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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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An den Oberst G. A. Gustavson.

Habet sua sidera tellus.

Alte Devise.

Fünfte Ode.

I.

Jung, o Jahrhundert, bist du, doch an Thaten, Ränken,
An Ruhm und Leiden reich, an Strafen und Geschenken;
Die du gebarst, sie sind mit zwanzig Jahren alt.
Du füllst so großen Raum im Menschenangedenken,
Daß, wenn der letzte Schlag der Stunde dir erschallt,
Mit dir vielleicht der Kreis der Zeit zum Ende wallt.

Den großen Völkern war zur Zeit des Alterthumes
Ein Mann genügend für ein Säkulum des Ruhmes.
Wie viele Leuchten sah nicht dies Jahrhundert loh'n!
Mehr hat Athen und Rom nicht Glanz des Heldenthumes!
Den schönsten Zeiten spricht die jüngste Aera Hohn,
Sie überragt sie all, – durch ihre Gräber schon.

Geboren kaum sah dies Jahrhundert ein Verbrechen,
Den Mord Enghiens: – (wer wird je frei den Mörder sprechen?) –
Sah, wie Moreau, und wie der neue Rhigas fiel,
Held Byron, sah den Aar gestürzt, den großen, frechen,
Der ein Jahrzehnt und mehr, in wild verwegnem Spiel,
Vom Don zum Tajo flog, vom Kapitol zum Nil.

– »Was liegt daran?« – so spricht die Menge. »Mögen grollen
Um hohe Häupter Blitz und Donner, wie sie wollen.
Wenn nur ein jeder Tag uns Spiele bringt und Brot,
Wenn wir im Rausch der Lust nur sehn die Stunden rollen,
Sorglos vergessend bis zum Abend, was uns droht,
Und unbekümmert, was uns bringt das Morgenroth.

Die Unschuld fällt, es steigt das Laster! – Unsre Tasche
Füllt, leert das nicht! – Ein Held stirbt! – Frieden seiner Asche! –
Wir selbst? – Wer weiß, ob uns noch morgen strahlt das Licht?
Und ist das Spiel zu End, und kommt der Tod, der rasche:
Wir sprechen: Wie die Zeit vergeht! – Wir fragen nicht,
Woher der Sturmwind weht, der unser Boot zerbricht.«

II.

    Du sprichst nicht also! Licht und Klarheit
    Nur ist Dein Wesen, Ehr' und Treu.
    Du hast auf dem Altar der Wahrheit
    Geopfert immer Dich aufs Neu.
    Selbst blutend, hast Du, die verblutet,
    Gerächt, und Andern hochgemuthet
    Zu helfen warst Du stets gewöhnt.
    Wer gab ein edleres Exempel
    Als Du? – Dein Herz, es ist ein Tempel,
    In dem nur Gottes Stimme tönt.

    Die Sache, die Dich hat zum Zeugen,
    Ist eine gute, das gesteht
    Wohl Jeder, und wird ihr sich beugen,
    Selbst wenn er sie zuvor geschmäht.
    Dein Urtheil, wahr, wie die Geschichte,
    Ob's strafend oder lohnend richte,
    Bekräft'gen wird's der Zeiten Lauf,
    Es wird nicht schmeicheln, wird nicht schmähen,
    Läßt sich nicht deuten, sich nicht drehen:
    Die Zukunft drückt ihr Siegel drauf.

    Die heut'gen Wunder sind und Zeichen
    Die Menschen, Kinder unsrer Zeit.
    Du magst wohl den Orakeln gleichen
    Der gläubigen Vergangenheit.
    Halbgötter steigen oder fallen,
    Wenn Deine Richtersprüche schallen.
    So sah man einst in dunkler Nacht
    Des Himmels Sterne niederschweben,
    Und wieder strahlend sich erheben
    Durch eines Liedes Zaubermacht.

    Wer hat verdient die hohe Würde,
    Die dem Gerechten Gott bescheert,
    Wie Du? Wer trägt der Qualen Bürde,
    Wie dieser Dulder, treu bewährt?
    Umleuchten ihn des Ruhmes Strahlen,
    Er mußt' ihn tausendfach bezahlen;
    Leid trug er ohne Maß und Ziel:
    Er, Sohn des Nordens, Skandinave,
    Ein Gustav, Sprosse der Gustave,
    Ein Held, ein König im Exil!

III

Er hatt' einst einen Freund in seinen jungen Tagen
Wie er, durch's Loos bestimmt, zu dulden und zu tragen:
Der junge Enghien war's, den Mörderhand gefällt.
Bei diesem Frevel griff Gustav empört zum Schwerte,
Doch als Europa kalt von seinem Schmerz sich kehrte,
Sprach ruhig er: »Warum doch bin ich auf der Welt?

