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Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt

Arthur Schopenhauer: Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorArthur Schopenhauer
titleVersuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt
publisherFr. Fromms Verlag (H. Kurz)
editorG. F. Hartlaub
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160528
projectidc3b4a7c7
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Versuch über Geistersehen und was damit zusammenhängt

Die in dem superklugen, verflossenen Jahrhundert, allen früheren zum Trotz, überall, nicht sowohl gebannten, als geächteten Gespenster sind, wie schon vorher die Magie, während dieser letzten 25 Jahre, in Deutschland rehabilitiert worden. Vielleicht nicht mit Unrecht. Denn die Beweise gegen ihre Existenz waren teils metaphysische, die, als solche, auf unsicherem Grunde standen; teils empirische, die doch nur bewiesen, dass, in den Fällen, wo keine zufällige oder absichtlich veranstaltete Täuschung aufgedeckt worden war, auch nichts vorhanden gewesen sei, was, mittelst Reflexion der Lichtstrahlen auf die Retina, oder, mittelst Vibration der Luft, auf das Tympanum hätte wirken können. Dies spricht jedoch bloss gegen die Anwesenheit von Körpern, deren Gegenwart aber auch niemand behauptet hätte, ja deren Kundgebung auf die besagte physische Weise, die Wahrheit einer Geistererscheinung aufheben würde. Denn eigentlich liegt schon im Begriff eines Geistes, dass seine Gegenwart uns auf ganz anderm Wege kund wird, als die eines Körpers. Was ein Geisterseher, der sich selbst recht verstände und auszudrücken wüsste, behaupten würde, ist bloss die Anwesenheit eines Bildes in seinem anschauenden Intellekt, vollkommen ununterscheidbar von dem, welches, unter Vermittelung des Lichtes und seiner Augen, daselbst von Körpern veranlasst wird, und dennoch ohne wirkliche Gegenwart solcher Körper; desgleichen, in Hinsicht auf das hörbar Gegenwärtige, Geräusche, Töne und Laute, ganz und gar gleich den durch vibrierende Körper und Luft in seinem Ohr hervorgebrachten, doch ohne die Anwesenheit oder Bewegung solcher Körper. Eben hier liegt die Quelle des Missverständnisses, welches alles für und wider die Realität der Geistererscheinungen Gesagte durchzieht. Nämlich die Geistererscheinung stellt sich dar, völlig wie eine Körpererscheinung: sie ist jedoch keine, und soll es auch nicht sein. Diese Unterscheidung ist schwer und verlangt Sachkenntnis, ja philosophisches und physiologisches Wissen. Denn es kommt darauf an, zu begreifen, dass eine Einwirkung gleich der von einem Körper nicht notwendig die Anwesenheit eines Körpers voraussetze.

Vor allem daher müssen wir uns hier zurückrufen und bei allem Folgenden gegenwärtig erhalten, was ich öfter ausführlich dargetan habe, dass nämlich unsere Anschauung der Aussenwelt nicht bloss sensual, sondern hauptsächlich intellektual, d. h. (objektiv ausgedrückt) zerebral ist.   Die Sinne geben nie mehr, als eine blosse Empfindung in ihrem Organ, also einen an sich höchst dürftigen Stoff, aus welchem allererst der Verstand, durch Anwendung des ihm a priori bewussten Gesetzes der Kausalität, und der eben so a priori ihm einwohnenden Formen, Raum und Zeit, diese Körperwelt aufbaut. Die Erregung zu diesem Anschauungsakte geht, im wachen und normalen Zustande, allerdings von der Sinnesempfindung aus, indem diese die Wirkung ist, zu welcher der Verstand die Ursache setzt. Warum aber sollte es nicht möglich sein, dass auch einmal eine von einer ganz andern Seite, also von innen, vom Organismus selbst ausgehende Erregung zum Gehirn gelangen und von diesem, mittelst seiner eigentümlichen Funktion und dem Mechanismus derselben gemäss, ebenso wie jene verarbeitet werden könnte? nach dieser Verarbeitung aber würde die Verschiedenheit des ursprünglichen Stoffes nicht mehr zu erkennen sein; so wie am Chylus nicht die Speise, aus der er bereitet worden. Bei einem etwaigen wirklichen Falle dieser Art würde sodann die Frage entstehen, ob auch die entferntere Ursache der dadurch hervorgebrachten Erscheinung niemals weiter zu suchen wäre, als im Innern des Organismus; oder ob sie, beim Ausschluss aller Sinnesempfindung, dennoch eine äussere sein könne, welche dann freilich, in diesem Falle, nicht physisch oder körperlich gewirkt haben würde; und, wenn dies, welches Verhältnis die gegebene Erscheinung zur Beschaffenheit einer solchen entfernten äussern Ursache haben könne, also ob sie Indizia über diese enthielte, ja wohl gar das Wesen derselben in ihr ausgedrückt wäre. Demnach würden wir auch hier, eben wie bei der Körperwelt, auf die Frage nach dem Verhältnis der Erscheinung zum Dinge an sich geführt werden. Dies aber ist der transzendentale Standpunkt, von welchem aus es sich vielleicht ergeben könnte, dass der Geistererscheinung nicht mehr noch weniger Idealität anhinge, als der Körpererscheinung, die ja bekanntlich unausweichbar dem Idealismus unterliegt und daher nur auf weitem Umwege auf das Ding an sich, d. h. das wahrhaft Reale, zurückgeführt werden kann. Da nun wir als dieses Ding an sich den Willen erkannt haben; so gibt dies Anlass zu der Vermutung, dass vielleicht ein solcher, wie den Körpererscheinungen, so auch den Geistererscheinungen zum Grunde liege. Alle bisherigen Erklärungen der Geistererscheinungen sind spiritualistische gewesen: eben als solche erleiden sie die Kritik Kants, im ersten Teile seiner »Träume eines Geistersehers«. Ich versuche hier eine idealistische Erklärung.  

Nach dieser übersichtlichen und antizipierenden Einleitung zu den jetzt folgenden Untersuchungen, nehme ich den ihnen angemessenen, langsamern Gang an. Nur bemerke ich, dass ich den Tatbestand, worauf sie sich beziehen, als dem Leser bekannt voraussetze. Denn teils ist mein Fach nicht das erzählende, also auch nicht die Darlegung von Tatsachen, sondern die Theorie zu denselben; teils müsste ich ein dickes Buch schreiben, wenn ich alle die magnetischen Krankengeschichten, Traumgesichte, Geistererscheinungen usw., die unserm Thema als Stoff zum Grunde liegen und bereits in vielen Büchern erzählt sind, wiederholen wollte; endlich auch habe ich keinen Beruf, den Skeptizismus der Ignoranz zu bekämpfen, dessen superkluge Gebärden täglich mehr ausser Kredit kommen und bald nur noch in England Kurs haben werden. Wer heutzutage die Tatsachen des animalischen Magnetismus und seines Hellsehens bezweifelt, ist nicht ungläubig, sondern unwissend zu nennen. Aber ich muss mehr, ich muss die Bekanntschaft mit wenigstens einigen der in grosser Anzahl vorhandenen Bücher über Geistererscheinungen, oder anderweitige Kunde von diesen voraussetzen. Selbst die auf solche Bücher verweisenden Zitate gebe ich nur dann, wann es spezielle Angaben oder streitige Punkte betrifft. Im übrigen setze ich bei meinem Leser, den ich mir als einen mich schon anderweitig kennenden denke, das Zutrauen voraus, dass, wenn ich etwas als faktisch feststehend annehme, es mir aus guten Quellen, oder aus eigener Erfahrung, bekannt sei.

Zunächst nun also fragt sich, ob denn wirklich in unserem anschauenden Intellekt, oder Gehirn, anschauliche Bilder, vollkommen und ununterscheidbar gleich denen, welche daselbst die auf die äusseren Sinne wirkende Gegenwart der Körper veranlasst, ohne diesen Einfluss entstehen können. Glücklicherweise benimmt uns hierüber eine uns sehr vertraute Erscheinung jeden Zweifel: nämlich der Traum.

Die Träume für blosses Gedankenspiel, blosse Phantasiebilder ausgeben zu wollen, zeugt von Mangel an Besinnung, oder an Redlichkeit: denn offenbar sind sie von diesen spezifisch verschieden. Phantasiebilder sind schwach, matt, unvollständig, einseitig und so flüchtig, dass man das Bild eines Abwesenden kaum einige Sekunden gegenwärtig zu erhalten vermag, und sogar das lebhafteste Spiel der Phantasie hält keinen Vergleich aus mit jener handgreiflichen Wirklichkeit, die der Traum uns vorführt. Unsere Darstellungsfähigkeit im Traum übertrifft die unserer Einbildungskraft himmelweit; jeder anschauliche Gegenstand hat im Traum eine Wahrheit, Vollendung, konsequente Allseitigkeit bis zu den zufälligsten Eigenschaften herab, wie die Wirklichkeit selbst, von der die Phantasie himmelweit entfernt bleibt; daher jene uns die wundervollsten Anblicke verschaffen würde, wenn wir nur den Gegenstand unserer Träume auswählen könnten. Es ist ganz falsch, dies daraus erklären zu wollen, dass die Bilder der Phantasie durch den gleichzeitigen Eindruck der realen Aussenwelt gestört und geschwächt würden: denn auch in der tiefsten Stille der finstersten Nacht vermag die Phantasie nichts hervorzubringen, was jener objektiven Anschaulichkeit und Leibhaftigkeit des Traumes irgend nahe käme. Zudem sind Phantasiebilder stets durch die Gedankenassoziation, oder durch Motive herbeigeführt und vom Bewusstsein ihrer Willkürlichkeit begleitet. Der Traum hingegen steht da, als ein völlig Fremdes, sich, wie die Aussenwelt, ohne unser Zutun, ja wider unsern Willen Aufdringendes. Das gänzlich Unerwartete seiner Vorgänge, selbst der unbedeutendesten, drückt ihnen den Stempel der Objektivität und Wirklichkeit auf. Alle seine Gegenstände erscheinen bestimmt und deutlich, wie die Wirklichkeit, nicht etwa bloss in bezug auf uns, also flächenartig-einseitig, oder nur in der Hauptsache und in allgemeinen Umrissen angegeben; sondern genau ausgeführt, bis auf die kleinsten und zufälligsten Einzelheiten und die uns oft hinderlichen und im Wege stehenden Nebenumstände herab: da wirft jeder Körper seinen Schatten, jeder fällt genau mit der seinem spezifischen Gewicht entsprechenden Schwere, und jedes Hindernis muss erst beseitigt werden, gerade wie in der Wirklichkeit. Das durchaus Objektive desselben zeigt sich ferner darin, dass seine Vorgänge meistens gegen unsere Erwartung, oft gegen unsern Wunsch ausfallen, sogar bisweilen unser Erstaunen erregen; dass die agierenden Personen sich mit empörender Rücksichtslosigkeit gegen uns betragen; überhaupt in der rein objektiven dramatischen Richtigkeit der Charaktere und Handlungen, welche die artige Bemerkung veranlasst hat, dass jeder, während er träumt, ein Shakespeare sei. Denn dieselbe Allwissenheit in uns, welche macht, dass im Traum jeder natürliche Körper genau seinen wesentlichen Eigenschaften gemäss wirkt, macht auch, dass jeder Mensch in vollster Gemässheit seines Charakters handelt und redet. Infolge alles diesen ist die Täuschung, die der Traum erzeugt, so stark, dass die Wirklichkeit selbst, welche beim Erwachen vor uns steht, oft erst zu kämpfen hat und Zeit gebraucht, ehe sie zum Worte kommen kann, um uns von der Trüglichkeit des schon nicht mehr vorhandenen, sondern bloss dagewesenen Traumes zu überzeugen. Auch hinsichtlich der Erinnerung sind wir, bei unbedeutenden Vorgängen, bisweilen im Zweifel, ob sie geträumt oder wirklich geschehen seien: wenn hingegen einer zweifelt, ob etwas geschehen sei, oder er es sich bloss eingebildet habe; so wirft er auf sich selbst den Verdacht des Wahnsinns. Dies alles beweist, dass der Traum eine ganz eigentümliche Funktion unseres Gehirns und durchaus verschieden ist von der blossen Einbildungskraft und ihrer Rumination.   Auch Aristoteles sagt: το ενυπνιον εστιν αισϑημα τροπον τινα  (somnium quodammodo sensum est): de somno et vigilia. c. 2. Auch macht er die feine und richtige Bemerkung, dass wir, im Traume selbst, uns abwesende Dinge noch durch die Phantasie vorstellen. Hieraus aber lässt sich folgern, dass, während des Traumes, die Phantasie noch disponibel, also nicht sie selbst das Medium oder Organ des Traumes sei.

Andererseits wieder hat der Traum eine nicht zu leugnende Aehnlichkeit mit dem Wahnsinn. Nämlich, was das träumende Bewusstsein vom wachen hauptsächlich unterscheidet, ist der Mangel an Gedächtnis, oder vielmehr an zusammenhängender, besonnener Rückerinnerung. Wir träumen uns in wunderliche, ja unmögliche Lagen und Verhältnisse, ohne dass es uns einfiele, nach den Relationen derselben zum Abwesenden und den Ursachen ihres Eintritts zu forschen; wir vollziehen ungereimte Handlungen, weil wir des ihnen Entgegenstehenden nicht eingedenk sind. Längst Verstorbene figurieren noch immer als Lebende in unsern Träumen; weil wir im Traume uns nicht darauf besinnen, dass sie tot sind. Oft sehen wir uns wieder in den Verhältnissen, die in unserer frühen Jugend bestanden, von den damaligen Personen umgeben, alles beim Alten; weil alle seitdem eingetretenen Veränderungen und Umgestaltungen vergessen sind. Es scheint also wirklich, dass im Traume, bei der Tätigkeit aller Geisteskräfte, das Gedächtnis allein nicht recht disponibel sei. Hierauf eben beruht seine Aehnlichkeit mit dem Wahnsinn, welcher, wie ich (Welt als W. und V. Bd. 1. §. 36 und Bd. 2. Kap. 32) gezeigt habe, im wesentlichen auf eine gewisse Zerrüttung des Erinnerungsvermögens zurückzuführen ist. Von diesem Gesichtspunkt aus lässt sich daher der Traum als ein kurzer Wahnsinn, der Wahnsinn als ein langer Traum bezeichnen. Im ganzen also ist im Traum die Anschauung der gegenwärtigen Realität ganz vollkommen und selbst minutiös: hingegen ist unser Gesichtskreis daselbst ein sehr beschränkter, sofern das Abwesende und Vergangene, selbst das fingierte, nur wenig ins Bewusstsein fällt.

Wie jede Veränderung in der realen Welt schlechterdings nur infolge einer ihr vorhergegangenen andern, ihrer Ursache, eintreten kann; so ist auch der Eintritt aller Gedanken und Vorstellungen in unser Bewusstsein dem Satze vom Grunde überhaupt unterworfen; daher solche jedesmal entweder durch einen äusseren Eindruck auf die Sinne, oder aber, nach den Gesetzen der Assoziation (worüber Kap. 14 im zweiten Bande meines Hauptwerks) durch einen ihnen vorhergängigen Gedanken hervorgerufen sein müssen; ausserdem sie nicht eintreten könnten. Diesem Satze vom Grunde, als dem ausnahmslosen Prinzip der Abhängigkeit und Bedingtheit aller irgend für uns vorhandenen Gegenstände, müssen nun auch die Träume, hinsichtlich ihres Eintritts, irgendwie unterworfen sein: allein auf welche Weise sie ihm unterliegen, ist sehr schwer auszumachen. Denn das Charakteristische des Traumes ist die ihm wesentliche Bedingung des Schlafs, d. h. der aufgehobenen normalen Tätigkeit des Gehirns und der Sinne: erst wenn diese Tätigkeit feiert, kann der Traum eintreten; gerade so, wie die Bilder der Laterne magica erst erscheinen können, nachdem man die Beleuchtung des Zimmers aufgehoben hat. Demnach wird der Eintritt, mithin auch der Stoff des Traums zuvörderst nicht durch äussere Eindrücke auf die Sinne herbeigeführt: einzelne Fälle, wo, bei leichtem Schlummer, äussere Töne, auch wohl Gerüche, noch ins Sensorium gedrungen sind und Einfluss auf den Traum erlangt haben, sind spezielle Ausnahmen, von denen ich hier absehe. Nun aber ist sehr beachtenswert, dass die Träume auch nicht durch die Gedankenassoziation herbeigeführt werden. Denn sie entstehen entweder mitten im tiefen Schlafe, dieser eigentlichen Ruhe des Gehirns, welche wir als eine vollkommene, mithin als ganz bewusstlos anzunehmen alle Ursache haben; wonach hier sogar die Möglichkeit der Gedankenassoziation wegfällt: oder aber sie entstehen beim Uebergang aus dem wachen Bewusstsein in den Schlaf, also beim Einschlafen: sogar bleiben sie hiebei eigentlich nie ganz aus und geben eben dadurch uns Gelegenheit, die volle Ueberzeugung zu gewinnen, dass sie durch keine Gedankenassoziation mit den wachen Vorstellungen verknüpft sind, sondern den Faden dieser unberührt lassen, um ihren Stoff und Anlass ganz wo anders, wir wissen nicht woher, zu nehmen. Diese ersten Traumbilder des Einschlafenden nämlich sind, was sich leicht beobachten lässt, stets ohne irgend einigen Zusammenhang mit den Gedanken, unter denen er eingeschlafen ist, ja, sie sind diesen so auffallend heterogen, dass es aussieht, als hätten sie absichtlich unter allen Dingen auf der Welt gerade das ausgewählt, woran wir am wenigsten gedacht haben; daher dem darüber Nachdenkenden sich die Frage aufdrängt, wodurch wohl die Wahl und Beschaffenheit derselben bestimmt werden möge? Sie haben überdies das Unterscheidende, dass sie keine zusammenhängende Begebenheit darstellen und wir auch meistenteils nicht selbst als handelnd darin auftreten, wie in den andern Träumen; sondern sie sind ein rein objektives Schauspiel, bestehend aus vereinzelten Bildern, die beim Einschlafen plötzlich aufsteigen, oder auch sehr einfache Vorgänge. Da wir oft sogleich wieder darüber erwachen, können wir uns vollkommen überzeugen, dass sie mit den noch augenblicklich vorher dagewesenen Gedanken niemals die mindeste Aehnlichkeit, die entfernteste Analogie, oder sonstige Beziehung zu ihnen haben, vielmehr uns durch das ganz Unerwartete ihres Inhalts überraschen, als welcher unserem vorherigen Gedankengange eben so fremd ist, wie irgend ein Gegenstand der Wirklichkeit, der, im wachen Zustande, auf die zufälligste Weise, plötzlich in unsere Wahrnehmung tritt, ja, der oft so weit hergeholt, so wunderlich und blind ausgewählt ist, als wäre er durch Los oder Würfel bestimmt worden.   Der Faden also, den der Satz vom Grunde uns in die Hand gibt, scheint uns hier an beiden Enden, dem inneren und dem äusseren, abgeschnitten zu sein. Allein das ist nicht möglich, nicht denkbar. Notwendig muss irgend eine Ursache vorhanden sein, welche jene Traumgestalten herbeiführt und sie durchgängig bestimmt; so dass aus ihr sich müsste genau erklären lassen, warum z. B. mir, den bis zum Augenblick des Einschlummerns ganz andere Gedanken beschäftigen, jetzt plötzlich ein blühender, vom Winde leise bewegter Baum, und nichts anderes sich darstellt, ein andermal aber eine Magd, mit einem Korbe auf dem Kopf, wieder ein andermal eine Reihe Soldaten, u. s. f.

Da nun also bei der Entstehung der Träume, sei es unter dem Einschlafen, oder im bereits eingetretenen Schlaf, dem Gehirne, diesem alleinigen Sitz und Organ aller Vorstellungen, sowohl die Erregung von aussen, durch die Sinne, als die von innen, durch die Gedanken abgeschnitten ist; so bleibt uns keine andere Annahme übrig, als dass dasselbe irgend eine rein physiologische Erregung dazu, aus dem Innern des Organismus, erhalte. Dem Einflusse dieses sind zum Gehirne zwei Wege offen: der der Nerven und der der Gefässe. Die Lebenskraft hat während des Schlafes, d. h. des Einstellens aller animalischen Funktionen, sich gänzlich auf das organische Leben geworfen, und ist daselbst, unter einiger Verringerung des Atmens, des Pulses, der Wärme, auch fast aller Sekretionen, hauptsächlich mit der langsamen Reproduktion, der Herstellung alles Verbrauchten, der Heilung alles Verletzten und der Beseitigung aller eingerissenen Unordnungen, beschäftigt; daher der Schlaf die Zeit ist, während welcher die vis naturae medicatrix, in allen Krankheiten, die heilsamen Krisen herbeiführt, in welchen sie alsdann den entscheidenden Sieg über das vorhandene Uebel erkämpft, und wonach daher der Kranke, mit dem sicheren Gefühl der herankommenden Genesung, erleichtert und freudig erwacht. Aber auch bei dem Gesunden wirkt sie dasselbe, nur in ungleich geringerem Grade, an allen Punkten, wo es nötig ist; daher auch er beim Erwachen das Gefühl der Herstellung und Erneuerung hat: besonders hat im Schlafe das Gehirn seine, im Wachen nicht ausführbare Nutrition erhalten; wovon die hergestellte Klarheit des Bewusstseins die Folge ist. Alle diese Operationen stehen unter der Leitung und Kontrolle des plastischen Nervensystems, also der sämtlichen grossen Ganglien, oder Nervenknoten, welche, in der ganzen Länge des Rumpfs, durch leitende Nervenstränge miteinander verbunden, den grossen sympathischen Nerven oder den innern Nervenherd, ausmachen. Dieser ist vom äussern Nervenherde, dem Gehirn, als welches ausschliesslich der Leitung der äussern Verhältnisse obliegt und deshalb einen nach aussen gerichteten Nervenapparat und durch ihn veranlasste Vorstellungen hat, ganz gesondert und isoliert; so dass, im normalen Zustande, seine Operationen nicht ins Bewusstsein gelangen, nicht empfunden werden. Inzwischen hat derselbe doch einen mittelbaren und schwachen Zusammenhang mit dem Zerebralsystem, durch dünne und fernher anastomosierende Nerven: auf dem Wege derselben wird, bei abnormen Zuständen, oder gar Verletzung der inneren Teile, jene Isolation in gewissem Grade durchbrochen, wonach solche, dumpfer oder deutlicher, als Schmerz ins Bewusstsein eindringen. Hingegen im normalen und gesunden Zustande gelangt, auf diesem Wege, von den Vorgängen und Bewegungen in der so komplizierten und tätigen Werkstätte des organischen Lebens, von dem leichteren, oder erschwerten Fortgange desselben, nur ein äusserst schwacher, verlorener Nachhall ins Sensorium: dieser wird im Wachen, wo das Gehirn an seinen eigenen Operationen, also am Empfangen äusserer Eindrücke, am Anschauen, auf deren Anlass, und am Denken, volle Beschäftigung hat, gar nicht wahrgenommen; sondern hat höchstens einen geheimen und unbewussten Einfluss, aus welchem diejenigen Aenderungen der Stimmung entstehen, von denen keine Rechenschaft aus objektiven Gründen sich geben lässt. Beim Einschlafen jedoch, als wo die äussern Eindrücke zu wirken aufhören und auch die Regsamkeit der Gedanken, im Innern des Sensoriums, allmählich erstirbt, da werden jene schwachen Eindrücke, die aus dem innern Nervenherde des organischen Lebens, auf mittelbarem Wege, heraufdringen, im gleichen jede geringe Modifikation des Blutumlaufs, da sie sich den Gefässen des Gehirns mitteilt, fühlbar,   wie die Kerze zu scheinen anfängt, wann die Abenddämmerung eintritt; oder wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. Eindrücke, die viel zu schwach sind, als dass sie auf das wache, d. h. tätige, Gehirn wirken könnten, vermögen, wann seine eigene Tätigkeit ganz eingestellt wird, eine leise Erregung seiner einzelnen Teile und ihrer vorstellenden Kräfte hervorzubringen;   wie eine Harfe von einem fremden Tone nicht widerklingt, während sie selbst gespielt wird, wohl aber, wenn sie still dahängt. Hier also muss die Ursache der Entstehung und, mittelst ihrer, auch die durchgängige nähere Bestimmung jener beim Einschlafen aufsteigenden Traumgestalten liegen, und nicht weniger die der, aus der absoluten mentalen Ruhe des tiefen Schlafes sich erhebenden, dramatischen Zusammenhang habenden Träume; nur dass zu diesen, da sie eintreten, wann das Gehirn schon in tiefer Ruhe und gänzlich seiner Nutrition hingegeben ist, eine bedeutend stärkere Anregung von innen erfordert sein muss; daher eben es auch nur diese Träume sind, welche, in einzelnen, sehr seltenen Fällen, prophetische, oder fatidike Bedeutung haben, und Horaz ganz richtig sagt:

post mediam noctem, cum somnia vera.

Denn die letzten Morgenträume verhalten sich, in dieser Hinsicht, denen beim Einschlafen gleich, sofern das ausgeruhte und gesättigte Gehirn wieder leicht erregbar ist.

