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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 76
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Sommerregen.

Weißdornblüthe, Thymian,
Löwenzahn,
Lilien, Rosen, Veilchen sprossen,
Alle zeigen thaubenetzt
Luftig jetzt
Ihre Knospen aufgeschlossen.
Und die süße Nachtigall
Singt mit Schall,
Und mit Nicken und mit Neigen
Schlägt sie Triller, flattert, singt.
Daß es klingt,
Zittert, rauscht in allen Zweigen.

Remi Belleau.

Vierundzwanzigste Ode.

Welch süße, kühle Abendruhe!
Komm! – Fiel ein Regen nicht heut früh?
Es wallt um Deine Atlasschuhe
Das grüne feuchte Gras! – O sieh:
Der Vogel fliegt durch's Laub hernieder,
Er schüttelt triefend sein Gefieder, –
Das arme Thierchen, ganz durchnäßt!
Er singt, wie auch die Winde wimmern,
Getrost, und sieht die Tropfen flimmern
Wie Perlen ausgestreut im Nest.

Ergossen sind die feuchten Schätze,
Hell wieder leuchtet der Azur,
Wie unter einem Silbernetze
Gesegnet glänzt im Thau die Flur.
Des Baches Wellen, angeschwollen
Für eine Stunde, schäumen, rollen
Verschlafene Eidechsen, Gras
Und Zweige hin; Ameisen lauschen,
Wenn über Kies die Wasser rauschen,
Dem Donnersturz Niagara's .

Sieh in die Wasserflut verschlagen
Insekten hülflos, auf der Flucht,
Auf Käferflügeln fortgetragen.
Wo, Eins am Andern, Rettung sucht,
Ein schwimmendes Asyl ist Vielen
Ein Blatt, mit dem die Wellen spielen,
Ein Glück, wenn endlich Blatt an Blatt
An einem Strohhalm noch, am Rande
Des Abgrunds, hält, wenn fest am Strande
Sie sitzt, die flutumbrauste Stadt!

Gewaschen hat den Sand der Regen,
Die Dünste steigen, matt besonnt.
Und ihre trüben Falten legen
Sich um den fernen Horizont.
Man sieht, wie mattes Sternenfeuer,
Zerstreut durch ihre feuchten Schleier
Nur lichte Punkte Funken sprühn,
Es steigen aus dem Dunst, dem feuchten,
Die Berge, Schieferdächer leuchten,
Auf denen Regentropfen glühn.

Laß schweifen uns an feuchten Rainen,
Jetzt können wir allein noch ziehn.
Komm, lege Deinen Arm in meinen,
Wir wandeln durch die Linden hin.
Sieh roth die Sonne untergehen,
Bleib hier noch auf dem Hügel stehen,
Dich umzuschauen in der Rund,
Sieh, wie in Einem Meer von Funken
Die Hütten und Paläste prunken,
Die goldne Stadt auf schwarzem Grund!

Sieh gaukeln dort des Rauches Schatten
Hin über Dächer, frisch bethaut,
Dort wohnen liebend treue Gatten,
Bescheidne Herzen, lieb und traut.
Ein Leben lacht Dir hier entgegen: –
Der Sonnenschein ist's nach dem Regen.
Das Abendroth erglüht, – wie schön!
Es sinkt, und alle Fenster flimmern
Rund in der Stadt, sieh dort, sie schimmern
Wie Augen von des Thurmes Höhn.

Ein lichter bunter Regenbogen!
Wie rein er in die Lüfte steigt!
Wie ist der Himmel uns gewogen,
Der ihn uns nach dem Sturme zeigt.
Ihr Boten Gottes und Propheten,
Wie oft bin ich vor euch getreten,
Um Flügel bat ich tief gerührt,
Damit ich jene Welt erblicke,
Zu denen diese Himmelsbrücke,
Der ungeheure Bogen, führt,

Juni, 1828.

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