelernt, und führt sich auf, wie du heut' Abend, daß es eine Schande ist vor jedem Fremden, der soll fein stillschweigen über andere Leut', die auch nicht lauter Erzengel sein mögen, aber noch lang keine wilden Thiere. Und das ist das Letzte, und damit gute Nacht!

Der Laden wurde zugeschlagen. Aber der Bursch schien noch festgewurzelt am Fenster. Plötzlich hörte ihn der Lauscher oben einen heftigen Schlag gegen das Fenster thun. Behalt' deine gute Nacht für dich, du falsche Schlang'! Dasselbe Wort sollst du bereuen dein Lebenlang, und wenn ich ein wildes Thier bin, so will ich's auch sein, daß euch die Haare zu Berg stehn sollen, und dein Baron drunten im Land ein Lied davon singen, das seinen gnädigen Herrn Vettern die Lust vertreibt, sich umzuschau'n auf der Alm. Denk' an mich, Resei! du hast's verspielt und wirst's bezahlen!

Ein wilder Juhschrei schloß die drohende Rede, ein Stein fuhr gegen die Wand, an der der Baron kauerte, daß der Kalk aus den Fugen bröckelte, dann hörte man den Burschen in den schweren Nägelschuhen trotzig über die Steine davonschreiten und die Nacht war wieder still. Aber der junge Fremde dachte jetzt noch weniger an Schlaf. Er wußte wohl, daß, wenn eine Liebschaft eben zum Bruch gekommen, es die rechte Zeit ist, einen frischen Sturm auf das nun vereinsamte Weiberherz zu wagen. Auch hatten ihn die Worte der Resei zu seinen Gunsten höchlich aufgemuntert. Vorsichtig tastete er sich jetzt nach der Leiter zurück, um wenigstens nicht besser zu sein, als sein Ruf. Aber obwohl er mit der Hand den Rand des Heubodens der ganzen Länge nach untersuchte, auf die Leiter stieß er nirgends. Hatte die listige Dirne sie weggezogen hinter ihrem Rücken? War sie von einem der Thiere unversehens umgestoßen worden? Aber das hätte er doch gehört. Es blieb nichts übrig, als zu denken, daß die Resei sie hier oben gefangen halten wollte, so lang es ihr selbst beliebe. Still bei sich brummend und den Trotzkopf verwünschend streckte er sich endlich wieder ins Heu, und nachdem er noch eine Weile den Drohungen des Wilderers nachgesonnen und sich gesagt hatte, daß die Nacht frisch genug sei, ihm das hitzige Blut abzukühlen, schlief er zuletzt mit seinem Aerger ein und merkte es nicht im Geringsten, daß die Mäuse über ihn hinwegliefen und die Kugelpflaster in seiner offenen Jagdtasche benagten.

Er meinte, nur ein paar Stunden geschlafen zu haben, als ihn die Stimme der Resei aus abenteuerlichen Träumen weckte. Doch war es fünf Uhr, die Kühe schon auf den Matten draußen, Phrygius längst unterwegs. Sie hatten ausgemacht, daß der Bursch vor Tag ausgehen sollte, in weitem Bogen gegen den See hinab sich um den Berg herumschleichen, um dann wieder ansteigend dem Hirsch in den Rücken zu kommen und ihn die Schlucht hinauf dem Baron entgegenzutreiben. Nun stand die Sennerin unten an der Leiter und rief ihren Gast an, der alsbald sich aus dem Heu aufraffte und beim Anblick des Mädchens sich im Nu aller Ereignisse des Abends und der Mitternacht entsann. Ein falber Schein fiel durch die Thür und eine fast sommerlich weiche Luft drang mit herein. Als er die Sprossen der Leiter hinabgestiegen war und nun in der Dämmerung allein dem schlanken Mädchen gegenüberstand, dachte er ohne Umstände zum Morgengruß sie auf den Mund zu küssen. Aber ein herzhafter Stoß gegen die Brust bedeutete ihn unsanft, daß von nichts Verliebtem die Rede sein dürfe, wenn sie gut Freund bleiben sollten. Er machte einen Scherz daraus, den sie ungeziert zurückgab. Im Stillen verdroß es ihn mehr, als er sich's eingestand; denn sie gefiel ihm immer besser. Jetzt freilich war keine Zeit zu verlieren. Aber wer hinderte ihn, noch eine Nacht hier zu bleiben und es dann klüger anzustellen?

So schritt er, sein Gewehr umhängend, der Resei nach in den grauen Morgen hinaus. Sie wollte ihm den Weg eine Strecke weit zeigen, bis an den Wechsel, den ihr der Phrygius bezeichnet hatte. Von der Regenalm abwärts geht eine sanfte Thaleinsenkung, schön zwischen den Rippen des Berges abgerundet, wohl eine Stunde weit nach Westen, bis sie über schrofferen Klippenhängen zum See abfällt. Der Boden ist mit weichem Gras bedeckt, von Steinen ziemlich frei, und ein lichtes Wäldchen schöner Ahornbäume zieht sich durch die ganze Länge der Schlucht, die nach ihm das Ahornet genannt wird. Hier sollte der Hirsch, von Phrygius getrieben, zwischen den Bäumen vorüberkommen. Waidmanns Heil! sagte das Mädchen, als sie am Eingang des Ahornet stehen blieb. Er stand ebenfalls und blickte zurück. Da lagen die Hütten friedlich im ersten Morgenroth, während die Schlucht noch dämmerte. Die Kühe hatten sich weit zerstreut, die Gestalt der Vefa war auf einem Felsstück sichtbar, und ein kräftiger Jodelruf grüßte zu ihnen herüber.

