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Vertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S.

Friedrich Nicolai: Vertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S. - Kapitel 5
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typeletter
authorChristoph Friedrich Nicolai
booktitleVertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S. - Freuden des jungen Werthers<
titleVertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S.
publisherBuchverlag Der Morgen
seriesMärkischer Dichtergarten
editorGünter de Bruyn
year1982
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zeitgenössische Rezensionen der »Vertrauten Briefe«

Literatur-Zeitung, Erlangen

Ob Herr Nicolai selbst diese Briefe geschrieben oder ob er sie nur verlegt hat, darauf kommt es hier so wenig an, als es überhaupt nicht darauf ankommt, wer ein Buch geschrieben hat. So viel ist indessen von diesem Buche gewiß, daß damit die Absicht weiter erreicht werden soll, die man in der »Geschichte des dicken Mannes« und des Philosophen »Sempronius Gundibert« gehabt hat. Es soll nämlich darin dargestellt werden, daß mit der Philosophie der Herren Kant, Fichte und so weiter in der wirklichen Welt nicht fortzukommen sei, daß man alle Augenblicke mit seiner transzendentalen Weisheit anstoße, daß die Leute, mit denen man umgehe, nicht wissen, was man wolle, und daß man sich lächerlich mache. So wie nun in jenen beiden genannten Romanen junge kritische Philosophen vorzüglich gegen Männer anlaufen, so läuft hier in diesen »Vertrauten Briefen« eine ansehnliche Menge solcher junger Philosophen gegen Weiber an; sie machen auch einige Proselytinnen, aber der gescheuteste unter diesen Philosophen scheitert doch mit seiner Philosophie an einem Weiberherz und lernt am Ende wieder für andere Menschen außer der kritischen Schule verständlich denken und sprechen. Adelheid nämlich hatte nicht aus Liebe, sondern aus Gehorsam einen Mann, der viel älter als sie war, geheiratet; aber ihr Verstand und die guten Eigenschaften ihres Mannes hatten ihr diesen bald so lieb und wert gemacht, daß sie sich nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Kinder ganz unglücklich fühlte. Ihre Freundin Julie, an die die Briefe geschrieben sind, vermochte es über sie, wieder an gesellschaftlichem Umgang teilzunehmen. Sie zog nach D. und gewann das Leben nach und nach wieder lieb. In dem Zirkel, in welchem sie lebte, fanden sich viele junge Philosophen nach dem neuesten Schnitte ein, und unter diesen auch ihr Schwager Gustav, welcher zehn Jahre jünger war als sie. Diesen heilt sie von seinen philosophischen Anmaßungen; beide verlieben sich aber während der Kur ineinander. Sie behält jedoch kalte Vernunft genug, um nicht zu vergessen, wie viel älter sie ist. Sie ist stark und großmütig genug, ihn nicht nur von der Liebe gegen sie zu heilen, sondern ihm auch noch eine Gattin zuzuführen, mit der er die Fülle des schönsten Glückes genießt. Nur sich selbst konnte sie nicht von ihrer Liebe ganz heilen, sie unterlag der nie gelöschten Leidenschaft und starb in wenigen Jahren nach Gustavs Verheiratung.

