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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Der Krieg in Spanien.

Sine clade victor.

Siebente Ode.

I.

Wie ist das Königthum ehrwürdig, groß und mächtig,
Die Tochter alter Zeit, ihr graugelocktes Kind,
Ein Stern, der heut noch glänzt im Dunkel, mitternächtig
  Und schwarz, wo viele nicht mehr sind.
Den Adler lehrt's, dem Schwan, den Geier lehrt's, der Taube
  Gehorchen, und es webt der Glaube
  Um's hohe Haupt ihm Himmelsglanz.
Es gürtet um sein Schwert, geweiht auf dem Altare,
Und steigt von Gruft zu Gruft. Der Heil'genschein, der klare,
  Steht schön zum königlichen Kranz.

Wie ist das Königthum, ihr Völker, schön, voll Segen!
Wohlthätigkeit allein ist's, die sein Recht ihm gab.
Mit einem Kreuz bedeckt, wenn sich Rebellen regen,
  Sein starker Arm den Königsstab.
Der eherne Koloß, hoch über'm Volke ragend,
  In beiden Händen Feuer tragend,
  Ein Leuchtturm ist's, weit sichtbar, hehr!
Vergangenheit verknüpft und Zukunft seine Helle.
Auf beiden Ufern steht sein Fuß, an den die Welle
  Vergebens schlägt, im Zeitenmeer.

II.

  Doch welche Last muß auf sich nehmen,
  Wer zu des Thrones Höhen steigt.
  Wer unter'm Joch von Diademen
  Die unglücksel'ge Stirne beugt!
  Sein Herz, erfüllt von hohem Streben,
  Darf nicht vor'm Blitz und Abgrund beben,
  Sich selber sei er Stütz' und Stab.
  Ein König, würdig seiner Krone,
  Wird niedersteigen nicht vom Throne,
  Doch steigen wird er in das Grab.

Gleich einem Krieger muß das Schwert der König tragen,
Wenn ihren Feuerbrand schwingt der Parteien Macht,
Und seines Degens Blitz muß, was sie mögen wagen,
  Auf sie gezückt sein Tag und Nacht.
Sein Hofgesinde sei sein Heer, und vor dem Schlosse
  Mag es sich lagern, Mann und Rosse,
  Mit seiner Waffen lichtem Strahl.
Denn Krieg und Königthum sind ewige Genossen:
Und Niemand bricht entzwei das Scepter Karls des Großen,
  Eh' er zerbrochen Rolands Stahl.

III.

Roland! – Hat nicht geweckt das Jauchzen deinen Schatten,
Das unser Heer erhob, im Thal von Ronceval,
Als jüngst die Pyrenä'n sie überstiegen hatten? –
  Sprich, schienen's Ritter nicht zumal? –
Auf seinem Grabe saß der Held, und sah im weiten
  Ebro-Gefild die Flügel breiten
  Das Heer, dem Adler gleich im Flug.
Es kam vom Berg herab, wie eine Donnerwolke,
Der Helmbusch flog, ein Schreck dem neuen Heidenvolke,
  Den Karl Martell vor Zeiten trug.

  Und noch ein Schatten, groß nicht minder,
  Der stets im Haar den Zwingherrn lag,
  Ein zweiter Mauren-Nebelwinder,
  Grüßt' unsre Truppen, Held Pelag.
  Castiliens alten, stolzen Leuen
  Spannt' er an unsres Ruhmes neuen
  Kriegswagen, ward mit uns vertraut,
  Rief unser Kriegsgeschrei, dem Heere
  Gesellt mit seinem Geister-Speere,
  Und: »Freunde!« rief er zu uns laut!

IV.

Noch rauchte Spanien von des Erobrers Schritten,
Und, überwältigt, trug es unsre Freiheit stumm.
Von blut'gem Arm umfaßt hat weinend es gelitten
  Um sein jungfräulich Königthum.Die Constitution der Cortes war über den Leist unserer Verfassung vom Jahre 1791 geschlagen. Unseres Erachtens war dies ihr Fehler.
Das edle Volk, gedrückt von niedrigen Tyrannen,
  Dem Scheusal, das es wollt' umspannen,
  Flucht' es, und hatt' am Krieg genug,
Genug an diesen Herrn und Führern, – feilen Seelen!
Drum rief es fremde Hilf', – es hatte kaum zu wählen!
  Ins Land, das willig sie ertrug.

