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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

Ich habe mir seit vielen Jahren (ohne Ruhm zu melden) einige Mühe gegeben, diese sonderbare Art von Menschenkindern, die man (seit der Aufwartung, welche PythagorasVor Pythagoras, erzählt Cicero (Tusc. 5. 3.) hießen Alle, die ihr Leben der Betrachtung weihten, Weise (Sophoi), seit Pythagoras aber Philosophen, Liebhaber der Weisheit. Dieser kam einst nach Phlius, einer Stadt im Peloponnes, und hatte mit dem Fürsten Leon daselbst eine lange gelehrte Unterhaltung, die diesem Bewunderung seines Geistes und seiner Beredsamkeit einflößte. Er fragte daher, in welcher Kunst er Meister sey. Pythagoras erwiederte, daß er mit keiner Kunst sich abgebe, sondern ein Philosoph sey, und auf die Erklärung, welche jener deßhalb verlangte, sagte er: ihm scheine das Leben gleich dem Verkehr bei den olympischen Spielen. Dorthin kämen Einige, um nach dem Ruhme der Krone zu ringen, Andere, um zu kaufen oder zu verkaufen, eine gewisse Classe aber lediglich, um zu sehen, was man triebe und wie. Eben so gebe es im Leben einige Wenige, die mit Hintansetzung von allem Andern nur mit Eifer die Natur der Dinge zu erforschen suchten, und diese nenne er Philosophen. – Genau läßt sich dieß nicht übersetzen wegen der Mehrdeutigkeit der griechischen Worte. Bekanntlich erhielt durch Sokrates diese Idee des Philosophen und der Philosophie eine mehr praktische Wendung. bei einem kleinen Fürsten der Phliasier gemacht hat, den wir ohne diesen Umstand schwerlich zu kennen die Ehre hätten) Philosophen, zu deutsch Weisheitsliebhaber nennt, mit einem etwas mehr als gewöhnlichen Fleiße zu studiren; und ich schmeichle mir, sie (den Schotten Johannes Duns und die Uebrigen seines Gelichters etwa ausgenommen) so ziemlich ausfindig gemacht zu haben.

Es würde Undankbarkeit seyn, wenn ich mir die Miene geben wollte, als ob ich die Gabe, mit den Augen zu sehen, nicht (nächst der guten Mutter Natur) den besagten Weisheitsliebhabern oder weisen Meistern größten Theils zu danken hätte. – Aber alle Dankbarkeit und Ehrerbietung, die ich ihnen schuldig seyn mag, kann mich nicht verhindern, zu gestehen, daß die Meisten unter ihnen zu Zeiten – sehr wunderliche Launen haben.

Das Wort, dessen ich mich bediene, ist in der That in Rücksicht auf die Sache, die ich damit bezeichnen will, sehr gelinde.

Wenn, zum Beispiel, diese gänzliche Vertiefung in das betrachtende Leben, welche den weisen DemokritusDemokritus, Diogenes, Krates sah W. nicht immer in diesem Lichte, wie seine Abderiten, Diogenes und Krates und Hipparchia beweisen. von Abdera, unterdessen daß er in einsamen Orten, ja wohl gar 204 unter den Ruinen eingefallener Gräber, ganze Tage und Nächte durch dem Studiren oblag, seine häuslichen Angelegenheiten gänzlich vernachlässigen machte – wenn, sage ich, diese Vertiefung in die erhabensten oder subtilsten Speculationen das Wunderlichste wäre, was man diesen Herren nachsagen könnte, so möchte es noch hingehen!

Aber, wenn Diogenes in einer Tonne wohnt; Krates mit der schönen und tugendhaften Hipparchia auf öffentlichem Markte Beilager hält; Parmenides die Bewegung leugnet; Anaxagoras behauptet, daß der Schnee schwarz, Zeno, daß der Schmerz kein Uebel sey; Plato in seiner Republik auf Gemeinschaft der Weiber anträgt; Pyrrho das Zeugniß der Empfindung für betrüglich ausgibt; Plotinus versichert, daß er den Vater der Götter und der Menschen mit leiblichen Augen gesehen habe; Julian zu gleicher Zeit den Kaiser, den Cyniker und den Zaubrer spielt; die Scholastiker mit großer Ernsthaftigkeit untersuchen, num Deus potuerit suppositare cucurbitamOb Gott wohl habe die Gestalt eines Kürbisses annehmen können.; Cardanus uns bereden will, daß er bei hellem Tage Gespenster sehe; Cartesius der heiligen Jungfrau eine Wallfahrt nach Loretto gelobt, wenn sie ihm zu einem neuen System verhelfen wollte u. s. w. – so begreife ich in der That nicht, was man zum Behuf aller dieser Weisheitsliebhaber Besseres sagen könnte, als – daß ein Philosoph seine Launen, Grillen, Abweichungen und Verfinsterungen habe, so gut als ein Anderer, und daß, aufrichtig von der Sache zu reden, der eigentliche specifische Unterschied zwischen einem philosophischen Narren und einem gemeinen Narren lediglich darin bestehe, daß jener seine Narrheit in ein System raisonnirt, dieser hingegen ein Narr geradezu ist; ein Unterschied, wobei sich noch auf Seiten des Philosophen unter andern dieser Vorzug darstellt, daß er, ordentlicher 205 Weise, ein ungleich mehr belustigender Narr ist, als ein gemeiner Narr.


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