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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.

Der kleine Scherz, den ich mir die Freiheit genommen habe – nicht mit Rousseau – sondern blos mit einer von seinen Lieblingsgrillen zu treiben, hat wenigstens für mich den Vortheil gehabt, mir diese Nacht einen sehr angenehmen Traum zu verschaffen.

Wenn meine Leser Pythagoräer wären, und ich wäre – Pythagoras; – oder sie wären ägyptische Priester, und ich ihr Oberpriester: – so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, ihnen meinen Traum zu erzählen; denn diese beiden Gattungen Seher waren große Liebhaber von Träumen.

In unsrer Zeit ist es ein ziemlich allgemein angenommener Satz: daß es wider die Regeln der feinen Lebensart sey, in guter Gesellschaft seine Träume zu erzählen. –

Das Beste wäre also, meinen Traum nicht zu erzählen.

Und gleichwohl glaube ich wahrgenommen zu haben, daß es mit Träumen – wofern man sich nur einige Unterhaltung davon verspricht, zumal mit Träumen von der wunderbaren und mystischen Gattung – beinahe dieselbe Bewandtniß wie mit den Geister- und Gespenstergeschichten hat. Niemand, der sich besser als der Pöbel dünkt, will heut zu Tage dafür 221 angesehen seyn, daß er solche Geschichten glaube: aber Jedermann hört sie gern erzählen; und ein neues Gespenstermährchen ist das unfehlbarste Mittel, in einer großen Gesellschaft, in welcher man kurz zuvor kaum sein eignes Wort hören konnte, plötzlich allgemeine Stille und Aufmerksamkeit hervorzubringen.

Lassen Sie uns also aufrichtig gegen einander seyn, meine Damen und Herren! – Mein Traum könnte, denken Sie, gleichwohl des Anhörens werth seyn, sonst würde ich doch wohl so manierlich gewesen seyn, gar nichts davon zu sagen. Gestehen Sie es, ich habe Ihre Neugier rege gemacht. – Sie möchten meinen Traum gerne hören, das ist gewiß, aber – nicht gerner, als ich ihn erzählte, daß ist eben so gewiß; – und also ist beiden Theilen geholfen, wenn ich anfange.

So aufrichtig sind nicht alle Schriftsteller – und dann werden Sie sehen, daß es nur an mir lag, aus meinem Traum ein so gutes, ernsthaftes und kunstmäßig zugeschnittenes System zu machen, als irgend eines von allen denen, die binnen heut und einem Jahre gemacht werden mögen. Was für ein Ansehen hätte ich mir damit geben können! Was für eine Menge alte, mittlere und neuere Autoren hätte ich anführen, wie manchen widerlegen, wie manchen vertheidigen, wie manchen erklären und wie manchen emendiren können! Denn warum sollte ich das Alles nicht eben so wohl können, als so viele Andere, die am Ende doch auch nicht größere Hexenmeister sind, als ich? Ich sage dieß Niemand zu Leide, blos um die Herren und Damen gestehen zu machen, daß ich der gutherzigste Autor bin, der vielleicht seit undenklichen Zeiten gesehen worden ist. Andere geben ihre Träume für wirkliche Erscheinungen, oder träumen wohl bei hellem Tageslichte mit offnen Augen und muthen uns zu, 222 daß wir der Himmel weiß welche übermenschliche Weisheit in ihren Träumereien finden sollen: ich hingegen gebe meinen Traum für – einen Traum, d. i. eine Feige für eine Feige; und das heißt doch, denke ich, Ehrerbietung für seine Leser tragen und den Leuten zutrauen, daß sie – Augen haben.

Also, meinen Traum, wenn es Ihnen angenehm ist!


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