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Verzicht und Vollendung

Kurt Martens: Verzicht und Vollendung - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleVerzicht und Vollendung
authorKurt Martens
year1941
firstpub1941
publisherSteuben-Verlag Paul G. Esser
addressBerlin
titleVerzicht und Vollendung
pages317
created20160916
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Je mehr die Hilfsbereitschaft des fremden Barons oder »Grafen« in Hildburghausen wie im ganzen Herzogtum bekannt und seine aus dem Ausland stammenden Mittel willkürlich eingeschätzt, ja überschätzt wurden, desto mehr häuften sich die Versuche, ihn anzubetteln oder anzuborgen. Er hatte es sich deshalb längst zum Grundsatz gemacht, alle direkten Anzapfungen unbeachtet zu lassen. Die Bedürfnisse der öffentlichen Institute waren ihm bekannt, sie konnten immer auf ihn rechnen, an Privatpersonen gab er nur noch, wenn sie ihm von vertrauenswürdiger Seite empfohlen wurden. Durch seinen Geschäftsführer, den Stadtrat, und durch den Pastor ließ er nachforschen, wo verschämte Armut litt, oder wo durch irgendeine Summe eine Existenz begründet werden konnte.

Nach dem Tode des Pfarrers wurde dessen Witwe in dieser Hinsicht seine Vertraute. Mit ihr setzte er den nie ganz abgebrochenen Briefwechsel fort, nur daß es sich dabei nicht mehr um wissenschaftliche Fragen handelte, sondern um das Wohl und Wehe kleiner Leute, um verschuldete Bauernhöfe, um Arbeitslosigkeit und ähnliche Alltagssorgen. Doch außer an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in 43 der näheren oder entfernteren Nachbarschaft nahm er auch teil an seelischer Not, wenn sie ihm zu Ohren kam. Zerwürfnisse in einer Ehe, zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern, unbillige Hindernisse, die sich einem Liebesbund entgegenstellten, Irrtümer, Mißgriffe, sittliche Verfehlungen, denen eine Katastrophe drohte, bestimmten ihn, mit Warnungen, Ratschlägen oder Vermittlung einzugreifen, wobei er sich, selbst im Dunkel bleibend, der Frau Pfarrerin als des ausführenden Organs bediente.

Unendlich viel mehr Gutes, als die Schützlinge ahnten, geschah durch ihre Hand. Am meisten geschah da, wo öffentlicher Dank nicht zu besorgen war. Hübsche kleine Überraschungen, wie Geschenke zu einem Jubiläum, eine unerwartete Ferienreise als Lohn für eine wackere Tat, ein Schulfest und dergleichen, »gestiftet von einem Unbekannten«, liefen so nebenher. Allerdings bürgerte sich allmählich die Vermutung ein: »es wird der Graf dahinterstecken«.

Seine eigenen Bedürfnisse waren gering. Am meisten verdiente wohl der Buchhändler an ihm, der nicht ohne Schwierigkeit von überallher teure, auch seltene Werke zu bestellen hatte. Im Schloß hielt man auf eine gute, aber einfache Küche. Für Madame wurden Toiletten – in denen sie sich 44 niemandem zeigte als dem Baron – aus Frankfurt bestellt.

Einmal, nachdem der europäische Friede gesichert schien, erwarb er ein Grundstück nahe dem Schloß, eine schön gelegene Wiese mit Berggarten, oberhalb des Domänenguts. Leicht und unbemerkt konnte er sie zu Fuß erreichen, und dorthin begleitete ihn manchmal auch seine Gefährtin. Der Besitz wurde umzäunt, obgleich Eindringlinge kaum zu befürchten waren. Niemand kannte seinen Zweck, niemand kümmerte sich darum, es gab keine Nachbarschaft außer dem Landhaus eines Richters, dessen Gärtchen an Vavels Wiese stieß.

An einem Sommernachmittag nun spielten zwei junge Mädchen, Nichten des Richters, aus Koburg zu Besuch bei ihm, vor dem Hause mit Bällen; einer derselben flog unversehens über den Zaun in das andere Grundstück, die beiden Backfische kletterten lustig hinüber, suchten im Grase und drangen dabei unter Scherz und Gelächter bis an die Geißblattlaube vor. Darinnen aber saß, mit einer Stickerei beschäftigt, eine selten schöne Frau, die ihnen gütig lächelnd zunickte.

