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Verschollene Inseln

Julius Rodenberg: Verschollene Inseln - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJulius Rodenberg
titleVerschollene Inseln
publisherVerlag von Julius Springer
year1861
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Jersey und Guernsey.

(1860.)

 

Am weißen Felsen hier im Thale
Da schlug der Normann sein Gezelt;
Sein Becher ward beim ersten Mahle
Dort auf den Steinblock ihm gestellt.
Französisch Losungswort durchhallte
Auf Sachsengrund die Herbstesnacht,
Und über jenen Hügel wallte
Sein Banner morgens zu der Schlacht.

Gottfried Kinkel

 

Jersey.

1. St. Hélier.

Die Fahrt von den Häfen der englischen Südküste nach Jersey ist beschwerlich und durchaus nicht ohne Gefahr. Der Kanal ist ein wildes Gewässer, welches nie ganz ruhig wird, und die Felsen, welche die normannischen Inseln umgürten, haben eine traurige Berühmtheit erlangt. Es ist noch kein Jahr, da scheiterte das königliche Postdampfschiff »Expreß« auf einem dieser Felsen, nicht zwei Meilen weit von der Küste, am hellen Tage und im Sonnenschein, Morgens um acht Uhr.

Ich machte die Fahrt von Newhaven aus, einem kleinen Port zwischen Brighton und Hastings. In der Dämmerung jenes Tages sah ich die Ebene, auf welcher die Siegesfahnen Wilhelms des Eroberers geflattert haben; und gegen Mitternacht stand ich auf den Kalkfelsen, unter denen seine Fahrzeuge vor Anker gegangen sind. – In dem Präfekturgebäude zu Bayeux in Frankreich zeigt man noch alte gewirkte Teppiche, deren Farben verblaßt, deren Figuren kaum noch zu erkennen sind. Da sind Schiffe und Segel – eins darunter, dessen Purpursegel im Winde schwellen, dessen goldene Gitter im Sonnenlicht blitzen – mit der Figur eines Kindes am Bugspriet, bewaffnet mit Bogen und Pfeil und bereit, seinen Schaft gegen das feindliche Land zu entsenden. Da sind Speermänner und Reiter, Pferde, Lagerscenen; seltsame Gestalten zuweilen, – Alle mit seelenvergnügtem Profil, einige mit Wappenschildern, einer stets mit der Krone. Die Pferde haben gelbe und blaue Beine, je nach der Verschiedenheit der Perspektive, welche durch Farben ausgedrückt werden soll; alle vier Beine sitzen unveränderlich auf derselben Seite. Dieses sind die berühmten »Tapeten von Bayeux« ( the Bayeux Tapestry), auf welchen die Invasion der Normannen, von der ersten Botschaft, die Eduard der Bekenner an Wilhelm den Eroberer sandte, bis zum Tode Harolds, des letzten Sachsenkönigs, am Tage von Hastings in einer ganzen Reihe kleiner Bilder dargestellt ist. Sächsische Jungfrauen sollen sie im Thurme der Königin Matilde, zur Verherrlichung ihres Gemahls, des Eroberers, unter Thränen gewirkt haben. Im Jahre 1807, als Napoleon I. an eine Eroberung Englands dachte, wurden die Tapeten von Bayeux öffentlich ausgestellt; und auf einem der pariser Theater erschien ein Melodram, welches die Geschichte ihrer Entstehung zum Gegenstande hatte.

Es war Mitternacht, als bei hoher Fluth der »Alar«, unser Schiff, den Pier von Newhaven verließ. Der Alar ist ein kleiner, elender Dampfer, nicht viel größer, als jener, der zwischen Berlin und Saatwinkel die Spree befährt; ohne Bequemlichkeit im Raum, ohne Bänke, ohne Stühle an Deck. Er ist das elendeste Fahrzeug, auf dem ich mich je befunden. Aber ein tüchtiger Läufer; und er tanzte durch die Wellen so graziös, und wand sich durch das wild durch einander polternde Gewässer so geschickt, daß man es vergaß, in Nässe und Kälte auf dem nackten Deck, auf einem zusammengerollten Kabel sitzen zu müssen. Wir hatten das ungünstigste Wetter von der Welt; alle paar Stunden ein Regenschauer, der Wind war gegen uns und die Wellen kamen von der Seite, so daß unser Schiff vom ersten Augenblick, wo wir aussetzten, bis zur Landung, sechszehn Stunden lang, nicht aufhörte zu »rollen«. Diese rollende Bewegung, verstärkt durch die andere, nach vorn gerichtete, ist für Leute, die nicht an die See gewöhnt sind, unerträglich. Ich habe in den sechszehn Stunden zwischen Newhaven und Jersey mehr hohle Augen und todtenbleiche Wangen gesehen, als auf all meinen Seereisen vorher.

Der Mond zog durchs Gewölk, als wir die ersten Stöße des offenen Meeres, gleich hinter Newhaven, empfanden. Die Küste von Brighton schimmerte wie ein magischer Silberstreifen weit in die Nacht und das Meer hinaus, als wir gingen. Und eine lange, kalte, traurige Nacht war es. Früh Morgens gegen neun Uhr hatten wir die französische Küste in Sicht – ein düsterer, dunkelblauer Nebelstreif auf dem treibenden Gewölke des östlichen Himmels. Wir gingen näher, und das Land ward klarer; ein wüster Küstenstrich, ohne Spuren menschlichen Lebens. Zuletzt ein Feuerthurm auf einer weit ins Meer gestreckten Felsspitze, und hohe, grünlich schimmernde Dünenhügel ringsum. »Das Cap de la Hague und Cherbourg!« sagte der Capitän, als ich ihn fragte.

Cherbourg schräg gegenüber liegt Alderney, die erste der normannischen Inseln. Das Wasser wälzt sich hier heftiger hin und wieder, als da, wo die Küsten es nicht so gewaltsam einengen. Unser Cours lag ungefähr in der Linie, welche die englischen Schiffer » the race« nennen, d. h. wo die Bewegung der von beiden Küsten zurückgeworfenen Wellen sich mit brausendem Zusammenschlag trifft. Der kleine Alar rollte so gewaltig, daß selbst der Capitän, wenn er über Deck ging, sich an den Gittern festhielt.