Der verjagt kein Wild, sagte die Resei. Sie sind daran gewohnt. Manchmal kommen die Hirsche so vertraut, daß man sie mit Händen greifen könnt'. Aber ein Jäger freilich darf nicht um den Weg sein, den wittern sie bald.

Sie schien noch etwas auf dem Herzen zu haben, denn sie zögerte zu gehn. Hört, sagte sie endlich, kann sein, daß der Sepp Euch einen Possen spielt, Euch die Jagd zu verderben. Mehr wagt er schwerlich. Aber wenn Ihr ihm begegnet, gebt ihm kein bös Wort, was er auch anfangen mag, sonst thut er, was ihn reut. Und nun nochmals, Waidmanns Heil!

Sie ließ ihn stehen und stieg wieder zu ihrer Hütte hinauf, und er sah der kräftigen und doch anmuthigen Gestalt lange nach und fühlte ein wunderliches Brennen am Herzen, halb von Aerger, halb von Verliebtheit. Den Sepp fürchtete er nicht; trug er doch seine sichere Waffe und wußte sich stark und gewandt genug. Zudem war der Ahornwald in dieser späten Jahreszeit kaum dicht genug zu einem Hinterhalt, dessen er sich auch von dem geradezufahrenden Gesellen am wenigsten versah. Also machte er sein Gewehr schußfertig und begann nun, vorsichtig zwischen den Stämmen hinschleichend, einen bequemen Stand zu suchen. Ein Schmalthier lief ihm über den Weg, einige flüchtige Gemsen eilten in voller Flucht oben am Grat vorbei und die Steine rollten unter ihnen zu Thal. Daraus gewahrte er wohl, daß sein Phrygius sich bereits nähere. Aber noch immer ließ der Held des Tages, der Hirsch, auf sich warten. Der Jäger sah deutlich seine Fährte auf dem dürren Laub, und da er jetzt an einen freien Platz kam, über den sie hinlief, nahm er seinen Stand hinter zwei kleinen Tannen, deren Wurzeln ein moosiger Stein beschwerte. Da duckte er sich nieder hinter die Stämme, durch die er trefflich schauen und anlegen konnte. Zu allen Seiten regte sich nichts, bis auf die Vögel, die dann und wann aus den Zweigen schwirrten und jedesmal das Herz des Spähenden klopfen machten, als verkündeten sie das Nahen des Erwarteten.

Ueber dem Schauen und Horchen versank sein Geist allmälig in eine behagliche Träumerei. Er malte sich's aus, wie er heut am Abend es anstellen werde, sich bei der Resei in Gunst zu setzen. Er legte die Doppelbüchse neben sich ins Moos und säuberte seinen Anzug von den Spuren des Heulagers. Indessen stieg die Sonne langsam über den Grat herauf und ergoß ins Ahornet hinab einen breiten Schein. Der Jäger trug einen Rubin am Finger, den ließ er wohlgefällig in der Sonne spielen und fühlte sich, als er sich in der blanken Klinge seines neuen Jagdmessers spiegelte, vollends unwiderstehlich, der schmuckste, vornehmste und reichste Mann auf viele Stunden im Umkreis. Was konnte ihm mißlingen?

Eben war er mit seiner Toilette fertig geworden, als er ein Krachen dürrer Aeste in nächster Nähe vernahm und von einer Seite, wohin die Fährte nicht gewiesen hatte, den Hirsch vorbrechen sah, nicht im Lauf, aber doch wild umherblickend, ein starker Zwölfender, ganz schwarz mit zottiger Brust und breitem, scharfzackigen Gestäng. Einen Augenblick stand er in der Lichtung, das Haupt witternd hoch in der Luft, ein dumpfes Gemurr hervorstoßend. Im nächsten Moment war er des Mannes hinter den Tannen ansichtig geworden, sein schwarzes Auge schoß einen kurzen Blitz auf den Jäger, dann wendete er mit einem mächtigen Satze um und jagte im Sturm waldein die Hänge hinauf. Aber schon krachte es hinter ihm, zweimal hart nach einander, und das sichere Zeichen einer gewaltigen Flucht sagte dem aufgeschreckten Jäger, daß er mehr Glück als Besonnenheit gehabt und das Thier jedenfalls angeschossen habe. Hastig raffte er sich empor und schlug sich dem Entflohenen nach durch die Forstung, nun völlig auf das Eine erpicht, den Schweiß des Hirsches zu finden. Mit starken Schritten hielt er die Richtung ein, und ein Freudenruf entfuhr ihm, als er jetzt auf einem nackten Felsenstück die Rothfährte erblickte, die freilich gleich darauf zwischen Gras und hohem Farrenkraut wieder verschwand. Er stand einen Augenblick und überlegte, ob er Phrygius erwarten solle. Aber es stachelte ihn nach dem mißlichen Anfang doppelt die Begierde, den Hirsch, den er verendet zu finden glaubte, allein aufzusuchen. Also lud er beide Läufe seines Gewehrs sorgfältig von Neuem und setzte dann den mühsamen Kletterweg zwischen Klippen, Gebüsch und Gestrüpp unverdrossen fort, von Zeit zu Zeit durch das Wiedersehen der Schweißspur ermuntert.

