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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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An die Vendômesäule.

Parva magnis

Siebente Ode.

I.

Erhabnes Monument, Trophä', in Erz gegossen!
Auf festem Sockel frei und stolz emporgeschossen,
Zeugst du von Ruhm und – Rauch, und das ist dein Beruf.
Von Allem, was ans Licht gestellt der Held, der kühne,
Stehst aufrecht du allein, – hochragende Ruine
  Des Baus, den ein Titane schuf!

Des großen Kaiserreichs, des großen Heeres Trümmer,
O Säule, letzter Strahl von dem erloschnen Schimmer,
Dich lieb' ich! Staunend sieht der Fremde deinen Bau.
Die Helden lieb' ich, hehr schon durch des Alters Weihe,
  Der Siegesbilder lange Reihe,
  Hier rundum ausgestellt zur Schau.

Die Krieger seh' ich neu belebt zum Kampf sich stellen,
Die einst des Rheins, des Po, der Donau blutge Wellen
Hinabgewälzt zum Meer; aufschau' ich stolz an dir.
Gleich dem Soldaten stellst den Fuß du auf die Beute,
Die Waffen, und vom Haupt als Helmbusch fliegt ins Weite
  Dir einer Fahne stolze Zier.

Das Erzbild Heinrichs stell' ich gern mit dir zusammen,
Zwei Erzkolosse, die hell aus zur Ehre flammen
Der Heimath, – der der Lieb', und der des Hasses Sohn!
Ob unsern Wirren seh' ich euch unsterblich strahlen,
  Du stammst von fremden Arsenalen,
  Er vom Obol der Nation.

Wie oft, – du weißt es! – wenn die Nacht den Schleier eben
Umwirft dem bleichen Mond, und leis die Sterne beben,
Komm' ich und suche Trost, und mich erfrischt dein Strahl.
Mein Auge glüht, verschlingt die Bilder der Historie,
Ich nehm', ein dunkler Gast, mein Theil an all der Glorie,
  Dem Hirten gleich beim Königsmahl!

Oft, Frankreichs Säule, Erz des Feindes, in der Stille
Horch' ich: – mir ist, als ob das Erz im Ofen brülle.
An deinen Wänden seh ich oft auf meinen Ruf
Die Krieger, rings zerstreut, empor zum Kampf sich raffen,
  Und laut erschallt der Klang der Waffen,
  Der Männer Schritt, der Pferde Huf.

Nie wagten Feinde dich, o Monument, zu höhnen,
Und, gingen sie vorbei, hat ihrer Schritte Dröhnen
Erschüttert nie dein Erz, stolz ragtest du und hehr.
Und lenkte je zu uns das Schicksal ihre Pfade,
Nie führten sie vorbei in müßiger Parade
  Vor deinem Kampf in Erz ihr Heer.

II.

Wie? Hör' ich nicht Geräusch der Waffen und Geschütze
Von deinem Piedestal bis hoch hinauf zur Spitze?
O Säule, rühren nicht – ich meine sie zu sehn! –
Sich deine Krieger, um vom Erz herabzusteigen? ..
Auf einmal schwebt nicht mehr der Helden brauner Reigen
Zur Himmelshöh' empor, sie machen Halt, sie stehn...

»Tarent! Dalmatien! Treviso! Reggio!«... Namen
Von neuem Klang, doch hoch berühmt! Die Führer kamen,
Und ihre Adler, neu erwacht und lichtgetränkt,
Sie jagten feurig nach dem Doppelaar, im Dunkeln
Nur heimisch, dessen Blick, wo ihre Augen funkeln,
Sich, wie vorm klaren Licht der Sonne, niedersenkt.

Was ist es doch? – Warum, du Erzbild ohne Gleichen,
Seh' ich dein Heer vor Zorn erröthen und erbleichen?
Aufbraust es wie Ein Mann: – auf ihrem hohen Sitz
Traf sie ein Schimpf? Wer weckt die Schatten der Heroen,
Die Adler, die, um dich mit Flügeln schlagend, drohen,
Und deren starre Klau' umschließt den kalten Blitz? –

III.

