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Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt

Arthur Schopenhauer: Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
authorArthur Schopenhauer
titleVersuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt
publisherFr. Fromms Verlag (H. Kurz)
editorG. F. Hartlaub
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160528
projectidc3b4a7c7
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[Einleitung]

Der hier neugedruckte Aufsatz aus Arthur Schopenhauers »Parerga und Paralipomena« (1851) berührt ein Gebiet, für das man gemeinhin den etwas anrüchigen Titel » Okkultismus« zu benutzen pflegt   ein brauchbarerer Sammelname ist bisher nicht in Vorschlag gebracht worden. Wir verstehen darunter die wissenschaftlich gemeinte Beobachtung und Beschreibung einer Reihe von Phänomenen, sowie auch einen Zusammenhang darauf aufgebauter Schlussfolgerungen, die beide innerhalb eines verstandesgemässen und durch die Gewohnheit bestätigten natürlichen Weltbildes, wie es durch die Gesetze von Raum, Zeit, Kausalität usw. bedingt ist, mindestens zunächst als wunderbar und dunkel anmuten und die daher   wiederum mindestens auf den ersten Blick   als unberechenbare Wirkungen einer übernatürlichen Macht genommen zu werden pflegen. Jedenfalls erscheint diese Macht bei allen solchen Vorgängen als eine unkörperliche, seelisch-geistige, die aber auf ein Körperliches wirkt oder doch innerhalb von körperlichen Bedingungen wirksam wird; sie scheint also grossenteils auf das Gebiet der psychophysischen Wechselwirkung hinzudeuten, von der sie aber gleichsam nur abnorme Fälle darstellt. Die Typik dieser Fälle zerfällt in solche, die mehr äusserlich greifbar, erfahrbar im Sinne naturwissenschaftlicher Beobachtung sein sollen (etwa seelische und körperliche Fernwirkung, sog. Materialisationen, Geistererscheinungen, Prophetie usw.) und solche mehr innerlich persönlicher Art, wozu ein grosser Teil der theosophisch-gnostischen Offenbarungen mit ihren Anthropologien und Kosmologien gehört. Da es vor allem das weite Gebiet der religiösen Erfahrung ist, das solche ungeregelten Einbrüche als psychisch empfundener Kräfte in die raumzeitlich-mechanische Natur als » Wunder« zu kennen vorgibt, berührt sich Okkultismus mindestens äusserlich mit der Welt des Glaubens im weitesten Sinn, nur dass er sich nicht mit der gläubigen Hinnahme der Wunder begnügt, sondern ihre Erscheinungsarten vergleichend rubriziert und schliesslich nach dem geheimen Gesetze dieser Wechselwirkungen sucht.  

