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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Die Geburt des Herzogs von Bordeaux.

Der Himmel thut zu ihren Gunsten Wunder auf Wunder,
Josephs Nachkommenschaft kehrte zurück in das Land
Gosen, und diese Eroberung, welche die Sieger mit ihren
Thränen erkauften, kostete die Besiegten nicht eine Thräne.

Chateaubriand, die Märtyrer.

Achte Ode.

I.

Warum, o Wandrer, sprich, wird heut mit Einem Male
Die Nacht zum lichten Tag und glänzt in buntem Strahle?
Warum den Himmel färbt der glühend rothe Rauch?
Warum aus dieser Stadt, die strahlt in alle Fernen,
  Steigt endlos, brausend zu den Sternen,
Ein wirrer Jubelschrei empor im Abendhauch?

II.

      Triumph! Das Siegel ist gebrochen!
      Das Wunderkind – o hoher Sieg! –
      Ist da, der Engel, den versprochen
      Der Dulder, der zum Himmel stieg!
      Der Zukunft Schleier ist gesunken!
      Heil, Flamme, dir, an deren Funken
      Die alte Fackel neu erglüht!
       Heil deinem morgenrothen Ruhme,
      Du junge Lilie, zarte Blume,
      Die einem frischen Grab entblüht!

Gegeben hat das Kind uns Gott, der Gott der Frommen;
Die Glocke ladet uns, zum Heiligthum zu kommen,
Zum Festtag hat sie uns den schönen Tag gemacht.
Gegeben hat das Kind uns Gott, der Gott der Heere!
  Den Märtyrern der Kriegerehre
Scholl die Kanone drum laut, wie am Tag der Schlacht.

    Heut, wo des Donners stolzem Schrecken
      Der Glocken heil'ger Laut sich mengt,
    O Schläfer, kann dich Nichts erwecken,
      Den Saint-Denis' Gewölb' umfängt?

      Steh' auf, betrachte Heinrichs Züge
      In der vom Volk geschenkten Wiege,In dieser Wiege Liegt Frankreichs Fürst.
Die Wiege war ein Geschenk der »Damen der Halle« von Bordeaux.
      Und knüpfe still der Liebe Band.
      Die Arme breite sanft entgegen
      Dem Königskind, den Königsdegen,
      O Vater, leg' in seine Hand.

Ach, Er ist fern! Er wohnt im Himmel bei den Frommen!
In diesem Augenblick getröstet, grüßend kommen
In feierlichem Zug wohl seine Ahnen schon:
Gemordet gab zurück den Helden er dem Grabe,
  Dem gierigen, als Opfergabe,
Den Fürsten dem verwaisten Thron.

      Stolz unter diesen Edlen, eben
      Sich reihend um des Himmels Thron,
      Mag seine Stirn gekrönt sich heben:
       Der neue König ist sein Sohn!
      Ein edler Stamm, der nie wird enden,
      Sproßt glücklich aus des Opfers Lenden,
      So aus des Himmels Nähe springt,
      Aus dem Gebirg, dem hohen, schroffen,
      Hervor, das Gottes Blitz getroffen,
      Ein Strom, der Heil dem Lande bringt.

Dem Sprossen Heinrich Heil! Der Stamm ist nun geborgen;
Ein neuer Joas wird, am Abend wie am Morgen
Im Schatten des Altars, er reifen für den Thron.
Und, wie Cornelia, wird hoch die Stirne tragen
  Frankreich und ihren Schwestern sagen:
»Mein Schatz, mein schönster Schmuck und Reichthum ist mein Sohn!«

III.

      Laß Dich von mir mit Blumen schmücken,
      Die huldigend die Liebe flicht,
      O Du, gesucht von tausend Blicken,
      Ach, nur vom Vaterauge nicht!
      Magst Du, geboren unter Leiden,
      In ihrem Gram ein Tröster Beiden,
       Frankreich und Deiner Mutter, sein!
      Gekrönter Bourbon, Deine Pfade
      Beschütze stets des Himmels Gnade,
      Nie sei Dein Thron ein Sitz der Pein!

