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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Die beiden Inseln.

Sag mir, woher er gekommen, so will ich dir sagen,
wohin er gegangen.

E. H.

Sechste Ode.

I.

Zwei Inseln gibt's, durch weite Strecken
Getrennt, durch eine ganze Welt,
Die hoch die Riesenhäupter recken,
An deren Fuß die Flut zerschellt.
Wozu sie aus des Meeres Schlünden
Wohl Gott erhob? wer will's ergründen?
Erhaben muß es sein und groß.
Die Höhn umwirbeln Feuersäulen,
Am kahlen Strand die Wogen heulen,
Vulkane glühn in ihrem Schooß.

Sie gleichen, zwischen kahlen Riffen,
Woran sich bricht der Wogen Streit,
Zwei riesigen Piratenschiffen,
Starr, fest gebannt für alle Zeit.
Warum die Hand, die diese Zacken
Gethürmt, die Inseln, schwarz von Schlacken,
Von fern schon drohend jedem Boot,
Mit so viel Schauern hat umgeben? –
Hier trat einst Bonaparte ins Leben,
Dort fand Napoleon den Tod.

So steht's mit Felsenschrift geschrieben:
»Hier seine Wiege! – Dort sein Grab!«
Mag eine Welt entstehn, zerstieben:
Das Wort wischt kein Jahrhundert ab.
Hier wird sein Name mächtig schallen,
Zu diesen düstern Inseln wallen
Einst staunend alle Völker hin.
Die blitzzerschlagnen Felsenthürme,
Die Klippen rings, die wilden Stürme
Sind nur Erinnerung an Ihn.

Fern unsern Ufern, wo er winseln
Die Völker hörte, deren Noth
Sein Ehrgeiz schuf, – zwei öde Inseln,
Sie gaben Leben ihm und Tod,
Damit von seiner ersten Stunde
Ein Donnerschlag nicht gebe Kunde
Der bangen Welt, daß nicht ein Stoß
Die Erd' aufrüttle, wild bewege,
Daß er im Frieden sterben möge
Auf seinem Feldbett, still und groß.

II.

Wie war er träumerisch am Morgen seines Lebens!
Wie ernst, gedankenvoll am Ende seines Strebens!
Sein toller Traum, er war nun ausgeträumt einmal,
Er hatte ganz durchschaut das Gaukelbild der Größe,
Des Ruhmes Eitelkeit, der Herrschaft Qual und Blöße,
Das Nichts der Zukunft, wenn erloschen ist ihr Strahl.

In Corsika, die ihn gebar, in Visionen
Sah er als Knabe schon den flücht'gen Glanz der Kronen,
Und seinen Schild umschwebt' ein kaiserlicher Aar.
In seinem stolzen Wahn hört' er in zwanzig Zungen
Ein Lied, vor seinem Zelt von seinem Volk gesungen, –
Dem Volk, das Ein Geschlecht von Nationen war.

III.

Jubelhymne.

»Heil, Heil Napoleon, Heil seinem hohen Throne!
Gott selbst hat ihm aufs Haupt gesetzt die Kaiserkrone,
Er herrscht vom Nil zum Don, und seine Knechte sind,
Ihm bücken Kön'ge sich vom ältsten Königsblute
  Und Rom ist seinem stolzen Muthe
  Grad recht zum Throne für ein Kind.

Um fernhin seinen Blitz zu tragen, den umkrallten,
Glühn seine Adler stets, die Schwingen zu entfalten.
Mit seinen Fahnen, roth vom blut'gen Schlachtenspiel,
Vereinigt er das Kreuz von Gold des großen Ivan,
  Herr im Konklave, Herr im Divan,
  Holt er den Halbmond sich vom Nil.

Der braune Mameluk, der Mann vom Gothen-Stamme,
Der Pole, dessen Speer aufblitzt, wie eine Flamme,
Sie gehen blind, wohin sie ruft sein kühnes Wort.
Ein Weltheer führt er an, und seine Legionen
  Sind Stämme, Völker, Nationen,
  Sein Wink ihr Sporn, sein Ruhm ihr Hort.