Die Gruppe der normannischen Eilande – der Kanal-Inselchen, wie sie die Engländer vorzugsweise nennen – umfaßt Alderney, Guernsey, Sark und Jersey. Sie liegen den französischen Küsten um Vieles näher, als denen von England, und ihre Einwohner sind Franzosen. Nichtsdestoweniger waren sie das Bollwerk Englands gegen Frankreich im letzten großen Kriege, und werden es in jedem folgenden sein, vorausgesetzt, daß England fortfährt, diese von der Natur selbst gebauten Festungen stets im Vertheidigungszustande zu erhalten. Alderney ist klein, spärlich bewohnt, und nur durch seine großartigen Fortifikationen ausgezeichnet; nicht größer, aber bei weitem fruchtbarer und besser bevölkert ist Sark. Ein nur fünf oder sechs Meilen breiter Meeresarm trennt Sark von Guernsey, nächst Jersey die größte dieser Inseln, von Fremden weniger besucht, und darum auch noch alterthümlicher; aber nicht so reich an Naturschönheiten und den abwechselnden Reizen von Land und See. Guernsey war im Jahre 1809 die Zufluchtsstätte des Herzogs von Braunschweig und eines Theils seiner »schwarzen Jäger«; und noch kurz vor der Schlacht bei Waterloo, wo der tapfere Sohn des tapfern Vaters würdig fiel, soll er sich der Insel dankbar erinnert haben. Jetzt ist Guernsey Sitz der französischen Emigration, nachdem man die Flüchtlinge wegen einer unziemlichen Aeußerung Felix Pyats über die Königin von England aus Jersey vertrieben hat.

Nachmittags gegen drei Uhr hatten wir Jersey in Sicht. Es war ein schwerer Weg, den unser kleiner Alar wandelte – hart an Klippen hin, um welche häuserhoch der Strudel zischte, dann wieder eine scharfe Biegung um Vorgebirge, dabei beständig Gegenwind und von der Seite die zurückprallenden Wogen der Brandung. Aber unser Capitain war ein geschickter, munterer, kleiner Mann; muskulös und zutrauenerweckend, wie er in seiner Mütze mit den Messingknöpfen dastand, an den Schornstein gelehnt und mit demselben um die Wette rauchend. Jetzt führte er sein Fahrzeug dichter an Land, und wir sahen jenen ersten grünen Hoffnungsschimmer des dünnen Klippenmooses; wir sahen Haidflächen in der Höhe und eine Windmühle. Windmühlen pflegen immer das Erste zu sein, was dem aus dem Meere Heimkehrenden das Gefühl giebt, daß er sich der Sicherheit des Landes und dem stetig von Tag zu Tag wirkenden Gewerbe, den Bedürfnissen und den Freuden der gewohnten Erde nähere.

Schon nach sechszehn Stunden sollten wir dieses Gefühl haben; denn die menschliche Seele ist von Natur sehr zaghaft, und die geringste Entbehrung giebt ihr Lehren, welche sie im Ueberfluß des täglichen Lebens nur leider wieder zu rasch vergißt.

In der geschützten Bucht, die wir erreichten, kam Alles sogleich auf die Beine. Aller Augen belebten sich am Anblicke des Festlandes, und manch' zarte Mädchenwange begann aufs Neue zu blühen. Häuser erschienen in der Ferne, am Abhange sanfter Hügel, und der Wald darüber leuchtete für eine Weile im schwachen Schimmer des Nachmittages. Bald öffnete sich eine neue Bai, und ein düsteres Felsencastell – Elisabeth-Castle genannt, zum Andenken an seine königliche Erbauerin – beherrscht die Einfahrt zur einen, eine stattliche Felsenveste, Fort Regent, hoch von den Vorbergen herab mit Wällen und Mauern, beherrscht sie von der andern Seite. In dem duftigen Wald- und Gartenbette der Hügeltiefe liegt eine liebliche Stadt, deren weiße Häuschen munter grüßen und winken.

Der Hafen dieser Stadt nahm uns um vier Uhr Nachmittags auf, und fröhlich bezogen wir eins von den weißen Häuschen derselben, die so munter gegrüßt und gewinkt hatten. Der Name der Stadt ist St. Helier; sie ist die Hauptstadt von Jersey und zählt etwa 30,000 Einwohner. St. Helier sieht aus, wie eine englische Hafenstadt. Der Staatsausrufer in den Straßen ruft seine Bekanntmachungen zuerst in französischer und dann in englischer Sprache aus; die öffentlichen Maueranschläge des Magistrats sind auf der einen Seite französisch und auf der andern englisch. Aber man hört von den Leuten auf der Straße kaum ein anderes Wort als englisch; die Namen der Straßen und Plätze sind englische, einige sogar, wie Snow-hill, Cheapside, Charing-cross nach londoner Vorbildern genannt, und kaum, daß man unter den Ladenschildern hier und da eines mit französischer Inschrift bemerkt. Die Bauart der Häuser und ihre innere Einrichtung ist ganz englisch.