Der Leser sieht daraus, daß hier kein großer Aufwand von Phantasie gemacht, sondern daß alles ganz einfach angelegt und durchgeführt ist. Und wen freilich unsre jungen philosophischen Figuranten, die dermalen umherschwärmen, nicht interessieren, der wird auch in der größern Hälfte dieser Briefe kein großes Interesse finden. Die Charaktere, welche am besten gehalten und durchgeführt sind, sind Adelheid und Gustav. Der Schwarm von jungen sogenannten Philosophen erscheint und verschwindet gleichschnell, vielleicht wie die Philosophie, zu der sie sich hier bekennen. Es leidet keinen Zweifel, daß das Unwesen, das jetzt zum nicht geringen Schaden der wahren Gelehrsamkeit von mehrern kritischen Philosophen getrieben wird, unleidlich ist und daß es sich zu einem Gegenstande der Geißel der Satyre ganz vorzüglich eignet. Auch diese Briefe können und werden das Ihrige dazu beitragen, das Ungereimte dieser jungen Leute, voll von exzentrischen und überspannten Ideen, lichter hervortreten zu lassen, und die Jünglinge, die noch zu retten sind, zu bewegen, daß sie etwas mehr als ein einziges philosophisches System lernen, mit dessen Sinken ihre erborgte ganze Weisheit sinkt und ihre gänzliche Unbrauchbarkeit in dieser Welt sichtlicher emporsteigt. Und was sinkt in unsrer ganzen Gelehrtenrepublik leichter als – ein philosophisches System? Hume, an dessen Wert als Weltweiser wenige der unsrigen reichen, sagt offenherzig in seiner Geschichte von England: »A System, whether physical or metaphysical, commonly owes its success to its novelty; and it ist no sooner camvassed with inpartiality than its weakness is discovered.« Es ist daher mit dem bloßen Lernen in der Philosophie eine eigene gefährliche Sache. Bei dem Studium der Geschichte, der Sprachkunde, der Rechtswissenschaft usw. behauptet das Lernen seinen respektablen Platz. Wir müssen hier lernen; denn es gilt hier um Facta, auf die uns nicht immer der Syllogismus führt. Wir müssen die Quellen fleißig studieren. In der Philosophie aber ist die Hauptquelle in uns selbst, und die können wir nicht wie eine andere Urkunde vorlegen; jeder hat nur sein eigenes Exemplar, und wenn wir darin durch ein fremdes Alphabet lesen lernen, so gelangen wir sicherlich niemals zum Verstehen. Wenn aber ein solcher Unfug einreißt, wo man durchaus nach einem fremden Alphabet in sich selbst lesen lernen soll, so bleibt es ein sehr verdienstliches Werk, in Ernst und Scherz dagegenzuarbeiten und dem Geiste die Fesseln abzunehmen. Der satyrische und humoristische Vortrag ist gegen dieses Übel der zweckmäßigste, und wer sich dazu versteht, vollbringt ein um so verdienstlicheres Werk, da kein Ruhm eines Schriftstellers schneller vorübergeht als desjenigen, welcher törigte Gelehrte gegeißelt und dadurch die übrigen wieder zu sich selbst gebracht hat. Denn die Toren dieser Art haben so wenig allgemeines Interesse und setzen dennoch allemal eine ausreichende Kenntniß ihrer gelehrten Spielereien voraus, um den gegen sie gebrauchten Witz ganz schätzen und verstehen zu können, daß, wenn der verfolgte Wahn aufgehört hat, sein Spiel zu treiben, auch die Satyren gewöhnlich vergessen werden, die auf ihn geschrieben worden sind.

Übrigens aber kann Rez. es nicht billigen, daß der Vf. zu gleicher Zeit gegen die kritische Philosophie, gegen die langen Backenbärte, die langen Beinkleider und die abgeschnittenen Haare, gleich als wenn diese Dinge homogen wären, zu Felde zieht und daß er einen kritischen Philosophen, den Herrn von X., auch dadurch lächerlich zu machen sucht, daß er sich furchtsam bei einem Zweikampfe beträgt. Die langen Backenbärte gibt Rez. dem Vf. allein preiß, weil sie immer eine garstige Unreinlichkeit bei sich führen; die langen Beinkleider aber sind bequem, und die abgeschnittenen Haare sind nicht nur bequem, sondern auch gesund; und was endlich den Zweikampf anbelangt, so ist dieser in jeder Rücksicht eine so vernunftwidrige und sträfliche Sache, daß nur der sich lächerlich macht, der in derselben noch etwas Besseres als Unsinn findet.

