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Verzicht und Vollendung

Kurt Martens: Verzicht und Vollendung - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleVerzicht und Vollendung
authorKurt Martens
year1941
firstpub1941
publisherSteuben-Verlag Paul G. Esser
addressBerlin
titleVerzicht und Vollendung
pages317
created20160916
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Das Leben des Unbekannten neigte sich seinem Ende zu. Die Gicht hatte sich auf die Nieren geworfen, der Arzt kam häufiger, auch ungerufen, und verordnete dauernde Bettruhe. Er fand Vavel stets gelassen vor, freundlicher gestimmt denn je. Meist las er jetzt antike Philosophen und die deutschen der neuesten Zeit.

»Bemühen Sie sich nicht zu sehr um mich, lieber Doktor«, bemerkte er oft lächelnd, »es lohnt sich nicht. Sie werden mich nicht retten und brauchen es auch nicht. – Welche Frist messen Sie mir denn noch zu?«

»Davon zu sprechen, ist noch viel zu früh«, brummte Dr. Roller,« und denken Sie daran, daß unsre Bevölkerung Sie schwer vermissen würde.«

58 »Die wird sich über meinen Tod nicht zu beklagen haben. Durch Testament kann ich ihr meine Habe leider nicht vermachen, dazu würde die Unterschrift eines gültigen Namens gehören, aber damit kann ich nicht dienen. Dafür gebe ich das meiste jetzt schon an sie weg. Sollten auf den Rest keine Erben Anspruch erheben, fällt er ohnehin an den Staat.«

Die Frau seines gegenwärtigen Kammerdieners – es war der dritte nach dem Verlust seines François – pflegte ihn getreulich. Außer ihr und dem Arzt wollte er niemand mehr sehen. Auf seinem Bette lagen immer die neuesten Pariser Zeitungen. Auf einmal fing er an, mit Dr. Roller ganz gegen seine Gewohnheit zu politisieren, wenn auch mehr in scherzhafter Form. Über den Bürgerkönig Louis-Philippe und sein Parlament konnte er sich mit beißenden Späßen lustig machen: »Ein netter König, der sich auf den Geldsack stützt und sich mit der Crapule zu verbrüdern sucht! Natürlich sind die Herren Deputierten alle bestechlich. Und was soll das heißen, daß einige von ihnen eine sozialistische Republik anstreben? Doch nur ein neuer Modeausdruck für die Herrschaftsgelüste der unausrottbaren Jakobiner! Ich bin sehr froh, die Entthronung der Orléans nicht mehr erleben zu müssen.«

59 Nach einigen Tagen ernster Unruhe klingelte er plötzlich gegen Morgen seiner Pflegerin, verlangte Siegellack und Petschaft und hieß sie, den Medizinalrat zu rufen. Sie sah dann noch, wie die Leinwandhülle eines Pakets mit dem Petschaft, in dem drei Lilien eingraviert waren, versiegelt neben ihm auf dem Nachttisch lag. Der Arzt traf am Vormittag ein und nahm es mit sich, als er nach einer halben Stunde leiser Unterredung wieder ging.

Dann wurde des Barons Befinden zusehends schlechter. Er verlangte aber keine Hilfe mehr. Auch in der Todesstunde, die unerwartet eintrat, war Dr. Roller nicht bei ihm. Schweigsam starb er, wie er gelebt hatte. Auf dem Dorffriedhof wurde er bestattet.

*

Das Geheimnis des Namenlosen von Eishausen begann jetzt erst, vorübergehend, die Gemüter auf Grund von Presseartikeln zu erregen. Mehrere Zeitungen, zunächst in Thüringen, dann in ganz Deutschland, schließlich auch Pariser Blätter, meldeten sein Ableben und erzählten von seinem und seiner Dame rätselhaften Einsiedlerdasein. Vermutungen und angebliche Enthüllungen, zum Teil ausführlich in Broschürenform, was es mit ihm für 60 eine Bewandtnis gehabt, tauchten auf, jede ging in die Irre. Politische Umtriebe, irgendein dunkles Verbrechen, Ächtung durch mächtige Feinde wurden ihm angedichtet, wenige Nachrichten beschränkten sich darauf, seine hochherzige Persönlichkeit rühmend darzustellen.

Und wieder war es erst die Ordnung des Nachlasses, die den Gerichten Anlaß bot, wenigstens über einige nebensächliche Punkte Klarheit zu schaffen. Ein Testament fand sich nicht vor, auch sonst keinerlei Aufzeichnung, alle Briefe waren vernichtet. So erfolgte die gesetzlich vorgeschriebene Ediktalladung. Sie lautete folgendermaßen:

»Seit dem Jahre 1807 hat ein fremder Herr, der sich Vavel de Versay nannte, das Schloß zu Eishausen im hiesigen Gerichtsbezirk als Mieter bewohnt. Dieser Herr ist am 8. April ohne bekannte Erben und ohne hier letztwillig verfügt zu haben, verstorben. Es ist daher sein Nachlaß unter Siegel gelegt, gerichtlich verzeichnet und dabei befunden worden, daß derselbe an Mobilien, Immobilien und barem Geld im Schätzungswert 15 000 Gulden rheinisch beträgt. Bei Gelegenheit dieser Inventarisation haben sich vereinzelte Papiere gefunden, aus denen fast ohne Zweifel hervorgeht, daß der Verstorbene nicht, wie er sich nannte, sondern Leonardus 61 Cornelius van der Valck geheißen hat. Ferner ist daraus ersichtlich, daß er bis an seinen Tod mit seinen Verwandten gleichen Namens in Amsterdam in Briefwechsel gestanden hat.

Da nun dem Gericht nicht bekannt ist, ob der Verstorbene irgendwo ein Testament errichtet hat und wer sonst seine Erben geworden sind, so werden alle diejenigen, welche Erbrechte oder sonstige Ansprüche an den Nachlaß zu haben glauben, ediktaliter hierdurch vorgeladen, Dienstag, den 30. Juni 1846, vor dem unterzeichneten Gericht zu erscheinen, ihre vermeintlichen Ansprüche in diesem Termin gehörig anzumelden und darauf das Weitere zu gewärtigen.«

Angefügt wurde eine Ediktalladung rücksichtlich der schon 1837 im Schloß zu Eishausen verstorbenen Dame, Sophia Botta aus Westfalen.

Es meldete sich zu dem bestimmten Termin ein Herr Jan van der Valck aus Amsterdam mit seinem Rechtsanwalt, gehörig ausgewiesen als Inhaber des bekannten großen Bank- und Handelshauses, von dem Vavel seine Bezüge erhielt. Dieser vermochte auch die Echtheit des bei dem Verstorbenen vorgefundenen Passes, der auf den Namen Leonardus Cornelius van der Valck lautete, zu bestätigen. Baron Vavel wäre nämlich als siebzehnjähriger 62 Jüngling vom Großonkel des gegenwärtigen Chefs, Herrn Cornelius van der Valck, rechtens adoptiert worden. Doch auch der Name Vavel de Versay hätte insofern zu Recht bestanden, als der Knabe bis dahin der Sohn oder Pflegesohn eines Marquis Guy Vavel de Signoles, Seigneur de Versay, gewesen wäre. Der Marquis, aus der Vendée eingewandert, trat seine Vaterrechte nebst einem beträchtlichen Kapital an den alten Herrn van der Valck in aller Form ab, ein Jahr darauf starb er. Der nunmehrige Leonardus Cornelius van der Valck aber sei mit vollendeter Großjährigkeit unter seinem früheren Namen Vavel nach Deutschland gezogen. Seine jährliche Leibrente stammte aus dem vormaligen Vermögen des Marquis.

Das alles konnten die beiden Holländer urkundlich beweisen. Der Nachlaß bestand also tatsächlich nur aus den in der Ediktalladung genannten Werten und wurde dem Herrn van der Valck auf Grund seiner Adoptiv-Verwandtschaft vom Gericht ausgehändigt. Die Grundstücke überließ der Erbe, einem gelegentlich ausgesprochenen Wunsche Vavels gemäß, der Stadt Hildburghausen zu wohltätigem Zweck. Auf den Nachlaß der angeblichen Sophia Botta erhob der stolze Handelsherr keinen Anspruch; mit einer geringschätzigen Gebärde wies er ihn zurück, zumal 63 die Familie van der Valck von dem Vorhandensein einer Dame im Schloß Eishausen überhaupt nichts gewußt habe. Auch der Vorname ihres Verwandten Louis-Charles war ihm neu; er hätte Briefe und Zahlungen immer nur an Herrn L. C. de Vavel adressiert.

*

Der Fall des geheimnisvollen Barons Vavel war somit zu allgemeiner Zufriedenheit erledigt. Geklärt wurde er niemals. Da niemand mehr damit zu schaffen hatte, geriet er in Vergessenheit, und als auch diejenigen, die den Namenlosen persönlich gekannt hatten, nicht mehr auf der Welt waren, erlosch auch der letzte blasse Schimmer seines Andenkens.

Das Rätsel selbst war sinnlos, gleichgültig geworden – wem konnte daran liegen, es zu lösen oder von seiner Lösung zu erfahren? –

Der Medizinalrat Dr. Roller sprach nie von dem wunderlichsten seiner Patienten, auch davon nicht, daß er jenes versiegelte Paket aus der Hand des Sterbenden besaß. Er mochte es gut verwahrt an sicherem Ort seiner Wohnung unberufenen Blicken entzogen haben. Was dann damit geschah, läßt sich nicht mehr feststellen. Vermutlich werden es seine 64 Kinder einmal mit altem Kram vorgefunden und liegengelassen oder auf den Speicher geräumt haben. Erst einem der Kindeskinder wird es eingefallen sein, es zu entsiegeln und nachzusehen, was es eigentlich enthielt. Wahrscheinlich kennzeichnete es eine Aufschrift als fremden Besitz oder verbot, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt davon Kenntnis zu nehmen.

Es enthielt Aufzeichnungen eines Unbekannten in französischer Sprache und war als »Memorial d'un homme sans nom« bezeichnet. »Denkschrift eines Namenlosen!« Wer sie zuerst durchblätterte, dürfte sich, selbst wenn er französisch zu lesen verstand, keine besonderen Gedanken darüber gemacht haben. Von einem Baron Vavel und seinem Aufenthalt in Eishausen hatte er wohl nie etwas vernommen, und die historischen Ereignisse brauchten ihm nicht vertraut zu sein. Er gab das Tagebuch – denn als solches war die Denkschrift abgefaßt worden – gleichgültig weiter. Es ging durch verschiedene Hände bis in die jüngste Zeit. Wie es zu mir gelangte, ist nebensächlich. Jedenfalls durfte ich mich für befugt halten, Abschrift davon zu nehmen und diese nach Ablauf von fast einem Jahrhundert zu veröffentlichen.

Die Urschrift mit ihren feinen, regelmäßigen, wie ziselierten Zügen ist zweifellos die des Unbekannten selbst. Wem hätte er auch seine geheimsten 65 Erlebnisse und Gedanken von seiner Jugend bis ins Alter hinein diktieren sollen? Dabei weist sie unverkennbar den Duktus eines Grandseigneurs aus dem 18. Jahrhundert auf.

Daß der Namenlose auf diesen Blättern nun doch noch offenbart, wer er war und welche Schicksale ihn und seine Gefährtin in jene freiwillige Verbannung wiesen, wird bewußt oder unbewußt in seinem Willen gelegen haben.

Die letzten Worte des sterbenden Dänenprinzen Hamlet könnten auch die seinen gewesen sein:

»O Gott, welch ein verletzter Name,
Bleibt alles so verhüllt, wird nach mir leben!
Du aber, der du mich im Herzen trägst,
Halt in der Welt noch eine Weile aus,
Um mein Geschick zu melden!«

*

Denkschrift eines Namenlosen

Der Marquis behauptet, daß jetzt ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnt. Viele seiner Behauptungen haben sich mir schon als unsicher, manche sogar als unwahr herausgestellt. Diesmal aber will ich ihm glauben, weil meine Volljährigkeit bevorsteht und damit doch wohl die Freiheit, selbst über mich zu entscheiden. Es kommt darauf an, mir klar zu werden, welchen Weg ich einzuschlagen habe, den »meiner großen Aufgabe« oder den über sie hinweg. Deshalb will ich aufzeichnen, was mir begegnet und was ich davon zu halten habe, will mir Rechenschaft ablegen über meine Eindrücke und Entschlüsse – nicht für seine, noch für sonst jemandes Augen, sondern um die Linie meines eigenen, innersten Schicksals festzulegen, zur Rückschau und zum Anhalt für mich selbst.

 

Vor Calais, den 2. April 1802

Wir befinden uns auf einem französischen Handelskutter, gestern von Brest hier eingetroffen, und liegen vor Anker, Herrn von Limoelans Jacht aus Dover zu erwarten. Wenigstens gab das als Grund der Marquis mir an. Kapitän Limoelan soll uns nach England bringen – zu den beiden Condé in die Abtei Amesbury, oder an den Hof des Königs Georg 70 nach Windsor (unglaubhaft!), oder sonstwohin in die Verborgenheit unter den Schutz des Premierministers Pitt? Ich ahne es nicht, soll es wohl auch nicht wissen, und der Marquis weiß es wahrscheinlich selbst noch nicht. Er ist ungeduldig, übler Laune und spielt in seiner Kajüte mit Hyde de Neufville eine Partie Piquet nach der anderen, während ich hier in der meinen den Regen auf das Deck niederplätschern höre.

Gleich will ich vor mir feststellen, ein- für allemal, daß ich ihm ewigen Dank schulde, mag er nun aus Haß gegen unsre Feinde, aus Selbstsucht oder aus Treue und reinem Mitgefühl sich meiner angenommen haben. Natürliche Zuneigung habe ich, wenn ich mich gewissenhaft prüfe, nie für ihn empfunden. Immer stießen mich seine plumpen, bäurischen Formen ab – mein Gott, er ist eben ein Gutsherr aus der Vendée! Der liebenswürdig geschmeidige Neufville gefällt mir fast besser, wenn ihm auch vielleicht noch weniger zu trauen ist. Was sie mit mir vorhaben, verschweigen sie mir, soviel sie auch darüber reden. Als sie bei unsrer Ankunft hier erfuhren, daß der Frieden mit England nun wirklich geschlossen wurde, leuchteten ihre Gesichter auf, und sie warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu; das mag ihre Pläne nun abermals ändern. Die 71 Unruhe des Marquis muß andere Gründe haben. Die feierliche Abfahrt des Lord Cornwallis mit seinem ganzen diplomatischen Stab auf der mit den britischen Wimpeln geschmückten Fregatte begleitete er mit spöttischen Glossen. Beide bezweifeln, daß sich der Erste Konsul mit England lange vertragen werde, wollen aber die friedliche Atempause nach Kräften ausnützen.

Ich habe vorläufig nur den einen Wunsch, sie möchten mich nach Amesbury bringen, wo ich mit Marion zusammentreffen würde. Es ist nicht anders möglich, als daß ihr Vater, sobald er sie nur erblickt, sie mit offenen Armen aufnimmt! Wer könnte ihrem Liebreiz widerstehen! Und sie versprach mir doch vorigen Herbst, ihn zu bewegen, daß er auch mich in seiner Nähe duldet.

 

Den 3. April

Wir saßen gerade zu dritt beim Frühstück, als sich eine Schaluppe unsrem Kutter näherte. Der Marquis glaubte schon, sie brächte uns den langersehnten Limoelan, dann aber erkannte ich am Steven meinen lieben François und jubelte, während die beiden Herren ihre geringschätzigsten Mienen aufsetzten. François stieg zu uns an Bord, wollte das Knie vor mir beugen, aber ich riß ihn in meine Arme. Auch er geht ja nach England, im 72 Dienst der Prinzessin Orléans mit Erlaubnis der Staatspolizei, auf einem britischen Schiff. Den Condés soll er die Beweise für Marions legitime Abkunft bringen, die können dem Bonaparte allerdings gleichgültig sein. François, den wir über unsre Fahrt auf dem laufenden gehalten hatten, erbat sich vom Marquis Befehle in meinem Interesse. Er hielt es für sicher, daß wir nach England nachfolgen würden. Aber die Herren zuckten nur abweisend mit den Achseln. Vor allem wünschten sie, die neuesten Nachrichten aus Paris zu wissen.

»Alles steht gut«, wandte sich der Getreue an mich. »Von den Emigranten soll zwar im Friedensvertrag nicht die Rede sein, aber es heißt, der Erste Konsul werde aus freien Stücken ihre Rückkehr nach Frankreich gestatten, ja die Gutwilligen sogar in ihre Besitzungen und Rechte wieder einsetzen.«

»Uns betrifft das, nicht ihn!« rief der Marquis mit unverhohlenem Triumph. »Fahren Sie nur hinüber nach Amesbury! Der alte Condé ist ein wackerer Degen und wird aus Stolz nicht heimkehren, sein Sohn aus Feigheit; der fürchtet den Bonaparte fast noch mehr als die Jakobiner.«

François hielt sich nicht lange auf. Sein Schiff verläßt heute noch den Hafen. Ich übergab ihm einen Brief und tausend Grüße an Marion, dazu meine, 73 ihres Spielkameraden, Empfehlungen an ihren Vater und Großvater.

 

Den 6. April

Noch immer liegen wir hier im Hafen, in Erwartung von Limoelan. Keine Spur von ihm, keine Botschaft. Mit Lesen und Studieren vertreibe ich mir auf Deck die Zeit. Wenigstens hat sich das Wetter jetzt aufgeklärt. Der Canal la Manche zeigt sich unter sonnenhellem Himmel in der Pracht eines glatten, silbernen Spiegels. Die Bücher, mit denen man mich bedacht hat, stimmen aber nicht damit zusammen. In der schweren, häßlichen Sprache der Engländer, mit denen ich mich wohl werde verständigen müssen, versuche ich mich zu üben. Ihr großer Geschichtsschreiber Gibbon bedrückt mich nur, wenn er den Verfall des Römerreiches darstellt. Ach, der Übermut seiner Kaiser glich nur allzusehr dem unsrer Könige! Werden auch Frankreichs Erbe die gesunden teutonischen Völkerschaften antreten? Neufville empfahl mir den berühmten Roman »Gefährliche Liebschaften« seines Freundes Laclos. Eine geistvolle, aber doch gräßliche Unterhaltung! Laclos soll jetzt in Italien eine Brigade kommandieren. Wie konnte ein General so boshafte und liederliche Intrigen erfinden? Nie werde ich mich für Liebschaften erwärmen, nicht für erdichtete, 74 geschweige denn für eigene. Mir graut vor ihnen. Meine Freundschaft mit Marion wird mich davor bewahren. Diesem holden, engelhaften Kind soll immer meine ganze, meine einzige Liebe gehören, aber in einem Sinne, der mit Liebschaft nichts zu tun hat. In der antiken Mythologie kenne ich keine Gestalten, die mir so fatal sind wie die Venus mit ihren lockeren Abenteuern und der dicke Knabe Amor, der seine Pfeile neckisch auf die Herzen der Menschen richtet.

Marion wird im Juli ihren dreizehnten Geburtstag begehen, ich fügte meinem Brief jetzt schon den Glückwunsch dazu bei. Sie kam gerade an jenem Morgen zur Welt, als ihr Vater mit den andern Versailles fluchtartig verließ. Ihre Mutter bewohnte damals noch ihr Palais am Walde von Marly, und wir konnten ihr fast in die Fenster sehen.

In einem Zimmer, mit rotem Damast ausgeschlagen, spielten ich und meine Schwester vielleicht um die gleiche Stunde mit unsrem Bologneserhündchen Blanchette, überwacht von einer strengen, pompösen Dame, deren hohe, schneeweiße Coiffüre wie ein Turm in die Luft ragte. In einem anderen, lichtgelben Raum durften wir Mama zum Lever die Hand küssen. Herren gingen dabei ein und aus. An einen erinnere ich mich noch ziemlich deutlich, 75 an den stolzen Polignac, der alle anderen mit seinem großen, schmalen Giraffenkopf weit überragte. War ich ein glückliches Kind in jener Pracht? Ich glaube nein, nicht einmal in jener frühen Vorzeit. Auf alles warf die nahe Zukunft schon ihre düsteren Schatten, und immer hatte ich das Gefühl, zu frösteln.

 

Den 7. April

Jetzt haben wir ihn also endlich da, den Herrn de Limoelan! Stundenlang berät er sich mit dem Marquis und dem undurchdringlichen Neufville in der Kajüte. Wir sehen uns nur zu den Mahlzeiten am Heck, immer abseits von der Schiffsbesatzung, die uns übrigens wenig Beachtung schenkt. Sie besteht nur aus gut royalistisch gesinnten Bretonen und ein paar kleinen Kaufleuten, die ihre Ladung löschen. Passagiere wie wir sind jetzt keine auffällige Gesellschaft mehr. Wenn sie ahnten, was für Contrebande sie mit sich führen! Natürlich nehmen wir uns vor ihnen sehr in acht. Die Herren unterhalten sich nur in unverständlichen Andeutungen, mich mustern sie manchmal mit sonderbaren, sorgenvollen Seitenblicken. Frage ich sie, wann wir abfahren nach Dover, so weichen ihre Antworten mir aus. Nur so viel merke ich, dieser Kapitän, der in seiner finsteren Schweigsamkeit und seinem herausfordernden 76 Auftreten mehr einem Korsaren als einem vormaligen Offizier der königlichen Marine gleicht, bringt aus Amesbury keine für mich hoffnungsvollen Nachrichten mit. Sicher konnte er weder mit dem Ministerium und erst recht nicht mit dem Hof von Windsor Fühlung gewinnen. Vielmehr liegt nahe, daß man dort den vom Ersten Konsul geächteten Attentäter jetzt nach Friedensschluß so bald wie möglich loszuwerden suchte. Er selbst berichtet erbittert, daß Bonaparte von den Briten auf einmal als großer Staatsmann und halber Sieger angesehen werde, den zu beleidigen gefährlich wäre. Ich fürchte, er wird sich nun an unsere Fersen heften und uns so bald nicht verlassen. Auf einem französischen Schiff allerdings, sei es auch nur ein kleines Handelsboot, dürfte seines Bleibens nicht lange sein. Wird er im Hafen von Calais erkannt, nimmt ihn die Polizei fest, und wir, in deren Gesellschaft man ihn findet, reißt er mit sich ins Verderben.

 

Auf See, in den holländischen Gewässern, den 9. April

Schmerzliche Enttäuschung! Unsre Überfahrt nach England ist aufgegeben. Wir kreuzen auf Limoelans Jacht vor der holländischen Küste, sehen von ferne schon die westfriesischen Inseln. Meine drei Machthaber stecken die Köpfe zusammen, spielen Karten, 77 zechen, streiten sich zuweilen. Der Marquis hat seine zwei Diener nach der Vendée zurückgeschickt. Nur von Limoelans Leuten sind wir umgeben. Mit mir macht niemand Umstände, was mir sehr recht ist. Ich gelte eben, mehr denn je, für den Sohn des Marquis de Signoles und werde Monsieur Léonard gerufen, von den Herren »Monseigneur«, nur wenn sie ironisch gestimmt sind. Ihn rede ich, wie bisher, »Herr Marquis«, vor der Mannschaft auch »lieber Vater« an.

Die Notizen auf diese Blätter trage ich nur bei Nacht ein, wenn ich in meiner Koje vor jeder Störung sicher bin; tagsüber verwahre ich sie an meiner Brust. Wehe mir, wenn sie dahinterkämen! Aber zum Glück halten sie mich für naiv und unreif, für eine Art Trumpf in ihrem politischen Ränkespiel, der aber noch lange nicht ausgespielt werden darf.

Der Kapitän ist ein fürchterlicher Mensch. Gestern schilderte er uns lang und breit sein mörderisches Unternehmen vom Weihnachtsabend im vorvorigen Jahr. Neufville kennt es als Rädelsführer natürlich in allen Einzelheiten, auch dem Marquis wird er schon oft genug davon vorgeprahlt haben. Für mich war es diesmal bestimmt, damit ich seinen Mut und seinen Unternehmungsgeist bewundern, ihm danken oder ihn fürchten solle:

78 Die zwei mißglückten Attentate kurz vorher hatten ihn nicht abgeschreckt, es unter Neufvilles Ansporn mit einem dritten und mit gleichen Mitteln zu versuchen. Der Erste Konsul sollte um jeden Preis aus dem Wege geräumt werden, damit die Bahn frei würde – ja, für wen? Ein Kamerad von Limoelan, St.-Réjant, und ein paar ihm ergebene Burschen, darunter der Matrose Carbon, besorgten die Ausführung. Man ließ Pulver und Kugeln derart in ein Faß füllen, daß es, durch einen Zündfaden in Brand gesetzt, ringsumher alles zerschmettern mußte. Dieses Faß nun ließ der Kapitän am Tag vor Weihnachten auf einen Karren laden und in einer engen Straße, nahe dem Pont neuf, aufstellen, wo Bonaparte abends auf der Fahrt nach der Oper vorüberkommen mußte. Alles ging nach Wunsch. Limoelan wartete vor dem Opernhaus, Carbon legte die Zündschnur und setzte sie, durch einen Komplizen benachrichtigt, pünktlich in Brand. Als schon die ersten »Vive Bonaparte«-Rufe erklangen, flog das Faß mit gewaltigem Knall und so wirkungsvoll auseinander, daß im Nu acht Menschen von der Ladung getötet und achtundzwanzig schwer verwundet wurden. Herr von Limoelan hatte die Zahlen noch genau im Kopfe und wiederholte sie mit Genugtuung. Was er an diesem glänzenden Erfolg seiner Schlauheit 79 und Energie bedauerte, war nur das eine: Bonaparte war auch diesmal entschlüpft. Sein Kutscher hatte nämlich beim Einlenken in die gefährliche Straße, weil er die Gestalt des Karrens mit dem Faß am Rinnstein verdächtig fand – so behauptete er wenigstens nachträglich zur Ehre seiner Vorsicht –, die Pferde mit großer Heftigkeit und Eile vorwärtsgetrieben, so daß sein Herr schon glücklich vorüber war, als nachträglich die Höllenmaschine explodierte.

Nachdem er selbstbewußt geendet hatte, konnte ich mir die Bemerkung nicht versagen: »Die Schar von Unschuldigen, die durch den Anschlag ihr Leben verloren, verstümmelt wurden oder elend leiden mußten, werden mir als schreckliche Mahnung ewig in Erinnerung bleiben.«

Limoelan lachte nur: »Parbleu, Sie haben ein gutes Herz, Monseigneur!« Neufville fügte hinzu: »Die Leute verbluteten ja nur für ihre eigene Sache.« Und der Marquis belehrte mich: »Man muß handeln, wenn man ein Ziel hat. Immer handeln und alles versuchen, selbst auf die Gefahr hin, daß es fehlschlägt. Das wirst du vor allem noch lernen müssen, mein Sohn.« Eigensinnig und aufs tiefste erregt fuhr ich fort:

»Wie verhält es sich ferner mit den mehr als hundert Unschuldigen, die man dem Ersten Konsul 80 als die vermeintlichen Verschwörer denunzierte? Der Polizeiminister Fouché hat sie, wie Sie mir sagten, wider besseres Wissen verhaften und an den Äquator deportieren lassen, damit sie dort durch das mörderische Klima langsam hinsiechen. War auch diese Handlung nötig?«

»Ah bah!« erwiderten sie, »das waren berüchtigte jakobinische Schufte, die es nicht besser verdienten. Hätten Sie vorgezogen, daß Bonaparte uns statt ihrer faßte?«

»Er hat ja die wahren Urheber Anfang dieses Jahres doch noch entdeckt«, erwiderte ich. »Carbon und St.-Réjan sind hingerichtet worden, und daß Sie beide sich hier Ihres Lebens freuen, haben Sie nur der glücklich gelungenen Flucht zu danken.«

»Gratulieren Sie uns dazu!« scherzte Neufville. »Oder gönnen Sie uns die verdiente Freiheit nicht, aus der auch Sie noch Nutzen ziehen werden?«

»Werde ich wirklich? Ich hoffe, Sie damit nicht bemühen zu müssen.«

Oh, wie haßte ich in jener Stunde die drei Männer unbedenklicher, gewissenloser Tat – nein, nicht sie persönlich, aber die schändlichen Methoden, die sie als selbstverständlich gelten ließen! Wenn ein Bonaparte skrupellos handelt, so ist das nicht minder verwerflich. Muß man ihn nun wirklich mit den 81 gleichen tückischen Waffen bekämpfen? Vielleicht ist das so etwas wie Notwehr? Dann aber möchte ich lieber Unrecht leiden und auf die Macht verzichten.

 

Vor Rotterdam, den 11. April

Ein heftiger Nordweststurm zwang die Jacht, im nächsten Hafen Unterkunft zu suchen. Wir hatten Glück, daß der von Rotterdam, der zweitgrößte Hollands, gerade noch erreichbar war. So fuhren wir die Maas stromaufwärts und ankerten zwischen lauter hohen Seglern. Limoelan, immer zu Abenteuern aufgelegt, schlug seinen Kameraden vor, die Nacht in der verlockend hellen und geräuschvollen Stadt zuzubringen. Mich konnten sie bei ihrem Streifzug durch die Stätten des Vergnügens natürlich nicht gebrauchen, was ich ihnen nur dankte.

Wie ich mich nun so angenehm allein, meinen Gedanken überlassen fand, kam mir der Einfall, ob ich nicht auch einmal auf eigene Faust handeln könnte. »Man muß handeln, wenn man ein Ziel hat«, schärfte der Marquis mir ein, und er hat recht. Mein Ziel aber ist, wenn ich mir denn eins setzen soll, mich seiner Obhut, die zugleich lästige Überwachung ist, zu entledigen. Noch ein volles Jahr zu warten, bis mich meine Volljährigkeit von ihm befreit, erscheint mir reichlich lange. Wer weiß, wohin 82 er mich inzwischen verschleppt, zu welchen Entscheidungen er mich zwingt! Der Plan eines Aufenthalts in England scheint endgültig aufgegeben, über irgendeinen anderen wollen sie sich erst schlüssig werden. Limoelan hat das Heft in die Hand genommen, was meine Lage nicht verbessern wird. Die Fäuste dieses Bravo werden mich immer nur als Werkzeug für seine eigenen Pläne behandeln. Gelänge es mir, mich nach England zu retten, wäre sein Einfluß ausgeschaltet, gleichviel, wie man mich dort aufnimmt. Und ich wäre mit Marion vereint! Eine Gelegenheit wie diese Nacht, so sagte ich mir, kommt so bald nicht wieder. Die Mannschaft der Jacht, besonders der brave bretonische Steuermann, ist mir, glaube ich, ergeben. Halten sie mich auch nur für den Sohn des Marquis, so ahnen sie doch etwas von der Wichtigkeit meiner kleinen Person. Mittel stehen mir reichlich zur Verfügung – meine Mittel, die der Marquis ja nur verwaltet und mir in einem Jahr ohnehin ausliefern muß! Ich weiß, wo er sie verwahrt, und brauchte mir kein Gewissen daraus zu machen, sie zu verwenden. Könnte ich Kapitän und Steuermann bestimmen, in aller Stille eiligst davonzusegeln und den Kurs auf Dover oder besser noch gleich auf London zu nehmen, hätte ich mich in Sicherheit gebracht. Dem Limoelan 83 wollte ich den Wert seines Schiffchens gern hundertfach ersetzen. Dem Marquis gegenüber wäre es eine Eigenmächtigkeit, aber noch lange kein Undank; denn genau betrachtet hieße es doch nur, mich der Gefangenschaft entziehen. Mag es auch die mildeste Form von Gefangenschaft sein, mag er es wirklich gut damit meinen, er ist weder mein Vater noch mein gesetzlicher Vormund, und wenn hier ein Wille zu gelten hat, ist es der meinige.

Das einzige, was der Ausführung im Wege steht, ist der widrige, hartnäckige Sturm, er will nicht abflauen. Undenkbar, die schwache Jacht ihm preiszugeben. Nicht einmal der Küste entlang kämen wir vorwärts. Lasse ich etwas von meinem Plan verlauten und stoße auf Widerspruch, so muß ich damit rechnen, daß die Herren davon erfahren. Sie würden mich künftig nur um so strenger bewachen. Darauf darf ich es nicht ankommen lassen.

Eine Schwäche meines Charakters habe ich somit vor mir enthüllt: es fehlt mir an Kühnheit, zum verwegen Handelnden vom Schlag eines Limoelan, zum Draufgänger bin ich verdorben. Besitze ich dafür die Gabe, mich auf Schleichwegen durchzusetzen? Noch weniger. Alles Verschlagene, Verlogene, Tückische widerstrebt meiner Natur. Das wilde Blut meiner Vorfahren rinnt nur noch dünn 84 und träge durch meine Adern, ich bin nicht berufen, ihren Namen als Eroberer wieder zu Ehren zu bringen – als was aber sonst?

Die Wellen des fremden Flusses schlagen schläfrig an die Planken des Schiffes, das mich in der Irre herumträgt. Meine Sache wäre es, ein anderes zu suchen, um die Küste von England zu erreichen und von dort aus die Heimkehr nach Frankreich zu erzwingen. So lautet der Befehl meines Geblüts, dem irgendeine andere Stimme in mir widerspricht. Es wird mir nicht leicht fallen, zu entscheiden, welcher ich zu folgen habe, und spätestens in Jahresfrist muß ich es doch wissen!

 

Landhaus Mytrecht bei Amsterdam. Anfang September

Eine Fülle neuer Eindrücke und Bekanntschaften ließ mich nicht zu mir selber kommen. Die völlig verwandelte Umgebung, in die man mich versetzte, und was sie mir zu bedeuten haben wird, mußte ich erst in mir verarbeiten. Holland – oder wie man es jetzt nennt, »Die batavische Republik« – soll mich bis auf weiteres beherbergen; schützen wird es den unbekannten Fremden nur so lange, wie es ihn für unverdächtig hält. Denn es wurde ja zum Vasallenstaat von Frankreich.

Ich heiße jetzt wieder für jedermann Léonard 85 Vavel de Versay nach einem früheren Titel des Marquis de Signoles, für dessen Pflegesohn ich gelte, wie in Sous-Jaunay, und wir sind beide Gäste eines Bank- und Handelsherrn Willem van der Valck. Der Marquis muß vom alten Regime her Beziehungen zu ihm oder Empfehlungen an ihn mitgebracht haben. Sonst würde ich nicht verstehen, warum wir gleich so höflich und respektvoll aufgenommen wurden.

Limoelan und Neufville, die unzertrennlichen Spießgesellen, hatten sich zum Glück schon vorher davongemacht. Sie fuhren weiter auf der Jacht, wahrscheinlich die Küste entlang, nordöstlich nach dem deutschen Friesland. Wir aber nahmen von Rotterdam Extrapost nach Amsterdam. Der Paß des Marquis – Gott weiß, woher er ihn hat! – scheint in Ordnung. Emigranten, wenn er diesen zugezählt werden darf, erregen neuerdings nur in Ausnahmefällen Verdacht. Bonaparte läßt sie zunächst nach Belieben kommen und gehen, wohl um sie so leichter unter Beobachtung zu halten.

Vor dem ansehnlichen Hause des Herrn van der Valck am Entrepot-Dock rollten wir in eleganter Kutsche vor; ein gemieteter Lakai besorgte die Anmeldung. Man empfing den Marquis sofort in einem Staatssalon, und mein Vater stellte mich vor.

»Mit Vergnügen las ich Ihren Brief aus 86 Rotterdam, Herr Marquis«, sagte der breitschultrige, würdige Herr mit rotem Genießergesicht. Mich nannte er »mein junger Herr Baron«, und das bin ich nun für alle Welt hier geblieben. In gutem Französisch erkundigte er sich, ob wir eine angenehme Reise gehabt und den letzten Sturm gut überstanden hätten. Über Bonaparte machte er augenblinzelnd ein paar ironische Bemerkungen, besonders über die feierlichen Audienzen, die der Erste Konsul in den Tuilerien abhält, als wäre er schon Monarch, während er Holland seinen Statthalter genommen und das öffentliche Leben hier verpöbelt habe. Er klagte über die schlechten Zeiten: durch die englische Seemacht würde die heimische Flotte nun erst recht überwuchert, der Handel auf Küstenfahrt und inneren Verbrauch beschränkt, die Bank von Amsterdam bis zur Vernichtung erschüttert; sein eigenes Geschäft hätte darunter zu leiden.

»Es steht aber doch noch an der Spitze des niederländischen Handels«, bemerkte mit einer knappen Verbeugung der Marquis.

»Das leugnet niemand, immerhin sind die Verluste spürbar.«

Einigen Andeutungen meines Vaters entnahm ich, daß er die Absicht habe, mein Vermögen – er nannte es »die für meinen Sohn bestimmten Mittel« 87 – dem Hause van der Valck teils in Verwahrung, teils zur Verwaltung zu übergeben, was dessen Inhaber nicht unwillkommen schien.

»Über die Bedingungen im einzelnen sprechen wir noch«, verkündete der Marquis in seiner manchmal großspurigen Art.

Wir erhielten ein behaglich ausgestattetes Appartement, nach der bedrückenden Enge im Kutter und in der Jacht eine wahre Erlösung. Die beiden Herren verstanden sich vortrefflich. Van der Valck hielt gute Tafel, an der außer Mefrouw, einer wohlgenährten stillen Dame, die noch Reifrock trägt, auch die beiden Söhne, älter als ich, doch kameradschaftlich und zuvorkommend gegen den Unerwachsenen, teilnahmen. Dann gab es auch einige Diners mit »Hochmögenden« aus der Stadt, von denen aber blieb ich ausgeschlossen. Mir zeigten Jan und Pieter van der Valck die schöne, wasserreiche Stadt, die auf hundert Inseln, gestützt durch eingerammte Pfähle, steht und von zahlreichen, tiefen, schlammigen Kanälen und ihren mit Ulmen bestandenen Grachten durchzogen wird. Das van der Valck'sche Patrizierhaus blinkt vor Sauberkeit, auch Korridore und Flur sind mit dicken, kostbaren Teppichen bedeckt. Docks und Hafenbassins, von alten Bäumen umstanden, reihen sich aneinander, der Hafen ist riesig, belebt von 88 Fahrzeugen aller Art und aller Nationen. Freilich erlebe ich hier, wenn ich von den verblaßten Erinnerungen an Versailles absehe, die erste große Stadt, wohl nur deshalb erscheint sie mir so imposant. Ihr Straßengetriebe betäubt mich oft. Die vielen Leute, fast alle blond und derb, sind ruhiger, aber auch heiterer als die Bauern in der Vendée, sehen weniger ärmlich aus; selbst die Kinder gehen gesittet durch die Straßen. Ein anständiger, liebenswerter Volksschlag, wie mich dünkt. Ich hoffe, seine Sprache bald zu beherrschen, damit ich mich leichter mit ihm verständigen kann. Die jungen Herren, mit denen Jan und Pieter mich einige Male beim Flanieren auf der Heerengracht und bei Segelfahrten auf der Zuider See zusammenbrachten, sprachen als fertige Dandys französisch mit mir, sind gar nicht neugierig, was mich angenehm berührt, nehmen mich einfach als Sohn eines reisenden Herrn von Stande hin. In den Geschäften sieht man viel kostspieligen Tand, der das Auge blendet, mich aber nicht zum Kaufen lockt. Das reichliche Taschengeld, mit dem mich der Marquis bedenkt, findet keine Verwendung. Es genügt mir, all das Fremdartige, besonders aber die Menschen, unter denen ich nun leben soll, genau zu betrachten.

Ich spreche, als wäre das mein tägliches Geschäft. Doch das ging nur die ersten Wochen so, jetzt komme 89 ich selten hinüber nach der Stadt. Der Marquis wünscht meine Zurückgezogenheit, ich verstehe ihn und trage kein Verlangen, sie aufzugeben. Nur Sonntags finde ich mich jedesmal zur erweiterten Familientafel der van der Valck gefügig ein und erhalte meinen Platz zwischen zwei Nichten von Mefrouw, die ich mit eingelernten Brocken meines Holländisch zu unterhalten suche. Es sind rotbäckige, etwas verlegene junge Mädchen, mit Marion in keiner Weise zu vergleichen, wie Geschöpfe von einem anderen Planeten.

Bald brachte man mich hier heraus, in diese einsame Villa von Mijnheer van der Valck, die ich eigentlich allein bewohne; denn der Marquis hat zwar auch zwei Zimmer hier, übernachtet aber nur ausnahmsweise darin und sieht sich nur auf wenige Stunden, in immer längeren Zeiträumen, nach mir um. Zur Bedienung habe ich eine gefällige Kammerfrau und allenfalls noch den Gärtner. Ich speise allein, ohne Begleitung mache ich meine Spaziergänge durch den hübschen Garten, der im Frühjahr in der Pracht seiner Tulpen- und Hyazinthenbeete leuchtete, den Sommer über von Rosen duftete, jetzt aber vom Gärtner vernachlässigt wird.

Der merkwürdigste und wichtigste Mensch, der in meinen Gesichtskreis trat, ist der Magister Amann, 90 der vom Marquis für mich bestellte Lehrer. Dieser kleine Deutsche wirkt auf mich mit ungeheurer Kraft, und zwar so verwirrend, so aufwühlend, daß ich mir erst noch über ihn klarwerden und zu seinen Ideen wie zu seinem ganzen Wesen Stellung nehmen muß. Seine Erscheinung hat gar nichts Bestrickendes: auf einem in zerknittertem Rock und schäbigen Pantalons steckenden dürren, schlenkrigen Körper sitzt ein unverhältnismäßig großer Kopf, der Kinderkopf eines Dreißigjährigen, von dem dichtes, hellblondes Haar in langen, wirren Strähnen herabhängt. Sein Gesicht hat knabenhafte aber plumpe Züge, nur verschönt durch große, seelenvolle Augen von einem dunklen Saphirblau. Sein gebrochenes Französisch klingt hart und hölzern, und doch hat seine Stimme, besonders wenn er sein Deutsch in langen Perioden hervorströmen läßt, einen weichen, schwärmerischen Klang, dieses schwierige Deutsch, das er mir beibringen soll. Der Marquis meint nämlich, ich würde es vielleicht bald brauchen können. Magister Amann ist ihm von Mijnheer van der Valck als ein tüchtiger und kenntnisreicher Lehrer empfohlen worden, nebenbei soll er auch noch meine Lücken in Geographie und Naturkunde ausfüllen. Tatsächlich scheint er aber mit allen Gebieten vertraut zu sein und brennt darauf, mich darin einzuführen.

91 Er ist täglich für zwei Vormittagsstunden zum Deutsch-Unterricht verpflichtet, bleibt jedoch freiwillig fünf. Ich lasse mir das gern gefallen; denn er versteht es, mich mit jedem Wort zu fesseln und in Atem zu halten. Anstrengend, ihm zuzuhören, aber, wie ich deutlich spüre, für mich von unermeßlichem Gewinn.

Soeben höre ich ihn kommen; denn es ist neun Uhr, und der Unterricht beginnt.

Ich breche ab.

 

Den 16. September

Die einsamen Regennachmittage wären leichter zu ertragen, wenn mich nicht immer das bange Warten quälte, der Mangel jeder Nachricht über Marion. Seit uns François damals im Hafen von Calais verließ, hat er nichts mehr von sich hören lassen. Welchen Erfolg hat seine Sendung nach Amesbury gehabt? Befindet er sich noch in England mit andern Aufträgen, oder ist er längst nach Paris zurückgekehrt? An Marion schrieb ich schon zweimal, ohne Antwort zu erhalten. Sie kennt meine Adresse und hätte sie, wenn sie selbst keine Äußerung wagte, wenigstens unsrem Getreuen mitgeteilt. Ihre beiden Damen überwachen sie gewiß scharf, dennoch kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum sie ein Lebenszeichen von ihr an mich verhindern 92 sollten. Eifrig lese ich die »Gazette anglaise«, die seit Friedensschluß von unsern Emigranten in London herausgegeben wird. Daß sie den Namen der kleinen Marie-Thérèse d'Orléans nie erwähnt, ja vielleicht nicht einmal kennt, läßt sich erklären, solange ihr Vater sie nicht öffentlich anerkannt hat. Sie bringt zuweilen kurze Bulletins über Condé Vater und Sohn, aber nichts, was auf den Aufenthalt des Kindes bei ihnen schließen läßt. Im Juni erschien einmal eine Notiz, daß Prinz Heinrich Condé von einem Pariser Erpresser belästigt würde, der aber abgeschüttelt und davongejagt worden wäre; das konnte sich doch unmöglich auf den braven François beziehen!