Trotz alledem hat das Straßenleben von St. Helier etwas Fremdartiges für Jeden, der von England kommt. Es ist munterer, bunter, farbenreicher. Die Leute haben die Spuren ihrer alten Abkunft bewahrt; der edle normännische Grundstoff, welcher der englischen Volksmischung Alles gegeben hat, was schön und adlig in ihr ist, tritt hier in seiner ganzen Reinheit auf. Nie sah ich üppigere Haare, glänzendere Augen, zierlich-vollere Gestalten, als bei den Mädchen von St. Helier. Es hat wahrlich etwas Berauschendes, des Abends nach acht, wenn das Tagewerk schließt und die Promenade beginnt, einen Blick in Kingstreet zu thun, und auf die bezaubernd schönen Gruppen, welche in dem vollen Gaslichte dieser engen Straße auf- und niederwandeln. Die Enge dieser Straße, welche die Hauptstraße von St. Helier ist und den Ort in seiner ganzen Länge hügelauf, hügelab durchschneidet, erhöht den Reichthum und die Fülle dieses schönen lebenden Bildes; und die dunklen prächtigen Augen, welche überall durch die kurzen Schleier blitzen, versetzen die Einbildungskraft des Fremden zu den Schauplätzen südlicher Schönheit. Nicht minder eigenthümlich mit ihren dunklen Gesichtern, starken Bärten und edelgeformten Nasen erscheinen die Männer, obgleich man sofort, und je tiefer man ins Land kommt, um so mehr bemerkt, daß es mehr Frauen als Männer auf Jersey giebt. Denn der Umfang dieses Eilandes ist für den Unternehmungsgeist, dieses unveränderliche Erbtheil der Männer von normannischer Abkunft, jederzeit zu beschränkt gewesen, und sie befahren die fernsten Meere und wandern gern zu entlegenen Ländern aus. Ein großer Theil der Schellfischfängerei an den Küsten von Neufundland ist in ihren Händen; viele Männer, die Frau, Söhne und Töchter – und reizende Töchter sind es zumeist! – daheim haben, führen als Capitäne die Schiffe englischer Häuser. Einige holen Zimmerholz aus den Wäldern von Schweden und Norwegen, Andere Mahagony von Honduras oder Kaffee und Zucker von Brasilien. Man sagt, daß es überall auf der weiten Erde Männer von Jersey gebe, und daß einstmals ein Schiffbrüchiger, nachdem er sich auf eine verlassene Insel irgendwo in der Unendlichkeit des Meeres gerettet, ausgerufen habe: »Ist kein Landsmann hier?« worauf sich sogleich eine Stimme vernehmen ließ: »Ja, Freund, hier ist ein Landsmann, wofern Du in Jersey geboren bist!«

Darum giebt es verhältnißmäßig so wenig Männer in Jersey; »fünf Frauen auf einen Mann,« sagte mir die Haushälterin in meinem Hotel, eine Ausnahme beiläufig von der Jugend und Schönheit der anderen Insulanerinnen, die wahrscheinlich auch auf dem Continente und unter günstigeren Auspicien eben so wenig Aussichten auf einen Mann, aber nicht so gerechten Grund, sich zu trösten, hätte. Glücklich darum die alten Haushälterinnen, welche auf verschollenen Inseln leben!

Dasselbe Verhältniß zwischen der männlichen und weiblichen Bevölkerung habe ich früher schon auf Sylt bemerkt; und ebenso wie dort, fiel mir hier die große Menge von Frauen in Schwarz auf. Die Erscheinung hat auf beiden Inseln denselben Grund. Die eingeborenen Familien sind fast alle unter einander verwandt, und das bindende Gefühl dieser Verwandtschaft, unbekümmert um den näheren oder ferneren Grad, hat sich auf diesen abgeschlossenen Inseln stärker conservirt, als auf dem Festlande. Daher denn ein Todesfall immer von vielen Familien zugleich betrauert wird; und wie viele Opfer, von denen man auf dem Festlande nichts weiß, fordert das gefahrvolle Leben der See! Ich erinnere mich einer einzigen Woche, wo die Nachricht vom plötzlichen Tode zweier in Jersey verheiratheter Männer von Neufundland kam; wo zwei junge Leute, die von einer Vergnügungsfahrt auf dem Meere heimkehrten, Angesichts ihrer Häuser in Bouley-Bey umschlugen; und eine arme Familie in Gorey ihren Großvater und Vater verlor, welche auf offener See beim Fischfang verunglückten. Der Rückschlag auf die Frauen äußert sich darin, daß sie um so treuer und fester zu dem heimathlichen Herde stehen, und sich vor der See fürchten, auf welcher das Leben ihrer Männer, Väter und Brüder in beständiger Gefahr schwebt. Es giebt hier schöne und wolerzogene Frauen, welche ihr Lebtag nicht über ihr Kirchspiel hinausgekommen sind; nur wenige sind in Guernsey oder an der französischen Küste gewesen, und für Alle ist England ein fernes Land!

Die Bevölkerung von St. Helier in ihrer Gesammtheit ist jedoch weit davon entfernt, rein normannisch zu sein. Es giebt sehr viel englische Familien hier, die in Geschäften herübergekommen und sich dauernd niedergelassen haben; andere von englischen Kronbeamten und Offizieren auf halben Sold, die hier bei ihrem geschmälerten Einkommen billiger leben, als in der Heimath. Die Garnison von Fort Regent und Elisabeth Castle besteht aus Engländern und Irländern, viele Familien leiten ihre Abkunft aus Schottland her – so z. B. die der Messervy's, welche eigentlich Mac Servy's heißen, und deren holde Tochter mich jüngst, da ich in stürmischem Regenwetter an ihrer Villa vorbeiirrte, zum Eintreten einlud, und während die Rosenbüsche des Geländes heftig gegen die Fenster schlugen, erzählte, daß ihr Vater Schiffscapitain und nach Oporto gefahren sei. An Franzosen von den benachbarten Küsten Frankreichs fehlt es nicht, und auf einer meiner Straßenwanderungen durch St. Helier vernahm ich sogar deutsche Worte – gleichgültige Worte zwar, die sich auf Schuhe und einen Schuhladen bezogen – die mich aber dennoch angenehm berührten und überzeugten, daß das deutsche Volk, dieses wahre Wandervolk unter den Nationen der Erde, einige seiner Kinder auch zu den Felsen der Kanalinseln entsendet habe. Noch mehr; es lebt hier ein grauer, deutscher Flüchtling aus den Tagen von Hambach, Harro-Harring nämlich, welchem es im Jahre 1848 auf Helgoland so erging, wie später der französischen Emigration auf Jersey. Seitdem lebt er ungestört, aber auch unbekannt und fast vergessen, in der Nähe von St. Helier.