Also jene schwachen Nachhälle aus der Werkstätte des organischen Lebens sind es, welche in die, der Apathie entgegensinkende oder ihr bereits hingegebene, sensorielle Tätigkeit des Gehirns dringen und sie schwach, zudem auf einem ungewöhnlichen Wege und von einer andern Seite, als im Wachen, erregen: aus ihnen jedoch muss dieselbe, da allen andern Anregungen der Zugang gesperrt ist, den Anlass und Stoff zu ihren Traumgestalten nehmen, so heterogen diese auch solchen Eindrücken sein mögen. Denn, wie das Auge, durch mechanische Erschütterung, oder durch innere Nervenkonvulsion, Empfindungen von Helle und Leuchten erhalten kann, die den durch äusseres Licht verursachten völlig gleich sind; wie bisweilen das Ohr, infolge abnormer Vorgänge in seinem Innern, Töne jeder Art hört; wie ebenso der Geruchsnerv ohne alle äussere Ursache ganz spezifisch bestimmte Gerüche empfindet; wie auch die Geschmacksnerven auf analoge Weise affiziert werden; wie also alle Sinnesnerven sowohl von innen, als von aussen, zu ihren eigentümlichen Empfindungen erregt werden können; auf gleiche Weise kann auch das Gehirn durch Reize, die aus dem Innern des Organismus kommen, bestimmt werden, seine Funktion der Anschauung raumerfüllender Gestalten zu vollziehen; wo denn die so entstandenen Erscheinungen gar nicht zu unterscheiden sein werden von den durch Empfindungen in den Sinnesorganen veranlassten, welche durch äussere Ursachen hervorgerufen wurden. Wie nämlich der Magen aus allem, was er bewältigen kann, Chymus und die Gedärme aus diesem Chylus bereiten, dem man seinen Urstoff nicht ansieht; ebenso reagiert auch das Gehirn, auf alle zu ihm gelangenden Erregungen, mittelst Vollziehung der ihm eigentümlichen Funktion. Diese besteht zunächst im Entwerfen von Bildern im Raum, als welcher seine Anschauungsform ist, nach allen drei Dimensionen; sodann im Bewegen derselben in der Zeit und am Leitfaden der Kausalität, als welche ebenfalls die Funktionen seiner ihm eigentümlichen Tätigkeit sind. Denn allezeit wird es nur seine eigene Sprache reden: in dieser daher interpretiert es auch jene schwachen, während des Schlafs, von innen zu ihm gelangenden Eindrücke; eben wie die starken und bestimmten, im Wachen, auf dem regelmässigen Wege, von aussen kommenden: auch jene also geben ihm den Stoff zu Bildern, welche denen auf Anregung der äusseren Sinne entstehenden vollkommen gleichen; obschon zwischen den beiden Arten von veranlassenden Eindrücken kaum irgend eine Aehnlichkeit sein mag. Aber sein Verhalten hiebei lässt sich mit dem eines Tauben vergleichen, der aus einigen in sein Ohr gelangten Vokalen, sich eine ganze, wiewohl falsche, Phrase zusammensetzt; oder wohl gar mit dem eines Verrückten, den ein zufällig gebrauchtes Wort auf wilde, seiner fixen Idee entsprechende Phantasien bringt. Jedenfalls sind es jene schwachen Nachhälle gewisser Vorgänge im Innern des Organismus, welche, bis zum Gehirn hinauf sich verlierend, den Anlass zu seinen Träumen abgeben: diese werden daher auch durch die Art jener Eindrücke spezieller bestimmt, indem sie wenigstens das Stichwort von ihnen erhalten haben; ja, sie werden, so gänzlich verschieden von jenen sie auch sein mögen, doch ihnen irgendwie analogisch, oder wenigstens symbolisch entsprechen, und zwar am genauesten denen, die während des tiefen Schlafes das Gehirn zu erregen vermögen; weil solche, wie gesagt, schon bedeutend stärker sein müssen. Da nun ferner diese inneren Vorgänge des organischen Lebens auf das zur Auffassung der Aussenwelt bestimmte Sensorium ebenfalls nach Art eines ihm Fremden und Aeusseren einwirken; so werden die auf solchen Anlass in ihm entstehenden Anschauungen ganz unerwartete und seinem etwa kurz zuvor noch dagewesenen Gedankengange völlig heterogene und fremde Gestalten sein; wie wir dieses, beim Einschlafen und baldigem Wiedererwachen aus demselben, zu beobachten Gelegenheit haben.

Diese ganze Auseinandersetzung lehrt uns vorderhand weiter nichts kennen, als die nächste Ursache des Eintritts des Traumes, oder die Veranlassung desselben, welche zwar auch auf seinen Inhalt Einfluss haben, jedoch an sich selbst diesem so sehr heterogen sein muss, dass die Art ihrer Verwandtschaft uns ein Geheimnis bleibt. Noch rätselhafter ist der physiologische Vorgang im Gehirn selbst, darin eigentlich das Träumen besteht. Der Schlaf nämlich ist die Ruhe des Gehirns, der Traum dennoch eine gewisse Tätigkeit desselben: sonach müssen wir, damit kein Widerspruch entstehe, jene für eine nur relative und diese für eine irgendwie limitierte und nur partielle erklären. In welchem Sinne nun sie dieses sei, ob den Teilen des Gehirns, oder dem Grad seiner Erregung, oder der Art seiner inneren Bewegung nach, und wodurch eigentlich sie sich vom wachen Zustande unterscheide, wissen wir wieder nicht.   Es gibt keine Geisteskraft, die sich im Traume nie tätig erwiese: dennoch zeigt der Verlauf desselben, wie auch unser eigenes Benehmen darin, oft ausserordentlichen Mangel an Urteilskraft, ingleichen, wie schon oben erörtert, an Gedächtnis.

Hinsichtlich auf unsern Hauptgegenstand bleibt die Tatsache stehen, dass wir ein Vermögen haben zur anschaulichen Vorstellung raumerfüllender Gegenstände und zum Vernehmen und Verstehen von Tönen und Stimmen jeder Art, beides ohne die äussere Anregung der Sinnesempfindungen, welche hingegen zu unserer wachen Anschauung die Veranlassung, den Stoff, oder die empirische Grundlage, liefern, mit derselben jedoch darum keineswegs identisch sind; da solche durchaus intellektual ist und nicht bloss sensual; wie ich dies öfter dargetan und bereits oben die betreffenden Hauptstellen angeführt habe. Jene, keinem Zweifel unterworfene Tatsache nun aber haben wir festzuhalten: denn sie ist das Urphänomen, auf welches alle unsere ferneren Erklärungen zurückweisen, indem sie nur die sich noch weiter erstreckende Tätigkeit des bezeichneten Vermögens dartun werden. Zur Benennung desselben wäre der bezeichnendeste Ausdruck der, welchen die Schotten für eine besondere Art seiner Aeusserung oder Anwendung sehr sinnig gewählt haben, geleitet von dem richtigen Takt, den die eigenste Erfahrung verleiht: er heisst: second sight, das zweite Gesicht. Denn die hier erörterte Fähigkeit zu träumen ist in der Tat ein zweites, nämlich nicht, wie das erste, durch die äusseren Sinne vermitteltes Anschauungsvermögen, dessen Gegenstände jedoch, der Art und Form nach, dieselben sind, wie die des ersten; woraus zu schliessen, dass es, eben wie dieses, eine Funktion des Gehirns ist. Jene schottische Benennung würde daher die passendeste sein, um die ganze Gattung der hieher gehörigen Phänomene zu bezeichnen und sie auf ein Grundvermögen zurückzuführen: da jedoch die Erfinder derselben sie zur Bezeichnung einer besonderen, seltenen und höchst merkwürdigen Aeusserung jenes Vermögens verwendet haben, so darf ich nicht, so gern ich es auch möchte, sie gebrauchen, die ganze Gattung jener Anschauungen, oder genauer, das subjektive Vermögen, welches sich ihnen allen kund gibt, zu bezeichnen. Für dieses bleibt mir daher keine passendere Benennung, als die des Traumorgans, als welche die ganze in Rede stehende Anschauungsweise durch diejenige Aeusserung derselben bezeichnet, die jedem bekannt und geläufig ist. Ich werde mich also derselben zur Bezeichnung des dargelegten, vom äusseren Eindruck auf die Sinne unabhängigen Anschauungsvermögens bedienen.

Die Gegenstände, welche dasselbe im gewöhnlichen Traume uns vorführt, sind wir gewohnt als ganz illusorisch zu betrachten; da sie beim Erwachen verschwinden. Inzwischen ist diesem doch nicht allemal so, und es ist, in Hinsicht auf unser Thema, sehr wichtig, die Ausnahme hievon aus eigener Erfahrung kennen zu lernen, was vielleicht jeder könnte, wenn er die gehörige Aufmerksamkeit auf die Sache verwendete. Es gibt nämlich einen Zustand, in welchem wir zwar schlafen und träumen; jedoch eben nur die uns umgebende Wirklichkeit selbst träumen. Demnach sehen wir alsdann unser Schlafgemach, mit allem, was darin ist, werden auch etwa eintretende Menschen gewahr, wissen uns selbst im Bett, alles richtig und genau. Und doch schlafen wir, mit fest geschlossenen Augen: wir träumen; nur ist, was wir träumen, wahr und wirklich. Es ist nicht anders, als ob alsdann unser Schädel durchsichtig geworden wäre, so dass die Aussenwelt nunmehr, statt durch den Umweg und die enge Pforte der Sinne, geradezu und unmittelbar ins Gehirn käme. Dieser Zustand ist vom wachen viel schwerer zu unterscheiden, als der gewöhnliche Traum; weil beim Erwachen daraus keine Umgestaltung der Umgebung, also gar keine objektive Veränderung, vorgeht. Nun ist aber (siehe Welt a. W. u. V. Bd. 1. §. 5. S. 19) das Erwachen das alleinige Kriterium zwischen Wachen und Traum, welches demnach hier, seiner objektiven und hauptsächlichen Hälfte nach, wegfällt. Nämlich beim Erwachen aus einem Traum der in Rede stehenden Art geht bloss eine subjektive Veränderung mit uns vor, welche darin besteht, dass wir plötzlich eine Umwandlung des Organs unsrer Wahrnehmung spüren: dieselbe ist jedoch nur leise fühlbar und kann, weil sie von keiner objektiven Veränderung begleitet ist, leicht unbemerkt bleiben. Dieserhalb wird die Bekanntschaft mit diesen die Wirklichkeit darstellenden Träumen meistens nur dann gemacht werden, wann sich Gestalten eingemischt haben, die derselben nicht angehören und daher beim Erwachen verschwinden, oder auch wann ein solcher Traum die noch höhere Potenzierung erhalten hat, von der ich sogleich reden werde. Die beschriebene Art des Träumens ist das, was man Schlafwachen genannt hat; nicht etwa, weil es ein Mittelzustand zwischen Schlafen und Wachen ist, sondern weil es als ein Wachwerden im Schlafe selbst bezeichnet werden kann. Ich möchte es daher lieber ein Wahrträumen nennen. Zwar wird man es meistens nur früh morgens, auch wohl abends, einige Zeit nach dem Einschlafen, bemerken: dies liegt aber bloss daran, dass nur dann, wann der Schlaf nicht tief war, das Erwachen leicht genug eintrat, um eine Erinnerung an das Geträumte übrig zu lassen. Gewiss tritt dieses Träumen viel öfter während des tiefen Schlafes ein, nach der Regel, dass die Somnambule um so hellsehender wird, je tiefer sie schläft: aber dann bleibt keine Erinnerung daran zurück. Dass hingegen, wann es bei leichterem Schlafe eingetreten ist, eine solche bisweilen stattfindet, ist dadurch zu erläutern, dass selbst aus dem magnetischen Schlaf, wenn er ganz leicht war, ausnahmsweise eine Erinnerung in das wache Bewusstsein übergehen kann. Diesem also gemäss bleibt die Erinnerung solcher unmittelbar objektiv wahren Träume nur dann, wann sie in einem leichten Schlaf, z. B. des Morgens, eingetreten sind, wo wir unmittelbar daraus erwachen können.

Diese Art des Traumes nun ferner, deren Eigentümliches darin besteht, dass man die nächste gegenwärtige Wirklichkeit träumt, erhält bisweilen eine Steigerung ihres rätselhaften Wesens dadurch, dass der Gesichtskreis des Träumenden sich noch etwas erweitert, nämlich so, dass er über das Schlafgemach hinausreicht,   indem die Fenstervorhänge oder Läden aufhören, Hindernisse des Sehens zu sein, und man dann ganz deutlich das hinter ihnen Liegende, den Hof, den Garten, oder die Strasse, mit den Häusern gegenüber, wahrnimmt. Unsere Verwunderung hierüber wird sich mindern, wenn wir bedenken, dass hier kein physisches Sehen stattfindet, sondern ein blosses Träumen: jedoch ist es ein Träumen dessen, was jetzt wirklich da ist, folglich ein Wahrträumen, also ein Wahrnehmen durch das Traumorgan, welches als solches natürlich nicht an die Bedingung des ununterbrochenen Durchgangs der Lichtstrahlen gebunden ist. Die Schädeldecke selbst war, wie gesagt, die erste Scheidewand, durch welche zunächst diese sonderbare Art der Wahrnehmung ungehindert blieb: steigert nun diese sich noch etwas höher, so setzen auch Vorhänge, Türen und Mauern ihr keine Schranken mehr. Wie nun aber dies zugehe, ist ein tiefes Geheimnis: wir wissen nichts weiter, als dass hier wahr geträumt wird, mithin eine Wahrnehmung durch das Traumorgan stattfindet. So weit geht diese für unsere Betrachtung elementare Tatsache. Was wir zu ihrer Aufklärung, insofern sie möglich sein mag, tun können, besteht zunächst im Zusammenstellen und gehörigem stufenweisen Ordnen aller sich an sie knüpfenden Phänomene, in der Absicht, ihren Zusammenhang untereinander zu erkennen, und in der Hoffnung, dadurch vielleicht auch in sie selbst dereinst eine nähere Einsicht zu erlangen.

Inzwischen wird auch dem, welchem alle eigene Erfahrung hierin abgeht, die geschilderte Wahrnehmung durch das Traumorgan unumstösslich beglaubigt durch den spontanen, eigentlichen Somnambulismus, oder das Nachtwandeln. Dass die von dieser Sucht Befallenen fest schlafen, und dass sie mit den Augen schlechterdings nicht sehen können, ist völlig gewiss: dennoch nehmen sie in ihrer nächsten Umgebung alles wahr, vermeiden jedes Hindernis, gehen weite Wege, klettern an den gefährlichsten Abgründen hin, auf den schmalsten Stegen, vollführen weite Sprünge, ohne ihr Ziel zu verfehlen: auch verrichten einige unter ihnen ihre täglichen, häuslichen Geschäfte, im Schlaf, genau und richtig, andere konzipieren und schreiben ohne Fehler. Auf dieselbe Weise nehmen auch die künstlich in magnetischen Schlaf versetzten Somnambulen ihre Umgebung wahr und, wenn sie hellsehend werden, selbst das Entfernteste. Ferner ist auch die Wahrnehmung, welche gewisse Scheintote von allem, was um sie vorgeht, haben, während sie starr und unfähig ein Glied zu rühren daliegen, ohne Zweifel eben dieser Art: auch sie träumen ihre gegenwärtige Umgebung, bringen also dieselbe, auf einem andern Wege als dem der Sinne, sich zum Bewusstsein. Man hat sich sehr bemüht, dem physiologischen Organ oder dem Sitz dieser Wahrnehmung, auf die Spur zu kommen: doch ist es damit bisher nicht gelungen. Dass, wann der somnambule Zustand vollkommen vorhanden ist, die äusseren Sinne ihre Funktionen gänzlich eingestellt haben, ist unwidersprechlich; da selbst der subjektiveste unter ihnen, das körperliche Gefühl, so gänzlich verschwunden ist, dass man die schmerzlichsten chirurgischen Operationen während des magnetischen Schlafs vollzogen hat, ohne dass der Patient irgend eine Empfindung davon verraten hätte. Das Gehirn scheint dabei im Zustande des allertiefsten Schlafs, also gänzlicher Untätigkeit zu sein. Dieses, nebst gewissen Aeusserungen und Aussagen der Somnambulen, hat die Hypothese veranlasst, der somnambule Zustand bestehe im gänzlichen Depotenzieren des Gehirns und Ansammeln der Lebenskraft in sympathischen Nerven, dessen grössere Geflechte, namentlich der plexus solaris, jetzt zu einem Sensorio umgeschaffen würden und also, vikarierend, die Funktion des Gehirns übernähmen, welche sie nun ohne Hilfe äusserer Sinneswerkzeuge und dennoch ungleich vollkommener, als dieses, ausübten. Diese, ich glaube zuerst von Reil aufgestellte Hypothese ist nicht ohne Scheinbarkeit und steht seitdem in grossem Ansehen. Ihre Hauptstütze bleiben die Aussagen fast aller hellsehenden Somnambulen, dass jetzt ihr Bewusstsein seinen Sitz gänzlich auf der Herzgrube habe, woselbst ihr Denken und Wahrnehmen vor sich gehe, wie sonst im Kopf. Auch lassen die meisten unter ihnen die Gegenstände, die sie genau besehen wollen, sich auf die Magengegend legen. Dennoch halte ich die Sache für unmöglich. Man betrachte nur das Sonnengeflecht, dieses sogenannte cerebrum abdominale: wie so gar klein ist seine Masse, und wie höchst einfach seine aus Ringen von Nervensubstanz, nebst einigen leichten Anschwellungen bestehende Struktur! Wenn ein solches Organ die Funktionen des Anschauens und Denkens zu vollziehen fähig wäre, so würde das sonst überall bestätigte Gesetz natura nihil facit frustra umgestossen sein. Denn wozu wäre dann noch die meistens 3 und bei einzelnen über 5 Pfund wiegende, so kostbare, wie wohlverwahrte Masse des Gehirns, mit der so überaus künstlichen Struktur seiner Teile, deren Komplikation so intrikat ist, dass es mehrerer ganz verschiedener Zerlegungsweisen und häufiger Wiederholung derselben bedarf, um nur den Zusammenhang der Konstruktion dieses Organs einigermassen verstehen und sich ein erträglich deutliches Bild von der wundersamen Gestalt und Verknüpfung seiner vielen Teile machen zu können. Zweitens ist zu erwägen, dass die Schritte und Bewegungen eines Nachtwandlers sich mit der grössten Schnelle und Genauigkeit den von ihm nur durch das Traumorgan wahrgenommenen nächsten Umgebungen anpassen; so dass er, auf das Behendeste und wie es kein Wacher könnte, jedem Hindernis augenblicklich ausweicht, wie auch mit derselben Geschicklichkeit seinem einstweiligen Ziele zueilt. Nun aber entspringen die motorischen Nerven aus dem Rückenmark, welches, durch die medulla oblongata, mit dem kleinen Gehirn, dem Regulator der Bewegungen, dieses aber wieder mit dem grossen Gehirn, dem Ort der Motive, welches die Vorstellungen sind, zusammenhängt; wodurch es dann möglich wird, dass die Bewegungen mit augenblicklicher Schnelle, sich sogar den flüchtigsten Wahrnehmungen anpassen. Wenn nun aber die Vorstellungen, welche als Motive die Bewegungen zu bestimmen haben, in das Bauchgangliengeflecht verlegt wären, dem nur auf Umwegen eine schwierige, schwache und mittelbare Kommunikation mit dem Gehirne möglich ist (daher wir im gesunden Zustande vom ganzen, so stark und rastlos tätigen Treiben und Schaffen unsers organischen Lebens gar nichts spüren); wie sollten die daselbst entstehenden Vorstellungen, und zwar mit Blitzesschnelle, die gefahrvollen Schritte des Nachtwandlers lenken Beachtenswert hinsichtlich der in Rede stehenden Hypothese ist es immer, dass die LXX durchgängig die Seher und Wahrsager ἐγγαστριμυϑους benennt, namentlich auch die Hexe von Endor,   mag dies nun auf Grundlage des hebräischen Originals, oder in Gemässheit der in Alexandrien damals herrschenden Begriffe und ihrer Ausdrücke geschehen. Offenbar ist die Hexe von Endor eine Clairvoyante und das bedeutet ἐγγαστριμυϑος. Saul sieht und spricht nicht selbst den Samuel, sondern durch Vermittelung des Weibes: sie beschreibt dem Saul wie der Samuel aussieht.?   Dass, übrigens beiläufig gesagt, der Nachtwandler ohne Fehl und ohne Furcht die gefährlichsten Wege durchläuft, wie er es wachend nimmermehr könnte, ist daraus erklärlich, dass sein Intellekt nicht ganz und schlechthin, sondern nur einseitig, nämlich nur soweit tätig ist, als es die Lenkung seiner Schritte erfordert; wodurch die Reflexion, mit ihr aber alles Zaudern und Schwanken, eliminiert ist.   Endlich gibt uns darüber, dass wenigstens die Träume eine Funktion des Gehirns sind, folgende von Treviranus nach Pierquin angeführte Tatsache sogar faktische Gewissheit: »Bei einem Mädchen, dessen Schädelknochen durch Knochenfrass zum Teil so zerstört waren, dass das Gehirn ganz entblösst lag, quoll dieses beim Erwachen hervor und sank beim Einschlafen. Während des ruhigen Schlafs war die Senkung am stärksten. Bei lebhaften Träumen fand Turgor darin statt«. Vom Traum ist aber der Somnambulismus offenbar nur dem Grade nach verschieden: auch seine Wahrnehmungen geschehen durch das Traumorgan: er ist, wie gesagt, ein unmittelbares Wahrträumen Dass wir im Traum oft vergeblich uns anstrengen, zu schreien oder die Glieder zu bewegen, muss daran liegen, dass der Traum als Sache blosser Vorstellung eine Tätigkeit des grossen Gehirns allein ist, welche sich nicht auf das kleine Gehirn erstreckt: dieses demnach bleibt in der Erstarrung des Schlafes liegen, völlig untätig und kann sein Amt, als Regulator der Gliederbewegung auf die Medulla zu wirken, nicht versehen, weshalb die dringendsten Befehle des grossen Gehirns unausgeführt bleiben: daher die Beängstigung. Durchbricht aber das grosse Gehirn die Isolation und bemächtigt sich des kleinen; so entsteht Somnambulismus..

Man könnte indessen die hier bestrittene Hypothese dahin modifizieren, dass das Bauchgangliengeflecht nicht selbst das Sensorium würde, sondern nur die Rolle der äusseren Werkzeuge desselben, also der hier ebenfalls gänzlich depotenzierten Sinnesorgane übernähme, mithin Eindrücke von aussen empfinge, die es dem Gehirn überlieferte, welches solche seiner Funktion gemäss bearbeitend, nun daraus die Gestalten der Aussenwelt eben so schematisierte und aufbaute, wie sonst aus den Empfindungen in den Sinnesorganen. Allein auch hier wiederholt sich die Schwierigkeit der blitzschnellen Ueberlieferung der Eindrücke an das von diesem inneren Nervenzentro so entschieden isolierte Gehirn. Sodann ist das Sonnengeflecht seiner Struktur nach zum Sehe- und Hörorgan eben so ungeeignet, wie zum Denkorgan, überdies auch durch eine dicke Scheidewand aus Haut, Fett, Muskeln, Peritonäum und Eingeweiden vom Eindrucke des Lichts gänzlich abgesperrt. Wenn also auch die meisten Somnambulen aussagen, ihr Schauen und Denken gehe in der Magengegend vor sich; so dürfen wir dies doch nicht sofort als objektiv gültig annehmen; um so weniger, als einige Somnambulen es ausdrücklich leugnen: z. B. die bekannte Auguste Müller in Karlsruhe gibt an, dass sie nicht mit der Herzgrube, sondern mit den Augen sehe, sagt jedoch, dass die meisten andern Somnambulen mit der Herzgrube sehen; und auf die Frage: »kann auch die Denkkraft in die Herzgrube verpflanzt werden?« antwortet sie: »nein, aber die Seh- und Hörkraft.« Diesem entspricht die Aussage einer andern Somnambule, welche auf die Frage: »denkst du mit dem ganzen Gehirn, oder nur mit einem Teil desselben?« antwortet: »mit dem ganzen, und ich werde sehr müde.« Das wahre Ergebnis aus allen Somnambulen-Aussagen scheint zu sein, dass die Anregung und der Stoff zur anschauenden Tätigkeit ihres Gehirns, nicht, wie im Wachen, von aussen und durch die Sinne, sondern, wie oben bei den Träumen auseinandergesetzt worden, aus dem Innern des Organismus kommt, dessen Vorstand und Lenker bekanntlich die grossen Geflechte des sympathischen Nerven sind, welche daher, in Hinsicht auf die Nerventätigkeit den ganzen Organismus, mit Ausnahme des Zerebralsystems, vertreten und repräsentieren. Jene Aussagen sind damit zu vergleichen, dass wir den Schmerz im Fusse zu empfinden vermeinen, den wir doch wirklich nur im Gehirne empfinden, daher er, sobald die Nervenleitung zu diesem unterbrochen ist, wegfällt. Es ist daher Täuschung, wenn die Somnambulen mit der Magengegend zu sehen, ja zu lesen wähnen, oder in seltenen Fällen sogar mit den Fingern, Zehen, oder der Nasenspitze, diese Funktion zu vollziehen behaupten. Denn, wenn wir auch die Nervensensibilität solcher Teile noch so hoch gesteigert uns denken wollen, so bleibt ein Sehen im eigentlichen Sinne, d. h. durch Vermittelung der Lichtstrahlen, in Organen, die jedes optischen Apparates entbehren, selbst wenn sie nicht, wie doch der Fall ist, mit dicken Hüllen bedeckt, sondern dem Lichte zugänglich wären, durchaus unmöglich. Es ist ja nicht bloss die hohe Sensibilität der Retina, welche sie zum Sehen befähigt, sondern ebensosehr der überaus künstliche und komplizierte optische Apparat im Augapfel. Das physische Sehen erfordert nämlich zwar zunächst eine für das Licht sensible Fläche, dann aber auch, dass auf dieser, mittelst der Pupille und der lichtbrechenden, unendlich künstlich kombinierten durchsichtigen Medien, die draussen auseinander gefahrenen Lichtstrahlen sich wieder sammeln und konzentrieren, so dass ein Bild   richtiger ein dem äusseren Gegenstand genau entsprechender Nerveneindruck   entstehe, als wodurch allein dem Verstande die subtilen Data geliefert werden, aus denen er sodann, durch einen intellektuellen, das Kausalitätsgesetz anwendenden Prozess, die Anschauung in Raum und Zeit hervorbringt. Hingegen Magengruben und Fingerspitzen könnten, selbst wenn Haut, Muskeln usw. durchsichtig wären, immer nur vereinzelte Lichtreflexe erhalten; daher mit ihnen zu sehen so unmöglich ist, wie einen Daguerrotyp in einer offenen Kamera obscura ohne Sammlungsglas zu machen. Einen ferneren Beweis, dass diese angeblichen Sinnesfunktionen paradoxer Teile es nicht eigentlich sind, und dass hier nicht mittelst physischer Einwirkung der Lichtstrahlen gesehen wird, gibt der Umstand, dass der erwähnte Knabe Kiesers mit den Zehen las, auch wann er dicke wollene Strümpfe anhatte, und mit den Fingerspitzen nur dann sah, wann er es ausdrücklich wollte, übrigens in der Stube, mit den Händen voraus, herumtappte: Dasselbe bestätigt seine eigene Aussage über diese abnormen Wahrnehmungen: »er nannte dies nie Sehen, sondern auf die Frage, wie er denn wisse, was da vorgehe, antwortete er, er wisse es eben, das sei ja das Neue.« Ebenso beschreibt, in Kiesers Archiv, eine Somnambule ihre Wahrnehmung als »ein Sehen, das kein Sehen ist, ein unmittelbares Sehen«. In der »Geschichte der hellsehenden Auguste Müller,« Stuttgart 1818, wird S. 36 berichtet: »sie sieht vollkommen hell und erkennt alle Personen und Gegenstände in der dichtesten Finsternis, wo es uns unmöglich wäre, die Hand vor den Augen zu unterscheiden.« Dasselbe belegt, hinsichtlich des Hörens der Somnambulen, Kiesers Aussage, dass wollene Schnüre vorzüglich gute Leiter des Schalles seien,   während Wolle bekanntlich der allerschlechteste Schalleiter ist. Besonders belehrend aber ist, über diesen Punkt, folgende Stelle aus dem eben erwähnten Buch über die Auguste Müller: »Merkwürdig ist, was jedoch auch bei andern Somnambulen beobachtet wird, dass sie von allem, was unter Personen im Zimmer, selbst dicht neben ihr, gesprochen wird, wenn die Rede nicht unmittelbar an sie gerichtet ist, durchaus nichts hört; jedes, auch noch so leise, an sie gerichtete Wort hingegen, selbst wenn mehrere Personen bunt durcheinander sprechen, bestimmt versteht und beantwortet. Auf dieselbe Art verhält es sich mit dem Vorlesen: wenn die ihr vorlesende Person an etwas anderes, als an die Lektüre denkt so wird sie von ihr nicht gehört.«   Ferner heisst es: »Ihr Hören ist kein Hören auf dem gewöhnlichen Wege durch das Ohr: denn man kann dieses fest zudrücken, ohne dass es ihr Hören hindert.«   Desgleichen wird in den »Mitteilungen aus dem Schlafleben der Somnambule Auguste K. in Dresden«, 1843, wiederholentlich angeführt, dass sie zu Zeiten ganz allein durch die Handfläche, und zwar das lautlose, durch blosse Bewegung der Lippen Gesprochene, hörte: S. 32 warnt sie selbst, dass man dies nicht für ein Hören im wörtlichen Sinne halten solle.

