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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Die Vendée.

Zweite Ode.

I.

»Wer unter uns, wenn er ein Todtendenkmal setzte,
Fand weinend einen Freund nicht stehn an einem Sarg?
Wär' Einer, dem sich nicht das Aug' am Hügel netzte,
  Der Gattin oder Bruder barg?«»Welcher Franzose kennt heutzutage nicht Todtengesänge? Wer von uns ist nicht einer Leiche zum Grab gefolgt, hat nicht bei einem Begräbniß gejammert?«
Chateaubriand, die Märtyrer.
So über Frankreichs Leid und böse Jammertage
  Erscholl der heil'gen Muse Klage:
  »Zum offnen Himmel lenkt den Blick!« –
So rief uns, über Rom hinschwebend und Palmyra,
Das Glück des Märtyrers laut preisend jene Lyra
  Und laut der Wüste stilles Glück.

Sie hielt den Zwingherrn vor all ihre Schuld mit Strenge,
Den Reuelosen rief sie zu ein donnernd: »Weh!«
Sie sang: »Der Opfer hat Frankreich gehabt die Menge,
  Doch Märtyrer nur die VendéeAnspielung auf die schöne Notiz über die Vendée im »Conservateur« vom Jahre 1819 aus der Feder Chateaubriands. Der Anregung durch diese Lektüre verdankt diese Ode ihre Entstehung. Veröffentlicht wurde sie zuerst unter dem emphatischen, vagen Titel: »Das Schicksal der Vendée.«
– Unselige Vendée, wer heilte deine Wunden?
  Gehst, mit dem Lorbeerkranz umwunden,
  Du unsern Kriegern stolz voran?
Wenn Ehr' und Treue nicht bloß Schemen sind, ich bitte: –
In welchem Schlosse wohnt – statt in zerstörter Hütte –
  Dein ritterlicher Bauersmann?

Denkst du der Tage noch, wo über deine Erde
Ein Blutstrom sich ergoß und Elend auf die Flur,
Wo keinen andern Staub zertrat der Huf der Pferde,
  Als deiner Städte Asche nur!
Sie riefen, als ihr Schwert umsonst zur blut'gen Lache
  Dein Land gemacht, in blinder Rache
  Die Hölle selbst, dich zu bedrohn.
Und über das Gefild hinflog des Rauches Welle:
Vor diesem Meer von Glut ist – der lebend'gen Hölle –
  Dein Heer zum ersten Mal geflohn.

II.

Es trat in jener Zeit am öden Loire-Strande
Zusammen, Stamm für Stamm, die Königsrächerschaar,
Ein opferstolzes Volk, das keine Thräne kannte,
  Als um den Thron und den Altar.
Es waren Greise, Frau'n und Kinder; aus den Flammen
  Gerettet gingen sie zusammen
  Mit wenig Tapfern dort hinab.
Die Heimath ging im Zug selbst mit, die heimathlose,
Sie ließen hinter sich ein Land, in dessen Schooße
  Es Leichen nur und Henker gab.

In diesem Augenblick, als wie vom Himmelsthrone
Gesendet, trat ein Greis, ein Priester, vor's Gesicht
Der Schaar, ein Heiliger, der von der Martyrkrone
  Mit edlen, frommen Kämpfern spricht.
Und er verkündet ernst und ruhig künft'ge Schmerzen,
  Indeß in seinem kühlen Herzen
  Erinnrung alter Zeit erwacht.
Er offenbart ihr Loos den Helden dieser Fehden;
Der Zukunft Stimme klingt hervor aus seinen Reden
  Von der Vergangenheit mit Macht:

III.

»Jenseits des Jordan hat der Herr nach vierzig Jahren
Den Kindern Israël verheißen einst ein Land.
Nach wenig Tagen schon verheißt er Euren Schaaren
  Den Himmel selbst jenseits am Strand.
Der Fluß wird länger nicht dich, irrend Häuflein, schauen;
  Euch bettet Gott auf blut'gen Auen
  Im fernen Lande, weil Ihr glaubt.
Kaum aufgegangen, weh, muß Euer Stern enteilen:
Doch Simson schüttelte und warf im Tod die Säulen
  Noch den Philistern auf das Haupt.

Ja, Eure Heldenschaar wird siegend untergehen,
Und kommt's zur Strafe nicht, zur Rache kommt es schon:
Sie werden jenes Heer, das stolze, fliehen sehen,
  Vor welchem einst die Fremden flohn.
Ihr fallt nicht Alle durch das Schwert von Tapfern; Viele
  Im mörderischen Boot zum Spiele
  Wirft hin die Hinterlist der Flut.
Mit Knochen schleppen sich die Andern, ihren Todten
Ein Plätzchen suchen sie in einem fernen Boden,
  Bewahrt vor der Lebend'gen Wuth.Die edle Wittwe de Lesoure's nahm in ihrem Wagen den Leichnam ihres Gemahls mit sich, und begrub ihn in einem unbekannten Winkel der Erde, um ihn vor der Schändung durch das Wiederausgraben zu sichern.

