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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Die Wiederaufrichtung der Bildsäule Heinrichs IV.

Accingunt omnes operi, pedibusque rotarum
Subjiciunt lapsus, et stupea vincula collo
Intendunt ... Pueri circum innuptaeque puellae
Sacra canunt, funemque manu contingere gaudent.

Virgil

Sechste Ode.

I.

Denkmäler seh' ich schon in grauster Zeit erstehen,
Von hundert Königen erbaut sich selbst zum Ruhm,
Halbgötter waren sie und mußten doch vergehen,
  Und ihre Säulen fielen um.
Wer, Alexander, kennt dein Bild? – Ein Fischer schreitet
  Darüber hin: es liegt gebreitet
  Als Pflasterstein zum Parthenon.
Umsonst an Memnons Bild mit jedem jungen Tage
Im Wüstensand erhebt Aurora ihre Frage,
  Aus seinen Trümmern klingt kein Ton.

Die Thoren! Glaubten sie Altäre sich zu zimmern
Und sich Unsterblichkeit zu sichern im Metall?
Des andern Tags vielleicht schon lagen sie in Trümmern,
  Ihr Name war ein leerer Hall.
Ruft: »Platz gemacht!« nicht oft ein Flüchtling dem Idole?
  Und Sulla, auf dem Kapitole,
  Wirft Marius vom Piedestal.
Der Weise lächelt kalt zum bittern Schicksalshohne
Mit dem Demetrius, wenn Theodos die Krone
  Verflucht und Schmach nur sieht und Qual.

Als Erbtheil bleibt vermacht dem edlen, theuern Bilde
Die Ehrfurcht, die erwarb der Held so rein und hehr,
Noch heut beherrscht Trajan die römischen Gefilde,
  Schutt sind die Tempel des Tiber .
Oft hat im Bürgerkrieg, wenn über Städt' und Flecken
  Verwüstend sich ergoß der Schrecken
  Der rohen, brüllenden Gewalt,
Ein Held von Marmor, starr, den Strahlen doch durchzücken,
Die Horden, wild empört, mit ruhig festen Blicken
  Gefesselt durch ein stummes: »Halt!«

II.

Doch liegen denn so weit zurück die Unglücksjahre,
Wo gegen Heinrich selbst den Arm erhob Paris,
Und sich durch sein Verdienst um's Volk, das undankbare,
  Nicht rühren, nicht entwaffnen ließ?
Was sag' ich? Gestern war sein Standbild noch vergöttert,
  Und heute liegt's vom Volk zerschmettert,
  Und dann durchwühlen sie sein Grab,
Die Tempelschänder, und sie fordern, wie zum Hohne,
Den Abdruck seiner Stirn, der eisigen, dem Thone,
  Das Bild des großen Todten ab.

Die Statue Heinrichs IV. wurde am 10. August umgestürzt.
Bekanntlich legte man ungefähr um dieselbe Zeit, nachdem man die königlichen Gräber entweiht hatte, eine Gypsmaske über das Gesicht des wieder ausgegrabenen Heinrichs IV., um seine Züge zu modelliren.

Sie wollten wohl von ihm ein bessres Bild zu schauen
Uns geben, und verwischt das Unrecht, das geschehn?
Wir sollten – faßte sie vor ihrer Schuld ein Grauen? –
  Ihn schöner noch gestaltet sehn?
O nein! zufrieden nicht, sein Standbild nur zu schänden,
  Auch seinen heil'gen Sarg mit frechen Räuberhänden
  Zu brechen haben sie gewagt.
So in der Wüste spielt, und sucht mit tollen Sprüngen
Der Tiger, brüllend laut, den Schatten zu verschlingen
  Des Leichnams, den er abgenagt.

Ich saß am Seine-Strand, und hatte viel zu klagen:
»Wohl siehst du Ivry noch, o Fluß, wo Er gestrahlt.
Doch ist die Flut verrauscht, die, in der Väter Tagen,
  Sein Antlitz spiegelnd abgemalt.Hier findet sich ein enormer historisch-geographischer Schnitzer, die Ode wurde gedichtet bei meinem Austritt aus dem Collège, und das ist nicht der Ort, wo man Geographie und Geschichte lernt.
O Heinrich, edler Fürst, wann wirst Du wiederkommen?
  Zu früh, ach, wardst Du uns genommen,
  Du, und Dein Bild voll Majestät.
Die Krieger ziehn ins Feld, und grüßen nicht den Helden,
Der Fremde kommt und fragt, und Niemand kann ihm melden,
  Wo Heinrichs Bild, des Vierten, steht.

