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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 17
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16.

»Ich weiß nicht, fuhr er fort, wie es deine Brüder, die Menschen, angefangen haben, daß sie (wie du sagst) nicht glücklich sind. Meine Absicht wenigstens war, daß sie es seyn sollten; und ich glaubte es ihnen so leicht gemacht zu haben, glücklich zu seyn, und so schwer, sich unglücklich zu machen, daß ich, bei meinem Vetter Anubis! nichts davon begreife, wenn ich meine Mühe an ihnen verloren habe. – Aber die verwünschte Büchse der Pandora! Ohne sie würden meine armen Menschen noch so glücklich seyn, als in ihrem ursprünglichen Stande.«

Sie waren also einmal sehr glücklich? fragte ich.

»Ob sie es waren? rief Prometheus mit einem Tone, der mir zu erkennen gab, daß ihn meine Frage beleidiget habe. – Wie hätten sie es nicht seyn sollen? Ich setzte ihr ganzes Wesen aus Triebfedern des Vergnügens zusammen; und damit es unmöglich seyn möchte, daß der Schmerz jemals den Zugang zu ihnen fände, machte ich ihn zum Gefährten der Unmäßigkeit, der Mißgunst, der Bosheit und aller anderer Laster, welche den Menschen ihrer Natur nach so verderblich sind und so wenig Verführerisches haben, daß ich mir nicht einfallen lassen konnte –

»Aber die verdammte Büchse der Pandora! Das fatale Geschenk hat Alles verdorben! – Tausend in die Farbe des Vergnügens gekleidete Bedürfnisse, in deren Unwissenheit ein großer Theil des Glücks meiner Menschen bestand, jedes von einem Schwarm unruhiger Begierden umflattert, stürzten heraus, als der unbesonnene Epimetheus sie in einer unseligen Stunde öffnete; und geschehen war's um meine armen Geschöpfe! – Die guten sorglosen Kinder! Ich hatte 233 sie einfältig, unschuldig, freundlich gemacht; es floß so reines Blut in ihren Adern, daß sie nicht wußten, was böse Laune war. Ich gab ihnen gerade so viel Verstand, als sie nöthig hatten, um glücklicher zu seyn, als sie es durch die Sinne allein gewesen wären. Meine Großmutter, die Erde, war so gefällig, ihren Busen mit Allem auszuschmücken, womit sie meinen Geschöpfen Vergnügen zu machen glaubte. Sie wohnten unter Myrten und Rosen; sie schliefen auf Blumen; Stauden und Bäume eiferten in die Wette, ihnen eine zahllose Mannigfaltigkeit von gesunden wohlschmeckenden Früchten in den Schoß zu schütten. Das Schaf theilte seine Wolle mit ihnen, die Ziege ihre Milch, die Biene ihren Honig. Kunstlose Hütten, mit Palmblättern gedeckt, von Weinreben umschlungen, schützten sie vor den Beleidigungen der Witterung. – Fruchtbare Haine oder Gärten voll eßbarer Gewächse und Blumen um ihre Hütte zu pflanzen, frische Quellen durch sie hinzuleiten, ihre Heerden zu weiden, Körbe zu flechten, die Wolle ihrer Lämmer zuzubereiten und zu Kleidern und Decken zu verarbeiten, – das waren, mit dem süßen Geschäft, ihre Kinder zu erziehen, die leichten Arbeiten, in welche sich die beiden Geschlechter theilten.

»Ich hatte ihnen die nöthigen Werkzeuge zu einer Sprache gegeben, wodurch sie die engen Grenzen der Augensprache, welche eigentlich die Sprache der Seelen ist, erweitern und dasjenige, was an der Sprache der Geberden zweideutig und unverständlich bleibt, ersetzen sollten. Ich hätte sie den Gebrauch dieser Sprachwerkzeuge lehren können; aber ich wollte das Vergnügen haben, zu sehen, wie sie es ohne fremde Hülfe von der Natur selbst lernen würden; und sie ließen mich nicht lange auf dieses Vergnügen warten. Sie lernten von der Nachtigall singen, und der Gesang leitete sie auf die 234 Sprache. Die ihrige war freilich sehr einfältig, aber bei aller ihrer Armuth reich genug für ein Volk, das mehr Freuden als Bedürfnisse, mehr Empfindungen als Begriffe, mehr sanfte Gefühle als Leidenschaften und von allen euren Lastern und gekünstelten Tugenden gar keinen Begriff hatte. Sie bedienten sich derselben zu Liedern, worin sie die Freude über ihr Daseyn, die Vergnügen ihrer Sinne und ihres Herzens, die Ergießungen des Wohlwollens, der Liebe und der geselligen Fröhlichkeit in kunstlosen Sätzen ausdrückten. Sie hatten keine Bilder dazu vonnöthen, wie eure Dichter; jedes Wort malte die Sache selbst. Die Liebe machte einen Jüngling zum Erfinder der Leier, einen andern zum ersten Flötenspieler; und die jugendliche Freude oder die Grazien selbst, welche sich unerkannt in ihre Reihen mischten, lehrten die Mädchen und die Knaben den hüpfenden Tanz, den keine Nachahmung erkünsteln kann. – O! meine Menschen waren glücklich; das kannst du mir glauben! und wenn die Büchse der Pandora –«

Hier wurde Prometheus mitten in seiner Rede durch einen verdrießlichen Zufall unterbrochen – ich erwachte.


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