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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 111
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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XVIII.

Das Kind.

O horror! horror! horror!

Shakespeare, Macbeth.

Die Türken waren da: öd ist und wüst die Flur.
Das Weinland Chios ist ein Fels zur Stunde nur,
   Chios, einst reich an grünen Zweigen,
Das spiegelt' in der See der Wälder stolze Pracht,
Weinberge, Schlösser, oft wohl auch beim Grau'n der Nacht
  Jungfrauen, drehend sich im Reigen.

Rings Alles todt. Doch nein! Dort bei dem schwarzen Stein
Sitzt ein blauäugig Kind, ein Griechenkind, allein,
  Gebeugt, doch hör' ich kein Gewinsel.
Ein weißer Hagedorn sein Schirm, ein Blüthenstrauch
Das Dach des Kindes, wie es selbst, vergessen auch
  Beim großen Raubzug durch die Insel.

– Ach, armes Kind! Entblößt Dein Fuß, der Fels so rauh ..
Wie still' ich wohl den Strom in Deinen Augen, blau
  Wie dort der Himmel, hier die Welle?
Was kann ich thun, damit Dein blondes Köpfchen froh
Du hebest, daß der Blitz der Freude lichterloh
  Der Augen trüben Glanz erhelle?

Was willst Du? – Schönes Kind, womit erfreu' ich Dir
Das Herz, damit auf's neu der feuchten Locken Zier
  Gekräuselt sich zur Schulter neige,
Die Locken, denen noch genaht das Eisen nicht,
Die um die schöne Stirn Dir niederhängen dicht
  Und lang, wie Trauerweidenzweige.

Was könnte Dir zerstreu'n den Kummer, süßes Kind?
Die Lilien hier, so blau, wie Deine Augen sind,
  Die Iran's dunkeln Quell umringen?
Die Frucht des Tubabaums, des riesigen, der weit
Den Schatten breitet, daß ein Pferd ihn kaum in Zeit
  Von hundert Jahren könnt' umspringen?

Ueber den Tubabaum, wie über den Baum Sedjin sehe man den Koran nach. Das Paradies der Türken hat seinen Baum, wie ihre Hölle.

Wirst Du mir lächeln, wenn den Wundervogel Dir
Ich schenke, dessen Sang laut klingt, wie Cymbeln schier,
  Süß, wie Schalmei'n der Hirtenknaben?
Was willst Du? – Blume? – Frucht?– den Vogel? – Wähle nur!
Aufschlug das Griechenkind die Augen von Azur:
  – Mann, Blei und Pulver will ich haben!

Juni, 1828.

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