(Literatur-Zeitung. Erlangen 1799, August, Nr. 150)

Göttingische Anzeigen

In einer gefälligen Erzählung werden Menschen getadelt, die sich über ihresgleichen zu erheben glauben, wenn sie berühmte Leute ungeschickt verehren, sich anders ausdrücken und anders kleiden als die übrige Welt, Galimathias mit Nonsense verteidigen. Basedow erzählte: seine Augen hätten die ganz sonderbare Eigenschaft daß er, wenn er läse, nie geradezu sehen könne, sondern das Buch an die linke Seite der Stirn halten müsse; so glaubte jedermann, Basedow habe Augen von ganz besonderer Beschaffenheit. Lambert sagte ihm: Ey, Herr Professor, Sie schielen. Thomas Diafoirus soll gesagt haben (S. 15): Die Leber war sonst rechts und das Herz links, aber wir haben das geändert. (Des Rezensenten Molière liegt unter seinen livres difficiles a trouver, er verläßt sich aber auf sein Gedächtnis, daß das nicht Thomas sagte, dessen Fehler nicht Begierde zu Neuerungen war, sondern der zum Arzte geprügelte Sganarell.)

(Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen)

Gelehrte Anzeigen, Tübingen

Als Roman taugt diese Schrift wenig. Wie es bei allen solchen Erfindungen ist, die nicht sowohl freie Produkte des Geistes als einer gewissen Privatabsicht sind, so ist es auch hier: Die Kunst rächt sich dann immer an dem, der ihren Zweck verkehrte. Man sieht es den Charakteren und Situationen, die hier aufgestellt werden, nur zu sehr an, daß sie nicht für sich selber bestehen und nicht aus sich selber hervorgehen, sondern, dienstbar der Leidenschaft des Verfassers, die und deren Richtung aus so vielen wiederholten Explosionen bekannt ist, sich seinen besondern Absichten überall bequemen müssen. Indessen ist dennoch nicht zu leugnen, daß die gewählte Einkleidung sichtbare Vorzüge vor derjenigen hat, welche uns der kampflustige Verfasser, Herr Nicolai, schon in früheren Schriften von ähnlicher Beabsichtigung, im »Sempronius Gundibert« und in dem schalsten aller seiner Romane, in dem mit Recht nun vergessenen »Dicken Manne«, schaugestellt hat. Auch durch Sprache und Einfälle verdient diese Schrift jenen vorgezogen zu werden. Was den Zweck des Werkchens selber betrifft, manche herrschenden Mißbräuche unserer Literatur von ihrer lächerlichen und verwerflichen Seite herauszuheben, so wird kein unparteiisch Gesinnter denselben mißbilligen können, da die hier gerügten Torheiten wohl schwerlich können abgeleugnet werden. Besonders ist der kritisch-ästhetische Jakob Böhme unseres Zeitalters unter dem Namen Pandolfo gar nicht mit Unrecht hier aufgeführt worden. Mögen auch immer einige Mißverständnisse (wirklich klingen manche der ausgehobenen Orakelsprüche dieses guten, aber verschraubten Kopfes widersinniger, als sie in der Tat sind) mit unterlaufen, mögen unter den Einflüssen der Leidenschaft oder des Belustigungstriebes die Gemälde oft zu grell ausgefallen sein, Rezensent (mit den Worten im Munde: Iliacos intra muros peccatur et extra) schätzt die Wahrheit und ihre Apostel, wenn er schon diesen, von Wahrheitsliebe gedrungen, nicht eben für einen reinen halten kann.

(Gelehrte Anzeigen. Tübingen 1799 vom 23. September. 77. Stück)

Allgemeine Literatur-Zeitung, Jena und Leipzig

Wer die Alleinweisheit mancher junger Philosophen, den gelehrten Egoismus, das stolze Hinwegsetzen über bürgerliche Verhältnisse und Konvenienz, kurz, wer die Zeichen der Zeit zu sehen und sich darüber zu ärgern Gelegenheit gehabt hat, der wird bei der Lektüre dieses Romans den Satyr preisen, der sie scharf ins Auge faßte und mit Witz und Laune solche Torheiten züchtigt. Rez. ist weit entfernt zu leugnen, daß nicht manche Übertreibungen in dem Werke vorkommen sollten, weit entfernt zu leugnen, daß nicht manche Sätze der neuern Philosophie mißverstanden – vielleicht absichtlich mißverstanden worden seien; aber das Recht zu einiger Übertreibung muß dem Satyriker schon zugestanden werden; das leise Berühren heilt das Gebrechen nicht.