Durch die geöffneten Fenster schweift mein Blick hinaus über die flache, neblige Landschaft mit den vereinzelten Windmühlen, deren Flügel sich im trägen Westwind langsam drehen. Gefleckte Rinder stehen regungslos unter ihnen auf der Weide. Hinter den zwei Reihen Ulmen, die den Garten abschließen, dehnen sich bis zu dem ausgetrockneten »Harlemer Meer« unübersehbare gelbe Stoppelfelder. Ein Bild, das mich immer wieder an die Vendée erinnert. Auch dort sann ich von meinem Turmzimmer in Sous-Jaunay so oft trübe gestimmt hinaus über das öde Meer und fragte mich, was der Marquis wohl über mich beschlossen habe, Dort hatte ich freilich 93 Marion zur Seite, die ein ähnliches Geschick und die gleiche unsichere Zukunft mit mir verband. Sie war immer fröhlich, da sie ja ihre Mutter bei sich hatte. Ich aber lebte nur von Gnaden des Marquis. Sein Schloß war keine Heimat und sollte niemals eine werden. Dazu lastete auf mir und wird ewig lasten die unsagbar gräßliche Erinnerung. Noch stöhnt meine gemarterte Seele unter den Nachwehen des Wahnsinns, der sie fast vernichtet hätte. Nein! Wohin verliere ich mich wieder! Nie mehr daran denken, das habe ich mir geschworen! Die gespenstischen Schatten auflösen in Vergessenheit!

Über die Gegenwart darf ich nicht klagen, sie zeigt Lichtblicke, die meine Genesung fördern, und die Menschheit von ihrer guten Seite. Am meisten hoffe ich jetzt von meinem Lehrer Amann, nicht Rat oder gar Hilfe – weltunerfahren findet er sich nur im Raum der Ideen zurecht –, aber das Herz eines Freundes und geistige Führerschaft.

Gleich unsre erste Begegnung verlief verheißungsvoll. Am Himmelfahrtstag – ich wohnte damals noch in Amsterdam – brachte ihn der alte Herr van der Valck unvermutet zu mir herein. »Da haben Sie Ihren Schüler, Herr Magister!« sagte er nur. »Machen Sie sich mit ihm bekannt!« Günstigerweise fand unsre erste Unterredung ohne den Marquis 94 statt, der zufällig um dieselbe Stunde ein Stelldichein mit einer seiner galanten Damen hatte.

»Sie sind der Baron Vavel?« rief formlos das unscheinbare Männchen. »Ein Jüngling mit gebleichtem Haar? Knabe, Mann und ein Stück Greis in einem?! Ich sehe eine würdige Aufgabe vor mir.«

»Das will ich hoffen. Zweifeln Sie nicht an meinem Eifer!« erwiderte ich. Er behielt meine Hand lange in der seinen und musterte mich dabei nachdenklich mit seinem warmen, offenen Blick:

»Ihr Vater hat mir nur von Ihrem bisherigen Unterricht gesprochen, nicht von Ihren Lebensumständen, nicht von der Neigung und Begabung Ihrer Natur. Das müssen Sie nachholen, bevor wir beginnen.«

»Sie sollen erfahren, was nötig ist.«

»Also nicht alles? Gut! Schon das ist ein Hinweis, den ich achten und in Betracht ziehen werde. – Sie lernten bisher nur bei einem Abbé?«

»Ja, bei einem der freigeistigen aus dem Kreis der Enzyklopädisten; er lebte seit Beginn der Revolution auf dem Schlosse des Marquis Signoles.«

»Schätzten Sie ihn?«

»Er war klug und voll Esprit, ließ mich aber gleichgültig.«

»Ach, das ist mir lieb – entschuldigen Sie, 95 Léonard! Ich darf mich doch mit Ihrem Vornamen begnügen?«

»Ich bitte darum. Was den Abbé betrifft, so mißverstehen Sie mich nicht! Er hat mich viel Wissenswertes gelehrt, seine Methode war leicht faßlich und angenehm.«

»Sie faßten leicht und waren angenehm. Darüber bin ich nun beruhigt.« Er brach in ein herzhaftes, kindliches Lachen aus und klopfte mich auf die Schulter. »Wir werden prachtvoll zusammen arbeiten. Ich freue mich darauf, etwas aus Ihnen zu machen, und zwar in kurzer Zeit.«

»Um so besser, Herr Magister. Es eilt mir damit.«

So bahnte sich sofort der volle Einklang zwischen uns an. Bei meinem Umzug hierher hätte ich ihn gern als Hofmeister und Hausgenossen mitgenommen, doch der Marquis bestimmte, daß er mich täglich nur am Vormittag besuchen dürfe und stellte ihm dafür eine Kalesche zur Verfügung.

Wenn ich von dem Mann und seiner Art, mich anzupacken, sprechen soll, so weiß ich nicht, wo anfangen. Er ist wie von einem Dämon besessen, aber einem guten. Studium und Denken, Kenntnisse, Überzeugungen und ganz sich selbst auf mich zu übertragen, entflammt ihn wie eine Leidenschaft. Verwandelt zu einem gläubigen Propheten, zu einem 96 hinreißenden Redner, stürmt das sonst sanfte, behutsame Magisterlein in der Stube auf und ab, seine Augen glühen, seine langen, dürren Hände gestikulieren und formen die Perioden zu einem Zug lebendiger Gestalten. Er schwärmt, aber nicht als Phantast, sondern begeistert von seinem Stoff, dem Gedankengut der großen Männer aller Zeiten, das er vor mir ausbreitet. So führt er mich, mein Griechisch verbessernd, in die Philosophie des Plato ein, läßt mich die römischen Geschichtsschreiber, besonders den Tacitus lesen, übersetzen und mit eigenem Kommentar versehen, hat mich an Zeitungsnachrichten Holländisch verstehen und sprechen gelehrt, so bin ich schon vertraut mit der Grammatik und dem Sinn der deutschen Sprache, an der Hand ihrer neuesten Autoren. Da ist vor allem Wolfgang Goethe sein Abgott, von dem ich schon in Sous-Jaunay die »Leiden des jungen Werther« auf französisch las. Der lebt in Thüringen als Minister eines Herzogs und soll Deutschlands erstes und einziges Genie sein. Ich lernte nun von ihm ein neues Werk, den Roman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« kennen und seine frühen Gedichte, die sich mir so tief einprägten, daß ich eins von ihnen nachts im Traum vor mich hinsagte und davon unter Tränen erwachte. 97

 

Den 6. Oktober

Gestern nach dem Unterricht zog Magister Amann plötzlich einen Brief aus seiner Mappe und übergab ihn mir mit verschmitztem Lächeln: »Von einem fremden Herrn, der in Amsterdam meine Bekanntschaft suchte.«

Erst erschrak ich, denn fremde Herren sollen sich lieber nicht um mich kümmern. Dann aber, als ich die Handschrift erkannte, stieß ich einen Freudenschrei aus: er war von François.

»Es ist mir gelungen, die deutsch-holländische Grenze unbemerkt zu überschreiten«, schrieb er, »und Ihre gegenwärtige Wohnung ausfindig zu machen. Der Herr Marquis darf von meiner Anwesenheit nichts wissen. Haben Sie deshalb die Güte, mich insgeheim möglichst sofort zu treffen. Ich warte auf Ihre Befehle, lieber gleich auf Sie selbst, in der Ulenspiegel-Schenke, die an der Straße nach Amsterdam liegt. Ihr Lehrer, der mir Vertrauen einflößte, hat mir versprochen, gegen jedermann zu schweigen.«

Ich erklärte dem Magister, daß die sofortige Zusammenkunft mit diesem alten Freund und Diener für mich von größter Wichtigkeit wäre, und bat ihn, mich auf seiner Heimfahrt im Wagen bis zu der genannten Schenke mitzunehmen. Unterwegs fragte ich ihn nach seinen Beziehungen zu François aus; 98 sie besteht erst seit wenigen Tagen. Der Fremde hätte ihn eines Tages in seinem Stübchen aufgesucht und sich mit nichts anderem eingeführt, als daß er von ihm als dem Lehrer des jungen Baron Vavel gehört und Grüße von auswärts an diesen zu bestellen habe; er appelliere an seine Verschwiegenheit.

»Ich sagte ihm, daß ich mich als Ihren Freund, ihn also als meinen Bundesgenossen betrachte.« Schüchtern wagte er hinzuzufügen: »Es wird sich wohl um eine junge Dame handeln?«

»Nur um ein Kind,« erwiderte ich, »um meine Jugendgespielin von Sous-Jaunay, um die ich schon lange in Sorge bin.«

»Nun, darüber braucht der Herr Marquis nichts zu wissen.«

François stand schon vor der Tür des Wirtshauses. Er war mit Brille, Backenbart und hoher Halsbinde schwer zu erkennen; in seinem langen Pelerinenmantel konnte man ihn für einen Reisenden von Stand halten. Ich stieg ab, und der Magister fuhr weiter. Bevor noch der Wirt herbeigeeilt war, raunte mir François zu: »Wir dürfen uns hier nicht kennen. Nehmen Sie drin ein Glas Bier, ich setze mich dann zu Ihnen.«

So konnten denn in der Tat weder der Wirt noch einer der bäuerlichen Gäste, die in ihren Holzpantoffeln herumsaßen, den Eindruck haben, daß wir 99 zusammengehörten, und es fiel auch nicht auf, als wir, nachdem jeder seinen Schoppen bezahlt hatte, uns gemeinsam entfernten. Auf der Straße dahinschlendernd, zogen wir uns bald in ein Gehölz zurück, wo wir uns, auf einen Baumstamm gelagert, endlich in Ruhe aussprechen konnten.

Ich wußte nichts zu erzählen, was François nicht schon in Amsterdam erkundet hatte, er aber berichtete ausführlich eine Menge Neuigkeiten, leider nur recht betrübliche:

Zunächst beruhigte er mich über Marions augenblickliche Lage in Deutschland, und konnte mich sogar mit einem eigenhändigen Kärtchen von ihr beglücken. Die Expedition zu ihrem Vater, in Begleitung der Gräfin von Noailles und des Fräulein von Somaris, war völlig mißglückt. Prinz Henri Condé hatte sie überhaupt nicht vor sich gelassen, ebensowenig wollte der Alte von der Sache etwas hören, weil sie ihn gar nichts anginge. Wochenlang hatten die Damen in London zwecklos ihre Zeit verloren, bis zur Ankunft von François, der nun mit den Schriftstücken in der Hand einen neuen Vorstoß wagte. Das aber lief noch übler ab.

Er stellte den Prinzen Henri auf einem Spazierweg nahe der Abtei und flehte ihn im Namen seiner früheren Gemahlin, der Prinzessin von Orléans, an, 100 ihm doch für eine halbe Stunde Gehör zu schenken. Der Begleiter Condés wollte ihn mit dem Stock verjagen, da erhob François die Billetdoux mit dem Datum 1788, die der Prinz durch seine Hand seiner Gemahlin zugesandt hatte, worauf Henri Condé mit ihm allein eine Strecke voranging.

Was es mit diesen zärtlichen Zuschriften auf sich hatte, erfuhr ich jetzt erst von François:

»Monsieur Léonard sind ein erwachsener junger Herr und bald vielleicht der notwendige Beschützer von Prinzessin Marie-Thérèse. Ich kann und darf Sie nicht länger über die Beweise ihrer Abkunft vom Hause Condé im unklaren lassen.

Wie Sie wissen, hat Henri Condé-Bourbon 1771 die um sechs Jahre ältere Mademoiselle d'Orléans aus dem Kloster entführt und geheiratet. Sie wurde durch ihn Mutter des Herzogs Louis-Henri von Enghien, der jetzt als Emigrant in Baden lebt und immer noch für Condés einziges Kind, für das letzte seines Namens, gilt. Zehn Jahre später trennte er sich von ihr und behielt den Sohn bei sich in Versailles, während sie sich nach Paris zurückzog. Ich stand damals schon in beider Diensten, und zwar als Maître de Palais, darf sagen als eine Art Vertrauter; denn sie hatten mir auch die erste Aufsicht über den kleinen Prinzen übergeben. Daß Condé 101 seine Gemahlin im Stiche ließ, lag nur an seiner Flatterhaftigkeit. Ihre überlegene Reife und fast mütterliche Fürsorge wurden ihm unbequem, er jagte jungen Damen des Hofes nach und machte aus seiner Schwäche kein Hehl. Mich behielt die Prinzessin bei sich und übergab mir die Verwaltung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten.

Genau ein Jahr vor der Erstürmung der Bastille aber siedelten wir nach Versailles über, in ein stilles, kleines Haus am Rande des Wäldchens von Marly, in vollster Zurückgezogenheit vom Hofe; denn Madame hatte alle Beziehungen zur großen Gesellschaft abgebrochen, sah nur einige alte Freundinnen, ein paar Abbés und Gelehrte von der Akademie bei sich, mit denen sie ernste Gespräche zu führen liebte. Einen Grund für den plötzlichen Wechsel des Aufenthalts vermag ich nicht anzugeben, sie befahl ihn nur; vielleicht ahnte sie die kommende Unruhe des Pariser Pöbels. Eine schöne, stattliche Frau war sie noch immer, ihre Herzensgüte und sanfte Schwermut von besonderem Charme. Ich weiß auch, daß sie Henri Condé nicht vergessen konnte; aber dessenungeachtet und bei aller schmerzlichen Sehnsucht, ihren Sohn wiederzusehen, vermied sie jeden Schein von Annäherung an den treulosen Gatten. Daß sie hoffte, beide in Versailles, wenn auch nur von ferne, 102 zu sehen, war ihr wohl zuzutrauen, doch vergab sie sich in dieser Hinsicht nicht das geringste.

Um so merkwürdiger war, daß im Prinzen selbst ein neues Interesse für sie erwachte, freilich zunächst kaum spürbar. Ob er sie nun bemerkt oder beobachtet, ob der zu einem klugen, lebhaften Jüngling heranwachsende Louis-Henri nach der Mutter verlangt hatte, kurz, dieser erschien eines Abends, im Schutz der Dunkelheit unerkannt, an unsrer Pforte, fragte nach mir und durch mich, ob meine Herrin ihn wohl empfangen würde. Ich war dessen sehr froh und die Mutter überglücklich. Zwei- oder dreimal kam er zu ihr, wobei ich dafür zu sorgen hatte, daß niemand etwas davon merkte. Dann blieb er weg, an seiner Stelle aber traf der Vater ein. Ich vermute, daß es Louis-Henri war, der diese Zusammenkunft vermittelt hatte, die Eltern wiederzuvereinigen. Sein Feingefühl und seine kindliche Zärtlichkeit brachten mich auf diesen Einfall. Ich wurde also Zeuge – ich allein und niemand sonst –, daß der Prinz Condé zu wiederholten Malen, zunächst spät abends, dann auch mitten in der Nacht, seine Gemahlin besuchte, nachdem er ihr durch mich als Boten seinen Wunsch, schließlich sein dringendes Verlangen, sie zu sehen, und seinen Dank für die Erfüllung in versiegelten Briefchen kundgetan hatte. 103 Die Prinzessin verwahrte sie und ließ sie ihm jetzt durch mich vorweisen, sein offenbar schwach gewordenes Gedächtnis zu unterstützen. Denn ihr Geschick hatte beschlossen, daß sie noch einmal Mutter von ihm werden sollte. Sie wußte diese Aussicht vor jedem, auch vor ihm zu verbergen. Das Strohfeuer seiner Verehrung für sie war ohnehin bald wieder erloschen, Sorge und Angst um des Hofes und damit seine eigene Zukunft gewannen über seine galanten Regungen die Oberhand, und die Geburt des Töchterchens traf, wie ich Ihnen früher schon erzählte, zusammen mit seiner, seines Vaters und seines Sohnes eiliger Flucht nach Deutschland. Möglich, aber kaum glaubhaft, daß er, wie er mir gegenüber beim Anblick der Briefe gereizt behauptete, von der Existenz dieser Tochter nie etwas vernommen habe. Die Geburtsanzeige sollte in Versailles und Paris wahrheitsgemäß und öffentlich erfolgen und, wie üblich, von den Kanzeln herab verkündet werden: dem Prinzen Henri von Condé sei eine Tochter geboren worden, die den Namen Marie-Thérèse erhielt. Allein das Marschallsamt erhob dagegen Einspruch, da die Bestätigung des Vaters fehlte und auch nicht zu erreichen war. Marie-Thérèse Condé-Bourbon wurde in die Register nur als Tochter der Prinzessin von Orléans (Vater 104 unbestimmt) eingetragen und am Hofe auch in der Folgezeit nur als solche betrachtet. Niemand außer mir wußte ja etwas von der kurzen Aussöhnung der Gatten, niemand hielt sie überhaupt für möglich, und der junge Herzog d'Enghien hat sich nie dazu geäußert.

Meine hohe Herrin löste daraufhin ihren Hausstand in Versailles auf, tief verletzt und nahezu verzweifelt. Nur von mir und zwei ihrer Damen begleitet, der Gräfin von Noailles und dem Fräulein von Somaris, begab sie sich mit Marion in die Vendée, wo wir bald auf diesem bald auf jenem Gute in Verborgenheit lebten, bis wir im Kloster Saint-Eustache bei Sous-Jaunay dauernd Unterkunft fanden.

Prinz Condé ließ es zu einer Unterredung mit mir gar nicht erst kommen. Ich bat ihn ehrerbietig, wenigstens Einsicht zu nehmen in die Geburtsurkunde und in das Gutachten des Accoucheurs. »Man lasse mich in Ruhe mit solchem Schwindel!« schrie er mich an. »In Frankreich ist alles bestechlich geworden!« »Monseigneur«, gab ich zu bedenken, »die Urkunden sind noch unter dem Königtum und von königlichen Beamten ausgestellt worden. Monseigneur wissen selbst am besten, daß nur Sie der Vater von Prinzessin Marie-Thérèse sein können. Retten Sie die Ehre Ihrer Gemahlin, geben Sie dem unschuldigen Kinde das Recht auf seinen Namen!« 105 Er rief seinen Begleiter herbei und befahl, mich festzunehmen, falls ich nicht sofort Amesbury und den Boden Englands verließe. Was blieb mir übrig, als die schleunige Rückfahrt nach London! Aber dort hatte ich kaum Zeit, den Damen Marions meinen schmerzlichen Bericht zu erstatten, als ich von der britischen Polizei eine Vorladung erhielt. Condé hatte mich als geheimen politischen Agenten Bonapartes denunziert, es fiel mir bei der Vernehmung schwer, den Engländern diesen Unsinn zu widerlegen. Um wenigstens die Dokumente und Briefe zu retten, die sie mir abnehmen wollten, flüchtete ich bei Nacht und Nebel und schließlich ausbrechendem Sturm zurück nach dem Kontinent; aber nicht nach Frankreich, sondern als Schiffskoch verkleidet, auf einem deutschen Segler nach Bremen.

Von dort aus erbat ich mir, beschämt über meinen kläglichen Mißerfolg, neue Instruktionen von der Prinzessin Orléans. Sie wollte den Kampf nicht aufgeben; die Art, wie er zu führen sei, legte sie in mein Ermessen. Beim Polizeiminister Fouché hatte sie für ihr gutes Recht kein Verständnis gefunden, er lehnte es ab, sich mit Familienangelegenheiten der Royalisten zu befassen, und empfahl ihr sehr deutlich, den »Zankapfel«, das Kind, nicht nach Frankreich zu bringen. So schwer es ihr wurde, sich von 106 Marion zu trennen, sah sie doch ein, daß Condé von Deutschland aus noch am ehesten gefügig zu machen wäre; nötigenfalls könnte ich dort auch den Beistand des Herzogs von Enghien in Anspruch nehmen. Marions Name und Zukunft sollten um jeden Preis sichergestellt werden, darauf allein käme es ihr an. Ich fürchte sehr, sie schämt sich ihres Kindes, solange es keinen Vater hat, und wird es loszuwerden suchen, wenn dieser nicht umzustimmen ist. Sonst hätte sie die Reise zu Marion doch wohl möglich machen können.

Ich suchte also vor allem ein Asyl für die arme kleine Prinzessin. Nach längerem Bemühen glaubte ich das geeignetste in der Stadt Münster gefunden zu haben, einem in Westfalen gelegenen, unabhängigen Bistum. Dorthin reisten nun auf Befehl der Prinzessin die beiden Damen mit Marion. Dort lebt unser Schützling, ziemlich zufrieden, nur unter der Sehnsucht nach ihrer Mutter leidend.

Auch von Ihnen spricht sie viel mit mir. Sie war es, die mich bestimmte, Ihnen persönlich Nachricht zu bringen. Sie sehen mich erfreut, daß mir dies wenigstens gelungen ist, doch schwer bedrückt von meiner eigentlichen Aufgabe, mit der es nicht vorwärtsgehen will. Nach Amesbury richtete ich im Lauf des Sommers verschiedene Schreiben, die einen immer entschiedeneren Ton anschlugen, glaubte es 107 auch verantworten zu dürfen, daß ich mit Veröffentlichung der Urkunden drohte, falls sich der Prinz nicht zum Einlenken entschlösse. Eine Antwort darauf habe ich nie erhalten. Prinzessin Marion wurde auf Wunsch der Mutter in die sie angehende Sache eingeweiht, aber sie bittet immer nur unter Tränen, nicht weiter auf ihrem Recht zu bestehen, sondern sie heimzubringen nach Paris.«

Nun las ich noch einmal, sorgfältig, Wort für Wort, ihre geliebten Zeilen:

»Mein lieber Freund Léonard! Unser guter François wird Dir, wenn er sich nach Holland durchschlägt, meine innigsten Grüße überbringen. Du sollst dazu von mir selber wissen, daß es mir gut geht und die Damen für mich sorgen. Sie sind streng und lassen mich nicht aus den Augen, das muß wohl so sein. Wir wohnen in einem Stift der Ursulinerinnen, wo ich mit lauter deutschen Mädchen zusammen unterrichtet werde, ich spreche also schon ganz gut deutsch. Wann werden wir uns wiedersehen? Mache es möglich, ich bitte dich darum! Nur mit Dir kann ich sprechen, wie man mit einem Freunde spricht, und danach verlangt mich so sehr! François wird dafür sorgen, daß kein Brief von Dir meinen Hüterinnen vor die Augen kommt.

Deine Marion.«

108 »Die Prinzessin Orléans wird dir, du braver François«, so wandte ich mich an ihn, »gewiß ihren Dank für deine aufopfernden Mühen und Bedrängnisse ausgesprochen haben. Aber auch ich möchte dir sagen, wie sehr ich deine Treue bewundere und verehre. Daß du nun auch noch diese Reise für mich hierher unternahmst, verpflichtet mich dir noch tiefer. Du darfst nicht traurig sein über den mangelnden Erfolg bei Henri Condé. Mehr, als du getan hast, war ja im Augenblick nicht möglich.«

»Ihre Anerkennung, Monsieur Léonard«, erwiderte er, »muß mich darüber trösten, daß ich mich so schlecht bewährt habe. Wenn Sie selbst einen Rat oder Befehl für mich haben, wie ich nun gegen den Prinzen vorgehen soll, so werde ich Ihnen gehorchen. Ich fühle mich jetzt im Dienste der Prinzessin Marion.«

Was hätte ich beschließen, was ihm befehlen sollen? Die Lage Marions war so von Grund aus verändert, so undurchsichtig, daß ich den Wünschen ihrer Mutter nicht vorgreifen durfte. Vor allem mußte ich wissen, ob wir uns auf die beiden Damen verlassen konnten. Ich kannte sie flüchtig von Sous-Jaunay her und machte mir nicht viel aus ihnen. Die Gräfin, Tochter eines reichen Steuerpächters, daher selbst als Witwe des Grafen von Noailles, der 109 guillotiniert worden war, ohne Verbindung zu den Emigranten von Rang, schien der Prinzessin Orléans ergeben, aber auf eine unangenehm kriecherische Manier; mehr verschlagen als gescheit, hatte sie ihren eigenen Vorteil immer am besten wahrzunehmen verstanden. Fräulein von Somaris, ältlich und säuerlich, hatte früher einen schöngeistigen Salon gehabt und sich während der Revolution an die Fersen der Gräfin geheftet, von der sie sich abhängiger fühlte als von der Prinzessin. François sollte mir sagen, wie weit sie sich Marions Zuneigung erworben hätten. Darüber wagte er kein Urteil abzugeben. Marion zeige sich ihnen folgsam, doch ohne Wärme. Ein herzliches Verhältnis zu ihnen werde sich wohl nie anbahnen. Nur mit mir würde sie sich darüber aussprechen wollen.

»Wie kann sie das, François!« erwiderte ich bekümmert, »ich sehe keine Möglichkeit, zu ihr zu gelangen.«

Er hatte es für richtig gehalten, der Gräfin den Zweck seiner Reise zu verheimlichen. Daß ich mich in Amsterdam befinde, weiß sie; also erbat er sich Urlaub nicht für Holland, sondern nur für eine Erkundungsfahrt durch die Quartiere der Emigranten am Rhein, um zu berichten, wie man sich dort zu Bonaparte einerseits und zu den Engländern 110 andrerseits verhielte; denn zwischen beiden beständen schon wieder scharfe Gegensätze, die bald zu einem ernsten Zusammenstoß führen könnten. Beide rüsteten bedrohlich.

»Wir müssen uns, glaube ich, zunächst ganz ruhig und unauffällig verhalten«, meinte ich, »bis neue Verhältnisse neue Dispositionen ermöglichen.«

Vorsorglich hatte er eine Mappe mit Schreibzeug mitgebracht. Auf den Knien schrieb ich in Eile einen Brief für Marion, der leider nichts Besseres enthalten konnte als den Ausdruck meiner unwandelbaren Freundschaft, Trost und Mahnung, noch eine Weile auszuharren und François' Hilfe in Anspruch zu nehmen, sobald es nötig wäre.

Dann trennten wir uns bewegt, und ich kehrte zu Fuß heim nach meinem Landhaus.

 

Dezember 1802

Mich in meine Studien zu vergraben, ist der einzige Ausweg vor dem immer wieder andrängenden Heer gespenstischer Erinnerungen, die mich zermalmen wollen, und der Sorge um Marions Verlassenheit. Sie beantwortete meinen Brief bald nach François' Rückkehr, doch konnte ich daraus nichts weiter entnehmen, als daß sie sich Gewalt antut, in ihrer Klosterenge die kleinen Pflichten zu erfüllen, 111 die man ihr auferlegt: lernen, Messe und Andachten hören, Fräulein von Somaris bei Einkäufen in die Stadt begleiten, ihren Klagen über den Wandel der Zeiten geduldig lauschen.

Magister Amann ist auf meine Zusammenkunft mit dem fremden Franzosen mit keinem Wort zurückgekommen, nur eine gewisse teilnehmende Neugier merkte ich ihm an. Jene finstere Periode meiner Kindheit, die auch ihm verborgen bleiben muß, gibt ihm ein unlösbares Rätsel auf; er weiß, daß darin der Schlüssel zum Verständnis meines Wesens und meines äußeren Daseins liegt. Solange er es nicht ergründen kann, fühlt er sich als Lehrer, zum mindesten als Erzieher, der er zugleich sein möchte und, was mich anbelangt, auch sein soll, gehemmt.

Seit einigen Wochen treibt er mit mir hauptsächlich neueste europäische Geschichte und Philosophie. Beides hängt für ihn eng zusammen. Die Weltgeschichte vermag er nur philosophisch zu erklären, und der Wandel der Weltweisheits-Systeme scheint ihm bestimmt von den Schicksalen und Erfahrungen der Menschheit. Unsre großen französischen Autoritäten, Rousseau, Voltaire, Diderot und die andern Enzyklopädisten, hält er für überwunden, widerlegt und erledigt durch das abscheuliche Ergebnis ihrer Lehren, die Revolution. Muß ich ihm darin nicht 112 beistimmen? Es wird ihm nicht schwer, mich davon zu überzeugen. Ihrem zerstörenden Einfluß stellt er den sittlichen Aufbau seiner eigenen Lehrer, der Professoren Kant und Fichte, gegenüber, die einer künftigen Größe seines Vaterlandes die Wege weisen würden. Als ob er dazu angestellt wäre, mich in einen Deutschen zu verwandeln! Das liegt wahrlich nicht in der Absicht des Marquis, ich selber sträube mich nicht dagegen, von den Franzosen habe ich fürs erste genug!

Auf die Notwendigkeit, zu handeln, kam auch er zu sprechen, so wie damals auf dem Schiffe Limoelan und der Marquis, nur in einem ganz gegensätzlichen Sinne, den ich wie erlöst für mich gelten lasse. Er verwies mich auf Fichte, der verlangt, man solle allerdings immer zu handeln bestrebt sein – frei zu handeln, um sittlich immer freier zu werden. Alles Handeln solle nun eine Reihe von Handlungen bilden, deren keine gleichgültig sein kann, die nur dazu dienen, den Menschen seiner göttlichen Bestimmung entgegenzuführen. Richtig handeln wir, wenn wir dem Ruf unsres Gewissens folgen. Die Richtigkeit unsrer Überzeugung und erfüllten Pflicht wird bestätigt durch ein stolzes Gefühl von Wahrheit und Gewißheit in uns selbst.

Dieses Gefühl glaube ich in der Tat zu spüren, 113 wenn ich mich prüfe, ob ich recht gehandelt habe, wenn ich die vergangenen Monate über nichts anderes tat, als mich meiner Ausbildung zu widmen. Ausbildung zu welchem Beruf? Zu keinem anderen, als ein Mensch von Rang zu werden, wie ich es verstehe, nicht einer jener Herrschsüchtigen, die sich Macht erobern wollen. Und selbst wenn das mein Ehrgeiz erstrebte oder dereinst doch noch erstreben würde, müßte seine Grundlage ein umfassendes Wissen sein. Nein, ich habe gegenwärtig keine wichtigere Aufgabe, als an mir selbst zu arbeiten, damit ich die volle Freiheit erlange, so über mich zu entscheiden, wie es meiner Bestimmung entspricht. Erst wenn ich diese als sittliches Gebot in mir erkannt habe, werde ich die Reihe meiner Handlungen im einzelnen daraus zu entwickeln vermögen.

»Sie neigen dazu, Léonard«, sagte mir Amann neulich, »auch ein Unterlassen als Handeln zu bewerten. Das ist an sich kein Irrtum. Nur muß auch die Unterlassung einem Entschluß, nicht einer Schwäche entspringen. Wer sparsam umgeht mit seinen Vorstößen, erreicht oft mehr als jene unruhigen Geister, die alle Hindernisse nur im Sprunge nehmen wollen.« 114

 

Den 24. Februar 1803

Jans und Peters Großohm Cornelius van der Valck, den ich bisher nur ein paarmal an der Familientafel traf, wobei ich in ihm nicht viel mehr sah als einen wunderlichen alten Gecken, soll auf einmal eine besondere Bedeutung für mich erhalten. Sein Neffe Willem und der Marquis holten ihn neulich mit mir nach einer Vorstellung an der Italienischen Oper ab. Zusammen fuhren wir in sein Haus an der Prinsenstraat, ein üppig ausgestattetes Junggesellenheim. Er bewirtete uns mit altem Rotwein und seltenen Delikatessen und bot mir aus einer goldenen, mit Brillanten besetzten Tabatière vergebens Schnupftabak an, den er selber beständig zu sich nimmt.

Unversehens stand ich im Mittelpunkt der Unterhaltung. Man bemängelte nämlich meine Unkenntnis berühmter Opernwerke. Wo hatte ich mir die erwerben sollen? So sehr ich Musik liebe, eine Oper ist mir weder in Sous-Jaunay noch auf der Seereise vorgekommen, auch in Amsterdam noch nicht.

»Ist es möglich, Baron, Sie haben noch nie ein Orchester gehört?!« rief der alte Stutzer ungläubig aus. Er ist dürr wie eine entlaubte Pappel, trug im Theater einen blausamtenen Staatsrock und weißseidene Escarpins, von seiner Perücke stäubte der Puder, und ein Schönheitspflästerchen schmückte 115 sein Kinn. »Sie wissen nicht, was das besagen will, daß ich soeben in Cimarosas »Heimlicher Ehe« die göttliche Catalani hörte? Aber wie können Sie das verantworten, Marquis, Ihren Sohn als Barbaren aufwachsen zu lassen!«

»Er wird noch früh genug göttliche Sängerinnen schätzen lernen, wenn ihm der Sinn danach steht«, erwiderte trocken mein Vater, »jetzt soll er mit seinem weniger göttlichen Magister die Grammatiken traktieren.« Mijnheer Willem fügte hinzu: »Was er wirklich mit ganzem Herzen tut, wie mir der brave Amann rühmt.«

»Weniger die Grammatik«, sagte ich etwas verstimmt, »als die alten und neuen Sprachen selbst, ihre Literatur, ihre Wissenschaft, in deren Vortrag dem Herrn Magister so leicht niemand gleichkommt.«

Herr Cornelius van der Valck musterte mich wohlgefällig durch sein goldumrandetes Lorgnon:

»Sieh da, er tritt für seinen Lehrer ein. Das spricht für ihn selbst. Also wenigstens auf anderen Gebieten sind Sie au fait?«

»Auf allen, in die mich einzuführen mein Lehrer für gut hält.«

»Lassen Sie also hören! Was hat er Ihnen zum Beispiel vom Plutarch erzählt? Kennen Sie das Leben des Perikles?« Mit den Brocken eines fadenscheinigen 116 Salonwissens wollte er mir und den anderen Herren Eindruck machen.

»Den Plutarch las ich schon als Knabe beim Abbé in Sous-Jaunay.« Unverdrossen setzte er seine Fragen fort, sie wurden zu einer regelrechten, wenn auch konfusen Prüfung, indem er bald die Namen der holländischen Kolonien, bald ein paar geflügelte Worte aus Molière, die Definition der italienischen Buchführung oder irgendwelche lächerliche Unterschiede aus dem Mineralreich wissen wollte. Es kam ihm nur darauf an, mich aufs Glatteis zu führen, was ihm aber nicht gelang. Sein Neffe und der Marquis schütteten sich aus vor Lachen, aber nur auf seine Kosten.

»Gut, gut!« schloß er, vergnügt vor sich hinmeckernd, »ich sehe, Sie sind ein aufgeweckter junger Mann.«

»Mehr als das!« rief Mijnheer Willem. »Merken Sie denn nicht, Ohm, eine Leuchte, ein Polyhistor, bei dem Sie in die Schule gehen könnten!«

Ich muß sagen, daß dieses Kompliment mir wenig schmeichelte, denn auch Herr Willem ist bei all seiner Kaufmannsweisheit ein Ignorant. Der Marquis blickte geschwollen drein, als hätte er mir all seine Weltbildung in die Wiege gelegt. –

Eine Woche lang zerbrach ich mir den Kopf, wieso 117 gerade Mijnheer Cornelius berufen war, ein Examen mit mir anzustellen. Auch Amann konnte es sich nicht erklären, er hatte von ihm nur als von einem berühmten Gourmet gehört, der die Rezepte und Schlemmeranekdoten Brillat-Savarins auswendig kennt und die Choristinnen der Italienischen Oper zu intimen Soupers einlädt.

Dann aber zwang mir der lebenslustige Greis ein noch umfassenderes Verhör auf, unter vier Augen, dessen Zweck mich nicht wenig überraschte. Nach der gestrigen Sonntagstafel erbat er sich von meinem Vater die Erlaubnis, mich mit in seine Wohnung zu nehmen, »zu einer entscheidenden Unterredung«. Der Marquis erteilte sie, nicht ohne spöttisch zu bemerken: »Wenn Sie noch immer Bedenken haben.«

Vor seinem Likörschrein und seinem Kaffee-Service begann Mijnheer Cornelius jovial:

»Junger Freund, ich möchte Sie, wie Sie gleich begreifen werden, genauer kennenlernen. Fassen Sie Vertrauen zu meinem ehrwürdigen Alter – erzählen Sie mir aus Ihrer Kindheit!«

Das war nun gleich die peinlichste Aufforderung, die er an mich richten konnte. Doch er wußte gewiß nicht, daß er damit meinen empfindlichsten Nerv berührte. Arglos lächelnd scherzte er: »Sie sind schon ein so reifer junger Herr, fast so groß und 118 auch fast so grau wie ich, daß Sie an die Jahre sorgloser Torheit gleich mir gern zurückdenken werden.« Abweisend und wohl mit finsterer Miene schwieg ich.

»Ihre leiblichen Eltern sind unbekannt, wie Ihr Pflegevater mir sagte. Wie verhält es sich damit? Gelten Sie für ein Findelkind?«

»Keineswegs, Mijnheer. Ich stamme aus gutem Hause, habe meine Eltern gekannt und« – ich mußte aufquellende Tränen hinunterschlucken – »und habe sie sehr geliebt. Aber es gibt Gründe, ihren Namen zu verschweigen.«

»Wie? Auch der Marquis hat sie gekannt?« rief er, unliebsam erstaunt.

»Er nicht. Erst nach ihrem Tode hatte er die große Güte, mich in sein Haus aufzunehmen. Wenn er meine Eltern Ihnen und jedermann als unbekannt bezeichnet, so soll das nur heißen, daß er niemandem das Recht zuerkennt, danach zu fragen.«

»Sonderbar! Ich glaube aber, wenn ich Sie so betrachte, ohne weiteres, daß Sie nicht aus der Hefe kommen. Vermutlich von altem französischem Adel, wie? Nun ja, sonst hätte der Marquis de Signoles keinerlei Interesse an Ihnen gehabt.«

»Ziehen Sie seine Uneigennützigkeit, bitte, nicht in Zweifel!«

»Lassen wir jedenfalls die Barmherzigkeit auf sich 119 beruhen! Mag der Grund gewesen sein, welcher er will, der Marquis hat, wie das Ergebnis zeigt, recht an Ihnen gehandelt. – Wie alt sind Sie eigentlich, Baron?«

»Nahezu achtzehn Jahre.«

»Sie wirken viel älter. Eine Geburtsurkunde ist nicht vorhanden?«

»Irgendwo mag sie noch zu finden sein, aber nicht im Besitz des Marquis, wie er mir sagte.«

»Danach steht also Ihr Alter überhaupt nicht fest? Nun, das macht nicht viel aus, darüber werden wir hinwegkommen. Der Herr Marquis erwähnte, daß Sie erst mit Ihrem zehnten Lebensjahr sein Hausgenosse und Pflegesohn geworden sind. Dürfte ich wissen, wo Sie sich vorher aufgehalten haben?«

»Nein, die Antwort darauf wollen Sie mir, bitte, ersparen.«

»Bei Ihren Eltern? Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, aber Sie werden begreifen . . .«

»Bei meinen Eltern bis zum achten Jahr.«

Plötzlich stieg mir das Blut zu Kopfe. Ich war in eine wilde Erregung geraten, in einen jener kaum begründeten Wutanfälle, unter denen ich schon in meiner Kindheit litt, die mich selten mehr überfallen, dann aber nur mit eiserner Selbstbeherrschung unterdrückt werden können. 120 Schweiß brach mir aus, ich zitterte am ganzen Leibe und war nahe daran, dem alten Herrn, der ja nicht wissen konnte, daß seine Fragen mich wie Peitschenhiebe trafen, an die Gurgel zu springen.

»Aber jetzt lassen Sie mich!« keuchte ich. »Wagen Sie nicht, weiter in mich zu dringen!« Entsetzt wich er vor mir zurück. Er muß mich mit meinen blutunterlaufenen Augen und meiner drohenden Miene für wahnsinnig gehalten haben.

Minuten vergingen, bis ich mich so weit gesammelt hatte, daß ich ihm in ruhigerem Ton erklären konnte: »Ich habe mir nichts vorzuwerfen . . . keine Art von Verdacht kann ich dulden. Sie sehen in mir ein Opfer der Schreckensherrschaft. Lassen Sie sich daran genügen!«

Erleichtert, ja mit einem Ausdruck von Mitleid und Respekt sah er mich an:

»Das genügt allerdings, Sie meiner Sympathie zu versichern und meine grausame Neugier zu zügeln. An Sous-Jaunay, ein Besitztum des Marquis, haben Sie vermutlich nur angenehme Erinnerungen?«

»Mein Pflegevater hat dort alles getan, was er für mich tun konnte. Über Mangel an Bewegungsfreiheit, an einer standesgemäßen Erziehung und einem gründlichen Unterricht hatte ich mich nicht zu 121 beklagen. – Mijnheer, ich unterwerfe mich Ihrem Verhör nur, weil ich annehme, daß Sie von meinem Vater dazu ermächtigt sind.«

»Gewiß, er hatte nichts dagegen. Ist er es doch, der es notwendig macht, da er seine Rechte an Ihnen auf mich übertragen möchte.«

»Welche Rechte?« fuhr ich auf.

»Die Vaterrechte. – Daß Sie es nur erfahren: er legt Wert darauf, Sie mir als Sohn zu überlassen durch eine Annahme an Kindesstatt.«

Von dieser Eröffnung war ich so verblüfft, daß ich zuerst nicht wußte, wie ich mich dazu verhalten sollte. Den Marquis als Pflegevater zu verlieren empfand ich nicht als Unglück. Aber wen gewann ich dafür? Eine mir völlig unbekannte, zweifelhafte Person, mit der ich mich noch weniger verstehen würde. Wesentlich war der Grund solch einer Transaktion, und danach fragte ich nun.

»Seine Gründe mag er Ihnen selbst nennen; sie mögen wohl in den Schwierigkeiten seiner politischen Haltung liegen. Was mich betrifft, so erweise ich ihm nur eine Gefälligkeit und Ihnen, so hoffe ich, eine Wohltat, für die er mich allerdings entschädigen muß. Ich bin nämlich nicht so reich, wie es den Anschein hat. Für einen sorgenfreien Lebensabend brauche ich viel, wie ich von jeher viel 122 verbrauchte. Die Firma van der Valck allein kann dem nicht genügen.«

Das war die Sprache eines offenherzigen Kaufmanns, die ich in meiner Unerfahrenheit nicht zynisch nennen wollte. Man verkaufte mich einfach – hoffentlich nicht zu teuer. Aus einem Franzosen soll ich, rechtlich wenigstens, zu einem Holländer werden. Die Folgen davon vermag ich noch nicht zu übersehen, bleibe aber doch wohl auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse noch zu einem guten Teil in der Gewalt des Marquis.

Mijnheer Cornelius, dem ich diese Auffassung nicht verhehlte, meinte:

»Es wird von Ihnen abhängen, wie Sie Ihre neue Lage ausnutzen. Bedenken Sie auch, daß Ihre Abhängigkeit von mir nicht lange dauern wird – wenn ich recht verstanden habe, nur wenige Monate. Denn wenn Sie wirklich schon mit achtzehn Jahren majorenn werden sollen, – warum, weiß ich nicht, habe aber nichts dagegen und will es gern bei Gericht beantragen –, so bedeutet das eine nicht unbeträchtliche Lockerung unsrer verwandtschaftlichen Bande.« Er betonte »verwandtschaftliche«, wohl im Gegensatz zu den finanziellen und sonstigen.

Da ich keinen Einwand mehr erhob, auch nicht erheben konnte, entließ er mich mit einem mehr 123 freundschaftlichen als väterlichen Händedruck, wie er denn überhaupt die ganze Sache auf die leichte Achsel nahm. Die eigentliche Last will er, wie ich ihn abschätze, dem Marquis aufbürden.

Diesen sprach ich gleich noch gestern abend.

»Es ist ein wohlüberlegter, notwendiger und für dich gewiß heilsamer Schritt, für mich allerdings recht kostspielig«, sagte er mit ungewohntem Ernst. »Ich habe dich nicht darauf vorbereitet, weil ich dem alten Valck das erste Wort lassen mußte. Seine Firma und Familie steht natürlich hinter ihm. Deine Aussichten habe ich damit verbessert, denn du bist selbständiger geworden.«

»Auch Ihnen, Herr Marquis, Ihren Hintermännern und Parteigängern gegenüber?«

»Offenbar! Deine moralischen und legitimen Pflichten bleiben freilich bestehen; denn wir sind nun einmal Legitimisten.«

»Werden Sie die Erfüllung dieser Pflicht von mir erzwingen wollen?«

»Erzwingen!« rief er im Tone sittlicher Entrüstung. »Es handelt sich doch zugleich um dein heiligstes, angestammtes Recht! Warte ab, bis deine Zeit gekommen ist! Dann wirst du der erste sein, uns zu deinem Beistand aufzurufen.«

»Einen Limoelan und Neufville nur mit tiefstem 124 Widerstreben! Mir graut vor einem Kampf mit solchen Bundesgenossen.«

»Auch Limoelans Faust und Neufvilles findiger Kopf werden dir von Nutzen sein.«

»Und Sie, Herr Marquis, warum ziehen Sie sich jetzt gerade von mir zurück?«

»Für mich gibt es außerhalb Frankreichs bis auf weiteres nichts mehr zu tun. Ich möchte mich wieder in die Vendée begeben und von dort aus deine Interessen wahrnehmen.«

Diese Phrase trug den Stempel der Unwahrheit an der Stirn.

Plötzlich war ich außerstande, ihm auch nur ein Wort zu glauben.

 

Den 30. März 1803

Die Adoption ist vollzogen, damit hat sich nichts in meiner Lebensführung geändert. Auf Wunsch seines neuen Vaters setzt Leonardus Cornelius van der Valck im Landhaus des bisherigen seine Studien fort, wird aber von der Nachbarschaft und vom Gesinde der Kürze halber noch immer als Baron angeredet.