Wie schön diese kleine Stadt, in deren Innerm sich ein so buntes Gemisch aus allen Nationen bewegt, theils an der blauen Bucht, theils am grünen Hügel, der ihren Rücken deckt, gelegen ist, überschaut man am Besten von den Wällen des Fort Regent. Hier steht man in der freien, klaren Höhe des Himmels, mitten im Winde, der von allen Seiten heraufwettert; hier sieht man die friedlichen Einbuchten des Meeres zu beiden Seiten – St. Aubin's Bai und St. Clement's Bai – hier sieht man die Felsen, die offne Weite des Canals, die Schiffe, die auf seinen Wogen dahintreiben, und tief unten, von Rosen, von Weinlaub, von Lorbeer, von glänzend-grünen Wiesen, von schwerbeblätterten Wäldern umgeben dies lachende Städtlein, dies liebliche St. Helier – wie einen Diamanten, den man in den Kelch einer Blume versenkt hat. –

Allein den Charakter eines Landes lernt man nur unvollkommen in seinen Städten kennen. In den Städten sieht man das Volk in seinem Sonntagszeug; die eigenthümlichen Sorgen und Freuden, welche den mühsamen Gang seiner Wochen begleiten, seine hergebrachten Sitten; seine alten Gebräuche, seine überlieferten Sagen und seinen Aberglauben läßt es daheim in der geschützten Stille des Herdes; im Farmhaus, unter den dunklen Bäumen; auf den grünen Triften, wo seine Schaafe in der Nähe des zerfallenen Thurmes weiden; an dem Quai, wo seine Böte ankern.

Einen angenehmeren Wechsel, als zwischen Stadt und Land in Jersey giebt es kaum. Man wandelt die Küste entlang, und hat zur Rechten das blaue Meer mit seinen tiefdunklen Felsen, zur Linken Wald und Wiesen und Hügel, und zwischen dem üppigsten Grün kleine weiße freundliche Häuser. Eine solche Fruchtbarkeit des Bodens in der Nähe des Meeres, eine solche Fülle des Pflanzenwuchses und ein solcher Reichthum der Blumen und Bäume ist unerhört in nördlichen Breitegraden. Der Lorbeer wächst wild in Hecken; über jegliche Mauer leuchtet die dunkelrothe Fuchsiastaude mit den bläulichen Ringen in der Tiefe ihrer Kelche. Jeder Feldweg ist ein Waldweg, hochgewölbt von Baumzweigen und mit Portalen von Stämmen, die sich laubschwer zu einander neigen. Epheu in reichen Guirlanden windet sich von Ast zu Ast, von Fels zu Fels; Weingelände umspinnen jedes im grünen Waldschatten begrabene Haus bis zum Dach, und das Dach selber scheint eine blühende Moosfläche zu sein. Alles wuchert, Alles blüht, Alles duftet. Man wandelt beständig in den Irrgängen eines lieblichen Gartens, und mit der süßen Blumenluft mischt sich unaufhörlich das kräftige Salz, welches die See ausathmet. Ja, selbst die Felsen und hohen Klippen mitten im offnen Meere, wenn das Wasser zurücktritt und ihre zerrissenen Kanten trocken legt, sind ganz mit den schweren, triefenden Massen des Seegewächses bedeckt, welches von den Eingebornen Vraic genannt, wegen seines Werthes für den Haushalt hochgeschätzt und zu einer bestimmten Zeit im Sommer in gesetzlich vorgeschriebener Weise eingesammelt wird. Auf allen Feldern längs der Seeküste stehen dann Haufen desselben, gleich unsern Getreidehaufen, zum Trocknen in der Sonne, worauf das Kraut zuerst als Brennmaterial und dann als Dünger benutzt wird.

Der Strand bietet bei niedrigem Wasser einen seltsamen Anblick. Das Wasser tritt hier nämlich mit der Ebbe so weit zurück, daß man fast glaubt, es drüben suchen zu müssen, an den Küsten Frankreichs, die in einer Entfernung von fünfzehn englischen Meilen am östlichen Horizont klar und deutlich als eine blaue Hügellinie gesehen werden. So weit der Blick reicht, ist alsdann Alles Land, und an der Stelle, wo noch vor wenigen Stunden das fluthende Wasser ging, sieht man jetzt einen rauhen Steingrund mit zerrissenen Felsen, mit schwarzen Klippenschluchten, gleich ausgebrannten Kratern, die unheimlich in der Sonne funkeln. Die alten Wachtthürme, die von Meile zu Meile, wie eine graue Garde der Vorzeit, dies Eiland umgeben, sonst mitten im wogenden Meere, stehen dann auf dem Trocknen und mit ihren zerbrochenen Zinnen und umhergepoltertem Trümmerwerk erhöhen sie den Eindruck, den das Ganze macht – als sei es das Stück einer untergegangenen Welt, welches zuweilen aus dem Meere taucht.

Es ist eine alte Sage – und mag sein, mehr als das – daß die Insel ehedem viel größer gewesen, als sie jetzt ist, auf beiden Seiten, auf der östlichen und auf der westlichen. Man sagt, daß sie auf der östlichen bis dicht an die Gestade von Frankreich gereicht habe und von denselben nur durch einen schmalen Kanal getrennt gewesen sei, welcher sich in späteren Jahrhunderten durch den Heransturz der See erweitert habe. Ja, man findet zur Bestätigung dieses Glaubens in dem alten Gesetzbuch der Insel einen Paragraphen, welcher anordnet, daß jedes Pachthaus verpflichtet sei, dem Grundherrn ( Seigneur) eine Planke zu liefern, wenn er »den Bach« ( le ruisseau) überschreiten wollte, welcher Jersey von Frankreich trennt. (Siehe Le Quesne, A Constitutional History of Jersey. London, 1858.)