Und Frankreichs Heer erschien! – Vom Bosporus zum Rheine,
Ihr Völker, hoch im Nord, gen Abend und Mittag,
Ihr, denen noch die Angst im Arm liegt und im Beine
  Vor jener Krieger derbem Schlag;
Ihr Nationen, kaum entronnen ihren Ketten,
  Die ihr euch einst, um euch zu retten,
  Habt in des Siegers Joch geschmiegt,
Ihr Potentaten, Städt' und Reiche, Kön'ge, Prinzen,
Ihr mächt'gen Staaten, einst französische Provinzen: –
   Ihr fragt: ob jenes Heer gesiegt? –

  Die Anarchie kennt allerwegen
  Jetzt unsres guten Stahls Gewicht.
  Und Spanien, frei durch unsern Degen,
  Braucht darum zu erröthen nicht.
  Die Völker alle stehn zusammen,
  Wenn ihnen droht mit Mord und Flammen
  Des zügellosen Drachen Gier,
  Sie haben, stark durch Liebesbande,
  Den Tempel all zum Vaterlande,
  Ein heil'ges Kreuz ist ihr Panier.

V.

Madrid, du wirst fortan nicht mehr nach alter Sitte
Lobpreisen jenen Sieg, der Euch sich zugeneigt,
Der einen König einst in Eures Volkes Mitte
  Euch als Gefangnen hat gezeigt.
Denn Cadiz ist es, das uns für Pavia rächte,
  Der Ruhm gab alle seine Rechte
  Zurück dem Heldenschatten gern,
Welch ein Franzos einst sein Gefangner ist gewesen,
Madrid vergißt's, es hat gesehn, wie wir sie lösen,
  Die Ketten der gekrönten Herrn.

Castilier, nun laßt des Festes Fackeln scheinen
Von Saragossa bis fern nach Almonacid,
Laßt Eure Palmen sich mit unsern Lorbeern einen,
   Ihr singt Bayard und wir den Cid .
Das alte Louvre mag dem Escurial, dem alten,
   Antworten, unsrer Banner Falten,
   Sie mögen in einander wehn!
Und einen Altar sollt bei Gades Ihr errichten!
Wo sich Pelag erhob, da sollen Flammen lichten
   Die Nacht auf allen Bergeshöhn! –

   Sind keine Zeugen zu erwecken?
   Wo ist der neue Decius Mus?
   Des Scävola das Kohlenbecken,
   Der Abgrund harrt des Curtius .
   Ha, wie sie all im Staube jammern,
   Des Bourbon heil'ges Knie umklammern,
   Der über ihnen blitzend thront! ...
   Der Sieg ist mild: sie sind geschlagen,
   Unglücklich war ihr schlimmes Wagen,
   Sie beugen sich, sie sind verschont.

VI.

Nur, um zu zücht'gen, wird ein Bourbon niemals kämpfen,
Und siegt er, beut er stets verzeihend seine Hand.
Doch löscht er aus den Geist der Rotten, den zu dämpfen
   Er kam, bis auf den letzten Brand.
Vor wie viel Uebeln, Volk, hat dich sein Arm behütet!
   Entsetzliche Verbrechen brütet
   Das Scheusal aus und seine Brut.
Wir haben es besiegt: – wir waren seine Beute
Einst selbst! – Ein Königshaupt, das fällt, wir wissens heute,
   Das kostet Blut und wieder Blut!

Landsleute, Krieger, kommt! Die Mütter sind zufrieden:
Sie stützt nun Euer Arm, die Welt kann ruhig sein.
Viel Throne warft Ihr um, heut ist es Euch beschieden:
   Ihr setzet Kön'ge wieder ein.
Des Stiftes Hütte wird im Zelt nun aufgeschlagen,
   Gott setzt auf Euern Siegeswagen
   Die heilge Bundeslade nun.
Des Himmels Legion wird mit Euch stehn und fechten,
Bei den Gefäßen des Altars zu seiner Rechten
   Soll künftig Euer Kriegshelm ruhn! –

VII.

Es ist geschehn! Die schlechte Sache
Ist hoffnungslos und duckt sich stumm.
Frankreich hat Gott erwählt zur Wache
Für das bedrohte Königthum.
Sein Geist durchschaut die Bösewichter
Und leuchtet, wie die sieben Lichter
Im Tempel an des Jordans Strand.
Es ist der Throne Schutz und Segen,
Sein Schwert ist wie des Engels Degen,
Der einst an Eden's Pforte stand.

November, 1823.

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