Die Mädchen knixten höflich und entschuldigten sich. Die Dame lud sie neben sich, fragte, woher sie wären, bot ihnen Backwerk an, das vor ihr auf dem 45 Tische stand. Sie mußten von Koburg erzählen, von ihrem Elternhaus und von der Schule, und die fremde Dame erfreute sich an ihrem harmlosen, munteren Geschwätz.

»Wie traulich und geborgen lebt ihr dort, da könnt ihr freilich lachen!« sagte sie mit leiser Schwermut. »Wie glücklich müßt ihr sein! Ich habe meinen Vater nie gekannt und bin nie unter die Leute gekommen. Wenn man sicher ist, sich unter lauter guten Menschen zu bewegen, kann einem wohl das Herz aufgehen.«

Die Schwestern wußten nicht, wie das zu verstehen wäre und was sie von der Dame halten sollten; sie kam ihnen so fremdartig vor, apart und reizvoll, aber auch ein bißchen unheimlich, fast wie eine Fee. Eine wagte die Frage: »Sie sind wohl nicht aus dieser Gegend, gnädige Frau?«

»Nein, aus Frankreich stamme ich, aber in Deutschland bin ich aufgewachsen, immer einsam und früher auch unter Angst und Gefahr. Deshalb fürchte ich die meisten Menschen – eigentlich dumm von mir, werdet ihr finden, nicht wahr?« Und sie zeigte ein holdes, kindlich verzagtes Lächeln.

Jemand näherte sich raschen Schrittes vom Berggarten her, Baron Vavel. Als er den Besuch in der 46 Laube entdeckte, zog sich sein Gesicht in zornige Falten:

»Aber Marie-Thérèse, wen hast du da«, rief er auf französisch. »Wie konntest du!?«

»Verzeih, Louis!« erwiderte die Dame befangen. »Zwei Fräulein . . . Gäste unseres Nachbars. Zufällig fügte es sich so.« Die beiden waren in großer Verwirrung aufgesprungen, der gestrenge Fremde flößte ihnen Respekt und Furcht ein. Er verbeugte sich aber förmlich vor ihnen:

»Ich heiße Vavel und bin der Besitzer dieses Grundstücks. Wir leben äußerst zurückgezogen, aus gutem Grunde. Kann ich etwas für Sie tun, meine Damen?« Stammelnd erklärten sie die Sache mit ihrem Ball. Beflissen suchte er mit ihnen, und als der Ball gefunden war, begleitete er die Schwestern nach ihrem Garten zurück, ritterlich in seinem Wesen, doch ohne sie noch eines Wortes zu würdigen.

Sie erzählten ihr kleines Erlebnis nur Onkel und Tante, die es für sich behielten, weil sie sich schon dachten, daß es ihrem Nachbar peinlich gewesen war, und reisten danach bald wieder heim nach Koburg.

Die Eigenheiten des Herrn von Vavel und sein Wunsch, unbemerkt zu bleiben, wurden weiterhin geachtet – bis zu dem Jahr, als die »Gothasche 47 Erbteilung« den neuen Behörden ungesetzliche Rücksicht zu verbieten schien. Hildburghausen ging nämlich 1826 an Sachsen-Meiningen über. Herzog Friedrich wurde Landesherr von Sachsen-Altenburg und verlegte dorthin seine Residenz.

Die in Hildburghausen stationierte meiningische Polizeidirektion richtete an den »angeblichen« Baron Vavel de Versay das Ersuchen, sich und die bei ihm lebende Dame mit allen dazugehörigen Dokumenten über Namen, Herkunft, Beruf usw. auszuweisen.

Der Unbekannte erwiderte darauf, daß er bäte, davon abzusehen. Alle ihn betreffenden Papiere lägen bereit. Er werde sie vorlegen, wenn man darauf bestände, dann aber sofort das Land verlassen. Die Polizei hatte schon etwas Ähnliches erwartet. Bürgermeister und Stadtrat gaben ihr zu bedenken, daß mit dem Wegzug des fremden Herrn der Stadt Hildburghausen ihr bester Steuerzahler verlorengehen, die Vorstände der Stiftungen wiesen darauf hin, daß eine wesentliche Nahrungsquelle der Armen versiegen würde. Wäre ein seit zwanzig Jahren unbescholtener, durchaus unverdächtiger Wandel, ein Leben voll werktätiger Nächstenliebe nicht Legitimation genug und mehr wert als ein Bündel Papiere? Der Polizeidirektor sah das ein. Er befahl, in diesem besonderen Fall eine Ausnahme zu machen; vom 48 bürokratischen Standpunkt aus mochte sie bedenklich sein, wurde aber allgemein, nicht am wenigsten vom Landesherrn selbst, gebilligt.