Noch augenfälliger tritt dieser Zerstörungsprozeß an der Westküste der Insel hervor. Hier, längs der Bai von St. Owen, in welche sich die Woge des Atlantischen Ozeans stürzt, ungebrochen, wie sie von der Küste des amerikanischen Continentes heranrollt; – hier, wo das Eiland der ganzen Gewalt der westlichen Orkane ausgesetzt ist, liegt ein Strich Landes, Cainvais oder Quenvais genannt. Seit mehr als drei Jahrhunderten bietet er den Anblick der arabischen Sandwüste inmitten so viel ausgesuchter Scenen der Fruchtbarkeit und landschaftlichen Schönheit, wie sie die ihm benachbarten Buchten von St. Brélade und Grève-de-Lecq gewähren. Es ist eine Kette von Sandhügeln, welche sich an einigen Stellen zu der Höhe von vollen hundert Fuß über dem Meeresspiegel erheben, und Nichts ernähren als Steppenpflanzen und mageres Gras. Der Ueberlieferung zufolge – und der Augenschein spricht für ihre Wahrheit – war dieser ganze Küstenstrich, bis weit in die See hinaus, einst ein fruchtbares, reichbewaldetes und gut bewohntes Thal. Eichbaumstümpfe werden zuweilen noch bei Ebbe gesehen und Reste von Steingebäuden sind mehrfach entdeckt worden. Der Untergang dieses Theiles der Insel soll sich vor vierhundert Jahren zugetragen haben; und das Volk, welches in der Nachbarschaft wohnt, hat die Geschichte desselben bewahrt.

Ich habe auf all meinen Inselfahrten gefunden, daß die Bewohner der westlichen Küsten poetischer gestimmt sind, als die übrigen. Sie sehen den Untergang der Sonne und träumen liebliche Gebilde in die Scheidegluth des Abends. Sie alle haben den Glauben einer untergegangenen Insel oder einer versunkenen Stadt; und alle Westküsten von Indien bis Irland sind von den Visionen derselben bevölkert.

Unten die alte Herrlichkeit,
Oben ein Fischerlied.

Die Geschichte der Jersey-Westküste findet sich in einem lateinischen Manuskript des Ritters Philip de Carteret, Seigneur von St. Owen (abgedruckt in den »Chroniques de Jersey«, dont l'auteur est inconnu, révues etc. avec une préface etc. par Abraham Mourant. St. Hélier, 1858.) Sie lautet: »Auf der Insel Jersey und in jener Gegend, welche man Cainvais nennt, im Kirchspiel von St. Brélade, war der Boden ehemals sehr fruchtbar. Keiner von den Einwohnern glaubte sich reich genug, wenn er nicht hundert Aecker besaß. Es ereignete sich um das Jahr 1495, daß fünf spanische Fahrzeuge mitten im Winter und am Feste der heiligen Catharina Schiffbruch litten. Vier davon gingen mit Mann und Maus unter; das fünfte, ans Land getrieben, rettete seine Mannschaft, mit Ausnahme eines Einzigen. Die Insulaner beraubten sie, bemächtigten sich ihrer Feigen, ihrer Weine, ihrer Waaren, ihres ganzen Cargos; und ohne ihrer Bitten oder Flüche zu achten, nahmen sie den Spaniern Alles und wollten ihnen Nichts wieder erstatten. Es ereignete sich endlich, durch göttliche Rache, daß ein ungestümer Wind ihre Gefilde verwüstete, sie ganz mit einer ungeheuern Masse Sandes, welchen er mit sich führte, bedeckte, und sie so in eine dürre und unfruchtbare Wüste verwandelte, die man seit jener Zeit Cainvais nennt« ...

Auch unter den Küsten des lieblichen Normannenlandes singt das Meer, welchem der Schiffer noch heut eine strafende Gewalt zuschreibt, seinen alten traurigen Gesang; jenes Sirenenlied des Untergangs, den schon Homer uns geschildert.

Aber fern diesem westlichen Schauplatze desselben, so voll Sand, Monotonie und Einsamkeit, habe ich mich an der sonnigen Südküste, am Rande der schimmernden Grouville-Bai, angesiedelt. Eine lachend-freundliche Villa mit weißen Wänden und grüner Veranda, um welche sich Herbstrosen schlingen, ist meine Wohnstätte; ich theile sie mit Lord Edward Russel (dem Bruder Lord Johns), der hier von seinen Seefahrten ausruht, und einem neuvermählten Paare aus den englischen Midland-Counties, das hier seine Flitterwochen feiert. Beide sind fast noch Kinder; er ist neunzehn, sie ist siebzehn Jahre alt. Es erinnert mich an das Liebeleben des Paradieses, wie es die Bibel schildert, wenn ich diese Beiden unter den Apfelbäumen des Gartens, welcher die Rückseite der Villa deckt, wandeln sehe. Es erinnert mich an die schönsten Stunden der eigenen Vergangenheit, wenn ich durch die Rosen des Altanes das Flimmern des bläulichen Meeres erblicke; wenn ich durch die duftigen Heckenwege zum Hügel schreite, und die heimathlichen Laute der Erndte aus sanftgedehnten Feldern, aus dichtumbuschten Wiesen vernehme. Dann in das Rauschen des Grases, der Zweige und der Wellen mischen sich, wie von Geisterlippen gesungen, die Worte meines Lieblingsdichters, als ob es die Worte wären zu der wehmüthig getragenen Weise der Landschaft:

Und wenn wir fern ein hold Gefild,
Ein Eiland uns erwählet,
Wo Alles blumig, süß und wild,
Und Nichts als Liebe fehlet:

Dann spricht's in uns, dann ruft's: o hier
Zu sein und zu genießen,
Mit Ein'gen Derer, welche wir
Weit in der Heimath ließen!

( Th. Moore.)

2. Pontac.

Die kleine Villa am Meeresstrande, von der ich gesprochen, liegt im Kirchspiel von St. Clement, auf halbem Wege zwischen der »Stadt« und Gorey, einem zierlichen Fischerdorfe mit Werft und Hafen und dem berühmten Castell »Mont Orgueil«, dessen Wälle und Bastionen mehr als einem Angriff der Franzosen schon getrotzt haben.