Ha! – Meint der Feind, er könn' uns rauben das Gedächtniß,
Zerreißen Blatt für Blatt das herrlichste Vermächtniß,
Annalen, die das Schwert geschrieben, scharf und spitz?
Zielt er nach den Trophä'n, den tausend Donnerkeilen,
Die dieses Bild von Erz umschließt, mit höhnschen Pfeilen? –
  Ein Erz-Bild – jeder Zoll ein Blitz!

Sucht an Napoleon er Rach' in unsrem Heere?
Will unsern Feldherrn er, den alten, Ruhm und Ehre,
Ihr Erbe, nehmen, ist ihr Recht nicht sonnenklar?
Zu schwach ist seine Hand, die Beute zu erraffen: –
In Alexanders Reich und in Achilles' Waffen
  Theilt sich nur eine Heldenschaar.

Doch nein! – Wenn Oestreich auch des Stolzes Wunden brennen,
Die Sieger mögen sich nach ihrem Siege nennen,
Nach seiner Niederlag', – es stellt die Namen frei.
An Lehen hängt es mehr noch als an seinem Ruhme,
Und unsern Helden gönnt es ihre Wappenblume,
  Um Lorbeern macht es kein Geschrei.

Oestreich weigert sich, die Titel anzuerkennen, die in seinen Ländern Ansprüche auf Lehen zu begründen scheinen, gestattet aber solche, welche einfach an Siege erinnern.
(In Betreff des theilweise mehr als seltsamen Inhalts dieser und einiger andern Oden verweisen wir den deutschen Leser auf die entschuldigenden eigenen Worte des französischen Dichters in der Vorrede und in der Note IV, wo er gesteht,
daß manche seiner Strophen allzusehr Partei (und National-) haß athmen, und Note XIII, wo wir erfahren, daß einzelne dieser Oden kaum nach seinem Austritt aus der Schule entstanden seien. Der Uebersetzer, der sich Treue in jeder Hinsicht zur Pflicht machte, glaubte diese auch auf die möglichste Vollständigkeit des Inhalts ausdehnen und der deutschen Kritik auch bedenkliche Ergüsse des französischen Dichters nicht entziehen zu dürfen. D.Uebers.)

Wie? Hat dem Feind, weil er einmal den Sieg errungen,
All dieser Heldenruhm denn nie das Herz bezwungen?
Woher der trotzge Muth, das stolze, kühne Herz?
Hat er vergessen ganz die Lehren der Geschichte?
Mit welchen Augen liest er unsre Siegsberichte,
  Die du entrollst, erhabnes Erz?

Ist diese Sprache nicht verständlich seinen Ohren?
Dann frag' er nach in Wien, er frag' an Moskaus Thoren,
Im Escurial, im Staub der Pyramidenwelt!
Die Fürsten frag' er doch, die stolzen, sterngeschmückten,
Die unter den Livreen vor Kurzem noch sich bückten
  In einem staub'gen Kaiserzelt!

IV.

Wie mag Europa doch uns zu verhöhnen wagen?
Hat unsre Ketten nicht es gestern noch getragen?
Nun sollen wir ins Joch? – Wohlan, wir sind bereit:
Wir werden noch einmal dem Feind ins Auge schauen!
Verstümmelt hat man uns: – dem Löwen sind die Klauen
  Vielleicht gewachsen mit der Zeit.

Den Kranz des Ruhmes raubt man uns durch Winkelzüge?
Bourbonen traten stets die Erbschaft an der Siege.
Die Kön'ge schirmten dich vor feindlicher Gefahr,
O Erz, der Lilie muß sich deine Palme gatten,
  Und in des weißen Banners Schatten
  Ruht deiner Adler Doppelpaar.

Es zuckt die weite Welt, erschüttert durch Vulkane,
Dumpf grollt Amerika fern überm Oceane,
Zum alten Glanz erhebt sich Hellas; Stambul brüllt!
Und Lissabon entringt sich schwer der Hand des Britten...
Das Volk der Gallier zürnt: nie soll von andern Schritten
  Als seinen beben sein Gefild!