Dich, junger Führer, Held und Sieger, seh' ich ragen
Bei Mortagne und Saumur im heißen Pulverdampf;
Ruhm wirst dem schlechten Mann du leihn, dem dich zu schlagen
  Vergönnt ist in ruhmlosem Kampf.
Nur Wen'ge werden, ach, von unsern Brüdern schauen
  Nach langem Kampf der Heimath Auen,
  Den Platz, wo einst geraucht ihr Herd,
Am Nagel hängt die Wehr, und Jeder zehrt vom Ruhme
Der Tage, die verrauscht, und harrt der Lilienblume,
  Die mehr ihm, als der Lorbeer, werth.

Vendée, mein edles Land, wie schwer mußt du bezahlen
Die Rückkehr deiner Herrn, mein armes Vaterland.
Eh' ihm die Blum' entsprießt, wird noch zu zweien Malen
  Dein Blut befeuchten diesen Strand.
Doch wenn Europa einst vereint in späten Tagen
  Den Baum der Tyrannei wird schlagen
  Mit seinen Schossen allzumal,
Und jeder König rühmt, wie hoch sein Kriegsheer rage, –
Der Allerchristlichste legt ruhig in die Wage
  Dann der Bretagne rost'gen Stahl.

O Gott! und wenn verrauscht einst sind die trunknen Tage,
Weh, und sie bieten dem vergessnen wunden Mann,
– Mit schnödem Hohn für ihn in solcher bittern Lage, –
  Dem Helden Bettelgaben an;
Und Wittwe, Mutter, Kind des Tapfern, sie erblassen
  Vielleicht vor Hunger und umfassen
  Des Günstlings Hand im Königsschloß,
Und klagen ihre Noth, und daß ihr Vater, Gatte
Und Sohn Nichts als sein Blut, sein einz'ges Erbtheil, hatte,
  Das er für's Vaterland vergoß ...

O Gott, und wenn verarmt der treuste Mann vernähme,
Wie, reich geworden, ein Verräther an dem Thron
Sein lacht, wenn er im Rath Schmachtitel nur bekäme
  Von Königsmördern, Spott und Hohn;
Und füllte noch das Maß ein Richter, nein, ein Scherge,
  Der hinter hohem Namen bärge
  Die Schmach mißbrauchter Amtsgewalt,
Und durch Verleumdung gar ein edles Haupt entweihte,
Und forderte von ihm sein Schwert, die erste Beute,
  Vielleicht auch seinen letzten Halt...Diese und die folgende Strophe enthalten Anspielungen auf die Behandlung, die das damalige Ministerium den Vendéern zu Theil werden ließ, – Anspielungen, welche jetzt unverständlich geworden, aber im Jahre 1819 vielleicht nur allzu deutlich für die Ruhe des Dichters gewesen sind. Wenn er sie übrigens hier nicht erklärt, so unterläßt er dies nur, weil das Erläutern heute ganz ungefährlich wäre, und weil diesen Blättern ohnedies das Gepräge des Parteihasses nur allzu stark aufgedrückt ist .

Ergebung! Tragt auch das! – Viel muß der Treue dulden
Vom Sünder, der sein Glück durch Frevelthat erwarb;
Doch der Gerechte denk' an unfrei Väter Schulden
  Und an den Gott, der für uns starb.
Bisweilen läßt der Herr das Laster siegreich scheinen,
  Und Niemand weiß, warum er weinen
  Die unterdrückte Unschuld läßt.
Die Wege Gottes sind für uns in Nacht verloren:
Er läßt Maria's Herz von heil'gem Gram durchbohren,
  Und Satan jauchzt beim Höllenfest.«

IV.

Der Priester schwieg. Sein Wort ward nicht geglaubt. Sie eilen
Von diesen Ufern weg, – nie kehren sie zurück.
Sie sind des Wahns, daß sich die Nebel nicht mehr theilen
  Vor seinem greisen Seherblick. –
So, als Soldaten schwach, doch reich an Heldenehre,
  Der Rest von einem stolzen Heere,
  Still folgten sie dem Fahnenstab
Mit dem zerfetzten Tuch, fern von des Feuers Tosen,
Das Hütt' und Kirche fraß, die Letzten der Franzosen,
  Und suchten sich ein kühles Grab.

1819.

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