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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 16
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15.

»Es ist dir vielleicht nicht unbekannt, daß ich, so gut als Jupiter und seine Brüder, vom Geschlechte der Titanen bin, denen Hesiodus den Himmel zum Vater und die Erde zur Mutter gibt.

»Man hielt mich, ohne Ruhm zu melden, für den Klügsten unter ihnen, vermuthlich weil die übrigen, auf ihre körperlichen Vorzüge stolz, es nicht der Mühe werth hielten, Verstand zu haben.

»Damals war die Erde noch ohne Bewohner, und weil ich gerade nichts Besseres zu thun hatte, kam ich auf den Einfall, sie mit lebenden Geschöpfen zu bevölkern. Anfangs vertrieb ich mir die Zeit damit, Thiere von allen Gattungen zu machen, unter denen manche grotesk genug aussehen, um die Laune zu verrathen, worin ich sie machte. Unzufrieden mit meiner Arbeit, fiel mir kaum eine Gattung aus der Hand, als mir die Idee einer andern kam, welche besser gerathen sollte.

»Dieß ging so lange fort, bis mir endlich die Lust ankam, eine Gattung zu versuchen, welche eine Mittelart zwischen uns Göttern und meinen Thieren seyn sollte. Meine Absicht war die unschuldigste von der Welt; es war ein bloses Spiel: aber unter der Arbeit fühlte ich eine Art von Liebe zu meinem eigenen Werke entstehen; und nun setzte ich mir vor, glückliche Geschöpfe aus ihnen zu machen.

»Ich glaubte, sie wegen der Aehnlichkeit, die sie mit den andern Thieren hatten, nicht schadlos genug halten zu können, und organisirte sie deßwegen an den beiden Theilen, die an den Thieren gerade das Schlechteste sind, so vollkommen, als es die Materie, worin ich arbeitete, nur immer möglich seyn ließ.

228 Ich spannte die unendlich subtilen Saiten, woraus ich sie zusammenwebte, so künstlich auf, daß eine Art von musikalischem Instrumente daraus wurde, welches die schönste Harmonie von sich gab, sobald die Natur darauf zu spielen anfing. Diese Instrumente stimmte ich so gut zusammen, daß, sowie eines davon einen gewissen Ton von sich gab, die nämliche Saite bei dem andern mit einem gleichtönenden Laut antwortete. Meine Menschen waren die gutherzigsten Geschöpfe, die man sehen konnte. Lachte eines, so lachte das andre; weinte oder trauerte eins, so trauerte das andre auch; lief eins voran, so liefen die andern hinter drein; kurz, ich trieb diese Zusammenstimmung so weit, daß sogar keines gähnen konnte, ohne alle übrige mitgähnen zu machen.Aristoteles trieb sie noch weiter. Er behauptet, kein Mensch könne den andern p*ss*n sehen, ohne augenblicklich einen Reiz zu fühlen, dasselbe zu thun; und er erklärt sehr scharfsinnig, wie dieß zugehe, Problemat. Sect. VII. quaest. 6. W.

»Die Idee der Harmonie hatte etwas so Ergetzendes für mich, daß ich mitten unter meiner Arbeit immer auf neue Triebfedern dachte, sie bei meinen Geschöpfen so vollkommen zu machen, als möglich.

»Ich liebte damals eine von den Töchtern des Oceanus, die schönste Nymphe, die man mit Augen sehen konnte. Dieser Umstand kam meinen Geschöpfen sehr zu gute.

»Um sie in diesem Stücke so glücklich zu machen, als ich es selbst war, gab ich dem weiblichen Geschlecht zur Schönheit einen gewissen Reiz, dem auch derjenige unterliegen muß, dem die Schönheit nichts anhaben kann; und meine Männer bildete ich so, daß der männlichste, tapferste, edelmüthigste gerade der war, der sich ihren Reizungen am leichtesten gefangen gab.

»Ich milderte durch das sanfte Wesen und die rührende Grazie des Weibes eine gewisse Wildheit, welche den Männern unentbehrlich war, damit sie im Nothfall die Beschützer der Gegenstände ihrer süßesten Regungen seyn könnten.

229 »Die Gewalt ihrer Reize zu verdoppeln, gab ich dem Weibe die Scham, die holdseligste der Grazien, das anziehende Weigern, das sanfte Sträuben, welches den Werth jeder Gunst erhöht; die süßen Thränen, deren wollüstiges Ergießen das von Empfindung gepreßte Herz leichter macht. Ich tauchte gleichsam ihr ganzes Wesen in Liebe und machte, daß sie ihre höchste Glückseligkeit darin setzte, geliebt zu werden und Liebe einzuflößen.