Für eine ältere religiöse oder spekulative Weltbetrachtung, wie sie noch weit über das Mittelalter hinaus vorherrschend blieb und mit der naturwissenschaftlichen Empirie mehr oder weniger im Kampfe lag, war mit den okkulten Erscheinungen im allgemeinen kaum ein besonderes Problem gegeben, jedenfalls kein Problem im Hinblick auf ihr wirkliches Auftreten. Die Tatsachen der Magie im weitesten Sinn des Worts schienen gleichsam als »praktische Metaphysik« in der Erfahrung gegeben oder doch überliefert, sie ordneten sich auf alle Fälle den religiös-spekulativen Voraussetzungen meist ziemlich widerspruchslos ein, ohne freilich immer von diesen geradezu gefordert zu werden. Je mehr sich dagegen die Methoden der modernen exakt rechnenden und messenden Empirie durchsetzten, je unerbittlicher infolgedessen die naturgesetzliche Bestimmtheit von Raum und Zeit und einer in ihr sich kausal-mechanisch entfaltenden Körperwelt hervortrat, um so unbegreiflicher und isolierter, unglaubwürdiger wurden jene Erscheinungen und Lehren, zumal sie auch einer naturwissenschaftlich messenden Nachprüfung sich zu entziehen schienen. Man versteht daher, wie seltsam in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts, also am Ende des grossen Aufklärungszeitalters der Denker und Naturforscher Immanuel Kant, durch die ihm ganz fremdartige Erscheinung eines Swedenborg berührt werden musste und wie eifrig er insbesondere den unmittelbar vorliegenden Fall des Brandes von Stockholm, dessen der Hellseher telepathisch gewahr geworden war, nachzuprüfen suchte. Der Metaphysiker älteren Schlages, der damals noch in Kant steckte und der den »mundus intelligibilis« Swedenborgs als einen erhabenen Gedanken empfand, wagte in den » Träumen eines Geistersehers erläutert durch Träume der Metaphysik« jenes denkwürdige System zu entwerfen, von dem aus eine Gemeinschaft mit der Geisterwelt theoretisch möglich schien. Der werdende Kritizist und Erkenntnistheoretiker in ihm dagegen beeilte sich an der gleichen Stelle, jeden solchen Entwurf als blossen Traum einer innerlich unmöglichen Metaphysik wieder nichtig zu machen, deren Begriffe nicht in der Erfahrung gegeben seien. So ward, nachdem die Naturwissenschaft längst über der Wirklichkeit der behaupteten Erfahrungen den Stab gebrochen, auch der Spekulation verwehrt, sie auf ihre Weise wieder in ihre Rechte einzusetzen   und auch das religiöse Bewusstsein im Sinne Kants meinte auf wunderbare Bestätigungen äusserer Art verzichten zu können. Das Ende des älteren Okkultismus schien da; jeder tieferen Notwendigkeit beraubt schien er zur Afterwissenschaft herabsinken zu müssen, der einst mit seinem prophetischen, alchemistischen, astrologischen Inhalt die geistige Haltung ganzer Kulturen wesentlich mitbestimmt hatte. Was einst » Mystik der Oberfläche« gewesen war,   Erfahrung also und intuitives Wissen von gewissen abnormen äusseren Durchbrüchen des sonst nur innerlich gegenwärtigen übervernünftigen Weltgrundes in die Ebene der physischen Gesetzlichkeit  , das schien jetzt bestimmt, zur blossen » Mystik der Oberflächlichen« herabzusinken, die diesen Weltgrund innerlich längst nicht mehr besassen.

Die heutige Generation, die dieses von Kant gesprochene Urteil im wesentlichen nur bestätigt, ja noch verschärft hat, nimmt mit einiger Verlegenheit wahr, dass die Philosophie der Romantik, indem sie mit aller Macht gegen die dualistische Zersprengung von Erscheinung und Ding an sich, Subjekt und Objekt, praktischer und theoretischer Vernunft den alten magischen Monismus aufrief, auch in bezug auf die Nachtseiten der Natur von Kant abgebogen ist, oder ihn selber auch in diesem Punkte umzubiegen getrachtet hat. Theosophische Naturansichten, literarisch von den Kabbalisten der Renaissance und insbesondere von Jakob Böhme her übermittelt, neu bezeugt durch die Offenbarungen des Wundermannes Swedenborg nach seiner erstaunlichen Wandlung vom Wissenschaftler zum Hellseher und Gnostiker, mündlich immer in maurerischen Kreisen bewahrt, drangen auch zu Goethe und bauten in höchster Veredelung zu ihrem Teile mit an dem ihm eigentümlichen Kosmos. Bei Novalis und Görres, die bewusst zwischen dichterischer und wissenschaftlicher Wahrheit keinen Unterschied machten, in der maurerischen Philosophie Krauses, in der Gnosis Baaders, bei Schelling, Troxler, beim jüngeren Fichte, ja sogar bei katholischen Philosophen wie Bolzano sind theosophische Grundansichten oder doch okkultistische Einzelzüge nachweisbar, während ziemlich für sich stehend der Physiker Gustav Theodor Fechner in seinem Erstlingswerke über das »Leben nach dem Tode« (1836) und später 1851 im »Zend Avesta«, unkantisch aber durchaus nicht ungoethisch Beobachtung und Intuition verbindend, uralte Fragen, die der Okkultismus aus dem Glauben losgelöst hatte und für sich zu betrachten pflegte (wie den Verkehr mit den Toten und das Dasein der Gestirnseelen), wieder unvoreingenommen zu lösen suchte.

