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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 45
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Der Antichrist.

Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der
Satanas los werden aus seinem Gefängniß;

Und wird ausgehen, zu verführen die Heiden an den
vier Oertern der Erden, den Gog und Magog .

Offenbarung Johannis

Dreizehnte Ode.

I.

Ja, er wird kommen, – wenn versiegt der Tage Bronnen,
Die letzte Finsterniß die Welt zur Wüste macht,
Wenn, wie das Auge bricht des Sterbenden, die Sonnen
  Erblassen an der Stirn der Nacht;
Wenn in dem Abgrund dumpf es braust gleich Wetterbächen,
  Wenn seine Schaaren zählt, die frechen,
  Der Satan, musternd seine Macht;
Wenn von der Wucht der Last, die sie so lang getragen,
Erdrückt zum Brechen, wie ein alter, staub'ger Wagen,
  Die Himmelsaxe stöhnt und kracht.

Ja, er wird kommen, – wenn der Mütter Herzen bluten,
Wenn ihres Leibes Frucht vor Schreck zusammenfährt,
Wenn keine Seele mehr der Leiche folgt des Guten,
  Noch seine Gruft mit Thränen ehrt;
Und wenn der Mensch im Schiff der Zeit dem uferlosen,
Dem Meer der Ewigkeit zusteuernd hört das Tosen
  Der Flut, die grollend braust und gährt.

Ja, er wird kommen, – wenn der alte Bund von Sünde
Und Haß und Stolz gelöst, wie Spreu im Wind, verweht,
Und wenn die Völker schaun, wie der Vernichtung Schlünde
Sich der verkommnen Welt aufthun, dem greisen Kinde,
Wie Stern an Stern sich stößt und hell in Flammen steht,
Und durch des Himmels Raum, – gleich einem Wirth, der Gäste
Erwartend durch den Saal hinschreitet vor dem Feste, –
Still hin und wieder, groß, der Schatten Gottes geht.

II.

Er kommt! – Den Menschen wird das Haar empor sich richten: –
Er wirft das Lösegeld Gefangner weg im Zorn,
Aussendet ihn der Herr, den Weinberg zu vernichten,
  Und zu zerschlagen Obst und Korn.

Die Völker wissen sich vor Angst nicht mehr zu retten:
  Ob er wohl Kronen oder Ketten
  Einst trug in einer andern Welt?
Sie martern sich umsonst, das Räthsel zu erkunden:
Sind's Strahlen, ist's die Glut der Blitze, die umwunden
  Sein Haupt, das unnahbare, hält?

Bald wird sein Angesicht des Himmels Reiz entlehnen,
Und einen Engel wird das Volk zu schauen wähnen,
Hell leuchtet, klar sein Leib, getaucht in Strahlen ganz,
Sein Auge lächelt sanft, noch feucht von süßen Thränen,
Wie auf des Frühlings Stirn Aurora's junger Glanz;

Bald wird er häßlich sich, ein schwarzer Drache, zeigen,
Erzklau'n am Flügelpaar, entsetzlich, riesengroß,
So saust er durch die Luft; mit Schrecken füllt sein eigen
  Geheimniß ihn; der Höll' entsteigen
Läßt wüsten Qualm er, wenn er stampft der Erde Schooß.

Wenn seine Stimme schallt, wird bang die Schöpfung schweigen.
Zur Wüste wird die Stadt, weht sie sein Hauch nur an,
Er wandelt durch die Luft, er lenkt der Winde Reigen,
  Und fährt auf feurigem Gespann.
Er zähmt des Feuers Wuth, gebeut den Wellenrossen,
  Und unter seinen Füßen sprossen
  Lenzblumen selbst im Wüstensand.
Die Sterne neigen sich herab, sein Haupt zu krönen,
Die Todten schütteln sich, wenn seine Worte tönen,
  Als löste sich des Schlummers Band.

Ein ausgetretner Strom, ein Berg voll schwarzer Laven,
Das ist er, Freunde hat er nicht, er hat nur Sklaven,
All seine Größ' ist nur der Welt zur Qual und Pein.
Erobrer, König nicht, ein Nachtgespenst, der Schrecken
Der Völker, die vor ihm im Staub sich niederstrecken,
Nicht Hirt und Heiland, – Herr und Meister will er sein.

Er scheint entrückt der Welt, die ihm sich beugt mit Beben,
Trägt eine fremde Last, und lebt ein fremdes Leben,
Kein Wechsel rührt ihn an, nie altert sein Gesicht.
Doch pflückten wir für ihn Maiblumen, – sie verdorrten.
Mann ohne Glaub' und Treu ist fremd er aller Orten,
  Und eine Heimath hat er nicht.

Erwartung kennt er nur, nie wird ihm Hoffnung keimen,
Sein Geist, von Stürmen, wie die Meerflut, heimgesucht,
Schaut auf Unwissende mit Neid nur im Geheimen:
   Sein Wissen trägt ihm bittre Frucht.

Dem Henker trotzt er, der das Richtschwert hat gezogen,
  Still, wie vorm Sturm des Meeres Wogen,
  Stumm, wie der Tod; sein Herz erwarmt
Niemals, ein Kampfplatz ist's, auf dem in böser Stunde
Der Frevel, mit der Reu' in bösem Ehebunde,
  Die Widerstrebende umarmt.

Ergreifen wird er rasch den Rest der Zeit, die endet,
Auslöschen wird sein Arm des letzten Leuchtthurms Glut.
Gott, der den eignen Sohn einst darben ließ, verschwendet
An ihn, den höllischen Messias, Gold und Gut.
Er fröhnt der wilden Lust, die er durch Raub gewonnen,
Sein Auge glüht, so lang er schwelgt in seiner Macht,
Von leiser Scham, erstickt im Taumel falscher Wonnen,
Vom Stolz, der sich erhebt aus der Verzweiflung Nacht.

Der Hölle Botschaft bringt den Menschen er und zwischen
Den Waizen der Vernunft sät Irrthum er und Wahn.
Im Becher weiß er Gift und Honig schlau zu mischen,
Und beut den duft'gen Trank den falschen Weisen an.
Wie eine Mauer, um die Welt von Gott zu trennen.
Stellt er sich zwischen sie mit frechem Hohn und Spott.
Die Sprache reicht nicht aus, die Frevel all zu nennen,
Der Atheist erblaßt und spricht: »Das ist mein Gott!«

III.

Wenn er, der Herold dann geheimnißvoller Schauer,
Verbrechen aufgehäuft und Sünden mannigfalt,
Und wenn die Tugend, wenn der Glaube sieht mit Trauer,
  Wie leer die Herzen sind und kalt;
Wenn mit dem Cains-Mal gezeichnet er die Seinen,
  Die allzuhauf vor ihm erscheinen,
  Und seine Schaaren stehn bereit,
Verschwinden wird er dann von diesem Erdenrunde,
Und seinem Reiche schlägt zugleich die letzte Stunde
  Mit dem Beginn der Ewigkeit.

1823.

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