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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 102
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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IX.

Die Gefangne.

Man hörte den Gesang der Vögel, melodisch süß wie Poesie.

Saadi, Gulistan.

O wär' ich nicht gefangen,
Ich liebte dieses Land,
Wo reich die Fluren prangen,
Das Meer, den grünen Strand,
Der Wellen leises Munkeln, –
Ja, säh' ich nicht im Dunkeln
Der Spahis Schwerter funkeln
An düstrer Mauerwand.

Die Zither der Tatarin,
Den Spiegel, bringst Du, Mohr;
Doch ich bin nicht Barbarin,
Mir hältst Du ihn nicht vor.
Dem Sodom fern, dem neuen,Man vergleiche die »Memoiren des Ibrahim Manzur Effendi « über das doppelte Serail Ali Pascha's . Es ist dies eine türkische Sitte.
Dort ist's, im Land der Freien,
Wo Knab' und Mädchen leihen
In Unschuld sich das Ohr.

Doch laß ich's mir behagen,
Daß Winterflocken hier
Nicht an die Fenster schlagen,
Mir lacht des Lenzes Zier, –
Der warme Sommerregen,
Die Käfer, die entgegen
Mir leuchtend sich bewegen,
Im blühenden Revier.

Schön in der Blumenkrone
Ist Smyrna, ohne Fehl,
Den Lenz an ihrem Throne
Stets fesselt ihr Befehl.
Gleich bunten Festguirlanden,
Schmiegt gern sich ihren Banden
Von blühenden Eilanden
Ein ganzer Archipel.

Schön von den Thürmen hangen
Die Fahnen, bunt und reich,
Die goldnen Häuser prangen,
Dem Kinderspielzeug gleich.
Ich träume mit Entzücken
In Zelten, welche drücken
Der Elephanten Rücken,
Gebettet süß und weich.

In Feenschlössern lauschen
Den Tönen mag ich gern,
Die aus der Wüste rauschen,
Und klingen nah und fern,
Wie holder Genien Lieder,
Jetzt leis, dann lauter wieder,
Als tönten sie hernieder
Von einem lichten Stern.

Von Düften überquellen
Hier Flur und Gartenbeet,
Wie schön das Grün die hellen
Schloßfenster überweht!
Ich sehe Quellen schäumen
Am Fuß von Palmenbäumen,
Die weißen Störche träumen
Auf weißem Minaret.

Im Moos gelagert singen
Mag ich ein spanisch Lied,
Wenn die Gespielen springen,
Und Lust mich rings umsprüht,
Und wenn sie froh im Freien
Sich drehn im Ringelreihen,
Und lachen und sich freuen
Der Stunde, die entflieht.

Vor Allem träum' ich gerne,
Wenn kühl der Abend winkt,
Und wenn das Licht der Sterne
Mein feuchtes Auge trinkt,
Und wenn des Mondes Bogen,
Am Himmel aufgezogen,
Ein Fächer, in den Wogen
Des Meers silbern blinkt.

Juli, 1828.

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