Ziemlich in Vergessenheit hingegen ist heute geraten, dass damals neben den spekulativ-intuitiven Philosophien ganz folgerichtig eine neue umfangreiche Bestandesaufnahme der okkulten Einzelerfahrungen ins Werk gesetzt wurde. Diese Phänomenologie war freilich wesentlich eingeschränkter als etwa in der Renaissance oder gar im Morgenlande; Astrologie und Alchemie im eigentlichen Sinn, die ja auch (in Rosenkreuzertum und Maurerei) Selbstversenkungserfahrungen ähnlich dem indischen Yoga gekannt hatten, wurden im allgemeinen beiseite geschoben, wie überhaupt die neueinsetzende Beschäftigung mit der östlichen Weisheit auf unserem Gebiete noch wenig Folgen zeitigte. Man beschränkte sich auf den an sich altbekannten Erfahrungskreis, den man damals mit den weiten Sammelbegriffen des Somnambulismus und sog. animalischen Magnetismus zusammenfasste, worunter im wesentlichen auch die heute »mediumistisch« genannten Erscheinungen fallen. Eine intime Beobachtung magnetischer Personen, des Traumlebens und der magischen Erscheinungen setzte ein und schuf bei Kerner, Horst, Kieser, Eschenmayer, Görres, Windischmann, Schubert ein riesiges Schrifttum, das heute fast verschollen ist, weil diese Sammler und Beobachter nicht kritisch im heute gültigen Sinn vorgegangen sind und in ihrem helfenden Glauben gewisse Fehlerquellen nicht zu berücksichtigen verstanden.

Schopenhauer auf alle Fälle, als er in den vierziger Jahren die Niederschrift seines Versuchs über das Geistersehen verfasste, fusste im wesentlichen auf diesen umfangreichen Berichtsammlungen, die er wohl nur für eine erfahrungsmässige Bestätigung der gewaltigen Ueberlieferungsmassen ansah, wie sie ihm aus dem Altertum und der Renaissance überkommen und wie sie durch die Aufklärung dann allmählich in den Hintergrund gedrückt worden waren. Manche grosse Bezirke dieser Tradition, wie die einst so mächtige Alchemie und Astrologie, im gewissen Sinne auch das gesamte Geisterwesen, insofern es sich um eine Wirkung der Toten auf die Lebendigen handelt, schienen ihm freilich nur aus spekulativen Gesichtspunkten her nicht ganz undenkbar Vgl. seine Schrift »Über die scheinbare Vorherbestimmung im Schicksal des Einzelnen«., andere, wie die Erfahrungen der Meditation und des Yoga, ignorierte auch er; aber ein gewisser Kreis von Tatsachen stand ihm auf Grund jener genügend beglaubigten Berichte, z. T. sogar infolge eigener Erfahrung hinreichend fest. Die » Vorfragen« schienen Schopenhauer genügend geklärt; nur die Engländer als das klassische Volk der modernen Empirie schienen ihm noch in der »Skepsis der Ignoranz« beharren zu wollen, wohingegen ihm Kants Kritizismus keine grossen Schwierigkeiten bereitete: setzte er doch dessen erkenntnistheoretischen Grenzbegriff des »Ding an sich« (freilich höchst unkantisch) mit seinem metaphysischen Willensprinzip eins, was ihm gestattete, den »Träumen der Geisterseher« keineswegs nur luftige »Träumereien der Metaphysik« gegenüberzustellen, sondern seinen ernsthaften »Versuch« einer sachlich begründeten Hypothese.