Die ganze Insel Jersey wird in zwölf Kirchspiele getheilt, von denen die meisten bis an die See reichen; nur eines, das von St. Saviour, liegt ganz im Inland. Die zwölf Kirchen, kleine, ehrwürdig bemooste Gebäude, sollen sämmtlich in der Zeit vom Beginn des zwölften bis zum Ende des vierzehnten Jahrhunderts errichtet worden sein; und es scheint, als ob sie ursprünglich alle von derselben Kreuzesform in ihrem Grundplan gewesen. Allein spätere Erweiterungen des Baues, durch die wachsende Einwohnerzahl der Insel veranlaßt, haben die Symmetrie der Form und des Styles zerstört; die Bögen der neueren Theile sind anders gestaltet, als die der älteren, und die später hinzugefügten Fenster sind von den früheren deutlich zu unterscheiden. Die ursprünglichen und alten Bögen sind die einfach zugespitzten, die Eingangspforten haben den normannischen Halbbogen, die Thüren von einigen sind spitz, von anderen massiv und viereckig.

Das Kirchlein von St. Clement steht auf einem blühenden Inlandhügel, umgeben von sorgsam gepflegten Gräbern und eingeschlossen von Rosenhecken und hohem Lorbeergebüsch. Der Weg vom felsigen Gestade des Meeres herauf führt durch überhängende Bäume, deren Aeste sich zu einem gothischen Bogen wölben. Im Dunkel dieses vom Waldgeruch erfüllten Domes zu wandeln, hat eine magische Anziehungskraft für die Seele. Die Bäume stehen wie lebendige, windbewegte Säulen, hoch über dem Weg, zu beiden Seiten am Hügelrand, welcher üppig bis tief unten mit Blumen und Schlinggewächsen von wilder Schönheit und süßestem Dufte bekleidet ist. Die Bäume selbst sind bis an ihre Wurzeln belaubt und beblättert, und um den kräftigen Stamm wuchert Epheu bis in den obersten Wipfel; und also, Krone zu Krone, und Wipfel zu Wipfel geneigt, bilden sie das rauschende Dach dieser unbeschreiblich lieblichen Irrgänge, welche die ganze Insel in ein Labyrinth waldiger Hügel und dunkelgrüner Thalschluchten verwandeln. Die sanfte Musik des Windes, welcher flüsternd durch die Blätter streift, wird von dem unablässigen Geplätscher einer verborgenen Quelle begleitet, die – ein bescheidenes Abbild des Unsichtbaren, welcher sie geschaffen – Frische und Segen und Wohllaut um den Wandersmann verbreitet, welcher sich umsonst bemüht, sie zu suchen.

Dieses ist die ahnungsreiche Schönheit der Inlandsschluchten; von einer Wölbung, die unsere Sinne aufwärts zieht, gleich den Säulengängen mittelalterlicher Dome, treten wir in die andere; und ehe wir die Kirchen erreichen, zu denen sie hier und dort führen, haben wir eine andere durchwandelt, in welcher es die Stimme der Natur selber ist, welche Liebe, Trost und Seligkeit predigt.

Die Fruchtbarkeit dieser Insel ist sprüchwörtlich geworden; und berühmt durch das Königreich Großbritannien sind die Birnen, die Aprikosen, die Artischocken und die Trauben von Jersey. Nicht minder reich als der Boden ist das umgebende Meer, welches von Fischen aller Art und Namen, von Hummern und Austern buchstäblich wimmelt. Aber es ist nicht das erstemal, daß sich das Beispiel des gelobten Landes mit seinem prophetischen »nur sehen!« auf profane Weise wiederholt. Die Eingeborenen sind äußerst frugale Leute, und sie zwingen – mitten im Ueberfluß – den Fremden, an dieser Tugend theilzunehmen. Die zoll- und steuerfreien Weine und Cigarren, die man dort erhält, sind von untergeordneter Qualität, und von Fischen und Früchten bleibt nur der Ausschuß zurück. Das Gute wird nach England geschickt; und wer Jersey von dieser Seite kennen lernen will, der muß nach London gehen und die Märkte von Billingsgate und Coventgarden besuchen. In Jersey selbst ist es nur die Landschaft, welche dem Fremden in ihrer Pracht und Fülle vor die Augen tritt.

Man kann, ohne zu übertreiben, die Insel Jersey mit einem mannigfaltigen Garten, mit einem blühenden Walde, so wie ihn uns die Mährchen aus dem 14. und 15. Jahrhundert schildern, mit einem zurückgebliebenen Reste des Paradieses inmitten der blauen See, vergleichen. Aber man würde damit noch nicht jenen Zauber des Ehrwürdigen, Alterthümlichen und Heiligen ausgedrückt haben, der hierselbst um jede Kirche, um jedes Farmhaus, um jede niedrigste Hütte zu schweben scheint. Je weiter man ins Inland schreitet, um so mehr empfindet man diesen Zauber, wie den Hauch, der aus alten Kirchen weht, wenn man sie an Wochentagen öffnet, oder aus tiefen, dunklen Wäldern, welche nur Wenige zu betreten pflegen.

In St. Hélier ist das englische Wesen siegreich gegen das eingeborene der Normannen vorgedrungen, wie überhaupt in den größeren Dörfern der Süd- und Westküste, deren See- und Fremdenverkehr sie zu einer solchen Wandlung vorbereitete. Doch kann man auch hier genau verfolgen und nachweisen, daß sie sich erst in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren vollzog. Auf den Kirchhöfen in St. Hélier und dem Kirchspiel von St. Clement sah ich keinen Grabstein vor 1840 mit englischer Inschrift, außer denjenigen der englischen hier garnisonirt gewesenen Soldaten. Seit jener Zeit aber wechselt das französische » ci-git« mit dem englischen » here lies«, und auf dem Kirchhof von St. Brélade, in der Südwestecke der Insel, fand ich sogar auf einem Grabsteine, welcher zwei Gräber deckt, folgende zwei Inschriften dicht nebeneinander:

Ici répose le corps
d'Esther Gallichan, femme
de Jacques Gallichan,

† 1825.