Er war bald so hoch den Berg hinaufgeklommen, daß er auf die Wipfel des Ahornet hinabsah und den Lauf der Thalschlucht der ganzen Länge nach verfolgen konnte. Ein paarmal glaubte er die graue Joppe seines Jägerburschen zwischen den Zweigen auftauchen zu sehen und hörte jetzt auch seinen Pfiff, aber weiter in der Ferne. Doch ohne sich aufhalten zu lassen, stieg er über den rauhen Hang, den der wunde Hirsch hinangejagt war, der Fährte nach, die deutlich in hellrothen Tropfen auf dem grauen Felsgrund schimmerte, und der Schweiß trat ihm vor die Stirn bei der mühseligen Verfolgung. Denn immer noch wehte eine warme Föhnluft aus der Tiefe herauf, die schon allein, ohne die steigende Sonne, einem Wanderer zu schaffen gemacht hätte. Jetzt war die Schneide des Bergrückens erklommen, und der Blick öffnete sich auf den blauen See hinab und nach den Wänden des riesigen Watzmann. Aber dicht zu Füßen des Jägers starrte eine neue Klippenwildniß ungeheurer Blöcke mit dem Gestrüpp der Alpenrose hie und da überwachsen. Es war dem Neuling nicht zu verargen, daß er hier Athem schöpfte und überlegte, was zu thun. Jetzt reute es ihn doch, seinen kundigen Jagdgenossen nicht erst erwartet zu haben. Er lauschte, ob er nicht von selbst ihm nachgeklettert sei, und wirklich glaubte er nicht allzufern ein Geräusch zwischen den Steinen zu vernehmen wie von Nägelschuhen auf dem harten Fels.

Phrygius! rief er dreimal zurück. Alles blieb lautlos. Aber jetzt umkehren, und dort in der hellen Sonne lag die rothe Spur in immer breiteren Tropfen ihm vor Augen? Vorwärts! rief er sich entschlossen zu, und von Neuem begann er den unstäten Zickzacklauf des Flüchtlings zu verfolgen über das Geröll, das unter seinen Tritten mit Hast und Getöse in den Abgrund rollte.

Da sah er vom See herüber einen starken Geier heranfliegen, der mit langen Stößen durch die stahlblaue Luft hinschoß und jetzt in der Höhe über den Klippen stand, den Blick fest auf einen Punkt unter ihm geheftet. Es war kein Zweifel, dort, nur fünfzig Schritte von dem Baron entfernt, hinter dem schattigen Felsen, der aus dem Geröll mächtig aufragte, hatte der Hirsch sich niedergethan und war vielleicht schon verendet. Während nun der Jäger sich der günstigen Vogelschau erfreute, reizte ihn zugleich das regungslose Schweben des Geiers wie ein neues Ziel. Zwar war auch der Schrotlauf seiner Büchse mit einer Kugel geladen. Aber der Vogel stand wie der Punkt in der Scheibe, und fehlte die eine Kugel dennoch, blieb noch die andere für den Hirsch. Ruhig legte er an, schoß, und mit zuckenden Fittigen taumelte der Geier aus der Luft. In demselben Augenblick aber richtete sich hinter dem Felsen das mächtige Haupt des Hirsches auf, und das wunde Thier stand, zu einem letzten Kampf sich rüstend, in der wilden Bergeinsamkeit seinem Feinde gegenüber. Dem pochte das Herz. Er sah den Abhang neben sich, wo hinab und hinauf kein Entrinnen war. Er erkannte an der stolzen Geberde des Thieres, daß der Schuß nur den Schenkel gelähmt, aber den Sitz des Lebens nicht erreicht hatte. Schon senkte der Wilde das Geweih zum Angriff, Alles hing von einer letzten Kugel ab; aber mit kaltblütiger Hand hob der Jäger die Büchse an die Wange, zielte, während der Hirsch eben losstürmte, und wäre seines Schusses sicher gewesen, als, tückisch genug, das Gewehr versagte und nur das Zündhütchen abbrannte. Ein plötzlicher Schauder packte den Wehrlosen. Er sah das wüthende Thier in hohen Sätzen heranstürmen und hatte nur noch Besinnung genug, seine Seele Gott zu empfehlen und sich niederzuwerfen, damit der Feind womöglich über ihn wegjage – horch! da krachte hinter ihm ein Schuß, und als er auffahrend sich umsah, gewahrte er, zwanzig Schritte von ihm entfernt, den stürzenden Hirsch, der prasselnd die niedern Laatschen zusammenschlug und mit den Zacken des Geweihs im Verenden Sand und Steine in die Tiefe schleuderte.