Da eines Mörders Fuß zertritt die Nationen,
Die, zitternd vor der Faust des Riesen, feig ihm frohnen,
Und da die Fürsten ihm sich beugen stumm und still,
Da er die Sonne ist, um den sie drehn den Reigen,
Was soll ich auf dem Thron dem Volk mich länger zeigen?
  Ich, der als König herrschen will?« –

Er wich. – Gott wollte, klar auch Blinden sollt' es werden,
Daß nicht der Würdigste stets Sieger bleibt auf Erden,
Daß er allein erhöht, daß er allein hinab
Den Stolzen wirft, wenn er die Hand erhebt zum Schlage,
Und daß, um Bonaparte und seinem Schwert die Wage
  Zu halten, viel zu leicht selbst Odins Königsstab.

Dem Thron entsagte stolz Gustav im Glanz der Jugend;
Denn fehlen durfte Nichts der Größe seiner Tugend.
Indes Europa sich, bedeckt mit Schmach und Hohn,
Dem Riesen schmiegte, feig und feil wie eine Dirne, –
Vor allen Fürsten hoch trug er die freie Stirne,
  Den Ketten und dem Thron entftohn.

IV.

    Wie anders, – kläglich, ohne Ohre,
    War jenes Wütherichs Exil,
    Der in die andre Hemisphäre,
    Gestürzt von seiner Höhe, fiel!
    Erdrückt vom allgemeinen Hasse
    Ward er verhöhnt noch auf der Gasse,
    Sein Fall war aller Welt ein Fest.
    Starr wollt' er noch sich widersetzen, –
    Von seines Bühnenpurpurs Fetzen
    Blieb seiner Blöße nicht Ein Rest.

    Sein düstres Schicksal gleicht dem Bette
    Des todten Meeres, dessen Flut
    Bedeckt versunkne, stolze Städte,
    Auf denen regungslos sie ruht.
    Der schwarze See, der die Verruchten
    Verschlungen hat, die Gottverfluchten,
    Er spiegelt nicht des Himmels Pracht.
    Das Auge wird umsonst mit Grauen
    Nach Sodoms goldnen Kuppeln schauen
    In dieser finstern Wellennacht.

     Gustav, wenn je der Arm Dir wieder
    Nach Deinem Königsmantel fuhr,
    Geschah's, Du Seele, treu und bieder,
    Um einen Feind zu decken nur.
    In Deiner Einsamkeit – beneiden
    Muß ich Dich drum – gedenkst der Leiden
    Du ruhig, stolz und ohne Schmerz.
    Die Tugend, Königin, Verbannte,
    Wie Du, sie wählt, die Vielverkannte,
    Sich zum Asyl Dein großes Herz!

V.

In Deinem Schloßhof mag Gras wachsen, um die Zinnen
Epheu! – Was kümmert's Dich in Deinem ernsten Sinnen,
Daß dies Geschlecht zu klein, der Größe sich zu freun,
Daß nur bei Fürsten, die dem Glück im Schooße bleiben,
Der Wagen Menge rollt und bunte Fensterscheiben
   Erschüttert und im Hof den Marmor-Pflasterstein.

Und dennoch herrschest Du! Du herrschest über Herzen,
Die in der Zeit des Frosts ihr Feuer nicht verscherzen,
Und glauben, lieben, treu dem Freund in jeder Noth,
All jene Ritter, die vergessnen, edlen, frommen,
Höflinge seltner Art, die nur zum Fürsten kommen,
Wenn's gilt, zu seinem Heil zu gehn in Noth und Tod.

Wo Ehr' und Treu' und Geist der Tugend, der verbannten,
Noch huldigen, die sie als treu bewährt erkannten,
Da herrscht Dein Nam' und glänzt unsterblich, leuchtend hehr.
Und jeder Schöpferruhm und jedes heilge Streben,
Und jede Tat, die Glanz mag dem Jahrhundert geben, –
Auf Deinem Altar ist's nur eine Flamme mehr.

Kein Herr! – Kein Knecht! – Du bist der Einz'ge, der, in Frieden
Und Freiheit, keiner Macht der Menschen fröhnt hienieden,
Nur Gottes Unterthan, glückselig bist Du, frei.
Wie prächtig der Komet, von Flammen licht umsponnen,
Ein stolzer Wandrer frei durch Welten geht und Sonnen.
So gehst an Völkern Du und Königen vorbei.

September, 1825

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