Diese Hypothese hatte im Gegensatz zu den meisten romantischen Weltansichten nichts eigentlich theosophisches an sich. Theosophie ist in irgend einem Sinne immer monistisch, indem sie Gott, die Urtatsache, als Identität aller polaren Differenzierungen voraussetzt und durch die Anwesenheit Gottes im entfalteten Kosmos beständig eine magische Einheitsbeziehung dieser Pole verbürgt. Leibliches ist so in Geistiges wandelbar und umgekehrt. Geistiges hat vom anderen Pol her gesehen immer noch einen verfeinertsten Leib, Körperliches vom Geist gesehen ist doch nur sinnfällig gewordene Zahl, Form, Verdunkelung, Maya eines körperlosen Lichtes. Theosophie ist zugleich anthropomorphistisch, indem sie den Menschen als Frucht, Quintessenz des gottentstammenden Kosmos gleichzeitig als dessen vollkommensten Spiegel, als sein Abbild betrachtet, so dass also durch Innenschau und Analogieschluss vom Menschen aus sich alle Welträtsel lösen müssen. Theosophie ist Anthroposophie (wie der Ausdruck des Schelling-Schülers Troxler lautet). Für das theosophische Weltbild ist daher auch der Gegensatz von übernatürlich und natürlich, diesseits und jenseits nur ein relativer, letzten Endes ungültiger; »Wunder« ist nur Bekundung eines verborgeneren, in höheren oder tieferen Ebenen wurzelnden Naturgesetzes transmechanischer Art. Schopenhauers idealistische Metaphysik zerreisst das Sein in zwei unvergleichbare Hälften: die blinde Willenswelt der Dinge an sich, von der weiter durch Verstand und Erfahrung nichts ausgesagt werden kann, und die blosse Erscheinung oder Vorstellung, eine Illusion, die mein metaphysisches Ich (also auch ein Willensmässiges) vermittels des Gehirns gesetzmässig nach Raum, Zeit, Kausalität sich schafft. Die illusionäre Vorstellung ist das Diesseits, der Wille das Jenseits, alle okkulten Wirkungen und Erscheinungen, so verschieden sie sich geben, sind abnorme Bekundungen des einen Willens an sich, der hie und da jene selbstgesetzte Vorstellungswelt in ihrer zutage tretenden Gesetzmässigkeit zerreisst. Sie scheinen daher auch, wie bei Schopenhauer aufs glücklichste hervortritt, sämtlich aus einer einzigen Wurzel abzustammen. Uebernatürliche Vorgänge wie eine Geistererscheinung, eine Manifestation Sterbender, ein prophetischer Traum, sind sämtlich bloss vom jenseitigen Willen bewirkte Phänomene. Das ist nun freilich nach Schopenhauer die »wirkliche«, natürliche Erscheinungswelt ebenfalls. Der Unterschied ist aber der, dass diese Erscheinungswelt sich der raumzeitlichen, kausalen Gesetzmässigkeit fügt, während jene sich ausserhalb derselben bekundet. So schliesst sich für Schopenhauer   ganz im Gegensatz zum theosophischen Monismus   jede »natürliche« d. h. hier also erscheinungsgesetzmässige, mithin naturwissenschaftliche Erklärung der fraglichen Tatsachen aus, sie sind schlechthin übernatürliche Einbrüche;   während dem Romantiker immer noch das Ideal einer höheren Naturwissenschaft vorschweben konnte, welches schliesslich auch die transmechanische Welt umschliessen würde.  