Demnach ist, bei Somnambulen jeder Art, durchaus nicht von sinnlichen Wahrnehmungen im eigentlichen Verstande des Wortes die Rede; sondern ihr Wahrnehmen ist ein unmittelbares Wahrträumen, geschieht also durch das so rätselhafte Traumorgan. Dass die wahrzunehmenden Gegenstände an ihre Stirn, oder auf ihre Magengrube gelegt werden, oder dass, in den erwähnten einzelnen Fällen, die Somnambule ihre ausgespreizten Fingerspitzen auf dieselben richtet, ist bloss ein Mittel, das Traumorgan auf diese Gegenstände, durch den Kontakt mit ihnen hinzulenken, damit sie das Thema seines Wahrträumens werden, also geschieht bloss, um ihre Aufmerksamkeit entschieden darauf hinzulenken, oder, in der Kunstsprache, sie mit diesen Objekten in näheren Rapport zu setzen, worauf sie eben diese Objekte träumt, und zwar nicht bloss ihre Sichtbarkeit, sondern auch das Hörbare, die Sprache, ja den Geruch derselben: denn viele Hellsehende sagen aus, dass alle ihre Sinne auf die Magengrube versetzt sind. Es ist folglich dem Gebrauche der Hände beim Magnetisieren analog, als welche nicht eigentlich physisch einwirken; sondern der Wille des Magnetiseurs ist das Wirkende: aber eben dieser erhält durch die Anwendung der Hände seine Richtung und Entschiedenheit. Denn zum Verständnis der ganzen Einwirkung des Magnetiseurs, durch allerlei Gesten, mit und ohne Berührung, selbst aus der Ferne und durch Scheidewände, kann nur die aus meiner Philosophie geschöpfte Einsicht führen, dass der Leib mit dem Willen völlig identisch, nämlich nichts anderes ist, als das im Gehirn entstehende Bild des Willens. Dass das Sehen der Somnambulen kein Sehen in unserem Sinne, kein durch Licht physisch vermitteltes ist, folgt schon daraus, dass es, wenn zum Hellsehen gesteigert, durch Mauern nicht gehindert wird, ja bisweilen in ferne Länder reicht. Eine besondere Erläuterung zu demselben liefert uns die bei den höheren Graden des Hellsehens eintretende Selbstanschauung nach innen, vermöge welcher solche Somnambulen alle Teile ihres eigenen Organismus deutlich und genau wahrnehmen, obgleich hier, sowohl wegen Abwesenheit alles Lichtes, als wegen der zwischen dem angeschauten Teile und dem Gehirne liegenden vielen Scheidewände, alle Bedingungen zum physischen Sehen gänzlich fehlen. Hieraus nämlich können wir abnehmen, welcher Art alle somnambule Wahrnehmung, also auch die nach aussen und in die Ferne gerichtete, und sonach überhaupt alle Anschauung mittels des Traumorgans sei, mithin alles somnambule Sehen äusserer Gegenstände, auch alles Träumen, alle Visionen im Wachen, das zweite Gesicht, die leibhafte Erscheinung Abwesender, namentlich Sterbender usw. Denn das erwähnte Schauen der inneren Teile des eigenen Leibes entsteht offenbar nur durch eine Einwirkung von innen, wahrscheinlich unter Vermittlung des Gangliensystems, auf das Gehirn, welches nun seiner Natur getreu diese inneren Eindrücke ebenso wie die ihm von aussen kommenden verarbeitet, gleichsam einen fremden Stoff in seine ihm selbst eigenen und gewohnten Formen giessend, woraus denn eben solche Anschauungen, wie die von Eindrücken auf die äusseren Sinne herrührenden entstehen, welche denn auch, in eben dem Maße und Sinne wie jene, den angeschauten Dingen entsprechen. Demnach ist jegliches Schauen durch das Traumorgan die Tätigkeit der anschauenden Gehirnfunktion, angeregt durch innere Eindrücke, statt wie sonst, durch äussere Infolge der Beschreibung der Ärzte erscheint Katalepsie als gänzliche Lähmung der motorischen Nerven, Somnambulismus hingegen als die der sensiblen, für welche sodann das Traumorgan vikariert.. Dass eine solche dennoch, auch wenn sie äussere, ja entfernte Dinge betrifft, objektive Realität und Wahrheit haben könne, ist eine Tatsache, deren Erklärung jedoch nur auf metaphysischem Wege, nämlich aus der Beschränkung aller Individuation und Abtrennung auf die Erscheinung, im Gegensatz des Dinges an sich, versucht werden könnte, und werden wir darauf zurückkommen. Dass aber überhaupt die Verbindung der Somnambulen mit der Aussenwelt eine von Grund aus andere sei, als die unsrige im wachen Zustande, beweist am deutlichsten der, in den höheren Graden häufig eintretende Umstand, dass, während die eigenen Sinne der Hellseherin jedem Eindrucke unzugänglich sind, sie mit denen des Magnetiseurs empfindet, z. B. niest, wenn er eine Prise nimmt, schmeckt und genau bestimmt, was er isst, und sogar die Musik, die in einem von ihr entfernten Zimmer des Hauses vor seinen Ohren erschallt, mithöret.

Der physiologische Hergang bei der somnambulen Wahrnehmung ist ein schwieriges Rätsel, zu dessen Lösung jedoch der erste Schritt eine wirkliche Physiologie des Traumes sein würde, d. h. eine deutliche und sichere Erkenntnis, welcher Art die Tätigkeit des Gehirns im Traume sei, worin eigentlich sie sich von der im Wachen unterscheide,   endlich von wo die Anregung zu ihr, mithin auch die nähere Bestimmung ihres Verlaufs, ausgehe. Nur so viel lässt sich bis jetzt, hinsichtlich der gesamten anschauenden und denkenden Tätigkeit im Schlafe, mit Sicherheit annehmen: erstlich, dass das materielle Organ derselben, ungeachtet der relativen Ruhe des Gehirns, doch kein anderes, als eben dieses sein könne, und zweitens, dass die Erregung zu solcher Traumanschauung, da sie nicht von aussen durch die Sinne kommen kann, vom Innern des Organismus aus geschehen müsse. Was aber die, beim Somnambulismus unverkennbare, richtige und genaue Beziehung jener Traumanschauung zur Aussenwelt betrifft, so bleibt sie uns ein Rätsel, dessen Lösung ich nicht unternehme, sondern nur einige allgemeine Andeutungen darüber weiterhin geben werde. Hingegen habe ich, als Grundlage der besagten Physiologie des Traums, also zur Erklärung unserer gesamten träumenden Anschauung, mir folgende Hypothese ausgedacht, die in meinen Augen grosse Wahrscheinlichkeit hat.

Da das Gehirn, während des Schlafs, seine Anregung zur Anschauung räumlicher Gestalten besagterweise von innen, statt wie beim Wachen von aussen, erhält, so muss diese Einwirkung dasselbe in einer, der gewöhnlichen, von den Sinnen kommenden, entgegengesetzten Richtung treffen. Infolge hievon nimmt nun auch seine ganze Tätigkeit, also die innere Vibration oder Wallung seiner Fibern, eine der gewöhnlichen entgegengesetzte Richtung, gerät gleichsam in eine antiperistaltische Bewegung. Statt dass sie nämlich sonst in der Richtung der Sinneseindrücke, also von den Sinnesnerven zum Innern des Gehirns vor sich geht, wird sie jetzt in umgekehrter Richtung und Ordnung, dadurch aber mitunter von anderen Teilen, vollzogen, so dass jetzt, zwar wohl nicht die untere Gehirnfläche, statt der oberen, aber vielleicht die weisse Marksubstanz statt der grauen Kortikalsubstanz und vice versa fungieren muss. Das Gehirn arbeitet also jetzt wie umgekehrt. Hieraus wird zunächst erklärlich, warum von der somnambulen Tätigkeit keine Erinnerung ins Wachen übergeht, da dieses durch Vibration der Gehirnfibern in der entgegengesetzten Richtung bedingt ist, welche folglich von der vorher dagewesenen jede Spur aufhebt. Als eine spezielle Bestätigung dieser Annahme könnte man beiläufig die sehr gewöhnliche, aber seltsame Tatsache anführen, dass, wenn wir aus dem ersten Einschlafen sogleich wieder erwachen, oft eine totale räumliche Desorientierung bei uns eingetreten ist, derart, dass wir jetzt alles umgekehrt aufzufassen, nämlich was rechts vom Bette ist links, und was hinten ist nach vorne zu imaginieren genötigt sind, und zwar mit solcher Entschiedenheit, dass im Finstern selbst die vernünftige Überlegung, es verhalte sich doch umgekehrt, jene falsche Imagination nicht aufzuheben vermag, sondern hiezu das Getast nötig ist. Besonders aber lässt, durch unsere Hypothese, jene so merkwürdige Lebendigkeit der Traumanschauung, jene oben geschilderte, scheinbare Wirklichkeit und Leibhaftigkeit aller im Traume wahrgenommenen Gegenstände sich begreiflich machen, nämlich daraus, dass die aus dem Innern des Organismus kommende und vom Centro ausgehende Anregung der Gehirntätigkeit, welche eine der gewöhnlichen Richtung entgegengesetzte befolgt, endlich ganz durchdringt, also zuletzt sich bis auf die Nerven der Sinnesorgane erstreckt, welche nunmehr von innen, wie sonst von aussen, erregt, in wirkliche Tätigkeit geraten. Demnach haben wir im Traume wirklich Licht-, Farben-, Schall-, Geruchs- und Geschmacksempfindungen, nur ohne die sonst sie erregenden äusseren Ursachen, bloss vermöge innerer Anregung und infolge einer Einwirkung in umgekehrter Richtung und umgekehrter Zeitordnung. Daraus also wird jene Leibhaftigkeit der Träume erklärlich, durch die sie sich von blossen Phantasien so mächtig unterscheiden. Das Phantasiebild (im Wachen) ist immer bloss im Gehirn: denn es ist nur die, wenn auch modifizierte Reminiszenz einer früheren, materiellen, durch die Sinne geschehenen Erregung der anschauenden Gehirntätigkeit. Das Traumgesicht hingegen ist nicht bloss im Gehirn, sondern auch in den Sinnesnerven, und ist entstanden infolge einer materiellen, gegenwärtig wirksamen, aus dem Innern kommenden und das Gehirn durchdringenden Erregung derselben. Weil wir demnach im Traume wirklich sehen, so ist überaus treffend und fein, ja tief gedacht, was Apulejus die Charite sagen lässt, als sie im Begriff ist, dem schlafenden Thrasyllus beide Augen auszustechen: vivo tibi morientur oculi, nec quidquam videbis, nisi dormiens. (Metam. VIII, S. 172, ed. Bip.) Das Traumorgan ist also dasselbe mit dem Organ des wachen Bewusstseins und Anschauens der Aussenwelt, nur gleichsam vom anderen Ende angefasst und in umgekehrter Ordnung gebraucht, und die Sinnesnerven, welche in beiden fungieren, können sowohl von ihrem inneren, als von ihrem äusseren Ende aus in Tätigkeit versetzt werden;   etwa wie eine eiserne Hohlkugel sowohl von innen als von aussen glühend gemacht werden kann. Weil bei diesem Hergange die Sinnesnerven das Letzte sind, was in Tätigkeit gerät, so kann es kommen, dass diese erst angefangen hat und noch im Gange ist, wann das Gehirn bereits aufwacht, d. h. die Traumanschauung mit der gewöhnlichen vertauscht: alsdann werden wir, soeben erwacht, etwa Töne, z. B. Stimmen, Klopfen an der Türe, Flintenschüsse usw. mit einer Deutlichkeit und Objektivität, die es der Wirklichkeit vollkommen und ohne Abzug gleichtut, vernehmen und dann fest glauben, es seien Töne der Wirklichkeit, von aussen, infolge welcher wir sogar erst erwacht wären, oder auch, was jedoch seltener ist, wir werden Gestalten sehen mit völliger empirischer Realität; wie dieses Letztere schon Aristoteles erwähnt, de insomniis c. 3 ad finem.   Das hier beschriebene Traumorgan nun aber ist es, wodurch, wie oben genugsam auseinandergesetzt, die somnambule Anschauung, das Hellsehen, das zweite Gesicht und die Visionen jeder Art vollzogen werden.  

Von diesen physiologischen Betrachtungen kehre ich nunmehr zurück zu dem oben dargelegten Phänomen des Wahrträumens, welches schon im gewöhnlichen, nächtlichen Schlafe eintreten kann, wo es dann alsbald durch das blosse Erwachen bestätigt wird, wenn es nämlich, wie meistens, ein unmittelbares war, d. h. nur auf die gegenwärtige nächste Umgebung sich erstreckte; wiewohl es auch, in schon selteneren Fällen, ein wenig darüber hinausgeht, nämlich bis jenseits der nächsten Scheidewände. Diese Erweiterung des Gesichtskreises kann nun aber auch sehr viel weiter gehen und zwar nicht nur dem Raum, sondern sogar der Zeit nach. Den Beweis hievon geben uns die hellsehenden Somnambulen, welche, in der Periode der höchsten Steigerung ihres Zustandes, jeden beliebigen Ort, auf den man sie hinlenkt, sofort in ihre anschauende Traumwahrnehmung bringen und die Vorgänge daselbst richtig angeben können, bisweilen aber sogar vermögen, das noch gar nicht Vorhandene, sondern noch im Schosse der Zukunft Liegende und erst im Laufe der Zeit, mittels unzähliger, zufällig zusammentreffender Zwischenursachen, zur Verwirklichung Gelangende vorher zu verkündigen. Denn alles Hellsehen, sowohl im künstlich herbeigeführten, als im natürlich eingetretenen somnambulen Schlafwachen, alles in demselben möglich gewordene Wahrnehmen des Verdeckten, des Abwesenden, des Entfernten, ja des Zukünftigen, ist durchaus nichts anderes, als ein Wahrträumen desselben, dessen Gegenstände sich daher dem Intellekt anschaulich und leibhaftig darstellen, wie unsere Träume, weshalb die Somnambulen von einem Sehen derselben reden. Wir haben inzwischen an diesen Phänomenen, wie auch am spontanen Nachtwandeln, einen sicheren Beweis, dass auch jene geheimnisvolle, durch keinen Eindruck von aussen bedingte, uns durch den Traum vertraute Anschauung zur realen Aussenwelt im Verhältnis der Wahrnehmung stehen kann; obwohl der dies vermittelnde Zusammenhang mit derselben uns ein Rätsel bleibt. Was den gewöhnlichen, nächtlichen Traum vom Hellsehen, oder dem Schlafwachen überhaupt unterscheidet, ist erstlich die Abwesenheit jenes Verhältnisses zur Aussenwelt, also zur Realität; und zweitens, dass sehr oft eine Erinnerung von ihm ins Wachen übergeht, während aus dem somnambulen Schlaf eine solche nicht stattfindet. Diese beiden Eigenschaften könnten aber wohl zusammenhängen und aufeinander zurückzuführen sein. Nämlich auch der gewöhnliche Traum hinterlässt nur dann eine Erinnerung, wann wir unmittelbar aus ihm erwacht sind: dieselbe beruht also wahrscheinlich bloss darauf, dass das Erwachen aus dem natürlichen Schlafe sehr leicht erfolgt, weil er lange nicht so tief ist, wie der somnambule, aus welchem eben dieserhalb ein unmittelbares, also schnelles Erwachen nicht eintreten kann, sondern erst mittels eines langsamen und vermittelten Überganges die Rückkehr zum wachen Bewusstsein gestattet ist. Der somnambule Schlaf ist nämlich nur ein ungleich tieferer, stärker eingreifender, vollkommenerer, in welchem eben deshalb das Traumorgan zur Entwickelung seiner ganzen Fähigkeit gelangt, wodurch ihm die richtige Beziehung zur Aussenwelt, also das anhaltende und zusammenhängende Wahrträumen möglich wird. Wahrscheinlich hat ein solches auch bisweilen im gewöhnlichen Schlafe statt, aber gerade nur dann, wann er so tief ist, dass wir nicht unmittelbar aus ihm erwachen. Die Träume, aus denen wir erwachen, sind hingegen die des leichteren Schlafes: sie sind, auch im letzten Grunde, aus bloss somatischen, dem eigenen Organismus angehörigen Ursachen entsprungen, daher ohne Beziehung zur Aussenwelt. Dass es jedoch hievon Ausnahmen gibt, haben wir schon erkannt an den Träumen, welche die unmittelbare Umgebung des Schlafenden darstellen. Jedoch auch von Träumen, die das in der Ferne Geschehende, ja das Zukünftige verkündigen, gibt es ausnahmsweise eine Erinnerung, und zwar hängt diese hauptsächlich davon ab, dass wir unmittelbar aus einem solchen Traum erwachen. Dieserhalb hat, zu allen Zeiten und bei allen Völkern, die Annahme gegolten, dass es Träume von realer, objektiver Bedeutung gebe, und werden in der ganzen alten Geschichte die Träume sehr ernstlich genommen, so dass sie eine bedeutende Rolle darin spielen; dennoch sind die fatidiken Träume immer nur als seltene Ausnahmen, unter der zahllosen Menge leerer, bloss täuschender Träume, betrachtet worden. Demgemäss erzählt schon Homer (Od. XIX, 560) von zwei Eingangspforten der Träume, einer elfenbeinernen, durch welche die bedeutungslosen, und einer hörnernen, durch welche die fatidiken eintreten. Ein Anatom könnte vielleicht sich versucht fühlen, dies auf die weisse und graue Gehirnsubstanz zu deuten. Am öftesten bewähren sich als prophetisch solche Träume, welche sich auf den Gesundheitszustand des Träumenden beziehen, und zwar werden diese meistens Krankheiten, auch tödliche Unfälle vorherkünden, welches dem analog ist, dass auch die hellsehenden Somnambulen am häufigsten und sichersten den Verlauf ihrer eigenen Krankheit, nebst deren Krisen usw. vorhersagen. Nächstdem werden auch äussere Unfälle, wie Feuersbrünste, Pulverexplosionen, Schiffbrüche, besonders aber Todesfälle, bisweilen durch Träume angekündigt. Endlich aber werden auch andere, mitunter ziemlich geringfügige Begebenheiten von einigen Menschen haarklein vorhergeträumt, wovon ich selbst, durch eine unzweideutige Erfahrung, mich überzeugt habe. Ich will diese hersetzen, da sie zugleich die strenge Notwendigkeit alles Geschehenden, selbst des allerzufälligsten, in das hellste Licht stellt. An einem Morgen schrieb ich mit grossem Eifer einen langen und für mich sehr wichtigen, englischen Geschäftsbrief: als ich die dritte Seite fertig hatte, ergriff ich, statt des Streusands, das Tintenfass und goss es über den Brief aus: vom Pult floss die Tinte auf den Fussboden. Die auf mein Schellen herbeigekommene Magd holte einen Eimer Wasser und scheuerte damit den Fussboden, damit die Flecke nicht eindrängen. Während dieser Arbeit sagte sie zu mir: »mir hat diese Nacht geträumt, dass ich hier Tintenflecke aus dem Fussboden ausriebe.« Worauf ich: »Das ist nicht wahr.« Sie wiederum: »Es ist wahr, und habe ich es, nach dem Erwachen, der anderen, mit mir zusammen schlafenden Magd erzählt.«   Jetzt kommt zufällig diese andere Magd, etwa 17 Jahre alt, herein, die scheuernde abzurufen. Ich trete der Eintretenden entgegen und frage: »was hat der da diese Nacht geträumt?«   Antwort: »das weiss ich nicht.«   Ich wiederum: »Doch! sie hat es Dir ja beim Erwachen erzählt.«   Die junge Magd: »Ach ja, ihr hatte geträumt, dass sie hier Tintenflecke aus dem Fussboden reiben würde.«   Diese Geschichte, welche, da ich mich für die genaue Wahrheit derselben verbürge, die theorematischen Träume ausser Zweifel setzt, ist nicht minder dadurch merkwürdig, dass das Vorhergeträumte die Wirkung einer Handlung war, die man unwillkürlich nennen könnte, sofern ich sie ganz und gar gegen meine Absicht vollzog, und sie von einem ganz kleinen Fehlgriff meiner Hand abhing: dennoch war diese Handlung so strenge notwendig und unausbleiblich vorherbestimmt, dass ihre Wirkung, mehrere Stunden vorher, als Traum im Bewusstsein eines anderen dastand. Hier sieht man aufs deutlichste die Wahrheit meines Satzes: Alles was geschieht, geschieht notwendig. (Die beiden Grundprobleme der Ethik, S. 62; 2. Aufl. S. 60.)   Zur Zurückführung der prophetischen Träume auf ihre nächste Ursache bietet sich uns der Umstand dar, dass sowohl vom natürlichen, als auch vom magnetischen Somnambulismus und seinen Vorgängen bekanntlich keine Erinnerung im wachen Bewusstsein stattfindet, wohl aber bisweilen eine solche in die Träume des natürlichen, gewöhnlichen Schlafes, deren man sich nachher wachend erinnert, übergeht; so dass alsdann der Traum das Verbindungsglied, die Brücke, wird zwischen dem somnambulen und dem wachen Bewusstsein. Diesem also gemäss müssen wir die prophetischen Träume zuvörderst dem zuschreiben, dass im tiefen Schlafe das Träumen sich zu einem somnambulen Hellsehen steigert: da nun aber aus Träumen dieser Art in der Regel kein unmittelbares Erwachen und eben deshalb keine Erinnerung stattfindet; so sind die, eine Ausnahme hievon machenden und also das Kommende unmittelbar und sensu proprio vorbildenden Träume, welche die theorematischen genannt worden, die allerseltensten. Hingegen wird öfter von einem Traume solcher Art, wenn sein Inhalt dem Träumenden sehr angelegen ist, dieser sich eine Erinnerung dadurch zu erhalten imstande sein, dass er sie in den Traum des leichteren Schlafs, aus dem sich unmittelbar erwachen lässt, hinübernimmt: jedoch kann dieses alsdann nicht unmittelbar, sondern nur mittels Übersetzung des Inhalts in eine Allegorie geschehen, in deren Gewand gehüllt nunmehr der ursprüngliche, prophetische Traum ins wachende Bewusstsein gelangt, wo er folglich dann noch der Auslegung, Deutung, bedarf. Dies also ist die andere und häufigere Art der fatidiken Träume, die allegorische. Beide Arten hat schon Artemidoros in seinem Oneirokritikon, dem ältesten der Traumbücher, unterschieden und der ersteren Art den Namen der theorematischen gegeben. In dem Bewusstsein der stets vorhandenen Möglichkeit des oben dargelegten Herganges hat der keineswegs zufällige oder angekünstelte, sondern dem Menschen natürliche Hang, über die Bedeutung gehabter Träume zu grübeln, seinen Grund: aus ihm entsteht, wenn er gepflegt und methodisch ausgebildet wird, die Oneiromantik. Allein diese fügt die Voraussetzung hinzu, dass die Vorgänge im Traum eine feststehende, ein für allemal geltende Bedeutung hätten, über welche sich daher ein Lexikon machen liesse. Solches ist aber nicht der Fall: vielmehr ist die Allegorie dem jedesmaligen Objekt und Subjekt des dem allegorischen Traume zugrunde liegenden theorematischen Traumes eigens und individuell angepasst. Daher eben ist die Auslegung der allegorischen fatidiken Träume grösstenteils so schwer, dass wir sie meistens erst, nachdem ihre Verkündigung eingetroffen ist, verstehen, dann aber die ganz eigentümliche, dem Träumenden sonst völlig fremde, dämonische Schalkhaftigkeit des Witzes, mit welchem die Allegorie angelegt und ausgeführt worden, bewundern müssen: dass wir aber bis dahin diese Träume im Gedächtnis behalten, ist dem zuzuschreiben, dass sie durch ihre ausgezeichnete Anschaulichkeit, ja Leibhaftigkeit, sich tiefer einprägen, als die übrigen. Allerdings wird Übung und Erfahrung auch der Kunst, die Träume auszulegen, förderlich sein. Aber nicht Schuberts bekanntes Buch, an welchem nichts taugt, als bloss der Titel, sondern der alte Artemidoros ist es, aus dem man wirklich die » Symbolik des Traumes« kennen lernen kann, zumal aus seinen zwei letzten Büchern, wo er an Hunderten von Beispielen uns die Art und Weise, die Methode und den Humor fasslich macht, deren unsere träumende Allwissenheit sich bedient, um womöglich unserer wachenden Unwissenheit einiges beizubringen. Dies ist nämlich aus seinen Beispielen viel besser zu erlernen, als aus seinen vorhergängigen Theoremen und Regeln darüber.   Dass auch Shakespeare den besagten Humor der Sache vollkommen gefasst hatte, zeigt er im Heinrich VI., T. II, Akt 3, Sz. 2, wo, auf die ganz unerwartete Nachricht vom plötzlichen Tode des Herzogs von Gloster, der schurkische Kardinal Beaufort, der am besten weiss, wie es darum steht, ausruft: »Geheimnisvolles Gericht Gottes! mir träumte diese Nacht, der Herzog wäre stumm und könnte kein Wort reden Allegorische Wahrträume des Schultheissen Textor erzählt Goethe »Aus meinem Leben«, Teil 1. Buch I, S. 75 ff.