Sofort sprang der Gerettete auf seine Füße und wendete das Haupt nach der Schneide des Berges zurück, von wo die Hülfe in der Noth gekommen war. Phrygius! rief er, denn das Blut tanzte ihm vor den Augen, und er erkannte zuerst die Gestalt nicht, die ruhig zwischen den Klippen stand. Jetzt bewegte sie sich. Der Schütz drüben warf den abgeschossenen Stutzen über die Schulter und wendete sich, langsam die Höhe wieder hinanklimmend. Da erst sah der Baron, daß es Niemand anders war, als der Sepp vom Thiereck. Aber ehe er sich besinnen konnte, wie Alles sich zugetragen, war sein verdächtiger Retter jenseits des Grats verschwunden, und er selbst mit dem todten Hirsch allein gelassen.

Als Phrygius eine Viertelstunde darauf athemlos zur Stelle kam, fand er den Baron in tiefen Gedanken und großer Erschöpfung aller Sinne auf einem Stein sitzend und in die Brustwunde des Thieres starrend, so daß er zuerst glaubte, der Herr schlafe mit offenen Augen. Er mußte ihn mehrere Male anrufen, ehe er sich regte. Ich bin nur froh, rief der ehrliche Bursch, daß der gnädige Herr noch seine Glieder bei einander haben. Denn ich hab' den Schuß vom Sepp wohl gehört; das schnallt anders, als dem gnädigen Herrn sein Zwilling. Siedig heiß überlief's mich, denn ich weiß wohl, wenn der Sepp seinen Zorn hat, könnt' er auf unsern Herrgott anlegen. Und gleich hernach, wie ich ihn getroffen hab', da wo die Bäum' anfangen, hat er mich so kurios angeschaut, daß ich ihm weiter nichts hab' sagen können, als: Sepp, hast den Baron nicht gesehen? Da wies er nur mit der Hand zurück über die Schneide und sagte: Einen Hirsch hat er geschossen und einen Geier. – Und damit ging er rasch seines Wegs. Aber ein Kapitalhirsch, Herr Baron, und geschossen ganz prachtvoll. Wo ist nun der Geier?

Der Baron deutete nach dem Felsen hin, von wo Phrygius den stattlichen Vogel bald heran trug. Er band ihn bei dem Gewaff zusammen, warf ihn über den Rücken und sagte: Den Hirsch holen wir Nachmittags; der steht nimmer auf. Aber wie war das mit dem Sepp, gnädiger Herr? Worauf hat der geschossen? Und wie kommt's, daß ich Euch hier oben nur einmal hab' schießen hören?

Ein andermal mehr davon, sagte der Jäger und erhob sich. Wo ist der Sepp hin?

Das kann ich nicht sagen. Dem seine Wege weiß Niemand.

So komm! – Und ohne weiter ein Wort zu wechseln, schritten sie den beschwerlichen Weg zurück, überstiegen wieder die Höhe und tauchten in die Waldschlucht hinein, bis sie, unter den letzten Ahornschatten vortretend, die Hütte der Resei liegen sahen. Gleich darauf hörten sie auch den muntern Jodelruf, mit dem die Dirnen die Rückkehrenden begrüßten. Aber trotz der glücklichen Jagd, von der Phrygius erzählte, wollte es dem Baron nicht so wie gestern gelingen, mit den Mädchen in ihren scherzhaften Ton einzustimmen, als sie ihn wieder in die Hütte der Resei begleiteten. Besonders gegen diese selbst war er einsilbig und ernst. Er bat nur um eine Milch; da er noch nichts genossen hatte, ließ es inzwischen geschehen, daß die Dirnen seinen Hut mit den letzten Alpenrosen zierten, die noch hie und da sich verspätet hatten, und gab jeder zum Abschied ein blankes Zweiguldenstück. Die Resei ging leer aus. Ihr reichte er nur die Hand, sah sie noch einmal ernsthaft an und schritt dann mit seinem jungen Begleiter von dannen, das Geleit der Mädchen freundlich abwehrend. Die Zurückgebliebenen sprachen noch eine Weile von ihm; allen war sein verwandeltes Wesen aufgefallen. Der sah ja aus, als käm' er aus der Beicht, sagte die Vefa. – Die Resei sagte nichts. Sie hatte den Sepp wohl heraufkommen sehen aus dem Ahornet, die Büchse frei über der Schulter, und ohne sie eines Blickes zu würdigen, war er vorübergeschritten, zum See hinab. In tödtlicher Angst hatte sie dann die Rückkehr des Fremden erwartet. Irgend was war zwischen den Beiden vorgefallen, das wußte sie nur zu gewiß. Aber Beide waren heil davongegangen und Beide schwiegen. So war es besser abgelaufen, als sie gehofft hatte.