Der Mutter, wenn sie weint, o lächle zu, und – höre,
Mein Kind! – im Spielen ziehst Du weg die Trauerflöre,
Die Deine Wiege schwarz, wie einen Sarg, umwehn.
Verscheuch' uns Schmerz und Gram, die alt' und neuen Sorgen,
  Sei uns ein rosenfarbner Morgen,
Laß uns nach langer Nacht die Freudensonne sehn.

      Dein König eilt Dir froh entgegen,
      Wie Du erblickt des Lichtes Zier,
      Vollzieht, noch vor dem Priestersegen,
      Die Taufe von Béarn an Dir.
      Die Wittwe reicht Dich dar der Waise,
      Und mit dem weißgelockten Greise
      Tritt ein die kühne Heldenfrau.
      Das Volk, das jüngst auf leisen Sohlen
      Sich in das Louvre hat gestohlen,
      Jauchzt laut jetzt um den stolzen Bau.

Heil dir, o Heer und Volk! – Bordeaux, erheb' aufs Neue
Dein Haupt, du edle Stadt, du, die einst ihre Treue
Vor allen andern kund der Lilienblume that.
Und du, Vendée, die Er, der fiel, so gern zum Siege
  Geführt, sieh her, in dieser Wiege
Liegt Frankreichs Fürst, dereinst dein tapferster Soldat!

IV.

      Legt wieder an das Schiff am Strande:
      Die Wittwe bleibt, die hohe Frau.
      In ihrem neuen Vaterlande
      Erscheint der Himmel wieder blau.
      An Frankreich fesselt sie ihr Hoffen:
      Dort, wo den Baum der Blitz getroffen,
      Entspringt ein Schößling, frisch und neu.
       Die Liebe hält die fromme Taube,
      An einem Grabe steht ihr Glaube,
      An einer Wiege wacht sie treu.

Was findest Du auch dort in Deinem Heimathlande,
O Frau? – Parthenope zerreißt die alten Bande,
Den Fremdling lockt dorthin ein Winter ohne Schnee:
Doch weh, Palermo rast, Messina steht im Feuer,
   Sicilien tobt, wem wär's geheuer
In jenem Paradies, umrauscht von blut'ger See?Um die Zeit, wo diese Ode zum ersten Male veröffentlicht wurde, war eben in Neapel die Revolution ausgebrochen.

      Speit, ihr Vulkane, Glut und Schrecken!
      Mag eines neidschen Gottes Hauch
      Aufs Neu die wilden Riesen wecken
      Tief in der Berge zorn'gem Bauch.
      Im Angesicht der rothen Laven,
      Was seid ihr, übermüth'ge Sklaven,
      Ohnmächtiger Verschwörerbund?
      Ihr wollt befrei'n Euch, wollt Euch rächen? –
      Indeß ihr auszieht auf Verbrechen,
        Bebt unter Euch der Erde Grund.

Bleib hier, Sicilierin, ruh' aus in Frankreichs Schooße,
Dort wird kein Glück Dir blühn, hier warten heitre Loose
Dein, bei der Lilie Duft, der keine Stürme drohn,
Wo Nation und Fürst vermählt zur guten Stunde,
  Wo nicht zum wilden Ehebunde
Tiar' und Helm sich eint, und Thron und Faktion.

V.

      Wohl uns! Der böse Dämon rastet,
      Und eine schöne Zukunft grünt.
      Die Schuld, die unser Haupt belastet,
      Ist durch die Unschuld nun gesühnt.
      Sonst war's der Schiffer Brauch, wenn schäumend
      Die Wogen, himmelhoch sich bäumend,
      Dem Schiff sich warfen in den Lauf:
      Dann hängten sie, gewiß, dem Riffe
      Heil zu entgehn, am schwanken Schiffe
        Die Wiege eines Kindes auf.

Oktober 1820.

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