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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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An Europa's Könige.

Das »Freimahl«.

In Rom herrschte ein alter Brauch: den Tag vor
der Hinrichtung der Verurtheilten gab man ihnen am
Thore des Gefängnises einen öffentlichen Schmaus, den
man das »Freimahl« (Henkermahl) nannte.

Chateaubriand, die Märthyrer

Fünfte Ode.

I.

Der Prätor, wenn er dem Olymp zum Opfer weihte
Das Evangelium, und Richtersprüche streute
  Den Götzen zum Gewinn;
Wenn er zum Tod verdammt die Christen, froh gleich Siegern,
Und wenn nach ihrem Raub den Göttern und den Tigern
  Schon stand der gier'ge Sinn;

Dann gab er noch ein Fest den Frommen, eh' sie büßten;
Den bittern Wermuthkelch mit Honigseim versüßten
  Die Römer ihnen mild,
Den Märtyrern, die schon sich sähn an Gottes Stufen: –
Als wär' ein Schmaus ein Trost für sie, die Er berufen
  Ins himmlische Gefild.

Im Purpur saßen sie, mit ernsten, frommen Zügen,
Falerner sprudelte in großen, weiten Krügen,
  Von Myrten rings umblüht,
Im Cyper-Weine schwamm des Hybla-Honigs Süße,
Aus goldnen Vasen wusch mit Narden man die Füße
  Den Gästen, wund und müd.

In drei Welttheilen ward geplündert Wald und Welle
Für dieses freie Mahl, erschöpft die reiche Quelle
  Des Gartens der Natur;
Als sollten sie vor'm Tod in Lust noch einmal baden,
Als hätte Sybaris zum Schwelgen sie geladen
  Am Tisch des Epicur.

Der Tiger brüllt indeß und schüttelt seine Bande,
Ausschaut der Leopard schon lechzend nach dem Sande,
Der die Arena deckt.
  Die Bestien staunen – nicht so zahm sind Roma's Frauen, –
Daß Menschen klatschen, wenn sie ihre Zähn' und Klauen
  Mit Menschenblut befleckt.

Den Löwen warf man vor die Priester, die Geweihten,
Als Leckermahl: – wie wohl ein Höfling schon zu Zeiten
  Dem eklen Herrn es bot.
So lang beim freien Mahl die Heiligen sich trafen,
Stand hinter ihnen starr, gleich einem stummen Sklaven,
  Aufrecht der blasse Tod.

II.

O Könige, ein Fest ist Euer ganzes Leben!
Der Pöbel sieht mit Neid Euch an die Lippen heben
  Den Goldpokal der Lust.
Doch mischt ein greller Schrei sich in das Festgepränge
Heut brüllt, und morgen springt das Tigerthier, die Menge,
  Euch wüthend an die Brust.

1823. 115

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