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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 19
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18.

Bei Allem dem halten wir uns versichert, daß die Geschöpfe des Prometheus nach und nach um ihre ursprüngliche Einfalt und Unschuld gekommen seyn würden, wenn gleich Pandora und ihre Büchse nie gewesen wären; – und in der 238 That, man mußte so sehr in sein eignes Werk verliebt seyn, als er es war, um nicht zu sehen, wo der Fehler lag.

Geschöpfe, deren Unschuld und Glückseligkeit von ihrer Unwissenheit abhängt, – wie er von den seinigen selbst gesteht, – befinden sich immer in einer sehr unsichern Lage; und, Alles wohl überlegt, war es kein großer Schade, daß die ganze Zucht einer so zerbrechlichen Art von belebter und beseelter Töpferarbeit in Deukalions Ueberschwemmung ersäuft wurde.

Ernsthaft von einer ernsthaften Sache zu reden, – die Philosophen, Sophisten, Redner, oder wie sie sich sonst am liebsten nennen hören, welche uns bereden wollen, daß –

»die Entfernung von der ersten Einfalt der Natur – Entfernung von der Natur selbst sey;

»daß es der Natur gemäß gewesen wäre, wenn wir immer in einem Zustande von glücklicher Unwissenheit, wie sie es nennen, geblieben wären;

»daß die Erweiterung unserer Bedürfnisse die Mutter unserer Laster, – und

»der Genuß aller Geschenke der Natur und die Verfeinerung aller Künste dasjenige sey, was den Untergang der Staaten am meisten befördere:«

Die Herren, welche so reden, sprechen entweder von Menschen aus der Fabrik des Prometheus – oder von Menschen, welche, wie Jupiters Minerva, aus ihrem eigenen Gehirne hervorgegangen – oder, wenn diese Behauptungen den wirklichen Erdebewohnern gelten sollen, so werden sie uns erlauben zu sagen, daß sie die menschliche Natur, von der sie so viel reden, nicht besser zu kennen scheinen, als die Natur der Einwohner in Saturns Ringe.

Unstreitig gibt es einzelne Menschen, welche wohl daran thun, wenn sie wie Diogenes und Epiktet leben lernen.

239 Es gibt Fälle, wo ein allgemeiner Geist von Sparsamkeit einem ganzen Staat eine Zeit lang nützlich ist.

Es gibt Fälle, wo ein Fürst sehr zu loben ist, wenn er, wie Kaiser Marcus Aurelius, sein Gold- und Silbergeschirr in die Münze schickt, um sein Kriegsheer damit zu bezahlen.

Aber alle diese Fälle sind blose Ausnahmen, und es bleibt darum nicht weniger wahr:

»Daß die möglichste Benutzung des Erdbodens und die möglichste Vervollkommnung und Verschönerung des menschlichen Lebens das große Ziel aller Bestrebungen, welche die Natur in den Menschen gelegt hat, und also im Grunde der Natur eben so gemäß sey, als die Einfalt, insofern diese eine unzertrennliche Gefährtin der ersten Periode des Lebens bei der ganzen Gattung, so wie bei dem einzelnen Menschen ist.«

 


 

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