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Verzicht und Vollendung

Kurt Martens: Verzicht und Vollendung - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleVerzicht und Vollendung
authorKurt Martens
year1941
firstpub1941
publisherSteuben-Verlag Paul G. Esser
addressBerlin
titleVerzicht und Vollendung
pages317
created20160916
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Schwere, entscheidungsvolle Jahre brachen über das deutsche Volk herein. Das alte Römische Reich Deutscher Nation ging aus den Fugen, sein Kaiser zog sich auf das Stammland Österreich zurück, und Bonaparte erhob sich selbst zum Kaiser der Franzosen. 1805 besiegte er die habsburgische Monarchie, ein Jahr darauf Preußen, besetzte andere europäische Länder und verschenkte ihre Throne an seine Brüder und Günstlinge. Er war auf dem Gipfel seiner Macht, auf lange hinaus schien sie gesichert. Von Umtrieben der in Deutschland versteckten Anhänger des alten bourbonischen Königtums war nicht mehr die Rede. Diejenigen, die sich dem Empire zur Verfügung stellten, durften sogar in die Heimat zurückkehren, andere tauchten noch immer, aber in aller Bescheidenheit, hier und dort auf; nicht einmal die Polizei der im Solde Napoleons stehenden Rheinbundstaaten nahm Notiz von ihnen.

So konnte sich ein Jahr nach der unseligen Schlacht von Jena auch ein Herr, der sich Vavel de Versay nannte, unangefochten in Hildburghausen, einer kleinen thüringischen Residenz, niederlassen. Es war der gleiche wie ehedem in Württemberg, bei ihm befand sich die noch immer verschleierte Dame und 20 der Kammerdiener François. Und wieder traf er in der mit zwei Rappen bespannten Reisekutsche ein. Seine kaum beachtete Ankunft wurde nirgends, geschweige denn in I., bekannt, und in Hildburghausen wußte niemand, daß er vor Jahren einmal totgesagt worden war.

Wie damals richtete er sich erst im Gasthof, dem vornehmen Englischen Hof, dann in einer abgelegenen Mietwohnung ein. Die Bevölkerung von Hildburghausen, noch höflicher und respektvoller als die württembergische, nannte ihn allgemein Herr Graf, vielleicht nur deshalb, weil er danach aussah, und sie an den durch nichts bewiesenen Namen nicht recht glaubte. Denn einen Paß legte der »Fremde von Distinktion« auch hier nicht vor; die Behörde verlangte nicht danach, weil er unverdächtig war, und der Hof wünschte, daß reisende Edelleute nicht belästigt würden.

Die Vermieterin, Frau Radefeld, hier eine unterwürfige, einfache Frau, wurde noch vor Abschluß des Vertrags vom Baron dahin beschieden, daß er ihr einige Bedingungen stellen müsse, die ihr wohl eigenartig vorkommen würden, aber gewiß nicht unerfüllbar seien: der hohe Mietzins rechtfertigte sie allerdings. Die wichtigste bestand darin, daß jederzeit die vollkommenste Ruhe im Hause 21 herrschen müsse, keine Hunde dürften bellen, keine Instrumente gespielt, keine geräuschvollen Zusammenkünfte abgehalten werden; nicht einmal lautes Gelächter wünsche er zu hören. Ferner müsse sie dafür sorgen, daß er und die Dame nicht durch Neugier belästigt würden. Gegen zudringliche Blicke der Nachbarn wurden die Fenster dicht verhängt, jeder Besucher war vor der Haustür abzuweisen. Für Postboten und Lieferanten gab es unten einen Korb, zu dessen Leerung die Hausfrau den Kammerdiener oder die Köchin, die mit dem Befehl strengster Verschwiegenheit in Dienst genommen worden war, durch ein Glockenzeichen herbeizurufen hatte. Der Wagen fuhr bei Abfahrt und Heimkehr nicht auf der Straße, sondern im geschlossenen Hofraum vor, nur dort bestieg und verließ ihn der Baron mit seiner Begleiterin.

Vavel beschränkte sich aber nicht auf die Schutzmaßregeln, er stellte in den ersten Wochen seines Aufenthalts auch noch ein förmliches Verhör mit Frau Radefeld an, über die Nachbarschaft, über die Gesellschaftskreise der Stadt und die bekannteren Persönlichkeiten: welches ihre Gesinnungs- und Lebensweise wäre, mit wem sie verkehrten, welche Art von Fremden nach Hildburghausen käme und wie lange sie zu bleiben pflegten. Nur nach der 22 herzoglichen Familie und dem kleinen Hofstaat fragte er nie, darüber schien er bereits unterrichtet.