To the Memory
of Mary Charlotte
daughter of James Gallichan,
and Ester, his wife.

† 1851.

Wenn nun aber auch in der Stadt und den großen Küstendörfern (Gorey, St. Aubin und denen im Kirchspiel von St. Brélade) überwiegend viel Englisch gesprochen und ziemlich allgemein verstanden wird, so ist die Sprache des Inlandes doch, ja man kann geradezu sagen, die herrschende Sprache auf Jersey überhaupt die normanno-französische geblieben. Sie ist die Sprache des Gerichts, der Kirche (der Morgengottesdienst ist unveränderlich französisch, der Nachmittagsgottesdienst alle vierzehn Tage einmal englisch), der Schule, des Bauernhofs und der Kinderspiele, und zwar so rein, daß Chateaubriand, welcher als royalistischer Flüchtling hier lange lebte und das Volk von Jersey genau studirt und kennen gelernt hat, sagt (in seinen » Mémoires d'Outre-Tombe,« wenn ich mich recht besinne): »Man findet in Jersey das Muster der alten Normannen wieder; man glaubt Wilhelm den Bastard oder den Dichter des Roman du Rou sprechen zu hören.« Es ist bemerkenswerth, daß hier als Bejahungswort statt des französischen » oui« das alt-romanische » vere« zuweilen mit dem italienischen » già« verbunden, vom Volke gebraucht wird. Auf den Kupfermünzen von Jersey und Guernsey, welche zu schlagen ihnen noch gestattet ist, findet man die drei normannischen Leoparde, welche in die Siegesfahnen des Eroberers gewirkt waren; normannisches Recht und Gerichtswesen – im Mutterlande, an Frankreichs Küsten, längst im Code Napoléon untergegangen – hat sich auf diesen Inseln erhalten, und es wird versichert, daß Leute der unteren Klassen sich noch unter einander des Ausrufs: » Tu es un Normand!« als eines Schimpfwortes bedienen, damit ausdrückend, daß sie sich für besser und edler als ihre verkommenen Brüder und Stammesvettern, die französischen Normannen, halten.

Einer von den seltsamsten Resten dieser alt-normannischen Rechtsüberlieferungen ist das sogenannte » Clameur de Haro.« Das Wort » Haro« war lang ein Räthsel der gelehrten Welt; und ich finde, daß es bei seiner mehrfachen Anwendung in der alten englischen Literatur noch immer nicht ganz zu seinem Rechte gekommen ist. Der ersten Anwendung dieses Wortes begegnen wir in dem ältesten uns erhaltenen englischen Mirakelspiel, welches unter den Harlei'schen Manuscripten im British Museum aufbewahrt wird (2253, 55. b). Es heißt: » The harrowinge of hell,« stammt (nach Collier's Ansicht) aus Eduard's III. Zeit, und stellt Christi Höllenfahrt dar, welcher (nach den neutestamentlichen Apokryphen des Nikodemus) naht, um die darin Gefangenen zu befreien. Ein Jahrhundert später erscheint das Wort wieder in den aus der Zeit Heinrich's VI. stammenden Towneley-Mysterien ( Publications of the Surtees Society. London, 1836). In der Darstellung des » Iuditium«, als die Trompete des jüngsten Gerichts schmettert, bricht der » primus daemon« in den Angstruf: » Out, out, haro!« aus. Im folgenden Jahrhundert ist das Wort schon auf englische Weise corrumpirt. Es hat sich nämlich ein höchst merkwürdiger Kupferstich erhalten (s. Hone, Ancient Mysteries, p. 138. London, 1823), mit der Ueberschrift: » Jhesus Christus resurgens a mortuis spoliat infernum«, welcher Christi Höllenfahrt bildlich darstellt. Mit einem Riesenkreuz in der Linken, zieht er mit seiner Rechten die Geretteten aus dem geöffneten Höllenschlunde, während der Höllenwächter Tutivillus, ein Geschöpf mit fürchterlichen Krallen und langem Schwanze, auf einem Horne bläst, aus welchem die Worte: » Out, out arought«, gleichsam ein Hülfsschrei, hervorzugehen scheinen. Das Letztemal, wo wir diesem Worte, in noch stärkerer Corruption begegnen, ist bei Shakespere, und zwar in Macbeth (1, 3) und König Lear (3, 5), jedesmal in der Zusammensetzung: » aroint thee, witch« als Ausruf zum Zurückweisen einer Hexe. Schlegel übersetzt: »Pack Dich!« und »Trolle Dich!« und Delius (Shakespere's Werke I, a. a. D. Elberfeld, Friderichs) sagt, daß die Bedeutung klarer sei, als »die Etymologie des wahrscheinlich adverbialen Wortes aroint, das bei keinem Zeitgenossen Shakespere's vorkommt.«

Indem wir weit, weit über diese Zeitgenossen hinaus und um viele Jahrhunderte zurückgegangen sind, glauben wir die Lösung des Räthsels gefunden zu haben.

Wir wissen nun, daß jenes allmälig bis zur Unkenntlichkeit entstellte Wort, nebst seinen späteren Corruptionen, der alte Normannenruf ist; aus der englischen Sprache, in welche er sich während der ersten Zeit der normannischen Herrschaft eingebürgert, verschwand er; aber auf Jersey finden wir ihn in seiner Ursprünglichkeit wieder. In allen Fällen von Besitzstörungen und Vergewaltigungen ist es hier nämlich Rechtsvorschrift, daß der Verletzte in Gegenwart von Zeugen niederkniet und folgende Worte ausruft: » Haro, Haro, Haro, trois fois Haro, à l'honneur de mon prince et de mon droit, on veut me ravir mon droit!« Dieses ist die (von der in Le Quesne's, Constitutional history of Jersey, p. 39, gegebenen beträchtlich abweichende) Fassung, welche mir Meister Crill, der Prévost des Kirchspiels, in dem ich wohne, als die hier gebräuchliche dictirt hat. Sobald der Ruf in dieser Form geschehen, muß Alles, was den Besitz des Rufenden stören kann, eingestellt werden, bis die Sache vor den königlichen Hof gebracht und von ihm entschieden worden ist. Wird der Angeklagte für schuldig befunden, so muß er, außer dem Schadenersatz, eine Strafsumme erlegen; hat aber der Kläger den Ruf erhoben, ohne ihn hernach rechtlich begründen zu können, so wird er zu einer Strafe verurtheilt.

