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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Ludwig der Siebenzehnte.

»Capet, erwache!«

Fünfte Ode.

I.

Des Himmels goldnes Thor ging auf, von Glanz umflossen,
Das Allerheiligste war plötzlich aufgeschlossen,
Und unverschleiert lag des Himmels lichter Plan.
Die Auserwählten sahn durch die gestirnten Hallen,
Im Kreis von Engeln, die an ihrer Seite wallen.
  Sich eine junge Seele nahn.

Es war ein schönes Kind, doch traurig von Geberde,
Im blauen Auge Gram, so kam es von der Erde,
Auf blasse Wangen fiel herab sein goldnes Haar.
Ein Festgesang erscholl, die Palme gab zum Lohne
Dem Märtyrer, ihm gab der Unschuld Lilienkrone
  Der Himmelsjungfrau'n lichte Schaar.

II.

Und Stimmen hörte man aus goldner Wolke schallen:
– »Du, reines Kind, auf Dich sieht Gott mit Wohlgefallen,
Komm, kehr' in seinen Arm, der liebend Dich umschlingt,
Und Ihr, die Ihr ihn preist mit Harfen und Drommeten,
  Erzengel, Seraphim, Propheten,
Beugt Euch: ein König ist's! Ein Märtyrer: lobsingt!«

– »Wo war ich König denn?« – So fragt das Kind mit Trauer.
Im Kerker saß ich, ach, und nie auf einem Thron,
Entschlafen gestern bin ich hinter kalter Mauer.
Ich wär' ein König, ich, des ärmsten Vaters Sohn?
Er ward hinweggerafft in herben Todeswehen,
Mit Galle tränkten, die den Vater umgebracht,
Die Waise! Laßt mich hin zu meiner Mutter gehen,
  Die hier ich sah im Traum der Nacht.«

Die Engel sprachen: »Gott gefiel's, Dich zu erlösen.
Dein Heiland rief zurück Dich aus der Welt der Bösen:
»›Verlaß die arge Welt, wo man das Kreuz verflucht,
Wo selbst der Tod nicht schützt vor Königsmörderkrallen,
  Ja, wo sogar in Gräberhallen
Durchwühlend frevle Gier nach Königen noch sucht.‹«

– »Wie,« sprach die Seele, »Hab' ich endlich ausgelitten?
Der bittre Kelch, so wär' er doch geleert einmal?
Ist's wahr? – Und morgen kommt kein Schließer, der mich mitten
Aus diesem Himmelstraum wirst in des Kerkers Qual?
O Gott, wie bat ich oft auf meiner Lagerstätte
Dich heiß: erlöse mich aus meiner tiefen Noth?
So hast du mich erhört, zerbrochen meine Kette?
  Kein Traum ist's? Selig bin ich, todt?

Ihr wißt es nicht, wie mich gequält in ihrem Grimme
Die Menschen, Tag für Tag, in jenem Folterthurm.
Und weint' ich, tröstete mich keiner Mutter Stimme,
Kein Mutterauge sah nach dem verlass'nen Wurm.
Vom Stamm gerissen war ein Reis ich; blaß von Wangen,
Verschmachtet lag ich da, bedeckt mit Haß und Hohn,
Ein Sträfling schon als Kind. Was hatt' ich denn begangen
  Für Sünden in der Wiege schon?

Und doch aus frühster Zeit Erinnerungen, süße
Und heitre, stiegen mir, vor jener Qual, empor.
Ich hört' in meinem Schlaf des Ruhmes laute Grüße,
Ein jubelnd frohes Volk stand vor des Schlosses Thor.
Auf einmal ward es Nacht, der Glanz war hingeschwunden,
Und selbst die Hoffnung schwand, ich war ein Bettler fast,
Ein armes, schwaches Kind, allein zu allen Stunden,
  Und, weh mir, aller Welt verhaßt.

Lebendig haben mich die Bösen eingemauert,
Der Sonne Strahlen sah' im Jahr ich einmal kaum:
Doch Euch, Ihr Brüder, Euch, Ihr Engel, oft durchschauert
Von Wonne sah ich Euch an meinem Bett im Traum.
Geknickt von Mörderhand wohl hab' ich schwer gelitten,
Allein die Schlechten, Herr, sind nie von Qualen frei.
Drum, Vater, sei nicht taub, wie sie, für meine Bitten,
  Sei ihnen gnädig und verzeih'!«

Die Engel sangen: »Komm mit uns, Dir thun die Thüren
Des Heiligthums sich auf, und Deine Stirne zieren
Wird leuchtend hell ein Stern, da, nimm Dein Flügelpaar.
Komm, wiegen wir ein Kind, das weint, es soll uns lachen,
Laß uns der Sonne Glut entfachen
Mit unsrem Hauch und jung soll flammen sie und klar!«

III.

Die Engel schweigen still, und die Erwählten lauschen;
Sein Auge senkt das Kind, von Thränen überthaut,
Die Welten halten still im Lauf, die Lüfte rauschen
Nicht mehr, im Himmelsraum erschallt des Ew'gen Laut:

»Ich hielt, o König, stets Dich fern dem Glanz der Krone,
In Ketten warst Du nur geborgen vor dem Throne,
  Drum segne Dein Geschick, mein Kind.
Von Fesseln war Dein Arm schon wund in jungen Jahren,
Doch von der Krone nie Dein Haupt, und nie erfahren
  Hast Du, daß Fürsten Sklaven sind.

Zu Boden drückte Dich, mein Sohn, des Lebens Bürde,
Doch rauschte Jubel Dir und Ahnung hoher Würde
  In Deiner Wiege schon um's Ohr.
Selbst Deinem Heiland ward nur Schmach, dem Gottessohne,
Ein König trug, wie Du, er eine Dornenkrone
  Und statt des Herrscherstabs ein Rohr.«

December 1822

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