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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 49
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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An meinen Freund S. D.

Perseverando.
Devise der Ducie.

Siebzehnte Ode.

Der Genius ist ein Aar! – Der Vogel ist's der Stürme,
Der im Gebirg sich sucht die höchsten Felsenthürme,
Und dessen Schwinge früh dem Tag entgegenrauscht,
Der seine Fänge nie beschmutzt in trüber Pfütze,
Und dessen Auge hell erglühend kühne Blitze
  Beständig mit der Sonne tauscht.

Sein Nest ist nicht von Moos, der Kühne liebt zu horsten
Auf Felsen, die vom Blitz zerschellt, entzwei geborsten;
An steiler Bergwand, wo kein Menschenaug' es sucht,
Weiß in dem Spalt sein Haus der Adler festzukleben,
Und läßt es zwischen zwei Abgründen luftig schweben,
  Dem Himmel und der finstern Schlucht.

Nicht kriechendes Gewürm, nicht Bienen, goldbestreute,
Nicht grüne, schillernde Libellen sind die Beute,
Auf die sich seine Brut mit offnem Schnabel freut;
Der Vogel ist's der Nacht, Eidechsen sind's und Schlangen,
Die mit den scharfen Klaun er packt und die gefangen
  Er seinen strupp'gen Jungen beut.

Du königliche Burg, du Horst, von weißen Wogen
Umstürmt, wenn die Lawin' ihn überspringt im Bogen!
Dort seine Kinder nährt der Genius liebevoll,
Das Feuerauge dreht er ihnen zu der Sonne,
Und unterm Fittich wärmt die Jugend er mit Wonne,
  Die einst beschwingt auch fliegen soll.

Und du erstaunst, mein Freund, wenn über'm Haupt dir schweben
Gewitterwolken, die bedrohn dein junges Leben,
Wenn schnöde Schlangenbrut sich bäumt in deinem Nest?
Es ist dein erstes Spiel; damit die Kraft gesunde
Dem jungen Adler, bringt ihm Stürme jede Stunde,
  Ein heißer Kampf ist jedes Fest.

Laß deine Flammen sprühn! Und kommt ein Sturm geflogen,
In schwarzer Wolke laß erglühn den Regenbogen,
Erwache, hoher Geist, vollbringe deinen Lauf.
Komm, laß als Brüder uns die Hände fest verschlingen!
Die Laute nimm, Poet! Aar, breite deine Schwingen!
  Geh' auf, du schöner Stern, geh' auf!

Der Morgennebel, Freund, wird bald zur Erde thauen,
Schwing' auf dich, junger Aar, mit Blitzen in den Klauen,
Erstürm', o Dichter, kühn des Ruhmes steilste Höhn.
Ein großer Name wird durch Kämpfe nur errungen,
Der stolzen Fahne gleicht er, in der Schlacht geschwungen:
  Zerrissen ist sie doppelt schön!

Das stolze Meteor, sieh den Kometen flammen.
Und wachsen: – Welten rafft im Fliegen er zusammen.
So, junger Riese, hast du nie des Ruhms genug,
So zieht dein Feuergeist, durchbrechend alle Schranken,
In seine stolze Bahn Lichtwelten von Gedanken,
  Fliegt immer zu und wächst im Flug.

Dezember, 1827.

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