Ein junger Mensch von Anlagen kommt von der Universität voll philosophischen und belletristischen Dünkels zurück, und mit seiner Zurückkunft beginnen diese Briefe, die seine Schwägerin Adelheid, die Witwe seines verstorbenen Bruders, an eine Freundin schreibt und die unsern Helden zum Gegenstand haben. Adelheid hat auf ihn als Knaben schon vieles gehalten, sie erkennt auch noch jetzt seine glücklichen Anlagen, die nur falsch gelenkt worden sind, wieder, und daher kommt es, daß sie sein ganzes Tun und Treiben so ausführlich beschreibt. Sie beschließt, ihn zu bessern. Sehr fein ist der stufenweise Fortgang ihrer Bemühungen angegeben, wie sie erst an seinem genialischen Äußern bessert, ihn dann in Gesellschaften führt, um ihn menschlicher zu machen, dann den Trieb nach bestimmten Geschäften in ihm erweckt und ihn endlich auch Geschmack an bürgerlicher Tätigkeit finden läßt. Schon die Idee, einen solchen verbildeten Menschen durch ein edles Weib wieder zurechtzuführen, ist sehr glücklich. Aber unvermerkt hat sich die Liebe beider Herzen bemeistert, die Hochachtung des Schülers gegen seine Lehrerin geht in Liebe über, und auch sie hat aus dem langen Umgang eine Wunde davongetragen. Der Schüler Gustav wirbt förmlich um seiner Lehrerin Hand. Aber die Lebensklugheit, die sie vor ihm voraus hat, leitet sie auch hier. Sie ist neun Jahre älter als er, und sie sieht voraus, daß nach und nach seine Liebe an diesem ungleichen Verhältnis erkalten würde. Sie beschließt also, für ihn zu handeln, und da er hin und wieder einige Neigung für ein anderes Mädchen hat blicken lassen, so beschließt sie sich aufzuopfern und ihn durch die Hand der Jüngern Geliebten glücklich zu machen. Dieses Übergewicht, welches ihr Lebensklugheit und Erfahrung vor ihrem immer noch zu sehr durch Phantasie und Spekulation geleiteten Geliebten gibt, ist wieder sehr fein und glücklich dargestellt. Sie wirbt selbst für ihn um Amaliens Hand, nachdem sie vorher zu einer Hofratsstelle geholfen, und beschließt mit der edelsten Resignation, bei ihren Freunden zu wohnen, ihre Kinder zu erziehen und in ihrer Liebe glücklich zu sein. Aber das Gewicht dieser Aufopferung drückt sie schwerer, als sie sich selbst gestehen möchte; sie fällt in eine Art von Schwermut und stirbt nach einigen Jahren.

Man sieht, wie zweckmäßig die Dichtung ist, in die der Vf. seine höheren Zwecke verhüllt hat, nur würden wir die arme Adelheid am Ziele nicht sterben, sondern in dem Bewußtsein ihrer guten Tat Beruhigung finden lassen, um so mehr, da der Roman bis dahin mehr in der leichten und launichten Gattung gearbeitet ist und damit dieser Tod zu schneidend kontrastiert. Der Vortrag ist leicht und angenehm, nur sollte er, da Adelheid als ein Frauenzimmer von Stande und von hoher Kultur dargestellt ist, um einige Grade edler sein, und besonders hätte der Vf. sich einige zu gemeine Gleichnisse und Ausdrücke nicht erlauben sollen. Was seine Meinungen betrifft, so wiederholen wir nochmals, daß wir nicht alles für Wahrheit erkennen, aber hier gerne den Dichter entschuldigen.

(Allgemeine Literatur-Zeitung. Jena und Leipzig 1799. Nr. 343 vom 26. Oktober)