Über mein Vermögen hat der Marquis in meiner Gegenwart Herrn Cornelius Rechenschaft abgelegt und es ihm übergeben. Es besteht aus Anteilen an ausländischen Unternehmungen, aus Obligationen und prolongierten Wechseln, die den Namen des 125 Marquis de Signoles als Gläubiger und die Bank von Amsterdam als Schuldnerin nennen. Die Wechsel stammen großenteils noch aus der Zeit vor der Revolution. Mijnheer van der Valck konnte sich nicht genug verwundern, die Unterschrift des königlichen Ministers Necker darauf zu entdecken:

»Parbleu! Ein Gläubiger von historischem Ruf! Unsre Bank wird stolz darauf sein und ihren Verpflichtungen um so gewissenhafter nachkommen, obgleich sich der Einwand der Verjährung nicht von der Hand weisen ließe.« Von all diesen Geschäften verstand ich so gut wie nichts. Meine beiden Väter erörterten sie in einem mir unbekannten Kauderwelsch. Über die Herkunft des Vermögens, die Mijnheers lebhafteste Neugier erregte, schnitt der Marquis alle Fragen ab. Daß ich es von meinen Eltern rechtmäßig geerbt habe, hätte er freilich schwer nachweisen können.

Einmal horchte ich auf, als der Graf von Provence, nunmehriger Graf von Lille, erwähnt wurde, weil von ihm vielleicht irgendein Einspruch zu besorgen wäre. Er soll sich jetzt in Warschau aufhalten. Da er den Titel »Ludwig der Achtzehnte« angenommen hat, ist er also unser König, »mein« König, dem ich nach meinem besten Wissen Gehorsam schulde. Seltsam, daß ich so selten an ihn denke, ihn fast 126 vergessen hatte. Nebelhaft taucht das Bild eines gutmütigen, dicken Mannes in meinem Gedächtnis auf, Gramfalten in dem vollen, rosigen Gesicht. Der Marquis haßt ihn, weil er durch seine feindseligen Schritte gegen die erste Nationalversammlung und durch seinen herausfordernden Hofstaat in Koblenz der eigentliche Urheber unsres ganzen Unglücks geworden sei. Wie weit liegt das zurück! Nicht daran denken! Ich bin ja nun der Holländer Leonardus van der Valck und brauche ihm nicht mehr zu grollen.

Daß der Marquis auch weiterhin, sei es auch nur gewohnheitsmäßig, an meinem Wohlergehen teilnimmt, ersehe ich aus mancherlei kleinen Ratschlägen, vor allem aus seinen häufigeren Besuchen. Zweimal hintereinander begleitete er den Magister heraus, erkundigte sich bei ihm nach meinen Fortschritten, wohnte einer Unterrichtsstunde bei. Er findet, was ich mir schon dachte, daß ich zuviel lerne, und warnt mich vor der Stubengelehrsamkeit. Darüber beruhigte ich ihn; denn ich will ja nicht gelehrt werden, sondern mir nur eine möglichst feste und breite Grundlage schaffen für das Verständnis der Menschheit, ihrer Natur und Geschichte, ihrer Leistungen, ihrer Irrwege und Laster. Noch immer ist sie mir ein unergründliches Rätsel in ihren zahllosen Abstufungen und Widersprüchen. Daß so edle Erscheinungen 127 wie Perikles, der heilige Franziskus und Jeanne d'Arc, Lionardo da Vinci und Goethe und – meine kleine Marion dem gleichen Schöpferwillen entstammen sollen wie die Bluthunde der Tyrannei und der Revolution, will mir nicht in den Kopf. Daß Liebe und Haß, Aufbau und Zerstörung nebeneinander bestehen, ja sich zu bedingen scheinen, verwirrt und martert mich. Nur wenn es mir gelingen sollte, die verschiedenen Anlagen und Beweggründe zu durchschauen, darf ich hoffen, ihnen gerecht zu werden.

Etwas anderes ist es, daß ich im Eifer meines Beisammenseins mit dem Magister in der Tat meine körperlichen Übungen vernachlässigt habe. Auf den Vorwurf, daß ich seit Jahresfrist nicht mehr im Sattel gesessen, kein Florett in der Hand gehabt habe, konnte ich nur mit dem Versprechen antworten, ich würde es baldigst nachholen.

Der Marquis besorgte mir zwei Pferde, vortrefflich zugerittene, schöne Tiere, die mich abwechselnd hinaustragen über die Wiesen oder an den Strand. Auch Stoßdegen brachte er mit und wollte gleich einige Gänge mit mir versuchen. Ich habe noch nichts verlernt und setzte ihm ordentlich zu. Er hat an Beweglichkeit verloren, geriet außer Atem und ermüdete rasch, so daß ich ihn schonen mußte und er sich erbot, mir einen Fechtmeister aus Amsterdam zu schicken.

128 Seit einiger Zeit finde ich ihn überhaupt merklich gealtert. Seine frühere Straffheit hat er verloren, hat eine graue Gesichtsfarbe und Säcke unter den Augen bekommen, obgleich er doch noch kein Fünfziger ist. Die Landluft und der Gutsbetrieb werden ihm fehlen; wie aus der Bahn geworfen irrt er in der fremden Stadt umher, und zweifellos bedrücken ihn Sorgen, die nur politischer Art sein können; mich hat er ja nie daran teilnehmen lassen. Mit dem wachsenden Zerwürfnis zwischen Frankreich und England müssen sie zusammenhängen. Er fürchtet den Wiederausbruch des Krieges und eine dadurch hervorgerufene Unsicherheit seiner Lage, die auch die meinige berühren würde. Wir seien dann auch in Holland nicht mehr am rechten Platz, deutete er an, und ständen zwischen drei feindlichen Fronten, der Bonapartes, der englischen und der des Grafen von Lille mit seinen Intriganten. Letztere beargwöhnt er am meisten. Limoelan mache sich unsichtbar und lasse nichts von sich hören. Einmal stieß er etwas wie ein »Verräter!« zwischen den Zähnen hervor.

 

Mitte Mai

Der Krieg ist ausgebrochen, von beiden Seiten setzten die Feindseligkeiten mit größter Erbitterung ein. Die englische Aristokratie, die Bonaparte immer 129 wieder verhöhnt und beschimpft hatte, tut alles, ihn persönlich so schwer zu treffen wie das ganze französische Volk. Darunter muß auch das von ihm abhängige Holland leiden. Beizeiten hatte die britische Regierung Kaperbriefe ausgestellt, so daß sie im Augenblick der Kriegserklärung viele französische und holländische Schiffe wegnehmen konnte. Der Erste Konsul antwortete mit der Besetzung des Kurfürstentums Hannover, das ja Familieneigentum des Königs von England ist. Zugleich rüstete er für eine Landung auf britischem Boden.

Die van der Valcks kommen aus den Aufregungen nicht heraus; zwei ihrer Kutter sind schon überfällig, ihre Seeverbindungen unterbrochen. Deutschland ist in Mitleidenschaft gezogen, weil Hannover zum Reichsgebiet gehört; aber in seiner Uneinigkeit wagt es nicht, gegen Bonapartes Gewaltstreich etwas zu unternehmen. Um den Verlust von dessen Gunst bangt selbst der König von Preußen.

Die Schwierigkeiten, die meine ungewisse Herkunft und mein unbewiesenes Alter bei Gericht verursacht hatten, ließen sich nun leicht beiseiteschieben. Ich darf und soll frei über mich verfügen – ein Spielball widerstreitender Interessen auf tosenden Wogen. 130

 

Den 3. Juni

Schon melden die in den Kampf um die Herrschaft Verwickelten ihre Ansprüche bei mir an. Es zeigt sich, warum der Marquis es mit meiner Majorennität so eilig hatte. Er ließ mich in seine Wohnung kommen, ein paar mit verblichenem Luxus ausgestattete Zimmer nahe dem Hafen, wo eine Beratung mit dem Chouan-Häuptling Georges Cadoudal stattfinden sollte. Wer dieser Cadoudal ist, hat er mir schon früher auseinandergesetzt: jener treue, kühne Führer royalistischer Banden in der Bretagne, der sich nach entscheidender Niederlage im Januar 1800 Bonaparte unterwarf und nach London ging. Der Graf von Artois ernannte ihn im Namen seines Bruders »Ludwig XVIII.« zum Generalleutnant. Also steht er in dessen Diensten und darf seiner Zustimmung bei allen Unternehmungen sicher sein.

Kaum hatte der Marquis Zeit, mich darauf vorzubereiten, daß ich Cadoudal zunächst als Bundesgenossen zu betrachten und auf seine Wünsche einzugehen habe, da trat er schon ein und wurde mit mir bekanntgemacht. Er ist ein gut und soldatisch, ja bärenstark aussehender Mann von etwa dreißig Jahren, drückt sich bestimmt, aber zurückhaltend aus, und weiß augenscheinlich nichts weiter von mir, als daß ich bisher der belanglose Pflegesohn des Marquis 131 de Signoles war, der nun ebenso wie dieser alte Kämpe selbst, der Sache des Königtums zur Verfügung steht. Er kehrte soeben aus der Bretagne zurück, wo er sich neuerdings damit beschäftigt hat, die Erhebung des Landvolks aufflackern zu lassen, und will von hier aus nach Baden zum Herzog von Enghien, diesen zu bewegen, daß er aus seiner Abgeschlossenheit hervor und an die Spitze der Emigranten trete. Daß die englische Regierung seine Pläne kennt und unterstützt, ließ er durchblicken. Man will »den Erzfeind Bonaparte in die Zange nehmen«, am besten aber ihm vorher noch ans Leben gehen.

»Werden Sie einer der Unsrigen sein mit Leib und Seele?« fragte mich gebieterisch der Bretone.

»Es kommt darauf an, was Sie im einzelnen von mir verlangen.«

»Nichts weiter, als daß Sie sich, den Degen in der Hand, uns anschließen und in Paris auf mein Kommando hören.«

»In Paris?« Das war mir neu und klang phantastisch. »Auf welchem Wege und in welcher Begleitung gelangen wir dorthin?«

Der Marquis wußte schon Bescheid:

»Auch ich habe mich dazu entschlossen. Du würdest mit mir zusammen fahren. Mitte August gehen wir von hier aus unter Segel nach London. Die 132 britischen Kaperschiffe werden auf unser Signal achten. Von England aus soll dann ein Transport von Verschworenen, mit Cadoudal an der Spitze, unbemerkt die bretonische Küste anlaufen. Die Hauptstadt erreichen wir getrennt und verkleidet. Habe ich recht verstanden, General?«

Cadoudal nickte. Er betrachtete den Marquis bereits als seinen Untergebenen. Auf eine Antwort von mir wartete er ungeduldig wie ein Feldherr, der wichtigere Dinge im Kopfe hat.

Ohne zu zögern, bestätigte ich ihm mein Einverständnis. Beide wollten mich vor die vollendete Tatsache stellen, eine Ausflucht hätte nur Feigheit verraten.

Ich war überrascht, weil überrumpelt, aber nicht erschrocken, zum Mitglied einer Verschwörung gepreßt zu werden. Darauf mußte ich schon lange gefaßt sein, es gehörte mit zu meiner »Bestimmung« und der Quintessenz des »Handelns«, zu der meine Abkunft mich verpflichtet. Kein angenehmes Sprungbrett in die trübe Flut hinab, durch die man die felsigen Gestade zum Aufstieg zu gewinnen hat. Ohne Hochverrat ist der Sturz eines Tyrannen in der Regel nicht durchzuführen. Gelingt er, so rechtfertigt ihn der Beifall des befreiten Volkes.

Cadoudal wies noch darauf hin, daß der Plan 133 außerordentlich sorgfältig vorbereitet sei. General Pichegru, aus der Deportation zurückgekehrt, unterhielte von England aus engste Verbindung mit ihm und sogar mit einigen Generälen Bonapartes, unter denen Moreau so gut wie gewonnen wäre. Man dürfe hoffen, daß schon im Herbst Ludwig XVIII. seinen Einzug in Paris halten und den Thron besteigen werde. Vor dieser Aussicht riß der Marquis die Augen auf und mochte grübeln, mit welchen Mitteln solch übereilter Abschluß zu vermeiden wäre.

Aber auch nachdem Cadoudal uns allein gelassen, sprach er sich darüber nicht aus, bezweifelte nur, daß alles so programmäßig verlaufen werde.

»Übrigens konnte ich nicht anders«, bemerkte er kleinlaut, »als ihm die Hand bieten; denn er hat jetzt alle aktiven Kräfte des Royalismus hinter sich. Und es versteht sich von selbst, daß auch du unter seiner Fahne kämpfst, bis deine Stunde gekommen ist.«

»Wenn es nur eine Fahne wäre und nicht die Signalpfeife eines Bandenführers!«

»Was macht das aus? Wir werden damit einen beträchtlichen Schritt vorwärtskommen. Oder reut dich deine Zusage? War sie nicht ernst gemeint?«

»Doch, sie gilt, Marquis!« versicherte ich ihm. »Ich vergesse nicht, für welches Ziel Sie mich 134 aufgenommen, behütet und erzogen haben. Es kann keine Rede davon sein, daß ich Sie in diesem Hauptpunkt enttäusche.«

»Du würdest es besser nicht bloß auf mich beziehen: Auf dich allein kommt es an. Das scheinst du noch immer nicht zu begreifen.«

»Ich begreife es nur zu gut. Wie ich mich innerlich damit abfinde, das lassen Sie meine Sorge sein! – Wenn Cadoudal einen Anschlag auf Bonaparte persönlich plant, ihn tot oder lebendig in seine Gewalt bringen will, so ist das freilich nicht nach meinem Sinn. Mit solchen Bravomethoden machte man bisher nur in Rußland Palastrevolutionen, und selbst wenn ich der Höfling eines Zaren wäre, würde ich es abscheulich finden. Aber lassen wir das! Sie sollen mich nicht umsonst zum Handeln aufgerufen haben.«

Er ließ sich matt in einen Sessel fallen und stierte in die Luft wie auf ein bedrohliches Phantom, dem er sich nicht gewachsen fühlte. Das war nicht mehr der alte Haudegen, der mit seinen Bauern aus der Vendée die Truppen des Konvents zu Paaren trieb. Zwischen Bonaparte und den Grafen von Lille gestellt, von einem Cadoudal abhängig, einen Limoelan im Hintergrund, findet er sich in ein Netz verstrickt, das mit der Schneide eines Schwertes nicht zu durchhauen ist. Er fürchtet böse Machenschaften, die er 135 doch selbst heraufbeschwor – um meinetwillen, und das kettet mich an ihn mit dem Mitgefühl, mit der Treue eines Spießgesellen.

»Wieviel Menschen wissen eigentlich, wen Sie damals gerettet und jetzt noch bei sich haben?« fragte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend.

Er fuhr auf – ich hatte den Kern seiner düsteren Gedanken erraten:

»Wer mir das sagen könnte! Darum eben handelt es sich! Ursprünglich niemand weiter als meine Helfer Limoelan und Neufville, – ja, und der Graf Barras. Wer von diesen hat geschwatzt? Keiner oder alle? Vielleicht ist schon der ganze Hofstaat des Grafen von Lille davon unterrichtet, vielleicht auch Bonaparte durch Barras.«

Ich erinnerte ihn daran, daß diese beiden einander mißtrauen, wie es heißt. Barras lebt ja als Verbannter in Brüssel.

»Schon wahr. Doch wer kennt sich mit Barras aus! Niemand vermag zu ergründen, mit wem er es hält, auf welche Seite er sich einmal endgültig schlagen wird. Hoffentlich auf die unsre, denn er ist der schlauste Kopf, den ich je kennenlernte. Viele halten ihn für verschlagener als Fouché und Talleyrand, die berüchtigtsten aller Füchse, gerade weil er sich in Schweigen hüllt.«

136 »Demnach dürfte er auch über mich geschwiegen haben.«

Der Marquis ließ es auf sich beruhen. Denken und Kombinieren ist nicht seine Sache. Sobald er es versucht, wird er ängstlich wie ein Kind in einem dunklen Raum.

 

Zwei Wochen später

»Kennst du einen gewissen Mehée de la Touche?« fragte mich Willem van der Valck, als ich in seinem Büro meine Bezüge abhob. Nein, ich hatte diesen Namen nie gehört. »Er ließ sich gestern abend in unsrem Klub vorstellen und brachte das Gespräch auf deine Adoption. Wir haben keinen Grund, sie zu verheimlichen, also sagte ich ihm, wie es sich damit verhält. Mit einem ›Ah! Soso!‹, das mir sonderbar klang, nahm er es zur Kenntnis. Auch der Marquis kann sich seiner nicht entsinnen. Der Mann gefällt mir nicht. Er sucht Anschluß an französische Edelleute, die ihn aber als ihresgleichen nicht anerkennen, präsentiert Pariser Tratten auf hiesigen Banken und lebt davon auf ziemlich großem Fuß. Ich würde dir raten, ihn nicht an dich heranzulassen, falls er sich auch in deiner Nähe zeigt.«

»Nun gut! In Mytrecht war er noch nicht, und hier in Amsterdam wird er keine Gelegenheit finden.«

Als ich gerade gehen wollte, kam der Marquis, der 137 mich im Bankhaus wußte, um mich seinerseits vor dem Mehée zu warnen. Es wäre ein ehemaliger Terrorist aus dem Anhang Robespierres, mehrere Franzosen hätten ihn wiedererkannt und darauf angesprochen. Der ins Aristokratische verwandelte Jakobiner hätte es auch gar nicht abgeleugnet. Seiner politischen Überzeugung nach wäre er noch immer Republikaner, ginge aber im Einverständnis mit dem Grafen von Artois und den beiden Condé darauf aus, zwischen den Legitimisten und seinen eigenen Gesinnungsgenossen eine Verbindung herzustellen, um gemeinsam Bonaparte zu stürzen.

»Das klingt an sich schon recht verdächtig«, meinte der Marquis. »Er spioniert aber auch persönliche Verhältnisse aus. Nach dir und deiner Herkunft hat er schon bei dem und jenem herumgefragt und sich nach dem Zweck deines Aufenthalts in Amsterdam erkundigt.« Der bedeutsame Blick, den mir der Marquis bei diesen Worten zuwarf, war voller Unbehagen und Besorgnis.

»Sind Sie selbst, Marquis, ihm schon begegnet?«

»Bisher ist es mir gelungen, ihm aus dem Wege zu gehen; ich fürchte aber, daß mir die Ehre seines Besuches bevorsteht.«

Wir verabschiedeten uns gemeinsam von van der Valck, und er begleitete mich zu meinem Wagen.

138 »Noch unerwünschter wäre es«, setzte er seinen Gedankengang fort, »wenn er dich draußen in Mytrecht behelligte. Gott mag wissen, was er von uns will. Ich würde es für das beste halten, auf einige Zeit Amsterdam zu verlassen. Wir könnten etwa nach dem Haag fahren oder rheinaufwärts auf deutsches Gebiet.«

So viel Umstände schien mir der zudringliche Mensch nicht wert zu sein. Doch wurden wir des Ausflugs überhoben; denn ein Billett des Marquis benachrichtigt mich soeben, daß Mehée selbst das Weite gesucht hat. Er ist mit Extrapost nach Brüssel abgereist.

Mein Briefwechsel mit Marion ist weniger rege geworden, als ich nach dem Besuch von François im letzten Herbst gehofft hatte. Ich versuchte zwar immer wieder, ihn zu beleben, indem ich ihr durch die Hände des Getreuen Nachricht von mir gab. Aber ihre Antworten waren spärlich und kurz, was sie damit entschuldigte, daß sie außerstande wäre, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Die Sehnsucht nach ihrer Mutter ist in entsagende Betrübnis übergegangen, denn die Prinzessin schweigt sich völlig aus. François meint, sie würde vielleicht von der Pariser Polizei überwacht und ihre Korrespondenz abgefangen. Mag dem so sein oder nicht, eine Reise 139 nach Deutschland, nach Münster, sollte sie bei gutem Willen doch ermöglichen können.

Die Übersiedlung aus dem Stift der Ursulinerinnen, deren Schule Marion weiter besucht, in eine freier gelegene, behaglichere Privatwohnung entsprach der ursprünglichen Absicht ihrer Damen und ihrem eigenen Wunsch. Sie kam nun auch mit der Bevölkerung in eine gewisse Fühlung, und bei kleinen Gesellschaften im Salon der Gräfin bereitete sie den Tee, obwohl noch Kind und eigentlich nicht dazu berufen.

Da ich jetzt selbständig meine Entschlüsse fassen und meinen Aufenthalt nach Belieben wechseln darf, lag der Gedanke nahe, in Münster ein Wiedersehen herbeizuführen. Allein ich wagte es bisher nicht, auch nur darauf anzuspielen. Die Aufsicht ihrer Damen ist so streng wie zuvor, mein Besuch würde ihnen auffällig und unschicklich erscheinen; jedenfalls würden sie ein Zusammensein unter vier Augen zu verhindern wissen. Also wollte ich in Marion gar nicht erst die Hoffnung erwecken. Von Cadoudals Unternehmen ließ ich natürlich nichts verlauten, wie es denn überhaupt keinen Zweck hat, ihr in das meine Person betreffende Dilemma Einblick zu gewähren. Für sie bin und bleibe ich trotz meines neuen Namens Léonard Vavel, der 140 Pflegesohn des Marquis de Signoles, ihr Spielgefährte und Freund, eine Waise aus der Revolution wie so viele andere.

Über ihre Lage glaubte ich beruhigt sein zu dürfen – nun kommen mir auf einmal Zweifel durch diesen Brief, der soeben mit der Post eingetroffen ist. Irgendetwas gegen sie ist im Gange. Kann ich ihn anders verstehen?

»Mein lieber Léonard!

Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten? Die zu meinem Schutze bestellt sind, haben mich in eine Lage gebracht, in der ich mich nicht mehr zurechtfinde. Meinen Fragen, meinem Widerstand gegenüber bleiben sie taub oder reden abwechselnd nur unverständliches Zeug in mich hinein. Es ist eine Sache, die ich mit François nicht besprechen kann, und selbst Dir gegenüber wird es mir schwer. Du weißt, daß ich seit einiger Zeit dem Teezirkel beiwohnen muß, den die Gräfin, nachmittags oder abends, bei sich sieht. Ich habe mir nie etwas daraus gemacht. Es sind ältere Leute, Franzosen mit unbekannten Namen aus der Provinz, verwitwete oder unverheiratete Damen von der Art der Somaris, hin und wieder auch zwei Domherren und ein Kaplan vom Bistum. Soweit ich es beurteilen kann, zeigen ihre Gespräche geringe Bildung und Anspielungen, 141 die mir peinlich sind. Das möchte hingehen, wäre nicht neuerdings ein gewisser Vicomte de Mordiane regelmäßiger und bevorzugter Gast, ja auch Besucher außer der Zeit, ein Mann, den ich auf mindestens vierzig Jahre schätze, dick und ungepflegt, obgleich wohlhabend, wie er oft genug so nebenbei erwähnt; denn er hat gleich nach dem Bastillesturm seine Güter in der Touraine verkauft und den Erlös nach Deutschland gerettet. Der beehrt mich nun mit seinem Wohlwollen und wird mir dadurch immer lästiger. Das wäre nur zum Lachen, wenn nicht die Somaris und selbst die Gräfin seine faden Aufmerksamkeiten gegen mich für selbstverständlich hielten. Ich bin ja noch ein Kind, aber das betonen sie keineswegs, sondern erinnern mich vielmehr daran, daß ich im Juli vierzehn Jahre alt und damit nach französischem Gesetz heiratsfähig werde. Freilich sehe ich nicht mehr wie ein kleines Mädchen aus. Seit wir uns in Sous-Jaunay trennten, bin ich sehr gewachsen, und Du würdest mich, zumal man mich schon in Damenkleider steckt, schwer wiedererkennen. Dieser Vicomte tut nun so, als wäre ich wirklich schon Dame, dienert und schmeichelt um mich herum, drängt mir Süßigkeiten, Parfüms und kleine Schmuckstücke auf, die ich in den nächsten Winkel werfe, fängt auch an, mir die Hand zu 142 küssen. ›Seine Besuche gelten hauptsächlich dir‹, versichert mir die Somaris mit einem hinterhältigen Lächeln, ›darauf kannst du dir etwas einbilden, denn er ist ein echter Kavalier, wenn er sich auch in seinem Äußeren manchmal etwas vernachlässigt.‹ Sie legt es darauf an, mich mit ihm allein zu lassen, in deutlichem Einverständnis mit der Gräfin. Ich besitze nicht die Gewandtheit, mich seiner auf höfliche Weise zu entledigen. Entweder höre ich sein Geschwätz wie ein töricht verlegenes Kind schweigend an oder laufe vor ihm davon, worauf ich wegen schlechter Manieren gescholten werde. O Léonard, Du wirst das Ganze vielleicht eine Bagatelle nennen, aber sie beunruhigt und ängstigt mich. Die Galanterie des Vicomte de Mordiane, wenn seine Zudringlichkeit diesen Namen noch verdient, steigert sich von Woche zu Woche. Schon wagt er es, mir über das Haar zu streichen und mich mit Koseworten zu beleidigen. – Sage mir, wie ich ihm entgehen kann! Soll ich mich an meine Mutter wenden? Doch sie antwortet ja nicht! Soll ich den Kaplan, bei dem ich – ungern genug – zur Beichte gehe, ins Vertrauen ziehen? Das Richtigste wäre wohl, ich würde den Herrn entschlossen, mit aller Schärfe, ersuchen, seine unerwünschten Liebenswürdigkeiten einzustellen – träfe ich nur den rechten Ton dafür! – 143 Nach Dir und Deinem Befinden habe ich mich noch gar nicht erkundigt – verzeihe mir! Ich kann mir kein rechtes Bild machen, wie Du lebst und was Deine Gedanken beschäftigt. Wirst Du noch lange in Holland bleiben? Was hält Dich dort fest, wirklich nur der Wunsch des Marquis? – Ach, laß nur recht bald von Dir hören, mein lieber Léonard! Du bist meine einzige Zuflucht. Gönne ein gutes Wort und ein Stück Deines Herzens

Deiner Marion.«

Nichts fesselt mich für die nächsten Wochen an Amsterdam; das ist wahr, und aufrichtigerweise müßte ich es ihr schreiben. Erst von Mitte nächsten Monats an habe ich mich bereitzuhalten, daß ich den Marquis nach England begleite und mit ihm zu Cadoudal stoße. Aber würde jetzt ein Besuch in Münster für Marion von Nutzen sein? Selbst wenn es mir gelänge, sie dort insgeheim zu treffen, mit mehr als beruhigenden Redensarten könnte ich ihr nicht dienen. Solange der unerwünschte Anbeter die Grenzen des Anstands nicht überschreitet, kann ich weder ihn noch die Damen als Gelegenheitsmacherinnen zur Rede stellen. Marion und ich würden wenig voneinander haben. Daß ich die letzten, mir so wertvollen Stunden mit Magister Amann verkürzen oder ganz versäumen müßte, will ich dabei noch gar nicht in Betracht ziehen. Ich sagte ihm 144 schon, daß wir nicht lange mehr beisammenbleiben könnten; darüber schien er nicht minder traurig als ich, obgleich nur ich es bin, der tief in Dankesschuld steht. Wie hat er mich dieses Jahr über nach jeder Richtung hin gefördert, welch tiefen Einblick in die Welt des Wissens, die der menschlichen Gesellschaft und in meine eigene Natur mir vermittelt! Es war das fruchtbarste Jahr meines bisherigen Lebens, fruchtbar vor allem auch durch ruhevolle Selbstbesinnung. Es kommt mir vor, als wäre ich durch dieses edlen, still flammenden Deutschen Lehre und Beispiel zum Manne geworden. –

Schweren Herzens werde ich Marion mit den vagen Ratschlägen eines Unerfahrenen zu vertrösten suchen. Die abenteuerliche Expedition nach Paris kann Abschied von ihr auf lange hinaus, wenn nicht für immer bedeuten. Und sie darf davon nicht einmal etwas wissen.

 

Den 4. Juli

Das Individuum namens Mehée de la Touche hat sich wieder gezeigt und es diesmal wirklich auf mich abgesehen. Denn daß unser Zusammentreffen Zufall war, kann ich nicht glauben. Es geschah auf einem einsamen Spazierritt mit meiner braven Fuchsstute, auf der ich mich am Strand der Zuider See entlang in gemächlichem Zotteltrab gegen Mennickendam 145 bewegte, daß ein anderer Reiter mich einholte und nach dem Wege fragte. Er war wie ein englischer Sportsmann gekleidet und konnte auf den ersten Blick für einen harmlosen Dandy gelten. Ich gab meine Auskunft, ohne ihn mir genauer anzusehen. Er aber blieb neben mir. Ein Kompliment über mein Pferd beantwortete ich mit knapper Höflichkeit. Sein Rappe war englisches Vollblut und trug silbernes Zaumzeug; wir kamen ins Gespräch über die Kreuzungen guter Renner. Im Schritt zusammen weiterreitend, unterhielten wir uns eine Weile, wie es bei solchen Zufallsbegegnungen üblich ist.

Auf einmal dämpfte der Mann den Ton zu einer Bemerkung, die mich offenbar in Verwirrung setzen sollte:

»Herr van der Valck, ich kenne Ihre Frau Schwester. Vor kurzem erst hatte ich die Ehre, der Herzogin auf einem kurländischen Gutshof vorgestellt zu werden.«

Sofort war ich auf meiner Hut. Wir sprachen französisch; ich merkte daher, daß ich einen Landsmann vor mir hatte.

»Wieso meine Schwester? Ich weiß von keiner. Sie müssen sich im Irrtum befinden, Monsieur.«

»Keineswegs. Erschrecken Sie nicht, daß ich aufs genaueste über Sie unterrichtet bin! Sie werden keinerlei Unannehmlichkeiten dadurch haben.«

146 Der gegenwärtige Aufenthalt meiner Schwester in Kurland ist mir allerdings aus den Zeitungen bekannt. Sie aber weiß gewiß nichts davon, daß ich noch am Leben bin, so nehme ich noch heute an. Sie wäre die letzte, an die ich mich mit solch einer unbeweisbaren Behauptung gewandt hätte. Da sie mich als kleines Kind zum letzten Male sah, würde sie mich auch nicht wiedererkennen. Der Fremde wollte mir also eine Falle stellen!

»Wer sind Sie überhaupt?« fragte ich kühl. »Darf ich um Ihren Namen bitten?«

Etwas zögernd nannte er ihn: »Mehée de la Touche.«

»Ach so! Von Ihnen habe ich bereits gehört.« Ich fühlte mich freier und konnte spöttisch lächeln. »Bemühen Sie sich nicht, mich zu verblüffen! Meine Existenz oder etwaige Verwandtschaft braucht Sie nicht im mindesten zu kümmern.«

»O doch! Sie haben vielleicht auch erfahren, daß ich mit Vollmachten des Grafen von Artois von England komme.«

»Aus dem Lande, mit dem wir im Kriege leben!«

»Gewiß! Gerade deshalb! Sie betrachten sich doch wohl nicht als Untertan des Ersten Konsuls?«

»Wer weiß! Ich bin Holländer geworden und gehöre als solcher zu seinem Machtbereich.«

Herr Mehée gab ein kicherndes Gelächter von sich; er machte auch im übrigen einen sehr fatalen Eindruck. Seine Züge verrieten Brutalität und niedrige Gesinnung, gepaart mit Frechheit – ein unverkennbarer Jakobinertyp.

»Gleichviel, als wessen Untertan ich mich betrachte«, fuhr ich fort, »ich lehne es ab, mit Ihnen zu politisieren. Erlauben Sie, daß ich mich verabschiede!« Damit setzte ich mein Pferd in Trab; galoppieren wollte ich nicht, um den Anschein von Flucht zu vermeiden.

Minutenlang trabte Mehée noch neben mir her, um mir in aller Hast zu sagen, daß ich ihm vertrauen könne, er habe mir Vorschläge zu machen, die für mich von höchstem Werte seien, ich würde es bereuen, ihn so abgefertigt zu haben. Als er aber merkte, daß er in den Wind sprach, wandte er sein Pferd und galoppierte rechts ab auf Amsterdam zu.

 

Den 6. Juli

Es ist für mich noch gar nicht ausgemacht, daß dieser Spion Mehée in der Tat über mich unterrichtet ist. Möglicherweise sind ihm nur Vermutungen oder Gerüchte zu Ohren gekommen, und er hat bei mir auf den Busch klopfen, mich zu einer unbedachten Äußerung verleiten wollen. Daß er 148 sich in Kurland an meine Schwester und ihren Gatten herangemacht hat, ist ja nicht ausgeschlossen und sähe ihm ähnlich; wie es scheint, macht er eine Besuchstour durch alle europäischen Emigrantennester.

Auch ohne die Zeitungsnotizen über Marie-Thérèse denke ich oft an sie. Es beruhigt mich einigermaßen, daß wenigstens sie »ihre Bestimmung erfüllen« kann und als Tochter unserer Eltern anerkannt ist. Man rühmt sie als klug und willensstark und vergißt dabei nie, ihre Frömmigkeit hervorzuheben. Ja, ein frommes Kind war sie immer schon. Dunkel sehe ich sie noch, wie sie in der Kapelle neben mir in tiefer Andacht auf den Knien lag und, Gebete murmelnd, den Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ, worin sie mir, dem unruhigen kleinen Jungen, als Vorbild dienen sollte. Unsre Naturen waren sich nie sehr ähnlich, daher meine Gefühle für sie stets temperiert. Am meisten liebe ich an ihr sonderbarerweise, daß sie den gleichen Namen trägt wie Marion, den Modenamen der alten Pariser Gesellschaft, der mir nur durch meine Freundin so teuer geworden ist. –

Der Marquis, den ich gleich nach meinem Ritt vorgestern aufsuchte, nahm die Nachricht von dem Wiederauftauchen des Mehée mit unverhohlenem Schrecken auf:

149 »Ich ahnte es gleich, daß er versuchen würde, dich persönlich auszufragen. Wenn er unterdes in Brüssel war, so mag er dort Barras getroffen haben, seinen Parteigenossen aus der Robespierre-Periode. Der allein konnte sich mit ihm über dich und mich beraten. Nehmen wir seine Drohungen nicht zu leicht! Ob er nun die Interessen der Revolutionäre oder die des Grafen von Artois und somit Ludwigs XVIII. vertritt, deine Aussichten werden ihm immer im Wege sein. Schlägt er uns einen Pakt vor, wird er uns Fallstricke legen.«

»Was sollten wir auch mit ihm zu paktieren haben?«

»Enthüllungen, Rückzug oder Verzicht – was weiß ich. Es wird hohe Zeit für uns, seine Aufsicht mit Cadoudals bewaffnetem Schutz zu vertauschen.«

Amsterdam jetzt noch zu verlassen, hält er für zwecklos, ja für gefährlich, da Mehée uns doch auf den Fersen bleiben würde.

Er sprach dann noch über meine Ausrüstung für die Reise nach England und Paris. Nur das Nötigste an Gepäck soll mitgenommen werden, auf die Wahl der Waffen legt er besonderes Gewicht. Zwei Pistolen und einen Stockdegen hält er für unerläßlich; als alter Reiteroffizier versteht er sich auf den Gebrauch von Schießeisen und hat mich schon in Sous-Jaunay 150 darin unterwiesen, nun beklagt er, daß es nur notdürftig geschah. Mich jetzt noch in Mytrecht vor der Scheibe zu üben, dürfte der Nachbarschaft auffällig und nicht empfehlenswert sein. Es mangelt mir eben die Grundlage der militärischen Ausbildung, die unsre Emigrantensöhne in dem oder jenem ausländischen Truppenteil erhalten. In das holländische Heer einzutreten, das ja doch nur ein Teil des französischen ist, verbietet sich mir von selbst; abgesehen davon, daß ich ohne Leutnantspatent anfangen müßte, soll ich mich ja noch immer im dunklen Hintergrund halten. Aber in Cadoudals Schar wird sich enge Gemeinschaft mit den Spießgesellen erst recht nicht vermeiden lassen. Ein bis an die Zähne bewaffneter Jüngling, der niemals Soldat war, ist für mich eine abgeschmackte, fast lächerliche Erscheinung.

 

Den 29. Juli

Je näher der Zeitpunkt unsrer Abreise heranrückt, desto phantastischer erscheint mir das ganze Unternehmen, besonders soweit es meine eigene Person betrifft. Nicht als ob es mir an Bereitschaft fehlte, ich fühle mich frei von Furcht und vernehme in mir nicht einmal die Stimme eines warnenden Gewissens. Ich habe mich gebunden und darf dieser Gelegenheit, Mut und Unternehmungsgeist vor mir 151 selbst zu zeigen, nicht aus dem Wege gehen. Es ist der Ausgangspunkt für die mir vorgezeichnete Bahn – nur daß mich das Ziel durchaus nicht lockt. Die mir gebührende Stellung, Rang, Macht und Glanz zu erobern, stellt sich meinem Ehrgeiz nicht als würdige Aufgabe dar. Das an mir und den Meinen begangene Unrecht zu vergelten, Strafen zu verhängen, als Rächer aufzutreten, solche Gelüste sind mir fremd und wollen sich mir nicht einmal als Pflicht maskieren. Den Rachedurst verabscheue ich als eine niedrige Regung, Ehrgeiz rechtfertigt sich nur, wenn er sich auf innere Werte richtet, für die das Gefühl von Ehre den Maßstab bildet: die Gier nach äußeren Ehren entwürdigt ihn zu einer bösen Leidenschaft. Noch weiß ich mich von jedem Ehrgeiz frei, das mag ein Fehler sein, ich hoffe aber, daß seine Keime mir im Blute liegen und entwickelt, hochgezüchtet werden können, um bald segensreiche Früchte zu tragen.

Macht ist allerdings nicht zu verachten, wenn sie dazu dient, gegen alle Widerstände das Gute durchzusetzen. Mir könnte sie das Mittel werden, Marion zu ihrem Rechte zu verhelfen. Wie wollte ich sie an dem Prinzen Condé erproben! Ein Befehl von mir, und Marie-Thérèse wäre als seine Tochter aller Bedrängnisse ledig! Sie könnte zurückkehren nach 152 Paris und an den Hof eines neuen, besseren Königtums, wiedervereinigt mit ihrer Mutter, beschützt von meiner starken Hand. Oh, was für Luftschlösser, was für Phantome eines Ehrgeizes, der knabenhaftem Überschwang entspringt!

 

Den 6. August

Etwas Entsetzliches hat sich ereignet – der Marquis ist tot, ertrunken aufgefunden im östlichen Dock von Amsterdam. Jan und Pieter van der Valck kamen zu Pferde gegen Morgen bei mir an und klopften mich verstört heraus. Ich sattelte sofort und begleitete sie zurück in die Wohnung des Marquis. Dort fand ich den Leichnam auf einer hölzernen Bahre, in seinen triefenden Mantel gehüllt, bewacht von Willem van der Valck, den der Diener herbeigerufen hatte, und einem Beamten der Polizeibehörde. Was ihm zugestoßen, ist völlig ungeklärt. Er hatte abends nach neun Uhr seine Wohnung verlassen, indem er seinem Diener hinterließ, daß er in etwa einer Stunde zurück sein werde. Die amtliche Untersuchung hat bereits stattgefunden und zunächst die Vermutung auf Selbstmord ergeben; denn man fand sein Geld und seine Papiere bei ihm vor, und Spuren angewendeter Gewalt ließen sich nicht nachweisen. Mein erster Gedanke aber war, daß er vom steilen Quai ins Wasser 153 gestoßen worden ist – unnütz, zu sagen, von wem, nämlich von jenem Manne, dessen versteckte Drohung er seit Wochen fürchtete. Seine Wohnung am Rapenburgwal liegt nahe dem östlichen Dock. Unter dem Vorwand einer Unterredung kann er dorthin gelockt worden sein. Ich äußerte nichts von meinem Verdacht, weil ich eingehendere Fragen über den Mehée de la Touche vermeiden wollte. Das Dock liegt nachts, besonders seit Kriegsausbruch, still und verlassen da, die Quadern des Quai fallen steil ab in das tiefe Wasser; möglich ist auch, daß der Mörder die Tat nicht selbst, sondern durch gedungene Helfer vollbracht hat. Der Marquis konnte schwimmen, es mag also wohl einer von ihnen unten in einem Boot gewartet und ihn daran gehindert haben. In der Überzahl wären sie leicht mit ihm fertig geworden. Bei alledem würden sich Beweise gegen Mehée schwer beibringen lassen. Eher hatte er Grund, mich selbst statt meinem vormaligen Pflegevater aus der Welt zu schaffen. Mytrecht bot dazu auch bessere Gelegenheit als die belebte große Stadt. Freilich wußte er, daß er mit dem Marquis den wichtigsten und gefährlichsten Zeugen für meine Herkunft beseitigte. Und mich kann er, wenn es sich herausstellen sollte, daß ich ihm und seinen Hintermännern nichts nütze bin, immer noch nachfolgen lassen. Als 154 Grund für den Selbstmord führten die van der Valcks des Marquis düstere Stimmung aus letzter Zeit, seine politischen Besorgnisse und allgemeine Lebensmüdigkeit an. Auch mir müsse das doch aufgefallen sein? Ob ich nicht noch deutlichere Anzeichen von Schwermut an ihm wahrgenommen hätte? Ich sagte ihnen und dem Polizeibeamten, daß ein Mann von seiner derben, naiven Natur wohl selten zu Schwermut neige, aber Befürchtungen mancherlei Art habe er allerdings geäußert, er glaubte sich von Feinden aus drei Lagern umgeben, und einem von ihnen könnte er leicht zum Opfer gefallen sein. Auf diesen allgemeinen Verdacht gingen sie nicht weiter ein; die Polizei namentlich ist wenig geneigt, sich mit etwaigen Opfern politischer Händel zu befassen. –

Armer alter Freund! Deiner Fürsorge, deinem kämpferischen Eifer für meine »große Zukunft« habe ich nie volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wenn du in diesem mir unerwünschten Kampf für mich gefallen sein solltest, müßte mir mein Gewissen schlagen. Ich weiß es nicht und werde nie Klarheit darüber haben. Es muß dir genügen, daß ich in Dankbarkeit und kindlicher Ehrerbietung zeitlebens deiner mutigen Tat gedenken werde: daß du mich einer Lage voller Schmach und Martern entrissen, vor einem mörderischen Ende bewahrt und einem 155 hoffnungsreichen Leben zurückgegeben hast. Das mußtest du nun doch noch selbst mit deinem Leben bezahlen.

 

Amsterdam, den 11. August

Die Familie van der Valck war, als das Unglück geschah, gerade im Begriff gewesen, im Seebad Moude Sommeraufenthalt zu nehmen. Jetzt ist die Abreise verschoben, und Mijnheer Willem hat mir angeboten, vielmehr mich dringend ersucht, inzwischen bei ihnen in ihrem Stadthaus zu bleiben. Der Polizeipräsident, mit dem er übrigens befreundet ist, hatte ihn zu einer Besprechung gebeten und dabei den Wunsch ausgesprochen, daß die traurige Angelegenheit möglichst diskret behandelt und alles Aufsehen vermieden werde. Infolgedessen vereinbarte er mit mir, von einer feierlichen Bestattung, der die Kirche ohnehin ihren Beistand versagt hätte, abzusehen. Der Präsident, über die Zwistigkeiten französischer Emigranten auf holländischem Boden zur Genüge unterrichtet, glaubt im vorliegenden Falle selbst nicht recht an Selbstmord und möchte ihn vertuscht sehen. Also wurden die sterblichen Reste des Marquis vorläufig in der Familiengruft der van der Valck zur Nachtzeit beigesetzt, um später nach Sous-Jaunay überführt zu werden. Seine Schwester, ein älteres Fräulein in der Vendée, wurde 156 von mir in diesem Sinne benachrichtigt. Mit einem jüngeren Bruder, der als Oberst dem Korsen dient, hatte er längst alle Beziehungen abgebrochen; diese beiden werden seine Erben.

Mein Aufenthalt im Landhaus Mytrecht hat somit jetzt schon seinen Abschluß gefunden. Die paar Sachen, die ich dort hatte, und meine Bücher stehen in Kisten verpackt und harren ihrer Weitersendung – wohin? Jetzt erst merke ich, wie völlig entwurzelt, wie heimatlos ich bin. Den meisten Emigranten ging es ebenso, zu ihnen aber rechne ich mich nicht, mag mich nicht mit ihnen vergleichen und nichts mit ihnen zu tun haben. Ein van der Valck bin ich dem Namen nach und könnte es ja bleiben. Die Familie nimmt sogar als selbstverständlich an, daß ich als einer der Ihrigen immer engere Verbindung mit ihr suche und – warum nicht? – in die Firma eintrete.

Währenddessen steht das Unternehmen Cadoudal vor der Tür. In einer Kassette des Marquis fand ich die Meldung eines seiner Sendboten vor, daß am 19. d. M. früh 6 Uhr ein für ihn »und seinen Begleiter« bestimmtes Schiff vom Außenhafen aus unter Segel gehen werde. Das also wäre Ort und Stunde, wo ich vor der Entscheidung über mein künftiges Leben stehe. Da strengste Geheimhaltung 157 selbstverständlich ist, darf auch keiner von den van der Valck etwas von meiner Abreise merken. Ich müßte sie mit allerhand Kniffen und Ausflüchten vorbereiten und mich dann ohne Abschied davonmachen. Dergleichen ist mir tief zuwider; und eine zu hinterlassende schriftliche Erklärung könnte wieder nur lügen oder meine Absichten nichtssagend verschleiern.