Die Nacht stieg endlich wieder aus den Thälern herauf, und obwohl es heut weder Gesang noch Zank in der Hütte gegeben hatte, lag die Sennerin doch so schlaflos wie gestern, und dunkle Gedanken jagten sich an ihr vorüber. Sie dachte nicht anders, als daß sie den trotzigen Burschen nie wieder sehen würde. Er hatte zu fremd und feindselig gethan, als er heute aus der Thalschlucht heraufkam, wie einer, der abgerechnet hat mit Allem. An seine fest abgewandten Augen, die starr und wild vor sich hinblickten, mußte sie beständig denken und quälte sich, zu ersinnen, was er vorgehabt und jetzt zu thun Willens sei. Sie hielt es für so unmöglich, daß er zu ihr zurückkehren könne, daß sie heftig erschrak, als sie plötzlich noch vor ihrem Fenster seinen Pfiff hörte. Maria Joseph! rief sie und sprang bebend auf, wer ist das? – Im ersten Schrecken glaubte sie, sein Gespenst schweife draußen herum und suche die heim, die ihm die Ruhe genommen. Jetzt aber pochte Fleisch und Bein an ihren Laden. Thu' auf, Resei, sagte die wohlbekannte Stimme, hab' dir einen Gruß zu bestellen und einen Brief von deinem Herrn Baron.

Im Nu flog der Laden zurück. Bist du's, Sepp? sagte das Mädchen aus der dunkeln Kammer heraus. Was willst noch so spät? Wenn's weiter nichts ist, als mich wieder mit dem Baron aufzuziehen, so geh' weiter, bis du einen findst, der noch lachen mag über so billige Späß'.

Spaß beiseit! sagte der Sepp, der ruhig auf seinem Bergstock gelehnt am Fenster stand und weder gut noch bös gelaunt schien. Da ist der Brief, und hier auf die Bank leg' ich ihn hin. Wenn du ihn nicht lesen magst, kann er da verfaulen, obwohl's Schad drum wär'. Denn ich hab' ihn gelesen, Resei, es stehen schöne Sachen drin und er wär' wohl einen Botenlohn werth. Jetzt aber zu uns zwei, Resei. Weil's denn doch aus ist mit der Lieb' und zudem ich fort muß, kann sein bis an der Welt End, mein' ich, wir gingen doch lieber in Freundschaft auseinander, 's ist eben wegen der langen Bekanntschaft, und da wollt' ich fragen, ob's dir auf ein letzt's Busserl ankäm', nur so mit auf den Weg.

Er sagte das ganz trocken heraus, daß sie ihn groß anstarrte und nicht wußte, wie sie ihn nehmen solle. Sepp, sprach sie nach einer Pause, was hast? Wohin gehst, und was soll dein Reden bedeuten?

Je nun, sagte er gelassen, ich hab' ihn halt geschossen, und 's ist besser, ich mach' mich davon, eh's aufkommt.

Heilige Mutter Gottes! schrie das Mädchen und mußte sich am Fenstersims halten. Geschossen hast ihn? Wann? Wo? O ich armseliges Dirndl, nun ist's aus.

Was machst für einen Lärm, fuhr der Bursch achselzuckend fort, 's ist der Erste nicht, und wie die Sachen jetzt steh'n, wird's auch der Letzte nicht sein. Es kam halt so, und wär's noch ungeschehen, ich müßt's wieder thun, so wahr mir Gott helf'! 's war ein Kapitalschuß, und im Schnallen fiel er hin.

Das Mädchen starrte ihn sprachlos an. Aber der Bursch weidete sich offenbar an ihrem Entsetzen. Sepp, sagte sie endlich, was du gethan hast, verzeih dir unser Herr Jesus. Aber daß du so davon redst und gar keine Reue verspürst in deinem Gewissen, das kann keine Buße je von dir abwaschen, das ist dem Teufel in der Hölle selbst zu grob. Ich hab' mich Manches zu dir versehn, Sepp, denn ich weiß, daß du ein hitziges Blut hast und Gott und sein Gebot in Wind schlägst, wenn du wild wirst. Aber jetzt das von dir zu hören, wie du noch groß damit thust, daß du ihm aufgelauert hast und ihn hinterrücks wie ein tückischer Räuber umgebracht –

Falsch! unterbrach er sie ruhig, so war's nicht. Wenn du mitkommen willst, wo er liegt, wirst du sehen, daß er die Kugel grad vorn in der Brust hat. 's ist nicht gar weit von hier, Resei, nur durchs Ahornet durch und die Wand hinauf und über die Felsen so ein hundert Schritt. Morgen holen sie ihn.

Ist's möglich? rief sie in wachsendem Grauen. Ich sah ihn doch selber zurückkommen und wieder nach dem See hinunter gehn.

Wen?

Nun wen anders, als den Baron.