Der Genius der Zeit, Altona

Es herrscht in unserer Literatur ein wirklich schändliches Unterdrückungssystem, welches – wie das in der Politik – allen Gemeingeist um einiger Usurpatoren willen zu vernichten droht. Durch diese Herrschaft anmaßender Genies muß notwendig die einzige rechtmäßige Herrschaft des guten Geschmacks zerstört werden. Unparteiische Freunde des gefälligen Schönen mögen dieses beurteilen und unsere Epoche in der Ästhetik mit dem blühenden Zeitpunkte des Geistes aller Nationen vergleichen. Fällt in dieser Zusammenstellung das Urteil nicht zum Vorteil für unsre Periode aus, so müssen wir um so mehr die Bemühungen derjenigen ehren, die sich's angelegen sein lassen, den usurpatorischen Übertreibungsgeist wieder unter den Gehorsam des sanft gebietenden guten Geschmacks und seiner Regelmäßigkeit zu bringen. Ein durch Lehren und Beispiel dahin zielendes Werk sind die »Vertrauten Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S.«, Berlin und Stettin bei Friedrich Nicolai 1799.

Ich weiß nicht, wie die Philosophen dieses Buch beurteilen und ob sie es wiederum nur für den niedrigsten Pöbel der Lesewelt erträglich finden werden: Dem unbefangenen Leser tut es wohl, sich aus dem egoistischen Schwindel wieder in die wahre Welt versetzt zu sehen und einen Roman in die Hand nehmen zu können, den er, ohne ein sittliches Gefühl zu beleidigen, jedem, wo nicht zum Muster oder Spiegel, so doch gewiß zum aufmerksamen Lesen empfehlen darf.

(Der Genius der Zeit. Ein Journal. Altona. 1799)

Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek, Kiel

Diese Briefe (deren Verfasser Hr. Fr. Nicolai ist) liefern, von ebenso fester als feiner Hand gezeichnet, das äußerst interessante Bild einer geistreichen und edeln Frau, die früh schon das Opfer ihrer Pflicht ward – welches die Vorrede erzählt – und als ein solches stirbt, wie sich aus dem Schlüsse dieser Briefe ergibt. Freilich war die Pflicht, der sie sich opferte, nur edler Stolz, nur ein Gebot der Klugheit, nur ein Trieb des Wohlwollens; sie wollte ihren geliebten Gustav, der zehn Jahr jünger war als sie, nicht heiraten: »Wissen Sie, Gustav«, sagt sie zu ihm S. 209, »ich gehöre nicht zu den Frauen, die nach einem alten Manne einen jungen heiraten. Ich bin zu stolz dazu. Lassen Sie mir diesen Stolz, selbst wenn er Vorurteil wäre. Und von Ihrer Seite ist es auch wohl war, was ich Ihnen vorher sagte: Sie würden mich nach jeden zehn Jahren (er war fünfundzwanzig, sie gab sich, mit einer kleinen Vergrößerung, für fünfunddreißig) viel älter finden als zehn Jahre mehr: Und das würde auch meinen Stolz beleidigen; aber, was noch mehr ist, es würde mich unglücklich machen – deswegen, weil ich Sie nicht glücklich sähe. Ich würde doppelt unglücklich sein, weil ich's vorhergesehen hätte und mir vorwerfen müßte, daß ich von dem Feuer der Leidenschaft eines Jünglings meine Überlegung hätte verzehren lassen.« Aber so unrein diese Tugend dem kategorischen Imperativ erscheinen muß, welcher Unbefangene kann dem Weibe, das sie ausübt, und nach einem solchen Kampf, als diese Briefe verraten, ausübt, seine hohe Achtung versagen? Und wessen Auge kann trocken bleiben, wann er liest (besonders S. 235, als der Geistliche sie auf immer verband usw. bis zu Ende des Buchs), wie teuer diese Selbstüberwindung der wackern Adelheid zu stehen kam! ...

Adelheid hat in hohem Grade Menschenkenntnis und die Gabe, richtig über alles zu urteilen. Das sieht man unter anderm aus dem, was sie über die neue und neueste Philosophie, die idealische Stimmung der Idealität, die Poesie der Poesie, die Absolutheit der Absolutheit usw. sagt. Für ein Weib spricht sie, könnte es scheinen, fast zu viel davon; aber das Unwesen ward ihr auch sehr lästig, trat ihr alle Augenblicke in den Weg und – ihr teurer, zum Teil von ihr erzogener Gustav war davon angesteckt, sollte davon geheilt werden, und die edle Frau heilte ihn wirklich.

(Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 1800. 55. Band, 1. Stück, 3. Heft)

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