Meinem lieben Amann habe ich bereits zum letztenmal die Hand gedrückt. Er kehrt in sein Vaterland zurück, sich dort neue Schüler zu suchen. Auf seine teilnehmende Frage, was ich nun zu tun gedächte, welche weiteren Studien, welchen Beruf ich in Aussicht genommen hätte, konnte ich nur antworten, daß alles noch im Dunkel läge, ich würde weiter an mir arbeiten, mein ganzes Leben hindurch; mich in Träume von künftigem Erfolg zu wiegen, wäre nicht meine Sache. Äußere Erfolge mögen sich einstellen oder nicht, das Ringen um Reife genügt, ein Menschenleben auszufüllen und ihm Wert zu verleihen; das hat er selbst mir eingeprägt.

 

Amsterdam, den 13. August

Marion in Gefahr! Sie braucht mich, sie verlangt nach mir, in so dringender Herzensnot, daß ich mich keinen Augenblick besinnen darf, ihr zu Hilfe zu eilen. »Ein schändlicher Anschlag gegen mich 158 bereitet sich vor. Zwang und Gewalt. Komm sofort! Ich weiß mir nicht zu helfen.« Das ist alles. Von welcher Seite sie bedroht wird, läßt sich nicht schwer erraten. Als Kind in einem fremden Lande schutzlos der Niedertracht ihrer angeblichen Beschützerinnen preisgegeben! Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich muß das Ruder meines Lebensschiffes herumwerfen in eine entgegengesetzte Richtung. Dem Marquis war ich verpflichtet, solange er noch lebte – was aber gilt mir jetzt ein Cadoudal, was der Auszug auf ein Abenteuer, das für mich nur Sinn hat, wenn ich es als Umweg zu eigenem Erfolg betrachte! Hier aber richtet sich ein unabweisbares Gebot vor mir auf, Pflicht zum Beistand für den einzigen Menschen, der mir etwas bedeutet, für das Teuerste auf der Welt, für die Rettung meiner geliebten Marion!

Ich mache mich reisefertig, lasse alles stehen und liegen und werde meinen Gastfreunden nur sagen, was die Wahrheit ist – daß ich nach Deutschland fahre, um mir dort einen Wirkungskreis zu suchen, und daß es von den Verhältnissen abhängt, wann ich zurückkehre.

Morgen früh geht Eilpost über Utrecht nach Nijmwegen; von dort kann ich rheinaufwärts in drei Stunden das deutsche Wesel und noch vor Abend Münster erreichen. 159

 

Münster, den 14. August nachts

Eine Tagereise, teils mit Extrapost, teils zu Schiff, brachte mich ohne Zwischenfall hierher. Mit dem auf meinen Namen van der Valck lautenden Paß gelangte ich ungehindert über die Grenze. Mijnheer Willem war überrascht gewesen von meinem plötzlichen Entschluß, fand ihn aber ganz vernünftig und hat mich reichlich mit deutschem Geld versehen. Ich solle ihn über meine jeweiligen Stationen auf dem laufenden halten; nach meiner Rückkehr stände mir sein Haus jederzeit offen. Auch seine Söhne und Mefrouw sowie mein Adoptivvater Cornelius begleiteten meinen Abschied mit guten, herzlichen Wünschen. Sie nahmen an, ich wolle mir nur Deutschland ansehen, an irgendeiner der berühmten Universitäten mein Studium beenden und mich dann in Holland bei ihnen niederlassen.

Bei Einbruch der Dämmerung kam ich hier an und bin in einem kleinen Gasthof abgestiegen. Eine eigentümlich alte, schweigsame und etwas düstere Stadt, dieses Münster, mit engen, dunklen Gassen, hohen Giebeln, gotischen Fassaden und mächtigen, schwerfälligen Türmen, deren einer mich mit klagendem Glockenspiel begrüßte. Fast die Hälfte der wenigen Leute, die mir begegneten, trug geistliches Gewand; sie drückten sich ernst und wie verdrossen 160 an den Mauern entlang, manche lasen im Gehen ihr Brevier.

Der Wirt, der mir mein Zimmer anwies, sprach sich befriedigt darüber aus, einen Holländer als Gast zu bekommen, und erklärte mir den Mißmut der Bevölkerung damit, daß das Bistum erst vor einigen Monaten »säkularisiert« und preußisch geworden, also unter die Herrschaft eines protestantischen Königs geraten wäre. Ich konnte mich ganz gut mit ihm verständigen und bin nun doch froh, daß ich mit dem Magister so eifrig Deutsch getrieben habe.

Mein erstes war, mich bei ihm nach den hier lebenden Franzosen zu erkundigen. Er sagte, ihre Zahl wäre nicht allzu groß, und sie träten wenig hervor; Namen waren ihm nicht bekannt. Ich sprach den Wunsch aus, daß er einen zuverlässigen und verschwiegenen Boten zu einem gewissen François Charel senden möchte, daß dieser sich, wenn möglich, sofort zu mir herbemühen oder schriftliche Antwort mitgeben solle. Nach einem Blick auf die Adresse nickte der Wirt: das Haus läge nicht weit von hier, nahe dem Domhof; er werde seinen Sohn, einen anstelligen Jungen, hinüberschicken. Der werde es wunschgemäß so einrichten, daß er den Auftrag diesem Diener ohne Wissen der Herrschaft persönlich übermitteln könne. Nach einer Viertelstunde 161 war der Junge zurück und berichtete mir mit pfiffiger Miene, er hätte Herrn Charel durch den Pförtner ans Haustor rufen lassen, er wäre auch bald heruntergekommen und ließe sagen, sobald die Herrschaft zur Ruhe gegangen wäre, würde er sich bei Herrn van der Valck einfinden.

Nun habe ich ihn also wirklich schon gesprochen. Wenn er selbst mir auch nichts Wesentliches mitteilen konnte, so hat er mich doch wenigstens damit beruhigt, daß Marion noch wohlbehalten in ihrem Stübchen lebt und morgen, von ihm verständigt, Gelegenheit finden werde, sich mit mir auszusprechen. Von der Sache mit dem Vicomte de Mordiane weiß er weniger als ich, da die Prinzessin ihn aus erklärlicher Scheu nicht ins Vertrauen gezogen hat. Nur so viel konnte er beobachten, daß jener Herr sich sehr um sie bemüht und von den beiden Damen mit verdächtiger Auszeichnung behandelt wird. Er würde fast täglich empfangen und bringe die Abende in ihrem Salon zu. Soeben erst sei er gegangen, nachdem man zu viert bei Likör und Süßigkeiten Lotto gespielt. Prinzessin Marion hätte schweigsam, in gedrückter Stimmung, daran teilgenommen und ihr Glas nicht berührt. Von erregten Auftritten habe er bisher nichts bemerkt, man führe die Unterhaltung sogar meist vorsichtig und gedämpft.

162 Ich verabredete mit ihm, daß er morgen früh, wenn er Marie-Thérèse zum Schulgang ins Kloster begleitet, sie dort wegen Unpäßlichkeit entschuldigen wird; dann hätte sie mehrere freie Stunden vor sich, die uns beiden gehören. Ich will sie in der Lambertikirche nach der Frühmesse unter der Kanzel treffen.

 

Den 15. August

Es war in der Tat hohe Zeit, mich Marions anzunehmen. Ihre Bedrängnis ist groß, aber noch kann ich sie daraus befreien, wenn ich rasch und entschlossen handle.

Sie war pünktlich zur Stelle. Unter der Menge, die nach dem Gottesdienst das Kirchenschiff verließ, leuchtete mir ihr schmales, weißes Mädchenantlitz, das ängstlich suchend um sich blickte, schon von weitem entgegen. Sie ist in den anderthalb Jahren hoch aufgeschossen, damenhaft in der Haltung, aber immer noch kindlich im Ausdruck. Ein breiter, heller Kiepenhut, von seidenem Band, das unter dem spitzen Kinn in einer Schleife endet, festgehalten, verdeckte ihre Stirn, eine schwarze Mantelette umhüllte ihre Gestalt bis zu den Hüften, so daß sie den Eindruck einer Erwachsenen machte. Äußerst befangen, wenn auch mich anstrahlend mit ihren 163 herrlichen, seelenvollen Augen, wagte sie nicht, mir die Hand zu reichen, flüsterte nur: »Dank, tausend Dank, Léonard, daß du da bist!« und ging dicht an meiner Seite mit mir hinaus.

Jetzt erst, unter der hellen Morgensonne, die ihre Strahlen durch die Spitzbogen und Strebepfeiler der schönen alten Kirche so begütigend auf uns niedersandte, atmeten wir erleichtert auf und schlugen, uns bei den Händen haltend, einen raschen, unternehmenden Schritt an, blieben dann wieder stehen, einander beglückt in die Augen zu schauen und uns in den vertrauten Ton unsrer Kinderzeit zurückzufinden.

Wir gerieten auf einen von zierlichen, hohen Häusern, ich glaube im gotischen Stil, umgebenen Platz, der mir gefiel und mich anheimelte.

»Das ist der Roggenmarkt«, sagte Marion, »ja, auch ich habe ihn gleich gern gehabt.«

»Die ganze Stadt hat so ein stilles, besinnliches Gepräge. Da könntest du dich wohlfühlen, wenn nicht die Menschen . . .«

»Oh, die Deutschen sind gut – bis auf einen, unsren Kaplan.«

»Bei dem du beichtest?«

»Weil man mich dazu zwingt. Aber ich sage ihm nichts, ich antworte kaum, wenn er an mir 164 herumfragt und mir mit frommen Redensarten Ungehorsam gegen meine Hüterinnen vorwirft.«

»Du wirst mir nachher in Ruhe genau erzählen, was sie von dir verlangen. Jetzt wollen wir uns erst einmal unsres Wiedersehens freuen.«

Es war mir schon eine unfaßbare Seligkeit, sie neben mir zu wissen, an diesem leuchtenden Sommermorgen sie davonzuführen ins Freie, in irgendeine unbestimmte Richtung, wo kein Beobachter, keine Hüterin uns folgte. An verwitterten Palästen mit geschlossenen Läden kamen wir vorüber, durch gewölbte Laubengänge mit zierlichen Säulen. Wir begegneten immer weniger Leuten, je mehr wir uns den mit Gebüsch bestandenen früheren Festungswällen näherten. Marion zeigte mir eifrig Sehenswürdigkeiten, wie eine Einheimische dem neugierigen Touristen. »Das hier ist der Zwinger und dort drüben der Buddenturm«, sagte sie und ließ mich einen Blick auf die verfallene Zitadelle wie auf das Schloß werfen, in dem nun kein Bischof mehr residieren sollte.

Draußen vor der Stadt durchquerten wir erst eine sandige Einöde. Dann aber gelangten wir, dem Ufer des Flusses folgend, an ein Kapellchen, dessen Tor einladend offenstand. Der Altar vor dem Muttergottesbild war mit Girlanden aus Kornblumen und 165 Heckenrosen bekränzt, Weihgeschenke aller Art bedeckten die Wände. Hier nahmen wir Platz auf der vordersten Bank, hier erfuhr ich, was Marion bevorsteht.

Die Werbung des Vicomte ist immer zudringlicher geworden und gipfelte endlich in einem Heiratsantrag, der lächerlich gewesen wäre, hätten ihn nicht die beiden Damen mit vereinten Kräften so herrisch und drohend unterstützt, daß baldige Gewaltmaßregeln zu befürchten sind. Sie stellten Marion vor, der Vicomte de Mordiane wäre reich und aus vornehmer Familie mit weitreichenden Verbindungen, für sie als Mädchen ohne Vater also eine glänzende Partie; gerade sein reiferes Alter verbürge seine Zuverlässigkeit, und ihre Jugend bilde demgegenüber keinen stichhaltigen Einwand. Greife sie jetzt nicht zu, käme eine so günstige Gelegenheit, sich zu vermählen, so bald nicht wieder. Die gleichen Gründe bekam sie vom Kaplan zu hören, der überdies noch geltend machte, daß sie sich den Damen, welche Mutterstelle an ihr verträten, dankbar und folgsam erweisen müßte. Erbat sie den ausdrücklichen Befehl ihrer Mutter, so hieß es, diese wäre eben nicht zu erreichen, hätte sich aber früher schon ein- für allemal mit dem Heiratsplan einverstanden erklärt. Eine persönliche Rücksprache mit ihr in Paris wäre wegen 166 des Verbots der Einreise unmöglich. Die hartnäckige Ablehnung des Antrags würde den Vicomte mit Recht erbittern und eine Gefahr für sie heraufbeschwören, von der sie sich keine Vorstellung machen könne.

Der unmittelbare Anlaß zu Marions letztem Brief an mich war ein Ausflug zu viert in geschlossenem Wagen gewesen. Die beiden Damen hatten den Mietkutscher im Walde halten lassen, und unter dem Vorwand, daß sich das »Brautpaar« einmal in Ruhe aussprechen solle, den Wagen verlassen. Diese Aussprache hatte Mordiane mit einer stürmischen Umarmung eingeleitet, der sich Marion in ihrer Todesangst nur dadurch entziehen konnte, daß sie ihn ins Gesicht schlug, die Tür aufriß und hinaussprang, wobei sie sich den Fuß verrenkte; außerstande, davonzulaufen, erzwang sie mit lauten Hilferufen die Rückkehr der Damen. Man fuhr nun allerdings wieder heim, der Vicomte spöttelnd und räsonnierend, die Gräfin und Fräulein von Somaris in eisigem Schweigen.

Als wäre nichts geschehen, wiederholten sich die Besuche des Vicomte Tag für Tag, und es wurde wie selbstverständlich von den Vorbereitungen zu einer »Hochzeit im engsten Kreis« gesprochen. Man hatte nämlich den Ausweg gefunden, daß die vom Kaplan 167 zu vollziehende Trauung eine bloße Formalität sein solle, um Marion den Namen und den Einfluß des Vicomte zu sichern. Während dieser Münster auf einige Zeit verlassen würde, dürfe sie ihr bisheriges Leben im Hause ihrer Beschützerinnen unangefochten fortsetzen und den Zeitpunkt ehelichen Zusammenlebens frei bestimmen. Auch dem widersprach sie aufs entschiedenste. Die letzten Wochen über hatte sie keine ruhige Stunde mehr, fühlte sich ständig bedroht, ja einem schmählichen Schicksal bereits ausgeliefert. Den Zusicherungen dieser Menschen ist kein Glaube zu schenken, darin stimme ich Marion völlig bei. Sie werden Mittel finden, sie zu täuschen oder ihren Willen zu brechen, von denen wir uns nichts träumen lassen.

Ich überlegte mit ihr, ob sie sich um Schutz an die Behörden oder an einen Advokaten wenden solle, und erbot mich, solch einen Schritt mit ihr gemeinsam oder auch allein zu unternehmen. Sie wagte es nicht in ihrer Unerfahrenheit und aus Besorgnis, damit nur neue Verwicklungen herbeizuführen. Und ein fremder junger Mensch wie ich – in welcher Eigenschaft sollte ich mit Männern des Rechtes über diesen heiklen Fall verhandeln? Sie würden mich höchstens als den heimlichen Liebhaber eines unbotmäßigen Kindes beargwöhnen. Bestenfalls, und das 168 wäre schlimm genug, müßte die Gräfin ihnen Rede stehen, und sie erfuhr dabei von meiner Anwesenheit, wodurch Marion auch meines Schutzes beraubt wäre.

»Was wird zunächst geschehen?« fragte ich sie. »Welche Winkelzüge oder Zwangsmaßregeln hättest du jetzt zu erwarten?«

»Die Somaris ließ durchblicken, daß Mordiane, wenn ich starrsinnig bliebe, eines verzweifelten Entschlusses fähig wäre. Seine leidenschaftliche Liebe zu mir könnte ihn leicht zu irgendeiner Tollheit verleiten, die zu verhindern sie und die Gräfin außerstande wären, für die sie die Verantwortung ablehnen müßten.«

»Ein nettes Gesindel! Ist nicht wenigstens Preußen noch ein Staat, in dem Recht und gute Sitte geachtet werden? Aber freilich, wir sind Ausländer, unerwünschte Emigranten, die man ihre Händel am liebsten unter sich erledigen läßt. Was bleibt uns da übrig, als uns selbst zu helfen?«

»Es ist so lieb von dir, Léonard, daß du meine Sache zu der deinen machst. Nur auf dich kann ich mich verlassen, sonst auf niemand in der ganzen Welt. Du mußt Rat finden, ich flehe dich an!«

So sehr auch Eile nottat, ich konnte mich im Augenblick zu nichts entschließen und bat sie, mir 169 wenigstens bis morgen Zeit zu lassen. Einen Menschen hätten wir ja noch zur Seite, François. Er ist klug, besonnen und zuverlässig. Ich möchte gern alles mit ihm durchsprechen. Sie war damit einverstanden, nur wollte sie selbst nicht daran teilnehmen, weil sie sich – ganz grundlos, finde ich – vor ihm schämt.

Die Stunden, die ihr bis zur Heimkehr in das verhaßte Haus noch blieben, wollten wir für unser Beisammensein ausnutzen. In die Stadt trauten wir uns nur einzeln zurück, um nicht etwa von unsern Widersachern oder ihren Bekannten gesehen zu werden. So wanderten wir noch lange, und doch zu kurz für unser Glück, am Flusse auf und ab und suchten abermals die Kapelle auf, bis es Zeit war, uns vor den Wällen zu trennen. Wir hatten uns ja so viel zu erzählen, Kindheitserinnerungen auszutauschen und dazwischen immer wieder Luftschlösser zu bauen, in denen wir zeitlebens vereint in Freiheit leben könnten.

 

Am gleichen Datum abends

Mein Hotel hat einen kleinen Hof, von den Mauern umliegender Häuser überragt, der aber einen Garten vorstellen möchte. Er ist mit ein paar Linden bepflanzt, die Schatten spenden sollen, doch sammelt sich unter ihrem dichten Blätterdach die stickige, 170 staubige Hitze des Sommernachmittags. Auf einer Seite gibt ein Gitter den Blick frei nach dem Wiedertäuferplatz mit plätscherndem Brunnen. An einem der spärlich verteilten, runden Holztischchen verbringe ich die müßigen Stunden vor einer Flasche Wein und einem Früchtekorb; ich blieb der einzige Gast. Erhebe ich den Blick, was sich nicht lohnt, so fällt er auf den steinernen Löwen mit erhobener Pranke, der den Brunnen krönt; unter seinem quadratischen Postament rinnt das Wasser aus vier Drachenmäulern in das Becken nieder. Zuweilen überquert ein Bürger gemächlich den Platz, zwei Weiber schwatzen vor einem Kramladen, oder ein Priester, die Monstranz vor sich hertragend, gefolgt vom Ministranten, der mit dem Sterbeglöckchen klingelt, geht eilig vorüber. Dann wieder eine lange, schläfrige Stille.

Meine Gedanken weilen bei Marion, besorgt, womit man sie daheim jetzt wieder bedrängen mag. Vermutlich hat sich der »Bräutigam« schon pünktlich eingestellt, sperrt sich am Ende mit ihr ein, während ich hier untätig die kostbare Zeit verliere! Ich möchte diesem Kerl zu Leibe gehen, fände sich nur ein Anlaß dazu. Aber das wäre eine Torheit und würde Marions Lage nur verschlimmern. Geduld! Bis morgen wird sich alles entschieden haben.

171 s handelt sich nicht mehr um mich, auf einmal bin ich selbst mir ganz unwichtig geworden. Das Wohl und Wehe meiner geliebten Freundin, eines verfolgten, schutzlosen Kindes, fordert den vollen Einsatz meiner Person. Sie ist gefangen, ich aber, aller Fesseln, auch der inneren, ledig, fühle mich wie in einem luftleeren Raume schweben, wenn nicht zu ihrem Dienst bestellt. Wer sonst verlangt nach mir, wer wartet auf mich? Höchstens ein halb Dutzend Abenteurer, die mich inzwischen auch schon vergessen haben können. Ehrgeizige, politische Spieler und Geschäftemacher, ein Neufville und Limoelan, der Verschwörer Cadoudal, der Spion Mehée de la Touche. Ob sich Barras überhaupt noch entsinnt, mich als einen der Bauern auf seinem Schachbrett gerettet und für das Endspiel aufbewahrt zu haben? Freilich könnten auch mehr als diese Handvoll arglistiger Menschen unterrichtet worden sein, daß ich noch am Leben bin, Hoffnungen auf mich setzen oder mein plötzliches Eingreifen befürchten. Großspurig könnte ich mir einbilden, wie der Marquis auszurufen pflegte: »Frankreich, das Vaterland, wartet auf dich!« Ach nein, man wartet nicht mehr auf einen Toten . . . 172

 

Den 16. August

François, von Marion gesandt, trat an meinen Tisch. Wir saßen noch eine Stunde beim Wein zusammen und tranken auf das Gelingen des Plans, der plötzlich reif und fertig meinem Kopf entsprang. Nachdem ich François auseinandergesetzt, was im Hause seiner Herrschaft vorgeht – er teilte meine Empörung und war in seiner stillen, korrekten Art Feuer und Flamme, Marion aus der Gewalt ihrer Peiniger zu befreien –, erklärte ich ihm, daß er sich bereithalten müsse, unverzüglich mit uns beiden die Stadt zu verlassen. Ich würde unter meinem ursprünglichen Namen Vavel de Versay reisen, die Prinzessin ohne jeden Namen oder Titel, einfach als meine Begleiterin; das scheint mir wahrheitsgemäß und am sichersten für sie.

Er erkannte sofort die Tragweite meines Entschlusses, nahm ihn aber ohne ein Zeichen des Widerstrebens als unwiderruflichen Befehl hin.

»Wenn du darin irgend etwas Verkehrtes, Unrechtmäßiges oder Unausführbares siehst, so sage mir frei deine Meinung! Willst du unter diesen Umständen in unsre Dienste treten?«

»Jawohl, Herr Baron. Wenn ich mich dazu äußern darf – ich halte es für das Richtige.«

»Ich möchte, daß wir in eigenem Wagen fahren, 173 mit schnellen, ausdauernden Pferden. Du verstehst dich darauf und kannst kutschieren. Wirst du dich morgen vormittag freimachen können, Wagen und Pferde und was wir sonst noch für eine lange Fahrt brauchen, mit mir zu besorgen?«

Er meinte, daß er unter irgendeinem Vorwand schon abkömmlich sein werde und könnte sich schon sehr früh mit mir in einem ihm bekannten Fuhrgeschäft treffen. Dann fiel ihm ein, die Vorsicht geböte, daß wir uns lieber nicht zusammen zeigten. Das sah ich ein. Er soll also allein den Reisewagen besichtigen und auswählen, desgleichen die Pferde probieren und beides auf eigene Rechnung kaufen; eine dafür ausreichende Summe habe ich ihm mitgegeben. Nun gilt es nur noch, Ort und Stunde der Abfahrt zu bestimmen. Darüber muß ich mit Marion sprechen. An ihrem Einverständnis mit der Flucht, der »Entführung« oder wie man es nennen will, zweifle ich nicht. Ich weiß, ich lade damit eine schwere Verantwortung auf mich, vielleicht für Marions ganzes Leben. Aber auch nach reiflicher Überlegung und Selbstprüfung glaube ich, nicht anders handeln zu dürfen. 174

 

Düsseldorf, Hotel zum Bayrischen Löwen, den 20. August

Obwohl alles mit einer fast überreizten Verstandesschärfe durchdacht und prompt durchgeführt wurde, glaube ich jetzt aus einem verworrenen Traum zu erwachen. Wie auf einen andern Planeten verschlagen, an das Gestade einer neuen Welt geworfen komme ich mir vor, und doch ist es nur bayrisches Gebiet statt des preußischen, die Hauptstadt des Herzogtums Berg statt der des Bistums Münster, zwei Städte, nicht allzu verschieden voneinander für einen Franzosen, weil beide deutsch sind; die Leute sprechen hier wie dort die gleiche bedächtige Sprache, unterscheiden sich nicht durch Kleidung und Gehaben und gehen mit derselben gutmütigen Achtlosigkeit an uns vorüber. Der große Unterschied liegt nur darin, daß ich mich mit Marion hier geborgen weiß, während uns dort noch, besonders in den letzten Stunden, ewige Trennung drohte.

Schlimm war die Nacht, als wir, in unsrem Wagen aneinandergepreßt, auf der Landstraße dahinjagten und jeden Augenblick die Verfolger hinter uns wähnten. Zwar war es Marion gelungen, von François geleitet, heimlich das schlafende Haus zu verlassen, zwar brachte er die vor Angst fast Besinnungslose pünktlich zu mir hinaus an das Stelldichein vor den Wällen und folgte dann auch bald mit dem Wagen 175 nach –, aber wie leicht konnte man beide beobachtet haben und ihnen nachgeschlichen sein, wie leicht konnte am Morgen, als ihr Verschwinden entdeckt wurde, ein schnellerer Wagen oder die Polizei zu Pferde uns einholen! In unsrer Angst bedachten wir nicht, daß wir die preußische Grenze früh genug erreicht hatten und die Gräfin die Entflohene eher am anderen Ufer des Rheins suchen würde. Denn Marion hatte ihr auf meinen Rat zuletzt noch zu verstehen gegeben, sie würde sich in ihr Schicksal ergeben, sehne sich aber sehr, vorher noch in Paris ihre Mutter darüber zu befragen, so daß diese Richtung die wahrscheinliche war. Keinesfalls wird man uns in Düsseldorf vermuten, wir brauchten ja nur den Strom zu überschreiten, um die Reise nach Paris fortzusetzen. Nichts aber liegt uns ferner. Auf französischem Boden würden wir sofort in Verwahrung genommen werden.

Nebenan in ihrem Zimmer, nur durch die Tür von mir getrennt, liegt Marion und schlummert. Ich hoffe es wenigstens, daß sie den Schlaf, den ihr die Aufregungen auf der Fahrt und lange vorher verscheucht haben, nun endlich findet. Sie kann sich noch weniger als ich an die neue Lage gewöhnen. Entwurzelt, ohne Eltern und Verwandte, ohne Heimat, ohne Vaterland, einer ungewissen, von 176 Gefahren umlagerten Zukunft preisgegeben, sind wir beide nur aufeinander angewiesen. Sie aber, der Kindheit kaum entwachsen, seelischen Mißhandlungen kaum entronnen, im Tiefsten aufgewühlt und verstört, kennt die Menschheit nur von ihrer schlechtesten Seite; ohne die Gewißheit, daß wenigstens ich sie nicht enttäuschen werde, müßte sie verzweifeln. Noch scheint ihr Vertrauen auf meine Klugheit und Erfahrung grenzenlos, an meiner Seite glaubt sie sich geborgen. Aber sie ahnt doch, daß es feindliche Mächte gibt, denen der einzelne, zumal in der Fremde, niemals gewachsen ist. Wüßte sie erst, bis zu welchem Grade ich unfähig bin, mich unter den Menschen zurechtzufinden! Auf ihre bisher unausgesprochene Frage: Was nun? vermag ich ihr keine Antwort zu geben.

Ich habe die Mittel, unser Leben, nun ja, unser Wohlleben zu fristen, weiter nichts. Kein Trost, daß andere in unsrer Lage, aber ohne Geld, uns darum beneiden würden! Hassenswert dieses Geld, das mir, Gott weiß woher, zugeflogen ist! Denn es verhindert mich, mit harter, gesunder Arbeit für uns beide das Brot zu verdienen und damit die natürlichste Bestimmung des Menschen zu erfüllen. So aber wird die Versuchung, geisttötendem Müßiggang zu verfallen, meine Kräfte lähmen und mir die Schuld 177 aufbürden, daß ich Marion mit herabziehe in ein leeres Körperdasein. Mir diese Gefahr, die ärgste von allen, immer vor Augen zu halten und mich aufzuraffen zur Verfolgung eines Ziels, das unser beider würdig ist, das allein kann meine Handlungsweise vor ihr und vor mir selber rechtfertigen.

 

Frankfurt, den 27. August

Von einer Unrast getrieben, der ich so bald nicht entrinnen werde, setzte ich unsre Reise nach Süden fort. Der lange Aufenthalt im rollenden Wagen, selbst wenn dessen Plane zurückgeschlagen war, schien Marion nicht zu bekommen. Sie fühlte sich wohler im ruhig gleitenden Nachen. Schon in Düsseldorf hatten sich Schiffer erboten, uns in einer schönen, geräumigen Gondel bis Koblenz zu bringen. Die zierlich gebaute, luftige Hütte am Heck, die uns von den Ruderern abschloß, lockte Marion; solch ein Fahrzeug hatte sie noch nie benutzt. Es erleichterte mich, daß sie begann, an den Dingen ihrer Umgebung Anteil zu nehmen. Als die beiden Ruderer, den Rücken uns zugewandt, die Gondel in Bewegung setzten, schlug sie zum erstenmal den Schleier zurück, hinter dem sie sonst immer ihr Gesicht verbirgt, und lächelte mich zufrieden an. Den Wagen lenkte François unterdes auf der Straße in 178 gleicher Richtung. er sollte unsre Fahrt begleiten und an jeder Station zur Verfügung stehen. Darauf legte Marion großen Wert, er bot ihr als Ersatz für ein Heim und als äußerste Zuflucht Gewähr für unsre Sicherheit vor etwaigen Verfolgern. Wurde er hie und da einmal am Ufer sichtbar, so winkte sie erfreut hinüber, François verhielt die Rappen einen Augenblick und salutierte mit der Peitsche.

In Köln speisten wir auf der Terrasse einer hübschen, munteren Gartenwirtschaft über dem Strom und blieben zur Nacht. »Nicht wahr, hier wird uns niemand vermuten?« bemerkte Marion. »Hier ebensowenig wie sonst irgendwo«, wollte ich sie beruhigen, aber ihre Augen weiteten sich schon wieder angstvoll: »Eines Tages werden sie uns doch entdeckt haben und mich zurückschleppen nach Münster!« – Bis Koblenz fuhren wir wieder im schlanken Trab unsrer braven Pferde, vermieden aber die Stadt, in der sich noch viel Emigranten herumtreiben sollen; wir wollten uns nicht dem aussetzen, auch nur von einem zufällig erkannt zu werden. Die Gondel erwartete uns oberhalb der Schiffbrücke, und nun genossen wir eine Ruderpartie, deren landschaftliche Schönheit, unsre Stimmung belebend, Marion zumal aufheiternd und entzückend, uns unvergeßlich bleiben wird.

179 Die Reize einer heiteren, formen- und farbenfrohen Natur hatten wir ja beide bisher noch nie erlebt, ihre düstere Größe nur auf den Wogenkämmen der Nordsee. Aufgewachsen als Kinder der Vendée zwischen den eintönigen Windungen und Verzweigungen ihrer morastigen Bachtäler und kahlen Höhenrücken, ihrer Gräben und Erdwälle, ihrer Hecken und kümmerlichen Baumgruppen, waren uns keine anderen Ausblicke gegönnt gewesen als ein Feldabschnitt, die Ziegeldächer einer Meierei oder die Spitze eines Kirchturms über dem Gehölz. Hier nun das Gebiet eines herrlichen, lebenspendenden Stroms, von waldigen Gebirgskämmen umlagert, von Höhenzügen umkränzt, auf denen alte Burgen prangen, an deren Abhängen sich Weinreben, Obst- und bunte Blumengärten hinziehen; mächtige Felsen türmen sich, Klippen springen vor, und plötzlich wieder begrüßt uns prangende Flur. Da war ein sonnenhelles Städtchen am Fuß eines mit Ruinen besetzten Berges gelagert, ihm gegenüber auf einem Eiland im Rhein ein sechseckiger, trotziger Turm aus dem Mittelalter, um den sich kleinere, spitze Türmchen scharen. Da kam eine Burgruine, aus altrömischen Quadern errichtet, und wieder mitten im Strom der sogenannte Mäuseturm, von dem wie von manch anderem unser Bootsmann 180 die Sage zu berichten wußte. Er wies auch besorgt auf eine Stromenge, die er meiden mußte; Riff und Strudel, die seit Jahrhunderten die Schiffahrt erschweren, hätten dort schon viele Boote verschlungen. Marion flüsterte mir zu, das wäre nicht der schlimmste Tod, an meiner Seite in die kühle Tiefe hinabgezogen zu werden; mehr als das Wellengrab fürchtete sie die tückischen Strudel des Lebens. Doch das war nur noch eine flüchtige Anwandlung von Schwermut. Ganz Auge und Ohr für all die Wunder, jubelte sie leise auf bei jedem neuen Bild: hier ließe es sich wohl aushalten; solch ein Land, wo vergangenes und gegenwärtiges Leben sich milde die Hand reichten, dürften wir so bald nicht wieder verlassen. Seine Schönheit zu schauen und im Herzen zu bewegen, würde das Erlittene allmählich auslöschen im Gedächtnis. Der Abend sank herab, Dunkel breitete sich über den Wasserspiegel, und bald blinkten die Furchen, die unsre Gondel zog, im Sternenlicht. Zum Takt der Ruderschläge sangen die beiden Schiffer auf meine Bitte eines ihrer Volkslieder, es handelte von junger Liebe und Treue bis in den Tod. Sie mochten uns für ein Hochzeitspaar halten, und ich ließ sie dabei. 181

 

Frankfurt, den 29. August

Wir hatten auf dem Rhein, dann wieder im Wagen und jetzt im Quartier des »Frankfurter Hofs« reichlich Zeit, uns mit dem Austausch unsrer Berichte und Eindrücke innerlich so nahezukommen, daß wir nun wirklich schon als echte Geschwister miteinander verwachsen sind. Es zeigte sich, daß sich Marion von den zwei Erschütterungen, die ihr Gemüt so tief und unheilbar verwundet haben, nur schwer erholen wird. Daß Prinz Henri Condé ihr seinen Namen versagt, berührt sie wenig im Vergleich damit, daß er überhaupt nichts von ihr wissen, sie nicht einmal sehen will. Umsonst suche ich es ihr mit dem Zerwürfnis ihrer Eltern, an dem sie ja keine Schuld trägt, und mit Condés politischen Rücksichten zu erklären, vergebens spreche ich die Hoffnung auf den Wandel der Zeiten und damit seiner Gesinnung aus. Furchtbar hat sie auch unter der Zwangslage der letzten Monate gelitten. Noch sehe ich nicht völlig klar, was sich zwischen ihr und Mordiane abgespielt, wie weit der Elende sich gegen sie vorgewagt hat. Wenn er ihr von Liebe sprach – so viel entnahm ich ihren scheuen Andeutungen –, schändete er den Sinn dieses heiligen Wortes, verkehrte ihn in das Gegenteil, verknüpfte ihn mit niedrigen Gelüsten und selbstsüchtiger Gier. Mit 182 Bildern, Schriften und wüsten Phantomen muß er versucht haben, sie zu verwirren und zu umgarnen. »Vor dem, was die Menschen Liebe nennen«, sagte sie mir gestern, »hat er mir ein ewiges Grauen eingeflößt«, und aufschluchzend verbarg sie das Gesicht in den Händen. »Mögen die Menschen darunter verstehen, was sie wollen«, erwiderte ich, »wir beiden werden dem Wort die Weihe zurückgeben, indem wir der Liebe als der höchsten Gottheit in unsern Herzen einen Altar errichten.«

Natürlich sollte auch ich ihr von meinen Erlebnissen auf der See und in Amsterdam erzählen. Ich bin bei der Wahrheit geblieben, habe ihr aber doch, um sie nicht unnütz zu beunruhigen, die politischen Verwicklungen und Gefahren, die mich bedrohen, verschweigen müssen. Limoelans und Neufvilles Ränkespiel, Cadoudals Verschwörung, der Dunkelmann Mehée de la Touche blieben unerwähnt. Den Tod des Marquis teilte ich ihr mit und ließ die Frage, ob Selbstmord oder Anschlag, offen. Über die gütige Aufnahme im Hause van der Valck, meine Adoption, meinen Unterricht beim Magister Amann konnte ich mich ausführlich verbreiten, weil sie freudigen Anteil daran nahm.

Sie kam auf meine früheste Kindheit zurück und hatte inzwischen darüber nachgedacht, wie ich wohl zum Pflegesohn des Marquis geworden wäre:

183 »Warum eigentlich hat er dich nach Sous-Jaunay gebracht?«

»Wie man eben eine Waise zu sich nimmt.« Um weiteren Fragen vorzubeugen, sagte ich ihr, daß ich das Haus meiner Eltern, deren gräßliche Leiden und Entwürdigungen wie die eigenen zu vergessen trachte. Später, wenn ich darüber hinweggekommen, würde ich ihr, und nur ihr allein, alles offen bekennen. Nur so viel sollte sie jetzt schon wissen, daß ihre und meine Familie in naher Verwandtschaft ständen. Wir könnten uns mit gutem Recht als Vetter und Cousine betrachten, jetzt aber mit noch besserem Recht als Geschwister. »Und dann noch eins: meinen wahren Namen will ich dir verraten. Léonard nannte mich der Marquis nach einem seiner Ahnen, um noch ein Merkmal meiner Herkunft zu verwischen. Meine Eltern haben mich Charles-Louis getauft.« Sie schmiegte sich an mich:

»Erlaube mir, daß ich allein dich künftig so nenne! Weil ich doch deine Schwester bin.«

Damit war ich gern einverstanden. Mir lebt eine fremdgewordene Schwester in der Ferne und Marion ein Bruder, der Herzog von Enghien, der ebensowenig von ihr etwas weiß. So haben wir unsern geschwisterlichen Bund, der enger, reiner und 184 unlösbarer sein soll als irgendein Liebesbund auf der Welt, feierlich beschworen.

 

Frankfurt, den 30. August

Um das Notwendigste an Kleidung und Wäsche zu besorgen – denn wir reisen noch immer mit leeren Koffern –, gingen wir durch das Geschäftsviertel der inneren Stadt. An sich tat uns die körperliche Bewegung gut; aber Marion, wie immer verschleiert, an meinen Arm gehängt, fühlte sich irritiert durch die vielen vorüberhastenden Menschen, das Rollen und Rattern der Lastwagen und Karren, das Peitschenknallen und Hundegebell; sie ist noch weniger daran gewöhnt als ich und so empfindlich gegen Lärm, daß sie sich die Ohren mit Watte verstopft. Vor einigen Auslagen mit Schmuck und Modeartikeln blieb sie mehr erstaunt als bewundernd stehen; sie beneidet die Leute nicht, die dergleichen kaufen und tragen, nur um so fremdartiger kommen sie ihr dadurch vor, während das schlichte Volk ihr Vertrauen einflößt.

Der Straßenverkehr griff sie über die Maßen an, unter jedem Blick, der sie streifte, erschauerte sie. Schließlich bat sie, ob wir nicht lieber umkehren und die Einkäufe vom Wagen aus besorgen wollten. Ich stellte ihr vor, daß wir uns an das Treiben einer 185 Menschenmenge gewöhnen müßten. Das Gefühl unsrer Unsicherheit und Verlassenheit würde sich mit der Zeit verlieren. Sie gab mir recht, doch schon im nächsten Augenblick klammerte sie sich wieder krampfhaft an meinen Arm.

Als ich aus der allzu belebten Zeil in die Fahrgasse einbiegen wollte, riß mich Marion plötzlich heftig zurück und raunte mir zu: »Oh, Gott – sieh dort die beiden Herren! Der eine von ihnen ist der Vicomte!« Ich weiß nicht, ob ich die beiden, die sie meinte, gleichfalls sah; es flanierten dort so viele herum. Zwei, die man allerdings für Franzosen halten konnte, bestiegen gerade einen Fiaker und fuhren davon. Ich für meinen Teil glaubte Hyde de Neufville erkannt zu haben! War wirklich Neufville der eine und Mordiane der andere gewesen? Oder waren beide die gleiche Person unter verschiedenen Namen? Nicht unmöglich, daß sie sich kannten und hier getroffen hatten – zufällig aber gewiß nicht, sondern um uns zu überwachen. Indes ich konnte mich irren und ebenso auch Marion. Angst und Verfolgungswahn gaukelten ihr ein Schreckbild vor, und mich steckte sie damit an. . . . Das alles schoß mir durch den Kopf, während ich, die leichenblasse Marion hinter mir herziehend, heimeilte nach unsrem Hotel.

186 Jetzt sind wir beide ruhiger geworden und reden uns gegenseitig unsre Einbildungen aus; aber der Versuch, darüber zu lachen, will nicht recht gelingen. Wir müssen fort, wir müssen weiter! ist unser zwangsläufiger Wunsch. Keinen Tag länger werden wir die große Stadt ertragen. Wenn man uns wirklich entdeckt hat, gebietet schon der Selbsterhaltungstrieb, unterzutauchen in einem versteckten Winkel.

 

Wieder unterwegs. An der Bergstraße, den 1. September

An den Abhängen einer lieblichen Gebirgsgegend befinden wir uns, genannt der Odenwald. François, den wir über unser nächstes Reiseziel immer um Rat fragen, empfahl uns, hier zu rasten, solange die milde Jahreszeit es gestattet. Er scheint ganz Deutschland zu kennen – nur daher, daß er sich in den Gasthöfen und Poststationen über das Gebiet und seine Bewohner unterrichtet, Karten und Pläne und sogar geographische Schriften studiert. Den Wagen hält er blitzblank und pflegt die Pferde mit liebevoller Sorgfalt. In Frankfurt gedachte er am Kutschenschlag das Wappen der Vavel de Versay anbringen zu lassen, doch ich verbot es. Wir wollen, wie ohne Namen, so auch ohne Wappen reisen. Daß er mich den Leuten als Baron bezeichnet, mag ihm 187 hingehen als ein Zugeständnis an die Respektslust der Masse. Marion wünscht, nur als »Madame« angeredet und gemeldet zu werden, den Titel einer Prinzessin habe sie gern für immer abgelegt.

Es wurde ausgespannt und Nachtquartier bereitet im Gehöft eines hochgewachsenen, weißhaarigen Bauern, der uns mit der selbstverständlichen Gastfreundschaft und ruhigen Würde eines Landedelmanns aufnahm. Daß er keinerlei Fragen stellt, berührt uns ebenso angenehm. Seine Frau, eine rotbackige Matrone, stillvergnügt und mütterlich besorgt, bewirtete uns mit einem kräftigen Brei, frischem Obst und einem vorzüglichen Landwein. Bezahlung weist sie lachend zurück. Zu Marion sagte sie: »Ein Fräulein von hoher Geburt, so schön und unversorgt . . . Gott segne euch!« Und Marion drückte ihr gerührt die rissige alte Hand.

 

Dorf Auerbach in Hessen, Ende September

Das Bauernehepaar Dang, als es merkte, daß es uns bei ihnen gefiel, ersuchte uns, beliebig lange zu bleiben. Wir nahmen dankend an und haben ihnen nun ein altes Winzerhäuschen abgemietet, in dessen Erdgeschoß früher gekeltert wurde. Bottiche und Baumpresse werden dort noch aufbewahrt, oben aber ist es recht sauber und wohnlich. Ein großer grüner 188 Kachelofen, mitten in der Wand zwischen Marions und meinem Zimmer, vereint uns wie in einem einzigen Raum. François haust über uns in der Mansarde und wird durch Klopfzeichen von unsern Wünschen verständigt. Da wir ihn nur selten brauchen, geht er mit dem Gesinde – zwei Knechten, einem Winzer und einer Magd – den Bauersleuten an die Hand. Er hilft bei der Äpfelernte und an den Rebstöcken, scheut auch dringliche Stallarbeit nicht, die er ja für die Pferde ohnehin gewöhnt ist.

Marion hat sich gut eingewöhnt, sieht erholt aus und wünscht sich fürs erste keine Änderung. Sie hat sich mit der Bäuerin angefreundet, die ihr aus dem ereignislosen und doch so ausgefüllten Alltag der Landleute erzählt; außer zur jährlichen Kirchweih hat sie den Hof noch nie verlassen. Milde und gottergeben nimmt sie den Verlust ihrer beiden Söhne hin, die vor zehn Jahren bei der Belagerung von Mainz gefallen sind – nicht gegen Frankreich, betont sie, sondern gegen die Horden des Konvents.

Tiere gibt es hier im Überfluß, abgesehen von Singvögeln aller Art in den endlosen Buchenwäldern, die Rinder des Gehöfts, Schafe, Ziegen, Tauben und das Hühnervolk. Sie sind, wie schon in Sous-Jaunay, Marions ganze Wonne. Die regelmäßige Fütterung hat sie sich als Vorzug ausgebeten und nimmt es sehr 189 genau damit; ein neugieriges weißes Zicklein folgt ihr auf Schritt und Tritt.

»Wir müssen aber auch daran denken, uns mit ernsteren Dingen zu beschäftigen«, schlug ich zögernd und eigentlich mit innerem Widerstreben vor, denn alles Spielerische ist diesem Kind zum Glück noch Lebenselement.

