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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 52
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Schmerz.

Zuweilen wohl geschieht's, – nur um zu zeigen,
Daß wir zum Glück denn doch geboren sind, –
Daß sich hienieden noch zwei Seelen finden.
Zwei Wesen, Eines nur im Andern lebend,
Durchzuckt von einer Glut, ein Doppelstrahl,
Zwei Flammen, Kinder Einer heil'gen Sonne,
Ein Leben, durch das reinste Band vermählt,
Zwei Engelschwingen, die zusammen rauschen,
Zwillinge, jenem Bruderpaare gleich,
Das in der Nacht vereint am Himmel leuchtet.
Und hat der Mensch ihr Liebesband zerrissen,
Dann seht ihr Jede plötzlich auf sich raffen,
Durch alle Schranken brechen, kreuz und quer.
Die Welt durfliegen und die Schwester suchen.

Alfred de Vigny, Helena.

Zweite Ode.

Ja, durch mein Leben flog das Glück nur wie ein Schatten,
Man jagt ihm nach und schläft in seinen Armen ein.
Dann, wie die Jungfrau einst, geraubt auf Creta's Matten,
  Sieht man erwachend sich allein.

In seiner Zukunft forscht man nach dem falschen Glücke,
Man ruft: »O komm, mein Glück, Gefährtin, komm zurück!«
Da naht die süße Lust, doch füllt sie nicht die Lücke,
  »Verloren!« spricht der nasse Blick.

Wenn schnöde Lust mich lockt, dann ruf' ich: »Flieh' und quäle
Mich länger nicht! Den Schmerz der Sehnsucht ließ das Glück,
Das treulos von mir schied, zurück in meiner Seele,
  Doch du läßt Reue nur zurück!«

Fern sei es, Freunde, daß ich eure frohe Feier
Je störe! Schweigend trag' ich, was mein Herz verletzt.
Ich lächle, wenn ihr lacht, und berge meine Leier,
  Wenn eine Thräne sie benetzt.

Ein Jeder drängt von euch mit lächelnden Geberden
Zurück vielleicht den Schmerz, der fast ihn tödten will,
Wir alle insgesammt, wir leiden ach, auf Erden,
  Und leiden alle stumm und still.

Du hast ein Täubchen treu und zärtlich Dir ergeben,
O Jungfrau, eine Blum' entzückt Dich, frisch erblüht.
Was frommt es Dir? – Es welkt die Blume wie das Leben,
  Der Vogel, – wie das Glück, – entflieht!

Man schämt der Thränen sich, erröthet über Klagen,
Und drängt Erinnerung zurück und süßen Schmerz: –
Als wären wir, die wir die ird'schen Ketten tragen.
  Geboren nur zu Lust und Scherz.

Des Glückes Hauch wird mir die Stirne nicht mehr fächeln!
Vorbei der kurze Tag, wo mir die Sonne schien,
Die schöne Zeit, ach, wie ein unterbrochnes Lächeln,
  Ist sie verweht, dahin, dahin!

Februar, 1821.

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