Ja der! erwiederte der Bursch pfiffig. Der ist ein Teufelskerl, und 's ist kein Wunder, wenn die Dirndeln gleich an ihn denken, wenn von einem die Red' ist, und 's wird weiter kein Name genannt. Aber dasmal hab' ich nur den Hirsch gemeint, den er angeschossen hatt', und dem ich droben das Licht ausgeblasen hab'. O du falsche Gesellin, fuhr er fort, als sie jetzt schwieg und tief aufathmete, siehst, wie ich dich gefangen hab'? Magst nun sagen, was du willst, es liegt dir doch Niemand mehr im Sinn, als dein feingesponnener gnädiger Herr, und wenn's wahr gewesen wär', und nicht der Hirsch, sondern er läg' droben im Blut, um den Sepp wär' dir's nit zu thun gewesen, der hätt' mögen drauß in der Welt sterben und verderben, wenn du nur so einen Lackirten wieder gekriegt hättst, gelt? Und da bin ich Tropf noch der Narr und mach' den Botenläufer zwischen euch Zweien. Mein Eid, will mir's hinters Ohr schreiben und mir mein Lebtag die Dirndln aus'm Sinn schlagen.

Bei all diesen Reden war er immer näher ans Fenster getreten und sah jetzt der Resei ganz dicht ins Gesicht, aber weder zornig noch höhnisch, sondern immer mit einem lustigen Anstrich.

Sepp, sagte sie endlich, du weißt selbst, daß du dumme Reden führst, und daß mir's gleich gewesen wär', wen du geschossen hättest, wenn's überhaupt ein Mensch war und du ein Mörder. Aber wie du gestern Nacht hier gethan hast, hättst mir nachher einreden können, deinen eigenen Vater hättst umgebracht und ich hätt's beinah geglaubt. Nun Gottlob, daß Alles erlogen ist, und die Sünd' mit dem Hirsch wird auch noch gutzumachen sein.