Hat dann sein Stolz erreicht, was er gewollt, der Sieger,
Schenkt als Almosen er ein Königreich dem Krieger,
Vor seiner Schwelle läßt er Könige das Gut
Bewachen, das er nahm, um unter seinen Sklaven,
  Nach Festen oder nach Gefechten, sanft zu schlafen,
  Wie auf dem Netz der Fischer ruht.

Den Kaiser-Adler-Horst wußt' er so hoch im Blauen,
In wolkenfreier Lust, in Räumen sich zu bauen,
Wo Stürme – meinen wir – nie brausen ihm ums Ohr.
Tief unter seinem Fuß nur kann die Wolke wettern.
  Sein Haupt kann nie ein Blitz zerschmettern,
  Er führe denn zur Höh' empor!«

IV.

Er fuhr empor, der Blitz! – Und rauchend fiel zusammen
Sein Adlerhorst, zerstört durch hundert Blitzesflammen;
  Schwer büßt den Fürsten ihr Tyrann.
Man setzt' ihn lebend aus auf ödem Felsenherde.
Zur Überwachung gab dem Ocean die Erde
  Den riesigen, gefangnen Mann.

Nie war in Helena ihm öd und schaal das Leben,
Wenn er am Horizont hinab am Abend schweben
  Die Sonne sah mit neid'schem Blick,
Wenn er im Sand allein irrt' an des Ufers Säumen,
Und wenn ein Britte dann ihn riß aus seinen Träumen,
  Und führt' in seine Haft zurück.

Verzweifelt hört' er nun, der Kriegsheld, sich verklagen,
Von denen, die noch jüngst in seinen Siegestagen
  Ihn Gott genannt mit sklav'scher Lust.
Denn nur ein Echo war der Fluch der Nationen
Der Stimme, welche dumpf wehklagend, ohne Schonen
  Verdammend, rief in seiner Brust!

V.

Fluch.

»Unheil! Verderben! Schmach! Fluch ihm und seiner Sache!
O Himmel, laß, o Erd', ihn fühlen deine Rache!
Am Boden liegt er denn nun endlich, der Koloß!
O fielen auf sein Haupt, auf seines Standes Reste
  Die Thränen all, die er erpreßte,
  Und all das Blut, das er vergoß!

Vom Strand der Wolga, Seine und Tiber, von den Mauern
Alhambra's, und vom Kreml, den kalt er, ohne Trauern
Verbrannt, von Vincennes und von Jaffa – überall,
Von Stätten blut'gen Mords und grauser Völkerschlachten
Soll ihn das Wehgeheul, der Fluch der Umgebrachten
  Begrüßen mit des Donners Schall!

Umschwärmen soll ihn stets all seiner Opfer Reigen,
Zahllose Schatten, die dem Erdenschooß entsteigen,
Die Leiber Aller, die sein Arm gemordet hat,
Verstümmelt durch das Schwert, vom Donnerkeil zerbrochen,
Sie sollen, rasselnd mit den pulverschwarzen Knochen,
Verwandeln Helena ihm in ein Josaphat!

Er leb', auf daß er Tag für Tag und stündlich sterbe,
Er fühl' im Aug' einmal die Thränenflut, die herbe!
Von seinem Ruhm und Recht spricht er? – Ist er verrückt?
Die Schergen fesseln ihm die Hand mit Hohngeberde,
  Die mit Vergnügen einst zur Erde
  So manches Königshaupt gedrückt.

Durch Siege wollt' er, die sein Feldherrnglück errungen,
Auslöschen, was im Volk lebt an Erinnerungen:
Hochmüthig sah' er auf die Kaiser Roms herab,
Da blies der Herr, und ließ sein düstres Licht verrauchen,
Und gab ihm Zeit und Raum nicht mehr, als Alle brauchen,
  Um sich zu legen in sein Grab.

