Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Hugo >

Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
Schließen

Navigation:

Die Jungfrauen von Verdun.

Henriette, Helene und Agathe Watrin, Töchter eines höheren Offiziers; Barbe Henri, Sophie Tabouillot und mehrere andere junge Mädchen von Verdun wurden vor das Revolutionstribunal gestellt, beschuldigt, den Preußen bei ihrem Einzug in die Stadt Blumen gestreut zu haben. Die drei ersten, welche allein Gegenstand dieser Ode sind, waren außerdem noch angeklagt: sie hätten den Emigranten Geld und sonstige Unterstützung zukommen lassen. Ein Gesetz bestrafte diese eigenthümliche Art von Verbrechen mit dem Tode. Fouquier-Tinville, gereizt durch die Schönheit der drei Mädchen, ließ ihnen unter der Hand sagen: er werde den letzten Theil der Anklage verschweigen, wenn sie seine, ihrer Ehre nachtheiligen, Anträge anhören wollten. Sie wiesen sie zurück, wurden zum Tod verurtheilt und fortgeschleppt, zugleich mit neunundzwanzig andern Einwohnern von Verdun . Die Aelteste der drei Schwestern zählte siebzehn Jahre.
Barbe Henry, Sophie Tabouillot und ihre Leidensgefährtinnen, unter welchen sich Kinder von dreizehn bis vierzehn Jahren befanden, wurden zum Halseisen und zu zwanzigjähriger Haft in der Salpetrière verurtheilt. Das Direktorium gab ihnen die Freiheit wieder.

Der Priester wird die schwarz' und weiße Stola tragen;
Die Stirn von Elfenbein, umwallt von langem Haar.
Beim Glanz der Kerzen , wird um Euch im Tode klagen
Der Mädchen blüthenweiße Schaar.

A. Guirard.

Dritte Ode.

I.

  Was bringt Ihr mir, ihr Luftgestalten? –
  Wie, meine Leier? – Sagt, was wollt
Ihr Geister doch? Was soll dies Lächeln unter Falten?
  Bedeutet es, daß Ihr mir grollt?
  An Schärpen, die so hell erglänzen,
Was soll Euch dieser Flor, die Trauer zu der Glut?
Wie kommt die Kette hier zu diesen Blumenkränzen?
  Was soll die Rose, roth von Blut?

O weicht zurück, verbergt in Eure Nacht Euch wieder! –
Doch wie? Was zeigt Ihr mir? Drei Gräber muß ich sehn?
Und von dem Karren dort schaun bleiche Opfer nieder...
Dies sind die Mörder, die in blut'gen Lumpen gehn.
Ich hör' ein Todtenlied. .. Zum Feste jauchzen Frauen
  Und Männer! Weh! was muß ich schauen? –
Der Karren hält. Ein Beil fällt langsam nieder. Klar
Springt auf ein blut'ger Strahl, und seht ihr nicht mein Haar
  Die blut'gen Tropfen überthauen?

  Jungfrau'n, Ihr wollt vielleicht mich laden vor Gericht?
Vom Blute rein ist mein Gewissen.
Flieht, Jungfrau'n, Schatten, flieht, von ihnen einst gerissen !..
Ihr wart in jener Zeit nicht mehr, ich war noch nicht.
Was fordert Ihr von mir? Ich weint' um Eure Qualen.
Soll ich der Väter Schuld vielleicht, der Enkel, zahlen?
  Was stört Ihr mich mit finstrem Scherz?
Warum die Leier reicht Ihr mir mit stillem Grimme?
Wollt Ihr ein Lied? Soll Reu' etwa des Knaben Stimme
Den Henkern singen in das Herz?

II.