Wie man nun auch zu der dualistischen Metaphysik Schopenhauers im ganzen stehen mag, auf alle Fälle erweist sich sein Phänomenalismus gerade gegenüber dem okkulten Gebiet als überaus fruchtbar. Es handelt sich für ihn um Phänomene im Sinne von Illusionen, die sich von der objektiven »Wirklichkeit«, in der die Illusion gleichsam fest geworden ist, gründlich unterscheiden. Aber die Ursache jener gleichsam gesetzlosen Phänomene ist im höchsten Grade real, nicht etwa bloss im Sinne subjektiver Täuschungsanlässe wie bei der Halluzination, sondern als von ausserhalb des blossen Subjektes veranlasst, oder doch aus einer Tiefe des Subjekts herstammend, wo dieses ausserhalb der normalen raumzeitlichen Individuation noch mit dem Grunde der Wesen zusammenhängt und so ganz andere Beziehungs-und Verkehrsmöglichkeiten mit ihnen besitzt. Für Schopenhauer ist dieser Wesensgrund etwas schlechthin Transzendentes, die höchstens durch intellektuelle Anschauung erfassbare Welt seines blindwaltenden Willens. Eine theosophische, ja auch eine psychologische Betrachtung im Sinne moderner Wissenschaft würde sich damit begnügen, diesen allwissenden und allmächtigen Punkt in uns, von dem aus angeblich der Somnambule hellsichtig, der Magier fernwirkend wird, psychologisch als das »tiefste Unbewusste«, philosophisch als eine andere Ebene und Raumschicht der Naturtotalität zu bezeichnen, ohne sich über deren Verhältnis zu Raum, Zeit, Kausalität usw. voreilig festzulegen. Auch ohne Schopenhauers transzendentale Spekulationen bleibt seine Lehre brauchbar, dass von diesem, wie auch immer bestimmten Zentrum her wohl durch psycho-physische Wechselwirkung eine Reizung unseres Gehirns, unserer Sinnesnerven stattfinden kann, die darauf antworten, als wären sie im normalen Sinn von aussen her gereizt: nämlich in den subjektiven Anschauungsformen und Kategorien von Raum, Zeit, Kausalität und nach Massgabe der spezifischen Sinnesenergien, (unter Umständen, etwa bei Geistererscheinungen und deren Reden, mediumistischen Mitteilungen usw., sogar unter Verwendung des Vorstellungsvorrats im subjektiven Bewusstsein). Mit seinem so ins Psychologische gewandten Phänomenalismus überwindet Schopenhauer den naiven Realismus der »wirklichen« Geistererscheinungen und sonstigen Vorgänge, wie etwa der Spiritismus sie lehrt, und erklärt zwanglos, warum alle Erscheinungen und Eingebungen aus dem »Jenseits« notwendig menschlich, irdisch, ja subjektiv gefärbt sein müssen, ohne doch des ausserkörperlichen Anlasses zu entbehren. Mit dieser seiner Annahme realer, extrasomatischer Beweggründe entgeht er andrerseits der heute so beliebten Auskunft, sämtliche Phänomene als bloss subjektive Einbildung, wenn nicht gar als Schwindel erklären zu wollen.

Dass Innenreize durch Vermittlung von Gehirn und Sinnesnerv zum Hinausprojizieren subjektiv gesetzmässiger Erscheinungen führen können, fand Schopenhauer bestätigt durch die Tatsache des Traums. Zunächst war ihm einmal klar, dass innere somatische Reize zu entsprechenden symbolischen Traumbildern führen können, und er ist mit dieser hinreichend deutlich ausgesprochenen Erkenntnis ein Vorläufer Scherners, dessen Lehre von den symbolischen Leibreizträumen heute so stark bei Freud weiter wirkt. Aber durch die Real-Phänomene des Okkultismus sah Schopenhauer sich zu der Annahme veranlasst, dass das » Traumorgan«, wie er es nannte, im Gegensatz zu Scherners späteren Ausführungen und den heutigen Denkgewohnheiten gelegentlich auch durch extrasomatische psychische Ursachen gereizt sein könne, anders ausgedrückt, dass es bisweilen im Tiefschlaf aus jenem letzten Wesensgrunde seine Impulse empfängt, in dem persönliche Seelenhaftigkeit mit kollektiver Seelenhaftigkeit zusammenzufallen scheint. Von »unserer träumenden Allwissenheit« spricht Schopenhauer, indem er einen Punkt berührt, wo ihm der bewusstlose Wille gleichsam in die erste, umfassendste Vorstellungsfülle umzuschlagen scheint. Durch sorgfältige Unterscheidung von Wachtraum, Halbschlaf- und Tiefschlaftraum mit ihren eigentümlichen Vermögen und Mehrleistungen kam Schopenhauer so zu der wohl höchst zukunftsreichen Verbindung der Traumpsychologie mit dem Okkultismus, wobei ihm eigene Erfahrung die wesentlichsten Dienste leistete.