Die Insel ist sein Grab. Doch während seines Lebens
Vergessen ist er schon. In Saint-Denis vergebens
Ließ er sein Marmorgrab zurichten, schmuck und schön.
Der Himmel wollte nicht, daß Könige mit Trauern
Des frechen Räubers Leib in den geweihten Mauern,
In ihrer Königsgruft ein Scheusal schlafen sehn !«

Vl.

Wie bitter schmeckt ein Kelch, geleert bis auf die Hefe!
Wie eisig spielt ein Traum, der endet, um die Schläfe!
Aufblüht ein junges Herz, von Hoffnung überthaut;
Ach, später, müd und satt, vor Schauer wird es beben,
  Wenn von dem Ziel zurück aufs Leben
  Der Blick, auf das verrauschte, schaut!

Du wandelst hin am Fuß des Bergs, den Riesennacken
Schaust Du, das Riesenhaupt mit Staunen an, die Zacken,
Die unerschüttert stehn, wenn Alles wankt und bebt,
Den grünen Mantel, der umschließt des Riesen Glieder,
  Und seinen Wolkenkranz, der nieder
  Auf die erhabne Stirne schwebt.

Doch steig' hinauf, beschau die Höhen Dir, die lichten!
Zum Himmel strebst Du auf ... und stehst in Nebelschichten:
Du kennst den Berg nicht mehr, wo blieb das lichte Bild?
Steinklumpen, Schluchten sind's mit schwarzen Tannenbäumen,
  Wo Blitze sprühn, Wildbäche schäumen,
  Die brüllen, wie der Donner brüllt!

VII.

Das ist des Ruhmes Bild, das treue:
Zuerst ein Prisma, reich an Glut,
Ein düstrer Spiegel dann der Reue,
Der zeigt den Purpur roth von Blut.
Gewaltig jetzt und dann geächtet,
Jetzt übermüthig, dann geknechtet,
Und preisgegeben jeder Schmach –
Hat zwei Geschichten er; wir sehen:
Jung sinnt er Siegesepopöen,
Alt seinen Niederlagen nach.

Auf beiden Inseln glaubt noch immer
Der Schiffer, der im Sturme wacht,
Wenn eines Meteores Schimmer
Um schwarze Klippen strahlt bei Nacht,
Den finstern Kapitän mit Grauen
Im Schatten, lang und starr, zu schauen,
Die Arme vor der Brust verschränkt:
Sein letztes Fest sei, daß im Streite
Er jetzt die Wetterstürme leite,
Wie er die Schlachten einst gelenkt,

VIII.

Statt Eines Reichs, das er verlor, zwei Vaterlande
Hat er, berufen weit durch ihn in Ruhm und Schande,
In Vasco's Meeren eins, und eins in Hannibal's!
Wenn man das Wunder nennt der Zeit, nach beiden Enden
Der Welt wird dann sein Nam' ein Doppelecho senden
  Mit der Gewalt des Donnerschalls.

So, wenn in schwarzer Nacht die Bombe, ihren Bogen
Beschreibend, glühend kommt, mordbrennerisch, geflogen,
Und über Städten, die vor Schrecken zittern, kreist,
Dann gleich dem Geier, der im jähen Niederfallen
Den Boden grimmig peitscht mit Flügeln und mit Krallen,
  Sich senkt und donnernd auf das Straßenpflaster reißt; –

So gähnt, noch lange nach dem Wurf, der weite Rachen
Des Mörsers, schwarz vom Rauch, umbraust von dumpfem Krachen,
Aus dem die Kugel stieg, die nun am Boden zischt;
Es raucht der Grund, es raucht der Ball, der, Blitze schwingend,
Kartätschen speiend, Tod im Tod dem Leben bringend,
  Einschlägt und zündet und erlischt!

Juli, 1825.

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