In Hallen, rings im Kreis von blut'ger Schaar umgeben,
  Sitzt heut das hohe Blutgericht.
Der Staatsankläger steht, und seine Lippen beben
  Satanisch lächelnd, wenn er spricht.
Es ist Tainville. Er ruft Verbrecher auf im Namen
Des Vaterlandes, die im Saal zusammen kamen:
  Die Mörder sollen Richter sein.
  Er schreit, er lechzt nach Blut, der Grimme.
Er wirft dem Beil, das raucht, mit wilder Henkerstimme
  Die Opfer zu: »Da, die sind Dein!«Fouquier-Tinville, der Staatsankläger, verband mit diesem furchtbaren Amt das eben so schreckliche Vorrecht, die sechzig bis achtzig Köpfe zu bezeichnen, die jeden Tag in Paris fallen sollten.

Er spricht. Und in den Kreis schon schleppen die Lictoren
Die Unglückseligen, die heut sein Zorn erkoren.
Die Thore thun sich auf mit schmetterndem Geräusch.
Und von Soldaten rund und weinenden Gesichtern
Der Freundinnen umringt, stehn vor den Höllenrichtern
  Drei Jungfrau'n, lieblich, schön und keusch.
Es murrt das Volk und flucht stillschweigend dem Geschicke,
Beklagt sein Sklavenloos, und weint um diese Drei,
  Und auf der Unschuld läßt die Blicke
Es ruhn, des Mordens müd, nicht mehr von Thränen frei.

Ha, als in Ketten sie eintraten nun, die Holden,
Von Lügnern angeklagt: warum denn barsten nicht
Die Deckgewölb' entzwei, warum doch niederrollten
  Die Trümmer nicht auf das Gezücht?
Und unsre Krieger? – Weh, ihr Heldenschwert entehrten
Zum Schirm des Schlächterstahls, des Fallbeils, die Bethörten.
Sie sahn befleckt ihr Schwert vom Beil, das sie beschützt.
Es war derselbe Tag, der auf dem Siegerwagen
Moreau den Sohn, und auf dem Hochgericht sah ragen
  Den Vater, der sein Blut verspritzt.Moreau nahm einem an Zahl überlegenen Feind die Insel Cazan und das Fort de l'Ecluse an demselben Tage weg, an dem sein alter Vater das Schaffot bestieg.

  Als unsre Führer, rings bedrängt von Feindeswogen,
Mit Lorbeern der Cypressen Grün
Umwindend, nach Paris mit ihren Bannern zogen,
Da führte Friederich sein Kriegsheer vor Verdün.
Verdün, der erste Wall, die Flut der Ungeheuer
  Frankreichs rückdämmend, wagt zu grüßen die Befreier,
Verbot's auch streng das neue Recht.
Im Festschmuck angethan erscheint die Stadt, und ledig
Der Ketten, beut sie sich dem König an, der gnädig
  Die armen Könige gerächt.Verdun brannte vor Eifer, dem König von Preußen seine Thore zu öffnen. Der tapfere Commandant widerstand drei Tage lang den dringenden Bitten der Einwohner und den Drohungen Friedrich Wilhelms. Endlich, zum Kapituliren gezwungen, jagte er sich eine Kugel durch den Kopf. Der wackere Mann hieß Beaurepaire . Die französische Ehre hat sich im Felde nie verläugnet.

Da war's, Jungfrau'n, wo Ihr die Sieger zu bekränzen
Gewagt: wie konntet Ihr Euch doch so schwer vergehn?
  Ihr armen Opfer, konntet glänzen
Vor Blumen nicht das Beil, bedeckt mit Sträußen, sehn.
Nicht dies nur! Euer Herz gedachte nicht der Rache,
Und die Verbannten, die für ihre heil'ge Sache
Sich wappneten, um mit den Zwingherrn ins Gericht
Zu gehn, ihr stütztet sie, ihr gabet reiche Spenden,
Dem Unglück botet Gold ihr gern mit offnen Händen.
  Denn Brüder waren's, Feinde nicht!

