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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Quiberon.

Nach der Einnahme der Festung Penthièvre sahen sich die Emigranten unter dem Commando des Grafen von Sombreuil, des Bruders der berühmten Jungfrau, durch die Soldaten des Convents auf die äußerste Spitze der Halbinsel Quiberon zurückgedrängt. Der republikanische General Hoche scheute das furchtbare Gemetzel, das auf beiden Seiten beginnen sollte, da die Edelleute zur Verzweiflung gebracht waren. Er machte dem Grafen Sombreuil den Vorschlag, er wolle sie als Kriegsgefangne behandeln, wenn sie sich ergeben würden. » Sombreuil,« fügte er bei, »sei der Einzige, zu dessen Gunsten er Nichts versprechen könne.« – » Ich werde gern sterben,« erwiderte der junge Mann, » wenn ich meinen Waffenbrüdern das Leben retten kann .« Im Vertrauen auf diese mündliche Kapitulation befahl Sombreuil seinen Leuten, die Waffen zu strecken. So weit der Vertrag ihn betraf, beobachtete man ihn pünktlich. Er wurde erschossen mit dem Bischof von Dol . Den kriegsgefangenen Emigranten gegenüber hielt man nicht Wort. Der Schrei des Entsetzens und des Mitleids, der sich heutzutage schon beim Namen Quiberon erhebt, macht jede weitere Erzählung überflüssig.
Doch ist es nicht der Name des General Hoche, der durch diese Mordthat befleckt ist.
Die Vendéer haben der Ebene, wo diese tapfern Edelleute in Abtheilungen erschossen wurden, den Namen: » Märtyrer-Wiese « gegeben, und heute noch wallfahrten die Soldaten Larochejacquelin's zu den Ueberresten von Sombreuils Gefährten.

Pudor inde et miseratio.
Tacitus

Vierte Ode.

I.

Durch seine tolle Wuth entlarvt sich der Verdammte,
Des Dämons Sieg verhüllt drum nicht des Engels Fall.
Des Himmels ew'ger Fluch, der ihn zu Boden flammte,
  Folgt auch im Glück ihm überall.
Ja, wenn des Himmels je wir zu vergessen wagen,
  Sucht er uns heim mit Schreckenstagen,
  Die uns der Hölle Bild erneu'n.
Bluttage, feurig roth, des Abgrunds grelle Strahlen,
Wo das Verbrechen darf laut triumphirend prahlen,
  Sie brechen über uns herein.

Ihr Dichter, die ihr stets nur längst vergangnen Jahren
Und ihren Leiden folgt, die Schuldge oft gequält,
O singt die Greuel auch, die unsre Zeit erfahren,
  Von denen noch kein Mund erzählt.
Kommt Einer jetzt und singt von Frankreichs jungem Ruhme,
Von seiner Duldsamkeit, von seinem Heldenthume,
  Welch schöne Frucht die Bildung trug ...
Laßt uns in Ruhe! Lest die neuesten Geschichten,
Zieht jeden Ruhm hervor, doch wollt gerecht ihr richten –
  Schandthaten findet ihr genug.

Kein strafender Prophet bin ich, kein Völkerlenker,
Die Gott mir gab, von Erz ist meine Leier nicht.
Doch niederschmettern möcht' ich gern gepriesne Henker,
  Und Todte rächen im Gedicht,
Den Dämon des Betrugs festhalten für Minuten
  Im Siegeslauf, den Feind des Guten,
  Der ew'gen Ruhm sich frevelnd stiehlt; –
Wie der Hellene, der, dem nahenden Orkane
Zum Trotz, mit seinem Arm allein, mit seinem Zahne
  Ein Kriegsschiff fest im Laufe hielt.

II.

An seinem öden Strand sah Quiberon erliegen
Franzosen, eine Schaar, bereit zur letzten Pein.
Zwei Führer winkten rasch, und die Geschütze schwiegen,
  Entwaffnet lösten sich die Reihn.
Der Eine bot sein Haupt, zu retten seine Krieger,
  Und sich gefallen ließ der Sieger
  Der Uebereinkunft blut'ges Pfand.
Und vor den Fahnen ward und laut vor Aller Ohren
Der gräßliche Vertrag mit hohem Ernst beschworen;
  Die Beiden gaben sich die Hand.

Die treue Phalanx ging, leis knirschend mit den Zähnen,
Entwaffnet. Und ein Heer schloß sie in seinen Ring.
Schnell lief das Volk herbei und pries, im Auge Thränen,
  Die Schaar, daß sie dem Tod entging.
Besiegt durchschritten sie die Felder ihrer Ahnen
  Die Rächer ihrer Königsmanen
  Nahm auf ein Kirchlein, morsch und alt.
Kein Altar war mehr da, kein Priester, keine Kerzen.
Sie sahn umsonst sich um, zum Trost für ihre Herzen,
  Nach des Gekreuzigten Gestalt.

Sie seufzten, beteten, die klägliche Gemeinde,
Zerschlugen sich die Brust, und knieten wund ihr Knie;
Von den Gefangnen war nur Einer, der nicht weinte,
  Er, der sein Leben ließ für sie.
Ihr Führer war's, Sombreuil, mit rosig frischem Munde;
  Sie rückt heran die Todesstunde,
  Mit Freuden grüßt er sie, der Held.
Wie herrlich stirbt der Christ beim Klang der Todtenlieder,
Der sterben darf, allein, für seine theuren Brüder,
  Wie sein Erlöser für die Welt!

