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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 80
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Die Sylphe.

Nacht und Kälte, Stürm' und Winde
Spielten übel mit dem Kinde:
»Oeffnet, rief es, ich bin nackt!«

La Fontaine, nach Anakreon.

Zweite Ballade.

»Du, die im lichten Schloß, o Schwester der Sylphiden,
Am Fenster ich geschaut: – der Tag ist hingeschieden,
O Jungfrau, öffne mir! Die Nacht ist da, – mir graut,
Die Nacht, die Todte ruft aus ihrem Grabesfrieden,
Und Seelen in den Dunst einhüllt, der niederthaut.

Nicht einem Pilger sollst Du gastlich Dich erweisen,
Der lange Mähren Dir erzählt von langen Reisen,
Es kommt kein Paladin, vor dem den Mädchen bangt,
Der stößt ins Horn und schreckt mit wilden Kriegerweisen
Der Knappen Troß und kühn als Gast sein Recht verlangt.

Ich trage weder Stock, noch schwere Eisenlanze,
Weiß von Schlachtschwertern Nichts, und Nichts vom Rosenkranze,
Kein weißer Bart ist mein, kein langes, schwarzes Haar.
Mein Hauch, der Halme kaum bewegt, er bläst zum Tanze
Und Spiel nur aus dem Horn, das einst ein Schlachthorn war.

Ich bin ein Sohn der Luft, den Morgenwinde kosen,
Ein Sylphe, Kind des Traums, des Frühlings, und beim Tosen
Der Winterstürme bin der Gast ich am Kamin,
Der Elfe, welcher wohnt im lichten Thau der Rosen,
Der Geister Einer, die des Aethers Raum durchziehn.

Heut Abend sprach ein Paar auf grünem Rasensitze
Von Liebe, flüsternd leis, und ihrem Flammenblitze,
Der ewig zündet. Ich belauschte sie, und schwieg:
Im Kusse hielten sie mir fest des Flügels Spitze,
Und frei erst ward ich, als die Nacht hernieder stieg.

Zu meiner Rose kann ich nicht zurück mehr fliegen,
Burgfräulein, spät ist's, ach, laß mich nicht hülflos liegen,
Nimm auf den Sohn des Tags, der Nachts den Weg verlor.
Laß mich in Deinem Bett bis morgen still mich wiegen,
Klein bin ich, und durch Lärm verletz' ich nicht Dein Ohr.

Dem Lichte zogen nach schon alle meine Brüder,
Den Thränen, die aufs Gras der Abend träuft hernieder,
Dem Kelch der Lilie, der benetzt mit Honigthau.
Wo flieh' ich hin? ... Der Strahl verschwand und kehrt nicht wieder,
Thautropfen seh' ich nicht, noch Blumen auf der Au.

Jungfrau, erhöre mich, sei gnädig, mir ist bange,
Daß in ihr großes Netz nicht ein die Nacht mich fange
Und sperre zu der Schaar der Geister, schwarz und grau,
Zu Kauz und Eulen, die mit heulendem Gesange
Um Gräber schwirren und des Thurmes finstern Bau.

Es ist die Stunde, wo beginnt der Todten Reigen,
Auf den der bleiche Mond hernieder schaut mit Schweigen,
Wo der Vampyr, dem Kraft und Wuth die Hölle gab,
Erhebt den schweren Stein, um aus dem Sarg zu steigen,
Den Todtengräber packt und wirft ins offne Grab.

Es steigen schwarze Zwerg' und Gnomen aus Ruinen,
Kobolde balgen sich mit wild verzerrten Mienen,
Durch Schilf und Röhricht ziehn Irrlichter, fahl und bleich,
Der Salamander tanzt mit tropfenden Undinen,
Und blaue Flämmchen drehn sich kreuzend auf dem Teich.

Weh, wenn mir auf den Leib jetzt ein Gerippe rückte,
Zum Spiel in seinen Arm, den knöchernen, mich drückte,
Wenn, spottend meiner Angst, ein schwarzer Nekromant
In seinem Thurm, von dem um Mitternacht er blickte,
Mich bänd' und hielte fest ans Glockenseil gebannt!

Thu auf Dein Fenster! ... Nein, laß mich nicht vor der Pforte,
Sonst such' ein altes Nest ich mir zum Ruheorte,
Und mit Eidechsen schlag' ich Schlachten, bis es tagt.
Thu auf, mein Aug' ist klar, und sanft sind meine Worte,
Wie die, die seinem Lieb ins Ohr ein Ritter sagt.

Oh, ich bin hübsch! ... Ach, daß Du schautest meine Schwingen,
Wie ihre Strahlen mit dem Licht des Tages ringen,
Weiß, wie die Lilie, die mich birgt in süßer Gruft,
Um all die Farben, die die Glieder mir umschlingen,
Beneiden Rosen mich, um meines Odems Duft.

Wie schön ich bin, – das mag ein lichter Traum Dir sagen,
Ja, schön: Du magst darnach nur mein Sylphidchen fragen,
Plump scheint der Kolibri, der Falter häßlich gar,
Zieh ich von Kelch zu Kelch, wo meine Schlösser ragen,
In königlichem Schmuck, mit Perlen in dem Haar.

Mich friert, die Nacht ist kalt, o laß bei Dir mich wohnen!
Könnt' ich Thauperlen doch und goldne Blumenkronen
Dir bieten, daß Du mir vergönnst den kleinsten Platz.
Doch ach, ich habe Nichts, und Du bist ohne Schonen:
Denn jede Sonne gibt und nimmt mir meinen Schatz.

Was soll ich Dir dafür im Traum für Gaben bringen?
Den Gürtel einer Fee, lichtweiße Engelschwingen?
Mit allem Reiz des Tags verschön' ich Deine Nacht.
Und träumen wirst Du bald von himmlisch hehren Dingen,
Bald wird ein Liebestraum Dich kosen lind und sacht.

Doch ach, mein Athem trübt umsonst die feuchte Scheibe.
O Jungfrau, fürchtest Du, ein schlimmer Freier treibe
Sich um Dein Schloß herum und red' als Sylphe kühn?
Ach, ängstlich bin ich, scheu, bang, gleich dem schwächsten Weibe,
Vor meinem Schatten, hätt' ich einen, würd' ich fliehn.« –

Er weinte. – Vor dem Thurm mit morscher Mauerkrone
Ließ eine Stimme sich in geisterhaftem Tone
Vernehmen ... Sicher ist's ein Geist, der stöhnt so leis.
Die holde Dam' erschien auf gothischem Balkone.
Wem hat sie aufgethan? Dem Sylphen wohl? – Wer weiß?

1823.

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