III.

Was rauscht heran? Wo wälzt sich hin die laute Heerde? –Wer kennt nicht den Enthusiasmus, womit das Volk am 13. August 1818 sich der Statue Heinrichs IV. bemächtigte, und sie, mit der Kraft seiner Arme, nach dem Platze zog, wo sie aufgerichtet werden sollte.
Des Königs Fahnen sind's, wer schwingt sie uns zum Gruß?
Gott, welche Masse, welch ein Jubelruf! Die Erde
  Dröhnt endlos unter ihrem Fuß.
Antwortet! – Gott, Er ist's? – Es sind die edlen Züge!
  Das Volk, berauscht von seinem Siege,
  Ruft Heinrichs Namen hochvergnügt!
Wo alle Welt entzückt, verstumme, meine Leier!
Dein Lied verhallt im Rausch der allgemeinen Feier,
  Wo Frankreich Ihm zu Füßen liegt?

Sieh den Koloß, er rollt, ihn schleppen tausend Arme.
Arbeite mit, mein Arm, wo Alles schiebt und zieht !
Mag meine Kraft sich auch verlieren in dem Schwarme,
  Wenn Er vom Himmel nur mich sieht.
Dir weiht das Volk dies Erz, o Heinrich, Deinem Ruhme
  Gleich Duguesclin bist Du die Blume
  Der Ritterschaft und Bayard gleich.
Ein Liebesdenkmal ist's. Die Wittwe, Dir zum Preise,
Gab ihren Groschen her, ihr Scherflein gab die Waise,
  Den Sou der ärmste Mann im Reich.

Franzosen, zweifelt nicht, das Leid, das Unterdrücker
Euch angethan, vernarbt mit Seiner Wiederkehr.
Lobt Gott: denn unter Euch ist nun ein Volksbeglücker,
  Ein König, ein Franzose mehr.
Ihm schwören Treue wir, wenn wir zum Kampfe fliegen,
  Sein Anblick gibt uns Kraft zum Siegen,
  Und Muth in jeglicher Gefahr.
Wenn seiner Thaten Buch wird künftig aufgeschlagen,
Die Väter brauchen dann den Kindern nicht zu sagen,
  Wie zaubermild sein Lächeln war.

IV.

Kommt, junge Freunde, schaart Euch unter seinem Bilde
Zum Reigen, singt und scherzt, und Keiner bleibe fern.
Heinrich der Gute – sein Gesicht ist lauter Milde –
  Er segnet Euern Jubel gern.
Weh über jenen Prunk tyrannischer Kolosse,
  Vom Volk, dem armen Sklaventrosse,
  Erbaut mit langer Müh' und Qual!
Wie anders dieses Bild! Froh schwingt das Volk die Hüte,
Und grüßt den Freund des Volks, den König voller Güte,
  Und seines Blickes milden Strahl.

Mag der Erobrer, der die Perser einst geschlagen,
Und müd war, in Metall und Stein sein Bild zu schaun,
Im tollen Uebermuth die stolze Drohung wagen:
  Sein Bild dem Athos einzuhaun!
Mag auch ein Pharao, dem Stolz und Wuth bestürmen
  Das wahnsinnkranke Hirn, auf Felsen Felsen thürmen
  Ob seinem Sarg, dem großen Nichts.
Sein Name stirbt, und Nichts bleibt übrig als der Schatten
Der Pyramiden, der ein Labsal ist dem matten
  Pilgrim im Brand des Sonnenlichts.

Und fiele durch den Zahn der Zeit, durch wilde Triebe
Bethörter noch einmal, – Gott gebe, daß das Wort
Nie Wahrheit wird! – das Bild, das Denkmal unsrer Liebe,
  Er lebt in unsern Herzen fort.
Doch dort am fernen Nil die steingethürmten Berge,
  Bedeckend hundert Königssärge,
  Zerbröckeln sich und fallen ab.
Dem Weisen zeigen sie nur die Gewalt der Zeiten,
So mächtig sie vor ihm sich heben und sich breiten,
  Was sind sie? – Ein zerfallnes Grab,

Februar 1819.

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