Baron Vavel und seine Dame blieben unbehelligt. Die Stadt Hildburghausen war darüber so erfreut, daß sie ihm in Anerkennung seiner Verdienste um das öffentliche Wohl das Ehrenbürgerrecht verlieh, worauf er zum Dank noch einige Grundstücke erwarb, die ebenso wie der Berggarten nach seinem Tode an die Stadt zurückfallen sollten. Für ihn selbst hatten sie keinerlei Wert. –

Wieder verging ein Jahrzehnt. Neugier, Klatsch und Verwunderung über das Geheimnis von Eishausen waren längst erloschen. Statt dessen lebte im Volk die Legende von einem guten Geist, der über die Notleidenden und Unglücklichen wachte und durch die Hand einer alten Frau – niemand wußte mehr, wer sie war noch wo sie wohnte – durch ihre Vertrauten und Sendboten Rat, Trost und Hilfe spendete. Mit dieser Pfarrerswitwe stand Vavel noch immer in lebhaftem Briefwechsel, ohne daß eine Zeile von ihm in ihrem Besitz blieb. Der Meinungsaustausch betraf fast nur die Fälle, denen sie nachzugehen hatte; es bot sich auch kein Anlaß, sich über allgemeine, geschweige denn über persönliche Fragen zu äußern.

49 Ein kurzer Satz, daß er noch jemand bei sich habe, entschlüpfte dem Baron zum erstenmal am Schluß eines geschäftlichen Schreibens über die Betreuung eines besserungsfähigen Strafentlassenen – nur ein leiser Klagelaut: »In meinem Hause ist schwere Krankheit eingekehrt; meine Lebensgefährtin, schon lange leidend, scheint am Ende ihrer Kräfte angelangt. Bald wird die Nacht letzter Einsamkeit auch mich umfangen.«

Wenige Tage später meldete er dem Dorfschulzen das Ableben der »im Schloß wohnhaften Dame« und bestellte zugleich den Hildburghausener Amtsarzt an das Totenbett.

Eine Art Kommission erschien, bestehend aus dem Schulzen, dem Geistlichen, dem Arzt und einer Gerichtsperson zur Begutachtung des eigenartigen Falles; denn für jedermann war das Hinscheiden der Unbekannten überraschend eingetreten. Selbst die alte Köchin hatte kaum bemerkt, daß es der Herrin in ihrem verschlossenen Schlafzimmer schlechter ging. Niemand hatte sie seit Monaten mehr gesehen, niemand sie gepflegt als der Baron.

Man fand in dem Himmelbett die Leiche einer noch immer schönen Frau. Die ärztliche Untersuchung ergab zweifelsfrei, daß sie an schleichender Auszehrung gestorben war, vermutlich schmerzlos, 50 vor kaum vierundzwanzig Stunden. Baron Vavel stand starr, verdüstert an ihrer Seite.

Der Gerichtsaktuar bat ihn um Angabe von Namen und Herkunft der »Frau Gemahlin«.

»Dafür habe ich sie niemals ausgegeben«, antwortete er. »Sie war ledigen Standes, entfernt verwandt mit mir und« – seine Stimme erhob sich stolz und gebieterisch – »keineswegs meine Geliebte.«

»Sie hieß?«

»Darf ich mich darauf verlassen, daß Sie Amtsverschwiegenheit bewahren?«

Die Herren besprachen sich und glaubten, sie ihm zusichern zu dürfen.

»Nun, ihr Name war Sophia Botta, aus Westfalen, katholisch, siebenundvierzig Jahre alt.«

»Sie können das durch Urkunden belegen, Herr Graf?«

»Nein, Papiere über sie sind nicht vorhanden. Sie brauchen es auch nicht zu glauben.«

»Sehr seltsam. Auch Eltern oder Geschwister können, wollen Sie uns nicht nennen?«

»Nein. Weiteres kann ja die Obrigkeit befinden.«

Der Arzt stellte den Totenschein aus. Der Aktuar bemerkte: »Es wird sich im wesentlichen um den Nachlaß handeln.«

51 Man fragte noch, warum er nicht, wenigstens in den letzten Wochen der Krankheit, ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hätte.