»Ja, Louis«, gab sie ernsthaft zur Antwort, »daran habe ich auch schon gedacht. Beim Abbé und dann im Kloster bin ich immer faul gewesen; schrecklich dumm muß ich dir vorkommen!«

»Das wäre kein Unglück, selbst wenn es stimmte. Du sollst dir dein Köpfchen ja nicht mit Wissenskram vollstopfen. Nur so das Notwendigste, was eine junge Dame – nein, sagen wir, was jedes Mädchen braucht, um sich nicht geringzuschätzen, möchtest du von mir in ein paar Stunden täglich, auf einem Spaziergang oder drüben unter der Linde, möglichst mühelos erfahren.«

»Dann würdest du also mein Lehrer sein? Herrlich, Louis! Keinen lieberen könnte ich mir vorstellen. Wirst du Rechnen, Geographie, Geschichte mit mir treiben?«

»Nein, das gerade nicht. Damit hat man dich wahrscheinlich schon genug geplagt. Ich dachte mehr an Dinge unsrer Umwelt, die du gern erklärt haben 190 möchtest, nachdem du sie mit den Augen und mit dem Herzen in dich aufgenommen hast, etwa die Wunder des Sternenhimmels, Ursprung und Wachstum der Bäume und Blumen, das Leben der Tiere – von den Menschen nur, was unsrer Verehrung und Bewunderung wert ist, einzelne preiswürdige Taten, die der oder jener große Mann ausgeführt, was Dichter und Künstler geschaffen, wie edle Frauen ihr Opfer gebracht haben – ach, was du willst! Ich schlage nur Akkorde an, und du mußt sagen, ob dich verlangt, die Melodie zu hören.«

Das war ganz nach ihrem Sinn. In dieser Art haben wir begonnen, so erteile ich ihr einen allerdings recht lückenhaften »Unterricht«, gebe an sie weiter, was ich vom Magister Amann empfing, so gut ich kann, soweit es Marion nicht langweilt. Wenn François nach Darmstadt hinüberfährt, für unsern Bedarf das Nötige einzukaufen, bringt er auch stets nach meiner Liste Bücher mit. Ich selbst muß mich allein mit ihrer Hilfe weiterbilden, mit Marion zusammen lese ich in deutscher Sprache die Verse und Erzählungen ihrer neuesten Autoren, über denen wir unsre französischen nur zu gern vergessen. 191

 

Den 10. Oktober

Wir haben uns gewöhnt, bei günstigem Wetter täglich Spaziergänge zu machen, die hier sehr lohnend und abwechslungsreich sind. Bald gehen wir zum nahen Marmorbruch, bald hinauf zum Rundblick über die Rheinebene und den Saum des Gebirges, bald nach der großen, schöngelegenen Burgruine Auerberg. Sie soll vor länger als hundert Jahren ein stattliches Schloß der Landgrafen von Hessen gewesen sein, unser Marschall Turenne hat es belagert und nach der Einnahme sinnlos in Brand gesteckt. Sein Name ist als der eines Mordbrenners hier allgemein verrufen. Uns war er ja bisher nichts Geringeres als ein großer Kriegsheld, der seinem König viele Schlachten gewonnen und in der letzten sein Leben geopfert hat. Nun sehe ich einen Fleck auf seiner Feldherrnehre und wünsche fast, die Deutschen hätten ihn aus ihrem Land vertrieben. –

Zuweilen kommen »wandernde« Handwerksburschen am Gehöft vorüber, sprechen ein, erhalten reichliche Wegzehrung von der Bäuerin und wandern weiter. Was heißt das: »wandern«? fragte ich unsre Wirte; sie konnten es mir nicht recht erklären. Es ist mehr und etwas anderes als unser Gehen, Reisen, Marschieren oder eine Promenade machen, es bezeichnet einen behaglichen Dauerzustand und 192 bereitet denen, die sich ihm hingeben, ein Vergnügen, das wohl mit dem Naturgenuß zusammenhängt. »Versuchen auch wir es einmal!« forderte ich Marion auf, die gleich dabei war. Seitdem wandern auch wir viele Stunden weit in den Odenwald hinauf und verstehen den eigenartigen Reiz des Wanderns.

Heute geschah es, daß wir einer Schar fröhlicher junger Männer begegneten, alle gleich gekleidet in gegürtete Koller und Mützen mit buntem Band, jeder trug einen kräftigen »Wanderstab« in der Hand. Später erfuhren wir, daß es Studenten einer Landsmannschaft aus Heidelberg waren. Als ihre Blicke auf meine Begleiterin fielen, schienen sie betroffen, und wie erstarrt in Bewunderung, reihten sie sich, Raum gebend, am Wege auf und rissen die Mützen vom Kopf. Marion erschrak zuerst, ahnte dann aber, daß man ihr nur huldigen wollte. Den Gruß erwidernd, gingen wir vorüber. Da stimmten sie hinter uns, wie auf ein Zeichen, ein Lied an; es hatte Wohllaut und einen getragenen Rhythmus. Der Text ist mir ungefähr so im Gedächtnis geblieben:

»Küsset dir ein Lüftchen fein Wangen oder Hände,
Denk, es sollen Seufzer sein, die ich zu dir sende!
Viele schick ich täglich aus, wenn ich dein gedenke.«

193 »Was wollen sie nur?« fragte mich Marion nachher, »es klang wie ein Gemisch aus Spott und Courtoisie.«

»Deine Schönheit hat es ihnen angetan«, antwortete ich geradezu, »deshalb haben sie dir so etwas wie ein Ständchen gebracht; vielleicht ist das hier Brauch des Landes.« Sie freute sich nun doch darüber und fand, daß es nette, rüstige Burschen wären. Wie schön sie ist, muß sie ja wissen, aber sie macht sich nichts daraus, seit es ihr der Vicomte zum Überdruß versichert hat. Jede Gefallsucht in ihr im Keim erstickt zu haben, dieses eine Verdienst um sie soll ihm ungeschmälert bleiben.

Die Studenten entschwanden ihrem Sinn schon an der nächsten Wegbiegung. Angesichts einer Wiese voll blühender Zeitlosen waren sie abgetan mit der Bemerkung: »Nur die Blumen sind schön, denn ihre Schönheit wird niemandem zur Schuld und zum Leide.« In zärtlichem Entzücken gab sie sich ihrer Betrachtung hin. Niemals bricht sie eine Blume und mag auch nicht, daß sie zum Strauß gebunden vor ihren Augen verwelken.

Über dem »Fürstenlager«, einem Sommerschloß des Landgrafen, entdeckten wir im Park einen zum Altar behauenen Granitblock mit der Inschrift: »Der wahren Freundschaft«. Das sprach zu uns, noch dazu 194 in französischer Sprache, wie eine Bestätigung und ein Segen dessen, was wir empfanden: uns vereint zu wissen durch eine höhere Kraft als die vergängliche Körperlichkeit. Lange standen wir Hand in Hand davor, nicht minder andächtig, aber stiller im Herzen und zuversichtlicher als irgendein Brautpaar vor dem Altar einer Kirche.

 

Den 30. Oktober

Kühle Regenwinde blasen aus dem Rheintal zu uns herauf, zerstören die rotgoldene Pracht des Buchenlaubes und wirbeln die dürren Blätter um unser Winzerhaus. Wir zwei Kinder des Herbstes, denen nie ein rechter Frühling beschieden war, die von einem heißen Sommer nichts wissen wollen, empfinden diese Jahreszeit als unsrer Natur und unsrer Zukunft gemäß. Marion findet sich sogar in heiterer Sympathie mit ihr ab; graue Nebelschwaden, die über Feld und Wiese lagern, düstere Wolkenballen, die von der untergehenden Sonne violett und schwefelgelb gefärbt am Firmament hinjagen, ziehen ihren Blick magisch an. Gern tollt sie auch mit ihrem Zicklein über das nasse Gras, kehrt triefend heim, nur um auch mich hinauszulocken in den sterbensmüden, fröstelnden Wald.

Jetzt übt sie nebenan in ihrer nur von einem Öllämpchen matt erleuchteten Stube auf einer Laute 195 geduldig immer das gleiche Lied. Es ist die Elegie der jungen Gefangenen, die André Chénier im Kerker der Terroristen zu Ehren einer Leidgenossin dichtete:

». . . Brillante sur ma tige, et l'honneur du jardin,
Je n'ai vu luire encore que les feux du matin,
Je veux achever ma journée . . .«

(Als Blüte am Stengel, dem Garten zum Preis,
Die kaum um die Gluten des Morgenrots weiß,
Will meinen Tag ich vollenden.) –

 

Den 4. November

Die Zeitungen, die mir François aus Darmstadt mitgebracht hat, melden, daß sich der Erste Konsul nicht nur des Kurfürstentums Hannover, sondern auch eines Teils vom übrigen Norddeutschland bemächtigte, was Preußen schwächlicherweise duldet. Wie gut, daß wir uns rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben! An den Pyrenäen, so lese ich im »Moniteur«, ließ Bonaparte ein Heer aufstellen, das Spanien zwingen wird, ihm gegen England Hilfe zu leisten. Nichts aber über Cadoudal. Er wollte doch schon Ende August seinen Staatsstreich ausführen! Hat er sich eines Besseren besonnen und alles aufgegeben, oder zögert er nur; wartet ab und verschiebt die Landung an der normannischen Küste? Mehée de 196 la Touche, so steht es gleichfalls im Moniteur, ist in Paris verhaftet worden – aus welchem Grund, wird nicht verraten; man kann ruhig annehmen, daß es nur zum Schein geschah. Die Polizei wird ihm Nachrichten über die Gegenseite erpressen und ihn dann zu neuen Diensten loslassen.

 

Anfang Dezember

Mit Freuden sehe ich, wie Marion in unsrer ländlichen Einsamkeit, auch jetzt, wo wir durch Schnee und Kälte meist ans Haus gefesselt sind, körperlich und geistig gedeiht. Daß sie im Augenblick nichts von Gefahr spürt, umgeben von freundlich gesinnten Menschen, Atem schöpfen kann, genügt ihr. Unser Aufenthalt in dem verschneiten Bauernhof ist nur ein vorläufiger, das weiß sie. Wie könnte ich ihr einen zweckerfüllten, endgültigen jetzt schon in Aussicht stellen! Vielleicht werden wir nie dahin gelangen, sondern nur zu der Erkenntnis, daß unser ganzes Leben, das Leben aller Menschen auf Erden, zur Vorläufigkeit bestimmt ist, rastlose Wanderung von einer Schicksalsstation zur andern und oft in der Irre. Auch meiner Marion ist dieses Gefühl nicht fremd. Sie gebraucht bisweilen die Wendung, die sie gewiß niemandem nachspricht, die tief aus ihrer Seele quillt: »Wenn es so über uns beschlossen ist« oder »Gott treibt uns weiter«. Sonst führt sie nie, 197 ebensowenig wie ich, den Namen Gottes im Munde. Zu viel hat man ihr im Kloster von ihm vorgeschwatzt, und seine Diener, von dem verlogenen Kaplan gar nicht zu reden, sind ihr nicht in bester Erinnerung. Ihr ganzes Wesen ist Frömmigkeit, nicht die einer Betschwester, nein, pflanzenhaft unbewußt, selbstlose Demut. Dadurch, daß man sie in äußerliche Frömmelei plump untergetaucht und mit kirchlichem Formelkram geplagt hat, ist sie dem Kirchenchristentum abgestorben und auf ihre eigene Weise religiös geworden, vielmehr geblieben. Wenn ich ihr von den verschiedenen Gottes- und Götzendiensten und »Bekenntnissen« erzähle, mit denen die Völker und Rassen gegeneinander auftrumpfen, weiten sich ihre gläubigen Augen zu ungläubigem Staunen.

 

Den 5. Januar 1804

Als ich kurz nach Weihnachten von dem Darmstädter Bankhaus meine monatlichen Bezüge abholte, wurde mir zugleich ein Brief Willems van der Valck übergeben, der mich in Bestürzung versetzte. Er teilte mir mit, eine Verschwörung gegen das Leben Bonapartes wäre aufgedeckt worden, an deren Spitze der aus dem Vendéerkampf wohlbekannte Cadoudal stände. Dieser nebst anderen Verschwörern, darunter die Generäle Pichegru und Moreau, 198 befänden sich in Paris, Moreau bereits verhaftet. Ein gewisser Querelle, Werkzeug der Emigranten, hätte sich vor seiner Hinrichtung dadurch gerettet, daß er den ganzen Plan offenbarte. Das hatte ich schon im »Moniteur« gelesen, schlimm war nur Mijnheer Willems Neuigkeit, daß auf der Liste der Verschwörer der Name »Cornelius van der Valck aus Amsterdam« stand. Sein Ohm, an den dabei zuerst gedacht wurde, ist allerdings vom Polizeipräsidenten entlastet worden. Der alte Herr, der zu den »Hochmögenden« der Stadt gehört, könnte, wie er nach Paris berichtet hat, keinesfalls in Betracht kommen, er, der Präsident, verbürge sich für ihn, nur aus Irrtum oder Böswilligkeit könnte er genannt worden sein.

»Weder mein Ohm noch sonst jemand von unsrer Familie«, fährt Mijnheer Willem fort, »hat bei der Vernehmung auf Dich hingewiesen. Es liegt aber nahe, daß der Präsident sich Deiner erinnert und Dich als den Verdächtigen bezeichnet hat. Wir wissen nicht, was davon zu halten ist. Solltest Du, vielleicht unter dem Einfluß Deines verstorbenen Pflegevaters, unvorsichtig gewesen sein? Ich enthalte mich jeder Vermutung, möchte Dir aber anheimgeben, auf polizeiliche Recherchen gefaßt zu sein. Von unsrer Seite wird Dein jeweiliger Aufenthalt in 199 Deutschland nicht verraten werden; es könnte jedoch geschehen, daß man ihn bei etwaiger Durchsicht unsrer Geschäftsbücher entdeckt. Dann dürften Dir, selbst auf deutschem Gebiet, Unannehmlichkeiten entstehen; denn die Hand des Ersten Konsuls reicht weit, und seine Agenten geben den englischen an Schlauheit und Skrupellosigkeit nichts nach.«

Das lasse ich mir gesagt sein. Nachdem ich Marie-Thérèses Schicksal an das meinige gekettet habe, muß ich schon um ihretwillen jeder Nachforschung mit gesteigerter Vorsicht aus dem Wege gehen. Ein weiteres Verschweigen meiner Beziehung zu Cadoudal Marion gegenüber konnte ich nicht verantworten. Sie nahm mein offenes Bekenntnis mit dem Entsetzen auf, das ich befürchtete, und drängt auf schleunige Weiterreise. Die ist ja immer unser einziger Ausweg – etwas Besseres fällt uns nicht ein! Ich gab ihr zwar zu bedenken, daß wir uns nirgends sicherer fühlen könnten als hier in dem abgelegenen Gehöft, dessen Bewohner nicht einmal unsre Namen kennen; allein sie ist nun einmal aufgestört und hat, da es sich diesmal um meine Feinde statt um die ihrigen handelt, völlig den Kopf verloren. In ein anderes Land will sie mit mir, weil in der Hauptstadt von Hessen das Bankhaus den Namen van der Valck in seinen Büchern führt; fiebernd hört sie die 200 Häscher schon vor der Tür! Im Fieber liegt sie tatsächlich, seit einigen Tagen heftig erkältet, was dazu beiträgt, daß ihr das Winzerhaus auf einmal unwirtlich und ungesund erscheint, was aber zugleich unsre Abreise noch hinausschiebt. François setzt inzwischen den Wagen instand. Er erbot sich, einen Arzt herbeizuholen, doch es graut Marion vor jedem neuen Gesicht.

 

Ingelfingen, den 8. Januar 1804

Wir kamen erst vorgestern dazu, uns aufzumachen. Marions übles Befinden hätte eigentlich ein noch längeres Abwarten geboten. Ihr Katarrh hat sich nur wenig gebessert, aber sie verlangte zu dringend fort. Nur die nötigsten Wintersachen konnten wir mitnehmen, alles irgend Entbehrliche ließen wir unsren braven Bauersleuten zurück, die über die Trennung von uns untröstlich schienen, um so mehr, als sie den Grund nicht erfahren durften.

Heidelberg in Baden hatten wir als nächstes Ziel in Aussicht genommen, aber es sollte anders kommen. Die Fahrt war voller Hindernisse und Strapazen. Zu spät erkannten wir, daß ein Schlitten das geeignete Fahrzeug gewesen wäre. Der schwerfällige Reisewagen kam im hohen Schnee nur langsam vorwärts, die Pferde ermüdeten rasch und mußten immer wieder ausgespannt, abgerieben und gelabt 201 werden. Hinter Mannheim gerieten die Vorderräder in einen durch Schneewehen verdeckten Feldrain, und die Achse brach. Es dauerte lange, bis François im nächsten Dorf einen Stellmacher aufgetrieben hatte, der den Schaden heilte. Stunden über hielten wir auf der Landstraße, ich bei den Pferden, Marion, in Decken gehüllt, auf dem Polster. Seit zwei Nächten hatte die Ärmste nicht geschlafen, vor Aufregung und vom Husten gequält. Als wir nun abends in Heidelberg eintrafen, war sie an meiner Schulter gerade eingeschlummert; ich konnte mich nicht entschließen, sie zu wecken und in die eisige Abendluft hinauszulassen. So gebot ich François die Weiterfahrt ohne Aufenthalt. Er antwortete:

»Sehr wohl, Herr Baron! Befehlen Sie weiter nach Süden? Sie würden dann nach ein bis zwei Tagereisen in die Gegend von Ettenheim gelangen, wo der Herzog von Enghien lebt.« Dessen Nähe erschien mir gerade in unsrer gegenwärtigen Lage nicht ratsam. Ich beendete also unser leise durchs Fenster geführtes Gespräch damit, daß ich sagte:

»Nein! Dann lieber ostwärts, weiter nach Deutschland hinein!«

An der badisch-württembergischen Grenze gab es, mitten in der Nacht, wieder unliebsamen Aufenthalt. Zollbeamte bestanden darauf, das Gepäck zu 202 durchsuchen, fragten aber wenigstens nicht nach dem Paß; da er auf den Namen van der Valck lautet, hätten sie ihn keinesfalls zu sehen bekommen. Marion lag glücklicherweise in festem Schlaf, es war ihr Genesungsschlummer.

Gegen acht Uhr morgens erwachte sie davon, daß eine Postkutsche mit Horngeschmetter an uns vorüberfuhr. Es war noch stockdunkel, große, weiche Flocken tanzten vor unsren Wagenscheiben, der Frost hatte nachgelassen.

»Kommen wir bald nach Heidelberg? Ich möchte endlich hinaus aus dieser dumpfen Enge!« klagte sie schwach.

»Heidelberg liegt weit hinter uns. Du schliefst so gesund, mein Liebling, ich wollte dich nicht wecken.«

»Aber dann bleiben wir doch, wo wir sind! Das ewige Rollen und Schütteln ist unerträglich, ich bin wie gerädert. Ach, bitte, laß mich irgendwo ruhen!« »Rast in der nächsten Stadt!« rief ich François zu.

»Sehr wohl! Wir nähern uns gerade einer.« Ein Fleischergesell mit seinem Plankarren, den wir überholten, gab Auskunft:

»Das ist Ingelfingen, die Residenz eines Fürsten von Hohenlohe.«

In einer Residenz wird man wohl leidlich unterkommen, dachte ich, da soll sich Marion auskurieren.

203 Der Gasthof zum Schwan am Marktplatz, der uns als der beste bezeichnet wurde, sieht vertrauenerweckend aus. Marion hat sich gleich zu Bett gelegt, sie ist fast fieberfrei.

 

Ingelfingen, den 5. Februar

Eine kleine, süddeutsche Stadt mit protestantischer Bevölkerung hat viel für sich, sie leidet nicht an lärmendem Verkehr noch unter unduldsamem Klerus. Der Volksschlag zeigt Behagen und freundliches Entgegenkommen, Bequemlichkeiten stehen zur Verfügung, die wir im Bauernhofe doch vermißten. Ob sie aber der rechte Fleck ist für ein auffallendes Paar, das strengste Zurückgezogenheit wahren muß? Die Neugier der kleinen Leute kann recht lästig werden. Da tauchen unvermutet drei Fremde auf, die allerhand zu verschweigen haben. Man möchte gar zu gern wissen, was; man beargwöhnt sie also. Untereinander kennen sich die Ingelfinger anscheinend ziemlich genau, wissen Bescheid über die Herkunft, den Beruf, die Familien- und Vermögensverhältnisse ihrer Nachbarn, kommen aber nicht darauf, daß jeder einzelne Mensch dem anderen trotzdem ein Rätsel bleiben muß, weil sie sich nicht auf den Grund des Seele schauen können. Mit manchem werden sie schon überraschende Erfahrungen gemacht haben.

204 Ich soll nun mit ihnen in Eintracht leben, mich so zu ihnen stellen, daß sie allmählich Vertrauen fassen. Das wird nicht leicht sein. Als den geradesten, selbstverständlichen Weg habe ich den gewählt, sie hinzunehmen, wie sie sind, und ihnen Gutes zu erweisen; das allerdings ist wirklich nicht schwer. Wer sich entschlossen hat, den Menschen zu dienen, statt über sie zu herrschen, wer die Macht verabscheut, den Mächtigen aus dem Wege geht und zu den Schwachen, den Bedürftigen hält, vermindert auch das Leiden an sich selbst. An meinen Mitmenschen mich messend, erkenne ich heilsam die eigenen Fehler, vertiefe das Bewußtsein der eigenen Unwichtigkeit, stärke den Willen, mich jedes äußeren Vorrangs zu entäußern. Hier entdecke ich die Keime jener Urlaster, mit denen ausgewachsene Bestien meine Kindheit zerstörten, die des Klassenhasses, der Rachsucht, der Grausamkeit, schon an den Kindern und die, deren Folgen an mir und den Meinen heimgesucht wurden, den Hochmut, die Herrschsucht, die Prahlerei, rückblickend auf die Geschichte meines Hauses. Es ehrte die Taten eines Richelieu und Mazarin, des Kriegshelden Turenne und des »großen« Condé als vermeintliche Verdienste und überließ seinem letzten Sproß die Sühne. 205

 

Den 18. Februar

Wir haben einen peinlichen Zusammenstoß gehabt mit dem Gesindel der Gasse – nein, eigentlich nur einen häßlichen Eindruck: rohe Buben quälten ein hilfloses kleines Mädchen. Empörung riß mich hin, und ich sprang dazwischen. Hinterher reute es mich, die Herrschaft über mich verloren und sie angeschrien zu haben, zugleich aber beglückte mich das Wunder einer Verwandlung, einer Erlösung in mir: wie aus Zorn tätige Liebe erwachsen, der Hasser zum Helfer werden kann. Denn haßgesättigte Erinnerung an meine eigenen Peiniger, an das fluchwürdige Martyrium meiner Kindheit, ließ mich aus dem Wagen gegen die nur aus Dummheit rohe Kinderschar anspringen. Die arme Kleine empfand ich plötzlich als meine Leidensgefährtin; sie zu schützen und zu trösten, bereitete mir eine köstliche Genugtuung.

Dem Verkehr mit den Leuten hier entzieht sich Marion vollständig. »Bevölkerung«, nämlich undurchsichtige Masse, erweckt ihr Vorstellungen von Gefahr der Entdeckung und schüchtert sie ein. Dazu kommt die äußere Unklarheit ihres Verhältnisses zu mir. Daß man sie allgemein für meine Frau oder gar für meine Geliebte hält, peinigt sie. In beständiger Furcht, sie könnte daraufhin angesprochen 206 werden, flieht sie die Nähe jedes Menschen, selbst die der alten Dame, bei der wir zur Miete wohnen, und hat noch an niemand das Wort gerichtet. Mir versichert sie immer aufs neue, wie glücklich sie ist, mich zur Seite zu haben, und sich niemals von mir trennen zu wollen, was aber das Wiedererwachen der Sehnsucht nach ihrer Mutter nicht ausschließt. Als ich ihr sagte, Louis-Henri Enghien lebe nicht allzuweit von uns im benachbarten Baden, kam ihr der Gedanke, durch ihn die Verbindung mit der Mutter wieder aufzunehmen. Nicht schriftlich möchte sie das versuchen, sondern hält es für aussichtsreicher, persönlich, in meiner Begleitung, zu ihm zu fahren, hoffend, er werde uns freundlich aufnehmen und ihren Wunsch auf inständige mündliche Bitten hin erfüllen. Meine Bedenken, mich dem jungen Herzog, der mich höchst wahrscheinlich wiedererkennen würde, als ihren Entführer vorzustellen, läßt sie nicht gelten; sie wisse, daß er großdenkend und von ritterlicher Gesinnung sei, überdies von jeher sehr an der Mutter hänge, um ihretwillen würde er sie vielleicht als seine Schwester anerkennen. Kein Wunder, daß sich in ihrer Abgeschlossenheit von aller Welt ihr Familiengefühl regt. Auf den Bruder, von dessen ehelichem Idyll und strenger Rechtlichkeit wir zuweilen in den legitimistischen Blättern lesen, 207 hält sie große Stücke und ist geneigt, ihm in ihrem Herzen an meiner Seite einen Altar zu errichten. Nichts Schöneres könne sie sich denken, als daß er mir seine Gunst und Freundschaft anbiete. Ich halte das für eine Chimäre und nicht einmal für wünschenswert, weil sie uns, wenn sie Wirklichkeit wird, in die Kreise der Emigranten bringen würde. Dennoch werde ich es wohl nicht über mich gewinnen, wenn Marion zu dem Besuch bei ihrem Bruder drängt, ihr meine Begleitung zu versagen.

 

Den 11. März

Die Prämien im Betrag von fünfzigtausend bis hunderttausend Franken, die Bonaparte auf Ergreifung der Verschwörer ausgesetzt hat, fangen an, ihre Schuldigkeit zu tun: General Pichegru und Cadoudal, die Häuptlinge, sind bereits in die Hände der Polizei gefallen. Ob man auch auf den mysteriösen van der Valck fahndet, bleibt dahingestellt, Mijnheer Willem weiß mir nichts darüber zu melden. Nach längerem Hin und Her hat mich Marion bestimmt, den Versuch einer Verständigung mit Enghien in Ettenheim zu wagen. Sie ist seitdem voller Zuversicht und in so freudiger Erregung, wie noch vor keiner unsrer Fahrten. Als ich François ankündigte, es ginge in den nächsten Tagen zum Herzog 208 von Enghien, fragte er: »Haben sich die Herrschaften bei ihm angemeldet?« Auf meine verneinende Antwort bemerkte er nur: »Madames Wunsch und Ihr Befehl, Herr Baron, werden das Richtige treffen.« Aber seine Miene war sorgenvoller Zweifel.

 

Rast auf preußischem Gebiet, den 28. März

Wir sind keiner Entschlüsse mehr fähig, alle werden ja doch durch eine höhere Gewalt umgestoßen. Die Hinrichtung Enghiens gab unsrer Willenskraft den Rest. Marion sucht sich zu beherrschen, François allein ist es, der uns jetzt die Reiseroute vorzeichnet. Ich habe es ihm überlassen, uns – meinethalben kreuz und quer – dahin zu fahren, wo ihm eine gewisse Sicherheit verbürgt erscheint. Die Stadt hier, die wir übrigens morgen schon wieder verlassen werden, heißt Ansbach, eine Enklave des Königs von Preußen im Lande des Kurfürsten von Bayern. Wie zerstückelt und schwer zu übersehen doch dieses Deutschland ist – eine Art politischen Labyrinths, dessen Gänge und Schlupfwinkel geradezu einladend wirken. Nur die eine Weisung gab ich François, die deutschen Grenzen nirgends zu überschreiten. 209

 

Am Tegernsee in den bayrischen Alpen, den 15. Juni 1804

Das Unfaßbare ist Wirklichkeit geworden: Bonaparte hat sich von seinem servilen Senat als »Napoleon« zum Erbkaiser der Franzosen ausrufen lassen! Ein Emporkömmling aus der Revolution, der Mörder des Herzogs von Enghien, besteigt den Thron Frankreichs, und die Fürstenhäuser Europas nehmen diesen Hohn wie etwas Selbstverständliches hin. Ich für meine Person beneide ihn nicht um solchen, auf Rechtsbrüchen und Gewalttaten aller Art begründeten Ruhm. Möge er zusehen, wie er seine Dynastie durch den Lauf der Jahrhunderte erhält! Ich bin der Geringste seiner Untertanen geworden, der Ungefährlichste seiner Feinde, denn mich hat er geächtet, ohne mich zu kennen. Sein Kriminalgericht hat mich unter dem Namen Leonardus Cornelius van der Valck nebst anderen »Mitwissern« in absentia zu zehn Jahren Kerker verurteilt. Die ungeheuren Kosten des Prozesses wurden allen Verurteilten solidarisch aufgeladen; doch schreibt mir Mijnheer Willem, mein Vermögen sei, weil im Ausland festgelegt, nicht greifbar. Getreulich bewahrt er das Geheimnis meines Aufenthalts. Er allein weiß, wo Leonardus lebt. Als Vavel de Versay bin ich gestorben; das war ein Einfall des guten François, mich durch Zeitungsnachrichten totzusagen. Die Spur des fremden 210 Emigranten aus Ingelfingen sollte verwischt werden, und allem Anschein nach ist es gelungen.

Wir hausen in einem aufgehobenen und verlassenen Benediktinerkloster, in Gesellschaft des letzten Abtes, der einen Flügel davon für den Rest seines Lebens mit drei seiner Patres und vier Laienbrüdern bewohnen darf. Der Käufer, ein Graf von Drechsel, befindet sich auf Reisen und kümmert sich nicht um die Gäste des Abtes Gregor, der mich mit väterlicher Güte, die junge Dame mit ritterlicher Ehrerbietung behandelt.

Ein großes Glück, daß wir auf unsrer Irrfahrt diesen edlen Greis hier trafen, einen Prälaten, wie er der Kirche zu seltener Ehre gereicht. Priesterliche Manier und Ausdrucksweise vermeidet er geflissentlich, sieht selbst darüber hinweg, daß wir keiner Messe beiwohnen. Auf den ersten Blick scheint er sich ein Urteil über uns beide gebildet zu haben, das der Wahrheit nahekommt, und achtet seitdem das Dunkel, das Asylsuchende so oft zu umhüllen pflegt. Mein Verhältnis zu Marie-Thérèse hat er, instinktiv oder aus reicher Lebenserfahrung, richtig eingeschätzt. Er redet sie »Madame« oder »mein liebes Kind« an und umgibt sie mit den zartesten Aufmerksamkeiten, was sie ihm mit weitgehendem Vertrauen dankt. Trotz dem päpstlichen Dispens beobachtet er 211 mit seinen sieben Mönchen freiwillig die Ordensregel weiter, nur daß Marion in meiner Begleitung die Klausur, das heißt seine Prälatur, betreten darf. Wir genießen dann oft stundenlang sein kluges, weltläufiges Gespräch, seine weisen Urteile über die stürmischen politischen Ereignisse, über das reiche geistige Leben, das sich in Deutschland, besonders aber in Weimar, dem Dichtersitz Goethes, entfaltet. Mit lebendigem Anteil verfolgt Abt Gregor auch die großen Entdeckungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Das physikalische Kabinett des Klosters hat er um viele Apparate vermehrt, hat ein Herbarium, eine Münz-, eine Kupferstichsammlung angelegt und die reichhaltige Bibliothek neu geordnet. Nur schade, daß der jetzige Besitzer viel Wertvolles daraus verschleudert, ganze Wagenladungen von Büchern, alten Manuskripten und Pergamentrollen verkauft oder in andere Bibliotheken verstreut. Das Kloster ist nämlich über tausend Jahre alt und war eine Leuchte mittelalterlicher Kunst und Wissenschaft. Im chemischen Laboratorium wohne ich zuweilen den lehrreichen Experimenten bei, im physikalischen Kabinett werden mir mancherlei Wunder der Elektrizität, zuletzt noch das der kürzlich erfundenen »Volta'schen Säule« vorgeführt: kurz, ich habe Gelegenheit, Lücken meiner Bildung 212 auszufüllen. Die Bibliothek benütze ich natürlich eifrig und mit wachsendem Gewinn.

Was Marion betrifft, so befriedigt mich sehr, daß sie weiblichen Anschluß gefunden hat. Die alte Gräfin von Drechsel, eine prachtvolle, tüchtige Frau, die für ihren Sohn die Ökonomie des Klosters verwaltet, hat sich mit großer Güte Marions angenommen und beschäftigt sie dabei auf eine für beide ersprießliche Weise. Nachmittags sind wir fast täglich zum Tee bei ihr, ohne besorgen zu müssen, daß wir unerwünschte Gesellschaft vorfinden. Sie führt das anspruchslose Leben einer Aristokratin, die den früheren Hofdienst mit der Eremitage an diesem stillen See gern vertauscht hat und nebenbei Befriedigung darin findet, das hier nicht eben wohlgestellte Bauernvolk liebevoll zu betreuen. Denn die Aufhebung des Klosters hat diesem den wesentlichsten Verdienst entzogen; der Absatz seiner Erzeugnisse ist nun sehr zurückgegangen und muß mit mancherlei Schwierigkeiten nach den nächsten Städten, wenn möglich bis München, umgeleitet werden. Marion folgt der Gräfin oft in die Hütten der Armen, hinauf in entfernte Weiler, bis auf die Almen der Berge. Das macht ihr viel Freude, bringt sie den Kindern nahe und erquickt sie auch körperlich.

Das Kloster, ein mächtiges Viereck, in der Mitte 213 die Kirche mit zwei massiven Türmen – hat dicht am See die herrlichste Lage. Von den hohen Bogenfenstern unsrer Wohnung aus findet das Auge einen weiten Blick und doch überall wohltuende Grenzen. Die Berge des Tegernseer Gebiets sind felsig ohne Schroffen, wie die Bewohner derb ohne Rauheit. Unsrem Flügel gegenüber erhebt sich unmittelbar über dem jenseitigen Ufer anmutiges Hügelland mit grünen Matten, Hainen und sanft ansteigenden waldigen Terrassen. Zur Linken sehen wir im Halbkreis gelagert das Hochgebirge, dessen Hänge, obschon in ziemlicher Entfernung, doch ganz nah erscheinen. Die kräftige, von Harz- und Nadelduft gesättigte Luft weitet die Brust. Nirgends noch vermochte ich so frei zu atmen und mich dem Leben mit größerer Zuversicht zu stellen wie hier.

 

Den 10. August

Daß eine milde Abendstunde auf glattem Wasserspiegel zum aufwühlenden Ereignis, wortloses Lauschen zu einer Offenbarung ungeahnter Herrlichkeit werden und tief beglücken kann! Ereignis . . . das hieß für uns bisher nur neuer Schrecken, Aufbruch und Verfolgung. Jetzt aber wurden wir ganz unerwartet mit einem Abglanz ewiger Schönheit begnadet, von dem wir beide uns nichts träumen ließen.

214 Wie schon öfter, hatte ich Marion in einem der schmalen Fischernachen auf den See hinaus gerudert. Die Sonne versank hinter den Bergen, wir glitten an dem mit Fichten und Gestrüpp bestandenen westlichen Ufer entlang. Dort gibt es keine Gehöfte, wir waren also sehr verwundert, daß plötzlich, wie aus einem Märchenwald, die lieblichste Musik aufklang. Zarte Geigen- und Cellostriche ließen sich vernehmen, Waldhorn und Klarinette begleiteten sie im Adagio zu einer träumerischen Melodie; wir unterschieden sieben Instrumente, die in vollendeter Harmonie konzertierten. Ich brachte das Boot noch näher ans Gestade, so daß uns kein Takt mehr verlorenging; die Musiker mußten nur wenige Schritte von uns entfernt ihre Pulte in einer Lichtung aufgestellt haben. Aber wie kamen sie dahin, für wen spielten sie auf, da sie doch nicht einmal unsre Bootfahrt über den sonst leeren See hin ahnen konnten?

Wir hatten beide nie Gelegenheit gehabt, einen Konzertsaal zu besuchen. Marion war in Münster ein wenig am Klavier unterrichtet worden, doch weder sie noch ich kannte die Wirkung eines guten Orchesters. Dieses schien uns eines von der besten Art, wir horchten entzückt und tief ergriffen. In großer Mannigfaltigkeit und wechselnder Stimmung folgten sich die Sätze, nur von kurzen Pausen 215 unterbrochen, jeder erfüllt von holdester, beschwingter Heiterkeit, die bald kindlicher Frohsinn, bald sprühende Lebenslust, an einigen Stellen sich steigerte zu seligem Überschwang. Der Reigenschritt eines zierlichen Menuetts war zu erkennen, dann wieder das ausgelassene Stampfen eines Bauerntanzes, dazwischen ein frisches Marschtempo, ein zärtliches Liebeslied, ein Schwärmen, Singen, Jubilieren überirdischer Himmelsfreude.

Das Boot lag still im Schilf, längst hatte ich die Ruder eingezogen. Marion mir gegenüber auf der Steuerbank, die Hände andachtsvoll im Schoß gefaltet, regte sich nicht; ihre Augen hingen an den meinen, staunend, verzückt. Welch ein Wunder begab sich da, welch göttliches Labsal drang durch das Ohr in unser Gemüt, um so tiefer uns bewegend, um so inniger uns verbindend, da es uns gemeinsam speiste? So war die Freude in der Welt doch nicht völlig ausgestorben, irgendwo auf fernem Wolkensitz thronte sie in ihrer Glorie. Einem Meister der Musik war es gelungen, Abglanz und Ahnung von ihr in Töne zu bannen!

Als das Musikstück beendet war, fanden wir eine geraume Weile keinen Ausdruck für die Größe unsres Erlebnisses. Endlich sagte Marion: »O Louis! Das also ist Musik! Haben wir bis heute 216 geahnt, daß sie einen von innen heraus vollkommen verzaubern kann?! Wir dachten, das feierliche Brausen der Orgel, ein hübsches Lied aus der Kehle von Fischern oder Studenten, eine Sonate, von mir am Klavier gestümpert, gäbe schon einen Begriff davon . . . nein, wir mußten über den einsamen Tegernsee rudern, um sie in einem Waldwinkel zu entdecken!«

Dort hinter den Büschen wurden nun Stimmen laut, ein bedächtiges Gespräch von Männern in der Mundart des Landes. »Es sind gewiß die Musikanten«, riet Marion, »du solltest nach ihnen sehen und unsern Dank, unsre Bewunderung aussprechen.« Ich lenkte das Boot zum nächsten Landungssteg und ging ans Ufer, sie aufzusuchen. Auf einem Wiesenplan, in einem Schuppen, wie ihn die Holzarbeiter hier haben, fand ich sie um einen groben Brettertisch versammelt; ja, es waren ihrer sieben, aber was für absonderliche, ihrem Äußeren nach höchst kümmerliche Gesellen! Die Instrumente lagen in den Hüllen am Boden herum, Cello und Kontrabaß lehnten an einem Pfosten. Jeder Musikant hatte vor sich einen Tonkrug voll Bier, dazu ließen sie sich Rettiche, Wurst und Schwarzbrot schmecken. Solch närrische Figuren, solch eine Extravaganz und zugleich Schäbigkeit des Anzugs hatte ich noch nie gesehen: über ursprünglich hellen, jetzt aber 217 verschmutzten und zerknitterten Beinkleidern trugen sie fadenscheinige Röcke, die einmal grün, braun oder lila gewesen sein mochten, jetzt aber fleckig in unbestimmten Farben schillerten. Verschwitzte Kragen stiegen ihnen am Nacken hoch, Schnüre und Bandreste hingen statt der Krawatte am Hals und von den schadhaften Schuhen herab. Jedes Gesicht war in seiner Art ausdrucksvoll und doch wie verwüstet, jede Haartracht wunderlich und ungeordnet, buschig, strähnig oder von der Glatze abwärts zu einer fettigen Locke gedreht. Es wurde mir einigermaßen schwer, in diesen Jammergestalten die respektablen Künstler zu begrüßen, als die sie sich soeben bewährt hatten.

»Verzeihen Sie die Störung!« stammelte ich, »aber es drängt mich – als ungebetene Zuhörer durften ich und meine Begleiterin von einem Ruderboot aus die Probe Ihrer großen Kunst genießen – es drängt mich, Ihnen zu danken, Ihnen die Hand zu drücken. . . .« Sofort sprangen alle auf und machten tiefe Bücklinge. »Sie sind zweifellos Musiker von Beruf, ausgezeichnete Musiker . . . darf man fragen, welche Umstände Sie gerade hierher, in diese waldige Einöde, verschlagen haben?«

»Sehr gütig von Ihnen, mein Herr, sehr schmeichelhaft!« nahm der eine, ein abgehärmter blonder 218 Jüngling, in etwas geziertem Hochdeutsch das Wort. »Wir haben die Ehre, uns Ihnen vorzustellen als die Kapelle der gnädigen Frau Gräfin; ich bin die Violine und der Dirigent. Seit gestern engagiert, erlaubten wir uns, abseits im Walde unser Programm einzustudieren.«

»Das Werk, das Sie uns hören ließen, ist von göttlicher Schönheit, von wahrhaft überirdischem Glanz. Stammt es von einem deutschen Meister?«

»Allerdings! Es ist eine Komposition unsres neuesten Originalgenies, des Herrn van Beethoven in Wien, ein Septett in Es-Dur. Sie verstehen es zu würdigen, Sie sind ein Kenner, mein Herr!«

»Wir leben hier am Tegernsee, im Kloster, und kennen die Gräfin von Drechsel. Also werden wir gewiß Gelegenheit haben, Sie öfter zu bewundern. Ich freue mich außerordentlich darauf.« Alle sieben verbeugten sich immer wieder, unterwürfige Redensarten murmelnd, und ich zog mich zurück.

 

Den 14. August

Die Gräfin bestätigte uns, daß sie sich eine Kapelle angeworben und in verlassenen Klosterzellen untergebracht hat. Die uns von ihr bereitete Überraschung ergötzte sie sehr; so wäre es noch hübscher geworden, als sie beabsichtigte. In München habe sie sich, 219 nicht ohne Mühe, die ärmsten und begabtesten Musikanten zusammengesucht: »dort treiben sie sich, abgerissen und halb verhungert, in den Schenken herum, hier sollen sie sich herausfüttern und uns manch schönen Abend schenken.« Der erste liegt nun schon hinter uns, er fand in unsrer und der Mönche Gegenwart im Garten statt und wiederholte nach einer seelenvollen Serenade, gleichfalls von Beethoven, das Septett, dessen Sonnenglanz uns jetzt in gesteigerter Klarheit durchleuchtete.

Marion ist von dieser deutschen Musik so begeistert, daß sie nur noch den einen Gedanken hat, immer tiefer in sie einzudringen. Um ihr Klavierspiel zu vervollkommnen, werden wir einen tüchtigen Lehrer aus München annehmen; die Gräfin konnte uns einen bekannten Virtuosen empfehlen, der sich bereit erklärt hat, zweimal wöchentlich zu uns herauszukommen. Mit Feuereifer übt Marion ihre Tonleitern und Passagen, der Violinist studiert unterdes eine Sonate mit ihr ein.

 

Den 21. Dezember

Es ist fast ein Jahr her, daß wir den hessischen Bauernhof verließen. Das neue Heim, das wir für ihn eintauschten, gibt ihm nichts nach an landschaftlicher Schönheit, ungestörtem Frieden und gastlicher 220 Gesinnung unsrer Wirte. Geistige Anregungen, Bildungsmöglichkeiten, künstlerische Eindrücke im Überfluß! Wir vergessen darüber uns selbst und unser Schicksal, vielmehr tritt unser Eigengefühl zurück hinter dem Wert des Allgemeinen, der das unwesentlich Persönliche überschattet. Wenn ich mich in die tausendjährige Chronik des Benediktinerklosters versenke, die doch nur einen winzigen Ausschnitt des Weltgeschehens darstellt, schrumpft das Leben von Generationen zum Zeitmaß einer Stunde, das der einzelnen zu einem Augenblick zusammen, der keine Beachtung verdient. Wenn ich für den Bruchteil eines Traumbildes, gleichsam von den Toten auferstanden, wieder Vavel heiße und Marion sich um des gesellschaftlichen Brauches willen hier irgendeinen Namen zugelegt hat – den einer Maria Sophia Botta, in Erinnerung an ihre alte Kinderfrau –, so liegt darin allein schon ein Symbol von Schein und Vergänglichkeit.