Ei was Sünd', antwortete er. Das ist noch weit ab von einer Sünd', dasmal, und der Forstmeister selbst würd' ein Aug' oder allebeide drüber zudrücken, wenn er's wüßte. Wie's aber stünd', wenn's anders gekommen wär', das weiß der Kukuk. Denn wie du mir den Laufpaß gegeben hast gestern Nacht, Resei, und ich fort bin wie ein Hund, dem 's Fell zerbläut worden, davon will ich nichts sagen. Ich wußt' wohl, was ich von dem Baron zu denken hatt', und wenn ich dacht', er könnt' dir zu nahe kommen, siehst du, erschießen war 's Wenigste. Gewürgt hätt' ich ihn und Glied für Glied zerbrochen, daß ihn seine eigene Mutter nimmer gekannt hätt'. Ganz auseinander war ich vor Wuth, wie der Tag gegraut hat, du darfst mir's glauben. Ich hab' mich, sobald ich den Phrygius hatte fortgehen sehen, sacht' in den Wald hinein gemacht und bei mir gedacht: So, oder so! Ihn kalt machen wie einen Rehbock, ihm so von der Seite sein sauberes Wamms durchlöchern, das ist zu billig. Du lauerst ihm auf, wo er Stand halten muß, so neben einem jähen Gewänd, und da stellst ihn und fragst ihn ganz freundlich, ob er nicht ein ganz aparter Schuft und Schelm sei, und was er auf die Nacht gegen die Resei im Sinn gehabt. Giebt er frech und frank Bescheid und prahlt mit seiner Liebschaft, so heißt's: Er oder ich, und Einer von uns geht nimmer zum Tanz. Jagst ihm aber einen Schrecken und Respect ein und er bettelt gar um sein Leben, so soll er dir einen Schein schreiben, daß er sich nimmer auf der Regenalm blicken lassen kann, weil ihn die Resei angeführt und der Sepp vom Thiereck abgeführt hat, und damit holla! – So hatt' ich mir's vorgesetzt und so war's kommen, ohne den Hirsch, der mir in die Quer kam. Und schon ganz von Weitem sah ich euch Zwei in der Früh aus der Hütten kommen, und 's flimmerte mir vor den Augen, als ich seine vergnügte Miene sah. Aber ich war noch gescheidt genug, nicht gleich loszuplatzen. Also lass' ich ihn ruhig an mir vorbei, und er sieht und hört auch nichts, und richtig, schießt den Hirsch an und ihm nach, den Hang hinauf, da wo's wild wird und der Grat scharf ansteigt. Siehst, Resei, die ganze Zeit hab' ich an nichts gedacht, als an deine Falschheit, und mir selber war so falsch und tückisch zu Muth, ich sagte mir nur immer: Ein Thier sollst sein? so zeig's einmal, und nachher, wenn sie dich kalt machen wie ein Thier, geschieht's ihr ganz recht, und so Sachen mehr. Und endlich sind wir Zwei droben ganz allein zwischen dem Gries und Gestein, und hier thu' ich's, sag' ich zu mir, hier stell' ich ihn; da seh' ich, wie der Hirsch sich aufmacht, obwohl er stark schweißt, und losrennt gegen den Baron. Dem aber, paff! brennt 's Zündhütel ab und noch eine Minute, so hätt' ihn der Hirsch gespießt. Ich hätt' mich bloß nicht einmischen brauchen und die Zwei ihr Spiel mit einander ausmachen lassen. Aber da weiß ich nicht, wie's kam, Resei, ich mußt' halt den Hirsch schießen, statt den Baron. Und wie's geschehn war, that mir's einen Ruck durch Leib und Seel', als wenn der böse Feind ausfahren thät', der mich besessen hatt'. Ganz stille ist mir's auf einmal im Blut worden, und du und der Baron und die ganze Welt, ihr hättet euch für meinetwegen um den Hals fallen mögen, mich hätt's nimmer in Zorn gebracht. Nur matt bin ich gewesen und hab' nicht anders denkt als: Jetzt schlafst! denn die ganze Nacht hatt' ich keine Ruh gehabt. Geh' also frischweg nach dem Schuß meiner Weg' und steig' an den See hinab und lass' mich überfahren nach Königssee. Da in der Schenk', kaum hab' ich ein Glas Bier hinunter gegossen, so lieg' ich auch schon und schlaf' auf der Bank mitten in der Schenkstube wie ein Mankei im Bau. Allerlei Träum' hatt' ich dabei, ich sah dich in der Kutsche fahren mit dem Baron, und den Hirsch hattet ihr vorgespannt und ich stand hinten auf, und ein anderes Mal lagst du droben in meiner Hütten auf dem Bett und schriest immer: Schieß' mir die Füchs' weg, schieß' mir die Füchs' weg! und da ging die Thür auf und lauter grüne Füchs' mit lackirten Branteln kamen herein und hatten alle die Nase und den Bart vom Baron. Und den Vordersten hört' ich plötzlich sagen: da liegt er noch immer und schläft, und indem ich das hör', wach' ich auf und schau' um mich, und was meinst, was ich schau'? Am Tisch neben meiner Bank sitzt der Baron mit dem Phrygius und haben leere Schüsseln und Platten vor sich und eine leere Weinflasche, und die Kellnerin bringt eben eine volle. Ich mich aufrappeln und sie groß anstarren und ein dummes Gesicht schneiden, war Eins. Guten Morgen, Sepp, sagt der Baron ganz ruhig. Bist auch da? – Ja, Euer Gnaden, sag' ich, schon lange. Und wie ich's sag', wundere ich mich selbst, daß mir weiter keine Grobheit einfallen will und ich mir den Baron so ganz gemüthlich anschauen kann, ohne wüthig zu werden. Er ist auch ganz freundlich, wie wenn nichts vorgefallen wär'. Da trink' auch einmal, sagt er, und schiebt mir sein eigenes Glas hin. Mit Erlaubniß , Euer Gnaden, sag' ich, und trink', und der Wein war gut. So kommen wir in einen vernünftigen Discurs hinein, und er fragt dies und das, und ich geb' halt Bescheid, und der Phrygius sitzt auch dabei und hat sein blaues Wunder an unsern Reden. Unterweilen geht der Baron einmal hinaus, und da blinzt mich der Bursch an und sagt: Den Hirsch, Sepp, den muß der Teufel geschossen haben. Ein Loch hat er im Fell, da gehen zwei von dem Baron seine Kugeln hinein. – Mag wohl zwei geladen haben, sag' ich, und übrigens, ob's der Teufel war oder nicht, das geht dich den Teufel was an. – So sticheln wir eine Weile auf einander herum, bis der Baron wiederkommt und hat einen Brief in der Hand. Sepp, sagt er, du kommst doch eh' wieder auf die Regenalm, als ich. Thätst mir einen Gefallen, wenn du so bei Gelegenheit an die Sennerin den Brief da brächtest; den Botenlohn mag sie dir selber zahlen. Und hör', Sepp, ich kenne da in Reichenhall einen Grafen, der eine große Jagd hat und lang schon nach einem geschickten Jagdburschen sich umthut. Zu dem geh' ich morgen, und wenn dir's recht ist, will ich dich anmelden. Ich hoff' doch, daß du ein bissel mit Pulver und Blei umzugehen weißt, und einen festen Platz zu haben möcht' dir auch lieb sein. Es sind viel Hirsche da und auch über die Füchse geht's scharf her. Nun, was meinst, Sepp? – Indem halt' ich immer den Brief in der Hand, den er mir gegeben, und lese die Aufschrift: »An die Resei auf der Regenalm,« und das fängt an mir so wunderlich im Hirn zu sieden, daß ich mein', nun müßt's Raufen wieder los gehn, weil der Baron so unverschämt ist und mir seinen Liebesbrief an dich zu bestellen giebt. Aber als ich ihn anschau', kann ich doch kein bös Wörtel sagen, so treuherzig schaut er aus den Augen. Also nick' ich nur mit dem Kopf und sag': Ist schon recht, Herr Baron, und übermorgen werd' ich in Reichenhall sein, und bedank' mich auch höflich für die Empfehlung. Dann giebt er mir noch die Hand, nimmt seine Büchse von der Wand, der Phrygius wirft sich den Geier wieder über die Schulter, und fort sind sie. – Wie ich allein bin, ist mir plötzlich der Wein wie Gift und Galle, ich steck' den Brief in den Sack und geh' wieder an den See. Denn noch auf die Nacht mußt' ich die saubere Botschaft ausrichten und zum letzten Mal hören, woran ich bin. Und da will ich's nur bekennen, Resei, im Kahn, mitten auf dem See, fangt mir plötzlich der Brief wie's höllische Feuer an zu brennen, daß ich ihn rauszieh' und denk': Jetzt schaust nach, was drin steht, und wenn die Resei falsch gewesen, wirfst ihr den Fetzen ins Gesicht zur guten Nacht, und dann siehst sie nimmermehr. Zudem war der Brief nicht versiegelt. Und so mach' ich ihn auf und die Finger zittern mir dabei, als sollt' ich mein Todesurtheil zu lesen bekommen; aber was stand drin, Resei? Wart, ich will dir's vorsagen, weil's hier zu dunkel ist. Kennst so einen Zettel? Da steht drauf: Hundert Gulden. Und auf dem Papier, in dem's eingewickelt war, steht geschrieben: »Ein kleiner Beitrag zur Hochzeit der Resei mit dem Sepp vom Thiereck, und wenn die Resei mir auch keinen Kuß hat vergönnen wollen, einen Tanz am Hochzeittag wird sie mir wohl nicht abschlagen. Bis dahin ihr stiller Verehrer – Baron F – –.« Was sagst jetzt, Dirndl? Bist ja ganz blaß worden. Kannst mich immer noch laufen lassen, wenn du magst. Um die hundert Gulden wird dir's nicht sein; um das Geld ein wildes Thier zahm zu machen, besinnt sich noch Manche.

