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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 47
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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An Alfred de Vigny

Ein Festlied Nero's.

Nescio quid molle atque facetum

Horaz

Fünfzehnte Ode.

Kommt, Freunde, kürzen wir die Zeit, die schläfrig gleitet;
Kommt all zum hohen Fest, das Nero euch bereitet,
Cäsar, der Consul, der die Zügel Roma's hält,
Nero, der Musengott, der, zu erhöhn die Feier,
  Zur siebensaitigen Leier
Ein jonisch Lied euch singt, Nero, der Herr der Welt.

Kommt all auf meinen Ruf, der euch zum Feste ladet!
Beim Freigelassnen habt, bei Pallas, ihr gebadet
Euch so in Wonne nicht, auch bei dem griech'schen Mahl
Agenors nicht, wo frei man sich bewegt und cynisch,
Wo Murrkopf Seneca Falerner libertinisch
  Trank aus dem goldenen Pokal;

Nicht auf der Tiber, wo Aglaja nackt, die Holde,
Mit uns auf ihrem Boot hinschwamm im Abendgolde,
Im oriental'schen Zelt voll buntem Farbentand:
Noch, als beim Saitenspiel der Prätor der Bataven
  Den Löwen hinwarf zwanzig Sklaven
In schweren Ketten, die mit Blumen man umwand,

Rom sollt ihr brennen sehn, ganz Rom, – und mit Behagen!
Ich ließ auf diesen Thurm schon meine Polster tragen,
Um zuzuschaun, wie hin sich wälzt der Flammenstrom.
Was ist der Kampf von Mensch und Tiger? – All zusammen
Die sieben Hügel sind Ein Circus, wo die Flammen,
  Die gier'gen, kämpfen gegen Rom!

So darf allein der Herr der Welt, der einsam Hohe,
Die Zeit sich kürzen, die sich träge dehnt, die Lohe
Des Blitzes schleudern muß manchmal der Göttersohn! –
Doch kommt! Schon sinkt die Nacht herab. Du, wilder Drache,
  Du Flammenungethüm, erwache! –
Er hebt die Flügel, reckt die rothe Zunge schon.

Seht ihr? Seht ihr?.. Schon kommt er schnaubend angeflogen,
Stürzt sich auf seinen Raub, wälzt hin des Rauches Wogen,
Die Mauer kost er lind, die niederstürzen muß!
Paläste krümmen todt sich unter seinem Schmeicheln,
– Ha, könnt' ich morden auch, wen meine Hände streicheln,
  Und wär' ein Todeskuß mein Kuß.

Hört ihr das Knistern, seht den Rauch ihr wirbelnd streifen,
Seht ihr, wie Schatten, irr im Qualm die Menschen schweifen?
Dann plötzlich todesstill ist Alles, tiefe Ruh!
Erzsäulen sinken ein, und goldne Thore fallen
  Und schmelzen, Feuerströme wallen
Geschmolzenen Metalls der Tiber zischend zu.

Und Jaspis und Porphyr und Marmor, Prachtstatüen
Zerbröckeln sich zu Staub, die Götter selbst verglühen,
Wie ich's befahl, verzehrt die Flamme Thor und Thurm,
Sie wächst im raschen Lauf, Nichts kann ihr Wüthen zügeln,
Ein luft'ger Nordwind peitscht sie fort mit Furienflügeln,
  Ein zornig wilder Feuersturm.

Ha, Capitol, fahr' hin! – Ein Bild des Höllenmythus
Scheint Sulla's Aquadukt, – die Brücke des Cocytus,
Nero gebeut und all die Pracht der Kuppeln bricht.
Ganz Rom in Flammen! Ha, wie sie die Stadt umranken!
  – Weltkönigin, du sollst's ihm danken,
Daß solch ein Diadem er um die Stirn dir flicht.

Wohl hört' als Kind ich oft: die Bücher der Sibylle
Verheißen dir, o Rom, endloser Jahre Fülle,
Der Siebenhügelstadt sei Sklavin selbst die Zeit,
Im Aufgehn erst noch sei ihr Stern... Wie viele Stunden
Nun, meint ihr, Freunde, sagt es selbst, wie viel Sekunden
  Wird dauern ihre Ewigkeit?

Ha, stolze Lust, den Blick an dieser Brunst zu weiden
In schwarzer Nacht! Mich muß selbst Herostrat beneiden!
Cäsar ist froh, wenn auch das Volk die Hände ringt!
Sie fliehn! Umsonst ihr Flehn, daß sie die Glut verschone.
  – Nehmt mir vom Haupt die Blumenkrone:
Sie würde welken nur am Brand, der Rom verschlingt.

Spritzt Blut an euer Kleid, das festlich weiße, reine,
Spült, Freunde, weg den Fleck mit goldnem Creter-Weine,
Des Blutes freut sich nur der Schlechte! Freunde, schwingt
Euch auf, das grause Spiel, weiht's durch erhabne Freuden!
Wer wird am Todesschrei sich seiner Opfer weiden?
  Nein, übertönt ihn, Freunde, singt!

Ich strafe dieses Rom, ich räche mich! – Sie streuen
Heut Weihrauch Jupiter'n, und morgen jenem neuen,
Armsel'gen Christengott! Sein Name sei verflucht!
Kniet zitternd nun vor mir, und weiht mir Opfergaben!
  Auch ich will meinen Tempel haben,
Da unersättlich Rom stets neue Götter sucht.

Verwüstet hab' ich Rom, – und schöner bau' ich's wieder! –
Doch reißen soll's das Kreuz in seinem Fall mit nieder!
Eilt, mordet, rottet aus die Christen! Cäsar ruft!
Dein Unheil, Rom, sind sie! Laßt alle Stürme tosen,
Rächt euch, vernichtet sie! – – ... Geh, Sklave, bring mir Rosen!
  Süß ist der Rosen zarter Duft.

März, 1825.

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