Hier nun ist die wichtige Bemerkung einzuschalten, dass wir das dargelegte Verhältnis zwischen dem theorematischen und dem ihn wiedergebenden allegorischen fatidiken Traume sehr genau wiederfinden in den Aussprüchen der alten griechischen Orakel. Auch diese nämlich, eben wie die fatidiken Träume, geben sehr selten ihre Aussage direkt und sensu proprio, sondern hüllen sie in eine Allegorie, die der Auslegung bedarf, ja oft erst, nachdem das Orakel in Erfüllung gegangen, verstanden wird, eben wie auch die allegorischen Träume. Aus zahlreichen Belegen führe ich bloss zur Bezeichnung der Sache an, dass z. B. im Herodot, III, 57, der Orakelspruch der Pythia die Siphner vor der hölzernen Schar und dem roten Herold warnt, worunter ein Samisches, einen Sendboten tragendes und rot angestrichenes Schiff zu verstehen war; was jedoch die Siphner weder sogleich, noch als das Schiff kam, verstanden haben, sondern erst hinterher. Ferner, im IV. Buch, Kap. 163, verwarnt das Orakel der Pythia den König Arkesilaos von Kyrene, dass wenn er den Brennofen voller Amphoren finden würde, er diese nicht ausbrennen, sondern fortschicken solle. Aber erst, nachdem er die Rebellen, welche sich in einen Turm geflüchtet hatten, in und mit diesem verbrannt hatte, verstand er den Sinn des Orakels und ihm ward Angst. Die vielen Fälle dieser Art deuten entschieden darauf hin, dass den Aussprüchen des Delphischen Orakels künstlich herbeigeführte fatidike Träume zugrunde lagen, und dass diese bisweilen bis zum deutlichsten Hellsehen gesteigert werden konnten, worauf dann ein direkter, sensu proprio redender Ausspruch erfolgte, bezeugt die Geschichte vom Krösus (Herodot I, 47, 48), der die Pythia dadurch auf die Probe stellte, dass seine Gesandten sie befragen mussten, was er gerade jetzt, am hundertsten Tage seit ihrer Abreise, fern von ihr in Lydien, vornähme und täte: worauf sie genau und richtig aussagte, was keiner als der König selbst wusste, dass er eigenhändig in einem ehernen Kessel mit ehernem Deckel Schildkröten- und Hammelfleisch zusammen koche.   Der angegebenen Quelle der Orakelsprüche der Pythia entspricht es, dass man sie auch medizinisch, wegen körperlicher Leiden konsultierte: davon ein Beispiel bei Herodot IV, 155.

Dem oben Gesagten zufolge sind die theorematischen fatidiken Träume der höchste und seltenste Grad des Vorhersehens im natürlichen Schlafe, die allegorischen der zweite, geringere. An diese nun schliesst sich noch, als letzter und schwächster Ausfluss aus derselben Quelle, die blosse Ahndung, das Vorgefühl. Dasselbe ist öfter trauriger, als heiterer Art; weil eben des Trübsals im Leben mehr ist, als der Freude. Eine finstere Stimmung, eine ängstliche Erwartung des Kommenden, hat sich nach dem Schlafe unserer bemächtigt, ohne dass eine Ursache dazu vorläge. Dies ist, der obigen Darstellung gemäss, daraus zu erklären, dass jenes Übersetzen des im tiefsten Schlafe dagewesenen, theorematischen, wahren, Unheil verkündenden Traumes, in einen allegorischen des leichteren Schlafs nicht gelungen und daher von jenem nichts im Bewusstsein zurückgeblieben ist, als sein Eindruck auf das Gemüt, d. h. den Willen selbst, diesen eigentlichen und letzten Kern des Menschen. Dieser Eindruck klingt nun nach, als weissagendes Vorgefühl, als finstere Ahndung. Bisweilen wird jedoch diese sich unserer erst dann bemächtigen, wenn die ersten, mit dem im theorematischen Traume gesehenen Unglück zusammenhängenden Umstände in der Wirklichkeit eintreten, z. B. wann einer das Schiff, welches untergehen soll, zu besteigen im Begriffe steht, oder wann er sich dem Pulverturm, der auffliegen soll, nähert: schon mancher ist dadurch, dass er alsdann der plötzlich aufsteigenden bangen Ahndung, der ihn befallenden inneren Angst, Folge leistete, gerettet worden. Wir müssen dies daraus erklären, dass aus dem theorematischen Traume, obwohl er vergessen ist, doch eine schwache Reminiszenz, eine dumpfe Erinnerung übrig geblieben, die zwar nicht vermag, ins deutliche Bewusstsein zu treten, aber deren Spur aufgefrischt wird durch den Anblick eben der Dinge in der Wirklichkeit, die im vergessenen Traume so entsetzlich auf uns gewirkt hatten. Dieser Art war auch das Dämonion des Sokrates, jene innere Warnungsstimme, die ihn, sobald er irgend etwas Nachteiliges zu unternehmen sich entschliessen wollte, davon abmahnte, immer jedoch nur ab-, nie zuratend. Eine unmittelbare Bestätigung der dargelegten Theorie der Ahndungen ist nur vermittelst des magnetischen Somnambulismus möglich, als welcher die Geheimnisse des Schlafes ausplaudert. Demgemäss finden wir eine solche in der bekannten »Geschichte der Auguste Müller zu Karlsruhe«. »Den 15. Dezember ward die Somnambule, in ihrem nächtlichen (magnetischen) Schlaf, eines unangenehmen, sie betreffenden Vorfalls inne, der sie sehr niederbeugte. Sie bemerkte zugleich: sie werde den ganzen folgenden Tag ängstlich und beklommen sein, ohne zu wissen warum.«   Ferner gibt eine Bestätigung dieser Sache der in der »Seherin von Prevorst« erzählte Eindruck, den gewisse, auf die somnambulen Vorgänge sich beziehende Verse, im Wachen, auf die von jenen jetzt nichts wissende Seherin machten. Auch in Kiesers »Tellurismus«, § 271, findet man Tatsachen, die auf diesen Punkt Licht werfen.

Hinsichtlich alles bisherigen ist es sehr wichtig, folgende Grundwahrheit wohl zu fassen und festzuhalten. Der magnetische Schlaf ist nur eine Steigerung des natürlichen; wenn man will, eine höhere Potenz desselben: es ist ein ungleich tieferer Schlaf. Diesem entsprechend ist das Hellsehen nur eine Steigerung des Träumens: es ist ein beständiges Wahrträumen, welches aber hier von aussen gelenkt und worauf man will gerichtet werden kann. Drittens ist denn auch die, in so vielen Krankheitsfällen bewährte, unmittelbar heilsame Einwirkung des Magnetismus nichts anderes, als eine Steigerung der natürlichen Heilkraft des Schlafs in allen. Ist doch dieser das wahre grosse Panakeion und zwar dadurch, dass allererst mittelst seiner die Lebenskraft, der animalischen Funktionen entledigt, völlig frei wird, um jetzt mit ihrer ganzen Macht als vis naturae medicatrix aufzutreten und in dieser Eigenschaft alle im Organismus eingerissenen Unordnungen wieder ins rechte Gleis zu bringen; weshalb auch überall das gänzliche Ausbleiben des Schlafs keine Genesung zulässt. Dies nun aber leistet der ungleich tiefere, magnetische Schlaf in viel höherem Grade, daher er auch, wann er, um grosse, bereits chronische Übel zu heben, von selbst eintritt, bisweilen mehrere Tage anhält, wie z. B. in dem vom Grafen Szapary veröffentlichten Fall; ja, in Russland einst eine schwindsüchtige Somnambule, in der allwissenden Krise, ihrem Arzte befahl, sie auf 9 Tage in Scheintod zu versetzen, während welcher Zeit alsdann ihre Lunge völliger Ruhe genoss und dadurch heilte, so dass sie vollkommen genesen erwacht ist. Da nun aber das Wesen des Schlafs in der Untätigkeit des Zerebralsystems besteht und sogar seine Heilsamkeit gerade daraus entspringt, dass dasselbe, mit seinem animalen Leben, jetzt keine Lebenskraft mehr beschäftigt und verzehrt, diese daher sich jetzt gänzlich dem organischen Leben zuwenden kann; so könnte es als seinem Hauptzweck widersprechend erscheinen, dass gerade im magnetischen Schlafe bisweilen eine überschwenglich gesteigerte Erkenntniskraft hervortritt, die ihrer Natur nach doch irgendwie eine Gehirntätigkeit sein muss. Allein zuvörderst müssen wir uns erinnern, dass dieser Fall nur eine seltene Ausnahme ist. Unter 20 Kranken, auf die der Magnetismus überhaupt wirkt, wird nur einer somnambul, d. h. vernimmt und spricht im Schlafe, und unter 5 Somnambulen wird kaum einer hellsehend. Wann der Magnetismus ohne einzuschläfern heilsam wirkt, so ist es bloss dadurch, dass er die Heilkraft der Natur weckt und auf den leidenden Teil hinlenkt. Ausserdem aber ist seine Wirkung zunächst nur ein überaus tiefer Schlaf, welcher traumlos ist, ja das Zerebralsystem dermassen depotenziert, dass weder Sinneseindrücke, noch Verletzungen irgend gefühlt werden; daher denn auch derselbe auf das wohltätigste benutzt worden ist, zu chirurgischen Operationen, aus welchem Dienste jedoch das Chloroform ihn verdrängt hat. Zum Hellsehen, dessen Vorstufe der Somnambulismus oder das Schlafreden ist, lässt die Natur es eigentlich nur dann kommen, wann ihre blindwirkende Heilkraft zur Beseitigung der Krankheit nicht ausreicht, sondern es der Hilfsmittel von aussen bedarf, welche nunmehr im hellsehenden Zustande vom Patienten selbst richtig verordnet werden. Also zu diesem Zweck des Selbstverordnens bringt sie das Hellsehen hervor: denn natura nihil facit frustra. Ihr Verfahren hierin ist dem analog und verwandt, welches sie im Grossen, bei der ersten Hervorbringung der Wesen, befolgt hat, als sie den Schritt vom Pflanzen- zum Tierreich tat: nämlich für die Pflanzen hatte noch die Bewegung auf blosse Reize ausgereicht; jetzt aber machten speziellere und kompliziertere Bedürfnisse, deren Gegenstände aufzusuchen, auszuwählen, ja zu überwältigen, oder gar zu überlisten waren, die Bewegung auf Motive und daher die Erkenntnis in vielfach abgestuften Graden nötig, welche demgemäss der eigentliche Charakter der Tierheit ist, das dem Tiere nicht zufällig, sondern wesentlich Eigene, das, was wir im Begriff des Tieres notwendig denken. Ich verweise hierüber auf mein Hauptwerk Bd. I, S. 170 ff.; ferner auf meine Ethik, S. 33, und auf den »Willen in der Natur« S. 54 ff. und 70-80. Also im einen, wie im andern Falle zündet die Natur sich ein Licht an, um so die Hilfe, deren der Organismus von aussen bedarf, aufsuchen und herbeischaffen zu können. Die Lenkung der nun also einmal entwickelten Sehergabe der Somnambule auf andere Dinge, als ihren eigenen Gesundheitszustand, ist bloss ein akzidenteller Nutzen, ja, eigentlich schon ein Missbrauch derselben. Ein solcher ist es auch, wenn man eigenmächtig, durch lange fortgesetztes Magnetisieren Somnambulismus und Hellsehen, gegen die Absicht der Natur, hervorruft. Wo diese hingegen wirklich erfordert sind, bringt die Natur sie nach kurzem Magnetisieren, ja, bisweilen als spontanen Somnambulismus, ganz von selbst hervor. Sie treten alsdann auf, wie schon gesagt, als ein Wahrträumen, zunächst nur der unmittelbaren Umgebung, dann in weiterem Kreise und immer weiter, bis dasselbe in den höchsten Graden des Hellsehens, alle Vorgänge auf Erden, wohin nur die Aufmerksamkeit gelenkt wird, erreichen kann, mitunter sogar in die Zukunft dringt. Mit diesen verschiedenen Stufen hält die Fähigkeit zur pathologischen Diagnose und zum therapeutischen Verordnen, zunächst für sich und abusive für andere, gleichen Schritt.

Auch beim Somnambulismus im ursprünglichen und eigentlichsten Sinne, also dem krankhaften Nachtwandeln, tritt ein solches Wahrträumen ein, hier jedoch nur für den unmittelbaren Verbrauch, daher bloss auf die nächste Umgebung sich erstreckend; weil eben schon hiermit der Zweck der Natur, in diesem Fall, erreicht wird. In solchem Zustande nämlich hat nicht, wie im magnetischen Schlaf, im spontanen Somnambulismus und in der Katalepsie, die Lebenskraft, als vis medicatrix, das animale Leben eingestellt, um auf das organische ihre ganze Macht verwenden und die darin eingerissenen Unordnungen aufheben zu können; sondern sie tritt hier, vermöge einer krankhaften Verstimmung, der am meisten das Alter der Pubertät unterworfen ist, als ein abnormes Übermass von Irritabilität auf, dessen nun die Natur sich zu entladen strebt, welches bekanntlich durch Wandeln, Arbeiten, Klettern, bis zu den halsbrechendsten Lagen und den gefährlichsten Sprüngen, alles im Schlafe, geschieht: da ruft denn die Natur zugleich, als den Wächter dieser so gefährlichen Schritte, jenes rätselhafte Wahrträumen hervor, welches sich hier aber, nur auf die nächste Umgebung erstreckt, da dieses hinreicht, den Unfällen vorzubeugen, welche die losgelassene Irritabilität, wenn sie blind wirkte, herbeiführen müsste. Dasselbe hat also hier nur den negativen Zweck, Schaden zu verhüten, während es beim Hellsehen den positiven hat, Hilfe von aussen aufzufinden: daher der grosse Unterschied im Umfang des Gesichtskreises.

So geheimnisvoll die Wirkung des Magnetisierens auch ist, so ist doch soviel klar, dass sie zunächst im Einstellen der animalischen Funktionen besteht, indem die Lebenskraft vom Gehirn, welches ein blosser Pensionär oder Parasit des Organismus ist, abgelenkt, oder vielmehr zurückgedrängt wird zum organischen Leben, als ihrer primitiven Funktion, weil jetzt daselbst ihre ungeteilte Gegenwart und ihre Wirksamkeit als vis medicatrix erfordert ist. Innerhalb des Nervensystems, also des ausschliesslichen Sitzes alles irgend sensibeln Lebens, wird aber das organische Leben repräsentiert und vertreten durch den Lenker und Beherrscher seiner Funktionen, den sympathischen Nerven und dessen Ganglien; daher man den Vorgang auch als ein Zurückdrängen der Lebenskraft vom Gehirn zu diesem hin ansehen, überhaupt aber auch beide als einander entgegengesetzte Pole auffassen kann, nämlich das Gehirn, nebst den ihm anhängenden Organen der Bewegung, als den positiven und bewussten Pol; den sympathischen Nerven, mit seinen Gangliengeflechten, als den negativen und unbewussten Pol. In diesem Sinne nun liesse sich folgende Hypothese über den Hergang beim Magnetisieren aufstellen. Es ist ein Einwirken des Gehirnpols (also des äusseren Nervenpols) des Magnetiseurs auf den gleichnamigen des Patienten, wirkt demnach, dem allgemeinen Polaritätsgesetze gemäss, auf diesen repellierend, wodurch die Nervenkraft auf den andern Pol des Nervensystems, den inneren, das Bauchgangliensystem, zurückgedrängt wird. Daher sind Männer, als bei denen der Gehirnpol überwiegt, am tauglichsten zum Magnetisieren; hingegen Weiber, als bei denen das Gangliensystem vorwaltet, am tauglichsten zum Magnetisiertwerden und dessen Folgen. Wäre es möglich, dass das weibliche Gangliensystem ebenso auf das männliche, also auch repellierend, einwirken könnte, so müsste, durch den umgekehrten Prozess, ein abnorm erhöhtes Gehirnleben, ein temporäres Genie, entstehen. Dies ist nicht ausführbar, weil das Gangliensystem nicht fähig ist, nach aussen zu wirken. Hingegen liesse sich wohl als ein, durch Wirken ungleichnamiger Pole aufeinander, attrahierendes Magnetisieren, das Baquet betrachten, so dass die mit demselben, durch zur Herzgrube gehende, eiserne Stäbe und wollene Schnüre, verbundenen sympathischen Nerven aller umhersitzenden Patienten, mit vereinter und durch die organische Masse des Baquets erhöhter Kraft wirkend, den einzelnen Gehirnpol eines jeden von ihnen an sich zögen, also das animale Leben depotenzierten, es untergehen lassend in den magnetischen Schlaf aller;   dem Lotus zu vergleichen, der abends sich in die Flut versenkt. Diesem entspricht auch, dass, als man einst die Leiter des Baquets, statt an die Herzgrube, an den Kopf gelegt hatte, heftige Kongestion und Kopfschmerz die Folge war. Dass im siderischen Baquet, die blossen, unmagnetisierten Metalle dieselbe Kraft ausüben, scheint damit zusammenzuhängen, dass das Metall das Einfachste, Ursprünglichste, die tiefste Stufe der Objektivation des Willens, folglich dem Gehirn, als der höchsten Entwickelung dieser Objektivation, gerade entgegengesetzt, also das von ihm Entfernteste ist, zudem die grösste Masse im kleinsten Raum darbietet. Es ruft demnach den Willen zu seiner Ursprünglichkeit zurück und ist dem Gangliensystem verwandt, wie umgekehrt das Licht dem Gehirn: daher scheuen die Somnambulen die Berührung der Metalle mit den Organen des bewussten Pols. Das Metall- und Wasserfühlen der hiezu Organisierten findet ebenfalls darin seine Erklärung.   Wenn beim gewöhnlichen, magnetisierten Baquet, das Wirkende die mit demselben verbundenen Gangliensysteme aller um dasselbe versammelten Patienten sind, welche mit vereinter Kraft die Gehirnpole herabziehen; so gibt dies auch eine Anleitung zur Erklärung der Ansteckung des Somnambulismus überhaupt, wie auch der ihr verwandten Mitteilung der gegenwärtigen Aktivität des zweiten Gesichts, durch Anstossen der damit Begabten untereinander, und der Mitteilung, folglich der Gemeinschaft, der Visionen überhaupt.

Wollte man aber von der obigen, die Polaritätsgesetze zugrunde legenden Hypothese über den Hergang beim aktiven Magnetisieren eine noch kühnere Anwendung sich erlauben, so liesse sich daraus, wenn auch nur schematisch, ableiten, wie in den höheren Graden des Somnambulismus der Rapport so weit gehen kann, dass die Somnambule aller Gedanken, Kenntnisse, Sprachen, ja aller Sinnesempfindungen des Magnetiseurs teilhaft wird, also in seinem Gehirn gegenwärtig ist, während hingegen sein Wille unmittelbaren Einfluss auf sie hat und sie so sehr beherrscht, dass er sie festbannen kann. Nämlich bei dem jetzt gebräuchlichsten galvanischen Apparat, wo die beiden Metalle in zweierlei durch Tonwände getrennte Säuren eingesenkt sind, geht der positive Strom, durch diese Flüssigkeiten hindurch, vom Zink zum Kupier und dann ausserhalb derselben, an der Elektrode, vom Kupfer zum Zink zurück. Diesem also analog ginge der positive Strom der Lebenskraft, als Wille des Magnetiseurs, von dessen Gehirn zu dem der Somnambule, sie beherrschend und ihre im Gehirn das Bewusstsein hervorbringende Lebenskraft zurücktreibend zum sympathischen Nerven, also der Magengegend, ihrem negativen Pol: dann aber ginge derselbe Strom von hier weiter in den Magnetiseur zurück, zu seinem positiven Pol, dem Gehirn desselben, woselbst er dessen Gedanken und Empfindungen antrifft, deren dadurch jetzt die Somnambule teilhaft wird. Das sind freilich sehr gewagte Annahmen: aber bei so durchaus unerklärten Dingen, wie die, welche hier unser Problem sind, ist jede Hypothese, die zu irgend einem, wenn auch nur schematischen, oder analogischen Verständnis derselben führt, zulässig.

Das überschwängliche Wunderbare, und daher, bis es durch die Übereinstimmung hundertfältiger, glaubwürdigster Zeugnisse bekräftigt war, schlechthin Unglaubliche des somnambulen Hellsehens, als welchem das Verdeckte, das Abwesende, das weit Entfernte, ja das noch im Schosse der Zukunft Schlummernde offen liegt, verliert wenigstens seine absolute Unbegreiflichkeit, wenn wir wohl erwägen, dass, wie ich so oft gesagt habe, die objektive Welt ein blosses Gehirnphänomen ist: denn die auf Raum, Zeit und Kausalität (als Gehirnfunktionen) beruhende Ordnung und Gesetzmässigkeit desselben ist es, die im somnambulen Hellsehen in gewissem Grade beseitigt wird. Nämlich infolge der Kantischen Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit begreifen wir, dass das Ding an sich, also das allein wahrhaft Reale in allen Erscheinungen, als frei von jenen beiden Formen des Intellekts, den Unterschied von Nähe und Ferne, von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht kennt; daher die auf jenen Anschauungsformen beruhenden Trennungen sich nicht als absolute erweisen, sondern für die in Rede stehende, durch Umgestaltung ihres Organs im wesentlichen veränderte Erkenntnisweise, keine unübersteigbare Schranken mehr darbieten. Wären hingegen Zeit und Raum absolut real und dem Wesen an sich der Dinge angehörig; dann wäre allerdings jene Sehergabe der Somnambulen, wie überhaupt alles Fernsehen und Vorhersehen, ein schlechthin unbegreifliches Wunder. Andererseits erhält sogar durch die hier in Rede stehenden Tatsachen Kants Lehre gewissermassen eine faktische Bestätigung. Denn, ist die Zeit keine Bestimmung des eigentlichen Wesens der Dinge, so ist, hinsichtlich auf dieses, Vor und Nach ohne Bedeutung: demgemäss also muss eine Begebenheit ebensowohl erkannt werden können, ehe sie geschehen, als nachher. Jede Mantik, sei es im Traum, im somnambulen Vorhersehen, im zweiten Gesicht, oder wie noch etwa sonst, besteht nur im Auffinden des Wegs zur Befreiung der Erkenntnis von der Bedingung der Zeit.   Auch lässt die Sache sich in folgendem Gleichnis veranschaulichen. Ding an sich ist das primum mobile in dem Mechanismus, der dem ganzen, komplizierten und bunten. Spielwerk dieser Welt seine Bewegung erteilt. Jenes muss daher von anderer Art und Beschaffenheit sein, als dieses. Wir sehen wohl den Zusammenhang der einzelnen Teile des Spielwerks, in den absichtlich zutage gelegten Hebeln und Rädern (Zeitfolge und Kausalität): aber das, was diesen allen die erste Bewegung erteilt, sehen wir nicht. Wenn ich nun lese, wie hellsehende Somnambule das Zukünftige so lange vorher und so genau verkünden, so kommt es mir vor, als wären sie zu dem da hinten verborgenen Mechanismus gelangt, von dem alles ausgeht, und woselbst daher schon jetzt und gegenwärtig das ist, was äusserlich, d. h. durch unser optisches Glas Zeit gesehen, erst als künftig und kommend sich darstellt.

Überdies hat nun derselbe animalische Magnetismus, dem wir diese Wunder verdanken, uns auch ein unmittelbares Wirken des Willens auf andere und in die Ferne auf mancherlei Weise beglaubigt: ein solches aber ist gerade der Grundcharakter dessen, was der verrufene Namen der Magie bezeichnet. Denn diese ist ein von den kausalen Bedingungen des physischen Wirkens, also des Kontakts, im weitesten Sinne des Worts, befreites, unmittelbares Wirken unseres Willens selbst; wie ich dies in einem eigenen Kapitel dargelegt habe in der Schrift »Über den Willen in der Natur«. Das magische verhält sich daher zum physischen Wirken, wie die Mantik zur vernünftigen Konjektur: es ist wirkliche und gänzliche actio in distans, wie die echte Mantik, z. B. das somnambule Hellsehen, passio a distante ist. Wie in diesem die individuelle Isolation der Erkenntnis, so ist in jener die individuelle Isolation des Willens aufgehoben. In beiden leisten wir daher unabhängig von den Beschränkungen, welche Raum, Zeit und Kausalität herbeiführen, was wir sonst und alltäglich nur unter diesen vermögen. In ihnen hat also unser innerstes Wesen oder das Ding an sich, jene Formen der Erscheinung abgestreift und tritt frei von ihnen hervor. Daher ist auch die Glaubwürdigkeit der Mantik der der Magie verwandt und ist der Zweifel an beiden stets zugleich gekommen und gewichen.

Animalischer Magnetismus, sympathetische Kuren, Magie, zweites Gesicht, Wahrträumen, Geistersehen und Visionen aller Art sind verwandte Erscheinungen, Zweige eines Stammes, und geben sichere, unabweisbare Anzeige von einem Nexus der Wesen, der auf einer ganz andern Ordnung der Dinge beruht, als die Natur ist, als welche zu ihrer Basis die Gesetze des Raumes, der Zeit und der Kausalität hat; während jene andere Ordnung eine tiefer liegende, ursprünglichere und unmittelbarere ist, daher vor ihr die ersten und allgemeinsten, weil rein formalen Gesetze der Natur ungültig sind, demnach Zeit und Raum die Individuen nicht mehr trennen und die eben auf jenen Formen beruhende Vereinzelung und Isolation derselben nicht mehr der Mitteilung der Gedanken und dem unmittelbaren Einfluss des Willens unübersteigbare Grenzen setzt; so dass Veränderungen herbeigeführt werden auf einem ganz andern Wege, als dem der physischen Kausalität und der zusammenhängenden Kette ihrer Glieder, nämlich bloss vermöge eines auf besondere Weise an den Tag gelegten und dadurch über das Individuum hinaus potenzierten Willensaktes. Demgemäss ist der eigentümliche Charakter sämtlicher, hier in Rede stehender, animaler Phänomene visio in distans et actio in distans, sowohl der Zeit als dem Räume nach.