Unsre Hausgenossen haben wir inzwischen in ihrem achtenswerten Charakter, ihrem Verhalten zu uns und ihren kleinen Eigenheiten genau kennengelernt. Die Gräfin und den Abt schätzen wir als gediegene Persönlichkeiten weit über dem Durchschnitt, die Mönche als ein demütig schweigsames Häuflein schwarzer Kutten, anfangs schwer 221 voneinander zu unterscheiden, die Musikanten wiederum als drollige Käuze, jeder ein Sonderling in seinem Gehaben, verwachsen mit seinem Instrument, voll Ehrgeiz, sich auch als Solist damit hören zu lassen. Noch immer verlegen sie, wie damals zuerst im August, ihre Proben und Übungen hinaus in den Wald, Schnee und Kälte weniger scheuend als einen Mißklang vor unsern Ohren. Allabendlich aber vereinigen sie unsern kleinen Kreis im Kapitelsaal zu den köstlichsten Konzerten. Obgleich sie jetzt in der gräflichen Diensttracht ganz schmuck aussehen, spielen sie auf ihre Bitten hinter einem Vorhang, wobei der hohe Raum, nur durch einige Fackeln matt erleuchtet, für uns im Halbdunkel bleibt. Wir Zuhörer verteilen uns weit auseinander in Sesseln an der Wand, als körperliche Erscheinungen so viel wie möglich zu verschwinden. So sind es nicht Menschen mehr, die musizieren, sondern es musiziert in uns. Die Seele der Meister ergießt sich um so ungehemmter in die unsre, deren kleine, trüb flackernde Regungen erlöschen unter dem Gluthauch der ewigen Gefühle. Nicht anders, wenn des Pater Servatius schwache Greisenhände in der Kirche die Register der Orgel ziehen. Wunderbar beherrscht das dürre, gebeugte Männchen das riesige Instrument; er spielt eine Toccata des Frescobaldi, und die Stimme Gottes 222 dröhnt durch das All. Wir werfen uns willig, beseligt vor seiner Allmacht nieder und verwehen wie Staub. Ob christgläubig oder nicht, erkennen wir das Göttliche als das Absolute, indem wir es einlassen durch unser Ohr, wir lieben es, indem es unser Herz überwältigt und ausfüllt, lösen uns auf und verschmelzen mit ihm, dem einzig Wesenhaften, durch die Magie der Töne.

 

Den 10. Mai 1805

Spät weckt der Frühling an unsrem See die Lebensgeister der Natur. Nach der Schneeschmelze auf den Bergen, von denen die Lawinen als brausende Gießbäche zu Tale stürzen, zeigen sich jetzt auf feuchtem Wiesengrund die bepuderten Blüten der Aurikeln und die nickenden Kronen der blauen Alpenglöckchen. Bergfinken, Drosseln und Pirole locken flötend aus den Wipfeln, der Kuckuck ruft, und die Spechte hämmern. Der Weg an der Weißach entlang nach Kreuth hinauf, dem »Bad vom heiligen Kreuz«, ist für Marion und mich der liebste Spaziergang. Sobald es wärmer wird, will sie dort wieder die Schwefelquelle benutzen, der sie schon vorigen Sommer Kräftigung verdankte. Das herrschaftliche Badehaus wird seit der Aufhebung des Klosters kaum mehr besucht; wir bewegen uns dort wie Gebieter ohne Gefolge und Untertanen in einem Reich, das 223 keine Grenzen kennt. Der Kurfürst, der es vom Kloster erwarb, besuchte es im Herbst zwei- oder dreimal, um von dort aus auf Gemsen zu jagen; wir sahen ihn nicht und wollen nur hoffen, daß er von unsrer Anwesenheit nichts weiß.

Die erquicklichen Wanderungen und die Wagenfahrten durch das ganze, so abwechslungsreiche Alpenvorland, die wir wieder aufgenommen haben – François stellt gewandt und mit Geschmack die Touren zusammen –, lassen uns doch nicht unsre Studien vernachlässigen. Ich arbeite gerade das Kupferstichkabinett des Klosters und die Werke des großen deutschen Kunsthistorikers Winckelmann durch, Marion unter Anleitung ihres ausgezeichneten jungen Lehrers Alexander von Klengel die Beethovenschen Klaviersonaten. Sie macht erstaunliche Fortschritte und will keine andere Musik als die deutsche mehr gelten lassen. Herr von Klengel, Schüler des berühmten Clementi, kaum älter als ich, hat schon die Laufbahn eines Wunderkindes hinter sich, was seinen gesellschaftlichen Charme aber keineswegs beeinträchtigt hat. Gründlicher Kenner und feuriger Verehrer nicht nur Beethovens, sondern auch der Vorgänger Haydn und Mozart, weitgereist und überall verwöhnt, ist er sich seines Könnens weniger bewußt als dessen, was seinem Eifer 224 noch zu fehlen scheint, dabei der liebenswürdigste, unbefangenste Unterhalter. Die Abendstunden, die er uns nach Marions Unterricht am Tische der Gräfin oder dem unsern zu schenken vermag, vergehen uns im Fluge. Ich stehe mit ihm auf angenehm kameradschaftlichem Fuß, komme mir nur angesichts seiner knabenhaften Frische und Offenherzigkeit unerlaubt verschlossen, ältlich und aussichtslos vor. Ihm ist eben beschieden, sich noch wichtig nehmen zu können, ja ganz von sich selbst und sich allein erfüllt zu sein, was dem Willen der triebhaften Natur entspricht und das Wachstum der schaffensfrohen Kräfte fördert. Daß er Marion den Hof macht, versteht sich von selbst. Er legt sich dabei Zurückhaltung auf, sichtlich nicht ohne Mühe. Muß er sie doch an mich durch amouröse Fesseln gebunden glauben, und wie der übliche junge Mann von Welt wird er sich berufen fühlen, sie zu sprengen. Absichtlich überlasse ich es Marion, mir aus eigenem Antrieb davon zu sprechen, was sie von ihm denkt, was sie etwa für ihn empfindet. Als Lehrer schätzt sie ihn ungemein und ist des Lobes voll, wie er auf sie eingeht, mit welcher Geduld er ihre Technik verbessert, ihre Auffassung zu vertiefen sucht. Seine Aufmerksamkeiten als Kavalier läßt sie sich gern gefallen, arglos und kindlich 225 geschmeichelt. »Er hat so angenehme, rücksichtsvolle Formen«, sagt sie, »und seine Lebhaftigkeit steckt an, weil sie nur einer schönen Begeisterung entspringt. Die nächste Unterrichtsstunde kann ich kaum erwarten.« Nach jeder glühen ihre Wangen, an der allgemeinen Unterhaltung mit ihm nimmt sie gespannt, wenn auch nur mit wenigen Worten teil. Sollte der Eindruck, den er auf sie macht, tiefer gehen und zu einem innigeren Einverständnis führen, würde ich ihr das Glück von Herzen gönnen. Freilich müßte ich mich dann mit der Möglichkeit abfinden, sie an ihn zu verlieren. Wie käme ich darüber hinweg? Hätte ich die Pflicht, ja auch nur das Recht, sie darüber zu beraten, vor Gefahr zu warnen, weiterhin über sie zu wachen?

 

Den 18. August

Schneller, als ich erwartete, ist es zwischen Marion und Alexander zu einer Entscheidung gekommen. Er hat ihr einen Antrag gemacht und ist abgewiesen worden. Ich sah ihn mitten aus dem Unterricht hastigen Schrittes das Haus verlassen und in seinem Wagen davonfahren. Gleich danach kam Marion zu mir herein, verstört und tief betrübt.

»Es ist aus – wir sehen ihn nicht wieder, Louis! Der arme Mensch, ich habe ihn kränken müssen! 226 Konnte ich denn ahnen, daß er sich mit der Hoffnung trug, mich zu heiraten?!«

»Liebste!« rief ich erschrocken. »Hast du auch nicht unüberlegt gehandelt, nicht gegen dein wahres Gefühl? Wird es dich nicht gereuen?« Sie sah mich fassungslos an:

»Wie kannst du nur so fragen? Ich sollte von dir gehen, um einem fremden Manne zu folgen? Das habe ich ihm auch gesagt, und er begriff es gleich.«

»Lassen wir mich jetzt außer Betracht! Alles kommt darauf an, daß du dir nicht mit einer schwesterlichen Regung dein Lebensglück verscherzest. Sieh, es gibt Stimmen des Herzens, die sich widerstreiten. Wenn du die stärkere nun mißverständest und mit Gewalt zum Schweigen bringen wolltest? Das sollst du nicht um meinetwillen, es könnte sich furchtbar rächen. Ein Mädchen, das zum erstenmal die Keime einer Leidenschaft spürt. . . .« Hier unterbrach sie mich fast zornig:

»Erinnere mich nicht an diese andere Liebe, die mir zum Greuel wurde! Ich weiß, wie sie aussieht und wohin sie führt! Es schaudert mich – und dich, dich auch, du hast es mir selbst versichert! –, wenn ihr übler Atem uns auch nur von ferne streift.« Ich fühlte mich geschlagen in meiner Verteidigung des 227 Gottes Amor und wurde meiner Niederlage froh. Triumphierend schloß Marion:

»Nein, fürchte nicht, ich könnte der Liebesleidenschaft, ja auch nur ihrem leisesten Lockton je verfallen!«

Dann sagte sie mir noch, wie es sie des unglücklichen Liebhabers erbarmt hätte, weil sie ihn wirklich gern habe und ihm den Kummer, der ihr tief und aufrichtig vorkam, lieber erspart haben würde. Aber die bettelnde Gier in seinem Blick, die sie nur zu gut von jenem anderen her kannte, hatte sie abgestoßen und erkältet.

Wir bedachten – und das schien Marion ein Trost zu sein –, daß eine Ehe mit Alexander von Klengel schon aus den mannigfachen, nur uns bekannten Umständen sehr schwierig geworden und kaum zu beider Segen ausgeschlagen wäre. Hatte er ihr auch zugesichert, er werde seine unruhige Virtuosenlaufbahn, wenn sie es wünsche, aufgeben, um ihretwillen auf allen Künstlerruhm verzichten und seine Lebensweise ganz der ihrigen anpassen, so wäre dieses Opfer doch zu groß für ihn gewesen. Wir irren wohl nicht in der Zuversicht, daß er die Enttäuschung bald verwinden wird, zumal ihn bereits eine bevorstehende Tournee mit Clementi nach St. Petersburg freudig erregte und ganz in Anspruch nahm. 228

 

Den 21. September

Österreichische Truppen schwärmen durch unsre stille, abgelegene Gegend. Von München aus schicken sie nach allen Richtungen des Alpenvorlands Fouragewagen aus, auch bei uns requirieren sie Vieh, Getreide und Obst. Über die Tiroler Grenze dringen berittene Patrouillen ein, die Verbindung mit der Hauptarmee zu unterhalten. Wie konnte das geschehen? Auch diesmal geht alles wieder auf Bonaparte zurück, der sich nunmehr mit dem größten Teil Europas, außer mit England auch mit Rußland, Schweden und Österreich im Krieg befindet. Unser Kurfürst Max Joseph hat lange geschwankt, auf welche Seite er sich schlagen sollte, schloß sich aber endlich, gleich den übrigen süddeutschen Staaten, um seinem Lande die Freiheit zu erhalten, dem Korsen an. Da die Österreicher aus dem Salzkammergut anrückten, zog er sich nach Unterfranken zurück, wo er sein Heer mit dem französischen vereinigen will.

Wir sind also in der Gewalt des Feindes, zum Glück eines Feindes, der sich als solcher nicht aufführt. Die österreichischen Soldaten, den Bayern stamm- und sprachverwandt, behandeln unsre Bauern so schonungsvoll, wie es der Krieg gerade noch erlaubt. Immerhin ist viel Not über das arme 229 Landvolk hereingebrochen; wir suchen sie, wenigstens in der nächsten Nachbarschaft, nach Kräften zu lindern. München ist von den Divisionen des österreichischen Generalquartiermeisters Mack überflutet, dort leidet die Einwohnerschaft ungleich mehr. Ich nahm die Gräfin, die Sorge um ihre Depositen hatte, in meinem Wagen mit hin und konnte ihr behilflich sein. Als Emigranten wurden ich und François von den Offizieren überall durchgelassen und als Feinde ihres Feindes aufs rücksichtsvollste befragt. Post- und Bankverkehr gehen in Ordnung weiter, im übrigen aber ist das Durcheinander unbeschreiblich.

 

Den 2. Januar 1806

Das vorige Jahr ging unter Schlachtenlärm und diplomatischen Schachzügen zu Ende und hat uns vor wenigen Tagen noch den Frieden gebracht. Die Übergabe von Ulm, eine Schmach für die Österreicher, der Einzug des Generals Murat in Wien, der Sieg der französischen Waffen bei Austerlitz, die Demütigung des Kaisers Franz im Biwak des Eroberers – Akte eines Welttheaters, wie es sich Napoleon Bonaparte großartiger nicht wünschen kann. Der Versuchung, ihn zu bewundern, widerstehe ich nur schwer. Er ist nun einmal der Führer und oberste Feldherr der Franzosen, sie danken ihm 230 einen märchenhaften Aufschwung der Nation, wie sollte sich mein französisches Blut nicht erwärmen! Dazu stehen die Bayern, die ich lieben gelernt habe, mit ihm im Bunde. Dem Kurfürsten Max Joseph hat er die Königskrone aufgesetzt und ihm sein Gebiet beträchtlich erweitert. Selbst die Landleute hier feiern den fremden Tyrannen als gnädigen Gönner! Da kostet es mich schon eine gewisse Mühe, den Standpunkt überlegener Betrachtung zu gewinnen, daß sich auch mit diesen Erfolgen wieder nur ein böses Prinzip durchgesetzt hat, dem Dauer nicht beschieden sein kann. Die sonst so verständige Gräfin Drechsel will das nicht gelten lassen; freilich hat sich ihr Sohn, mein mir noch immer unbekannter Hausherr, unter dem Marschall Ney bei Elchingen als Reiteroberst ausgezeichnet und ist zum General befördert worden. Abt Gregor aber, ebenfalls von bayrischem Adel, stimmte mir bei, daß die deutschen Fürsten nicht gut daran täten, ihr Schicksal mit dem des Usurpators zu verknüpfen.

 

Den 10. Dezember 1806

Marion, Tochter der Sterne, dein Atem allein erhält mein Leben, in deinem Dasein nur fühle ich noch das eigene, im Lauschen auf unsrer Herzen Wechselschlag verrinnen mir die Jahreszeiten wie ein 2310 Tag, scheinbar müßig und doch erfüllt von innerem Wachstum. Der Welt und ihren Ereignissen entrückt, walten wir in engstem Umkreis, endlich von ihr vergessen, in seliger Verschollenheit. Was beschäftigt uns denn, das des Erwähnens wert wäre? Die fortschreitende Auflösung unsres Ich im All. Mich saugen auf der Wandel aller Erscheinungen, die Betrachtung der Gestirne, die Phasen unsres Planeten und seiner Menschengeschlechter; dich rührt und beansprucht die Not der Geschöpfe, und nichts ist so gering, daß es dich nicht in eifernde Bewegung versetzte.

Ein Holzknecht brachte die Nachricht, daß er droben auf dem Riederstein verendetes Jungwild gefunden habe, Opfer des Hungers und des vorzeitig starken Frostes. Niemand kümmert sich darum, der Forstgehilfe ist noch zum Kriegsdienst eingezogen. Da rüstete Marion eine Bergfahrt aus, dem Elend abzuhelfen. François mußte unsre Pferde vor einen Leiterwagen spannen, der mehrere Raufen, Heufuder und Hafergarben bis zur Riedersteinkapelle brachte, von dort aus schleppten wir mit zwei Arbeitern alles noch höher hinauf bis zum Wildwechsel und richteten die Futterplätze ein. Marion läßt es sich nicht nehmen, mit Bergstock und in hohen Stiefeln, den regelmäßigen Nachschub zu 232 überwachen. Das Wild ist schon vertraut geworden, rudelweise tritt es aus der Dickung, sobald es uns erblickt. Wenn Marion von unsrem Ausguck aus sich ihm langsam nähert, wird es nicht mehr flüchtig, zwei Hirschkälber nehmen zu ihrem Entzücken das Futter aus der Hand.

Vor Wochen bemerkte sie vor dem Altar des Kapellchens ein Bauerndirndl laut schluchzend im Gebet. Marion winkte mir, mich zurückzuziehen, und ging zu der Bekümmerten hinein. Um einen Liebesschmerz handelt es sich, einen der alltäglichsten: das Mädchen, Sennerin von der Gindelalpe, war mit einem Bauernburschen von Rottach so gut wie versprochen, nun hat ihn eine Reichere und wohl auch Hübschere ihr abspenstig gemacht. Erst war sie vor der fremden Dame voller Scheu, die aber Marion bald zu besiegen verstand. Nachdem ihr die Zenzi ihr ganzes Leid geklagt, bedeutete ihr Marion, daß es schon helfen werde, zu beten, aber nicht um Sinnesänderung des Geliebten, sondern um Kraft, den Verlust eines Unwürdigen zu ertragen. Ein Bursch, der sein Mädel um des schnöden Geldes willen verließe, sei ein schlechter Mensch, den dürfe sie sich nicht zum Manne wünschen. Marion und das Dirndl sind Freundinnen geworden, treffen sich oft und besprechen den unglückseligen Fall, mit dem 233 Ergebnis, daß er beinahe erledigt scheint. Dabei begann meine Marion schon, mir Sorge zu machen. Die Verliebtheit, der Zorn und Jammer der anderen gingen ihr so nahe, daß sie davon wie von eigenem Ungemach ergriffen wurde. Tiefsinnig saß und ging sie umher, verlor den Appetit, einmal fand ich sie sogar in Tränen. »Du magst es glauben oder nicht, Louis«, sagte sie mir, erst bitterernst, dann lächelnd, »ich bin es jetzt, die den fremden Bauern liebt, obgleich ich ihn nie gesehen habe. Die Zenzi ist schon mit ihm fertig, ich aber gräme mich statt ihrer. Mir ist, als hätte ich die Last ihr abgenommen und sollte nun auf einmal erfahren, wie es tut, unter Liebe und Eifersucht zu leiden.« Die Zenzi glaubt, ein heiliges Wunder erlebt zu haben, sie blickt zu Marion wie zu ihrem guten Engel auf. Ein Engel ist sie freilich, aber nur einer von den irdischen, denen es gegeben ist, sich zuzeiten schlackenrein ganz an andere Menschen zu verlieren.

 

Regnerischer Sommertag 1807

Im Kloster herrscht trübseliger Kehraus. Graf Drechsel ist endlich auf seinem Besitztum eingetroffen, ein deutscher General, der seinen Abschied genommen hat und sich nun der Ökonomie von Tegernsee widmen will. Für die Schätze, die Abt 234 Gregor und seine Vorgänger angesammelt haben, fehlt ihm jeder Sinn; der letzte Rest wurde abtransportiert, die ganze westliche Front mit der herrlichen alten Marmortreppe ließ er niederreißen, um Platz für eine Schloßgartenanlage zu gewinnen. Uns begegnet er, wohl unter dem Einfluß seiner Mutter, mit vollendeter Höflichkeit, und spielt mit keinem Wort auf unsre Abreise an. Demungeachtet weiß ich, daß wir als Mieter überflüssig, wenn nicht lästig geworden sind. Ich konnte es Marion nicht länger verhehlen: wir müssen uns von der liebgewordenen Stätte trennen und eine neue suchen. Unsre Tage hier sind gezählt. Die peinvolle Frage von ehedem erhebt sich wieder: Wohin? Die süddeutschen, zum Rheinbund zusammengeschlossenen Staaten möchte ich meiden, weil sie verseucht sind mit Bonapartes Polizeiagenten. Die willkürliche Hinrichtung des Buchhändlers Palm, eines bayrischen Untertanen, lasse ich mir zur Warnung dienen. Tauche ich aus dem Schlupfwinkel hier auf, dann nur, um einen minder unsicheren zu wählen. Auch Norddeutschland kommt nicht in Betracht, wo Napoleon nach der Niederwerfung Preußens gleichfalls seine Gewaltherrschaft übt. François rät zu einem der sächsischen Herzogtümer und will genauere Erkundigungen darüber einziehen. Im Gegensatz zu 235 früher lege ich unsrem Aufenthalt keinen besonderen Wert mehr bei, sofern er nur Marions Ruhe und Wohlbefinden dienen wird.

 

Hildburghausen (Thüringen), 1809

Nehme ich diese Blätter doch wieder einmal zur Hand, aufzuzeichnen, was sich mit uns begab? Der Tatsachen in diesen drei Jahren waren so wenige, daß es genügen würde, den Göttern dafür zu danken. Aber der Rechenschaftsbericht über meine Eindrücke, und welchen Weg sie mich führten, sollte doch nicht abgebrochen werden. »Ich« finde darin so etwas wie einen Maßstab und ein richtendes Gewissen, wenn auch dieses Ich mir nur noch wenig bedeutet. Die Menschen, denen es zu dienen, in denen es sich aufzulösen strebt, beschäftigen mich ungleich mehr – an ihrer Spitze Marion, dann aber all die tausend anderen, die mir nicht Gestalten, sondern nur Begriffe des »Nächsten«, Bestandteile der Gemeinschaft sind, endlich auch die längst Abgestorbenen der Vergangenheit, lebendig und der Betrachtung wert als anfeuernde oder abschreckende Beispiele für die späteren Geschlechter.

Mit dem frohen, stählenden Entschluß, mir ein unsichtbares Königreich zu gründen, nachdem ich dem Anspruch auf handgreifliche Macht vor mir 236 selbst entsagt habe, kam ich hierher, und es geht vorwärts damit auch ohne Eroberungen; denn nicht einmal Herzen wünsche ich zu erobern, sie sollen mich am besten gar nicht kennen und mir für nichts zu danken haben. Es genüge, daß sie wissen: einen gibt es, der sich verantwortlich fühlt für die schlimmste Not, der für die Armen und Leidenden sorgt, soweit es ihm möglich ist, der Stellen einrichtet oder mit Mitteln versieht, seine Hilfe weiterzuleiten. Ein kleiner Bezirk, dieses Hildburghausen und seine nächste Umgebung, gut regiert von seinem angestammten Souverän, aber noch unvollkommen als Wohlfahrtsgebiet, kaum erschlossen für das Wirken eines unbekannten, nur von sich selbst bestellten Treuhänders. Den meisten bin ich noch immer ein verdächtiger Patron, bestenfalls ein hochmütiger, närrischer Sonderling. Sei's drum! Was hätten sie davon, wenn ich mich um die Gassengunst bemühte, bieder jede schwielige Faust drückte und den zwar unberufenen, aber volkstümlichen Landesvater spielte! Wäre ich König »von Gottes Gnaden«, müßte mir an Volkstümlichkeit wohl gelegen sein, sie könnte dennoch meinen Thron nicht befestigen; denn die Zeit des schrankenlosen Königtums neigt sich dem Ende zu, das von Parteien abhängige verflüchtigt sich zum Schatten der Idee. Des 237 Gottesgnaden-Königs Gegenfüßler und Zerrbild, der Usurpator, konnte in der Antike Dynastien schaffen, heute ist er nicht mehr zeitgemäß, die Nachbarvölker werden seinen wachsenden Übermut nicht lange dulden. Man sehe nur, wie er sich spreizt und übersteigert und den Sinn für alles Maß notwendigerweise verliert! Maßlosigkeit muß im Klima des 19. Jahrhunderts an sich selbst verbrennen.

Eines Tages begegnete ich dem Herzog von Sachsen-Hildburghausen in seinem Schloßpark. Weil er von mir gehört hatte, sprach er mich freundlich an, und wir kamen ins Gespräch. Ich beabsichtigte nie, ihm näherzutreten; seiner Gunst bedurfte ich so wenig wie er meiner Dienste, doch ein unbestimmbares Etwas zog mich in diesem Augenblick zu ihm hin, eine bisher verschlossene Kammer meines Herzens sprang vor ihm auf. Die Frage, die mir so oft schon Pein verursacht, richtete er an mich, in aller Arglosigkeit:

»Sie haben unter der Revolution zu leiden gehabt?« Und so offenherzig, wie ich es mir nie zugetraut hätte, wie es meinem strengsten Grundsatz widersprach, gab ich zur Antwort:

»Allerdings! Mehr als jeder andere vom Hof. Die Einzelheiten meines Loses werden Ihnen nicht unbekannt sein.« Aus einem mir heute noch 238 rätselhaften und doch nicht unbesonnenen Drang heraus verriet ich ihm meinen wahren Namen und Rang. Nicht Stolz und Eitelkeit bewog mich dazu, ich verfolgte keinerlei Zweck mit dieser Offenbarung, die mir eher gefährlich als von Nutzen sein konnte. Vielleicht spielte der Wunsch mit hinein, zu erfahren, wie ein Souverän sie aufnehmen, ob er mir Glauben schenken oder mich für einen Aufschneider, einen Schwindler halten würde.

Die so beherrschte Miene des Herzogs konnte doch den raschen Wechsel eines Ausdrucks von Verblüffung, Entsetzen und Mitgefühl nicht unterdrücken. Er maß mich mit einem ernst prüfenden, dann unendlich gütigen Blick:

»Sie selbst?! Aber das ist ja ein Mirakel! Mir sagen Sie das? Und wer weiß sonst davon?«

»In Frankreich und in der ganzen Welt kaum vier oder fünf Menschen, so hoffe und glaube ich wenigstens, in Deutschland niemand außer Eurer Hoheit, und ich füge gleich die Bitte hinzu, daß Sie der einzige bleiben mögen, als Herr des Landes, das mir Asyl gewährt.«

»Mein Schutz und mein Schweigen sind Ihnen sicher. Ich heiße Sie willkommen. Darf ich Sie Bruder nennen?« Zeremoniell umarmte er mich.

Das war zuviel der Güte. Was ich nie für möglich 239 gehalten hätte – er glaubte mir auf mein Wort! Nicht der geringste Zweifel beirrte ihn. Somit erwies er sich als ein Mann von hohem, reinem Adel, wir spürten wechselseitig die Blutsbrüderschaft, die keine Phrase blieb.

»Sie haben nie daran gedacht, Ihre Rechte geltend zu machen?« fragte er zögernd.

»Die mich gerettet haben, erwarteten es wohl von mir, doch das ist längst vorbei. Ihrer Aufsicht habe ich mich entledigt, ihren Nachforschungen entzogen und ersehne mir nichts anderes, als unbehelligt einer Bestimmung zu leben, die mir wichtiger erscheint.« Er verstand mich so wenig, daß er bemerkte:

»Wenn Sie den schlüssigen Beweis nicht führen könnten, bliebe Ihnen allerdings nichts weiter übrig.«

»Beweise dieser Art sind immer heikel, sie würden natürlich von den Gegnern meiner Ansprüche bestritten werden. Aber mindestens zwei Zeugen könnte ich beibringen – wenn sie sich nicht inzwischen eines Besseren besonnen und auf eine andere Karte gesetzt haben. Viele würden mich wiedererkennen, darunter meine Schwester, doch ich denke nicht daran, mich ihnen als von den Toten auferstanden vorzustellen.«

»Parbleu!« rief der Herzog erstaunt. »Es ist nicht meine Sache, Ihnen Rat zu erteilen; schließlich bin 240 ich auch – nicht eben gern – ein Verbündeter Napoleons und werde niemals gegen ihn intrigieren. Als Deutscher aber, als legitimer Fürst, wünsche ich jedem guten Recht den Sieg.«

»Den Wunsch im allgemeinen teile ich mit Ihnen. Nur hat alles seine Zeit, auch der Kampf ums Recht. Gegenwärtig und noch auf lange hinaus wäre es ein Irrsinn von mir, Napoleon in seinem Amoklauf durch Europa mit solch einer Bagatelle aufhalten zu wollen.«

»Bagatelle nennen Sie es? Das Vermächtnis Ihrer Ahnen! Die Aussichtslosigkeit gebe ich zu, aber nur so lange, bis sich das Blatt gewendet hat. Sie sind noch jung, Sie können warten und nach neuen Ereignissen Ihre Meinung ändern.«

Darauf wußte ich nichts zu entgegnen, denn eines seiner Worte hatte mich getroffen: »das Vermächtnis der Ahnen«. Wenn es wahr wäre, daß der Wille abgestorbener Geschlechter aus ihren Grüften heraus Gebote zu erlassen und zu wirken vermag, dann wäre der Lebende weder in seinen Entschlüssen noch selbst in seinen Regungen frei: sie würden den Einwand, daß ich mir in einer von Grund aus veränderten Zeit andere, eigene Aufgaben gestellt habe, nicht gelten lassen, ich müßte als Beauftragter meines Geschlechtes handeln und mich ihm nötigenfalls zum Opfer bringen. Aber hätten die Lebenden, die 241 meiner bedürfen, hinter den Toten zurückzustehen? Bin ich ihnen nicht näher verbunden? Meine Ahnen würden entrüstet fragen: »Ein Haufe fremder deutscher Untertanen gilt dir mehr als wir?« Oh, ihr in euren Grüften, aber auch ihr, meine hingemordeten Eltern, die ihr mich ausdrücklich vom Rächeramt entbunden habt, insgeheim aber doch wohl nicht von dem der Wiederherstellung eurer Ehre, würdet ihr mir verzeihen, wenn ich abtrünnig würde meinem Rang und Namen und der Pflicht gegen mein Land?

Herzog Friedrich überließ mich diesem inneren Zwiespalt, den er vermuten mochte. Wechselseitige Rücksicht hinderte uns an einer weiteren Aussprache.

 

Eishausen, 1811

Unter den Büchern, die ich für Marion besorge, die sie liest oder sich von mir vorlesen läßt, befinden sich zuweilen auch Liebesromane wertvoller französischer oder deutscher Autoren; sie bestätigen ihr nur, was sie ja längst aus der Geschichte der Völker, dem Leben unsrer Schützlinge und der Beobachtung der Tierwelt weiß, daß das Verlangen des männlichen und des weiblichen Blutes zueinander der gewaltigste aller Naturtriebe ist, seligen Rausch, aber auch mörderischen Kampf entzündend. Wir haben eine 242 Aussprache darüber nie vermieden. Mit der gleichen Unbefangenheit, mit der Marion mich befragt, gebe ich ihr Antwort und Erklärungen. Eines Sinnes stehen wir in Ehrfurcht, mehr allerdings mit ehrfürchtigem Schauder als mit Andacht, vor dem Willen der Natur, überzeugt, daß der Mensch ihm zwar nur in den seltensten Fällen aus eigener Willenskraft widerstreben, wohl aber ihn läuternd, verfeinernd und durchgeistigend, sich über das Tierische erheben könne. Da mir sowohl wie Marion schon in der Kindheit die Brunst eines tierischen Menschen, zu schreckenerregender Fratze verzerrt, entgegengetreten ist und mit brutalem Eingriff die Keime der Liebeslust zerstört hat, scheuen wir sie wie das gebrannte Kind das Feuer, wir kennen aus Erfahrung nur ihre Greuel, nicht ihre beseligende Glut. Dabei fällt mir ein, was mir mein braver Geschäftsführer, Herr Stadtrat Schmidt, einmal von sich erzählte, als ich ihm vergebens ein Glas Wein anbot. Er nähme niemals Wein noch andere geistige Getränke, sagte der sonst so fröhliche und gesellige Kumpan, sie erregten ihm einen unüberwindlichen Ekel, seit ihm bei einem Trinkgelage rohe Studenten mit Gewalt Unmengen von Bier eingeflößt hätten, so daß er unter Qualen berauscht und danach lange krank gewesen wäre. Rausch und Poesie des Zechens, 243 selbst in bescheidenstem Maße, sind ihm dadurch für immer verleidet worden.

Ich habe oft darüber nachgedacht, warum Marion und ich, die wir uns doch innig lieben, jede engere Berührung meiden. Wir reichen uns Arm und Hand, ich streiche ihr wohl manchmal über Haar und Wange, in Stunden der Sorge und des Leides schmiegt sie sich an meine Brust, aber schon einen flüchtigen Kuß empfänden wir als Entweihung, denn er würde uns an den einstmaligen Mißbrauch unsrer Lippen mahnen; den heiligen Kuß der Mutter bewahren wir nur in ferner, blasser Erinnerung. Dabei neigt Marion ihrer ganzen Natur nach zu Zärtlichkeit und Liebkosungen; es rührt mich, wenn ich sehe, wie sie ihr Kätzchen streichelt und ans Herz drückt, wie sie unter Schmeichelworten ihr Antlitz in den Mähnen unsrer Pferde vergräbt; an der Schönheit der unschuldigen Kreatur hält sie sich schadlos. Vor den Menschen aber verbirgt sie sich, mehr denn je, obgleich sie doch jetzt von ihnen nichts mehr zu fürchten hat, alle Bedürftigen ihr teuer sind und sie den Umgang mit Kindern oft ersehnt. Diese kaum mehr begründete Scheu ist ihr und damit auch mir im Lauf der Jahre zur Gewohnheit geworden. Ihr erscheint der Schleier, mir meine Zurückhaltung als Schutz vor unerwünschter 244 Neugier, als eine Scheidewand, die beruhigt, weil sie uns sichert vor böswilligen oder auch nur unzarten Berührungen fremder Elemente. Mit den Guten Verbindung anzuknüpfen und zu unterhalten, dafür gibt es zur Genüge stille, unbelauschte Wege.

Daß die Leute von Marion als von der »Frau Gräfin« sprechen, sie also für meine Frau halten, belustigt sie nur noch; es ist ihr gleichgültig geworden, ob sie an unsre rechtmäßig geschlossene Ehe glauben; Klatsch oder von irrigen Voraussetzungen ausgehendes Geschwätz berührt sie nicht. Aber ich muß mich doch fragen, ob sie mit meiner Stellung zu ihr gefühlsmäßig auf die Dauer zufrieden ist. Dafür, daß dies nicht der Fall sei, habe ich niemals Anzeichen gefunden. Es würde mich niederschmettern, müßte ich mir eines Tages eingestehen, daß ich sie um ihr Lebensglück betrogen hätte.

Als sie dieser Tage von unsrem Garten aus die Pächtersfrau beobachtete, die drüben auf der Wiese mit ihrem jauchzenden kleinen Kinde spielte, sagte sie feuchten Auges zu mir: »Sieh doch, Louis, was für Freude solch eine Mutter an ihrem Baby haben kann!«

»Ja, es ist die freudevolle Bestimmung vieler Tausender«, erwiderte ich ernst, »soll sie dir für 245 immer versagt bleiben?« Liebevoll blickte sie mir in die Augen:

»Für mich habe ich nie danach verlangt. Kinder würden, glaube ich, nicht in unser Leben passen. Unser beider Zusammensein kann sie entbehren.«

»Wir könnten uns doch heiraten, Marion. Ist dir der Gedanke nie gekommen?«

Zu meiner Überraschung nahm sie die Frage von der heiteren Seite:

»Heiraten? Ein kurioser Einfall! Gewiß dürften wir, da wir alt genug sind und niemandes Erlaubnis brauchen. Indes, wenn wir eine Familie gründeten – so sagt man ja wohl? –, wären wir keine Geschwister mehr. Wünschest du dir das etwa?«

»Nur wenn ich dir, mein Liebling, damit einen Herzenswunsch erfülle. Wir würden Kinder haben, und sie würden dich vielleicht beglücken.«

»Nein, nein, Louis!« rief sie auf einmal wie geängstigt. »Es ist der Lauf der Welt, aber nicht der unsre. Was anderen Alltagsglück, uns wäre es Erniedrigung und Frevel. Sprechen wir nicht mehr davon! Wir wissen beide nur zu gut, daß unser Glück auf einer anderen Ebene liegt.« 246

 

Eishausen, Juni 1812

Während bayrische Einquartierung in unsrem Hause lag, überraschte uns ein reitender Bote mit folgendem Brief:

»Hochzuverehrender Herr!

Nach vagen Gerüchten, die über Ihr verborgenes Leben und Ihr segensreiches Wirken aus dem Nachbarlande zu uns drangen, bestimmte mich vor allem ein Hinweis von Seite des Herzogs Friedrich, mich an Sie zu wenden. Er bestätigte mir, als ich ihn kürzlich in Leipzig traf, all das Gute, Merkwürdige und Wissenswerte, das über Ihren Eishausener Aufenthalt im Umlauf ist, ohne mir irgendeine Aufklärung darüber geben zu können. Es genügte aber, den Wunsch, Ihnen dienen zu können, in mir rege zu machen. Ich wage nicht, Ihnen meinen Besuch aufzudrängen, noch Sie unverblümt zu mir einzuladen. Nur die Versicherung wollen Sie mir gestatten, daß Sie und ihre Gefährtin, falls Sie je eines anderen Wohnsitzes bedürfen sollten, mir und meiner Frau auf kurz oder lang willkommen sind. Nicht mein kleines Gebiet ist es, das Ihrer Munifizenz bedarf – nach Ihrem Vorbild bemühe ich selbst mich, unter der Bevölkerung nach dem Rechten zu sehen –, nur der Ehre und Freude des persönlichen Umgangs mit Ihnen möchte ich teilhaftig werden; 247 diesen vorausgesetzt, würden Sie beide ganz nach Ihrem bisherigen Stil auf meinem stillen Schlosse weiterleben können. Eine Äußerung zu meinem Vorschlag ist nicht vonnöten. Ignorieren Sie ihn oder folgen Sie ihm, wann immer es Ihnen beliebt. Stets werden Sie zu Ihrer Verfügung finden

Ihren sich Ihnen und Madame bestens empfehlenden

Hugo, Fürst von Schönburg-Hartenstein.

Ein Billett der Fürstin, an Marion gerichtet, lag bei, das in Wendungen von gleicher Liebenswürdigkeit den unerwarteten Vorschlag wiederholte.

Wir wunderten und überlegten uns noch, wie wir uns zu dem gütigen Anerbieten stellen sollten, als der Verwalter meldete, daß in der nächsten Woche französische Truppen die bayrischen ablösen würden, Grund genug, uns für eine sofortige Annahme zu entscheiden. Mit einem Dankschreiben, das aus unsrer Scheu vor der unerwünschten Einquartierung kein Hehl machte, sandte ich François zu Pferde hinüber in das sächsische Vogtland, in dem das Schönburgsche Gebiet eingeschlossen liegt. Wir wollten die Gastfreundschaft nur so lange in Anspruch nehmen, wie die Einquartierung dauerte, und auch das noch mit einer gewissen Besorgnis; denn wir wußten ja von dem fürstlichen Ehepaar 248 nichts weiter als seinen Rang. Alter, Lebensweise und Anschauungen waren uns völlig unbekannt und konnten selbst bei längerem Beisammensein zu gegenseitigen Unbequemlichkeiten führen. Doch berichtete uns François bei seiner Rückkehr, daß der Fürst jünger als ich und von einnehmendem Wesen sei; er hatte unsren Diener persönlich empfangen, sich huldvoll mit ihm unterhalten und seine besondere Freude über unsren Besuch ausgesprochen: wir könnten unsre bisherige Zurückgezogenheit auch auf Schloß Hartenstein unbesorgt weiter wahren.

Fürst Schönburg hatte nicht zu viel versprochen. Wir brauchten dort in der Tat von niemand seines kleinen Hofstaats Notiz zu nehmen. Begegnete uns zufällig ein Herr oder eine Dame vom Dienst, so wurde nur ein stummer Gruß gewechselt. Um so zwangloser und herzlicher gestaltete sich der Verkehr mit unsren Wirten. Auf den ersten Blick verband uns eine starke, aufrichtige Sympathie, die keiner Begrüßungsfloskeln, keines Formelkrams bedurfte. Wer kann sagen, warum sich zwei Menschen sogleich zueinander hingezogen und zu Freunden geschaffen fühlen? Hier kann es nur der äußere Eindruck gewesen sein, aus dem das unbeirrbare Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit blitzartig hervorsprang. Marion sagte mir, daß es ihr mit 249 der Fürstin ebenso gegangen wäre. Diese, ein zartes, schwärmerisches Persönchen, sieht fast noch mädchenhafter aus als sie. Vorwiegend in der Musik haben sie sich gefunden, spielten zusammen vierhändig Klavier, oder Marion begleitete die Fürstin Elisa, die mit feiner, glockenheller Stimme deutsche und italienische Lieder singt, auf der Laute. Auch lasen sie gemeinsam ihre Lieblingsdichter und hatten sich unendlich viel zu erzählen, wobei Marion, wie sie mir hier erst gestand, gewagt hat, sich als Tochter von Condé und von mir entführt zu bekennen; so sicher war sie der Verschwiegenheit ihrer »petite soeur«.

Die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Wir speisten nur zu viert, und François erhielt die Erlaubnis, allein zu servieren, so daß wir uns über alles ungeniert unterhalten konnten. Sonst leben die Schönburgs sehr gesellig und haben fast immer eine erlesene Schar von Gästen auf dem Schloß. Ihren Verkehr mit dem Adel schränken sie so viel wie möglich ein, am Dresdner Hof, mit dem sie schon aus politischen Gründen sehr kühl stehen, zeigen sie sich nie. Aus den hervorragendsten deutschen Persönlichkeiten wählen sie sorgfältig ihre Freunde und bitten sie zu sich. Gelehrte von den Universitäten, der Architekt Schinkel, die Bildhauer Rauch und 250 Schadow, die Dichter Tieck, Arnim und Jean Paul steigen immer wieder bei ihnen ab. Fürst Hugo hat, wie er mir sagte, nicht den Ehrgeiz, einen berühmten Musenhof wie der Herzog Karl August in Weimar zu begründen; je weniger man von seinem Hartenstein spricht, desto lieber ist es ihm. Viel mehr als Kunst und Wissenschaft liegt ihm das Wohl seiner paar Gemeinden am Herzen – eben darüber hat er sich eingehend mit mir beraten und ausgesprochen. Seine Standesherrschaft, deren baldiges Ende er übrigens wohlgemut voraussieht, ist freilich nur ein Staatswesen en miniature, um so leichter kann er es verwalten. Das wichtige Recht der Justizhoheit übt er mit besonderem Eifer aus, setzt Vermittlungsstellen ein, um verbitternde Prozesse auszuschalten, und entscheidet jeden Fall gewissenhaft in letzter Instanz. Aus meiner Praxis der Beratung, Förderung, Unterstützung und Altersversorgung Hilfsbedürftiger ließ er sich manches lehrreiche Beispiel anführen, wir fanden uns in allem eines Sinnes, und ich freute mich, einen so würdigen und verständnisvollen Jünger meiner Spur folgen zu sehen. Er beneide mich, so sagte er, um den Vorzug, mit meinen Maßnahmen im Dunkel bleiben zu können, was ihren Wert erhöhe; nur wenn die Person hinter der verdienstlichen Tat verschwinde, 251 könne diese sich vollkommen auswirken. Ruhm und öffentliches Ansehen bestrahlten nicht, sondern trübten ein Leben im Dienste der Gemeinschaft. Und wenn er erklärte, sogar den Genies, den Märtyrern und Heiligen hafte manchmal ein Makel von Selbstgefühl, Stolz und Eitelkeit, ja die Begierde an, sich einen guten Leumund, einen ehrenvollen Platz auf Erden oder einen bevorzugten im Himmelreich zu gewinnen, so konnte ich ihm nur vorbehaltlos zustimmen. Das höchste Ziel des Menschen scheint mir doch Uneigennützigkeit bis ins Letzte zu sein, innere und äußere Abtötung des Ich, damit es eingehe und auferstehe im Du, im Ihr, im All. –

Wir sind nun zurückgekehrt in unsre Einsamkeit. Ich habe einen wahrhaften Freund gefunden und bin nach wenigen Tagen von ihm gegangen, ohne ein Wiedersehen zu verabreden. Selbst dieses schwache Band belastete mich und Marion schon allzusehr. Was unter uns gesagt werden konnte, ist gesagt, die Herzensgemeinschaft bleibt bestehen, auch ohne daß wir uns treffen oder schreiben. Ich vermisse des Freundes helle, enthusiastische Stimme, seine Regsamkeit, die Fülle seiner Einfälle; aber auch dieser Verzicht folgt dem über mich gesetzten Gebot persönlicher Entäußerung. 252

 

Eishausen, am Krankenbett unseres François, 1812

Da du, mein lieber alter Freund und Gefährte, schon nicht mehr imstande bist, meine Worte zu verstehen, will ich sie niederschreiben zu deinem Gedächtnis. Deine aufopfernde Treue hat mir nie erlaubt, dir zu vergelten, daß du für mich und deine vergötterte Herrin dein armes Leben dargebracht und bis auf den letzten Rest verbraucht hast. Nie konnten wir dir einen Wunsch erfüllen, denn du hattest keinen, außer uns zu dienen. Dein einziger Ehrgeiz, deine einzige Lust war es, Dienstbote zu sein und sonst nichts. Zu wachen und zu sorgen, Befehle auszuführen und neue zu erwarten, beglückte dich. Dafür allein hast du schon als Knabe deine Schweizer Heimat mit dem Paris der hochfahrenden Herren vertauscht, in aller Stille ein reiches Wissen erworben, nur um es zum Nutzen derer zu verwerten, die seiner ermangelten. Wenn ich deine Vollkommenheit anerkannte, sagtest du wohl: »Ach, gnädiger Herr, ich habe so viele Fehler; es gehört nur eben zu meinem Dienst, sie nicht merken zu lassen.« Ich möchte wohl wissen, worin sie bestanden, es mögen die Fehler deiner Vorzüge gewesen sein. Schon entschlüpft mir das arge Wort »gewesen« und beweist, daß ich an deine Gesundung nicht mehr glaube. . . .

