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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Die Grille, gegen das allgemeine Gefühl und den einstimmigen Glauben des menschlichen Geschlechts zu behaupten, daß der Schnee schwarz sey, hat in unsern Tagen (unsers Wissens) Keinen stärker angefochten, als den berühmten Verfasser des Emils und der neuen Heloise, des Devin de village und des Briefs gegen das Theater, des gesellschaftlichen Vertrags und der beiden Abhandlungen, daß die Wissenschaften und Künste der Gesellschaft, und daß die Geselligkeit dem menschlichen Geschlechte verderblich seyen u. s. w. – Doch, was sag' ich von unsern Tagen? Niemals hat ein Sterblicher die Neigung, allen andern Geschöpfen seiner Gattung ins Angesicht zu widersprechen, weiter getrieben, als dieser mit allen seinen Wunderlichkeiten dennoch hochachtungswürdige Sonderling.

Ich glaube nicht, daß ich ihm Unrecht thue, wenn ich unter den letztern den Einfall oben an stelle, den er in der Vorrede zur Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit u. s. w. hatte, der Welt zu sagen: »Daß eine gute Auflösung des Problems:

Was für Erfahrungen wären erforderlich, um zu einer zuverlässigen Kenntniß des natürlichen Menschen zu gelangen? Und wie könnten diese Erfahrungen im Schooße der Gesellschaft angestellt werden? –

der Aristotelesse und Pliniusse unsrer Zeit nicht nur nicht unwürdig wäre; sondern daß in der That, diese Erfahrungen 206 zu dirigiren, die größten Philosophen nicht zu groß, und, die Unkosten dazu herzugeben, die mächtigsten Könige nicht zu reich seyn würden;«– eine doppelte Bedingung, die unserem Weisen selbst so wenig unter die Dinge, auf die man Rechnung machen darf, zu gehören scheint, daß er alle Hoffnung aufgibt, eine dem menschlichen Geschlechte so ersprießliche Aufgabe jemals aufgelöst und realisirt zu sehen.

Ich weiß nicht, was Rousseau für Ursache hat, dem guten Willen oder dem Vermögen aller der Kaiser, Könige, Sultane, Schachs, Nabobs, Kans, Emirs u. s. w., welche den Erdboden beherrschen, so wenig zuzutrauen; – denn die Aristotelesse und Pliniusse unserer Zeit kann sein Mißtrauen unmöglich zum Gegenstande haben. Ich meines Orts habe mir, des gemeinen Besten und meiner eigenen Gemächlichkeit wegen, zum Gesetze gemacht, von unsern Obern zu denken, wie der ehrliche Plutarch will, daß man von den Göttern denken soll. »Man kann unmöglich eine zu gute Meinung von ihnen haben, sagt er, und man würde sich weniger an ihnen versündigen, wenn man vorgäbe, sie seyen gar nicht, als wenn man zweifelte, daß es ihnen an Weisheit oder Güte fehlen könnte.« Ich glaube, sage und behaupte also, im Nothfall mit Faust und Ferse, ohne einen Heller dafür zu verlangen: daß – »vorausgesetzt, das Rousseauische Problem und die dazu gehörigen Erfahrungen seyen so beschaffen, daß dem menschlichen Geschlechte wirklich daran gelegen sey, daß sie gemacht werden,« – und vorausgesetzt, »daß sonst Alles, was zur Auflösung des Problems erfordert wird, vorhanden sey,« – es an dem Könige, Sultan, Nabob oder Emir nicht fehlen solle, der sich das größte Vergnügen von der Welt daraus machen wird, seine Maitresse, seine Pferde und Hunde, seine Oper und vier oder fünf Duzend andere entbehrliche 207 Personen und Sachen an seinem Hofe abzuschaffen, um die Unkosten zu einer so schönen Unternehmung ohne Belästigung seines Volkes vorschießen zu können.


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