Beiläufig gesagt, ist der wahre Begriff der actio in distans dieser, dass der Raum zwischen dem Wirkenden und dem Bewirkten, er sei voll oder leer, durchaus keinen Einfluss auf die Wirkung habe,   sondern es völlig einerlei sei, ob er einen Zoll, oder eine Billion Uranusbahnen beträgt. Denn, wenn die Wirkung durch die Entfernung irgend geschwächt wird, so ist es, entweder weil eine den Raum bereits füllende Materie dieselbe fortzupflanzen hat und daher, vermöge ihrer stetigen Gegenwirkung, sie, nach Massgabe der Entfernung schwächt; oder auch, weil die Ursache selbst bloss in einer materiellen Ausströmung besteht, die sich im Raum verbreitet und also desto mehr verdünnt, je grösser dieser ist. Hingegen kann der leere Raum selbst auf keine Weise widerstehen und die Kausalität schwächen. Wo also die Wirkung nach Massgabe ihrer Entfernung vom Ausgangspunkte ihrer Ursache abnimmt, wie die des Lichtes, der Gravitation, des Magneten usw., da ist keine actio in distans; und ebensowenig da, wo sie durch die Entfernung auch nur verspätet wird. Denn das Bewegliche im Raum ist allein die Materie: diese müsste also der den Weg zurücklegende Träger einer solchen Wirkung sein und demgemäss erst wirken, nachdem sie angekommen, mithin erst beim Kontakt, folglich nicht in distans.

Hingegen die hier in Rede stehenden und oben als Zweige eines Stammes aufgezählten Phänomene haben, wie gesagt, gerade die actio in distans und passio a distante zum spezifischen Kennzeichen. Hiedurch aber liefern sie, wie auch schon erwähnt, zunächst eine so unerwartete, wie sichere faktische Bestätigung der Kantischen Grundlehre vom Gegensatz der Erscheinung und des Dinges an sich, und dem der Gesetze beider. Die Natur und ihre Ordnung ist nämlich, nach Kant, blosse Erscheinung: als den Gegensatz derselben sehen wir alle hier in Rede stehenden, magisch zu benennenden Tatsachen unmittelbar im Dinge an sich wurzeln und in der Erscheinungswelt Phänomene herbeiführen, die, gemäss den Gesetzen dieser, nie zu erklären sind, daher mit Recht geleugnet wurden, bis hundertfältige Erfahrung dies nicht länger zuliess. Aber nicht nur die Kantische, sondern auch meine Philosophie erhält durch die nähere Untersuchung dieser Tatsachen eine wichtige Bestätigung in dem Fakto, dass in allen jenen Phänomenen das eigentliche Agens allein der Wille ist; wodurch dieser sich als das Ding an sich kundgibt. Von dieser Wahrheit demnach, auf seinem empirischen Wege, ergriffen, betitelt ein bekannter Magnetiseur, der ungarische Graf Szapary, welcher augenscheinlich von meiner Philosophie nichts, und vielleicht auch von aller nicht viel weiss, in seiner Schrift »Ein Wort über den animalischen Magnetismus«, Leipzig 1840, gleich die erste Abhandlung: »Physische Beweise, dass der Wille das Prinzip alles geistigen und körperlichen Lebens sei.«

Überdies nun aber und davon ganz abgesehen, geben die besagten Phänomene jedenfalls eine faktische und vollkommen sichere Widerlegung nicht nur des Materialismus, sondern auch des Naturalismus, wie ich diesen, Kap. 17 des 2. Bandes meines Hauptwerkes, als die auf den Thron der Metaphysik gesetzte Physik geschildert habe; indem sie die Ordnung der Natur, welche die genannten beiden Ansichten als die absolute und einzige geltend machen wollen, nachweisen als eine rein phänomenale und demnach bloss oberflächliche, welcher das von ihren Gesetzen unabhängige Wesen der Dinge an sich selbst zugrunde liegt. Die in Rede stehenden Phänomene aber sind, wenigstens vom philosophischen Standpunkte aus, unter allen Tatsachen, welche die gesamte Erfahrung uns darbietet, ohne allen Vergleich, die wichtigsten; daher sich mit ihnen gründlich bekannt zu machen die Pflicht eines jeden Gelehrten ist.

Diese Erörterung zu erläutern, diene noch folgende allgemeinere Bemerkung. Der Gespensterglaube ist dem Menschen angeboren: er findet sich zu allen Zeiten und in allen Ländern, und vielleicht ist kein Mensch ganz frei davon. Der grosse Haufe und das Volk, wohl aller Länder und Zeiten, unterscheidet Natürliches und Übernatürliches, als zwei grundverschiedene, jedoch zugleich vorhandene Ordnungen der Dinge. Dem Übernatürlichen schreibt er Wunder, Weissagungen, Gespenster und Zauberei unbedenklich zu, lässt aber überdies auch wohl gelten, dass überhaupt nichts durch und durch bis auf den letzten Grund natürlich sei, sondern die Natur selbst auf einem Übernatürlichen beruhe. Daher versteht das Volk sich sehr wohl, wann es fragt: »geht das natürlich zu oder nicht?« Im wesentlichen fällt nun diese populäre Unterscheidung zusammen mit der Kantischen zwischen Erscheinung und Ding an sich; nur dass diese die Sache genauer und richtiger bestimmt, nämlich dahin, dass Natürliches und Übernatürliches nicht zwei verschiedene und getrennte Arten von Wesen sind, sondern eines und dasselbe, welches an sich genommen übernatürlich zu nennen ist, weil erst indem es erscheint, d. h. in die Wahrnehmung unseres Intellekts tritt und daher in dessen Formen eingeht, die Natur sich darstellt, deren phänomenale Gesetzmässigkeit es eben ist, die man unter dem Natürlichen versteht. Ich nun wieder, meinesteils, habe nur Kants Ausdruck verdeutlicht, als ich die »Erscheinung« geradezu Vorstellung genannt habe. Und wenn man nun noch beachtet, dass, so oft, in der Kritik der reinen Vernunft und den Prolegomenen, Kants Ding an sich aus dem Dunkel, in welchem er es hält, nur ein wenig hervortritt, es sogleich sich als das moralisch Zurechnungsfähige in uns, also als den Willen zu erkennen gibt; so wird man auch einsehen, dass ich, durch Nachweisung des Willens als des Dinges an sich, ebenfalls bloss Kants Gedanken verdeutlicht und durchgeführt habe.

Der animalische Magnetismus ist, freilich nicht vom ökonomischen und technologischen, aber wohl vom philosophischen Standpunkte aus betrachtet, die inhaltschwerste aller jemals gemachten Entdeckungen; wenn er auch einstweilen mehr Rätsel aufgibt, als löst. Er ist wirklich die praktische Metaphysik, wie schon Bako von Verulam die Magie definiert: er ist gewissermassen eine Experimentalmetaphysik: denn die ersten und allgemeinsten Gesetze der Natur werden von ihm beseitigt; daher er das sogar a priori für unmöglich erachtete möglich macht. Wenn nun aber schon in der blossen Physik die Experimente und Tatsachen uns noch lange nicht die richtige Einsicht eröffnen, sondern hiezu die oft sehr schwer zu findende Auslegung derselben erfordert ist; wie viel mehr wird dies der Fall sein bei den mysteriösen Tatsachen jener empirisch hervortretenden Metaphysik! Die rationale, oder theoretische Metaphysik wird also mit derselben gleichen Schritt halten müssen, damit die hier aufgefundenen Schätze gehoben werden. Dann aber wird eine Zeit kommen, wo Philosophie, animalischer Magnetismus und die in allen ihren Zweigen beispiellos vorgeschrittene Naturwissenschaft gegenseitig ein so helles Licht auf einander werfen, dass Wahrheiten zutage kommen werden, welche zu erreichen man ausserdem nicht hoffen durfte. Nur denke man hierbei nicht an die metaphysischen Aussagen und Lehren der Somnambulen: diese sind meistens armselige Ansichten, entsprungen aus den von der Somnambule erlernten Dogmen und deren Mischung mit dem, was sie im Kopf ihres Magnetiseurs vorfindet; daher keiner Beachtung wert.

Auch zu Aufschlüssen über die zu allen Zeiten so hartnäckig behaupteten, wie beharrlich geleugneten Geistererscheinungen sehen wir durch den Magnetismus den Weg geöffnet: allein ihn richtig zu treffen wird dennoch nicht leicht sein; wiewohl er irgendwo in der Mitte liegen muss zwischen der Leichtgläubigkeit unseres sonst sehr achtungswerten und verdienstvollen Justinus Kerner und der, jetzt wohl nur noch in England herrschenden, Ansicht, die keine andere, als eine mechanische Naturordnung zulässt, um nur alles darüber Hinausgehende desto sicherer bei einem von der Welt ganz verschiedenen, persönlichen Wesen, welches nach Willkür mit ihr schaltet, unterbringen und konzentrieren zu können.

Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, dass Traum, somnambules Wahrnehmen, Hellsehen, Vision, Zweites Gesicht und etwaiges Geistersehen, nahe verwandte Erscheinungen sind. Das Gemeinsame derselben ist, dass wir, ihnen verfallen, eine sich objektiv darstellende Anschauung durch ein ganz anderes Organ, als im gewöhnlichen wachen Zustande, erhalten; nämlich nicht durch die äusseren Sinne, dennoch aber ganz und genau ebenso, wie mittelst dieser: ich habe solches demnach das Traumorgan genannt. Was sie hingegen voneinander unterscheidet, ist die Verschiedenheit ihrer Beziehung zu der durch die Sinne wahrnehmbaren, empirisch-realen Aussenwelt. Diese nämlich ist beim Traum, in der Regel, gar keine, und sogar bei den seltenen fatidiken Träumen doch meistens nur eine mittelbare und entfernte, sehr selten eine direkte: hingegen ist jene Beziehung bei der somnambulen Wahrnehmung und dem Hellsehen, wie auch beim Nachtwandeln, eine unmittelbare und ganz richtige; bei der Vision und dem etwaigen Geistersehen eine problematische.   Nämlich das Schauen von Objekten im Traum ist anerkannt illusorisch, also eigentlich ein bloss subjektives, wie das in der Phantasie: dieselbe Art der Anschauung aber wird, im Schlafwachen und im Somnambulismus, eine völlig und richtig objektive; ja, sie erhält im Hellsehen gar einen, den des Wachenden unvergleichbar weit übertreffenden Gesichtskreis. Wenn sie nun aber hier sich auf die Phantome der Abgeschiedenen erstreckt, so will man sie wieder bloss als ein subjektives Schauen gelten lassen. Dies ist indessen der Analogie dieser Fortschreitung nicht gemäss, und nur soviel lässt sich behaupten, dass jetzt Objekte geschaut werden, deren Dasein durch die gewöhnliche Anschauung des dabei etwa gegenwärtigen Wachenden nicht beglaubigt wird; während auf der zunächst vorhergegangenen Stufe es solche waren, die der Wache erst in der Ferne aufzusuchen, oder der Zeit nach abzuwarten hat. Aus dieser Stufe nämlich kennen wir das Hellsehen als eine Anschauung, die sich auch auf das erstreckt, was der wachen Gehirntätigkeit nicht unmittelbar zugänglich, dennoch aber real vorhanden und wirklich ist: wir dürfen daher jenen Wahrnehmungen, denen die wache Anschauung auch mittelst Zurücklegung eines Raumes oder einer Zeit nicht nachkommen kann, die objektive Realität wenigstens nicht sogleich und ohne weiteres absprechen. Ja, der Analogie nach, dürfen wir sogar vermuten, dass ein Anschauungsvermögen, welches sich auf das wirklich Zukünftige und noch gar nicht Vorhandene erstreckt, auch wohl das einst Dagewesene, nicht mehr Vorhandene, als gegenwärtig wahrzunehmen fähig sein könnte. Zudem ist noch nicht ausgemacht, dass die in Rede stehenden Phantome nicht auch in das wache Bewusstsein gelangen können. Am häufigsten werden sie wahrgenommen im Zustande des Schlafwachens, also wo man die unmittelbare Umgebung und Gegenwart, wiewohl träumend, richtig erblickt: da nun hier alles, was man sieht, objektiv real ist; so haben die darin auftretenden Phantome die Präsumption der Realität zunächst für sich.

Nun aber lehrt überdies die Erfahrung, dass die Funktion des Traumorgans, welche in der Regel den leichteren, gewöhnlichen, oder aber den tieferen magnetischen Schlaf zur Bedingung ihrer Tätigkeit hat, ausnahmsweise auch bei wachem Gehirne zur Ausübung gelangen kann, also dass jenes Auge, mit welchem wir die Träume sehen, auch wohl einmal im Wachen aufgehen kann. Alsdann stehen Gestalten vor uns, die denen, welche durch die Sinne ins Gehirn kommen, so täuschend gleichen, dass sie mit diesen verwechselt und dafür gehalten werden, bis sich ergibt, dass sie nicht Glieder des jene alle verknüpfenden, im Kausalnexus bestehenden Zusammenhangs der Erfahrung sind, den man unter dem Namen der Körperwelt begreift; was nun entweder sogleich, auf Anlass ihrer Beschaffenheit, oder aber erst hinterher an den Tag kommt. Einer so sich darstellenden Gestalt nun wird, je nach dem, worin sie ihre entferntere Ursache hat, der Name einer Halluzination, einer Vision, eines zweiten Gesichts, oder einer Geistererscheinung zukommen. Denn ihre nächste Ursache muss allemal im Innern des Organismus liegen, indem, wie oben gezeigt, eine von innen ausgehende Einwirkung es ist, die das Gehirn zu einer anschauenden Tätigkeit erregt, welche, es ganz durchdringend, sich bis auf die Sinnesnerven erstreckt, wodurch alsdann die sich so darstellenden Gestalten sogar Farbe und Glanz, auch Ton und Stimme der Wirklichkeit erhalten. Im Fall dies jedoch unvollkommen geschieht, werden sie nur schwach gefärbt, blass, grau und fast durchsichtig erscheinen, oder auch wird, dem analog, wenn sie für das Gehör da sind, ihre Stimme verkümmert sein, hohl, leise, heiser oder zirpend klingen. Wenn der Seher derselben eine geschärfte Aufmerksamkeit auf sie richtet, pflegen sie zu verschwinden; weil die dem äusseren Eindrucke sich jetzt mit Anstrengung zuwendenden Sinne nun diesen wirklich empfangen, der, als der stärkere und in entgegengesetzter Richtung geschehend, jene ganze, von innen kommende Gehirntätigkeit überwältigt und zurückdrängt. Eben um diese Kollision zu vermeiden geschieht es, dass bei Visionen das innere Auge die Gestalten soviel wie möglich dahin projiziert, wo das äussere nichts sieht, in finstere Winkel, hinter Vorhänge, die plötzlich durchsichtig werden, und überhaupt in die Dunkelheit der Nacht, als welche bloss darum die Geisterzeit ist, weil Finsternis, Stille und Einsamkeit, die äusseren Eindrücke aufhebend, jener von innen ausgehenden Tätigkeit des Gehirns Spielraum gestatten; so dass man, in dieser Hinsicht, dieselbe dem Phänomene der Phosphoreszenz vergleichen kann, als welches auch durch Dunkelheit bedingt ist. In lauter Gesellschaft und beim Scheine vieler Kerzen ist die Mitternacht keine Geisterstunde. Aber die finstere, stille und einsame Mitternacht ist es; weil wir schon instinktmässig in ihr den Eintritt von Erscheinungen fürchten, die sich als ganz äusserlich darstellen, wenngleich ihre nächste Ursache in uns selbst liegt: sonach fürchten wir dann eigentlich uns selbst. Daher nimmt, wer den Eintritt solcher Erscheinungen befürchtet, Gesellschaft zu sich.

Obgleich nun die Erfahrung lehrt, dass die Erscheinungen der ganzen hier in Rede stehenden Art allerdings im Wachen statthaben, wodurch gerade sie sich von den Träumen unterscheiden; so bezweifle ich doch noch, dass dieses Wachen ein im strengsten Sinne vollkommenes sei; da schon die hiebei notwendige Verteilung der Vorstellungskraft des Gehirns zu heischen scheint, dass wenn das Traumorgan sehr tätig ist, dies nicht ohne einen Abzug von der normalen Tätigkeit, also nur unter einer gewissen Depotenzierung des wachen, nach aussen gerichteten Sinnesbewusstseins geschehen kann: wonach ich vermute, dass, während einer solchen Erscheinung, das zwar allerdings wache Bewusstsein doch gleichsam mit einem ganz leichten Flor überschleiert ist, wodurch es eine gewisse, wiewohl schwache, traumartige Färbung erhält. Hieraus wäre zunächst erklärlich, dass die, welche wirklich dergleichen Erscheinungen gehabt haben, nie vor Schreck darüber gestorben sind; während hingegen falsche, künstlich veranstaltete Geistererscheinungen bisweilen diese Wirkung gehabt haben. Ja in der Regel verursachen die wirklichen Visionen dieser Art gar keine Furcht; sondern erst hinterher, beim Nachdenken darüber, stellt sich einiges Grausen ein: dies mag freilich auch daran liegen, dass sie, während ihrer Dauer, für leibhaftige Menschen gehalten werden, und erst hinterher sich zeigt, dass sie das nicht sein konnten. Doch glaube ich, dass die Abwesenheit der Furcht, welche sogar ein charakteristisches Kennzeichen wirklicher Visionen dieser Art ist, hauptsächlich aus dem oben angegebenen Grunde entspringt, indem man, obwohl wach, doch von einer Art Traumbewusstsein leicht umflort ist, also sich in einem Element befindet, dem der Schreck über unkörperliche Erscheinungen wesentlich fremd ist, eben weil in demselben das Objektive vom Subjektiven nicht so schroff geschieden ist, wie bei der Einwirkung der Körperwelt. Dies findet eine Bestätigung an der unbefangenen Art, mit welcher die Seherin von Prevorst ihres Geisterumganges pflegt: z. B. Bd. 2, S. 120 (erste Aufl.) lässt sie ganz ruhig einen Geist dastehen und warten, bis sie ihre Suppe gegessen hat. Auch sagt J. Kerner selbst, an mehreren Stellen, dass sie zwar wach zu sein schien, aber es doch nie ganz war; was mit ihrer eigenen Äusserung, dass sie jedesmal, wenn sie Geister sehe, ganz wach sei, allenfalls noch zu vereinigen sein möchte.

Von allen dergleichen, im wachen Zustande eintretenden Anschauungen mittelst des Traumorgans, welche uns völlig objektive und den Anschauungen mittelst der Sinne gleichkommende Erscheinungen vorhalten, muss, wie gesagt, die nächste Ursache stets im Innern des Organismus liegen, wo dann irgend eine ungewöhnliche Veränderung es ist, welche mittelst des, dem Zerebralsystem schon verwandten vegetativen Nervensystems, also des sympathischen Nerven und seiner Ganglien, auf das Gehirn wirkt; durch welche Einwirkung nun aber dieses immer nur in die ihm natürliche und eigentümliche Tätigkeit der objektiven, Raum, Zeit und Kausalität zur Form habenden, Anschauung versetzt werden kann, gerade so wie durch die Einwirkung, welche von aussen auf die Sinne geschieht; daher es diese seine normale Funktion jetzt ebenfalls ausübt.   Sogar aber dringt die nun so von innen erregte, anschauende Tätigkeit des Gehirns bis zu den Sinnesnerven durch, welche demnach jetzt ebenfalls von innen, wie sonst von aussen, zu den ihnen spezifischen Empfindungen angeregt, die erscheinenden Gestalten mit Farbe, Klang, Geruch usw. ausstatten und dadurch ihnen die vollkommene Objektivität und Leibhaftigkeit des sinnlich Wahrgenommenen verleihen. Eine beachtenswerte Bestätigung erhält diese Theorie der Sache durch folgende Angabe einer hellsehenden Somnambule Heinekens über die Entstehung der somnambulen Anschauung: »in der Nacht war ihr, nach einem ruhigen, natürlichen Schlafe, auf einmal deutlich geworden, das Licht entwickelte sich aus dem Hinterkopfe, ströme von da nach dem Vorderkopfe, komme dann zu den Augen, und mache nun die umstehenden Gegenstände sichbar: durch dieses dem Dämmerlichte ähnliche Licht habe sie alles um sich her deutlich gesehen und erkannt.« Die dargelegte nächste Ursache solcher im Gehirn von innen aus erregten Anschauungen muss aber selbst wieder eine haben, welche demnach die entferntere Ursache jener ist. Wenn wir nun finden sollten, dass diese nicht jedesmal bloss im Organismus, sondern bisweilen auch ausserhalb desselben zu suchen sei, so würde in letzterem Fall jenem Gehirnphänomene, welches, bis hieher, als so subjektiv wie die blossen Träume, ja nur als ein wacher Traum sich darstellt, die reale Objektivität, d. h. die wirklich kausale Beziehung auf etwas ausser dem Subjekt Vorhandenes, von einer ganz andern Seite aus, wieder gesichert werden, also gleichsam durch die Hintertüre wieder hereinkommen.   Ich werde demnach jetzt die entfernteren Ursachen jenes Phänomens, soweit sie uns bekannt sind, aufzählen; wobei ich zunächst bemerke, dass, so lange diese allein innerhalb des Organismus liegen, das Phänomen mit dem Namen der Halluzination bezeichnet wird, diesen jedoch ablegt und verschiedene andere Namen erhält, wenn eine ausserhalb des Organismus liegende Ursache nachzuweisen ist, oder wenigstens angenommen werden muss.

1. Die häufigste Ursache des in Rede stehenden Gehirnphänomens sind heftige, akute Krankheiten, namentlich hitzige Fieber, welche das Delirium herbeiführen, in welchem, unter dem Namen der Fieberphantasien, das besagte Phänomen allbekannt ist. Diese Ursache liegt offenbar bloss im Organismus, wenn gleich das Fieber selbst durch äussere Ursachen veranlasst sein mag.

2. Der Wahnsinn ist keineswegs immer, aber doch bisweilen von Halluzinationen begleitet, als deren Ursache die ihn zunächst herbeiführenden, meistens im Gehirn, oft aber auch im übrigen Organismus vorhandenen krankhaften Zustände anzusehen sind.

3. In seltenen, glücklicherweise aber vollkommen konstatierten Fällen entstehen, ohne dass Fieber oder sonst akute Krankheit, geschweige Wahnsinn, vorhanden sei, Halluzinationen, als Erscheinungen menschlicher Gestalten, die den wirklichen täuschend gleichen. Der bekannteste Fall dieser Art ist der Nikolais, da er ihn 1799 der Berliner Akademie vorgelesen und diesen Vortrag auch besonders abgedruckt hat. Überhaupt aber muss man annehmen und erwägen, dass von den Tatsachen, welche dem gesamten Gegenstande der gegenwärtigen Betrachtung angehören, auf eine öffentlich mitgeteilte tausend ähnliche kommen, deren Kunde nie über den Kreis ihrer unmittelbaren Umgebung hinausgelangt ist, aus verschiedenen Ursachen, die leicht abzusehen sind. Daher eben schleppt sich die wissenschaftliche Betrachtung dieses Gegenstandes seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, mit wenigen einzelnen Fällen, Wahrträumen und Geistergeschichten, deren gleiche seitdem hunderttausendmal vorgekommen, aber nicht zur öffentlichen Kunde gebracht und dadurch der Literatur einverleibt worden sind. Als Beispiele jener, durch zahllose Wiederholung typisch gewordenen Fälle nenne ich nur den Wahrtraum, welchen Cicero de div. I, 27, erzählt, das Gespenst bei Plinius, in der epistola ad Suram, und die Geistererscheinung des Marsilius Ficinus, gemäss der Verabredung mit seinem Freunde Mercatus.   Was nun aber die unter gegenwärtiger Nummer in Betrachtung genommenen Fälle betrifft, deren Typus Nikolais Krankheit ist, so haben sie sich sämtlich als aus rein körperlichen, gänzlich im Organismus selbst gelegenen, abnormen Ursachen entsprungen erwiesen, sowohl durch ihren bedeutungslosen Inhalt und das Periodische ihrer Wiederkehr, als auch dadurch, dass sie therapeutischen Mitteln, besonders Blutentziehungen, allemal gewichen sind. Sie gehören also ebenfalls zu den blossen Halluzinationen, ja, sind im eigentlichsten Sinne so zu nennen.

4. Denselben reihen sich nun zunächst gewisse, ihnen übrigens ähnliche Erscheinungen objektiv und äusserlich dastehender Gestalten an, welche sich jedoch durch einen, eigens für den Seher bestimmten, bedeutsamen und zwar meistens sinistern Charakter unterscheiden, und deren reale Bedeutsamkeit meistens durch den bald darauf erfolgenden Tod dessen, dem sie sich darstellten, ausser Zweifel gesetzt wird. Als ein Muster dieser Art ist der Fall zu betrachten, den Walter Scott, on demonology and witchcraft, letter 1, erzählt, und den auch Brierre de Boismont wiederholte, von dem Justizbeamten, welcher, monatelang, erst eine Katze, darauf einen Zeremonienmeister, endlich ein Skelett leibhaftig stets vor sich sah, wobei er abzehrte und endlich starb. Ganz dieser Art ist ferner die Vision der Miss Lee, welcher die Erscheinung ihrer Mutter ihren Tod auf Tag und Stunde richtig verkündet hat. Ein drittes Beispiel gibt die, in dem soeben erwähnten Buche von Welby erzählte Geschichte der Frau Stephens, welche, wachend, eine Leiche hinter ihrem Stuhle liegen sah und einige Tage darauf starb. Ebenfalls gehören hieher die Fälle des Sichselbstsehens, sofern sie bisweilen, wiewohl durchaus nicht immer, den Tod des sich Sehenden anzeigen. Einen sehr merkwürdigen und ungewöhnlich gut beglaubigten Fall dieser Art hat der Berliner Arzt Formey aufgezeichnet, in seinem »Heidnischen Philosophen«: man findet ihn in Horsts Deuteroskopie, wie auch in dessen Zauberbibliothek vollständig wiedergegeben. Doch ist zu bemerken, dass hier die Erscheinung eigentlich nicht von der sehr kurz darauf und unvermutet gestorbenen Person selbst, sondern nur von ihren Angehörigen gesehen wurde. Von eigentlichem Sichselbstsehen berichtet einen von ihm selbst verbürgten Fall Horst im 2. T. der Deuteroskopie. Sogar Goethe erzählt, dass er sich selbst gesehen habe, zu Pferde und in einem Kleide, in welchem er 8 Jahre später, eben dort wirklich geritten sei. (»Aus meinem Leben« 11. Buch.) Diese Erscheinung hatte, beiläufig gesagt, eigentlich den Zweck, ihn zu trösten; indem sie ihn sich sehen liess, wie er, die Geliebte, von der er soeben sehr schmerzlichen Abschied genommen, nach 8 Jahren wieder zu besuchen, des entgegengesetzten Weges geritten kam: sie lüftete ihm also auf einen Augenblick den Schleier der Zukunft, um ihm, in seiner Betrübnis, das Wiedersehen zu verkündigen.   Erscheinungen dieser Art sind nun nicht mehr blosse Halluzinationen, sondern Visionen. Denn sie stellen entweder etwas Reales dar, oder beziehen sich auf künftige, wirkliche Vorgänge. Daher sind sie im wachen Zustande das, was im Schlafe die fatidiken Träume, welche, wie oben gesagt, am häufigsten sich auf den eigenen, besonders den ungünstigen, Gesundheitszustand des Träumenden beziehen;   während die blossen Halluzinationen den gewöhnlichen, nichtsbedeutenden Träumen entsprechen.