Ach, um die schöne That, um Tugenden, nicht Fehle,
  Seid, Mädchen, Ihr zum Tod verdammt!
Doch weint: der Kläger bebt in seine Wüstlingsseele
Hinein, von Eurem Reiz entflammt.
Um einen Preis will er, Jungfrau'n, noch Eure Jugend
Dem Henkerbeil entziehn: – beflecket Eure Tugend,
Und man vergibt sie Euch! Macht zahm Euch nicht der Tag
Der Schrecken? – Theilt Euch nur mit ihm in das Verbrechen
Und in die Schmach, und gern von Euerm Ruhm lossprechen
  Wird Euch der Blut-Areopag.

  Ihr Schüchternen, was konnte gießen
In diese Augen, süß und fromm, die stolze Glut?
Was war's, das ihnen dann in Strömen ließ entfließen
  Des Zornes heil'ge Thränenflut? –
  O Heldenmuth in Jungfrau'nherzen!
  Laßt grausam die Tyrannen scherzen
Und Rettung für ein Mal, der Seele eingebrannt,
Anbieten: o, ich weiß, ihr hättet dem Gerichte
Die Schuld der Heldenthat, dem Tod im Angesichte,
  Auch ohne diesen Sporn bekannt!

Es ist geschehn! Des Spruchs gestrenge Worte schallen.
Des Spruchs? – Der Wuth, die Recht, Gesetz und Ordnung beugt.
Ein dumpfes Murren läuft durch die gedrängten Hallen,
Es hört das Volk den Spruch mit Abscheu an und schweigt.
So wandert denn zurück in Eure Kerkerhöhlen,
  Jungfrauen, rein sind Eure Seelen,
Drum betet ohne Furcht, tragt Euer Lockenhaar
Geschmückt mit Blumen noch, ach, nur für kurze Stunden!
Die Mutter, die die Stirn Euch jüngst damit umwunden,
  Sie sah nicht, daß der Mohn des Todes drunter war.

Den bunten Ehrenschmuck bringt Euch, es währt nicht lange,
Auf's Neu der Engel Schaar, fliegt Ihr nun bald empor,
Und Euer Todtenlied, es wird zum Festgesange,
Und Himmelsjungfrau'n sind's, die singen Euch im Chor.
Charlotte seht Ihr dort, die Judith, die Gerechte,Ein Jahr zuvor hatte Charlotte Corday Murat getödtet, einen derjenigen Repräsentanten, die am meisten dazu beigetragen hatten, das Gesetz gegen Diejenigen, welche die Emigranten unterstützten, zur Annahme zu bringen.
Die Euch zum Voraus schon an Euren Mördern rächte.
Cazotte, Elisabeth, die Sombreuil, die den Tod
Lang in den Adern trug und auf der blassen Wange.Fräulein von Sombreuil erkaufte das Glück, ihrem Vater das Leben zu retten, um einen Becher Menschenblut, den sie trank. Noch lange nachher sah man sie erblassen und zittern bei der bloßen Erinnerung an dieses entsetzlich erhabene Opfer, das ihre Gesundheit zerstörte, und sie ihr Leben lang schmerzhaften Krämpfen aussetzte.
Sie streuen Weihrauch und erfreu'n mit ihrem Sange,
  All die erwürgten Frau'n, ihn, den erwürgten Gott!

III.

Mein Auge ward getrübt, Gesichte schaut' ich bebend,
Und bis ins tiefste Herz erschüttert, aufgeschreckt.
Gespenster schüttelten, mir über'm Haupte schwebend,
  Bahrtücher, lang und blutbefleckt.
Der Todeskarren, die drei Gräber, das Gerüste
  Erschienen mir in grauer Wüste,
Bis Alles wiederum die schwarze Nacht verschlang,
Die Jungfrau'n flohn, ich, sah das Morgenroth erscheinen.
Ich war so ganz allein, und mußte lang noch weinen,
  Als meine Leier nicht mehr klang.

Oktober 1818.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.