»O Freunde, sprach er, laßt das Weinen und das Klagen,
Ihr athmet, und erspart ist tausendfacher Schmerz.
Denkt, Euer Tod, wie viel und tiefe Wunden schlagen
  Würd' er, ein Dolch für manches Herz.
Zugleich mit Euern brech' ich nun auch meine Ketten,
  Für Eure Frau'n und Mütter retten
  Müßt ihr des Lebens süßes Licht.
Ihr werdet Freiheit, Glück und Leben wieder haben.
Mein Herz beneidet nicht Euch all die schönen Gaben,
  Ihr neidet mir den Himmel nicht!«

Die Leichentrommel dröhnt; es naht die letzte Stunde.
Sombreuil geht seinen Weg. – Ade, du schnöde Welt!
Ach, keine Schwester hängt dem Bruder an dem Munde; -
  So starb als Märtyrer der Held.
Ein Bischof, selbst verbannt von seines Tempels Schwelle,
  Begleitet' ihn zur letzten Stelle,
  Und schweigte selbst des Siegers Spott.
Denn das Rebellenheer, es sollte schaun und beben,
Wie Priester und Soldat im Sterben, wie im Leben
  Treu ihrem König, ihrem Gott.

III.

Ihr, denen er sein Blut als Lösegeld vermachte,
Preist Sombreuil glücklich, preist den Herrn im Himmelslicht;
Wer so zum Himmel fährt, wem solche Glorie lachte,
  Dem ziemt ein Lied der Trauer nicht.
Ihr wart verbannt, Ihr kehrt zurück zum Vaterlande,
  Gelöst sind der Gefangnen Bande,
  Und Freiheit lächelt hold Euch an.
Seid fröhlich: denn die Qual des Kerkers hat ein Ende,
Der Riegel klirrt, und los der Fesseln sind die Hände,
  Jauchzt: denn vorbei ist Acht und Bann!

Und wahr ist's, daß sich auf die Kerkerthüren thaten
Mit großem Lärm. Sie sahn ein Banner blutgestickt,
Um dieses schaarten sich so Führer als Soldaten,
  Und: »Freiheit!«,jauchzten sie entzückt.
»Frei sind wir?« – riefen die Gefangenen in Haufen,
  Und Viele eilten nachzulaufen
  Den milden Henkern, seelenfroh.
Die Andern riefen: »Nun, lebt wohl, zieht heim, ihr Brüder,
In unserm Frankreich sehn wir Alle frei uns wieder!« –
  Sie sahn sich wieder, aber wo?

Zu den Gefangnen drang ein Dröhnen, ein Getöse
Mit dumpfem Wiederhall. Sie fragen leis: »Was mag
Das sein?« – Der Bruder kommt, daß er den Bruder löse,
  Treu hält der Sieger den Vertrag.
Noch sorglos waren sie, wenn auch erstaunt, und sprachen:
  »Wir bau'n auf Eure Treu', ihr Freunde!« zu den Wachen:
  Denn daß man spielt mit Eid und Wort,
Die Armen wußten's nicht, und konnten es nicht fassen.
Statt aller Antwort schleppt man sie durch blut'ge Gassen,
  Und über frische Leichen fort.

Es kam die Nacht, der Tag stieg auf am Himmelsbogen,
Sie gingen durch die Stadt, sie dachten nicht ans Fliehn,
Vor dem entsetzten Volk in langen Schaaren zogen
  Leichtgläubig die Verbannten hin.
Die armen Märtyrer! – Was hatten sie ertragen!
  Und Einer eilte noch dem Andern dies zu sagen
  Mit todesfreudigem Heldengeist.
Nicht murrend, ohne Furcht und Stolz sind sie gefallen;
Daß Meineid noch zum Mord Gefangner kam, war Allen
  Ein Leid, ein schmerzliches, zumeist.

Im Eichwald haust die Axt mit mörderischen Schlägen,
Und Eich' auf Eiche stürzt; den Löwen in der Ruh
Beschleichen Jäger feig in dunkler Kluft, und legen
  Ihm Schlingen um und schnüren zu.
Das Schlachten währte lang, und Frankreich mußt', o Grauen,
  Den Mord Wehrloser wehrlos schauen,
  Und seiner Henker freches Spiel.
So sah die Wittwe einst von Götzendienerhänden
Gemordet sieben Söhn' in langen Qualen enden,
  Und Einer nach dem Andern fiel.

Das war das Werk, das ein gepriesner Rath beschlossen,
Ein hundertarm'ger Leib, beseelt vom bösen Geist,
Durch unsre Furcht allein so hoch emporgeschossen,
  Ein Nichts und doch unendlich dreist.
Der eiserne Koloß zerfiel in blut'gem Sumpfe.
  Es hofft auf dauernde Triumphe
  Des Faustrechts losgebundne Kraft.
Doch der Pygmalion weiß seinen Bildern Leben,
Den Ungeheuern, nicht und Odem nicht zu geben
  Götzen, die er sich erschafft.

IV.

Man sagt: noch heute zieht, wallfahrend zu dem Grabe
Der Tapfern, deren Blut einst trank das Todesfeld,
Die Jungfrau und der Greis, gebückt an seinem Stabe,
  Und mancher junge Knab' und Held.
Den Himmel bitten sie um Rache nicht, um Reue
  Für jene Mörder nur. Daß ihnen Gott verzeihe,
  Das ist's, was der Bretagner hofft.
Der Pilger, welcher hier am Grab der Opfer betet,
Im Land, das Mord und Brand seit alter Zeit geröthet, –
  Ein Märtyrer ist selbst er oft.

Februar 1821

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