»Die wäre nutzlos gewesen, wie mir der Herr Doktor wohl bestätigen wird.« Dieser zuckte die Achseln, aber nickte dann doch. »Ich selbst war, wenn auch Laie, mit dem Charakter des Leidens so vertraut, daß ich es sachgemäß behandeln und lindern konnte.« –

Auf der Höhe des Berggartens wurde die Fremde, für die Bevölkerung noch immer namenlos, bei Nacht bestattet. Die Dienerschaft des Barons, die im Laufe der Jahre mit Verwaltern, Gärtnern, Pförtnern auf zehn Köpfe angewachsen war, trug und begleitete den Sarg mit Fackeln. Vavel allein folgte, ein Geistlicher war nicht gebeten worden. Zeit und Ort des Begräbnisses hatten sich aber in Dorf und Stadt herumgesprochen. So erwartete trotz der ungewöhnlichen Stunde und des kalten Regens eine Schar Schaulustiger den kleinen, unheimlichen Zug. Stumm und klanglos wurde die Tote in das Erdreich versenkt.

Ein gerichtliches Nachspiel konnte nicht ausbleiben. Mit der wiederholten Weigerung des Barons, Ausweise über die Verstorbene vorzulegen, fand sich das Kreisgericht schließlich ab, bestand aber darauf, 52 daß die Verlassenschaft nach der Vorschrift des Gesetzes behandelt werde. Siegel wurden angelegt, das heißt, Beamte trafen im Schlosse ein, nahmen Inventar von dem auf, was der angeblichen Sophia Botta angeblich gehörte, und entzogen dem Baron die Verfügung darüber. Ihr Besitz war gering genug gewesen: Roben und Wäsche, einige schöne Schmuckstücke und geschmackvolle Gegenstände des täglichen Gebrauchs, endlich ein Beutel mit holländischen Goldstücken im Wert von etwa tausend Gulden. Baron Vavel erklärte, daß sie alles dies von ihm selbst erhalten, sonst aber nichts besessen habe.

Ein öffentlicher Aufruf an etwa vorhandene Erbberechtigte, an Angehörige und alle, die etwas von einer Sophia Botta aus Westfalen wüßten, sollte nun ergehen. Er werde völlig erfolglos sein, meinte Vavel, verbarg aber trotzdem seine Erbitterung nicht. Aus der Umgebung des Herzogs von Meiningen gelangte an die Korrespondentin des Barons die Anregung, sein Geheimnis wenigstens dem Herzog persönlich anzuvertrauen und Einstellung des Nachlaßverfahrens durch diesen vermitteln zu lassen. Kühl dankend erwiderte er: »Ich habe in Meiningen nichts zu erbitten. Meine Maßregeln sind für alle Fälle getroffen und können in der Folge durch nichts erschüttert werden.« Das ließ sich nur so verstehen, 53 daß er abermals seinen Wegzug in Aussicht stellte.

Das Gericht half sich damit, ihn den Schätzungswert des Nachlasses mit zweitausend Gulden, einem Nichts für ihn, bis auf weiteres deponieren zu lassen, womit er natürlich gern einverstanden war.

Sein Schmerz über den Verlust des einzigen Menschen, der ihm nahestand, schien unaussprechlich. Nur der schlichten, gutherzigen Pfarrerswitwe gegenüber konnte er sich in seinen Briefen Andeutungen nicht versagen. Bald nach dem Begräbnis warf er auf einen beiliegenden Zettel die Worte hin: »Meine Lage wird immer unerträglicher, in Leid und Sehnsucht glaube ich zu ersticken. Es ist weit mehr als eine getrennte Ehe, der Tod hat ein zusammengewachsenes Geschwisterpaar auseinandergerissen. Das eine kann ohne das andere nicht weiterleben.« Und Monate später an den Rand eines Zahlungsauftrags: »Nicht ich gebe diese Mittel, so scheint mir, sondern sie, die über alles, was mir gehört, als Herrin zu verfügen hatte.« Die Pastorin erfuhr von ihm auch, daß die Verstorbene zeitlebens niemals einen Heller auszugeben brauchte, daß sie nur Sachen besaß, die er ihr aufdrängen mußte.