253 Marion trat ein, um mich in der Pflege abzulösen. Sie wollte durchaus die Nachtwache übernehmen, ich mußte ihr sagen, daß der Arzt die Lungenentzündung erwartet und keine Hoffnung mehr gibt. Weinend sank sie an seinem Bette nieder und küßte seine fieberheiße, welke Hand. Nun lallt er wieder im Delirium von der Erschießung des Louis Enghien. Gut, daß sie das nicht mit anhört! Den Verlust des Bruders, den sie niemals sehen durfte, hat sie noch immer nicht verwunden.

 

Eishausen, Ende April 1814

Die Zeit ist da, wo ich mich entscheiden müßte, wenn es auf »ich« und »mich« überhaupt noch ankäme. Die verbündeten Mächte sind in Paris eingezogen, der besiegte Kaiser Napoleon hat abgedankt, und der Graf von Provence wird als »Ludwig XVIII.« den Königsthron von Frankreich besteigen, dem alten Adel sind alle seine Rechte zurückgegeben. Das Rad der Geschichte wird um mehr als zwanzig Jahre zurückgedreht, alles soll wieder so werden, wie es damals war. Der Mann aber, der sich Vavel de Versay nennt, in Deutschland heimisch wurde, in Deutschland seine Lebensaufgabe fand, fühlt sich von diesem Weltereignis kaum berührt.

Eines Gefühls der Genugtuung freilich, daß die 254 letzte Spur der Revolution getilgt ist, kann ich mich nicht erwehren. Schweres Unrecht ist gesühnt, die Ordnung im alten Sinne ist wiederhergestellt. Ob es wirklich die heilige Ordnung ist und auf wie lange, diese Frage läßt einen Triumph in mir nicht aufkommen.

Und die zweite, viel gewichtigere Frage: Wer ruft mich? Wer verlangt nach mir? Wem würde ich mit meinem unerwarteten Auftauchen und meiner Rückkehr dienen? läßt sich nur mit einem spöttischen Nichts und Niemand beantworten. Haben die Limoelan, Neufville und Genossen in der Tat so lange auf mich gewartet, nun, so sollen sie ihre Stimme erheben. Aber sie wissen nur zu gut, daß sie sich von Anfang an mit mir verspekulierten. Vielleicht sucht mich vom Schloß in Hildburghausen her der Blick eines Ehrenmannes, der nicht begreifen wird, daß es Gebote gibt, die über dem »Vermächtnis der Ahnen« stehen. Er wird sich hüten, die Diskretion, die er so lange wahrte, eben jetzt zu brechen. Marion allein hätte die Macht, mich hinauszulocken in den Kampf ums Recht und in einen Erbschaftsforderer zu verwandeln. Nie hat sie das Geheimnis meiner Herkunft zu wissen verlangt. Würde ich es ihr jetzt offenbaren, wo sie Kampf und Gewinn mit mir zu teilen hätte, sie würde mich beschwören, 255 davon abzustehen, und höchstens zürnen, daß ich um ihretwillen davon sprach. Ich könnte ja auch unterliegen, als Betrüger oder Narr gebrandmarkt werden. Was läge mir daran! Marion aber würde darunter leiden.

Zum Deutschen bin ich geworden mit Leib und Seele und könnte in Frankreich nie wieder heimisch werden. Zeitlebens würde ich mich aus höfischem Prunk und umstrittenen Machtbefugnissen zurücksehnen nach meinem kleinen, unsichtbaren Königreich und meinen Schutzbefohlenen, die ich um einer Chimäre willen verließ. Werde glücklich, Frankreich, mein verschollenes Vaterland, auch unter dem Zepter eines Grafen von Provence! Mit ihm ist wenigstens der Grundsatz der so ungeheuer wichtigen »Legitimität« gerettet.

 

Herbst 1827

Seit meiner letzten Eintragung ist, wie ich sehe, mehr als ein Jahrzehnt verflossen. Es war eine Zeit wachsender Befriedung, draußen in der Welt und hier in meinem engen Wirkungskreis. Unsre Aufgabe, Streitstoff, Zwietracht und ihren Boden, die Lieblosigkeit, mit nie erlahmender Geduld einzudämmen, förderte den Frieden in uns selbst. Unendlich viel verdanke ich dabei unsrem guten Pastor und nach dessen Tode seiner Frau. Beide habe ich 256 nie gesehen, wie sollte ich auch, da ich das Dorf ja nie betrete und sie, meine Zurückgezogenheit achtend, sich nie zu mir zu drängen suchten. In seinen umfänglichen Zuschriften, den Meinungsäußerungen oder Berichten, erwies er sich als ein treuherziger Menschenfreund, dessen Lehren ich willig Ohr lieh; denn die Erfahrung des alten Mannes im Umgang mit dem mir so fremden Volk war mir wahrhaft vonnöten, wenn auch unsre Ansichten über wissenschaftliche, politische und selbst sittliche Fragen zuweilen auseinandergingen. Mit seiner Witwe traktiere ich nur Gegenständliches, nämlich die Mittel und Wege, die unsren Pflegebefohlenen zum besten dienen. Sie ist eine eminent praktische, tatkräftige, ich möchte sagen kernhafte Frau. Ich stelle sie mir breit, füllig und mit festen Knochen vor, mit starken Fäusten, die alles derb anpacken; im Gegensatz zu ihrem allzu unterwürfigen Gatten getraut sie sich, mir auch einmal mit einem überzeugten Nein zu begegnen; ich gebe gern ihrer besseren Einsicht nach. Sie neigt dazu, die Menschen über einen Kamm zu scheren und nach erprobten, unabänderlichen Grundsätzen zu handeln. Da ist es nun Marions Sache, mit ihrem Zartgefühl und feinem Unterscheidungsvermögen für unwägbare Gemütsbedürfnisse jeden Fall gesondert zu betrachten, damit kein 257 Nerv verletzt, des Guten nicht zu wenig oder zu viel getan werde. Nach keinem Schema soll geholfen werden, sondern nur nach Maßgabe der bedrängten Person und ihrer jeweiligen Lage. Dadurch häuft sich nun allerdings eine Arbeitslast, die kaum zu bewältigen ist. Ich habe mich daran gewöhnt, um fünf, im Sommer um vier Uhr aufzustehen, und werde doch selten fertig mit der Durchsicht der Berichte über die wirtschaftliche und sonstige Not der Familien, die Sorge von Eltern um ihre Kinder, die Beschwerden von Knechten über ihre ungerechten Herren, die Folgen von Fehltritten, Lastern, Torheiten und Ungeschicklichkeiten aller Art. Anweisungen, Rückfragen, Eingaben an Behörden, Bittgesuche an Gönner, Wohltäter, Stiftungen müssen abgefaßt, neue Aktionen in Angriff genommen werden. Marions Spezialgebiet sind Einfälle, wie man um Vertrauen wirbt, Eigensinn besänftigt, Krusten von harten Herzen löst. Herumlaufen, zureden, Vorstellungen erheben, durchgreifen muß die Frau Pastorin, und darauf versteht sie sich wie ein gewiegter Geschäftsreisender; das hätte ich niemals lernen können.

Die verschämten Armen, die wortlos Verzweifelten, die verstockten Bösewichter, die machen uns die meisten Schwierigkeiten, denen ist nur auf 258 Schleichwegen des Herzens beizukommen, aber wenn wir sie gewonnen haben, bereiten sie uns auch den schönsten Triumph. Sie davon zu überzeugen, daß Demut, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit zuletzt doch die reichsten Früchte tragen, erscheint mir als die wirksamste Waffe im Kampf um das Gute im Menschen; sie in Selbstbeherrschung und in der Verachtung des Geldes zu üben, ist kaum weniger wichtig, kann aber diesen schlichten Triebmenschen nur allmählich beigebracht werden. Seltsam, wie solche Mühe um Leidende irgendwo draußen in dunklen Winkeln in uns ein Gefühl heiliger Verantwortung und eifernder Liebe entzündet. »So liebe ich nicht einmal dich!« rief mir Marion einmal ekstatisch zu. Sie hat recht damit, denn Liebe zu Freunden und Angehörigen ist viel zu billig.

 

September 1830

Und abermals hat sich der Pariser Pöbel ausgetobt. Den Grafen von Artois, seines Bruders Ludwig XVIII. noch törichteren Thronfolger, hat er nicht grundlos, aber mit rüpelhaftem Spektakel davongejagt, hat die Tuilerien geplündert und kindische Possen damit getrieben, Bilder und Tapeten zerfetzt und die Sessel beschmiert, in den Kellern haben sich die Jakobinerjünger mit dem Wein des 259 Königs betrunken. Der Hexensabbat hat aber diesmal zum Glück nicht lange gedauert, die Abgeordneten nahmen das Heft in die Hand und beriefen den Herzog Louis-Philippe von Orléans auf den Thron, der will nun »konstitutionell« regieren.

Das Buch, an dem ich seit einigen Jahren schrieb, »Der Pöbel, sein Treiben in der Geschichte und die Mittel, ihn zu bekämpfen«, hätte ein neues, inhaltreiches Kapitel erhalten können. Ich habe darauf verzichtet und das Manuskript ins Feuer geworfen. Angesichts dieser letzten Ereignisse fiel es mir wie Schuppen von den Augen, daß der Pöbel als solcher überhaupt nicht zu bekämpfen, geschweige denn auszurotten ist, weil er die chemisch notwendige Hefe jeder großstädtischen Bevölkerung darstellt, den Bodensatz, der sich immer wieder von neuem bilden wird, solange vertierte Menschen die Gassenluft mit ihrem Ansteckungsstoff schwängern.

Aber noch aus einem anderen Grunde habe ich das Vertrauen zu dieser Arbeit verloren. Ich wurde mir darüber klar, daß ich mich nicht zum Richter über den Pöbel aufwerfen darf, weil ich ihn als meinen persönlichen Feind und Zerstörer meiner Kindheit zu maßlos hasse. Nur ein unvoreingenommener Forscher wäre imstande, von hoher Warte aus das 260 Werk zu schreiben. Haß gegen das böse Prinzip als solches dürfte ihm schon die Feder führen, mich aber verblendet das Erlittene. –

Dieser Tage wurde auch der Tod von Marions Vater, dem Prinzen Henri Condé, gemeldet. Er endete schrecklich genug. Auf seinem Schlosse St. Leu in Frankreich fand man ihn erhängt auf, und es wird wohl immer unentschieden bleiben, ob er sich aus Furcht vor den Aufrührern selbst ums Leben gebracht hat oder von seiner Mätresse, einer Baronin Feuchères, die er in seinem Testament reich bedacht hat, ermordet wurde. Marion habe ich die häßliche Nachricht verheimlicht. Sie hat ihre Eltern, an die sie nichts mehr band, aus dem Gedächtnis verloren. Die Mutter lebt vielleicht noch, wir haben nie davon gesprochen, Erkundigungen über sie einzuziehen; was könnte sie Marion jetzt noch bedeuten!

 

Eishausen, 1834

In unsrem Berggarten war ich gerade dabei, dem Arbeiter einige Anweisungen für die Rabatten zu geben, als sich von Hildburghausen herauf, den Fußweg überquerend, ein alter Herr, anscheinend ein Fremder, der Pforte näherte, sie öffnete und zu meiner peinlichen Überraschung auf mich zukam. Jetzt glaubte ich seine Gestalt irgendwo in der 261 Erinnerung unterbringen zu müssen, konnte mich aber nicht auf ihn besinnen.

Der Fremde lüftete höflich seinen grauen Zylinder und, nachdem sich der Gärtnerbursche zurückgezogen hatte, sprach er mich im reinsten Französisch an:

»Herr Vavel de Versay? Verzeihen Sie, daß ich Sie hier so formlos überfalle! Doch es gab niemand, der mich hätte melden können. – Sie erkennen mich nicht?« Nein, ich war noch immer ratlos.

»Vor dreißig Jahren habe ich in Ihrem Leben eine gewisse Rolle gespielt – wie Sie mir zugeben werden, keine verderbliche. Ich bin Hyde de Neufville.«

Der Name erweckte mir Vorstellungen von Falschheit und Intrigantentum, aber dann fiel mir ein, daß dieser Neufville unter Ludwig XVIII. Minister geworden war und seitdem immer dem engeren Kreise der königlichen Familie angehört hatte. Was wollte er auf einmal von mir? Wie hatte er meinen Aufenthalt entdeckt?

Ich führte ihn nach der Laube, dem einzigen Fleck, wo ich ihm Platz anbieten und ungestört mit ihm sprechen konnte.

»Es wird Ihnen nicht leicht geworden sein«, sagte ich, »mich hier aufzuspüren.«

262 »Oh, was das anbetrifft«, lächelte er mich mit seinen verschlagenen Äuglein an, »so kann ich Ihnen verraten, daß ich Ihren Kreuz- und Querzügen immer aus der Ferne gefolgt bin – in bester Absicht natürlich, darüber können Sie beruhigt sein.«

Ich fragte ihn nun geradezu, was ihn zu mir führe. Er holte etwas weiter aus:

»Die Lage des bourbonischen Hauses ist nahezu aussichtlos geworden. Wie Sie wissen werden, hat Seine Majestät Karl X. zugunsten seines Enkels, des Herzogs von Bordeaux, auf den Thron verzichtet. Es besteht wenig Hoffnung, daß dieser Knabe, der Sohn des Herzogs von Berry, jemals davon Gebrauch machen kann.«

»Das ist auch meine Ansicht«, schaltete ich ein, »die Zeit der Bourbonen ist endgültig vorüber.«

»So, so! Sie meinen wirklich?« fragte er lauernd. »Nun, ich komme aus Dresden, wo Ihre Frau Schwester vorübergehend Wohnsitz genommen hat, um bald wieder in ihr Prager Exil zurückzukehren. In Dresden will sich ein lügnerischer Prätendent ihr vorstellen, ein gewisser Naundorff, bisher Uhrmacher oder etwas ähnliches, der behauptet, als Dauphin aus dem Temple gerettet worden zu sein. Ist das nicht köstlich? Ich dachte mir, es würde Sie interessieren.«

263 Von diesem Naundorff hatte ich in den Zeitungen gelesen, aber nur die Achseln über ihn gezuckt:

»Solche Prätendenten sollen schon mehrfach aufgetreten sein, niemand nimmt sie ernst.«

»Gewiß nicht. Auch diesen neuesten wird die Herzogin von Angoulême nicht empfangen. Sie ist nach wie vor davon überzeugt, daß der Dauphin Louis XVII. im Pariser Kerker seiner Krankheit erlag. Es hätte keinen Zweck, sie eines Besseren belehren zu wollen.« Das bestätigte ich, und Neufville schien damit zufrieden. Er kam auf meine Zurückgezogenheit zu sprechen, fand sie klug, sympathisch und beneidenswert:

»Wenn man in Deutschland auch wenig von Ihrem menschenfreundlichen Wirken weiß, in Frankreich schon gar nichts, so wird es doch hie und da in engeren Zirkeln der Gesellschaft gerühmt.« Ich konnte nicht umhin, mich ironisch zu verbeugen. »Man zerbricht sich nur den Kopf über Ihre Herkunft. Glauben Sie mir, Herr von Vavel, ich habe niemandem gegenüber unsrer früheren Beziehungen Erwähnung getan. Niemand weiß, daß ich Sie kenne. Ihr Geheimnis hat keinen lebenden Zeugen mehr außer mir.« Wo hinaus er damit wollte, war mir nicht klar. Hatte er die Absicht, es als Vorteil für sich auszunutzen?

264 Aber nein, ihn labte wohl nur die Eitelkeit des alten, einflußlos gewordenen Politikers, mich in seiner Gewalt zu haben:

»Geben Sie zu, Monseigneur, daß ich mich in Ihrer Sache stets korrekt benommen und Ihr Verhalten respektiert habe!«

»Mein Verhalten stimmte wohl mit Ihren eigenen Plänen, lieber Herr von Neufville, zum Glück immer überein. Wir wollten doch beide dasselbe – daß ich niemals in die Öffentlichkeit treten sollte.«

»Nein, sagen Sie das nicht! Offen gestanden gab es eine allerdings nur kurze Zeit, als der Marquis de Signoles Sie aus der Vendée wegbrachte, daß wir hofften, Sie würden bald unser . . . nun, sagen wir, unser Anführer werden.«

»Und da ich Sie enttäuschte, wandten Sie sich unverzüglich einem anderen zu.«

»Können Sie mir das verdenken? Ich habe immer nur das Wohl unsres Vaterlandes Frankreich im Auge gehabt.«

»Gewiß, gewiß! Ich dagegen bin zum Deutschen geworden und gedenke es zu bleiben.« Es fiel ihm nicht ein, mich deshalb einen Abtrünnigen zu nennen. Vielmehr zeigte er sich davon durchaus befriedigt, woraus ich schloß, daß sein Besuch bei mir 265 keinen anderen Zweck verfolgte, als sich Gewißheit darüber zu verschaffen.

Er hatte also an meiner Ungefährlichkeit immer noch gezweifelt, es wollte ihm nicht in den schlauen Kopf, daß man ein bescheidenes, unauffällig tätiges Leben führen könne, ohne ehrgeizige Pläne zu schmieden und die Vorteile einer wechselnden Weltlage wahrzunehmen.

Wenn ich nicht irre, so war er Finanzminister gewesen. Das zeigte sich darin, wie er nicht ohne Neugier sich nach der Zukunft meines Vermögens erkundigte.

»Die Mittel, von denen ich und ein Teil der Bevölkerung hier leben«, setzte ich ihm auseinander, »verdanke ich – das wissen Sie selbst am besten – der Umsicht meines Pflegevaters; sie entstammen ausschließlich dem Privatvermögen meiner verstorbenen Eltern. Der Marquis hat diese Reste gerettet, gesammelt und flüssig gemacht. Keinen politischen Zwecken sollen sie dienen. In meinem Testament habe ich darüber zugunsten bedürftiger kleiner Leute verfügt, würdiger können sie nicht verwendet werden.«

Mit nur halber Zustimmung neigte er den kahlen Geierkopf. Vielleicht hatte er sich eingebildet, ein Weniges davon für sich persönlich profitieren zu können.

266 Wir schieden mit einem kühlen Händedruck, gewillt und überzeugt, uns nicht noch einmal zu begegnen.

*

Gestern, am 15. Dezember 1837, verschied in meinen Armen

meine Marion,
unbekannt und niemals anerkannt als
Marie-Thérèse,
Prinzessin von Condé-Bourbon,

die Letzte ihres Stammes.

Eine Anzeige, wie man sie in die Zeitung zu setzen und an die Verwandtschaft herumzuschicken pflegt, hier nur ein stilles Merkblatt, mich davon zu überzeugen, was zu glauben mein Gefühl sich sträubt, daß die einzige Menschenseele, mit der ich Zwiesprache halten konnte wie mit mir selbst, für immer von mir gegangen ist. So lange ich auch darauf vorbereitet war, es erschiene mir unmöglich, sähe ich es nicht in dürre Worte gefaßt vor mir. Und es ist doch nicht wahr! Marion lebt! Lebt weiter in mir, mit dem sie zu einem einzigen Pulsschlag verschmolzen war, lebt weiter in diesen Räumen, in den Gegenständen, die ihre Hand berührte, auf denen ihre Augen ruhten. Und wenn ihr 267 körperlicher Teil bestattet ist, werde ich der beständigen Gegenwart ihres Geistes erst recht innewerden. Das rede ich mir nicht zum Troste ein, das drängt sich mir als eine unumstößliche magische Tatsache auf.

Als vor drei Tagen die letzten Kräfte sie verließen, winkte sie mich dicht an sich heran und sagte leise: »Jetzt . . . Louis . . . sprich!« Ich verstand, was sie meinte, neigte mich zu ihrem Ohr und sagte ihr, mit wem sie gelebt hat.

Sie zog meine Hand an ihre Lippen und hauchte: »Ich ahnte es längst . . . wollte es nur von dir selbst hören.«

Seit wann mag sie es geahnt haben? Sicher nicht als Spielgefährtin des fremden Knaben in Sous-Jaunay, auch dann noch nicht, als ich sie aus Münster mit mir nahm. Wohl erst allmählich, während wir zwei Flüchtlinge weltabgeschlossen zusammenwuchsen. Mein Name, mein verblaßtes Schicksal und was ich hätte gelten können, wenn es sich nur für uns lohnte, konnte nie Bedeutung für sie haben; das wußten wir beide, und deshalb schwiegen wir darüber.

Es durfte auch niemals das Geschwätz der Flugschriften, »Zeitdokumente« und dergleichen zu uns dringen, das sich mit dem so kläglich verstorbenen kleinen Louis beschäftigte, das Für und Wider, mit 268 dem sich unberufene Schreiberlinge über meiner Eltern und mein eigenes Martyrium zu nachträglichem Nervenkitzel sentimentaler Gemüter stritten. Wir gehörten dem Lande Frankreich und unsrem Zeitalter nicht mehr an, seit wir uns zueinander fanden und miteinander im Dienst an irgendwelchen Leidenden.

*

Jahr um Jahr verrinnt. Einsamkeit umlagert den alternden Mann wie undurchdringliches Dunkel. Das Uhrwerk meines Lebens schnurrt weiter ab mit meinen Beistandsgeschäften draußen in Stadt und Land; nur als ein fernes, unbestimmtes Geräusch macht es sich bemerkbar, abgeschlossen und gedämpft durch eine Mauer bekritzelten Papiers. Meine Korrespondentin sendet mir Berichte ein, ich treffe Verfügungen, und stellenweise schmilzt unter dem Sonnenstrahl, der davon ausgeht, ein Häuflein Not in sich zusammen, sprießt ein Halm von Freude aus dem dürren Erdreich eines armen Menschenlebens hervor. Marion ist als liebende Beraterin um mich, so nahe, so vertraut, so eins mit mir wie nur je.

Aber manchmal und, seit ernste Krankheit an mir zehrt, immer häufiger fühle ich ihre Augen fragend auf mich gerichtet. Noch ist nicht alles gesagt, was 269 zu wissen sie ein Recht hat. Die Lebende hätte es nicht ertragen, das Herz der Toten, über allen Erdenjammer erhaben, kann verständnisinnig lauschen, doch durch Menschenwort nicht mehr zerrissen werden.

Ich bin mir sehr wohl bewußt, nicht nur um Marions Schonung willen geschwiegen zu haben, sondern weil ich zu nachgiebig gegen mich selbst, zu feige war, die Bilder des Grauens in meiner Erinnerung aufsteigen zu lassen. Anstatt ihnen entschlossen und standhaft ins Auge zu schauen und sie zu überwinden, indem ich ihnen wie einem Schlangengezücht die züngelnden Köpfe zertrat, flüchtete ich vor ihnen und konnte doch nicht verhindern, daß sie mich mein ganzes Leben hindurch verfolgten und in Schrecken hielten.

Jetzt erst wächst mir, unterstützt von der Länge der Zeit, die das Gift ihrer Zähne vertrocknen ließ, ermutigt von dem Zuruf der toten Freundin, die Kraft, die Scheusale zu beschwören.

An deiner Seite, Marion, wage ich es, ihnen entgegenzutreten. Dir will ich offenbaren, was sich mit mir begab, will zu dir und damit zu mir selber sprechen von meiner Schmach und Pein, mit meiner kindlichen Ohnmacht zu rechtfertigen versuchen, daß ich sie stumm ertrug.

270 Man hat mich nie verzärtelt, wohl aber über Gebühr verwöhnt. Der hohe Rang eines unmündigen Bübchens, auf den es durch allerlei läppisches Zeremoniell hingewiesen wird, genügt allein schon, es vor hartem Zugriff zu bewahren. Wohl erzogen meine Eltern mich und meine Schwester mit verständiger Strenge, hielten auch Gouverneure und Gouvernanten, die Lehrer und das andere höhere Hofgesinde dazu an; allein aus deren Miene und Gebaren sprach untertänigster Respekt. Soweit es irgend anging, war unser Wille maßgebend, und wir hatten es so gut, so bequem, so üppig wie kein anderes Kind im ganzen Reich. Später habe ich mich des Gedankens nicht erwehren können, daß die ewige Gerechtigkeit an diesem Übermaß von Wohlleben einmal ein durchgreifendes, haarsträubendes Exempel statuieren wollte, indem sie mich, den kleinen Louis, dazu ausersah, alles auf Heller und Pfennig zu bezahlen.

Daß ich weder eitel noch hoffärtig war, das wirst du, Marion, die du mich kennst, mir wohl glauben. Ich bildete mir wahrhaftig nichts darauf ein, Dauphin von Frankreich zu heißen, war ja noch viel zu klein, um zu verstehen, was das bedeutete und welche Herrscherzukunft es mir versprach. Die Ehrfurcht, die man Mama, und uns beiden Kindern in 271 etikettenmäßiger Abstufung, erwies, die Bücklinge und untertänigen Floskeln der Hofschranzen, das steife Gepränge, unter dem ich aufwuchs, erschienen mir so selbstverständlich, daß ich nie darüber nachdachte, nicht einmal danach fragte.

Das Erwachen aus diesem gelinden Kindheitstraum erfolgte, als ich vier Jahre alt war, und zwar gleich durch ein so markerschütterndes Getöse, daß ich vermeinte, die Welt ginge aus den Fugen. Das war in der Tat der Fall, soweit es sich um meine Welt und die meiner Eltern handelte.

Rings um das königliche Schloß, am wildesten aber unter unsren Fenstern, heulte und kreischte eine tausendköpfige Menschenmenge, dazu klatschte strömender Regen an die Scheiben. Es war noch sehr früh am Morgen und völlig dunkel in meinem Schlafgemach. Heute weiß ich, daß mir mit dem 6. Oktober 1789 das nahende Unheil zum erstenmal spürbar wurde. Schreiend war ich aus dem Bett gesprungen, meine Kammerfrau suchte vergebens, mich zu beruhigen. Aus dem Nebenzimmer schlüpfte meine Schwester Marie Thérèse, schon angekleidet, ängstlich zu mir herein und sagte: »Fasse dich, Louis! Die Canaille will ins Schloß, doch Papa wird es nicht dulden!« Das böse Schimpfwort hatte ich bis dahin nie vernommen.

272 Prinzessin Elisabeth, die Schwester meines Vaters, eilte herbei, von Hofdamen umgeben. Ich wurde flüchtig gewaschen und in das erste beste Habit gesteckt. Währenddessen wuchs das Getümmel draußen und das Gepolter am Schloßtor weiter an. Aus der Richtung des Marmorsaals erschollen wüstes Lärmen und streitende Stimmen, Pistolenschüsse und Gebrüll.

Auf dem Arm der Prinzessin, hinter uns Marie Thérèse, gelangte ich in das Schlafzimmer des Königs. Mit aufgeregten und doch zaudernden Schritten bewegte sich seine schwere Gestalt längs der einen Wand auf und nieder. Auch Mama war da, sie warf sich in wilder Zärtlichkeit auf mich und bedeckte schluchzend mein Gesicht mit Küssen; weinend klammerte ich mich an ihren Rock.

Immer noch wurde drüben in den Sälen geschossen. Mein Vater murmelte verstört vor sich hin: »Es sind unsre Leibgardisten, die man tötet! Es gilt, keine Zeit zu verlieren!«

Dann sehe ich uns – es muß kurz danach gewesen sein – im matt erleuchteten Marmorsaal. Ein junger Offizier, die glitzernde Uniform nachlässig offen und mit flatterndem Haar, unser fragwürdiger Beschützer General Lafayette, verhandelte mit dem König und einer Gruppe 273 durcheinanderredender Herren, unter ihnen mein Onkel, der Graf von Provence, hier Ratschläge, dort Befehle erteilend. Mutter stand mit uns abseits in einer Fensternische. Mit Augen, die rot vom Weinen waren, mit einem seltsam geisterhaften Ausdruck starrte sie vor sich hin, hielt uns aber fest umklammert. Einer Dame, die sich zu uns gesellte, sagte sie tonlos: »Das Volk will den König und mich zwingen, uns nach Paris zu begeben, weil es uns dort in seiner Gewalt hat.« Ich verstand den Sinn ihrer Worte nicht, doch erschreckte er mich. Was mich aber ganz aus der Fassung brachte, war der Anblick meiner bisher immer nur strahlend heiteren Mama. Nie hatte ich für möglich gehalten, daß auch sie Tränen vergießen könnte wie wir Kinder. Die wenigen Stunden hatten sie vollständig verändert, ihre stolze Haltung gebrochen, ihre schönen Züge entstellt, sogar ihr Haar gebleicht.

Die Massen, inzwischen von Lafayette aus dem Schloß verjagt, stauten sich jetzt unten vor den Fenstern und schrien herauf: »Den König! den König! Die Königin! Sie sollen mit uns nach Paris!!«

Vater ging mit dem General auf den Balkon hinaus. Der Regen überströmte seine Uniform und schwemmte den Puder von der Perücke. Wieder brüllte das Volk: »Auch die Königin!! Wir wollen 274 sie sehen!« Mutter, noch im weißen Morgengewand und das Haar nicht geordnet, nahm mich auf den Arm, Marie Thérèse an die Hand und trat mit uns gleichfalls hinaus in das Unwetter. Unten tobte und brodelte es schwarz von Menschen wie ein Hexenkessel. Gewehrläufe waren auf uns gerichtet, Fäuste reckten sich in die Luft. . . .

Dann zogen wir in der Tat nach Paris, umtost von johlendem Volk, das ich noch nie in der Nähe gesehen, das man mich lieben gelehrt hatte, weil es gutartig und uns gehorsam sei. Welch grausame Enttäuschung! An diesem Morgen habe ich es in seinem Auswurf, dem Pöbel, hassen gelernt.

An der Spitze des Zuges, in dessen Mitte unsre Karosse fuhr, ratterten Kanonen, darauf hockten lachende, gröhlende Weiber – »die Damen der Halle«, wie es hieß, nämlich die Hökerinnen vom Pariser Markt. Einige umschwärmten auch unsren Wagen und schrien: »Da bringen wir den dicken Bäcker, die Bäckersfrau und den kleinen Bäckerjungen!« Die Hüte der ermordeten Gardisten hatten sie auf ihre zerrauften Köpfe gestülpt, deren Achselbänder um die Schultern gehängt. Auf Lanzen schwenkten sie gespießte Brote.

Die Eltern, starr und bleich, hatten mich zwischen sich, Tante Elisabeth und Marie Thérèse gegenüber. 275 Sie sprachen kein Wort. Nur wenn Gewehrschüsse in die Luft gefeuert wurden, zuckte Mama zusammen und schlug ihren Mantel über mich.

Du wirst begreifen, daß dieser erste Keulenschlag des Schicksals mich so betäubte, daß mein Gedächtnis die dumpfe Ruhe, die ihm folgte, in Einzelheiten nicht festgehalten hat.

Wir bezogen die alten, seit mehr als hundert Jahren nicht mehr benutzten, daher verödeten und verstaubten Tuilerien, umhegt von der gleichen Etikette wie in Versailles, die aber hier gespenstisch wirkte, weil sie allen Sinn verloren hatte und von der Zudringlichkeit des Gassenvolkes beständig durchbrochen und ins Lächerliche gezogen wurde. Neugierige Haufen umlagerten uns. Weiber und junge Strolche kletterten auf die Mauervorsprünge, lugten und schrien zu den Fenstern herein, wo immer sie uns entdeckten. Auch im Garten trieben sie sich herum, so daß wir Kinder nicht mehr ins Freie geführt werden, sondern nur auf den Terrassen spielen konnten.

Mama ging verängstigt und vergrämt umher, ich habe sie niemals mehr lächeln sehen. Aber sie war nun häufiger bei mir und löste gern persönlich die Chefgouvernante, Frau von Tourzel, von ihrer Aufsicht ab. Die Tourzel mochte ich nicht, weil sie kalt 276 und förmlich mich immer nur zum Widerstand reizte. Ich hatte empfindliche Nerven und vertrug keinen Lärm. Über Hundegebell und Peitschenknallen konnte ich in größere Erregung geraten als über eine Strafe, aber die trocken näselnde Gouvernantenstimme schmerzte mein Ohr körperlich. Zornesausbrüche, denen ich mich sonst hemmungslos überließ, suchte ich nun zu beherrschen, um Mamas Kummer nicht zu vermehren. Ich liebte sie immer schon über die Maßen, und seit ich sie unglücklich wußte, mit einer stürmischen Leidenschaft. Hatte ich sie aus Unbesonnenheit gekränkt, so konnte ich wie ein Irrsinniger gegen mich selber rasen, mein Gesicht mit den Fäusten bearbeiten und mit den Nägeln zerkratzen.

Als es gelang, mir am Rande des Tuileriengartens, nahe der Seine, ein verstecktes Plätzchen ausfindig zu machen, wo ich mich ungestört und unbeobachtet mit meinen Kaninchen beschäftigen, Beete graben und sie bepflanzen konnte, band ich die schönsten meiner Frühlingsblumen zu einem Strauß für Mama zusammen. Sie allein sehe ich noch vor mir, meist in Schwarz gekleidet, mit sorgenvoll gespannten Zügen, aber meine Blumen in der Hand, wenn ich mir dieses erste Tuilerienfrühjahr unter der Aufsicht des Volkes zu vergegenwärtigen suche.

277 Einen Sommer durften wir noch in Saint-Cloud verbringen. Diese Erlaubnis hatte uns Lafayette bei der Nationalversammlung wirklich vermittelt. Er begleitete uns mit einer Schar von Offizieren selbst hinaus. Noch einmal konnte ich mit meinen Eltern und der Schwester vereint unter Bäumen wandeln und im Gras sitzen, ohne hämischen Blicken zu begegnen, unbelästigt von den Damen der Halle. Der königliche Hof auf seinem Lustschloß? Ach, alle Lust war für immer dahin! Eine verschüchterte Familie hauste, wehmütig vergangener Pracht eingedenk, in freudloser Sommerfrische, beargwöhnt und von Wachen umstellt.

Im Jahr danach versuchte der König, mit uns schon zu Ostern Aufenthalt in Saint-Cloud zu nehmen. Die Wagen standen bereits angespannt im Hof der Tuilerien. Wir kamen gemeinsam die Freitreppe herab und bestiegen sie, hinter meinen Eltern wir zwei Kinder mit meinem Hofmeister und Frau von Tourzel. Im Nu hatte sich schon eine Menschenmenge gebildet und verhinderte die Abfahrt. Zerlumpte Kerle klammerten sich an die Räder, andere durchschnitten den Kutschern die Zügel.

»Wo wollt ihr hin?!« schrie man uns zu. »Ausreißen! Nicht wahr? Ins Ausland! Das Volk an die Österreicher zu verraten!! Dableiben sollt ihr! 278 Nieder mit euch! Nieder mit dem dicken Schwein, dem König!«

General Lafayette mühte sich, mit seinen Nationalgardisten die Menge zu zerstreuen; doch die Truppe lachte ihn nur aus. Er sprach in den königlichen Wagen hinein, er redete dem Unfug treibenden Volkshaufen gütlich zu, die einen riefen »Hurra!«, die anderen »Nieder mit euch!« Allein sie wichen nicht vom Fleck, und Stunden vergingen, während wir wartend im Wagen saßen.

Auf irgendeinen ungeduldigen Zuruf meines Hofmeisters sprangen junge Burschen wütend auf das Trittbrett und bearbeiteten ihn mit ihren Knütteln; Lakaien, die ihn schützen wollten, wurden gleichfalls mißhandelt. Als eine allgemeine Rauferei sich entwickelte, stieß ich Hilferufe aus nach meiner Mutter. Sie verließ sofort ihren Wagen, nahm mich auf den Arm und brachte mich ins Schloß zurück. Der König folgte ihr, er hatte auf Saint-Cloud verzichtet.

Dies war nur das Vorspiel zu einer viel schrecklicheren und wahrhaft verhängnisvollen Fahrt. Einige Monate später mag es gewesen sein, da wurde ich mitten in der Nacht von Frau von Tourzel geweckt. Sie flüsterte mir zu, ich solle mich ja recht still verhalten und keinen Laut von mir geben, gleich 279 würden wir bei Mama sein. Es verwunderte mich, daß sie mir ein Mädchenkleid anlegte, aber ich war zu schlaftrunken, mich dagegen zu wehren. Noch halb im Traum ließ ich alles mit mir geschehen und dachte mir, es ginge wohl zu einer Komödienaufführung. Man trug mich in eine geschlossene Kutsche, wo ich beruhigt meine Schwester vorfand und sofort wieder einschlief.

Am heißen, hellen Vormittag erst ward ich munter vom Gewieher eines unsrer Stangenpferde. Vergnügt und angeregt fand ich mich auf dem Schoß meiner Mutter, und zwar in einem sehr großen Reisewagen, der über eine breite, staubige Landstraße rumpelte; auch Marie Thérèse und Frau von Tourzel waren bei uns. Durch die Glasscheibe entdeckte ich den König in Lakaienlivree auf dem Bock neben dem Kutscher, was mich sehr belustigte. Mama aber blieb ernst: »Verhalte dich still, mein Liebling!« mahnte sie. »Wir befinden uns auf einer wichtigen Reise. Ich führe jetzt den Namen einer russischen Baronin Korff, du selbst sollst ein kleines Mädchen sein und heißt Aglaia.« Das schien mir nun allerdings keine Komödienrolle; etwas anderes als Mummenschanz mußte auf dem Spiele stehen, wenn meine Mutter so düster die Stirn runzelte.

»Wohin geht es denn?« fragte ich betreten. »Zu 280 einem General, der uns treu ergeben ist. Wir brauchen dann nicht mehr nach Paris zurück.« Da ahnte ich, daß wir flüchteten, worin mich die Scherze des Königs bestärkten, der, sich nach uns umwendend, lachend hereinrief: »Was sich die Pariser jetzt wohl denken werden, wenn sie den Vogelbauer leer finden!«

Mit großer Eile ging es vorwärts, die Pferde jagten meist im Galopp dahin. An Stationen, wo sie gewechselt wurden, stiegen wir nur minutenlang aus. Leute liefen zusammen, staunten uns und den riesigen Reisewagen mit den vielen Koffern an und tuschelten. Einer behauptete geradezu: »Das muß der König mit seiner Familie sein . . . der Dicke dort sieht ihm sehr ähnlich!« Papa bestritt es unter derben Späßen, indem er sich unter den Bauern wirklich wie ein Bedienter benahm, Mutter warf ihm besorgte Blicke zu. Im Wagen, wo auch die Mahlzeiten eingenommen wurden, schlief ich viel, unbekümmert darum, wieviel Tage und Nächte wir eigentlich schon unterwegs waren.

In einer besonders warmen Nacht, wo mich die stickige Wagenluft und der beengende Mädchenrock sehr belästigten, machten wir Halt auf dem Marktplatz einer Stadt namens Varennes. Alles war still, die Straßen blieben dunkel und menschenleer, doch 281 die Eltern gerieten allmählich in immer größere Unruhe. Meine Schwester belehrte mich: »Truppen sollten uns hier empfangen, aber sie sind nicht da.« Den König und dann auch Mama sah ich an verschiedene Türen klopfen, die Bewohner gaben ihnen vom Fenster aus mürrische Antworten, was mich selber törichterweise bitter kränkte. Mit Unterbrechungen rollte der Wagen weiter zu einem anderen Tor – es war versperrt mit einem schweren Karren, der die Ausfahrt unmöglich machte. Nun wurden die Gassen lebhafter, Schatten von Menschen tauchten auf, Gemurmel drang zu uns, aus der Ferne Lärm. An der Spitze eines Haufens griff ein großer junger Mann den Pferden in die Zügel. Deutlich verstand auch ich seine Drohung: »Wenn ihr weiterfahrt, wird geschossen!« Eine andere Stimme rief zu unserem Schlag herein: »Wer sind Sie? Wohin wollen Sie?«

»Baronin Korff«, gab Mama zur Antwort, »ich reise mit meiner Familie nach Frankfurt.« Man verlangte den Paß, betrachtete ihn genau, gab ihn höflich zurück.

Währenddessen begannen Kirchturmglocken zu läuten. Fenster erhellten sich, die Menschenmenge wuchs, benahm sich aber im Gegensatz zu den Parisern zurückhaltend.

282 Wir mußten alle aussteigen. Mama war sehr erregt, was ich daran bemerkte, daß sie ihr Kleid zwischen den Fingern zerknüllte und schwer atmete. Sie steckte mich an mit ihrer Angst. Es ging die enge Treppe zu einem ärmlichen Haus hinauf; in einer kahlen, verräucherten Stube, wohl einem Kanzleiraum, drängten wir uns alle eng zusammen. Mama sprach mit matten, ausdruckslosen Ermahnungen zur Folgsamkeit auf mich und Marie Thérèse ein. Lärm – wenn ich seinen Sinn nicht einsah, mir doppelt verhaßt – erfüllte jetzt die ganze Stadt: Trommelwirbel und Kommandorufe drangen zu uns herauf, und die Turmglocken dröhnten weiter. Der Mann, der uns hergebracht hatte, stellte sich als Bürgermeister vor und machte dem König heftige Vorwürfe, daß er sein Volk verlassen wolle, um zu dessen Feinden überzugehen. Mama mischte sich in verächtlicher Haltung ein, indem sie zugab: ja, sie sei allerdings die Königin!

Mir kam das wie der entscheidende Augenblick unsrer Reise vor, ich wurde traurig davon, dann gleichgültig und schrecklich müde. Auf der Matratze einer eisernen Bettstatt hinter hohem Pult deckte Mutter mich in meinen Mädchenkleidern zu. Schon halb im Schlafe glaubte ich, wilde Zurufe von der Straße zu hören: »Nach Paris mit ihnen! Nach 283 Paris!« Das schreckte mich wieder auf. »Mama! Mama!« rief ich, sie entsetzt umhalsend: »Ist das schon wieder die Canaille?« – »O nein, Charles-Louis, sage das nicht!« wies sie mich zurecht. »Gutes französisches Volk darfst du nicht so nennen. Es ist nur falsch berichtet und glaubt uns im Unrecht.« Wie ein überraschendes Beispiel von Untertanentreue trat ein uraltes, gebeugtes Mütterchen auf uns zu, bewunderte mich mit gefalteten Händen, bat um die Erlaubnis, mich küssen und segnen zu dürfen. Dann kniete sie auch vor dem König und der Königin nieder und sprach ein Gebet. Wenn es ein Gebet um unsre Rettung war, so hat Gott es nicht erhört.

Mehrmals schlief ich noch ein und erwachte wieder, jedesmal vor einem völlig veränderten Bild, wie bei einer Laterna magica. Einmal war die Stube voller Offiziere, die ein großes Blatt Papier präsentierten: »Befehl der Nationalversammlung zu sofortiger Rückkehr«. Der König murmelte kleinlaut irgend etwas vor sich hin, und Mama ballte außer sich vor Zorn die Fäuste. Ein anderes: Frauen um uns herum, die vor Mitleid weinten, und Mama laut schluchzend auf einem hölzernen Sessel. Dann wieder: eine der Kammerfrauen in Krämpfen auf dem Boden. Mama stellte einer Schar von finsteren Bürgern vor, man müsse wenigstens so lange bleiben, 284 bis sie wieder zu sich gekommen wäre, wobei sich ihr eigener Körper wie in Krämpfen wand. Inzwischen legte mir Frau von Tourzel wieder meinen Knabenanzug an.

Vor dem Hause empfing uns glühend heiße Mittagssonne. Wir bestiegen den Wagen, umgeben von der Bevölkerung, die, befriedigt von der Nachgiebigkeit des Königs, respektvoll Raum gab, einige Männer zogen sogar die Mützen. Es ging zurück nach Paris – eine Höllenfahrt!

Erinnerst du dich, Marion, daß in Sous-Jaunay einst eine Zigeunerin uns wahrsagen wollte? Du weigertest dich, deine Hand von der schmutzigen Alten berühren zu lassen, ich aber reichte ihr neugierig die meine. Sie zeichnete mit spitzem, braunem Finger eine kleine Kreislinie darin nach und orakelte: »Auf Rädern fährt dein Leid und auch dein Glück.« Viel später erst glaubte ich, mir den Ausspruch deuten zu können: Immer waren es Wagen, die mein Geschick bestimmten, jener in Saint-Cloud und dieser in Varennes, dann noch andere, von denen du hören wirst, bis zu dem fluchwürdigen Karren herab. Mein Glück aber trugen sie, als ich an deiner Seite, mit François auf dem Bock, von Münster aus durch ganz Deutschland ein Asyl nach dem anderen suchte und fand. –

Da sich der König jetzt zu uns setzte – er hatte 285 seine Livree mit einem schlichten braunen Tuchrock vertauscht –, so waren wir, Tante Elisabeth und die Gouvernante inbegriffen, zu sechst im Wagen. Die Vorhänge mußten geschlossen bleiben, so daß wir bald eine unerträgliche Hitze auszustehen hatten. Wächter zu Pferde begleiteten uns, sie trabten nur selten an und nahmen sich besonders in den Ortschaften Zeit, damit uns, bei jetzt zurückgezogenen Vorhängen, die Bewohner auch recht betrachten könnten. Männer, Weiber, Kinder, Arbeiter, Bauern, Bettler und Landstreicher, bewaffnet mit Besen, Heugabeln und Äxten, drängten sich nach den Wagentüren, pufften einander, um vorwärts zu kommen, hängten sich an den Wagentritt, verhöhnten die Nationalgardisten, die auf dem Bocke saßen, vermengten ihren stinkenden Atem mit der erdrückenden Luft, bliesen uns den Tabakrauch ins Gesicht und schleuderten Mama Redensarten zu, die sie ihr Antlitz verhüllen ließen. Sie hatte mich fast die ganze Fahrt über auf dem Schoß, und während ich zerrissenen Herzens ihre Hände streichelte, versuchte sie, mich mit der Erzählung meiner Lieblingsmärchen zu zerstreuen. Mehrmals wurde mir von der Hitze und Aufregung übel; es mußte angehalten werden, mich für einige Minuten an die frische Luft zu bringen.

