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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 108
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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XV.

Türkischer Marsch.

La-Allah – El allah!
Es ist kein Gott, als Gott.

Koran.

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Den Krieger lob' ich mir, vor dem es Belial graut.
Sein Turban läßt auf's Haupt ihm ernste Schatten fallen,
Er küßt des Vaters Bart und ehrt ihn hoch vor Allen,
Er liebt, als wie ein Sohn, sein Schwert, mit Blut bethaut,
Sein Dolman ist durchbohrt von Stichen und mit Flecken
Dicht übersät, wie sie nicht reicher überdecken
  Des Königtiger's bunte Haut.

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

An seinem Arm erglänzt des Schildes Kupferdach
Roth, wie der Mond, umhüllt von Nebeln, schaut vom Hügel,
Es knirscht sein Roß, es schäumt, es schnaubt und nagt am Zügel,
Staubwolken fliegen auf, wo Bahn sein Huf sich brach.
Jagt auf dem Pflaster hin im Flug der kühne Streiter,
Steht Alles still und spricht: »Das ist ein türk'scher Reiter!« –
  Und dreht sich um und staunt ihm nach.

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Und wenn zehntausend Giaur's das Horn zusammenruft, –
Die Antwort bleibt nicht aus, er fliegt dahin, er schmettert
In die Trompete, daß es weit hin schallt und wettert,
Er mordet, ihn berauscht der Qualm, der blutge Duft,
Den rothen Kaftan färbt er frisch im Blut, und weichen
Die Kräfte seinem Roß, er schmeichelt ihm, um Leichen
  Noch mehr zu werfen in die Gruft.

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Der Sieger mag, wenn nun verrauscht der Lärm der Schlacht,
Die Sklavin küssen mit den schönverschlungnen Brauen,
Er mag am hellen Tag Wein trinken, faßt ein Grauen
Den frommen Iman auch, der Wein trinkt in der Nacht,
Ich hör' es gern, wenn er, der mächtig schrie im Grimme
Des Kampfs, frohlockend schwärmt, mit seiner heisern Stimme
  Von Houri's singt und scherzt und lacht.

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Rasch mag er sein und kühn und Unbill duld' er nicht!
Ihm sei das liebste Spiel sein Schwert, wie könnt' erbauen
Ihn je die ekle Kunst, in Ruhe zu ergrauen?
Was kümmert's ihn, wann einst erlischt der Sonne Licht,
Wann über'm festen Land des Meeres Kräfte walten?
Frisch, tapfer sei er nur, und lieber soll als Falten
  Er Narben tragen im Gesicht!

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Das ist, Comparadgi, Spahi, Timariot,
Der wahre, gläubige Soldat!Comparadji's, Bombardiere, Spahi's, Reiter, die eine Art Lehensmänner sind, und für das Lehen dem Sultan eine gewisse Anzahl Jahre Kriegsdienste thun müssen; Timarioten, Rekruten zu Pferd, ohne Uniform und Disciplin, die nur in Kriegszeiten dienen. Doch die sich brüsten,
Und zittern, wo es gilt, zu morden, zu verwüsten,
Die spät sich stellen, wenn sie ruft das Aufgebot,
Die, wenn die Stadt erstürmt, mit Beute nicht den Wagen
Beladen, daß die Last die Achse kaum zu tragen
  Vermag, das Rad zu brechen droht; ...

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Wer gern mit Weibern trätscht, und wer bei einem Fest
Nicht aufzuzählen weiß die ganze Ahnenreihe
Von einem schönen Roß, wer hofft, ein Andrer leihe
Ihm Kraft, und wer nicht selbst verficht sein eignes Nest,
Auf seinem Divan ruht, sich scheut vor'm Sonnenbrande,
Wer lesen kann, und wer der schnöden Christenbande
  Den Wein von Cypernüberläßt; ...

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Der ist ein Feigling, – kein Soldat, wie der Prophet
Sie will, der spornt sein Roß, damit den Feind er packe,
Und fliegt dahin, im Staub nachschleppend die Schabracke,
Der, in der Faust das Schwert, im Bügel aufrecht steht!
Zum Maulthiertreiber taugt er nur, der Bettelsprüche,
Sinnlose Litanei'n herplappert, leise Flüche,
  Als wie ein Priester sein Gebet.

Am Sattelbogen hängt die Streitaxt mir, die breite,
Von schwarzem Blute trieft der Dolch an meiner Seite.

Mai, 1828.

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