Die letzte zusammenhängende Notiz, in der er die Freundin erwähnte, lautete: »Unsichtbar ist die 54 Unvergeßliche dauernd um mich. Ein tragisches Geschick hat sie an mich und mich an sie geschmiedet. Daß ich sie der Gefahr seelischer Zerrüttung entriß, hat sie mir tausendfach vergolten. Ihr an der Stätte unsrer Gemeinschaft heimisch gewordener Geist hält allein mich zurück, das Weite zu suchen, in verzweifelter Unrast über die freien Höhen der Berge zu schweifen. Manchmal bilde ich mir ein, da draußen könnte mir leichter werden. Schreiben Sie mir nur von dem Glücke anderer, damit ich, des eigenen entbehrend, einigen Trost darin finde!« –

Seinen Grundsatz, keinen Besuch zu empfangen, durchbrach Vavel, als er unter Gichtanfällen zu leiden begann und dadurch besonders in der kalten Jahreszeit dauernd ans Haus gefesselt war. Er rief den Amtsarzt, Medizinalrat Dr. Roller, zu sich und bat um seine Behandlung, da die eigenen Kenntnisse ihm nicht auszureichen schienen. Vielleicht nahm er es aber nur zum Anlaß, in seiner vollkommenen Abgeschlossenheit mit einem gebildeten Menschen seines Alters in einen wenn auch noch so oberflächlichen Verkehr zu treten. Etwas Besonderes konnte ihm der trockene, wortkarge Mann allerdings nicht bieten. Seine gründliche Fachbildung war für einen Meinungsaustausch nicht sehr ergiebig, darüber hinaus konnte er sich nur in Gemeinplätzen bewegen.

55 Allein es genügte dem Baron, ihn zuweilen bei einem Glas Wein gegenüber zu haben und sich aus der ärztlichen Praxis erzählen zu lassen. Er selbst lag dabei in einem Lehnstuhl des Arbeitszimmers, den podagrakranken Fuß auf einen Schemel gestützt. Die lange, schlanke Gestalt hatte sich seit seiner Jugend kaum verändert, aber das Haar war schon ergraut, und in das hagere, durchgeistigte Gesicht hatten sich viele Fältchen eingegraben.

Irgendeine nebensächliche Bemerkung des Arztes konnte Feuer aus ihm schlagen. Dann sprach er lebhaft und gewandt, ja leidenschaftlich, wenn der Gegenstand sein Inneres berührte, nie zornig, nie sentimental, aber in packender Beredsamkeit. Ein tiefer Schmerz lag jedem seiner Aussprüche zugrunde, ohne eine Spur von Kleinmut. Auf Dr. Rollers Rat, sich doch etwas mehr unter Menschen zu bewegen, was seinem Allgemeinbefinden gut tun würde, entgegnete er: »Von dieser Notwendigkeit werden Sie mich nicht überzeugen. Meine Eltern und viele Freunde unsres Hauses sind durch den Haß und Irrsinn der Menschen zugrunde gegangen. Mir drohte das gleiche Schicksal, wenn ich mich nicht aus der Welt zurückgezogen hätte. Jetzt ist es für mich alten Mann zu spät, neue Beziehungen anzuknüpfen. Überdies, was verliere ich dabei? Selbst in 56 ruhigen Zeiten regieren Vorurteil, Eitelkeit, Berechnung die Welt. Wer Vernunft, Wahrheit und Gefühl zur Richtschnur seines Verhaltens macht, der hat so gut wie nichts mit der Gesellschaft gemein. In sich selbst muß er sein Glück suchen. Anderswo wird er es kaum finden.«

»Na, wenn alle Menschen so dächten . . .!«

»Alle Menschen!« unterbrach ihn Vavel heftig. »Das sind die schlechtesten Gewährsleute. Man kann immer wetten, daß jede öffentliche Meinung und jedes allgemeine Urteil eine Dummheit ist, denn sie gefällt dem großen Haufen.«

Mitten in seinen bitteren Sentenzen konnte er sich lachend unterbrechen:

»Es geht mir wie den Nonnen. Wenn sie einmal sprechen dürfen, sprechen sie zu viel.«

Einmal konnte sich der Doktor nicht enthalten, an das einsame Sterben ohne ärztlichen Beistand von Madame vorwurfsvoll zu erinnern. Vavel verübelte es ihm nicht:

»Oh, ich wollte schon einen Arzt für die Kranke rufen, jedoch sie selbst war dagegen, vielleicht weil sie ihrer notwendigen Zurückhaltung nicht recht traute. Sie ahnen ja nicht, welche Verantwortung auch Sie auf sich geladen hätten, wären ihr in der Schwäche Bekenntnisse entschlüpft. Mit ihr hätte 57 sich, ebenso wie mit mir – selbst wenn Sie Ihre ärztliche Schweigepflicht nicht hätten verletzen wollen –, das Gerede von Europa beschäftigen können.«

Der Medizinalrat schüttelte ungläubig den Kopf. Ob der Herr Baron sich und die Dame in diesem Punkt nicht überschätzte?

 

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