286 Der entsetzlichste Vorfall, der mich noch lange in meinen Träumen verfolgte, ereignete sich nahe einem Adelsschloß, dessen Besitzer, ein alter Herr in Hoftracht, uns mit einer ergebenen Ansprache begrüßte. Kaum waren wir weitergefahren, als wir einen Schuß, Getümmel und Geschrei vernahmen. Dieser Getreue war niedergeschossen worden. Der Mörder eilte uns nach und hielt uns mit seinen blutigen Händen den abgeschnittenen Kopf seines Opfers vor das Wagenfenster. Ich muß davon besinnungslos geworden sein; denn es war schon dicht vor Paris, daß ich mir meiner Umgebung wieder bewußt wurde. Drei weitere Personen saßen jetzt zwischen uns im Wagen, Abgesandte der Nationalversammlung. Sie drängten, neckten und maßregelten uns. Mama, dicht verschleiert, lehnte wie tot in ihrer Ecke. Die Staubwolken, die den Wagen umwirbelten, wurden immer dichter und drohten mich zu ersticken, mein ganzer Körper war naß von Schweiß.

In der Hauptstadt selbst herrschte ein unbeschreibliches Gewühl und Getöse, so daß mir abermals die Sinne vergingen. Wie ich ins Schloß gekommen bin, weiß ich nicht.

Seitdem waren wir Gefangene im eigenen Palast. Wachen füllten den Schloßhof, marschierten auf den 287 Korridoren hin und her, bezogen Posten vor den Sälen und Treppen. Zwei Mann hielten sich Tag und Nacht im Schlafzimmer der Königin auf. Das waren natürlich nicht mehr unsre Soldaten, sondern die des Volkes; von uns empfingen sie keine Befehle, wir hatten den ihrigen zu gehorchen. Dem Pöbel, wenn ihn die Lust ankam, in die Tuilerien einzudringen, setzten sie keinen Widerstand entgegen. Einmal – es muß ein Jahr nach der mißlungenen Flucht gewesen sein – überfiel uns ein besonders großer und wütender Haufe. Geheul und das Klirren zerschlagener Scheiben kündigte ihn an. Mein Hofmeister, der mir gerade Unterricht erteilte, geriet in die größte Bestürzung und wußte nicht, wohin er mich bringen sollte; schon krachten in der Nähe die gesprengten Türen. Alsbald war meine Mutter bei mir. Durch eine unsichtbare Tapetentür und einen geheimen Gang, der die Zimmer des Kronprinzen schon immer mit denen des Königs verband, zog sie mich mit sich, von dort aus in den Ratssaal. Marie Thérèse, von Frau von Tourzel geführt, fand sich zu uns. Zwischen ihren Kindern, umgeben von Hofdamen, verschanzt hinter einer Tafel, die von der Dienerschaft rasch vor uns hingerückt worden war, erwartete die Königin die Einbrecher. Sie griffen uns nicht an, sie zogen nur in einer 288 fratzenhaft grausigen Prozession an uns vorüber. Einige von ihren Anführern trugen seltsame Gegenstände vor sich her, zum Beispiel eine Rute mit der Aufschrift: »Für Marie Antoinette«, oder einen kleinen Galgen, an dem eine Puppe pendelte, darunter las ich: »An die Laterne mit der Österreicherin!« Oder das Modell eines Fallbeils, der Guillotine, von der ich damals noch nichts wußte, an deren Fuß geschrieben stand: »Die Gerechtigkeit des Volkes gegen die Tyrannen!«

Ein verwachsenes Scheusal mit struppigem Bart bog sich zur Königin über den Tisch und zischte sie an: »Wenn Sie das Volk lieben, so setzen Sie meine Mütze auf den Kopf Ihres Sohnes!« Bitter auflachend, tat sie ihm seinen Willen. Das dicke, schwere Ding fiel über mein Gesicht bis zum Kinn herab. Als Mutter sah, daß es mich zu ersticken drohte, warf sie es mit zwei Fingern angewidert auf den Tisch. Weiber drängten heran und zeterten auf uns ein, mit Redensarten, die ich nicht verstand. Mama hielt uns die Ohren zu und stöhnte auf: »Vor meinen unschuldigen Kindern! Schämt ihr euch nicht?! Oh, pfui! Oh, pfui!«

Ein junges Mädchen, von zarter Gestalt und anständig gekleidet, keifte sie am lautesten an: »Sie sind eine Bestie, Madame! Wir werden Sie hängen!« 289 Die hübschen, sanften Züge der jungen Dame – denn das schien sie mir wirklich zu sein – im krassen Gegensatz zu ihrem wüsten Benehmen, machten mich tief betroffen und prägten mir die Lehre ein, daß pöbelhafte Gesinnung nicht an Armut und Häßlichkeit gebunden ist, sondern daß sie auch in glatten, gepflegten Köpfen nisten kann, während ein fadenscheiniges Mütterchen wie jenes, das mich damals in Varennes gesegnet hatte, an innerer Vornehmheit manchen Edelmann übertrifft.

Stundenlang dauerte unsre schimpfliche Schaustellung vor dem rasenden Janhagel. Mit unbeweglicher Miene hielt die Königin ihm stand; erst als man uns endlich allein ließ, sank sie in sich zusammen und brach – nicht in Tränen, sondern in ein herzzerreißendes Schreien aus.

Dieser Tag war es, glaube ich, der zuerst mein Nachdenken weckte; es wandte sich in kindlicher Grübelei vor allem der Frage zu: warum haßt das Volk seine Königin? Ich kannte sie doch nur als eine unendlich gütige, liebevolle Mutter, und erinnerte mich, daß sie früher immer schön, stolz und heiter gewesen war. Auf meine Frage nach dem mir rätselhaften Grund hatte sie geantwortet: »Man haßt das Königtum, weil man es für schuldig hält an dem Hunger der Massen; wir waren leider außerstande, 290 sie davor zu bewahren.« Das verstand ich einigermaßen, aber warum der wütende Haß gerade gegen sie, die dem König alle Regierungsgeschäfte überließ? Von selbst konnte ich nicht darauf kommen, daß ja gerade der Anblick von Schönheit, Glanz und Heiterkeit die Unglücklichen zu Neid und Gier aufstachelt. Als ich dich, Marion, gewonnen hatte, wußte ich es, und eben deshalb wollte ich dich davor bewahren, auf einem Thron an meiner Seite dem gleichen Schicksal wie meine Mutter ausgesetzt zu sein. Die herrlichsten, strahlendsten Diamanten, einen Orlow oder Kohinoor, trägt man nicht öffentlich mit sich herum, sondern verwahrt sie in Verborgenheit. Wer das versäumt, hat um ihren Besitz beständig zu zittern.

So wagte der König sich schließlich abends nicht mehr auszukleiden. In Angst um das Leben seiner Frau und seiner Kinder pflegte er jede Nacht an unsre Türen zu schleichen: »Seid ihr drinnen?« fragte er besorgt, und wir antworteten: »Ja, wir sind noch da.« Er und seine Minister, sagte ich mir, sind wohl schuld an der Not des Landes, aber doch nicht Mama? Es ist nicht möglich, daß sie jemals einem Menschen wissentlich unrecht tat!

Ein Aufruhr folgte dem anderen in immer kürzeren Zwischenräumen – oder war es nicht vielmehr 291 schon seit Jahren der sich ausbreitende Brandherd der Revolution, den ich als Kind nicht überblicken konnte, dessen Flammen nur zeitweise vor meinen Augen aufflackerten?

Truppenaufmarsch. Die letzte Revue unter dem königlichen Regime. Auf einem Balkon stand ich hinter meinen Eltern. Von drunten heulte das Volk zu uns herauf. An diese Art von Getöse, an das Bild aufgeregt fuchtelnder, nackter Arme hatte ich mich nachgerade gewöhnt. All meine Aufmerksamkeit und Liebe sammelte ich darauf, meine königliche Mama zu betrachten und zu bewundern, wie sie mit einer Majestät von Mut, Würde und unsäglichem Kummer ihren Platz an der Seite des verwöhnten Souveräns von Frankreich behauptete.

Von da an blieben wir als eine dem Untergang geweihte Familie in engstem Kreise beisammen. Im Kabinett des Königs: Menschenmassen umringten dauernd das Schloß, wichen und wankten nicht. Das Gewitter der Volkswut entlud sich in einem Donnerschlag nach dem anderen, der mit dem einstimmigen Zuruf: »Absetzung! Absetzung!« die Luft durchzitterte. – Im Saal der Gesetzgebenden Versammlung: König und Königin an der Brüstung einer niedrigen Loge, ich und Marie-Thérèse unter Obhut der Prinzessinnen Elisabeth und Lamballe im 292 dunklen Hintergrund auf einer harten Bank – viele Stunden lang, tagelang. Endlose, aufgeregte Reden der Deputierten, die wir anhören sollten, dazwischen immer wieder der drohende Ruf: »Absetzung! Absetzung!«, begleitet von Verwünschungen und grimmigen Gebärden. Ein Soldat in zerfetzter Uniform schrie, über die Brüstung gelehnt, dem König ins Gesicht: »Herunter vom Thron, du Lumpenkerl! Fort mit dir und deiner Brut!« Mama wandte sich nach mir um und zog mich an sich; ich versteckte mein Gesicht in ihrem Schoß.

In der Stadt wurde geschossen. Erst knatterten Gewehrsalven, dann donnerten Kanonen. Edelleute, die am Logenausgang standen, sagten, daß sich die Schweizergarde für unsre Befreiung schlüge; doch der König sandte ihr den Befehl, das Feuer einzustellen. Rötlicher Lichtschein fiel durch die Bogenfenster in die Abenddämmerung – es hieß, die Häuser am Karussellplatz ständen in Flammen, und die Glut verbreitete sich weiter in die Straßen. Während wir hier müßig saßen, erreichte uns die Schreckensbotschaft, die Tuilerien wären vom Volk besetzt und ausgeplündert worden. Der Augenschein überzeugte uns: die Räuber schleppten viele Kostbarkeiten in den Saal und warfen sie mit blutigen Händen höhnisch auf den Tisch des Präsidiums. 293 Bücher, Schmucksachen, Gebrauchsgegenstände aus den Zimmern von Mama erkannte ich erschüttert wieder. Auch Hofbeamte und Offiziere der heldenmütigen Schweizergarde, halbtot von Wunden und Mißhandlungen, schleppte man herein, dann wieder Kammerlakaien, die gegen meine Eltern falsches Zeugnis abzulegen hatten.

Endlich wurde die Absetzung des Königs unter frenetischem Beifall ausgesprochen – es war wie eine Erlösung.

Da man unser Heim in den Tuilerien zerstört hatte, wurden uns als vorläufiges Obdach einige leere Zellen des verlassenen Feuillant-Klosters angewiesen. Wir stiegen eine dunkle, dumpfige Treppe empor, hoch oben unter dem Dach lag unser Quartier, es hatte nur Strohstühle und harte, zerwühlte Matratzen. Die Diele splitterte unter unsren Schritten, von den Wänden hingen schmutzige Tapeten in Fetzen herab, die Türen konnten nicht geschlossen werden. Drunten im Hof tanzten und sangen die Aufrührer; einige suchten aus Neugier nach uns, pfiffen und spektakelten vor unsren Zellen. Weil ich vor Angst und Sehnsucht nach Mama in der Nacht zu jammern begann, führte mich Frau von Tourzel, die meine Stube mit mir teilte, zu ihr hinüber an ihr Bett.

294 Seufzend zog sie mich an ihre Brust: »Wieviel Schönheit habe ich dir früher in meinem Übermut versprochen, mein Kleiner! Nun siehst du, Gott hat es anders gewollt. Mit unsrem Königtum ist es vorbei.«

Es fehlte ihr am Nötigsten, die Plünderer hatten alle Schränke und Laden bis aufs Letzte ausgeräumt. Etwas Geld wurde ihr von den Kammerfrauen aufgedrängt. Die Gattin des englischen Gesandten, die davon erfuhr, schickte von ihrem mir gleichaltrigen Sohn Wäsche und Spielsachen für mich.

Tagsüber mußten wir noch immer den Verhandlungen der Gesetzgebenden Versammlung in der engen Loge beiwohnen. Vom König war nicht mehr die Rede, aber wir sollten zuhören, wie das Todesurteil über diejenigen gefällt würde, die für uns gekämpft hatten und nicht an Ort und Stelle niedergemetzelt worden waren.

Dann hielt eines Abends ein großer, derber Wagen vor dem Kloster. Zwei Männer holten König und Königin, uns Kinder, Tante Elisabeth und Frau von Tourzel aus unsren Zellen und setzten sich neben uns in den Wagen. In größter Eile jagte er davon – »damit das Volk euch nicht herausreißt und massakriert!« erklärten unsre Begleiter.

»Wohin geht es?« – »In den Temple.« –

295 Waren wir zuletzt schon in den Tuilerien gefangengehalten worden; so erfuhr ich jetzt, was es heißt, ein Kerkerleben zu führen. Der Turm des Temple, dessen zweiter Stock uns beherbergte, machte ganz den Eindruck eines düsteren Verließes, wie es meine Rittergeschichten schilderten. Der eine Raum ward Mutter und Schwester, der daneben mir und Frau von Tourzel angewiesen, in einer verfallenen Küche hauste Prinzessin Elisabeth, der König über uns im dritten Stock. Dort kam ich niemals hin, wohl aber durfte unser Vater die erste Zeit unten bei uns zubringen, stets bewacht von Nationalgardisten. In ihrer Gegenwart erteilte er mir die täglichen Unterrichtsstunden, sie waren auch zugegen, wenn ich meine Schulaufgaben machte, wenn wir zusammen speisten oder uns mit Brettspielen und Domino zerstreuten. Nachts lagerten sie hinter der Tür.

Nachdem die Damen Lamballe und Tourzel von uns getrennt worden waren, durfte mein Bett in das Zimmer von Mama gestellt werden, was sie als großen Trost, ich als ein Glück sondergleichen betrachtete; dieser Vorzug war mir nie, solange ich denken konnte, zuteil geworden. Schon in aller Frühe erhoben wir uns, um unser Beisammensein recht zu genießen, zumal es die einzigen Stunden waren, wo die Wächter noch schliefen. Dann saßen 296 wir dicht beieinander am vergitterten Fenster und unterhielten uns im Flüsterton. Wurden wir aufgestört, begann Mama unser Geschirr zu waschen und den Boden zu fegen; daran hatten die Gardisten, die rauchend dabeistanden, ihr besonderes Vergnügen.

Es gab sogar eine Art von Garten, den wir unter Aufsicht eines alten, bärbeißigen Kapitäns benutzen durften. Freilich trieben sich auch Arbeiter und Soldaten müßig darin herum, sangen ihre revolutionären Lieder und Gassenhauer und trieben ihren Schabernack mit uns; aber wir atmeten wenigstens frische Luft. Dicht umher standen hohe Mietshäuser, an ihren Fenstern drängten sich die Gesichter der Bewohner; die warfen uns Schimpfworte zu, manchmal aber auch Papierstreifen mit freundlichen, mitleidigen Grüßen und heimlich sogar Blumen. »Sieh, das sind Frauen aus dem Volke«, sagte mir Mama, »sie haben ein Herz für uns. Vergiß es ihnen nie!«

An den Grenzen Frankreichs gab es Krieg. Die Wächter warfen dem König vor, als hätte er es verschuldet, daß die Festung Verdun den Österreichern und Preußen in die Hände gefallen wäre, man fürchtete schon ihren Einzug in Paris. »Wenn die Deutschen kommen«, riefen uns die Gardisten zu, »bringen wir euch auf der Stelle um!« Entsetzt floh 297 ich in die Arme meiner Mutter, und es dauerte lange, bis sie mich einigermaßen beruhigt hatte. Wir erfuhren aber auch, daß zur Vergeltung mehrere tausend Aristokraten in die Gefängnisse geworfen worden waren, und wenige Wochen später hörte ich den König klagen: »Die Blüte des getreuen Adels ist hingeschlachtet worden.« Damit wir nur ja nicht daran zweifeln sollten, trugen unsichtbare Ungeheuer eines Mittags, als wir uns gerade von Tisch erhoben, auf einer Stange den abgeschnittenen Kopf der Prinzessin Lamballe vor unsre Fenster. Wir sahen ihn gottlob nicht, wohl aber bemerkte ihn die Bedienung, die laut kreischte und uns riet, die Augen zu schließen. Ein Gardist nannte den Grund. Der König verhüllte sein Gesicht; Mama brach ohnmächtig zusammen, und ich stürzte mit einem Schreikrampf über sie.

Abschied vom Vater! Der Konvent von Frankreich hatte ihn vor seine Schranken gezogen und zum Tode verurteilt. Man gestattete uns, ihn noch einmal zu sehen. An der Hand von Mama trat ich bei ihm ein, Marie-Thérèse und seine Schwester folgten. Ich hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm geschehen sollte, wußte nur, daß ich ihn für immer verlor. Früher erstarb ich in Ehrfurcht vor ihm, erst seit ihn das Unglück in unsrer unmittelbaren Nähe 298 hielt, lernte ich seine rührende Geduld und Güte schätzen, liebte ich ihn als unser aller Haupt, als Freund meiner Mutter und meinen Lehrer. Weinend kroch ich auf seine Knie und umschlang seinen Hals, die anderen schmiegten sich an ihn in einem langen, verzweiflungsvollen Schweigen.

Als wir von ihm getrieben wurden, sagte Mama: »Mein Sohn, versprich mir, daß du niemals daran denken wirst, den Tod deines Vaters zu rächen!« Ich gelobte es mit gefalteten Händen.

Tags darauf verkündete uns Freudengeschrei des Volkes, daß die Königin Witwe und wir Kinder Waisen geworden waren.

Ein alter, braver Kammerdiener, der im Kerker bei uns aushielt, kam, mich zu Bett zu bringen. Bevor er mich berührte, beugte er das Knie vor mir und sprach leise, in feierlichem Ton: »Der König ist tot. Es lebe der König Ludwig XVII.« Es war die einzige Huldigung, die meinem Schattenkönigtum je zuteil wurde; sie erfüllte mich mit Grausen. –

Das trostlose Leben im Temple, die beständigen Ängste und Aufregungen, der Mangel an frischer Luft, die oft ungenießbare Kost zehrten an unsrer Gesundheit. Meine Mutter lag meist schwach und apathisch auf ihrem Lager. Auf ihre wiederholten 299 Bitten wurde ein Arzt zu mir bestellt, der mich untersuchte und Arzneien verschrieb; denn ich fühlte stechende Schmerzen in der Brust, litt an Atemnot und Fieberanfällen.

Flüsternd geführten Gesprächen zwischen Mutter und Tante Elisabeth entnahm ich, daß neue Fluchtpläne geschmiedet wurden; von einem Grafen Fersen, der auch heimlich Botschaft sandte, war im Zusammenhang damit die Rede. Es mußte verraten worden sein, denn Beamte der Kommune überfielen uns eines Nachts, rissen auch mich aus dem Schlaf, fragten an mir herum und durchwühlten die Betten.

Blieb dieser Schreck noch ohne Folgen, so führte ein abermaliger Nachtbesuch von Männern mit dreifarbiger Schärpe zu einer niederschmetternden Katastrophe. Sie wiesen einen Befehl des Wohlfahrtsausschusses vor, daß Charles-Louis Capet – so nannten sie mich nach einem unvordenklichen Ahnen – von seiner Mutter getrennt werden müßte. Frierend stand ich im Hemd vor ihnen, und auch vor Todesangst rannen mir eisige Schauer über den Leib. Mama jammerte und flehte: »Ihr könnt mir doch mein Kind nicht nehmen! Es braucht meine Pflege, ohne mich wird es zugrunde gehen!« Ich klammerte mich an sie und schrie ohne Unterlaß: »Mama! Mama! Nicht fort! Nicht fort von dir!« Sie warf 300 sich vor den Männern auf die Knie. Marie-Thérèse und Prinzessin Elisabeth taten desgleichen. Es half nichts, sie mußten mich ankleiden und ausliefern.

Der letzte Blick, den meine Mutter auf mir ruhen ließ, hat sich tief in mir eingebrannt, die Berührung ihrer zitternden Hände, die sie mir segnend auf den Kopf legte, werde ich spüren bis an mein Lebensende. Dann küßte sie mich auf Stirn und Mund, und die Wächter ergriffen mich. Noch vor der Schwelle riß ich mich los und lief zu ihr zurück. »O Gott im Himmel!« rief sie. »Gehorche ihnen, mein Sohn, gehorche! Wir sind in ihrer Gewalt.« Ich konnte es nicht. So sehr ich mich auch mit Händen und Füßen wehrte, sie rissen mich los und schleppten mich hinaus. Ihre Fäuste erstickten mein verzweifeltes Geschrei. . . .

In irgendeinem Gelaß des anderen Turms lag ich auf dem Boden, weiter schreiend oder erschöpft in einer Art von Starrkrampf. Man brachte mich in den Garten hinab, damit die Soldaten mich sehen und dem Volk versichern könnten, ich befände mich wirklich noch im Gefängnis. Als ich dort wieder gellend nach der Mutter rief, trug man mich schnell zurück nach oben.

Der Mann, der mich von jetzt an zu bewachen hatte, wurde Simon genannt; er war ein böser und 301 gemeiner Mensch, der letzte und teuflischste Fluch meiner Kindheit. Mag sein, daß ihn mein »störrisches Wesen« von Anfang an erbitterte und daß er mich erziehen wollte, was er so darunter verstand. Er rühmte sich mir gegenüber, daß er ein treuer Anhänger der Revolution, ursprünglich nur ein schlichter Handwerker, jetzt aber einer der Mächtigen wäre und im Einvernehmen mit dem großen Volksführer Robespierre handle. Wenn ich auf meine Abkunft und meine feinen Gewohnheiten verzichtete, würde ich es gut haben, sonst aber müßte er sehr streng mit mir verfahren. Das erhabene Gebot des neuen Frankreich hieße »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«. Alle Menschen wären jetzt gleich, danach hätte ich mich zu richten und meinen Hochmut abzulegen: Laß mich gestehen, Marion, daß ich mich diesen Lehren hartnäckig verschloß und keinen Augenblick meines Jammerlebens bei ihm auf das hörte, was er da von sich gab.

Lust, zu essen, hatte ich, seit wir im Temple waren, nie mehr gehabt; nur was Mutter uns herrichtete, schmeckte mir. Jetzt widerstand mir jede Nahrung. »Du willst wohl verhungern, kleines Vieh?« fuhr Herr Simon mich an, »damit ich es mit dem Wohlfahrtsausschuß zu tun bekomme?« Die Absicht hatte ich nicht, doch dachte ich mir: wenn es dahin 302 kommt, wird es das Beste für mich sein. Der Schuster Simon schickte seine Frau zu mir herein, ein struppiges Weibsbild, das schwerfällig um mich herumwatschelte und ein gewisses Mitleid zeigte. Sie bot mir ihre Hilfe beim Waschen an, was ich aber lieber allein besorgte. Als ich um einen Kamm für mein langes Haar bat, meinte sie, der wäre nicht nötig, wenn ich es kurz trüge, und schnitt mir die Locken ab, auf die Mama so stolz war und die sie immer zärtlich durch ihre Finger gleiten ließ; es schmerzte mich dabei nur der Gedanke, daß Mama mich nun häßlich finden würde, wenn sie mich wiedersähe. Frau Simon brachte mich auch zum Hinunterwürgen der widerlichen Kost dadurch, daß sie mir vorstellte, meine Mutter müßte selber vor Kummer sterben, wenn sie erführe, daß ich am Verhungern wäre. Den Kerkermeister ärgerte mein Ekel vor den Speisen; kam er dazu, so mußte seine Frau mich halten, und er schüttete mir den Mehlbrei mit Gewalt in den Schlund. Getrunken hatte ich bisher nie etwas anderes als Wasser oder Milch; lachend versuchte er, mich an Wein und Branntwein zu gewöhnen, und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel, wenn ich taumelig davon wurde. Daß mein körperliches Befinden, besonders auch der Brustschmerz, das Herzklopfen und die Übelkeit im Magen immer 303 schlimmer wurde, merkte ich in meiner Teilnahmlosigkeit erst allmählich, das Fieber verließ mich wohl überhaupt nicht mehr. Schlaf brachte keine Erquickung, Angstträume mit Anfällen von Alpdruck und Erstickung verfolgten mich bei Tag und Nacht. Das Bild meiner Mutter umschwebte mich immer, dabei aber gräßlich entstellt durch Verkrüppelung und Wunden. Nur wenn ich zwischendurch bei klaren Sinnen war, gedachte ich wehmütig in unstillbarer Sehnsucht ihrer früheren Schönheit und flüsterte ihr Koseworte zu.

Was mein Peiniger, der oft in die Zelle kam, eigentlich mit mir vorhatte, ahnte ich nicht, kümmerte mich auch nicht darum; vielleicht wollte er sich in der Langeweile seines Müßigganges nur die Zeit mit mir vertreiben. Einmal brachte er eine Querpfeife mit und versteifte sich darauf, daß ich sie blasen sollte: »Deine Wölfin von Mutter und deine Hündin von Tante klimpern ja Klavier«, höhnte er, »jetzt kannst du sie mit der Flöte begleiten, das gibt ein erbauliches Konzert.« Die rohe Beschimpfung des Heiligsten, das ich im Herzen trug, versetzte mich in rasenden Zorn. Ich stieß das Instrument, das er an seinen eigenen Mund geführt hatte, heftig zurück und warf mich auf den Boden. Er wollte seinen Willen durchsetzen und preßte es mir 304 auf die Lippen, daß sie zu bluten begannen, er schimpfte weiter, drohte, schlug auf mich ein. Daß seine Frau herbeilief und ihn daran zu hindern versuchte, erboste ihn noch mehr. Wie ein Rasender prügelte und würgte er mich, trat mich mit Füßen.

Es blieb nicht bei dieser einen Mißhandlung, sie wurde ihm bald zu einer lieben Gewohnheit. Haß quoll wie gärendes, zehrendes Gift in mir auf. Allein ich kämpfte dagegen an in Erinnerung an ein Wort von Mama: »Menschen, die man quält, werden gar zu leicht schlecht. Nur durch Übung in Sanftmut können sie sich davor bewahren.« Ich wollte nicht schlecht werden, schon um Mamas willen nicht, die mich dann nicht mehr lieben könnte.

Der Schuster hatte auch seine ruhigen, stumpf behaglichen Stunden. In denen sprach er mit mir über die politische Lage des Landes und erzählte mir von den Heldentaten der revolutionären Armee gegen die mit dem Emigrantenheer unaufhaltsam vorrückenden deutschen Truppen. Im Westen von Frankreich hatten sich die Bauern der Vendée aufrührerisch erhoben und mich zum König ausgerufen. Das müßte mir doch schmeicheln! Es würde ihnen aber übel bekommen und mich nur lächerlich machen. Darin gab ich ihm zum ersten Male recht. Das alles lag mir so fern wie ein Gespensterreigen 305 auf fremdem Gestirn. Gab es noch eine Hoffnung für mich, so nur die, meine Mutter noch einmal wiederzusehen.

Eifrig las mir Herr Simon die Zeitung vor. Ein Bericht meldete, die Republik hätte dem Volk ein Fest gegeben, und schloß pathetisch: »Laßt uns schwören, die Verfassung bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Die Republik ist ewig!«

»Wach auf, Capet!« rief Simon mich an, indem er mich schüttelte. »Hörst du, daß die Republik ewig ist?« Ich würdigte ihn keiner Antwort.

»Du willst nicht hören, störrischer Junge? Dann sollst du es fühlen!« Und er schlug mich zu Boden. Ich weiß nicht, ob ich damals noch weinen konnte; nach wenigen Monaten dieser Haft hatte ich bestimmt keine Träne mehr. –

An einem trüben, kalten Herbsttag hatte mir Simon wieder einmal Branntwein eingeflößt – als Heilmittel, sagte er, gegen meine Schmerzen. Ich war nur halb bei Besinnung und hätte den Vorfall vergessen, wäre er mir nicht bald danach mit berechnender Grausamkeit ins Gedächtnis zurückgerufen worden. Drei Männer wurden von Simon hereingeführt, sie setzten sich mit mir um den Tisch und lasen mir von einem Blatt Papier 306 etwas Unverständliches vor. Ich war so verworren und müde, daß ich sie und ihre Worte unbeachtet ließ wie irgendeine Vision der Trunkenheit. Sie verlangten, daß ich auf das Blatt meinen Namen schreiben sollte, und ich folgte mechanisch dem Gebot, worauf sie verschwanden. Einige Tage später sagte mir Simon so nebenbei: »Weißt du auch, daß die Witwe Capet, deine Mutter, vor dem Revolutionstribunal steht? Ein Verbrechen nach dem anderen wirft der öffentliche Ankläger ihr vor und beweist es den Geschworenen. Drei von ihnen waren neulich hier, also bist du auch unter den Zeugen.«

»Soll das heißen, daß man sie bestrafen will?« fragte ich angstvoll.

»Darauf wird es wohl hinauskommen. Wundert es dich, wo du selbst das Verbrechen, das sie an dir beging, bestätigt hast?«

»Immer nur Gutes hat meine Mutter mir getan und niemals Böses!« rief ich entrüstet aus, »und ich habe nichts bestätigt.«

»Ah so! Auf einmal willst du nichts mehr davon wissen? Aber wir haben deine Unterschrift!«

»Was soll ich denn unterschrieben haben?«

»Nun, daß du von deiner Mutter und deiner Tante im Temple sittlich verdorben worden bist. Das weißt du doch. Die Wächter von damals, die 307 euch beobachtet haben, und alle wissen es. Versuche jetzt nicht, zu heucheln!«

Verständnislos starrte ich ihn an: »Ich kann mir nicht denken, was Sie meinen«, sagte ich endlich. In dunklem Argwohn ahnte ich eine neue Infamie.

»So muß ich es dir schon deutlich machen«, raunte er mir grinsend zu. . . .

Dieser Erbärmliche, dieser Teufel, der meine Unschuld zerstört, mich damit aller Liebeslust entfremdet, mich in die Hölle der Verlassenheit hinabgestoßen hat – es ist ihm dennoch nicht gelungen, mich schlecht zu machen! –

Sein Amt als Erzieher und Sendbote der Revolution krönte er damit, mir den Verlauf des Prozesses gegen meine Mutter getreulich zu berichten, mir ihre Verurteilung und ihre Hinrichtung auf der Guillotine zu beschreiben. Die Hände packte er, damit ich mir nicht die Ohren zuhalten könnte. Dann ließ er mich mehr tot als lebendig in meinem Winkel liegen.

Diese beiden letzten Schläge hatten meinen Lebensnerv getroffen; sie zerstörten in mir die Keimkräfte der Liebe, die nie wieder nachwachsen, vernichteten tödlich mein Vertrauen zum Menschengeschlecht. Zum lügnerischen Ankläger meiner angebeteten Mutter war ich gestempelt – was sollte sie von mir 308 denken, wie sollte sie das je verstehen! Voll Abscheu mußte sie mich aus ihrem Herzen verstoßen, und ich konnte nicht zu ihr, mich in ihre Arme zu stürzen und zu rechtfertigen! Man hatte sie mir ja für immer geraubt, hingeschlachtet, stumm gemacht – und das Bild ihres kleinen Louis mußte sie als das eines Schandbuben mit sich auf das Schafott, mit in die Ewigkeit hinübernehmen! Ach, hätte ich ihr auf dem Fuße folgen können, vielleicht daß ich sie jenseits dieses Lebens noch erreichte und, vor Gottes Thron gereinigt, ihre Liebe zurückgewann! Nach nichts anderem verlangte mich mehr, als selbst unter das Fallbeil geschleppt zu werden und den Tod zu erleiden wie sie.

Mitten im Winter trat ein Wechsel in meiner Kerkerhaft ein, ein Umzug, nur zum noch Schlimmeren. Ich vermochte kaum, ihn wahrzunehmen, er berührte mich schon nicht mehr. Mir unbekannte Wächter schafften mich über Gänge und Treppen in einen anderen, noch engeren Raum; Simon und seine Frau waren nicht mehr da. Doch auch die neuen Wächter sah ich nicht; denn das Gelaß hatte nur eine Tür, die verschlossen blieb. Verbindung mit der Außenwelt vermittelte ein viereckiges Loch, dessen Gitter von jenseits hinauf- und herabgelassen werden konnte. Hände wurden manchmal sichtbar, 309 Kost und Geschirr hineinzustellen oder wegzunehmen, Stimmen vernehmbar, die irgendetwas fragten oder befahlen. Ein Ofenrohr aus der Vorstube ging durch die Wand und lieferte notdürftige Wärme. Zwei Öllampen hingen hinter dem Loch, Tageslicht drang nie zu mir herein.

Stumm und gedankenlos vor mich hinbrütend, verlernte ich die Sprache, meine Augen verloren die Kraft, zu sehen, meine Ohren die Fähigkeit, Geräusche zu unterscheiden. Monate mögen darüber hingegangen sein, daß ich mich tierisch ernährte, tierisch über den Boden kroch. Tiere waren meine einzige Gesellschaft, nämlich Ratten, die mein Brot benagten und über meine Decken glitten, Spinnen, die an den Mauerecken in ihrem Netz hockten, Ungeziefer aller Art. Geschwüre brachen mir an den Knien, dann am ganzen Körper aus, sie schmerzten sehr, aber ich achtete ihrer nicht.

Zuweilen, sehr selten, traten Männer bei mir ein, mich zu besichtigen und Fragen an mich zu richten. »Eine hohe Kommission der Kommune!« verkündete dann durch das Gitterloch die Stimme eines Wächters. Oder ein Arzt untersuchte mich, schüttelte den Kopf, speiste mich mit freundlichen Redensarten ab. Ein einziges Mal saß jemand längere Zeit am Kopfende meines Bettes, ein großer, schlanker Offizier, 310 der sich eingehend und, wie mir schien, ernstlich besorgt, nach meinem Befinden erkundigte. Er sprach mit angenehmer, leiser Stimme:

»Es geht dir also sehr schlecht, Charles-Louis? Armes Kind, man muß dir helfen . . . ich bin Graf Barras, Mitglied des Konvents, und werde dafür sorgen, daß eine Änderung eintritt . . . dieser Schmutz, dieser Gestank hier ist unerhört . . . du sollst nicht leiden, wenn du auch der Sohn Ludwigs XVI. bist . . . die Menschlichkeit ist wieder in ihre Rechte eingesetzt. . . .« Ich horchte auf, versuchte es wenigstens. Ein Hoffnungsschimmer? Das wäre schon zuviel gesagt.

Auf Besserung meiner Lage wartete ich nicht, und sie trat auch nicht ein, außer daß die Fensterläden geöffnet wurden und reine, warme Sommerluft eindringen konnte.

Die Rettung kam, aber erst viel später, im Winter 1794 hat man mir gesagt, ganz unvermutet und so, daß ich zunächst kaum etwas davon spürte. Zwei fremde Herren – es war der Marquis de Signoles, begleitet von Hyde de Neufville, hatten sich auf Grund eines sorgfältig durchdachten Planes, mit Hilfe von Täuschungen und Bestechungen, Zutritt in den Temple zu verschaffen gewußt. Ich sah sie gerade noch eintreten, ein großes Tuchbündel vor 311 meinem Bette niederlegend. Sie gaben mir etwas zu trinken, und ich versank in Betäubung.

Als ich erwachte, befand ich mich schon weit weg von Paris, in der Vendée.

 

Zwei Klosterschwestern waren um mich bemüht. Ihre großen, weißen Flügelhauben neigten sich über mich, ein frischer, wohltuender Luftzug bewegte die zurückgeschlagenen Gardinen des Himmelbettes, in dem ich ruhte. Mir träumte, ich läge im elterlichen Schlosse zu Versailles, wäre von einer Kinderkrankheit genesen, und gleich würde Mama sich zu mir setzen. Ein Arzt kam, ganz wie es sich gehörte, behorchte mich, lockerte die Verbände und kühlte mir die Stirn – ein Traum, der so bald nicht wich. Ich war und blieb der sorgsam umhegte, mit Liebe und Respekt behandelte Dauphin. Von der Erinnerung an das Paris der Tuilerien und den Temple war kein Rest in mir zurückgeblieben.

Als ich aufstehen durfte, wunderte es mich, daß ich nur schwankend und ungeschickt gehen konnte, auch verstand ich schwer, was man mir sagte, und meine Augen blendete das Tageslicht. Der Appetit kehrte langsam zurück, Milch, Weißbrot und zartes Geflügel labten mich. Manchmal fragte ich nach Mama, auch nach Marie-Thérèse, man belehrte 312 mich, ich sei sehr krank gewesen, und bat, mich zu gedulden. Blickte ich durch die hohen Spitzbogenfenster, so lagen vor mir die schneebedeckten Bäume eines Parks, dahinter endlos weiße Felder.

Lange dauerte es, bis man mich davon überzeugte, daß ich Léonard hieße, Pflegesohn des Marquis de Signoles wäre und mich auf dessen Schloß Sous-Jaunay in der Vendée befände. Dieser Marquis zeigte sich auch hin und wieder auf wenige Minuten, dann immer häufiger und länger, sprach aufgeräumt zu mir und rieb sich dazu die starken, braunen Hände. Nach einem Jahr war ich eingewöhnt und bekam einen kühlen, trockenen Abbé zum Lehrer. Es zeigte sich, daß ich Lesen, Schreiben, Rechnen verlernt hatte, doch prägte ich mir rasch alles wieder ein, und ich machte gute Fortschritte.

Ganz allmählich, unter einer gewissen Pein und Beängstigung, tauchten auch die Erinnerungen an dunkle Vorgänge zwischen lärmenden Volksmassen, auf einer Fahrt im Reisewagen, in einer häßlichen Stube, wo Mama kummervoll weinte, wieder auf. Je mehr sie an Klarheit gewannen, desto schwerer bedrückten sie mich. Mit niemand sprach ich davon; sie bedeuteten unauslöschliche Schande, die ich verschweigen mußte. Sonst aber war ich ruhig und zufrieden und meine Gesundheit völlig wiederhergestellt.

313 Niemand wußte etwas anderes über mich, als daß mich der Herr Marquis aus Barmherzigkeit aus einem Pariser Hospital hierher gebracht hatte, daß ich eine Waise von edler Herkunft und bestimmt war, sein Sohn und Erbe zu werden. Er selbst offenbarte mir erst auf wiederholtes, dringendes Befragen – ich hatte inzwischen mein dreizehntes Jahr zurückgelegt und schien ihm reif genug, das Geheimnis zu ertragen und zu bewahren –, daß er mich unter dem Beistand von Neufville und Limoelan und der Duldung von Barras, aus dem Temple befreit habe. Einen anderen Knaben meines Alters und Aussehens, aber verblödet und dem Tode nahe, hatte er aus einem Hospital genommen und in jener Nacht an meiner Stelle zurückgelassen. Ohne daß man die Vertauschung bemerkt oder seines Wissens gemeldet hatte, war der angebliche kleine Capet im Sommer darauf gestorben und in aller Stille beerdigt worden. Für das französische Volk, für die Mitglieder der königlichen Familie und ihre Anhänger galt also Ludwig XVII. für tot, als Thronprätendent allein der Graf von Provence. Er aber, der Marquis, würde als glühender Royalist die rechte Stunde abwarten, seine Tat im Dienste der Legitimität öffentlich bekanntzumachen und meine Ansprüche zu vertreten.

314 Ich kann nicht sagen, daß sein Vorhaben mich innerlich berührte. Wohl aber war ich dankbar ergriffen von seiner aufopfernden, kühnen Handlungsweise, nur etwas befremdet, daß er sich so viel darauf einzubilden schien. Unerträglich die Erinnerung an meine und meiner Eltern Leidenszeit, vor allem an die Demütigungen und das Martyrium der Schmach, die sie vor meinen Augen haben erdulden müssen; sie schien an mir selbst, der ich sie überleben sollte, am beschämendsten zu haften. Ein Gefühl für persönliche Ehre war in mir wachgeworden und noch immer im Wachsen, das mich diese Erinnerungen fliehen ließ, sie zu unterdrücken gebot, schon deshalb, weil sie mich bis an die Grenze des Irrsinns peinigten.

Zu eben jener Zeit war es, daß ich dich, geliebte Freundin, zum ersten Male sah. Der Marquis hatte deiner Mutter in Saint-Eustache seine Aufwartung gemacht. Sie kam mit ihren Damen nach Sous-Jaunay und brachte dich mit. Weißt du noch, wie ich dich gleich im Park an meine Lieblingsplätze führte, dir meine Spielsachen zeigte und dich in den Sattel meines Ponys hob? So entzückt, eine Gefährtin erhalten zu haben, war ich, daß ich dich gar nicht wieder von mir lassen wollte und nicht ruhte, bis deine Mutter versprach, dich öfter zu uns zu schicken.

315 Nie aber hast du geahnt, wie sehr ich fürchtete, daß du das Geheimnis meiner Abkunft und mein gräßliches Schicksal erfahren könntest, und wie bitter ich mich schämte, als ein Entwürdigter, Geschändeter deiner Reinheit gegenüberzustehen. Um deinetwillen drängte ich noch heftiger als bisher die gräßlichen Erinnerungsbilder in mir zurück; brachen sie doch hervor, so mied ich dich, und du wähntest betrübt, mich gekränkt zu haben.

Dennoch waren es unvergeßlich schöne Tage, Vorgeschmack unsrer späteren Lebensgemeinschaft im deutschen Asyl. –

Bleibe bei mir, Marion, auch im Zustand deiner Verklärung! Begleite mich auch auf meiner letzten Fahrt, die anzutreten ich im Begriffe bin! Verlaß mich nicht in der Stunde meines Absterbens!

 

Bevor ich mein Memorial abschließe und versiegele, es in Ermangelung eines Erben den Händen des Arztes zu übergeben, der es nach Gutdünken bewahren, erbrechen oder in Vergessenheit geraten lassen wird, habe ich es noch einmal durchgelesen. Ob es seinen Zweck, mir Rechenschaft über meine Entschlüsse abzulegen und einen Anhalt für Selbsterkenntnis zu bieten, erfüllt hat, lasse ich dahingestellt. Mögen wir über uns nachdenken und das 316 Ergebnis niederschreiben, so viel wir wollen, wir werden damit noch lange nicht die Wahrheit über unser innerstes Wesen erfahren. Nicht wir entscheiden uns, sondern »es« entscheidet sich in uns kraft des über uns verhängten Schicksals.

Nie werde ich ergründen können, warum ich stilles Wirken dem Kampf um ein angebliches Recht und angestammte Macht, Verborgenheit dem Ruhme vorgezogen und die Herrschaft über ein großes Reich der Fürsorge für eine kleine Schar Bedürftiger geopfert habe. Ich mußte so handeln, weil meine Natur und die jeweilige Lage, in die ich geriet, es so wollten. Ein Sohn von Königen kann nicht wahrhaft König sein, und soll die Krone nicht erstreben, wenn er den Beruf zum königlichen Führertum nicht in sich fühlt.

Das französische Volk nahm sein Geschick in eigene Hände, stürzte die Bourbonen und wird bald auch die Orléans vertreiben; der Usurpator hielt sich nur so lange, wie ihm das Kriegsglück treu blieb, und Mars ist der treuloseste aller Götter. Die Legitimität des Gottesgnadentums hat sich als eine überalterte Einbildung erwiesen, die Selbstherrlichkeit eines Cäsar, die sich nur auf Bajonette stützen kann, erliegt in ihrem wachsenden Übermut früher oder später dem Übergewicht der Nachbarn oder dem 317 Widerstand seines reifgewordenen Volkes. Schon gärt es in anderen europäischen Nationen, in Italien, in Österreich und selbst in Deutschland. Die Völker Europas entwachsen dem Kindesalter, sie besinnen sich auf ihre eigene Kraft. Wehe den Königen, die sich mit dieser Urkraft zu messen versuchen! Wehe ihrer Blindheit und Verständnislosigkeit! Möchten diejenigen, die als Könige von ihrem Volk noch auf dem Thron belassen werden, beizeiten erkennen, daß sie nicht aus eigenem Recht, sondern nur als Beauftragte ihren Platz an der Spitze des Staates einnehmen! Sie würden besser daran tun, statt der Macht nur Weisheit und Güte walten zu lassen.

Um diese beiden Eigenschaften habe ich mich bemüht, mit allzu geringem Erfolg. Nur das Bewußtsein, denen, die meiner bedurften, einige Leiden gelindert, ein wenig Freude gespendet zu haben, erleichtert mir den Abschied vom Leben.

 


 

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