Der Ursprung dieser bedeutungsvollen Visionen ist darin zu suchen, dass jenes rätselhafte, in unserem Innern verborgene, durch die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse nicht beschränkte und insofern allwissende, dagegen aber gar nicht ins gewöhnliche Bewusstsein fallende, sondern für uns verschleierte Erkenntnisvermögen,   welches jedoch im magnetischen Hellsehen seinen Schleier abwirft,   einmal etwas dem Individuo sehr Interessantes erspäht hat, von welchem nun der Wille, der ja der Kern des ganzen Menschen ist, dem zerebralen Erkennen gern Kunde geben möchte; was dann aber nur durch die ihm selten gelingende Operation möglich ist, dass er einmal das Traumorgan im wachen Zustande aufgehen lässt und so dem zerebralen Bewusstsein, in anschaulichen Gestalten, entweder von direkter, oder von allegorischer Bedeutung, jene seine Entdeckung mitteilt. Dies war ihm in den oben kurz angeführten Fällen gelungen. Dieselben bezogen sich nun alle auf die Zukunft; doch kann auch ein eben jetzt Geschehendes auf diese Weise offenbart werden, welches jedoch alsdann natürlich nicht die eigene Person betreffen kann, sondern eine andere. So kann z. B. der eben jetzt erfolgende Tod meines entfernten Freundes mir dadurch kund werden, dass dessen Gestalt sich mir plötzlich, so leibhaftig wie die eines Lebenden, darstellt; ohne dass etwa hiebei der Sterbende selbst, durch seinen lebhaften Gedanken an mich, mitgewirkt zu haben braucht; wie dieses hingegen in Fällen einer andern, weiter unten zu erörternden Gattung wirklich statthat. Auch habe ich dieses hier nur erläuterungsweise beigebracht; da unter dieser Nummer eigentlich nur von den Visionen die Rede ist, welche sich auf den Seher derselben selbst beziehen und den ihnen analogen fatidiken Träumen entsprechen.

5. Nun wieder denjenigen fatidiken Träumen, welche sich nicht auf den eigenen Gesundheitszustand, sondern auf ganz äusserliche Begebenheiten beziehen, entsprechen gewisse, den obigen zunächst stehende Visionen, welche nicht die aus dem Organismus entspringenden, sondern die von aussen uns bedrohenden Gefahren ankündigen, welche aber freilich oft über unseren Häuptern vorüberziehen, ohne dass wir sie irgend gewahr würden; in welchem Fall wir die äussere Beziehung der Vision nicht konstatieren können. Visionen dieser Art erfordern, um sichtbar auszufallen, mancherlei Bedingungen, vorzüglich, dass das betreffende Subjekt die dazu eignende Empfänglichkeit habe. Wenn hingegen dieses, wie meistenteils, nur im niedrigeren Grade der Fall ist, so wird die Kundgebung bloss hörbar ausfallen und dann sich durch mancherlei Töne manifestieren, am häufigsten durch Klopfen, welches besonders Nachts, meistens gegen Morgen einzutreten pflegt und zwar so, dass man erwacht und gleich darauf ein sehr starkes und die völlige Deutlichkeit der Wirklichkeit habendes Klopfen an der Türe des Schlafgemachs vernimmt. Zu sichtbaren Visionen, und zwar in allegorisch bedeutsamen Gestalten, die dann von denen der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden sind, wird es am ersten dann kommen, wann eine sehr grosse Gefahr unser Leben bedroht, oder aber auch wann wir einer solchen, oft ohne es gewiss zu wissen, glücklich entgangen sind; wo sie dann gleichsam Glück wünschen und anzeigen, dass wir jetzt noch viele Jahre vor uns haben. Endlich aber werden dergleichen Visionen auch eintreten, ein unabwendbares Unglück zu verkünden; dieser letzteren Art war die bekannte Vision des Brutus vor der Schlacht bei Philippi, sich darstellend als sein böser Genius; wie auch die ihr sehr ähnliche des Kassius Parmensis, nach der Schlacht bei Aktium, welche Valerius Maximus (Lib. I, c. 7, § 7) erzählt. Überhaupt vermute ich, dass die Visionen dieser Gattung ein Hauptanlass zum Mythos der Alten von dem jedem beigegebenen Genius, sowie der Christlichen Zeiten vom Spiritus familiaris gewesen sind. In den mittleren Jahrhunderten suchte man sie durch die Astralgeister zu erklären, wie dies die in der vorhergehenden Abhandlung beigebrachte Stelle des Theophr. Paracelsus bezeugt: »Damit aber das Fatum wohl erkannt werde, ist es also, dass jeglicher Mensch einen Geist hat, der ausserhalb ihm wohnt und setzt seinen Stuhl in die oberen Sterne. Derselbige gebraucht die Bossen« [fixe Typen zu erhabenen Arbeiten; davon Bossieren] »seines Meisters. Derselbige ist der, der da die Präsagia demselbigen vorzeigt und nachzeigt: denn sie bleiben nach diesen. Diese Geister heissen Fatum.« Im 17. und 18. Jahrhundert hingegen gebrauchte man, um diese, wie viele andere, Erscheinungen zu erklären, das Wort spiritus vitales, welches, da die Begriffe fehlten, sich zu rechter Zeit eingestellt hatte. Die wirklichen entfernteren Ursachen der Visionen dieser Art können, wenn diese ihre Beziehung auf äussere Gefahren konstatiert ist, offenbar nicht bloss im Organismus liegen: wie weit wir die Art ihrer Verbindung mit der Aussenwelt uns fasslich zu machen vermögen, werde ich weiterhin untersuchen.

6. Visionen, welche gar nicht mehr den Seher derselben betreffen und dennoch künftige, kürzere oder längere Zeit darauf eintretende Begebenheiten, genau und oft nach allen ihren Einzelheiten, unmittelbar darstellen, sind die jener seltenen Gabe, die man second sight, das zweite Gesicht oder Deuteroskopie nennt, eigentümlichen. Eine reichhaltige Sammlung der Berichte darüber enthält Horsts Deuteroskopie, 2 Bände, 1830: auch findet man neuere Tatsachen dieser Gattung in verschiedenen Bänden des Kieserschen Archivs für tierischen Magnetismus. Die seltsame Fähigkeit zu Visionen dieser Art ist keineswegs ausschliesslich in Schottland und Norwegen zu finden, sondern kommt, namentlich in bezug auf Todesfälle, auch bei uns vor; worüber man Berichte in Jung-Stillings Theorie der Geisterkunde § 153 usf. findet. Auch die berühmte Prophezeiung des Cazotte scheint auf so etwas zu beruhen. Sogar auch bei den Negern der Wüste Sahara findet das zweite Gesicht sich häufig vor. Ja, schon im Homer finden wir (Od. XX, 351-57) eine wirkliche Deuteroskopie dargestellt, die sogar eine seltsame Ähnlichkeit mit der Geschichte des Cazotte hat. Desgleichen wird eine vollkommene Deuteroskopie von Herodot erzählt, L. VIII, c. 65.   In diesem zweiten Gesicht also erreicht die, hier wie immer zunächst aus dem Organismus entspringende Vision den höchsten Grad von objektiver, realer Wahrheit und verrät dadurch eine von der gewöhnlichen, physischen, gänzlich verschiedene Art unserer Verbindung mit der Aussenwelt. Sie geht, als wachender Zustand, den höchsten Graden des somnambulen Hellsehens parallel. Eigentlich ist sie ein vollkommenes Wahrträumen im Wachen, oder wenigstens in einem Zustande, der mitten im Wachen auf wenige Augenblicke eintritt. Auch ist die Vision des zweiten Gesichts, eben wie die Wahrträume, in vielen Fällen nicht theorematisch, sondern allegorisch, oder symbolisch, jedoch, was höchst merkwürdig ist, nach feststehenden, bei allen Sehern in gleicher Bedeutung eintretenden Symbolen, die man im erwähnten Buche von Horst, wie auch in Kiesers Archiv, spezifiziert findet.

7. Zu den eben betrachteten, der Zukunft zugekehrten Visionen liefern nun das Gegenstück diejenigen, welche das Vergangene, namentlich die Gestalten ehemals lebender Personen, vor das im Wachen aufgehende Traumorgan bringen. Es ist ziemlich gewiss, dass sie veranlasst werden können durch die in der Nähe befindlichen Überreste der Leichen derselben. Diese sehr wichtige Erfahrung, auf welche eine Menge Geistererscheinungen zurückzuführen sind, hat ihre solideste und ungemein sichere Beglaubigung an einem Briefe vom Prof. Ehrmann, dem Schwiegersohn des Dichters Pfeffel, welcher in extenso gegeben wird in Kiesers Archiv. Auszüge daraus aber findet man in vielen Büchern. Jedoch auch ausserdem wird dieselbe durch viele Fälle, welche auf sie zurückzuführen sind, bestätigt: von diesen will ich hier nur einige anführen. Zunächst nämlich gehört dahin die in eben jenem Briefe und auch aus guter Quelle mitgeteilte Geschichte von Pastor Lindner, welche ebenfalls in vielen Büchern wiederholt worden ist, unter andern in der Seherin von Prevorst; ferner ist dieser Art eine in dem angeführten Buche Fischers von diesem selbst, nach Augenzeugen, mitgeteilte Geschichte, die er zur Berichtigung eines kurzen, in der Seherin von Prevorst befindlichen Berichts darüber erzählt. Sodann in G. J. Wenzels »Unterhaltungen über die auffallendsten neueren Geistererscheinungen«, 1800, finden wir, gleich im ersten Kapitel, sieben solche Erscheinungsgeschichten, die sämtlich die in der Nähe befindlichen Überreste der Toten zum Anlass haben. Die Pfeffelsche Geschichte ist die letzte darunter: aber auch die übrigen tragen ganz den Charakter der Wahrheit und durchaus nicht den der Erfindung. Auch erzählen sie alle nur ein blosses Erscheinen der Gestalt des Verstorbenen, ohne allen weiteren Fortgang, oder gar dramatischen Zusammenhang. Sie verdienen daher, hinsichtlich der Theorie dieser Phänomene, alle Berücksichtigung. Die rationalistischen Erklärungen, die der Verfasser dazu gibt, können dienen, die gänzliche Unzulänglichkeit solcher Auflösungen in helles Licht zu stellen. Hieher gehört ferner, im oben angeführten Buche des Brierre de Boismont, die 4. Beobachtung, nicht weniger manche der von den alten Schriftstellern uns überlieferten Geistergeschichten, z. B. die vom jüngeren Plinius (L. VII, epist. 27) erzählte, welche schon deshalb merkwürdig ist, dass sie so ganz denselben Charakter trägt, wie unzählige aus der neueren Zeit. Ihr ganz ähnlich, vielleicht sogar nur eine andere Version derselben, ist die, welche Lukianos, im Philopseudes Kap. 31 vorträgt. Sodann ist dieser Art die Erzählung vom Damon, in Plutarchs erstem Kapitel des Kimon; ferner was Pausanias (Attica I, 32) vom Schlachtfelde bei Marathon berichtet; womit zu vergleichen ist, was Brierre S. 590 erzählt; endlich die Angaben des Suetonius im Kaligula, Kap. 59. Überhaupt möchten auf die in Rede stehende Erfahrung fast alle die Fälle zurückzuführen sein, wo Geister stets an derselben Stelle erscheinen und der Spuk an eine bestimmte Lokalität gebunden ist, an Kirchen, Kirchhöfe, Schlachtfelder, Mordstätten, Hochgerichte und jene deshalb in Verruf gekommenen Häuser, die niemand bewohnen will, welche man hin und wieder immer antreffen wird: auch mir sind in meinem Leben deren mehrere vorgekommen. Solche Lokalitäten sind der Anlass gewesen zu dem Buche des Jesuiten Petrus Thyraeus: de infestis, ob molestantes daemoniorum et defunctorum spiritus, locis. Köln 1598.   Aber die merkwürdigste Tatsache dieser Art liefert vielleicht die Observ. 77 des Brierre de Boismont. Als eine wohl zu beachtende Bestätigung der hier gegebenen Erklärung so vieler Geistererscheinungen, ja, als ein zu ihr führendes Mittelglied, ist die Vision einer Somnambule zu betrachten, die in Kerners Blättern aus Prevorst mitgeteilt wird: dieser nämlich stellte sich plötzlich eine, von ihr genau beschriebene häusliche Szene dar, die sich vor mehr als 100 Jahren daselbst zugetragen haben mochte; da die von ihr beschriebenen Personen vorhandenen Porträts glichen, die sie jedoch nie gesehen hatte.

Die hier in Betrachtung genommene wichtige Grunderfahrung selbst aber, auf welche alle solche Vorgänge zurückführbar sind, und die ich retrospective second sight benenne; muss als Urphänomen stehen bleiben; weil, sie zu erklären, es uns bis jetzt noch an Mitteln fehlt. Inzwischen lässt sie sich in nahe Verbindung bringen mit einem anderen, freilich ebenso unerklärlichen Phänomen; wodurch jedoch schon viel gewonnen wird; da wir alsdann, statt zweier unbekannter Grössen, nur eine behalten; welcher Vorteil dem so gerühmten analog ist, den wir durch Zurückführung des mineralischen Magnetismus auf die Elektrizität erlangt haben. Wie nämlich eine im hohen Grade hellsehende Somnambule sogar durch die Zeit nicht in ihrer Wahrnehmung beschränkt wird, sondern mitunter auch wirklich zukünftige und zwar ganz zufällig eintretende Vorgänge vorhersieht; wie dasselbe, noch auffallender, von den Deuteroskopisten und Leichensehern geleistet wird; wie also Vorgänge, die in unsere empirische Wirklichkeit noch gar nicht eingetreten sind, dennoch aus der Nacht der Zukunft heraus schon auf dergleichen Personen wirken und in ihre Perzeption fallen können, so können auch wohl Vorgänge und Menschen, die doch schon einmal wirklich waren, wiewohl sie es nicht mehr sind, auf gewisse hiezu besonders disponierte Personen wirken und also, wie jene eine Vorwirkung, eine Nachwirkung äussern; ja, dieses ist weniger unbegreiflich als jenes, zumal wenn eine solche Auffassung vermittelt und eingeleitet wird durch etwas Materielles, wie etwa die noch wirklich vorhandenen leiblichen Überreste der wahrgenommenen Personen oder Sachen, die in genauer Verbindung mit ihnen gewesen, ihre Kleider, das von ihnen bewohnte Gemach, oder woran ihr Herz gehangen, der verborgene Schatz; dem analog, wie die sehr hellsehende Somnambule bisweilen nur durch irgend ein leibliches Verbindungsglied, z. B. ein Tuch, welches der Kranke einige Tage auf dem blossen Leibe getragen, oder eine abgeschnittene Haarlocke, mit entfernten Personen über deren Gesundheitszustand sie berichten soll, in Rapport gesetzt wird und dadurch ein Bild von ihnen erhält, welcher Fall dem in Rede stehenden nahe verwandt ist. Dieser Ansicht zufolge wären die an bestimmte Lokalitäten oder an die daselbst liegenden leiblichen Überreste Verstorbener sich knüpfenden Geistererscheinungen nur die Wahrnehmungen einer rückwärts gekehrten, also der Vergangenheit zugewandten Deuteroskopie,   a retrospective second sight: sie wären demnach ganz eigentlich, was schon die Alten (deren ganze Vorstellung vom Schattenreiche vielleicht aus Geistererscheinungen hervorgegangen ist: man sehe Odyssee XXIV.) sie nannten, Schatten, umbrae, ειδωλα καμοντων, – νεκυων αμενηνα καρηνα,   manes (von manere, gleichsam Überbleibsel, Spuren), also Nachklänge dagewesener Erscheinungen dieser unserer in Zeit und Raum sich darstellenden Erscheinungswelt dem Traumorgan wahrnehmbar werdend, in seltenen Fällen während des wachen Zustandes, leichter im Schlaf, als blosse Träume, am leichtesten natürlich im tiefen magnetischen Schlaf, wann in ihm der Traum zum Schlafwachen und dieses zum Hellsehen sich gesteigert hat; aber auch in dem gleich anfangs erwähnten natürlichen Schlafwachen, welches als ein Wahrträumen der nächsten Umgebung des Schlafenden beschrieben wurde und gerade durch das Eintreten solcher fremdartigen Gestalten zuerst als ein vom wachen Zustande verschiedener sich zu erkennen gibt. In diesem Schlafwachen nämlich werden am häufigsten die Gestalten eben gestorbener Personen, deren Leiche noch im Hause ist, sich darstellen; wie überhaupt eben dem Gesetz, dass diese rückwärts gekehrte Deuteroskopie durch leibliche Überreste der Toten eingeleitet wird, gemäss, die Gestalt eines Verstorbenen den dazu disponierten Personen, selbst im wachen Zustande, am leichtesten erscheinen kann, solange er noch nicht bestattet ist, wiewohl sie auch dann immer nur durch das Traumorgan wahrgenommen wird.

Nach dem Gesagten versteht es sich von selbst, dass einem auf diese Weise erscheinenden Gespenste nicht die unmittelbare Realität eines gegenwärtigen Objekts beizulegen ist, wiewohl ihm mittelbar doch eine Realität zugrunde liegt: nämlich was man da sieht, ist keineswegs der Abgeschiedene selbst, sondern es ist ein blosses ειδωλον, ein Bild dessen, der einmal war, entstehend im Traumorgan eines hiezu disponierten Menschen, auf Anlass irgend eines Überbleibsels, irgend einer zurückgelassenen Spur. Dasselbe hat daher nicht mehr Realität, als die Erscheinung dessen, der sich selbst sieht, oder auch von anderen dort wahrgenommen wird, wo er sich nicht befindet. Fälle dieser Art aber sind durch glaubwürdige Zeugnisse bekannt, von denen man einige in Horsts Deuteroskopie zusammengestellt findet: auch der erwähnte von Goethe gehört dahin; desgleichen die nicht seltene Tatsache, dass Kranke, wenn dem Tode nahe, sich im Bette doppelt vorhanden wähnen. »Wie geht es?« fragte hier vor nicht langer Zeit ein Arzt seinen schwer darniederliegenden Kranken: »jetzt besser, seitdem wir im Bette zwei sind,« war die Antwort: bald darauf starb er.   Demnach steht eine Geistererscheinung der hier in Betrachtung genommenen Art zwar in objektiver Beziehung zum ehemaligen Zustand der sich darstellenden Person, aber keineswegs zu ihrem gegenwärtigen: denn dieselbe hat durchaus keinen aktiven Teil daran; daher auch nicht auf ihre noch fortdauernde individuelle Existenz daraus zu schliessen ist. Zu der gegebenen Erklärung stimmt auch, dass die so erscheinenden Abgeschiedenen in der Regel bekleidet und in der Tracht, die ihnen gewöhnlich war, gesehen werden, wie auch, dass mit dem Mörder der Gemordete, mit dem Reiter das Pferd erscheint u. dgl. m. Den Visionen dieser Art sind wahrscheinlich auch die meisten der von der Seherin zu Prevorst gesehenen Gespenster beizuzählen, die Gespräche aber, die sie mit ihnen geführt hat, als das Werk ihrer eigenen Einbildungskraft anzusehen, die den Text zu dieser stummen Prozession (dumb shew) und dadurch eine Erklärung derselben aus eigenen Mitteln lieferte. Der Mensch ist nämlich von Natur bestrebt, sich alles was er sieht irgendwie zu erklären oder wenigstens einigen Zusammenhang hineinzubringen, ja es in seinen Gedanken reden zu lassen; daher Kinder sogar den leblosen Dingen oft einen Dialog unterlegen. Demnach war die Seherin selbst, ohne es zu wissen, der Souffleur jener ihr erscheinenden Gestalten, wobei ihre Einbildungskraft in derjenigen Art unbewusster Tätigkeit war, womit wir im gewöhnlichen, bedeutungslosen Traum die Begebenheiten lenken und fügen, ja auch wohl bisweilen den Anlass dazu von objektiven, zufälligen Umständen, etwa einem im Bette gefühlten Druck, oder einem von aussen zu uns gelangenden Ton oder Geruch usw. nehmen, welchen gemäss wir sodann lange Geschichten träumen. Um diese Dramaturgie der Seherin sich zu erläutern, sehe man was in Kiesers Archiv Bende Bendsen von seiner Somnambule erzählt, welcher im magnetischen Schlafe bisweilen ihre lebenden Bekannten erschienen, wo sie dann mit lauter Stimme lange Gespräche mit ihnen führte. Daselbst heisst es: »unter den vielen Gesprächen, welche sie mit Abwesenden hielt, ist das nachstehende charakteristisch. Während der vermeintlichen Antworten schwieg sie, schien mit gespannter Aufmerksamkeit, wobei sie sich im Bette erhob und den Kopf nach einer bestimmten Seite drehte, den Antworten der anderen zuzuhören und rückte dann mit ihren Einwendungen dagegen an. Sie dachte sich hier die alte Karen mit ihrer Magd gegenwärtig und sprach abwechselnd bald mit dieser, bald mit jener.         Die scheinbare Zerspaltung der eigenen Persönlichkeit in drei verschiedene, wie dies im Traum gewöhnlich, ging hier so weit, dass ich die Schlafende damals gar nicht davon überzeugen konnte, sie mache alle drei Personen selbst.« Dieser Art also sind meiner Meinung nach auch die Geistergespräche der Seherin von Prevorst und findet diese Erklärung eine starke Bestätigung an der unaussprechlichen Abgeschmacktheit des Textes jener Dialoge und Dramen, welche allein dem Vorstellungskreise eines unwissenden Gebirgsmädchens und der ihr beigebrachten Volksmetaphysik entsprechen, und welchen eine objektive Realität unterzulegen, nur unter Voraussetzung einer so grenzenlos absurden, ja empörend dummen Weltordnung möglich ist, dass man ihr anzugehören sich schämen müsste.   Hätte der so befangene und leichtgläubige Just. Kerner nicht im stillen doch eine leise Ahnung von dem hier angegebenen Ursprünge jener Geisterunterredungen gehabt, so würde er nicht mit so unverantwortlicher Leichtfertigkeit überall und jedesmal unterlassen haben, den von den Geistern angezeigten materiellen Gegenständen, z. B. Schreibzeugen in Kirchenkellern, goldenen Ketten in Burggewölben, begrabenen Kindern in Pferdeställen, mit allem Ernst und Eifer nachzusuchen, statt sich durch die leichtesten Hindernisse davon abhalten zu lassen. Denn das hätte Licht auf die Sachen geworfen.

Überhaupt bin ich der Meinung, dass die allermeisten wirklich gesehenen Erscheinungen Verstorbener zu dieser Kategorie der Visionen gehören und ihnen demnach zwar eine vergangene, aber keineswegs eine gegenwärtige, geradezu objektive Realität entspricht: so z. B. der Erscheinung des Präsidenten der Berliner Akademie, Maupertuis, im Saale derselben gesehen vom Botaniker Gleditsch, welches Nikolai in seiner schon erwähnten Vorlesung vor eben dieser Akademie anführt; desgleichen die von Walter Scott in der Edinb. review vorgetragene und von Horst in der Deuteroskopie wiederholte Geschichte von dem Landammann in der Schweiz, der, in die öffentliche Bibliothek tretend, seinen Vorgänger in feierlicher Ratsversammlung von lauter Verstorbenen umgeben auf dem Präsidentenstuhl sitzend erblickt. Auch geht aus einigen hieher gehörigen Erzählungen hervor, dass der objektive Anlass zu Visionen dieser Art nicht notwendig das Skelett, oder ein sonstiges Überbleibsel eines Leichnams sein muss, sondern dass auch andere, mit dem Verstorbenen in naher Berührung gewesene Dinge dies vermögen: so z. B. finden wir, in dem oben angeführten Buche von G. J. Wenzel unter den 7 hieher gehörigen Geschichten 6, wo die Leiche, aber eine, wo der blosse stets getragene Rock des Verstorbenen, der gleich nach dessen Tode eingeschlossen wurde, nach mehreren Wochen beim Hervorholen seine leibhaftige Erscheinung vor der darüber entsetzten Witwe veranlasst. Und sonach könnte es sein, dass auch leichtere, unseren Sinnen kaum mehr wahrnehmbare Spuren, wie z. B. längst vom Boden eingesogene Blutstropfen, oder vielleicht gar das blosse von Mauern eingeschlossene Lokal, wo einer unter grosser Angst oder Verzweiflung einen gewaltsamen Tod erlitt, hinreichten, in dem dazu Prädisponierten eine solche rückwärts gekehrte Deuteroskopie hervorzurufen. Hiemit mag auch die von Lukian (Philopseudes Kap. 29) angeführte Meinung der Alten zusammenhängen, dass bloss die eines gewaltsamen Todes Gestorbenen erscheinen könnten. Nicht minder könnte wohl ein vom Verstorbenen vergrabener und stets ängstlich bewachter Schatz, an welchen noch seine letzten Gedanken sich hefteten, den in Rede stehenden objektiven Anlass zu einer solchen Vision abgeben, die dann möglicherweise sogar lukrativ ausfallen könnte. Die besagten objektiven Anlässe spielen bei diesem durch das Traumorgan vermittelten Erkennen des Vergangenen gewissermassen die Rolle, welche bei dem normalen Denken der nexus idearum seinen Gegenständen erteilt. Übrigens gilt von den hier in Rede stehenden, wie von allen im Wachen durch das Traumorgan möglichen Wahrnehmungen, dass sie leichter unter der Form des Hörbaren, als des Sichtbaren ins Bewusstsein kommen, daher die Erzählung von Tönen, die an diesem oder jenem Orte bisweilen gehört werden, viel häufiger sind, als die von sichtbaren Erscheinungen.

