Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken

Christoph Martin Wieland: Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1770
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleVersuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken
pages40
created20131206
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

9.

Und so hätten also diese großen Philosophen, welche, nach Rousseau's Meinung, die Oberaufsicht über diese Experimente haben sollten, am Ende sehr wenig dabei aufzusehen?

Es scheint nicht anders; es wäre denn (wenn es thunlich seyn sollte), daß man diese Kinder, um das Spiel der 215 Natur mit ihnen zu belauschen, in eine Art von Reaumurschem Bienenkorb einsperrte, welcher aber so eingerichtet seyn müßte, daß die Philosophen Alles sehr genau beobachten könnten, ohne selbst wahrgenommen zu werden.

Wir getrauen uns zu behaupten, daß sich (wofern die besagten Naturforscher sich nicht etwa in Sylphen verwandeln und aus Silbergewölken auf die Gegenstände ihrer Beobachtung herabsehen wollen) kein anderes Mittel erdenken lasse, wie die Entwicklungen der Natur bei unseren Zöglingen von Tag zu Tag bemerkt werden könnten.

Es ist wahr, man kann nicht sagen, wie weit die Künste noch getrieben werden können. Man bringt in den vornehmsten Glasfabriken in Europa Dinge zu Stande, welche man vor hundert Jahren für unmöglich gehalten hätte. Bei Allem dem kann es erlaubt seyn, zu zweifeln, ob es jemals möglich seyn werde, gläserne Glocken oder Bienenkörbe von so ungeheurer Größe zu machen, als wir sie zu unserem Experimente brauchen. Denn sie müßten ohne alle Vergleichung größer seyn als die große Aquavitflasche der Feen; und wir gestehen, daß es uns schlechterdings ungereimt scheint, ohne den Beistand aller Feen und Zauberer, welche jemals in den Mährchen gezaubert haben, sich von einem solchen Stück Arbeit nur träumen zu lassen.

Welchemnach also, wie gesagt, für unsere Philosophen weiter nichts übrig bliebe, als – nach Hause zu gehen und (falls sie wider Vermuthen nichts Anderes zu thun haben sollten) sich hinzusetzen und a priori ausfindig zu machen, in was für einem Zustande sie die junge Colonie nach zwanzig Jahren vermuthlich antreffen würden; – ein unendliches Feld, wie ihr seht, zu Speculationen, Hypothesen, Theorien und Disputen, deren Vergleichung mit der Facti Species, welche 216 man nach Verfluß der zwanzig Jahre erheben würde, für Liebhaber etwas sehr Belustigendes seyn müßte und, wie wir nicht zweifeln, eine uralte, aber wenig geachtete Wahrheit von Neuem bestätigen würde; nämlich –

»Daß es eine eitle Bemühung des Geistes sey, durch alle die Dädalischen Irrgänge der Imagination, willkürlicher Begriffe und seichter Vermuthungen etwas zu suchen, welches uns die Natur – unmittelbar vor die Nase hingelegt hat.«


 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.