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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 41
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Die Seele.

Ein dunkles Geschick umdüstert den Geist der Sterblichen; gleich Walzen rollen sie hin und her, mit einer Unzahl von Uebeln belastet ... Aber fasse Muth, der Mensch ist göttlichen Geschlechts! Wenn du, deines Körpers entkleidet, dich in des Aethers Räume erheben wirst, wird der Tod keine Gewalt über dich mehr haben, du wirst ein Gott sein, unsterblich und unwandelbar.

Pythagoras, goldne Sprüche.

Neunte Ode.

I.

Ein Sohn des Himmels flieh' ich dieser Erde Gaben
Und Ehren, all mein Stolz ist dieser Bettelstab.
Ein König bin ich, stolz, verbannt, der Nichts will haben,
  Als seinen Thron, .. wo nicht, – ein Grab.
Mir ist der Staub der Welt verhaßt, ihr Lärmen, Schreien,
  Still lebt ein freies Herz im Freien,
  Stolz, einsam, am verborgnen Ort,
Nicht Herr, nicht Knecht; o laßt einsiedlerisch mich träumen
Und sinnen Tag und Nacht in meiner Wüste Räumen: –
  Den Busch im Feuer such' ich dort.

O du, von Gott verdammt zur Trübsal und Beschwerde,
Gesellin unsrer Qual in dieser Zeitlichkeit,
O Magd, unsterbliche, du Pilgerin der Erde,
  Du Königin der Ewigkeit,
O Seele, laß im Glück und Unglück stets im Dunkeln
  Mir deine helle Leuchte funkeln,
  Und bändige der Sinne Macht.
Dein goldner Herrscherstab sei meines Lebens Steuer,
Bewache du in mir der Tugend heil'ges Feuer,
  Wie die Vestalin, Tag und Nacht.

Bist du es, deren Hauch um meine Leier fächelt, –
Die Leier, heilig, fromm, wie Zions harfe, rein, –
Die nächtlich mich besucht und himmlisch süß mir lächelt,
  Lichtwesen du im Glorienschein?
O Himmelsjungfrau, laß auf meine ird'schen Ketten
  Sich deine heil'gen Schwingen betten,
  Und weihe mich zur Himmelfahrt.
Du Echo Gottes, willst du von geheimen Dingen,
Von Lieb' und Seligkeit mir leise Kunde bringen,
  Von Engeln dir geoffenbart?

II.

Sahst du einst die junge Erde
Makellos, im Lichtgewand,
Als die Welt, die auf sein: »Werde!«
Ward, der Schöpfer gut noch fand?
Sahst im Paradiesesäther
Du den Ersten unsrer Väter,
Wie erwacht er Eva grüßt;
Sahst die erste Sonne prangen,
Die des ersten Engels Wangen
Roth am ersten Morgen küßt?

Sahst im heil'gen Wesenstrome
Du die lichten Furchen glühn,
Und hervor am Himmelsdome
Millionen Steine sprühn?
Wie Er dann, der Gott der Stärke,
All die Fülle seiner Werke
Sah mit Wohlgefallen an,
Aller Seelen Herr und Meister,
Er, der Flammenquell der Geister,
Aller Wellen Ocean?

III.

Und folgtest du dem Herrn auf seinem Siegerpfade,
Als aus des Wassers Schooß der Geist das Wort der Gnade
Zum hohen Aether trug, zum flammenden Palast,
Am Tage, wo vom Licht das Chaos ward geschlagen,
Und wie ein König, den erdrückt des Kampfes Last,
Der weg vom Schlachtfeld eilt besiegt, auf raschem Wagen,
Aus Gottes junger Welt entfloh in wilder Hast?

Sahst du, dem Himmel fern, den finstern König thronen,
Mit Qualen die – gleich ihm – Gefallenen belohnen,
Im Abgrund, der erfüllt mit Schrecken bis zum Rand,
Wo, wenn vom Erdentraum verrauscht die letzte Welle,
Erwacht der Sünder fühlt der Reue heißen Brand,
Im Schlund, in den ein Gott einst trat, als er von Hölle
Zu Hölle jäh den Tod verfolgt' und überwand.

IV.

Den Ew'gen zeige mir, wie er zum Reich gegeben
Einst dem Atom den Raum, die Zeit dem Eintagsleben,
Das Dunkel, öd und leer, das stille Grab der Nacht,
Die Donnerwolk', in der die Blitze sich begegnen,
  Und den Kometen, den verwegnen,
Der weit am Himmel dehnt des Schweifes Strahlenpracht.

Gesellin, mächtige, es schwebt aus deinem Flügel
Von Blume fort zu Blum' und über Thal und Hügel,
Zurück zum Eden, draus der Mensch verbannt, mein Geist,
Des Ew'gen Schleier hebt er auf, die Erdenschranke
  Weit überfliegt er, mein Gedanke
Ist eine Welt, die durch endlose Räume kreist.

V.

Fallstricke drohen dir im Dunkeln, meine Seele:
Sei dem Gefangnen gleich, der hinterm Riegel wacht!
Im Heer der Feinde schau dich um, die Feuer zähle
In ihrem Lager! Daß zur Scheibe nie dich wähle
  Der Feind, sei wachsam Tag und Nacht.

Ich bin der Mann nicht, der den Hochmuth zum Berather
Sich nimmt, der reiner Lieb' entfremdet irrt, der Thor,
Der Dagon opfert statt Jehovah, seinem Vater,
Und ohne Führer schweift am Rand erloschner Krater,
  Ein Wandrer, der den Weg verlor;

Die Blumen Edens wagt sein Hauch nicht zu berühren,
In aufgeputzter Blöß' erscheint vor Gott er nicht,
Wie ein verstoßner Sohn, den irre Pfade führen
Als Bettler heim; er steht vor seines Vaters Thüren,
  Und Thränen netzen sein Gesicht.

»Sieh da, der Sünder! mag dann wohl ein Engel sprechen.
Er trank vom süßen Gift, das elend ihn gemacht.
Die Unschuld wird belohnt, er büßt für sein Verbrechen,
Vor Gott verworfen ist die Seele dieses Frechen!
  Er schlief, indeß der Herr gewacht.« –

Du aber, – kehre bald aus dieses Staubes Zelle,
Du Strahlende, zurück zur ew'gen Strahlenflur,
Und steige rein empor zu deiner ersten Quelle
Und wie die Sonne Nichts mitbringt als ihre Helle,
  Bringst mit du deine Liebe nur.

VI.

Weh dir, unsel'ger Thor, der in verkehrtem Streben
Den Geist nicht ahnt, der dich beherrscht und alles Leben,
Den selbst des Grabes Ruf zur Buße nicht bewegt.
Dein Geist ist ohne Schwung, dein Herz zu kalt zum Brennen,
  Nie wirst du deine Seel' erkennen,
Ein Blinder irrst du, der umsonst die Fackel trägt.

Juni, 1823.

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