»Ich glaubte hierin nicht zu viel thun zu können, da meine Absicht war, den Mann dadurch von einer herumschweifenden Liebe abzuhalten und – wenigstens so viel es meine andern Absichten erforderten – seine Zuneigung an eine einzige Schöne zu heften. Ich machte zu diesem Ende, daß er, sobald ein Mädchen sein Herz eingenommen hatte, den Gedanken nicht ertragen konnte, ihren Besitz mit einem Andern zu theilen. Nicht als ob ich mir eingebildet hätte, Geschöpfe aus Lehm und Wasser durch ein paar ätherische Funken, wodurch ich diesen schlechten Stoff veredelt hatte, einer ewigen Liebe fähig gemacht zu haben; aber zu meinen Absichten war es auch genug, wenn die erste Liebe zwischen meinem Paare nur so lang dauerte, bis das Mädchen Mutter wurde.

»Dieser Umstand müßte nothwendig (dacht' ich) ein neues Band der Zuneigung, eine neue Quelle zärtlicher Gefühle und einer Art von Liebe werden, welche, bei noch unausgearteten Menschen, zwar nicht so heftig und schwärmend, aber dauerhafter ist, als jene, die den Genuß zum Zweck hat und im Schoße der Sättigung ihr Grab findet. Konnte der Vater die Mutter seines Kindes oder die Mutter den Mann, der ihr diesen süßen und ehrenvollen Namen verschafft hatte, ohne zärtliche Empfindung ansehen?«

230 Ich hatte mir bisher immer Gewalt angethan, den ehrlichen Titan nicht zu unterbrechen; aber länger konnt' ich's nicht – und ich sehe, meine Herren, daß es Ihnen auch so geht. Das Gewäsche des alten schwärmenden Graubarts kommt Ihnen halb kindisch vor – nicht wahr? In der That, ich fange selbst an zu muthmaßen, daß er sich auf seinen Vorzug vor den übrigen Titanen ein wenig zu viel zu gute gethan haben könnte. – Doch wir müssen den Prometheus meines Traums nicht dafür verantwortlich machen, daß seine Menschen nicht die Menschen zu Paris, London, Neapel, Wien, Petersburg, Constantinopel u. s. w. sind; das ist auch wahr! – Die Menschen, von denen Prometheus spricht, sind längst nicht mehr – oder, wofern es noch hie und da einen verborgenen Samen von dieser wunderlichen Gattung von Geschöpfen gibt, so machen sie doch keine Zahl; und – non apparentium et non existentium est eadem ratio (was nicht in die Sinne fällt, kommt eben so wenig in Anschlag, als ob es gar nicht wäre), sagt der alte juristische Weidspruch. Wir werden ihn also, weil er einmal angefangen hat, schon weiter reden lassen müssen.

»Der Zug der Natur zu diesen kleinen wimmernden Geschöpfen, die ihr Daseyn von ihrer Liebe empfangen hatten, unterhielt diese Liebe und empfing hinwieder von ihr neue Stärke. Denn das, wofür ich in der ersten Anlage der Menschheit am meisten gesorgt hatte, waren eben diese kleinen Geschöpfe, von deren glücklicher Entfaltung die Dauer der menschlichen Gattung abhing, welche nun mein Lieblingsgegenstand war.

»Ich machte sie zu Kindern der Liebe; das hieß selbst für die Keime der Menschheit Sorge tragen. Konnten sie anders als wohl gerathen, da die Liebe selbst ihre erste unsichtbare Pflegung auf sich nahm?

231 »Aber daran begnügt' ich mich nicht. Ich strengte alle meine Erfindung, alle meine Bildnerkunst an, aus dem Instinct der Mutter für ihr Kind die stärkste aller Empfindungen zu machen. Die Schmerzen selbst, womit sie es gebar, mußten dazu helfen; es mußte ihr desto theurer werden, je mehr es ihr gekostet hatte. Ich setzte die Brust der Mutter nicht blos der Schönheit wegen dahin, wo sie ist, oder damit der Säugling, auf ihrem Arme liegend, seine Nahrung desto bequemer finden möchte; sondern weil ich wollte, daß die Nähe des Herzens, welches ich zum Triebrade der zärtlichern Gefühle des Menschen gemacht hatte, dem mütterlichen Gefühl in den Augenblicken, wenn sie ihr Kind stillt, desto mehr Wärme und Innigkeit geben sollte.

»Die immer zunehmende Schönheit des Kindes, die sanfte stufenweise Entfaltung der Menschheit, deren angeborner Adel, selbst in diesem thierischen Alter, fast allen feinen Regungen einen gewissen Schein von Sittlichkeit gibt; das süße Lächeln, womit es die mühvolle Fürsorge der Mutter belohnt: – Alles vereiniget sich, die mütterliche Zuneigung zu einem so mächtigen Triebe zu machen, als es nöthig war, um in der Leistung aller der beschwerlichen Dienste, deren das kindliche Alter bedarf, sogar Vergnügen zu finden.

»Doch ich vergesse, – so angenehm ist mir die Erinnerung an eine Arbeit, die aus einem blosen Spiele mein angelegenstes Geschäft wurde, – daß ich dich vielleicht nicht so gut unterhalte, als mich selbst.«

Ich war (wie man sich vorstellen kann) so höflich, den Enkel des Himmels und der Erde zu versichern, daß ich mir keine bessere Unterhaltung wünschte. 232


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