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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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Ein Gesicht.

7. Quia defecimus in ira tua, et in furore tuo turbati sumus;

8. Posuisti iniquitates nostras in conspectu tuo, seculum
nostrum in illuminatione vultus tui;

9. Quoniam omnes dies nostri defecerunt, et in ira tua defecimus.
Ps. LXXXIX

Das machet dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm,
daß wir so plötzlich dahin müssen;
Denn unsere Missethat stellest du vor dich, unsere unerkannte
Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.
Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir
bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.

Zehnte Ode.

Einst in der Vorzeit grauer Ferne,
Wo sich noch Gottes Weisheit kund
Den Frommen gab, die oft und gerne
Ihr lauschten, sprach der Seher Mund:
»Sobald von dieser Welt hienieden
Ist ein Jahrhundert abgeschieden,
Das nun zurück ins Dunkel geht,
Dann, war's zum Segen oder Schaden,
Vor jenen Richter wird's geladen,
Der über allen Richtern steht.«

Die ihr einst kehrt zum Erdengrunde,
Zum Staub, aus dem ihr seid gemacht,
Hört mein Gesicht in stiller Stunde
Der Einsamkeit um Mitternacht. –
Auf goldnen Wolken kam geschwommen
Die Stadt der Heiligen und Frommen,
Auf der ein ew'ger Lichtglanz lag,
Aus dem die erste Morgenröthe
Einst blitzt', aus welcher die Drommete
Einst tönen wird zum letzten Tag.

Die Märtyrer, im Antlitz hohe
Gedanken, sah ich betend nahn.
Sie staunten in der Flammenlohe
Das dreimal heilge Wesen an.
Am Thron, auf weichen Wolken-Matten,
Erschien ein hundertjähriger Schatten,
Den Frankreichs Engel hergebracht;
Der Engel, dichtumhüllt, – dem bleichen,
Dem Stern der Dämmrung zu vergleichen
War er, der führt herauf die Nacht.

Und eine Donnerstimme schwebte
Durch Höll' und Himmel rollend hin.
Der König der Verdammten bebte,
Und staunend sahen die auf ihn.
Der treuen Engel Sternenwagen,
Besät mit Augen, goldbeschlagen,
Dreirädrig, viergeflügelt, hielt: –
Die Schwingen hören auf zu rauschen,
Die Räder stehen still und lauschen,
Wie Gottes Odem sie umspielt.

Die Stimme.

»Das Blatt im hundertjähr'gen Buche
Hat siebzehnmal sich umgewandt.
Der Abgrund harrt, ob ich Dir fluche,
Ob ich Dir Gnade zuerkannt.
Tritt näher! – Schon erklingt die Wage:
Hell, o Jahrhundert, wie am Tage,
Liegt aufgedeckt hier all Dein Thun.
Drum führe Wahrheit nur im Munde:
Vor meinem Blick ist eine Stunde
Wie ein Jahrhundert. – Rede nun!«

Das Jahrhundert.

– »Zu trennen wußt' ich, zu vereinen
Das All, ich gieng die kühnste Bahn:
Das ewig Wechsellose, meinen
Gesetzen macht' ich's unterthan.
Ich klopft' an deines Willens Pforte...«

Die Stimme.

»Halt ein, Gespenst! – Bei solchem Worte
Entsetzen faßt die Heil'gen hier.
Sei länger nicht des Hochmuths Beute,
An deiner Weisheit zweifle heute,
Denn zweifeln kannst du nicht an mir.
Hast du, mit deinem blinden Wissen
Dich blähend, meiner nicht gelacht,
Das Band des Glaubens frech zerrissen,
Der Sitten und Gesetz bewacht?
Hast du nicht Hohn dem Tod gesprochen?
Hast du nicht Gräber aufgebrochen?
Verruchter, unerhörter Schlag!
Hast du verstört nicht die Gebeine
Der Könige in ihrem Schreine?«

Das Jahrhundert.

– »O Gott! Gekommen ist dein Tag!«

Die Stimme.

»Wein', o Jahrhundert! Riesenglieder
Schon hat der Wahn, der Feind des Lichts.
Unglaub' und Königsmord sind Brüder,
Das Chaos ist das Kind des Nichts.
Ich liebt' ein Land einst auf der Erde,
Das Volk war eine frohe Heerde,
Und Fürst und Fürstin mild und weich.
Ihm strömten meines Segens Fluten ...
Sag' an, was thatst du diesen Guten?«

Das Jahrhundert.

– »Hier sind sie, Herr, in deinem Reich!«

Die Stimme.

»Bist du zur Einsicht nun gekommen? –
Die Furcht ist's, die den Stolz dir nimmt.
Ich bin's, der ihren Ort den Frommen,
Und den Verworfenen bestimmt.
Ein Strahl von meinem Angesichte
Belebt das Todte, macht zu nichte,
Was lebt im Raum des Weltenbau's,
Mein Hauch kann wilden Brand erregen,
Er streut hinaus den reichsten Segen,
Und löscht die reinsten Flammen aus.
So sei für alle Zeit vergessen...«

Das Jahrhundert.

– »Ich stehe vor dir nackt und bloß,
Heil, deine Gnad' ist unermessen ...«

Die Stimme.

»Schweig! Die Verdammnis ist Dein Loos.«

Das Jahrhundert.

– »Vielleicht durch schwerere Verbrechen
Wird das Jahrhundert frei mich sprechen,
Das seinen Lauf begann wie toll!« –
Die Hoffnung seufzte, leise schauernd;
Und Frankreichs Engel wischte trauernd
Die Thräne, die im Aug' ihm quoll...

Die Stimme.

»Versinken mag es, das verfluchte,
Ein neu Jahrhundert bricht sich Bahn,
Freisprechen wird's nicht das verruchte,
Selbst schuldig klagt's das Schuld'ge an! –«
Und wie der Sturm, die graue Locke
Wild schüttelnd, schnaubend, weit die Flocke
Hinausjagt in die Wellenschlacht,
So folgt mit unerweichtem Grimme
Dem Schuldigen die Donnerstimme,
Und stürzt es in die ew'ge Nacht.

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