Sepp, sagte das Mädchen, nachdem sie lange geschwiegen, dein Lebtag kannst dem Himmelvater nicht Dank genug sagen, daß es so und nicht anders gekommen ist. Mir stehen noch alle Haare zu Berg, wenn ich dran denk', wie's hätte werden können. Und von wegen dem Andern, da frag' einmal wieder an, wenn's Laub wieder ausschlägt und der Spielhahn falzt. Und wenn du den Baron siehst, sag' ihm einen schönen Gruß von mir, und das Briefel das heb' ich auf, bis es soweit ist. Denn einstweilen müßt' ich mir's noch bedenken. Jetzt aber schau', wo du eine Schlafstätte findst, Sepp, denn in meiner Hütten ist einmal kein Platz für dich.

So? sagte er halb lachend. Ich mein', wo der Baron unterschlupfen konnte, wird's für den Sepp auch nicht zu eng sein.

Das ist himmelweit gefehlt, erwiederte sie. Denn der Baron ist halt kein wildes Thier, und wenn ich ihm die Leiter wegziehe vom Heuboden, denkt er nicht daran, hinunterzuspringen. Und der Baron ist auch gar nicht mein Schatz, aber der Sepp –

Ehe er sich's versehen konnte, schlug sie mitten im Sprechen den Laden zu und verriegelte ihn von inwendig.

Gute Nacht, Sepp, rief sie ihm zu.

Hexe! rief er zurück und pochte an dem Holz. Machst gleich auf oder – –!Dann besann er sich, daß er sanftere Saiten aufziehen müsse. Mit lustiger Stimme sang er:

Und ich will nur ein Blümerl,
Ich will ja kein'n Strauß.
G'rad a bissel a Bussel
Das bitt' ich mir aus.

Von drinnen aber sang das Mädchen:
Einmal kriegst mich schon,
Und das is halt wann's is,
Und dann schau, wann d' mich kriegst,
Nachher hast mich ja gewiß.

Und er wiederum:
Ein Täuberl im Fliegen,
Der Teufel der brat's,
Und mein Dirndl sein Denken,
Der Gukuk errath's.

Sie aber sang dicht hinter dem Laden:
Und mein Herz ist ein Spiegel,
Da schau' nur hinein,
Und darfst schau'n wie du willst,
Wirst alleine drin sein.

Und wie stiller die Nacht,
Und wie schöner sein die Stern,
Und wie heimlicher die Lieb',
Und wie mehr hab' ich's gern.

Da flog der Laden noch einmal zurück, zwei kräftige Arme langten heraus, umfaßten den Hals des Burschen, und eh' er sich's versah, fühlte er den warmen Mund seiner Liebsten herzhaft auf seinen Lippen brennen. Im nächsten Augenblick klappte wieder der Laden zwischen ihnen, diesmal zum letzten Mal. Behüt' dich Gott, Resei! rief der Bursch. – Gute Nacht, Sepp! klang's aus der Hütte. Und mit einem lauten Jauchzen seinen Hut schwenkend, schritt der selige Bursch über die Matten in der Mondnacht dahin und sang im Gehen:

Und die Lieb' ist ein Vogel,
Der wär' nach mei'm Sinn,
Und mein Dirndl ist der Käfich,
Da flutschert er drin.

Und die Lieb' ist ein' Geschicht,
Und die geht gar nie aus,
Und wird überall verzählt,
Und ist überall zu Haus!

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Berlin, Druck von Gustav Schade,
Marienstraße Nr. 10.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.