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Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 12
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Und nun, wenn wir, mit Ueberwindung so vieler unübersteiglich scheinender Schwierigkeiten, das ganze Project zu Stande gebracht hätten, und, nach Verfluß von zwanzig oder dreißig Jahren, die Dalambert und Büsson derselben Zeit gingen, zu sehen, wie die Sachen unserer Experimental-Colonien ständen, um dem menschlichen Geschlecht über den Befund Bericht zu erstatten – was meinen wir daß sie finden würden?

FergusonFerguson, Professor der Moral aus der Universität zu Edinburgh, in seinem Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (übersetzt von Garve, Lpz. 1768), wo er in dem ersten Abschnitt ebenfalls die Frage über den Stand der Natur abhandelt. hat, wie es scheint, ein solches Experiment im Gesichte gehabt, da er sagte: »Wir haben alle Ursache, zu glauben, daß, wenn man eine Colonie von Kindern aus der Ammenstube verpflanzte und sie eine ganz eigene Gesellschaft aufmachen ließe, ohne Unterricht und ohne Erziehung, – daß wir, sage ich, nichts als dieselben Dinge wiederholt finden würden, die wir schon in so verschiedenen Theilen des Erdbodens gefunden haben; u. s. w.«

Ja, wohl haben wir alle Ursache, das zu glauben, und eben so viele Ursache würden wir haben, uns zu verwundern, wenn unsere Leser nicht schon lange gemerkt haben sollten, 218 daß das große Problem, womit uns Rousseau so viel zu schaffen gemacht hat, weder mehr noch weniger ist, als

»zu wissen, was für Erfahrungen man anzustellen hätte, um mit überzeugender Gewißheit entscheiden zu können, ob der Schnee weiß oder schwarz sey?«

In ganzem Ernst, es wäre sehr unnöthig, dem größten oder kleinsten Monarchen in Europa die geringste Mühe mit Experimenten zu machen, welche uns wahrlich wenig Neues lehren würden. Das große Experiment wird auf diesem ganzen Erdenrunde schon viele tausend Jahre lang gemacht, und die Natur selbst hat sich die Mühe genommen, es zu dirigiren, so daß den Aristotelessen und Pliniussen aller Zeiten nichts übrig gelassen ist, als die Augen aufzuthun und zu sehen, wie die Natur von jeher gewirkt hat und noch wirkt und ohne Zweifel künftig wirken wird, – und, wenn sie lange und scharf genug geguckt und das ganze aus dem gehörigen Standpunkt aufmerksam genug übersehen haben – zu gehen und ihre Theorien, Compilationen, Systeme, Entwürfe, Inbegriffe, und wie die Dinge alle heißen, zu verbrennen oder umzugießen oder auszubessern oder zu ergänzen, so gut sie immer können und wissen – und weiter nichts!

Nein, lieber Rousseau! so arme Wichte wir immer seyn mögen, so sind wir es doch nicht in einem so ungeheuern Grade, daß wir nach den Erfahrungen so vieler Jahrhunderte noch vonnöthen haben sollten, neue unerhörte Experimente zu machen, um zu erfahren – was die Natur mit uns vorhabe.

Und wofern sich auch alle Könige und alle Philosophen des Erdbodens vereinigten, solche Experimente zu machen: was für Ursache haben wir, zu hoffen, daß wir etwas Anderes oder Besseres daraus lernen würden, als was uns die 219 allgemeine Erfahrung mit der unwidersprechlichsten Evidenz, aus allen Enden der Erde, von einem Pole zum andern, aus dem ewigen Schnee der Kamtschadalen und aus dem glühenden Sande von Nigritien zuruft:

»Daß der Mensch zur Geselligkeit gemacht sey,« – und

»daß die vereinigten Kräfte der Barbarei, des Aberglaubens und der Unterdrückung immer unvermögend geblieben, diesen kostbaren Samen jeder gesellschaftlichen Tugend gänzlich zu vertilgen;«

»dieses sympathetische Gefühl, welches den Menschen mit einer süßen Gewalt nöthiget, sich selbst in andern Menschen zu lieben, und welches, wie Cicero göttlich spricht, die Grundlage alles Rechts ist.«


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