Wenn nun aber, bei einigen Beispielen der hier in Betrachtung genommenen Art, erzählt wird, die erscheinenden Verstorbenen hätten dem sie Schauenden gewisse, bis dahin unbekannte Tatsachen reveliert, so ist dies zuvörderst nur auf die sichersten Zeugnisse hin anzunehmen und bis dahin zu bezweifeln: sodann aber liesse es sich allenfalls doch noch durch gewisse Analogien mit dem Hellsehen der Somnambulen erklären. Manche Somnambulen nämlich haben in einzelnen Fällen den ihnen vorgeführten Kranken gesagt, durch welchen ganz zufälligen Anlass diese vor langer Zeit sich ihre Krankheit zugezogen hätten, und haben ihnen dadurch den fast ganz vergessenen Vorfall ins Gedächtnis zurückgerufen. (Beispiele dieser Art sind in Kiesers Archiv der Schreck vor dem Fall von einer Leiter, und in J. Kerners Geschichte zweier Somnambulen die dem Knaben gemachte Bemerkung, er habe in früherer Zeit bei einer epileptischen Person geschlafen.) Auch gehört hieher, dass einige Hellsehende aus einer Haarlocke, oder dem getragenen Tuch eines von ihnen nie gesehenen Patienten, ihn und seinen Zustand richtig erkannt haben.   Also beweisen selbst Revelationen nicht schlechthin die Anwesenheit eines Verstorbenen.

Im gleichen lässt sich, dass die erscheinende Gestalt eines Verstorbenen bisweilen von zwei Personen gesehen und gehört worden, auf die bekannte Ansteckungsfähigkeit sowohl des Somnambulismus, als auch des zweiten Gesichts, zurückführen.

Sonach hatten wir, unter gegenwärtiger Nummer, wenigstens den grössten Teil der beglaubigten Erscheinungen der Gestalten Verstorbener insofern erklärt, als wir sie zurückgeführt haben auf einen gemeinschaftlichen Grund, die retrospektive Deuteroskopie, welche in vielen solcher Fälle, namentlich in den anfangs dieser Nummer angeführten, nicht wohl geleugnet werden kann.   Hingegen ist sie selbst eine höchst seltsame und unerklärte Tatsache. Mit einer Erklärung dieser Art müssen wir aber in manchen Dingen uns begnügen, wie denn z. B. das ganze grosse Gebäude der Elektrizitätslehre bloss aus einer Unterordnung mannigfaltiger Phänomene unter ein völlig unerklärt bleibendes Urphänomen besteht.

8. Der lebhafte und sehnsüchtige Gedanke eines anderen an uns vermag die Vision seiner Gestalt in unserem Gehirn zu erregen, nicht als blosses Phantasma, sondern so, dass sie leibhaftig und von der Wirklichkeit ununterscheidbar vor uns steht. Namentlich sind es Sterbende die dieses Vermögen äussern und daher in der Stunde ihres Todes ihren abwesenden Freunden erscheinen, sogar mehreren, an verschiedenen Orten zugleich. Der Fall ist so oft und von so verschiedenen Seiten erzählt und beglaubigt worden, dass ich ihn unbedenklich als tatsächlich begründet nehme. Ein sehr artiges und von distinguierten Personen vertretenes Beispiel findet man in Jung-Stillings Theorie der Geisterkunde, § 198. Zwei besonders frappante Fälle sind ferner die Geschichte der Frau Kahlow, im oben erwähnten Buch von Wenzel, und die vom Hofprediger, im ebenfalls erwähnten Buche von Hennings. Als ein ganz neuer mag hier folgender stehen: Vor kurzem starb hier in Frankfurt im jüdischen Hospital bei Nacht eine kranke Magd. Am folgenden Morgen ganz früh trafen ihre Schwester und ihre Nichte, von denen die eine hier, die andere eine Meile von hier wohnt, bei der Herrschaft derselben ein, um nach ihr zu fragen, weil sie ihnen beiden in der Nacht erschienen war. Der Hospitalaufseher, auf dessen Bericht diese Tatsache beruht, versicherte, dass solche Fälle öfter vorkämen. Dass eine hellsehende Somnambule, die während ihres am höchsten gesteigerten Hellsehens allemal in eine, dem Scheintode ähnliche Katalepsie verfiel, ihrer Freundin leibhaftig erschienen sei, berichtet die schon erwähnte »Geschichte der Auguste Müller in Karlsruhe«, und wird nacherzählt in Kiesers Archiv. Eine andere absichtliche Erscheinung derselben Person wird aus vollkommen glaubwürdiger Quelle mitgeteilt in Kiesers Archiv.   Viel seltener hingegen ist es, dass Menschen bei voller Gesundheit diese Wirkung hervorzubringen vermögen: doch fehlt es auch darüber nicht an glaubwürdigen Berichten. Den in Rede stehenden, im Wachen stattfindenden Visionen entsprechen im schlafenden Zustande die sympathetischen, d. h. sich in distans mitteilenden Träume, welche demnach von zweien zur selben Zeit und ganz gleichmässig geträumt werden. Von diesen sind die Beispiele bekannt genug. So steht in Kiesers Archiv ein überaus merkwürdiger Aufsatz von H. M. Wesermann, der 5 Fälle berichtet, in welchen er absichtlich, durch seinen Willen, genau bestimmte Träume in anderen bewirkt hat: da nun aber im letzten dieser Fälle die betreffende Person noch nicht zu Bette gegangen war, hatte sie nebst einer anderen gerade bei ihr befindlichen die beabsichtigte Erscheinung im Wachen und ganz wie eine Wirklichkeit. Folglich ist, wie in solchen Träumen, so auch in den wachenden Visionen dieser Klasse das Traumorgan das Medium der Anschauung. Als Verbindungsglied beider Arten ist die oben erwähnte von St. Augustinus mitgeteilte Geschichte zu betrachten; sofern daselbst dem einen im Wachen erscheint was der andere zu tun bloss träumt. Offenbar entstehen die Visionen dieser Art, so täuschend und leibhaftig sich auch in ihnen die erscheinende Person darstellt, keineswegs mittels Einwirkung von aussen auf die Sinne, sondern vermöge einer magischen Wirkung des Willens desjenigen, von dem sie ausgehen, auf den anderen, also auf das Wesen an sich eines fremden Organismus, der dadurch von innen aus, eine Veränderung erleidet, die nunmehr auf sein Gehirn wirkend, daselbst das Bild des solchermassen Einwirkenden ebenso lebhaft erregt, wie eine Einwirkung mittels der von dessen Leibe auf die Augen des anderen zurückgeworfenen Lichtstrahlen es nur irgend könnte.

Eben die hier zur Sprache gebrachten Doppelgänger, als bei welchen die erscheinende Person offenkundig am Leben, aber abwesend ist, auch in der Regel von ihrer Erscheinung nicht weiss, geben uns den richtigen Gesichtspunkt für die Erscheinung Sterbender und Gestorbener, also die eigentlichen Geistererscheinungen an die Hand, indem sie uns lehren, dass eine unmittelbare reale Gegenwart, wie die eines auf die Sinne wirkenden Körpers, keineswegs eine notwendige Voraussetzung derselben sei. Gerade diese Voraussetzung aber ist der Grundfehler aller früheren Auffassung der Geistererscheinungen, sowohl bei der Bestreitung, als bei der Behauptung derselben. Jene Voraussetzung beruht nun wieder darauf, dass man sich auf den Standpunkt des Spiritualismus, statt auf den des Idealismus, gestellt hatte Vergleiche »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. 2, S.15. [3. Aufl. S.16].. Jenem nämlich gemäss ging man aus von der völlig unberechtigten Annahme, dass der Mensch aus zwei grundverschiedenen Substanzen bestehe, einer materiellen, dem Leibe, und einer immateriellen, der sog. Seele. Nach der im Tod eingetretenen Trennung beider sollte nun die letztere, obwohl immateriell, einfach und unausgedehnt, doch noch im Raume existieren, nämlich sich bewegen, einhergehen und dabei von aussen auf die Körper und ihre Sinne einwirken, gerade wie ein Körper, und demgemäss auch eben wie ein solcher sich darstellen; wobei dann freilich dieselbe reale Gegenwart im Raume, die ein von uns gesehener Körper hat, die Bedingung ist. Dieser durchaus unhaltbaren spiritualistischen Ansicht von den Geistererscheinungen gelten alle vernünftigen Bestreitungen derselben und auch Kants kritische Beleuchtung der Sache, welche den ersten oder theoretischen Teil seiner »Träume eines Geistersehers erläutert durch Träume der Metaphysik« ausmacht. Diese spiritualistische Ansicht also, die Annahme einer immateriellen und doch lokomotiven, im gleichen nach Weise der Materie, auf Körper, mithin auch auf die Sinne wirkende Substanz, hat man, um eine richtige Ansicht von allen hieher gehörigen Phänomenen zu erlangen, ganz aufzugeben und statt ihrer den idealistischen Standpunkt zu gewinnen, von welchem aus man diese Dinge in ganz anderem Lichte erblickt und ganz andere Kriterien ihrer Möglichkeit erhält. Hiezu den Grund zu legen ist eben der Zweck gegenwärtiger Abhandlung.

9. Der letzte in unsere Betrachtung eingehende Fall nun wäre, dass die unter der vorigen Nummer beschriebene magische Einwirkung auch noch nach dem Tode ausgeübt werden könnte, wodurch dann eine eigentliche Geistererscheinung, mittels direkter Einwirkung, also gewissermassen die wirkliche, persönliche Gegenwart eines bereits Gestorbenen, welche auch Rückwirkung auf ihn zuliesse, stattfände. Die Ableugnung a priori jeder Möglichkeit dieser Art und das ihr angemessene Verlachen der entgegengesetzten Behauptung kann auf nichts anderem beruhen, als auf der Überzeugung, dass der Tod die absolute Vernichtung des Menschen sei; es wäre denn, dass sie sich auf den protestantischen Kirchenglauben stützte, nach welchem Geister darum nicht erscheinen können, weil sie, gemäss dem während der wenigen Jahre des irdischen Lebens gehegten Glauben oder Unglauben, entweder dem Himmel mit seinen ewigen Freuden, oder der Hölle mit ihrer ewigen Qual, gleich nach dem Tode, auf immer zugefallen seien, aus beiden aber nicht zu uns heraus können; daher, dem protestantischen Glauben gemäss, alle dergleichen Erscheinungen von Teufeln oder von Engeln, nicht aber von Menschengeistern herrühren; wie dies Lavater ausführlich und gründlich auseinandergesetzt hat, de spectris, Genevae 1580, pars II, cap. 3 et 4. Die katholische Kirche hingegen, welche schon im 6. Jahrhundert, namentlich durch Gregor den Grossen, jenes absurde und empörende Dogma sehr einsichtsvoll durch das zwischen jene desperate Alternative eingeschobene Purgatorium verbessert hatte, lässt die Erscheinung der in diesem vorläufig wohnenden Geister und ausnahmsweise auch anderer zu; wie ausführlich zu ersehen aus dem bereits genannten Petrus Thyraeus, de locis infestis, pars I, cap. 3, sqq. Die Protestanten sahen durch obiges Dilemma sich sogar genötigt, die Existenz des Teufels auf alle Weise festzuhalten, bloss weil sie zur Erklärung der nicht abzuleugnenden Geistererscheinungen seiner durchaus nicht entraten konnten; daher wurden noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts die Leugner des Teufels Adaemonistae genannt, fast mit demselben pius horror, wie noch heutzutage die Atheistae: und zugleich wurden demgemäss, z. B. in C. F. Romani schediasma polemicum, an dentur spectra, magi et sagae, Lips. 1703, gleich von vornherein die Gespenster definiert als apparitiones et territiones Diaboli externae, quibus corpus, aut aliud quid in sensus incurrens sibi assumit, ut homines infestet. Vielleicht hängt sogar es hiemit zusammen, dass die Hexenprozesse, welche bekanntlich ein Bündnis mit dem Teufel voraussetzen, viel häufiger bei den Protestanten als bei den Katholiken gewesen sind.   Jedoch von dergleichen mythologischen Ansichten absehend sagte ich oben, dass die Verwerfung a priori der Möglichkeit einer wirklichen Erscheinung Verstorbener allein auf die Überzeugung, dass durch den Tod das menschliche Wesen ganz und gar zu nichts werde, sich gründen könne. Denn solange diese fehlt, ist nicht abzusehen, warum ein Wesen, das noch irgendwie existiert, nicht auch sollte irgendwie sich manifestieren und auf ein anders, wenngleich in einem anderen Zustande befindliches, einwirken können. Daher ist es so folgerecht, wie naiv, dass Lukianos, nachdem er erzählt hat, wie Demokritos sich durch eine ihn zu schrecken veranstaltete Geistermummerei keinen Augenblick hatte irre machen lassen, hinzugefügt: οὑτω βεβαιως επιστευε, μηδεν ειναι τας ψυχας ετι, εξω γενομενας των σωματων. . (adeo persuasum habebat, nihil adhuc esse animas a corpore separatas.) Philops. 32.   Ist hingegen am Menschen ausser der Materie noch irgend etwas Unzerstörbares, so ist wenigstens a priori nicht einzusehen, dass jenes, welches die wundervolle Erscheinung des Lebens hervorbrachte, nach Beendigung derselben, jeder Einwirkung auf die noch Lebenden durchaus unfähig sein sollte. Die Sache wäre demnach allein a posteriori, durch die Erfahrung, zu entscheiden: Dies aber ist um so schwieriger, als, abgesehen von allen absichtlichen und unabsichtlichen Täuschungen der Berichterstatter, selbst die wirkliche Vision, in welcher ein Verstorbener sich darstellt, gar wohl einer der bis hieher von mir aufgezählten acht Arten angehören kann, daher es vielleicht sich immer so verhalten mag. Ja selbst in dem Falle, dass eine solche Erscheinung Dinge offenbart hat, die keiner wissen konnte, so wäre, infolge der, am Schluss der Nr. 7 gegebenen Auseinandersetzung dies vielleicht doch noch als die Form, welche die Revelation eines spontanen somnambulen Hellsehens hier angenommen hätte, auszulegen; obgleich das Vorkommen eines solchen im Wachen oder auch nur mit vollkommener Erinnerung aus dem somnambulen Zustande, wohl nicht sicher nachzuweisen ist, sondern dergleichen Offenbarungen, soviel mir bekannt, allenfalls nur durch Träume gekommen sind. Inzwischen kann es Umstände geben, die auch eine solche Auslegung unmöglich machen. Heutzutage daher, wo Dinge dieser Art mit viel mehr Unbefangenheit als jemals angesehen, folglich auch dreister mitgeteilt und besprochen werden, dürfen wir wohl hoffen, über diesen Gegenstand entscheidende Erfahrungsaufschlüsse zu erhalten.

Manche Geistergeschichten sind allerdings so beschaffen, dass jede andersartige Auslegung grosse Schwierigkeiten hat, sobald man sie nicht für gänzlich erlogen hält. Gegen dies letztere aber spricht in vielen Fällen teils der Charakter des ursprünglichen Erzählers, teils das Gepräge der Redlichkeit und Aufrichtigkeit, welches seine Darstellung trägt, mehr als alles jedoch die vollkommene Ähnlichkeit in dem ganz eigentümlichen Hergang und Beschaffenheit der angeblichen Erscheinungen, so weit auseinander auch die Zeiten und Länder liegen mögen, aus denen die Berichte stammen. Dieses wird am auffallendsten, wenn es ganz besondere Umstände betrifft, welche erst in neuerer Zeit, infolge des magnetischen Somnambulismus und der genaueren Beobachtung aller dieser Dinge, als bei Visionen bisweilen stattfindend, erkannt worden sind. Ein Beispiel dieser Art ist anzutreffen in der höchst verfänglichen Geistergeschichte vom Jahre 1697, die Brierre de Boismont in seiner Observ. 120 erzählt: es ist der Umstand, dass dem Jünglinge der Geist seines Freundes, obwohl er ¾ Stunden mit ihm sprach, immer nur seiner oberen Hälfte nach sichtbar war. Dieses teilweise Erscheinen menschlicher Gestalten nämlich hat sich in unserer Zeit bestätigt, als eine bei Visionen solcher Art bisweilen vorkommende Eigentümlichkeit; daher auch Brierre dieselbe, ohne Beziehung auf jene Geschichte, als ein nicht seltenes Phänomen anführt. Auch Kieser berichtet denselben Umstand vom Knaben Arst, schreibt ihn jedoch dem vorgeblichen Sehen mit der Nasenspitze zu. Demnach liefert dieser Umstand, in der oben erwähnten Geschichte den Beweis, dass jener Jüngling die Erscheinung wenigstens nicht erlogen hatte: dann aber ist es schwer dieselbe anders, als eben aus der ihm früher versprochenen und jetzt geleisteten Einwirkung seines am Tage vorher, in einer fernen Gegend ertrunkenen Freundes zu erklären.   Ein anderer Umstand der besagten Art ist das Verschwinden der Erscheinungen, sobald man die Aufmerksamkeit absichtlich auf sie heftet. Dies liegt nämlich schon in der bereits oben erwähnten Stelle des Pausanias, über die hörbaren Erscheinungen auf dem Schlachtfelde bei Marathon, welche nur von den zufällig dort Anwesenden, nicht aber von den absichtlich dazu Hingegangenen vernommen wurden. Analoge Beobachtungen aus neuester Zeit finden wir an mehreren Stellen der Seherin von Prevorst, wo es daraus erklärt wird, dass, was durch das Gangliensystem wahrgenommen wurde, vom Gehirn sogleich wieder weggestritten wird. Meiner Hypothese zufolge würde es aus der plötzlichen Umkehrung der Richtung der Vibration der Gehirnfibern zu erklären sein.   Beiläufig will ich hier eine sehr auffallende Übereinstimmung jener Art bemerklich machen: Photius nämlich in seinem Artikel Damascius sagt: γυνη ἱερα ϑεομοιραν εχουσα φυσιν παραλογοτατην ὑδωρ εγχεουσα ακραιφνες ποτηριῳ τινι των ὑαλινων, ἑωρα κατα του ὑδατος εισω του ποτηριου τα φασματα των εσομενων πραγματων, και τρουλεγεν απο της οψεως αυτα, ἁπερ εμελλεν εσεσϑαι παντως ἡ δε πειρα του πραγματος ουκ ελαϑεν ἡμας. »Eine heilige Frau hatte eine ihr von Gott verliehene unbegreifliche Anlage: jedesmal wenn sie lauteres Wasser in eine Bütte goss, sah sie im Grunde des Wassers die Abbilder der künftigen Ereignisse und sagte auf Grund dieses Schauens das voraus, was ganz und gar eintreffen sollte; eine Probe bestätigte uns die Sache.« Genau dasselbe, so unbegreiflich es ist, wird von der Seherin von Prevorst berichtet.   Der Charakter und Typus der Geistererscheinungen ist ein so fest bestimmter und eigentümlicher, dass der Geübte beim Lesen einer solchen Geschichte beurteilen kann, ob sie eine erfundene, oder auch auf optischer Täuschung beruhende, oder aber eine wirkliche Vision gewesen sei. Es ist wünschenswert und steht zu hoffen, dass wir bald eine Sammlung chinesischer Gespenstergeschichten erhalten mögen, um zu sehen, ob sie nicht auch im wesentlichen ganz denselben Typus und Charakter wie die unserigen tragen und sogar in den Nebenumständen und Einzelheiten eine grosse Übereinstimmung zeigen, welches alsdann bei so durchgängiger Grundverschiedenheit der Sitten und Glaubenslehren, eine starke Beglaubigung des in Rede stehenden Phänomens überhaupt abgeben würde. Dass die Chinesen von der Erscheinung eines Verstorbenen und den von ihm ausgehenden Mitteilungen ganz dieselbe Vorstellung haben, wie wir, ist ersichtlich aus der, wenn auch dort nur fingierten Geistererscheinung in der chinesischen Novelle Hing-Lo-Tu, ou la peinture mystérieuse, übersetzt von Stanislas Julien, und mitgeteilt in dessen Orphelin de la Chine, accompagné de Nouvelles et de poésies, 1834.   Ebenfalls mache ich in dieser Hinsicht darauf aufmerksam, dass die meisten der die Charakteristik des Geisterspuks ausmachenden Phänomene, wie sie in den oben angeführten Schriften von Hennings, Wenzel, Teller usw., sodann später von Just. Kerner, Horst und vielen anderen beschrieben werden, sich schon ganz ebenso finden in sehr alten Büchern, z. B. in dreien, mir eben vorliegenden, aus dem 16. Jahrhundert, nämlich Lavater de spectris, Thyraeus de locis infestis, und De spectris et apparitionibus Libri duo, Eisleben 1597, anonym, 500 Seiten in 4°: dergleichen Phänomene sind z. B. das Klopfen, das scheinbare Versuchen verschlossene Türen zu forcieren, auch solche, die gar nicht verschlossen sind, der Knall eines sehr schweren, im Hause herabfallenden Gewichtes, das lärmende Umherwerfen alles Gerätes in der Küche, oder des Holzes auf dem Boden, welches nachher sich in völliger Ruhe und Ordnung vorfindet, das Zuschlagen von Weinfässern, das deutliche Vernageln eines Sarges, wann ein Hausgenosse sterben wird, die schlürfenden, oder tappenden Tritte im finsteren Zimmer, das Zupfen an der Bettdecke, der Modergeruch, das Verlangen erscheinender Geister nach Gebet, u. dgl. m., während nicht zu vermuten steht, dass die, meistens sehr illiteraten Urheber der modernen Aussagen jene alten, seltenen, lateinischen Schriften gelesen hätten. Unter den Argumenten für die Wirklichkeit der Geistererscheinungen verdient auch der Ton des Unglaubens, in welchem die gelehrten Erzähler aus zweiter Hand sie vortragen, erwähnt zu werden; weil er in der Regel das Gepräge des Zwanges, der Affektation und Heuchelei so deutlich trägt, dass der dahinter steckende heimliche Glaube durchschimmert.   Bei dieser Gelegenheit will ich auf eine Geistergeschichte neuester Zeit aufmerksam machen, welche verdient, genauer untersucht und besser gekannt zu werden, als durch die aus sehr schlechter Feder geflossene Darstellung derselben in den Blättern aus Prevorst, 8. Sammlung; nämlich teils weil die Aussagen darüber gerichtlich protokolliert sind, und teils wegen des höchst merkwürdigen Umstandes, dass der erscheinende Geist, mehrere Nächte hindurch, von der Person, zu der er in Beziehung stand, und vor deren Bette er sich zeigte, nicht gesehen wurde, weil sie schlief, sondern bloss von zwei Mitgefangenen und erst späterhin auch von ihr selbst, die aber dann so sehr dadurch erschüttert wurde, dass sie aus freien Stücken sieben Vergiftungen eingestand. Der Bericht steht in einer Broschüre: »Verhandlungen des Assisenhofes in Mainz über die Giftmörderin Margaretha Jäger.« Mainz 1835.

Ich habe aber jetzt das Metaphysische der Sache in Betracht zu nehmen, da über das Physische, hier Physiologische, bereits oben das nötige beigebracht wurde.   Was eigentlich bei allen Visionen, d. h. Anschauungen durch Aufgehen des Traumorgans im Wachen, unser Interesse erregt, ist die etwaige Beziehung derselben auf etwas empirisch Objektives, d. h. ausser uns Gelegenes und von uns Verschiedenes: denn erst durch diese erhalten sie eine Analogie und gleiche Dignität mit unseren gewöhnlichen, wachen Sinnesanschauungen. Daher sind uns, von den im obigen aufgezählten, neun möglichen Ursachen solcher Visionen, nicht die drei ersten, als welche auf blosse Halluzinationen hinauslaufen, interessant, wohl aber die folgenden. Denn die Perplexität, welche der Betrachtung der Vision und Geistererscheinung anhängt, entspringt eigentlich daraus, dass bei diesen Wahrnehmungen die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, welche die erste Bedingung aller Erkenntnis ist, zweifelhaft, undeutlich, wohl gar verwischt wird. »Ist das ausser oder in mir?« fragt,   wie schon Macbeth, als ihm ein Dolch vorschwebt,   jeder, dem eine Vision solcher Art nicht die Besonnenheit benimmt. Hat einer allein ein Gespenst gesehen, so will man es für bloss subjektiv erklären, so objektiv es auch dastand; sahen oder hörten es hingegen zwei oder mehrere, so wird ihm sofort die Realität eines Körpers beigelegt; weil wir nämlich empirisch nur eine Ursache kennen, vermöge welcher mehrere Menschen notwendig dieselbe anschauliche Vorstellung zu gleicher Zeit haben müssen, und diese ist, dass ein und derselbe Körper, das Licht nach allen Seiten reflektierend, ihrer aller Augen affiziert. Allein ausser dieser sehr mechanischen könnte es wohl noch andere Ursachen des gleichzeitigen Entstehens derselben anschaulichen Vorstellungen in verschiedenen Menschen geben. Wie bisweilen zwei den gleichen Traum gleichzeitig träumen, also durch das Traumorgan, schlafend, dasselbe wahrnehmen, so kann auch im Wachen das Traumorgan in zweien (oder mehreren) in die gleiche Tätigkeit geraten, wodurch dann ein Gespenst, von ihnen zugleich gesehen, sich objektiv wie ein Körper darstellt. Überhaupt aber ist der Unterschied zwischen subjektiv und objektiv im Grunde kein absoluter, sondern immer noch relativ: denn alles Objektive ist doch insofern, als es immer noch durch ein Subjekt überhaupt bedingt, ja eigentlich nur in diesem vorhanden ist, wieder subjektiv, weshalb eben in letzter Instanz der Idealismus Recht behält. Man glaubt meistens die Realität einer Geistererscheinung umgestossen zu haben, wenn man nachweist, dass sie subjektiv bedingt war: aber welches Gewicht kann dieses Argument bei dem haben, der aus Kants Lehre weiss, wie stark der Anteil subjektiver Bedingungen an der Erscheinung der Körperwelt ist, wie nämlich diese, samt dem Raum, darin sie dasteht, und der Zeit, darin sie sich bewegt, und der Kausalität, darin das Wesen der Materie besteht, also ihrer ganzen Form nach, bloss ein Produkt der Gehirnfunktion ist, nachdem solche durch einen Reiz in den Nerven der Sinnesorgane angeregt worden, so dass dabei nur noch die Frage nach dem Ding an sich übrig bleibt.   Die materielle Wirklichkeit der auf unsere Sinne von aussen wirkenden Körper kommt freilich der Geistererscheinung so wenig zu, wie dem Traum, durch dessen Organ sie ja wahrgenommen wird, daher man sie immerhin einen Traum im Wachen (a waking dream, insomnium sine somno), nennen kann: allein im Grunde büsst sie dadurch ihre Realität nicht ein. Allerdings ist sie, wie der Traum, eine blosse Vorstellung und als solche nur im erkennenden Bewusstsein vorhanden: aber dasselbe lässt sich von unserer realen Aussenwelt behaupten: da auch diese zunächst und unmittelbar uns nur als Vorstellung gegeben und wie gesagt, ein blosses, durch Nervenreiz erregtes und den Gesetzen subjektiver Funktionen (Formen der reinen Sinnlichkeit und des Verstandes) gemäss entstandenes Gehirnphänomen ist. Verlangt man eine anderweitige Realität derselben, so ist dies schon die Frage nach dem Ding an sich, welche von Locke aufgeworfen und voreilig erledigt, dann aber von Kant in ihrer ganzen Schwierigkeit nachgewiesen, ja als unlösbar aufgegeben, von mir jedoch, wiewohl unter einer gewissen Restriktion, beantwortet worden ist. Wie aber jedenfalls das Ding an sich, welches in der Erscheinung einer Aussenwelt sich manifestiert, toto genere von ihr verschieden ist, so mag es sich mit dem, was in der Geistererscheinung sich manifestiert, analog verhalten, ja, was in beiden sich kundgibt vielleicht am Ende dasselbe sein, nämlich Wille. Dieser Ansicht entsprechend finden wir, dass es, hinsichtlich der objektiven Realität, wie der Körperwelt, so auch der Geistererscheinungen, einen Realismus, einen Idealismus und einen Skeptizismus gibt, endlich aber auch einen Kritizismus, in dessen Interesse wir eben jetzt beschäftigt sind. Ja, eine ausdrückliche Bestätigung derselben Ansicht gibt sogar folgender Ausspruch der berühmtesten und am sorgfältigsten beobachteten Geisterseherin, nämlich der von Prevorst: »ob die Geister sich nur unter dieser Gestalt sichtbar machen können, oder ob mein Auge sie nur unter dieser Gestalt sehen und mein Sinn sie nur so auffassen kann; ob sie für ein geistigeres Auge nicht geistiger wären, das kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, aber ahne es fast.« Ist dies nicht ganz analog der Kantischen Lehre: »was die Dinge an sich selbst sein mögen, wissen wir nicht, sondern erkennen nur ihre Erscheinungen«  ?

