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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 18
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17.

Man kann sich leicht vorstellen, daß mich dieser Traum oder, wenn man lieber will, dieses Fragment von einem Traume zu allerlei Betrachtungen leitete, wovon einige vielleicht nicht unwürdiger sind, meinen Lesern mitgetheilt zu werden, als mein Traum selbst. Aber jetzt würde es unartig seyn, wenn ich eine kleine Neugier unbefriediget lassen wollte, welche – die Büchse der Pandora bei meinen – 235 Leserinnen zurück gelassen zu haben scheint, an deren Zufriedenheit mir viel zu viel gelegen ist, als daß ich in Fällen dieser Art etwas Angelegeneres haben könnte, als ihren leisesten Wünschen, sofern ich sie zu errathen fähig bin, entgegen zu kommen.

Prometheus schreibt der Büchse der Pandora alles Unglück seiner Menschen zu: »ohne sie, sagt er, würden sie noch immer so glücklich seyn, als sie es in ihrem ursprünglichen Zustande waren.« Was für eine Büchse konnte das wohl seyn, die so viel Unglück anzurichten vermochte?

Die Gelehrten – ein Volk, welches über nichts in der Welt einig werden kann – hegen auch über diesen Gegenstand sehr verschiedene Meinungen.

Einige glauben, daß unter der Geschichte der Pandora nichts Anderes verborgen liege, als eine allegorische Vorstellung der wichtigen Wahrheit: »daß der Vorwitz oder die Begierde, mehr zu wissen, als uns gut ist, die erste Quelle aller menschlichen Uebel gewesen sey.« – Die Büchse der Pandora, sagen sie, war weder mehr, noch weniger, als die Büchse des Papsts Johannes des DreiundzwanzigstenS. v. Hagedorns Fabeln und Erzählungen, 2tes Buch, im 2ten Theile seiner Werke, S. 256. In der Ausgabe von Eschenburg S. 202. W., mit welcher Seine Heiligkeit die Schwestern zu Fontevrauld – da sie das Privilegium, einander selbst Beichte hören zu dürfen, von ihm erzwingen wollten – zu ihrer Beschämung auf die Probe stellte.

Andere suchen unter der Büchse der Pandora etwas noch Verborgeneres: es soll, ihrer Meinung nach, eben das dadurch bezeichnet werden, wovon der gelehrte Priester PorphyriusS. Porphyr de antro sympharum. W., unter dem Namen »der Höhle der Nymphen« so geheimnißvolle und hyperphysische Dinge schreibt. Sie beziehen sich unter Anderem auf einen gewissen Vers des HorazHorat. Sat. L. I. Sat. 3. v. 107. W., um dadurch zu erläutern, warum die Büchse der Pandora zur Quelle alles Uebels von den Alten gemacht worden sey. – Aber wir 236 gestehen, daß uns sowohl diese Auslegung als der angezogene Vers unseres Lieblingsdichters zu allen Zeiten sehr mißfallen hat.

Noch Andere wollen in dieser berüchtigten Büchse eine allegorische Vorstellung der Einführung des Eigenthumsrechts unter den Menschen finden, – wovon sie sich irriger Weise einbilden, daß sie der Zeitpunkt der sittlichen Verderbniß der menschlichen Gesellschaft gewesen sey; – mehr anderer Meinungen zu geschweigen, welche zum Theil noch gezwungener sind als diese.

Ohne uns bei einer wenig interessanten Prüfung aller dieser Hypothesen aufzuhalten, begnügen wir uns, eine andere aus einem alten Buch ohne Titel, welches wir vor uns liegen haben, anzuführen, die uns deßwegen am besten gefällt, weil sie die natürlichste zu seyn scheint.

Der unbekannte Verfasser verwirft alle allegorische Erklärungen. Die Büchse der Pandora, sagt er, war weder mehr noch weniger als eine wirkliche Büchse, im eigentlichen Wortverstande, und zwar – eine Schminkbüchse; ein unglückliches Geschenk, wodurch die betrügerische Pandora unendlich mehr Böses gestiftet hat, als der Vorwitz, das Eigenthum und die Grotte der Nymphen. Seitdem die verderbliche Mode, die Lilien und Rosen, welche Jugend und Schönheit aus den Händen der Natur empfangen, aus einer Schminkbüchse zu ziehen, seitdem diese unselige Mode unter Evens Töchtern überhand genommen hat: seit dem ist es um die kunstlose Unschuld und Aufrichtigkeit der menschlichen Natur geschehen. Nur zu bald wurde die Mode allgemein. Scheinen und Seyn, welche Eins seyn sollten, wurden Zweierlei: und weil es leichter war, gut, liebenswürdig, weise, tugendhaft zu scheinen, als es in der That zu seyn, und weil es, zumal bei Kerzenlicht, die nämliche Wirkung that; so bekümmerte sich Niemand 237 mehr darum, zu seyn, was er mit Hülfe dieser magischen Schminke scheinen konnte. Bald sah man kein natürliches Gesicht und keinen natürlichen Charakter mehr; Alles war geschminkt und verfälscht; geschminkte Frömmigkeit, geschminkte Freundschaft, geschminkter Patriotismus, geschminkte Moral, geschminkte Staatskunst, geschminkte Beredsamkeit. – Himmel! was wurde nicht geschminkt? – Die menschliche Gesellschaft glich nun einer großen Maskerade: und so wie die Nothwendigkeit die Kunst, einander, dieser Mummerei ungeachtet, ausfindig zu machen, zur ersten unter allen Künsten erhob; so fand man sich durch die nämliche Nothwendigkeit gezwungen, immer auf neue Künste zu denken, um diese Kunst zu vereiteln. Falschheit, Gleißnerei, betrügliche Höflichkeit, nichtsbedeutende Freundschaftsversicherungen, heuchlerische Unterwürfigkeit –

Hier recitirt unser Anonymus eine Litanei von Lastern und Untugenden, die kein Ende nehmen will, und ergießt sodann die Bitterkeit seines Herzens in eine eben so lange Strafpredigt, womit wir, weil sie nichts weiter enthält, als was unsere Leser in dem ersten besten Predigtbuche finden können, ihren guten Willen nicht zur Unzeit ermüden wollen.

Wer sollte denken, daß so viel Böses aus einer Schminkbüchse hervorgehen könnte?


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