All diese Hypothesen und Hilfsannahmen freilich hatten nur dann einen Wert, wenn wirklich, wie Schopenhauer meinte, die Vorfragen geklärt, die Erfahrungen selber eindeutig sichergestellt waren. In dieser Hinsicht hat sich Schopenhauer als ein schlechter Prophet erwiesen. Trotzdem nach seinem Tode noch eine gewisse philosophische Beschäftigung mit den okkulten Fragen möglich blieb ( Hellenbach, du Prel u. a.), siegte der Standpunkt Kants in seinen »Träumen« auf der ganzen Linie über Schopenhauers »Versuch«. Alles und gerade die »Vorfragen« sind wieder problematisch geworden und wie Schopenhauer damals gegen die »Skepsis der Ignoranz« von der Aufklärung her zu kämpfen hatte, so muss ein überzeugter und ernsthafter Okkultist heute gegen die seit Schopenhauers Tagen ungeheuer entwickelte mechanistisch-naturwissenschaftliche Weltansicht streiten, die zusammen mit dem neukantischen Kritizismus ein noch viel stärkeres Bollwerk gegen jeden Willen zu vorurteilsfreier Beschäftigung mit den okkulten Dingen bildet. Auch von modern-religiöser und metaphysischer Seite her findet die »Geheimwissenschaft« keinerlei Unterstützung mehr. Liberale Theologie hat die religiösen Heilsberichte mit all ihren wunderbaren Bekundungen längst der natur- und geschichtswissenschaftlichen Kritik und damit der Zersetzung überlassen; auch eine mehr mystisch gerichtete Innerlichkeit unserer Tage gibt Natur und Geschichte einer mechanistisch-kausalistisch gesonnenen Forschung preis und zieht sich auf eine agnostische Glaubens- und Erlebnisgewissheit zurück, die angeblich keiner phänomenalen Bestätigung durch äussere Erfahrung mehr bedarf. Mit dem » Wunder«, das der Theosoph und auch der spekulative Philosoph als höchsten Grenzfall des okkulten Geschehens, und damit als mächtigstes Zeichen unmittelbaren Durchbruchs geistiger Mächte durch die äussere Gesetzlichkeitsschicht der (materiellen) Natur fassen könnte, weiss heutige ethisch oder mystisch gerichtete Innerlichkeit in ihrer dualistischen Naturferne nichts anzufangen. Sie hat grosse Angst vor einer Verwechslung von Religion und Okkultismus, obgleich sich Okkultismus zu religiöser Erfahrung bestenfalls so verhalten könnte, wie die Psychologie zur Logik: er berührt nicht die Sphäre der Werte, sondern zeigt nur den Ablauf gewisser Seinsfunktionen, an denen eine entsprechende Beurteilung erst den religiösen Sinn und Wert abzulesen hätte. Die spekulative Metaphysik endlich, im Sinne Schopenhauers, ist heute im allgemeinen tot; von ihr aus kommt der Beschäftigung mit unserem Problemenkreis erst recht keine Aufmunterung mehr! Ja, sogar die intuitive Theosophie,   in der Romantik von edelsten Geistern verwaltet, aber heute mit all ihren neubuddhistischen Erweiterungen und trotz aller anregenden Kraft, die heimlich von ihr ausgeht, nicht überall in den besten Händen mehr,   glaubt kraft ihrer introspektiven Methoden auf die gröberen, im engeren Sinne okkulten Phänomene, wie sie Schopenhauer beschreibt, sich nicht mehr stützen zu sollen, obgleich gerade hier eine Brücke zur Verständigung mit der offiziellen Erfahrungswissenschaft geschlagen werden könnte.