Die ganze Dämonologie und Geisterkunde des Altertums und Mittelalters, wie auch ihre damit zusammenhängende Ansicht der Magie, hat zur Grundlage den noch unangefochten dastehenden Realismus, der endlich durch Cartesius erschüttert wurde. Erst der in der neueren Zeit allmählich herangereifte Idealismus führt uns auf den Standpunkt, von welchem aus wir über alle jene Dinge, also auch über Visionen und Geistererscheinungen, ein richtiges Urteil erlangen können. Zugleich hat andererseits, auf dem empirischen Wege, der animalische Magnetismus die zu allen früheren Zeiten in Dunkel gehüllte und sich furchtsam versteckende Magie an das Licht des Tages gezogen und ebenso die Geistererscheinungen zum Gegenstand nüchtern forschender Beobachtung und unbefangener Beurteilung gemacht. Das letzte in allen Dingen fällt immer der Philosophie anheim, und ich hoffe, dass die meinige, wie sie aus der alleinigen Realität und Allmacht des Willens in der Natur die Magie wenigstens als möglich denkbar und, wenn vorhanden, als begreiflich dargestellt hat Siehe »über den Willen in der Natur«, die Rubrik »anim. Magnetismus und Magie«., so auch, durch entschiedene Überantwortung der objektiven Welt an die Idealität, selbst über Visionen und Geistererscheinungen einer richtigeren Ansicht den Weg gebahnt hat.

Der entschiedene Unglaube, mit welchem von jedem denkenden Menschen einerseits die Tatsachen des Hellsehens, andererseits des magischen, vulgo magnetischen Einflusses zuerst vernommen werden, und der nur spät der eigenen Erfahrung, oder hunderten glaubwürdigster Zeugnisse weicht, beruht auf einem und demselben Grunde: nämlich darauf, dass alle beide den uns a priori bewussten Gesetzen des Raumes, der Zeit und der Kausalität, wie sie in ihrem Komplex den Hergang möglicher Erfahrung bestimmen, zuwiderlaufen,   das Hellsehen mit seinem Erkennen in distans, die Magie mit ihrem Wirken in distans. Daher wird, bei der Erzählung dahin gehöriger Tatsachen, nicht bloss gesagt, »es ist nicht wahr,« sondern »es ist nicht möglich«, (a non posse ad non esse), andererseits jedoch erwidert »es ist aber« (ab esse ad posse). Dieser Widerstreit beruht nun darauf, ja, liefert sogar wieder einen Beweis dafür, dass jene von uns a priori erkannten Gesetze keine schlechthin unbedingte, keine scholastische veritates aeternae, keine Bestimmung der Dinge an sich sind; sondern aus blossen Anschauungs- und Verstandesformen, folglich aus Gehirnfunktionen entspringen. Der aus diesen bestehende Intellekt selbst aber ist bloss zum Behuf des Verfolgens und Erreichens der Zwecke individueller Willenserscheinungen, nicht aber des Auffassens der absoluten Beschaffenheit der Dinge an sich selbst entstanden; weshalb er, wie ich (Welt a. W. u. V. Bd. 2, S. 177, 273, 285-289) dargetan habe, eine blosse Flächenkraft ist, die wesentlich und überall nur die Schale, nie das Innere der Dinge trifft. Diese Stellen lese nach wer recht verstehen will was ich hier meine. Gelingt es uns nun aber einmal, weil doch auch wir selbst zum inneren Wesen der Welt gehören, mit Umgehung des principii individuationis, den Dingen von einer ganz anderen Seite und auf einem ganz anderen Wege, nämlich geradezu von innen, statt bloss von aussen, beizukommen, und so uns derselben, im Hellsehen erkennend, in der Magie wirkend, zu bemächtigen; dann entsteht eben für jene zerebrale Erkenntnis ein Resultat, welches auf ihrem eigenen Wege zu erreichen wirklich unmöglich war; daher sie darauf besteht, es in Abrede zu stellen: denn eine Leistung solcher Art ist nur metaphysisch begreiflich, physisch ist sie eine Unmöglichkeit. Diesem zufolge ist andererseits das Hellsehen eine Bestätigung der Kantischen Lehre von der Idealität des Raumes, der Zeit und der Kausalität, die Magie aber überdies auch der meinigen von der alleinigen Realität des Willens, als des Kerns aller Dinge: hiedurch nun wieder wird auch noch der Bakonische Ausspruch, dass die Magie die praktische Metaphysik sei, bestätigt.

Erinnern wir uns jetzt nochmals der weiter oben gegebenen Auseinandersetzungen und der daselbst aufgestellten physiologischen Hypothese, welchen zufolge sämtliche durch das Traumorgan vollzogene Anschauungen von der gewöhnlichen, den wachen Zustand begründenden Wahrnehmung sich dadurch unterscheiden, dass bei der letzteren das Gehirn von aussen, durch eine physische Einwirkung auf die Sinne erregt wird, wodurch es zugleich die Data erhält, nach welchen es, mittels Anwendung seiner Funktionen, nämlich Kausalität, Zeit und Raum, die empirische Anschauung zustande bringt; während hingegen bei der Anschauung durch das Traumorgan die Erregung vom Innern des Organismus ausgeht und vom plastischen Nervensystem aus sich in das Gehirn fortpflanzt, welches dadurch zu einer der ersteren ganz ähnlichen Anschauung veranlasst wird, bei der jedoch, weil die Anregung dazu von der entgegengesetzten Seite kommt, also auch in entgegengesetzter Richtung geschieht, anzunehmen ist, dass auch die Schwingungen oder überhaupt inneren Bewegungen der Gehirnfibern, in umgekehrter Richtung erfolgen und demnach erst am Ende sich auf die Sinnesnerven erstrecken, welche also hier das zuletzt in Tätigkeit Versetzte sind, statt dass sie, bei der gewöhnlichen Anschauung, zuallererst erregt werden. Soll nun,   wie bei Wahrträumen, prophetischen Visionen und Geistererscheinungen angenommen wird,   eine Anschauung dieser Art dennoch sich auf etwas wirklich Äusseres, empirisch Vorhandenes, also vom Subjekt ganz Unabhängiges beziehen, welches demnach insofern durch sie erkannt würde, so muss dasselbe mit dem Innern des Organismus, von welchem aus die Anschauung erregt wird, in irgend eine Kommunikation getreten sein. Dennoch lässt eine solche sich empirisch durchaus nicht nachweisen, ja da sie vorausgesetzterweise nicht eine räumliche, von aussen kommende sein soll, so ist sie empirisch, d. h. physisch nicht einmal denkbar. Wenn sie also doch statthat, so muss dies nur metaphysisch zu verstehen und sie demnach zu denken sein als eine unabhängig von der Erscheinung und allen ihren Gesetzen, im Dinge an sich, welches als das innere Wesen der Dinge, der Erscheinung derselben überall zugrunde liegt, vor sich gehende und nachher an der Erscheinung wahrnehmbare:   eine solche nun ist es, die man unter dem Namen einer magischen Einwirkung versteht.

Fragt man, welches der Weg der magischen Wirkung, dergleichen uns in der sympathetischen Kur, wie auch in dem Einfluss des entfernten Magnetiseurs gegeben ist, sei, so sage ich: es ist der Weg, den das Insekt zurücklegt, das hier stirbt und aus jedem Ei, welches überwintert hat, wieder in voller Lebendigkeit hervorgeht. Es ist der Weg, auf welchem es geschieht, dass in einer gegebenen Volksmenge nach ausserordentlicher Vermehrung der Sterbefälle auch die Geburten sich vermehren. Es ist der Weg, der nicht am Gängelbande der Kausalität durch Zeit und Raum geht. Es ist der Weg durch das Ding an sich.

Wir nun aber wissen aus meiner Philosophie, dass dieses Ding an sich, also auch das innere Wesen des Menschen, sein Wille ist, und dass der ganze Organismus eines jeden, wie er sich empirisch darstellt, bloss die Objektivation desselben, näher, das im Gehirn entstehende Bild dieses seines Willens ist. Der Wille als Ding an sich liegt aber ausserhalb des principii individuationis (Zeit und Raum), durch welches die Individuen gesondert sind: die durch dasselbe entstehenden Schranken sind also für ihn nicht da. Hieraus erklärt sich, soweit, wenn wir dieses Gebiet betreten, noch unsere Einsicht reichen kann, die Möglichkeit unmittelbarer Einwirkung der Individuen aufeinander, unabhängig von ihrer Nähe oder Ferne im Raum, welche sich in einigen der oben aufgezählten neun Arten der wachenden Anschauung durch das Traumorgan, und öfter in der schlafenden, faktisch kundgibt; und ebenso erklärt sich aus dieser unmittelbaren, im Wesen an sich der Dinge gegründeten Kommunikation die Möglichkeit des Wahrträumens, des Bewusstwerdens der nächsten Umgebung im Somnambulismus und endlich die des Hellsehens. Indem der Wille des einen, durch keine Schranken der Individuation gehemmt, also unmittelbar und in distans, auf den Willen des anderen wirkt, hat er eben damit auf den Organismus desselben, als welcher nur dessen räumlich angeschauter Wille selbst ist, eingewirkt. Wenn nun eine solche, auf diesem Wege, das Innere des Organismus treffende Einwirkung sich auf dessen Lenker und Vorstand, das Gangliensystem, erstreckt, und dann von diesem aus, mittels Durchbrechung der Isolation, sich bis ins Gehirn fortpflanzt; so kann sie von diesem doch immer nur auf Gehirnweise verarbeitet werden, d. h. sie wird Anschauungen hervorbringen, denen vollkommen gleich, welche auf äussere Anregung der Sinne entstehen, also Bilder im Raum, nach dessen drei Dimensionen, mit Bewegung in der Zeit, gemäss dem Gesetze der Kausalität usw.: denn die einen wie die anderen sind eben Produkte der anschauenden Gehirnfunktion, und das Gehirn kann immer nur seine eigene Sprache reden. Inzwischen wird eine Einwirkung jener Art noch immer den Charakter, das Gepräge, ihres Ursprungs, also desjenigen, von dem sie ausgegangen ist, an sich tragen und dieses demnach der Gestalt, die sie, nach so weitem Umwege, im Gehirn hervorruft, aufdrücken, so verschieden ihr Wesen an sich auch von dieser sein mag. Wirkt z. B. ein Sterbender durch starke Sehnsucht oder sonstige Willensintention auf einen Entfernten, so wird, wenn die Einwirkung sehr energisch ist, die Gestalt desselben sich im Gehirn des anderen darstellen, d. h. ganz so wie ein Körper in der Wirklichkeit ihm erscheinen. Offenbar aber wird eine solche, durch das Innere des Organismus geschehende Einwirkung auf ein fremdes Gehirn leichter, wenn dieses schläft, als wenn es wacht, statthaben, weil im ersteren Fall die Fibern desselben gar keine, im letzteren eine der, die sie jetzt annehmen sollen, entgegengesetzte Bewegung haben. Demnach wird eine schwächere Einwirkung der in Rede stehenden Art sich bloss im Schlafe kundgeben können, durch Erregung von Träumen; im Wachen aber allenfalls Gedanken, Empfindungen und Unruhe erregen; jedoch alles immer noch ihrem Ursprunge gemäss und dessen Gepräge tragend: daher kann sie z. B. einen unerklärlichen, aber unwiderstehlichen Trieb, oder Zug, den, von dem sie ausgegangen ist, aufzusuchen, hervorbringen; und ebenso, umgekehrt, den, der kommen will, durch den Wunsch ihn nicht zu sehen, noch von der Schwelle des Hauses wieder zurückscheuchen, selbst wenn er gerufen und bestellt war (experto crede Ruperto). Auf dieser Einwirkung, deren Grund die Identität des Dinges an sich in allen Erscheinungen ist, beruht auch die faktisch erkannte Kontagiosität der Visionen, des zweiten Gesichts und des Geistersehens, welche eine Wirkung hervorbringt, die im Resultat derjenigen gleichkommt, welche ein körperliches Objekt auf die Sinne mehrerer Individuen zugleich ausübt, indem auch infolge jener mehrere zugleich dasselbe sehen, welches alsdann sich ganz objektiv konstituiert. Auf derselben direkten Einwirkung beruht auch die oft bemerkte unmittelbare Mitteilung der Gedanken, die so gewiss ist, dass ich dem, der ein wichtiges und gefährliches Geheimnis zu bewahren hat, anrate, mit dem, der es nicht wissen darf, über die ganze Angelegenheit, auf die es sich bezieht, niemals zu sprechen, weil er währenddessen das wahre Sachverhältnis unvermeidlich in Gedanken haben müsste, wodurch dem anderen plötzlich ein Licht aufgehen kann, indem es eine Mitteilung gibt, vor der weder Verschwiegenheit noch Verstellung schützt. Goethe erzählt (in den Erläuterungen zum W. O. Divan, Rubrik »Blumenwechsel«), dass zwei liebende Paare, auf einer Luftfahrt begriffen, einander Scharaden aufgaben: »gar bald wird nicht nur eine jede, wie sie vom Munde kommt, sogleich erraten, sondern zuletzt sogar das Wort, das der andere denkt und eben zum Worträtsel umbilden will, durch die unmittelbarste Divination erkannt und ausgesprochen.«   Meine schöne Wirtin in Mailand, vor langen Jahren, fragte mich in einem sehr animierten Gespräche an der Abendtafel, welches die drei Nummern wären, die sie als Terne in der Lotterie belegt hatte? Ohne mich zu besinnen nannte ich die erste und die zweite richtig, dann aber, durch ihren Jubel stutzig geworden, gleichsam aufgeweckt und nun reflektierend, die dritte falsch. Der höchste Grad einer solchen Einwirkung findet bekanntlich bei sehr hellsehenden Somnambulen statt, die dem sie Befragenden seine entfernte Heimat, seine Wohnung daselbst oder sonst entfernte Länder, die er bereist hat, genau und richtig beschreiben. Das Ding an sich ist in allen Wesen dasselbe, und der Zustand des Hellsehens befähigt den darin Befindlichen mit meinem Gehirn zu denken, statt mit dem seinigen, welches tief schläft.

Da nun andererseits für uns feststeht, dass der Wille, sofern er Ding an sich ist, durch den Tod nicht zerstört und vernichtet wird, so lässt sich a priori nicht geradezu die Möglichkeit ableugnen, dass eine magische Wirkung der oben beschriebenen Art nicht auch sollte von einem bereits Gestorbenen ausgehen können. Ebensowenig jedoch lässt eine solche Möglichkeit sich deutlich absehen und daher positiv behaupten, indem sie, wenn auch im allgemeinen nicht undenkbar, doch bei näherer Betrachtung grossen Schwierigkeiten unterworfen ist, die ich jetzt kurz angeben will.   Da wir das im Tode unversehrt gebliebene innere Wesen des Menschen uns zu denken haben als ausser der Zeit und dem Raume existierend, so könnte eine Einwirkung desselben auf uns Lebende nur unter sehr vielen Vermittlungen, die alle auf unserer Seite lägen, stattfinden, so dass schwer auszumachen sein würde, wie viel davon wirklich von dem Verstorbenen ausgegangen wäre. Denn eine derartige Einwirkung hätte nicht nur zuvörderst in die Anschauungsformen des sie wahrnehmenden Subjekts einzugehen, mithin sich darzustellen als ein Räumliches, Zeitliches und nach dem Kausalgesetz materiell Wirkendes, sondern sie müsste überdies auch noch in den Zusammenhang seines begrifflichen Denkens treten, indem er sonst nicht wissen würde, was er daraus zu machen hat, der ihm Erscheinende aber nicht bloss gesehen, sondern auch in seinen Absichten und den diesen entsprechenden Einwirkungen einigermassen verstanden werden will: demnach hätte dieser sich auch noch den beschränkten Ansichten und Vorurteilen des Subjekts, betreffend das Ganze der Dinge und der Welt, zu fügen und anzuschliessen. Aber noch mehr! Nicht allein zufolge meiner ganzen bisherigen Darstellung werden die Geister durch das Traumorgan und infolge einer von innen aus an das Gehirn gelangenden Einwirkung, statt der gewöhnlichen von aussen durch die Sinne gesehen, sondern auch der die objektive Realität der erscheinenden Geister fest vertretende J. Kerner sagt dasselbe, in seiner oft wiederholten Behauptung, dass die Geister »nicht mit dem leiblichen, sondern mit dem geistigen Auge gesehen werden«. Obwohl demnach durch eine innere, aus dem Wesen an sich der Dinge entsprungene, also magische Einwirkung auf den Organismus, welche sich mittels des Gangliensystems bis zum Gehirn fortpflanzt, zuwege gebracht, wird die Geistererscheinung doch aufgefasst nach Weise der von aussen, mittels Licht, Luft, Schall, Stoss und Duft auf uns wirkenden Gegenstände. Welche Veränderung müsste nicht die angenommene Einwirkung eines Gestorbenen bei einer solchen Übersetzung, einem so totalen Metaschematismus, zu erleiden haben! Wie aber lässt sich nun gar noch annehmen, dass dabei und auf solchen Umwegen noch ein wirklicher Dialog mit Rede und Gegenrede statthaben könne, wie er doch oft berichtet wird?   Beiläufig sei hier noch angemerkt, dass das Lächerliche, welches so gut wie andererseits das Grausenhafte, jeder Behauptung einer gehabten Erscheinung dieser Art mehr oder weniger anklebt und wegen dessen man zaudert sie mitzuteilen, daraus entsteht, dass der Erzähler spricht wie von einer Wahrnehmung durch die äusseren Sinne, welche aber gewiss nicht vorhanden war, schon weil sonst ein Geist stets von allen Anwesenden auf gleiche Weise gesehen und vernommen werden müsste, eine infolge innerer Einwirkung entstandene, bloss scheinbar äussere Wahrnehmung aber von der blossen Phantasterei zu unterscheiden, nicht die Sache eines jeden ist.   Dies also wären, bei der Annahme einer wirklichen Geistererscheinung, die auf der Seite des sie wahrnehmenden Subjekts liegenden Schwierigkeiten. Andere wieder liegen auf der Seite des angenommenermassen einwirkenden Verstorbenen. Meiner Lehre zufolge hat allein der Wille eine metaphysische Wesenheit, vermöge welcher er durch den Tod unzerstörbar ist; der Intellekt hingegen ist, als Funktion eines körperlichen Organs, bloss physisch und geht mit demselben unter. Daher ist die Art und Weise, wie ein Verstorbener von den Lebenden noch Kenntnis erlangen sollte, um solcher gemäss auf sie zu wirken, höchst problematisch. Nicht weniger ist es die Art dieses Wirkens selbst, da er mit der Leiblichkeit alle gewöhnlichen, d. i. physischen Mittel der Einwirkung auf andere, wie auf die Körperwelt überhaupt verloren hat. Wollten wir dennoch den von so vielen und so verschiedenen Seiten erzählten und beteuerten Vorfällen, die entschieden eine objektive Einwirkung Verstorbener anzeigen, einige Wahrheit einräumen, so müssten wir uns die Sache so erklären, dass in solchen Fällen der Wille des Verstorbenen noch immer leidenschaftlich auf die irdischen Angelegenheiten gerichtet wäre und nun, in Ermangelung aller physischen Mittel zur Einwirkung auf dieselben, jetzt seine Zuflucht nähme zu der ihm in seiner ursprünglichen, also metaphysischen Eigenschaft, mithin im Tode, wie im Leben, zustehenden magischen Gewalt, die ich oben berührt und über welche ich im »Willen in der Natur«, Rubrik »animalischer Magnetismus und Magie« meine Gedanken ausführlicher dargelegt habe. Nur vermöge dieser magischen Gewalt also könnte er allenfalls selbst noch jetzt was er möglicherweise auch im Leben gekonnt, nämlich wirkliche actio in distans, ohne körperliche Beihilfe, ausüben und demnach auf andere direkt, ohne alle physische Vermittlung, einwirken, indem er ihren Organismus in der Art affizierte, dass ihrem Gehirne sich Gestalten anschaulich darstellen müssten, wie sie sonst nur infolge äusserer Einwirkung auf die Sinne von demselben produziert werden. Ja, da diese Einwirkung nur als eine magische, d. h. als durch das innere, in allem identische Wesen der Dinge, also durch die natura naturans, zu vollbringende denkbar ist, so könnten wir, wenn die Ehre achtungswerter Berichterstatter dadurch allein zu retten wäre, allenfalls noch den verfänglichen Schritt wagen, diese Einwirkung nicht auf menschliche Organismen zu beschränken, sondern sie auch auf leblose, also unorganische Körper, die demnach durch sie bewegt werden könnten, als nicht durchaus und schlechterdings unmöglich einzuräumen, um nämlich der Notwendigkeit zu entgehen, gewisse hochbeteuerte Geschichten, der Art wie die des Hofrat Hahn in der Seherin von Prevorst, weil diese keineswegs isoliert dasteht, sondern manches ihr ganz ähnliche Gegenstück in älteren Schriften, ja auch in neueren Relationen aufzuweisen hat, geradezu der Lüge zu bezichtigen. Allerdings aber grenzt hier die Sache ans Absurde: denn selbst die magische Wirkungsweise, soweit sie durch den animalischen Magnetismus, also legitim beglaubigt wird, bietet bis jetzt für eine solche Wirkung allenfalls nur ein schwaches und auch noch zu bezweifelndes Analogon dar, nämlich die in den »Mitteilungen aus dem Schlafleben der Auguste K... zu Dresden« 1843 behauptete Tatsache, dass es dieser Somnambule wiederholt gelungen sei, durch ihren blossen Willen, ohne allen Gebrauch der Hände, die Magnetnadel abzulenken.

Die hier dargelegte Ansicht des in Rede stehenden Problems erklärt zuvörderst, warum, wenn wir eine wirkliche Einwirkung Gestorbener auf die Welt der Lebenden auch als möglich zugeben wollen, eine solche doch nur überaus selten und ganz ausnahmsweise statthaben könnte; weil ihre Möglichkeit an alle die angegebenen, nicht leicht zusammen eintretenden Bedingungen geknüpft wäre. Ferner geht aus dieser Ansicht hervor, dass, wenn wir die in der Seherin von Prevorst und den ihr verwandten Kernerschen Schriften, als den ausführlichsten und beglaubigtesten, gedruckt vorliegenden Geisterseherberichten, erzählten Tatsachen nicht entweder für rein subjektiv, blosse aegri somnia, erklären, noch auch uns mit der oben dargelegten Annahme einer retrospective second sight, zu deren dumb shew (stummer Prozession) die Seherin aus eigenen Mitteln den Dialog gefügt hätte, begnügen, sondern eine wirkliche Einwirkung Gestorbener der Sache zum Grunde legen wollen; dennoch die so empörend absurde, ja niederträchtig dumme Weltordnung, die aus den Angaben und dem Benehmen dieser Geister hervorginge, dadurch keinen objektiv realen Grund gewinnen, sondern ganz auf Rechnung der, wenn auch durch eine von ausserhalb der Natur kommende Einwirkung rege gemachten, dennoch notwendig sich selber treu bleibenden Anschauungs- und Denktätigkeit der höchst unwissenden, gänzlich in ihren Katechismusglauben eingelebten Seherin zu setzen sein würde.

Jedenfalls ist eine Geistererscheinung zunächst und unmittelbar nichts weiter, als eine Vision im Gehirn des Geistersehers: dass von aussen ein Sterbender solche erregen könne, hat häufige Erfahrung bezeugt; dass ein Lebender es könne ist ebenfalls in mehreren Fällen von guter Hand beglaubigt worden: die Frage ist bloss, ob auch ein Gestorbener es könne.

Zuletzt könnte man, bei Erklärung der Geistererscheinungen, auch noch darauf provozieren, dass der Unterschied zwischen den ehemals gelebt Habenden und den jetzt Lebenden kein absoluter ist, sondern in beiden der eine und selbe Wille zum Leben erscheint, wodurch ein Lebender, zurückgreifend, Reminiszenzen zutage fördern könnte, welche sich als Mitteilungen eines Verstorbenen darstellen.

Wenn es mir durch alle diese Betrachtungen gelungen sein sollte, auch nur ein schwaches Licht auf eine sehr wichtige und interessante Sache zu werfen, hinsichtlich welcher seit Jahrtausenden zwei Parteien einander gegenüberstehen, davon die eine beharrlich versichert »es ist!« während die andere hartnäckig wiederholt »es kann nicht sein«, so habe ich alles erreicht was ich mir davon versprechen und der Leser billigerweise erwarten durfte.

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