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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 106
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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XIII.

Der Derwisch.

Steht's im Schicksalsbuch geschrieben,
Daß er fallen soll, zerstieben,
  Den erfreut der Sonne Schein,
Was er thun mag, wie sich winden,
Seinen Abgrund wird er finden,
  Wo vermodert sein Gebein,
Denn der Tod verfolgt den Armen
Bis ins Bett und ohn' Erbarmen
  Schlingt sein Herzblut er hinein.

Vorbei ritt Ali . Tief sich beugten, ihn zu grüßen,
Die höchsten Häupter, bis zu der Arnauten Füßen.
  »Allah!« – so murmelt rings es leis.
Da trat ein Derwisch vor, vom Alter fast gebrochen,
Ergriff sein Pferd am Zaum, und also hat gesprochen
  Der Derwisch mitten in dem Kreis:

» Ali Tepeleni, Erhabner, Licht der Lichter,
Der Du im Divan thronst als erster Rath und Richter,
  Weitstrahlend über's Erdenrund,
Vezier und oberster Feldherr zahlloser Heere,
Du Schatten dessen, der ist Gottes Schatten, – höre:
  Du bist verflucht, Du bist ein Hund!

Die Todesfackel ist's, die Dir erhellt das Leben,
Die Schaale Deines Zorns, vor dem die Völker beben,
  Ergießst Du, daß es zischt und qualmt.
Der Sichel gleich im Gras, so glänzst Du über ihnen,
Zum Ritt, um aufzubau'n Dein Lustschloß, muß Dir dienen
  Ihr Mark, in ihrem Blut zermalmt.

Doch kommen wird Dein Tag. Janina stürzt in Trümmer,
Und Dich verschlingt das Grab mit Deinem Glanz und Schimmer,
  Und eine Eisenschlinge faßt
Dich unter'm Baum Segjin's, und waidlich wird Dich quälen
Die siebte Hölle, dort, wo die verdammten Seelen
  Sich ducken bang auf schwarzem Ast.Segjin, der siebente Kreis der türkischen Hölle. Alles Licht ist dort durch den Schatten eines ungeheuern Baumes fern gehalten.

Und dastehn wirst Du nackt und bloß! Dein Schuldbuch lesen
Wird Dir ein Dämon, Dich umschweben dann die Wesen,
  Die Du geschlachtet und geplagt,
Die Schemen, blutbefleckt vom Fuße bis zum Scheitel,
Mehr an der Zahl, als all die Worte, leer und eitel,
  Die Du dann stammeln wirst verzagt.

So wird's geschehn! Dein Heer mit Rossen und Geschützen,
Und Deine Flotte wird Nichts in der Noth Dir nützen.
  Nicht kleiner würde die Gefahr,
Wenn Ali Pascha, wie der Jude, der verfluchte,
Den schwarzen Engel selbst im Tod zu täuschen suchte,
Und wechselte den Namen gar!«

Sein Schlachtschwert unter'm Pelz trägt Ali, stets zu baden
Im Blut gewöhnt, und drei Pistolen, wohlgeladen,
  Und seinen Dolch mit Perlen dran.
Er hört den Priester, läßt ihn seinen Spruch vollenden,
Beugt lächelnd sich herab, – den Pelz mit eignen Händen
  Wirft über er dem alten Mann.

November, 1828.

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