So hat also eine neue empirische Forschung, wie sie gerade die von Schopenhauer so verschrieenen Engländer am vorurteilsfreiesten wieder eingeleitet haben, schwer mit einer allgemeinen Skepsis zu kämpfen, in der die sublime Vorsicht höchster Wissenschaftlichkeit sich merkwürdig mit dem gesunden Menschenverstand des Laien begegnet. Diese Skepsis verlangt vor allem die Anwendung jener strengen Vorsichtsmethoden, wie sie etwa die Physik ausgebildet hat, auf die » Prüfung« der behaupteten Tatsachen. Sie möchte dadurch Schwindel und Selbsttäuschung ausschliessen, fragt sich aber nicht, ob sie so nicht den Teufel durch Beelzebub austreibt, d. h. ob sie nicht eben durch solche Sicherungsmethoden die zur Erzeugung der echten Phänomene nötigen psychischen Voraussetzungen ertötet, ob sie also nicht im letzten Grunde mit ihrer äusseren Exaktheit doch unsachgemässer verfährt als die Unkritik der romantischen Aerzte. Diese Skepsis glaubt in ihrer Angst vor »Mystik« (nicht ahnend, dass Mystik an richtiger Stelle noch stets zu den Voraussetzungen jeder schöpferisch-naiven Kultur gehört hat) wunder wie exakt zu verfahren, wenn sie gegenüber gewissen Erscheinungen zu den gezwungensten, gelegentlich auch wieder den genügsamsten Erklärungsanalogien auf dem Boden heutiger Naturkunde und Psychologie ihre Zuflucht nimmt und sie dadurch zu »entlarven« meint. Trotzdem ist auch unbefangene Forschung am Werk, von ernsthaften Aerzten, Psychoanalytikern, Physikern hier und dort betrieben, überall leider kompromittiert durch die unwillkommene Mitarbeit von harmlosen Leichtgläubigen und Charlatanen, und fast ohne organisierten Arbeitszusammenhang, zumal auch ein wirklich befriedigendes Publikationsorgan wenigstens in Deutschland noch fehlt. Der Kreis der neu erforschten Tatsachen an sich hat sich gegenüber den von Schopenhauer aufgezählten merkwürdig wenig verändert, die behaupteten Erscheinungen sind dieselben geblieben, ja der äussere Ablauf in den einzelnen typischen Vorgängen stimmt geradezu verblüffend mit den älteren und ältesten Berichten überein, vom Spukhaus bis zum telepathischen Traum; eine Tatsache, die allein schon unseren Zweiflern aus Grundsatz zu denken geben sollte. Gewisse Sachverhalte sind neu eingeordnet, genauer beschrieben und benannt worden, vor allem psychiatrische Forschung hat hier unbefangener gearbeitet; einige wenige Tatsachen scheinen sogar neu erkannt worden zu sein. Trotzdem die Fehlerquellen in der grobsinnig okkultistischen Ausdeutung aller Phänomene immer schärfer bestimmt werden, trotzdem die Angst der offiziellen Gelehrsamkeit, sich durch Sensation und Leichtglauben zu kompromittieren, immer wieder zu beinahe affektierten Vorkehrungen der Skepsis anhält, zeigt sich für den, der die international zerstreute Forschung unbefangen überblickt, dass fast auf allen fraglichen Gebieten seit der verschollenen Romantik wieder ein neues, oft weit besser beglaubigtes Material gesammelt worden ist. Hier und da wagt denn auch bereits ein bedeutender Denker das Bestehen jener Vorgänge ins Auge zu fassen und wieder gewisse Schlüsse daraus zu ziehen; hier und da wird von ernsthaften Theologen auch aufmerksam erörtert, wie neueste » anthroposophische« Gnosis auf okkulten Voraussetzungen ein umfassendes Weltbild türmt, das heutiger Denkgewohnheit freilich in allem widerspricht, aber gewissen tiefwurzelnden Bedürfnissen der Menschennatur doch merkwürdig entgegenzukommen scheint.