Ihr Fremden, hütet euch! Wir wissen nur zu handeln!
Der Friede wird uns nie in träges Volk verwandeln.
Es ist das Feld der Schlacht, das mächtig an uns zieht.
Wir drücken in die Hand, die lieber, ha, zu Schlägen
  Ausholt, die Laute statt dem Degen,
  Und Kampf und Streit ist unser Lied.


Ja, hütet euch! – Noch liegt nicht Frankreich so darnieder,
Daß einen Schimpf' es trüg'; und Feinde werden Brüder,
Und der Parteienkampf, wenn noch so herb, so roh,
Verstummt, wenn Unbill droht, und alle Hände regen
Gewappnet, einig sich: die Vendée wetzt den Degen
  Sogar am Stein von Waterloo .

Ihr plündert Namen? – Wie? – So muß man sich bereiten,
Ganz andre Titel noch bei euch sich zu erstreiten?
Und statt der Namen, die erkämpft des Degens Blitz,
Für neue Taufen muß man sorgen unsrem Ruhme? –
  Zeugt nicht von unsrem Heldenthume
  Die Schrift auf eurem Kampfgeschütz?

Wie? Sollte Frankreichs Schild der Fremde je zerschmettern?
Sein Hammer sollte plump auf unser Wappen wettern,
Weil unsre Lauheit ihm dazu den Muth verleiht? –
Ha, wie der Römer einst, der Weltherr ohne Schranke,
So Krieg und Frieden trägst du noch, o kühner Franke,
  In deines Mantels Falten heut.

Heut über Cadix stiegt dein Aar zum libyschen Sande,
Und über Moskau dringt er tief in Asiens Lande,
Und Britten, Russen und Germanen hetzt er matt.
Vor deinem Hörnerschall fällt Thurm und Wall zerrissen,
  Und deine stolzen Fahnen wissen
  Den Weg zu jeder Königsstadt.

Wenn feindlich deinem Glück sich andre Völker zeigen,
Dann wird vor dir, mein Volk, sich jedes andre neigen,
Für alle hat nicht Raum genug des Ruhmes Feld,
Die Staaten rund um dich, sie wechseln stets und weichen.
Vor deinem Sterne muß der andern Stern erbleichen,
  Gehst du voran, dann folgt die Welt.

Legt Oestreich Schlingen uns, wir trotzen seinem Hohne.
Zwei Frankenkaiser schon zertraten seine Krone,
Und seinem Adler hat auf jeden Kopf im Zorn
An bleibend Mal gedrückt, – mit einem kräft'gen Stoße
  Des Fußes that es Karl der Große,
   Napoleon mit seinem Sporn.

Mein Volk, du hast nicht mehr den Adler, zu bedrohen
Die Stirnen mit dem Strahl, die kecken, allzuhohen,
Doch blieb die Lilie dir, der Oriflamme Blitz,
Dir blieb der gallische Hahn, zu wecken die entschliefen,
Und ruft er, kann dir auf, noch in der Nacht, der tiefen,
  Die Sonne gehn von Austerlitz .

V.

Ich sollte schweigen, da doch meinen Sachsen -Namen
Jüngst meine Ohren auch im Lärm des Kriegs vernahmen?
Ha, unsrer Fahne folgt' ich stolz, die flog im Wind,
Ich, dessen Lied zum Klang der Kriegstrommeten paßte;
Mein erstes Spielzeug war des Degens goldne Quaste,
Und ein Soldat war ich, so lang ich war ein Kind.

Nein, Brüder, mag die Zeit des Harrens lang auch währen,
Wir alle wuchsen auf bei Säbeln und Gewehren,
Verdammt zum Frieden, ach, gefangne Adler nun! ...
Doch ist der Väter Ruhm zu schirmen uns beschieden,
Und unsrer Ahnen Wehr soll unbefleckt, im Frieden,
  Vor jedem Schimpf gesichert ruhn!

Februar, 1827

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