Auf abseitigen Pfaden des Schloßparkes ging er zuweilen allein spazieren oder ward dort auf einer versteckten Bank mit einem Buche angetroffen. Setzte sich jemand zu ihm, ging er sogleich weiter. Den Herrschaften selbst begegnete er selten genug; er wich ihnen aus, wenn er sie von weitem erblickte, grüßte sie aber höflich, sobald es sich nicht mehr vermeiden ließ.

Öfter gerieten ihm die beiden kleinen Prinzen mit ihrer Kinderfrau in den Weg. Auch vor ihnen zog er den Hut und nickte ihnen schließlich lächelnd zu. Sie faßten Vertrauen zu ihm, trieben ihre Reifen um ihn herum, plapperten schließlich munter auf ihn ein. Das schien ihm Freude zu machen, er kam mit ihnen ins Plaudern und nahm für eine Weile an ihrem Spiele teil, wobei sie die sonst gegen jedermann abweisende Kinderfrau gewähren ließ.

Der Herzogin aber meldete sie dann pflichtgemäß die Begegnung des fremden Herrn mit ihren Schützlingen, und auch diese selbst schwatzten der Mutter fröhlich von ihm vor: er gefiele ihnen so gut, wer denn das wäre? Obgleich es gegen die Etikette und fast schon gegen den schuldigen Respekt verstieß, hatten die Eltern nichts dagegen einzuwenden, denn 23 Hochmut und Ängstlichkeit lagen ihnen fern. Herzogin Charlotte, die über des französischen Barons rätselhafte Herkunft und Lebensweise längst unterrichtet war, hätte gern gewußt, mit wem man es da zu tun hatte, und ihr Gemahl nahm sich vor, bei Gelegenheit seine Bekanntschaft zu machen. Doch diese Gelegenheit wollte sich nicht finden, der Baron ließ sich zunächst nicht wieder blicken.

Noch immer machte er mit seiner Begleiterin die Spazierfahrten im geschlossenen Wagen, meist in aller Frühe, besorgte in den Geschäften schweigsam seine Einkäufe, wechselte mit dem oder jenem Einwohner ohne Unterschied des Standes höfliche Worte, ohne sich in ein Gespräch einzulassen, und bedachte die milden Stiftungen der Stadt mit namhaften Summen. Einem Kaufmann, der im Stadtrat saß, übertrug er seine Geldgeschäfte; durch dessen Vermittlung erhielt er auch die aus dem Amsterdamer Bankhaus van der Valck für ihn eintreffenden Bezüge.

Womit er sich daheim in seiner klösterlichen Stille beschäftigte, war nicht herauszubekommen. Nur manchmal hörte Frau Radefeld, wie er oben über ihrer Wohnstube lebhaft, mit starker Stimme, vorlas. Zuhörerin konnte wohl nur die stets unsichtbare und völlig lautlose Dame sein.

24 Es war schon gegen Ende des zweiten Sommers, daß er wieder einmal den Schloßpark aufsuchte. Der Herzog in Uniform, der von seinem Kammerherrn gerade zu einem Gang nach dem Gestüt abgeholt wurde, bemerkte den Baron auf einer Bank und ging entschlossen auf ihn zu. Vavel erhob sich und grüßte.

Herzog Friedrich, jugendlich impulsiv und leutselig, wie es seine Art war, sprach ihn auf französisch an:

»Baron Vavel de Versay, wenn ich nicht irre? Wir haben an Ihnen einen geschätzten Gast gewonnen.« Er stellte den Kammerherrn von Seebach vor und fügte hinzu: »Man kennt Sie von Ansehen und verehrt Sie um Ihrer hochherzigen Nächstenliebe willen.«