Mit der offiziellen Anerkennung des Hypnotismus, einer im Grunde immer noch »okkulten« Tatsache, deren Phänomenologie und Praxis viel weiter fortgeschritten ist als ihre erklärende Theorie, war ein erster Einbruch in die Skepsis der kritischen, oft auch noch materialistischen Wissenschaft geschehen. Schon wanken gewisse andere feste Bollwerke des naturwissenschaftlichen Dogmas: gegen die theoretisch und praktisch so folgenschwere, wissenschaftlich so rätselhafte Tatsache der Telepathie in ihren verschiedenen Erscheinungsformen wird der Widerspruch zusehends schwächer. Andere Stützpunkte werden fallen, nachdem erst feinere und angemessenere, auf Selbstbeobachtung, wohlerwogenem Vertrauen und einfacher Tatbestandsbeschreibung erwachsene Prüfungsmethoden gefunden wurden. Nachträglich wird man erkennen, dass jene Stützpunkte alle in unterirdischer Verbindung standen, dass mit dem Fall des einen auch die anderen schon zum Niederbruch verurteilt waren. Inzwischen wird auch die mathematisch-naturwissenschaftliche, psychologische und philosophische Weltbetrachtung gewisse Wandlungen durchgemacht haben, wie sie sich schon heute anzukünden beginnen. Auf die Gefahr hin, kein besserer Prophet zu sein, als Schopenhauer vor 70 Jahren, darf man voraussehen, dass die bisher von Psychopathen, Aussenseitern, abergläubischen Kindern und Narren betriebene Afterwissenschaft dermaleinst wieder zu einigen Ehren aufgenommen sein wird. Man wird dann vielleicht beträchtliche Korrekturen in den allgemeinen Voraussetzungen der heutigen Weltbetrachtung vornehmen müssen,   ohne das Fundament der wissenschaftlichen Vernunft mit ihren wesentlichen Eroberungen darum wieder aufzugeben. Glaube, Poesie auf der einen, Natur- und Geschichtswissenschaft auf der anderen Seite werden den Menschen nicht mehr so erbarmungslos in ganz verschiedene Richtungen hinauszerren und auseinanderreissen, geistige und natürliche Wahrheit sich nicht mehr so unwiderruflich widersprechen.

Die Welträtsel werden nicht gelöst sein, aber die Grenzpfähle des Unerforschlichen um ein kleines weiter hinausgerückt.

Mannheim, im Sommer 1922.
G. F. Hartlaub

Nachbemerkung: Der nachfolgende Abdruck erfolgt auf Grund der Kehrbachschen Ausgabe in Reclams Universalbibliothek, deren Verlag die Benützung freundlichst gestattet hat. Auf Wunsch des Verlags und des Herausgebers sind jedoch gewisse Kürzungen vorgenommen worden. Sie beziehen sich auf die zahlreichen Quellenangaben, weil diese heute nur schwer zugänglich und in gewissem Sinne überholt sind. Ausserdem konnte der lange Ausfall gegen die Engländer, als sachlich nicht hinzugehörig und vom Gegenstande ableitend, ohne Bedenken fortgelassen werden.

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