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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 128
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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XXXV.

Der zürnende Danubius.

Admonet et magna testatur voce per umbras.

Virgil.

Belgrad und Semlin, sie sind im Kriege.
Und in seinem friedlich stillen Bette
Aufgeschreckt erwacht ihr großer Vater,
Der Danubius, beim Schlachtendonner.
Und er fragt sich schauernd, ob er träume,
Springt empor, und hört Kanonen brüllen,
Und er schlägt in seine Schuppenhände,
Und bei ihrem Namen ruft er sie:

»Höre, Türkin Du, und Du, o Christin,
Du, Semlin und Belgrad, sagt, was habt Ihr?
Keinen Augenblick – Gott sei mir gnädig! –
Kann man schlafen, ohne daß durch Hader
Und durch Zank man wird gestört, und ohne
Daß Semlin und Belgrad lärmt und wettert.

So im Herbst und Frühling, wie im Sommer
Und im Winter krachen Eure Bomben! –
Eingewiegt vom monotonen Rauschen
Lag ich schlummernd unter meinem Schilfe.
Sieh da, wie Seewölfe Wasser spritzen
Aus den Nasenlöchern, also blasen
Eure himmellangen Feuerschlangen
Ihren heißen Odem mir auf's Wasser.

Uebermüthge, tolle Hexen waren's,
Die, nur um sich einen Spaß zu machen,
So an meinen Ufern gegenüber
Euch gesetzt, – zwei Gäst' an Einer Schüssel,
Oder wie ein Geiernest an Einem
Thurm und nebenan der Horst des Adlers!

Könnt Ihr friedlich nicht zusammen leben,
Meine Töchter? Soll ich ewig zittern
Ob des Schicksals, das Euch hier zusammen
Bracht', um Euern Nachbarhaß zu wecken?
Könnt Ihr friedlich nicht, als gute Schwestern,
Spiegeln in den Wogen meines Stromes,
Du, Semlin, die schwarzen goth'schen Thürme,
Belgrad, Du die weißen Minarete?

Meine breiten Wellen, die zum Meere
Rollen, suchen euch umsonst zu trennen,
Von den Festungsthürmen zu einander
Findet ihr den Weg, – es ist die Bombe,
Die, im Bogen ihre Blitze schleudernd,
Hoch Euch wölbt die luftge Feuerbrücke.

Friede! – Schweigt, ihr nachbarlichen Städte!
Müde bin ich längst der Bürgerkriege.
Wir sind alt, laßt uns der Ruhe pflegen!
Schlafen laßt uns unter'm Birkenschatten!
Macht ein Ende dem Familienzwiste!
Brauch' ich diesen Lärm von Euern Vesten?
Hab' ich, meine Töchter, denn vom Rauschen
Der Gewässer nicht genug Betäubung?

Muß ein Halbmond und ein Kreuz denn diesen
Schönen Ort zu einer Hölle machen?
Für das Evangelium und den Koran
Wechselt ihr der Bombe rauhe Grüße?
Knall und Feuer, trau'n, ist da verloren:
Ich, ein Gott einst, weiß das wohl am besten.

Eure Götter haben mich vertrieben,
Mich entthront! – Doch das ist ihre Sache.
Was ich wünsche, ist nur Ruh' im Schatten.
Und sie sollen hübsch zu Hause bleiben
Und an meinen Ufern nicht die grünen,
Blätterreichen Bäume mir entwurzeln,
Und mit ihren Bomben und Granaten
Meine Muscheln nicht in Scherben schlagen!

Solche Neuerungen sind die Früchte
Ihrer gottverfluchten Glaubenskämpfe.
Der Tumult war nicht zu meinen Zeiten;
Wenn auch Tag und Nacht die Katapulten
Auf die Städte Steine warfen, immer
War's doch ohne Rauch und ohne Lärmen!

Seht nach Ulm hin, Eurer Zwillingsschwester,
Haltet ruhig Euch, wie sie, und friedlich.
Wie die Fürsten auch die Fäden haspeln,
Lacht sie aus und drehet Eure Spindeln.
Eure Nachbarin betrachtet, Buda,
Schauet an die Sarazenin Dristra!
Ei, was sagte wohl der Aetna, machte
Solchen Lärm an seinem Fuß Messina?

Du, Semlin, bist zänkisch stets vor Allen,
Immer hast zuerst Du angefangen.
Glaubt Ihr denn, auf seinem Lauf durch Felsen
Habe Nichts zu schaffen mein Gewässer
Zwischen seinen Ufern, als die Leichen
Eurer Streiter zum Euxin zu schleppen?

Solchen Rauch verbreiten Eure Mörser,
Daß in meiner Lieblingsgrotte dunkle
Nacht es wird, durchzischt von grellen Blitzen.
Mir entzogen ist das Licht des Tages,
Abends überdeckt der Qualm aus ihren
Schlünden mich mit Finsterniß; von meinem
Lager such' umsonst des Himmels Sterne
Zu erspähn ich durch die grünen Wogen.

Schwestern, hofft Ihr Ruhm davon zu ernten,
Wenn Ihr Euch verwundet und zerschmettert?
Eure Schlösser werden Trümmerhaufen.
Laßt die schwarzen Mauerlöcher Feuer
Spei'n nicht länger, schweigt, sonst werd' ich selber,
Ja, ich selber, Euch die Bomben löschen.

Denn ich bin Danubius, der Große!
Weh Euch, wenn ich meine Macht Euch zeige.
Gnade nur ist's, daß ich hier Euch dulde.
Wenn ich meine Fluten wollt' entfesseln,
Würden, Strand und Felder überströmend,
Sie, Bergkämmen gleich am Horizonte,
Sich erheben, und Euch selbst und Eure
Schwestern zornig weg vom Boden schwemmen.« –

Traun, so kann man sprechen, wenn man Antwort
Gibt auf Bomben, Mörser und Kanonen,
Wenn man rauschend pocht an Königspforten,
Wenn man ist der Gott des Donaustromes,
Und, dem Hellespont und dem Euxinus
Gleich, auf seinen Wogen trägt Dreimaster;

Wenn man hundert steingefügte Brücken
Streift, und an vierhundert Meilen wandert,
Wenn man im Vorübergehen sechzig
Flüsse an sich reißt, sie rasch verschlingend,
Wenn man Wellen schlägt, wie Meereswogen,
Wenn man sich wie eine Riesenschlange
Um die Erde rollt, und breit und prächtig
Strömt vom Abendland zum Morgenlande.

Juni, 1828.

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