Vavel erwiderte mit einem lakonischen »Oh, bitte!«, aber die ungezwungen liebenswürdige Begrüßung des Herzogs machte ihm sichtlich Eindruck. Mit rasch erwachter Zuneigung musterten sich die beiden offenen Blickes. Der Baron, der den straffen, breitschultrigen Herzog um Haupteslänge überragte, wirkte fast vornehmer, nur weniger militärisch als der Kriegsmann mit den Abzeichen eines sächsischen Generalleutnants; er trug über den Kniehosen mit weißen Seidenstrümpfen einen schlichten, aber 25 elegant geschnittenen, dunklen Oberrock. Sein stolzes Gesicht mit scharfer Hakennase, dessen gelbliche Farbe, das glänzend schwarze Haar, vor allem aber das blitzende, dann wieder von Schwermut verschleierte Auge verrieten französische Abkunft. Dem Kammerherrn, der ihn nur zweimal flüchtig gesehen hatte – im Wagen vorüberfahrend und beim Hofgärtner, als er einen Korb der schönsten Rosen zusammenstellen ließ –, kam er jetzt in der Nähe überaus jugendlich vor, wie ein Jüngling, der allerdings eine Last von Erfahrungen trägt. Herr von Seebach, im Hofdienst ergraut, war bei aller Gewandtheit und Geschäftigkeit nicht mehr als eine Durchschnittsschranze, doch Menschen verstand er nach ihrem Äußeren richtig einzuschätzen. Dieser Baron mit dem unglaubhaften Namen imponierte ihm. Das war keiner der landläufigen Emigranten, etwas natürlich Exklusives und Erlesenes verbarg er mehr, als daß er es zur Schau trug; innere und äußere Würde strahlte von ihm aus. Die mochte auch der Herzog spüren:

»Verzeihen Sie, Baron, daß ich Sie aus Ihren Gedanken aufgestört habe. Fürchten Sie keine Zudringlichkeit! Ich werde dafür sorgen, daß man Ihren Wunsch nach vollkommener Solitüde achtet, und ich selbst verbiete mir indiskretes Fragen. Sie haben 26 sich aber so gütig mit meinen Kindern beschäftigt, ganz fremd möchte ich deshalb nicht an Ihnen vorübergehen.«

»Wenn Eure Hoheit mir die Ehre erweisen wollen . . . ich bin kein Menschenfeind und« – ein feines Lächeln erhellte für einen Augenblick seine müden Züge – »auch kein Fürstenfeind.«

»Soeben wollte ich hinüber nach meinem Gestüt. Sehen Sie Pferde gern? Dann machen Sie mir doch das Vergnügen, mich zu begleiten!«

»Gern. – Pferde liebe ich sehr, so wenig ich davon verstehe.«

Der Herzog schob zwanglos seine Hand unter den Arm des Fremden und zog ihn mit sich. Herr von Seebach hörte noch, wie sich ein Gespräch über die Tugenden dieser edlen Tiere entspann. Er folgte in gemessener Entfernung und blieb noch weiter zurück, da man seiner nicht zu bedürfen schien. Baron Vavel machte ihm auf einmal einen sehr verbindlichen und zugleich aufgeschlossenen Eindruck, überraschende Intimität schien sich da anzubahnen.

Eine hohe Taxushecke entzog die beiden minutenlang seinen Blicken, dann tauchten sie vor einem Rundbeet weißer Astern auf, blieben stehen, unterhielten sich Auge in Auge, lebhaft, immer ernster und bewegter.

27 Und dann geschah etwas höchst Erstaunliches: der Herzog legte beide Hände auf die Schultern des Barons, deutete mit feierlicher Gebärde eine Umarmung an, die der Baron hochaufgerichtet erwiderte; sie tauschten einen Wangenkuß und eine Verbeugung, worauf sie langsam weiterschritten.

Kammerherr von Seebach riß Augen und Ohren auf. Träumte er, hatten seine Sinne ihn getäuscht? Was soll das bedeuten? Es ließ sich nur vermuten, daß Seine Hoheit eine alte Freundschaft, mit einem Kriegskameraden vielleicht, erneuerte. Für seine Herzensgüte und ungestümen Kundgebungen war er ja bekannt, aber solch eine Vertraulichkeit mit einem hergelaufenen Franzosen ging doch schon etwas weit!

Am Gestüt traf der Kammerherr wieder mit ihnen zusammen, sie gaben ihm keinen weiteren Anlaß zur Verwunderung. Zerstreut und in sich gekehrt, besichtigten sie den Pferdebestand nur obenhin, auf einmal hatten sie sich nichts mehr zu sagen.

Baron Vavel verabschiedete sich bald, beherrscht und förmlich, der Herzog mit einem herzlichen »Au revoir«, dem er dennoch, wie sich zeigen sollte, keine Bedeutung beimaß. Seinem Kammerherrn befahl er auf dem Heimweg, über die Begegnung mit dem Baron gegen jedermann zu schweigen. Seebach ließ 28 sich das gesagt sein; ob auch die Herzogin nichts davon erfuhr, ist ihm immer zweifelhaft geblieben. Fest stand aber das eine, daß weder Herzog Friedrich noch Vavel je den Versuch einer zweiten Annäherung gemacht haben; sie sind einander nie wieder begegnet.

 

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