Dieser Gebrauch stammt aus dem ersten Stadium des normannischen Volkslebens, aus jener Zeit, wo – im Anfang des 10. Jahrhunderts – Karl der Einfältige den Herzog Rollo mit Neustria belieh. Es war die Zeit, wo die Normannen, nach ihren abenteuerlichen Zügen durch die westliche Welt von damals, sich in der Nordwestecke des zerfallenden Frankenreichs sammelten; und jugendfrisch unter den altersschwachen Resten jenes von romanischen und germanischen Elementen zersetzten Celtenthums eine neue Welt des Ritterthums, der Schwärmerei und Poesie schufen. Der erste Gründer dieser neuen Welt ist Rollo, der Normannenherzog; der Schirmherr der Freiheit und des Rechtes, der Mann des Volkes, der Held des Gesanges, hochgefeiert im » Roman de Rou«, dessen Verfasser Robert Wace zu Anfang des zwölften Jahrhunderts in Jersey geboren ward; Die Familie desselben existirte nachweislich bis ins fünfzehnte Jahrhundert. Noch um 1454 verkaufte ein » Guillemin Vasse« von St. Clement einige seiner Ländereien an die Anquetil-Familie. (S. Payne, An Armorial of Jersey, Preface.) wie er selber sagt:

 

Jo di è dirai ke jo sui
Wace de l'Isle de Gersui.

(Roman de Rou, II, 95).

 

Auf diesen Rollo oder » Ro«, wie sein Volk ihn nannte – ein ewiges Gedächtniß, das er sich selber gestiftet – bezieht sich das » Clameur de Haro«. Es ist eine Erinnerung daran, daß man in seinen Zeiten nur den Namen Ro's ( Haro = Ha, Ro!) anzurufen brauchte, um gegen Gewalt und Unrecht geschützt zu sein; und der Jerseymann, der sich dieses Namens zu seinem Schutze bedient, thut es heute noch, wie es in der Formel heißt: »zur Ehre seines Fürsten und seines Rechtes«, und er wird bestraft, wenn er denselben durch Mißbrauch entweihte.

Die Kanalinseln kamen erst 2l Jahre später, um's Jahr 933, an William, den Sohn Rollo's. Auch ihre Bevölkerung war ursprünglich eine celto-romanische; römische Baureste, druidische Altar- und Tempeltrümmer existiren noch in den Thalschluchten und auf den Anhöhen von Jersey, ja reichliche Spuren altceltischen Aberglaubens charakterisiren noch heut das häusliche Leben seiner Bewohner. Hier, wie in den andern ursprünglich von Celten bewohnten Ländern, fand ich z. B. das Hufeisen zum Schutze der Hausthüre gegen eingebildete dämonische Wesen; ja ich fand es hierselbst häufiger und regelmäßiger, als in den bisher mir bekannten Ländern. Es giebt auf Jersey wol kaum eine Farm oder eine Fischerhütte (in der Stadt habe ich es weniger bemerkt) wo nicht zwei Hufeisen in das untere Ende der Thürpfosten einander gegenüber eingenagelt wären. Das Hufeisen deutet von allen Reminiscenzen des Celtenthums in die älteste Epoche desselben hinauf, indem es ein Abbild der heiligen Form ist, welcher sich die Druiden bei ihren Bauten vorzugsweise bedienten und deren Umrisse wir noch in den Resten ihrer Opfertische (Cromlechs) entdecken. In Irland soll das Hufeisen gegen die Feen beschützen; auf Jersey glaubt man sich durch dasselbe gegen Hexenkraft zu sichern. Denn es ist merkwürdig, wie hier auf dem Lande der Hexenglaube verbreitet und eingewurzelt ist. Strenge Hochkirchenleute und eifrige Anhänger der Wesleyanischen Lehre (deren es hier sehr viele giebt) sind ihm in gleicher Weise ergeben. Ich habe die wunderlichsten Geschichten davon erzählen hören. Ein begüterter Farmer in unserem Kirchspiel hatte im vorigen Jahre das Unglück, daß eine Krankheit unter seinem Vieh ausbrach, die ihm den größten Theil desselben in kurzer Zeit hinraffte. Er konnte sich nicht überreden, daß dieses rasche Hinsterben seinen natürlichen Grund habe, sondern schrieb es der Hexenkunst eines alten Bettelweibes zu, welches er kurz zuvor von seinem Hofe gejagt hatte, weil er ihr nicht traute; und anstatt sich nun an einen Thierarzt zu wenden, nahm er seine Zuflucht zu folgendem Mittel, welches ihm gleichfalls eine im Geruche übernatürlicher Kräfte stehende alte Frau angerathen hatte. Er nahm das Herz des zuletzt gefallenen Thieres, steckte es ganz voller Dornen und hängte es darauf in den Rauchfang; und so wie es nun verdorrte und verging, glaubte er, daß auch die Hexe, die ihm sein Vieh verzaubert, verdorren und vergehen, und damit der böse Einfluß aufhören müsse, den sie über dasselbe geübt. – In dem Fischerdistrikte, von hier an der Küste hinunter bis nach Gorey, zeigte man mir einen Mann von einigermaßen unheimlichem Aeußern, welcher für einen Hexenmeister gehalten wird; und so groß ist die Furcht vor demselben, daß (dies sind Meister Crill's eigene Worte) »die Fischer umkehren, wenn sie ihm auf dem Sande begegnen, und sollte auch Wind, Wetter und Lockspeise noch so gut sein.« – Für den gespenstischen Zusammenkunftsort der Hexen von Jersey wird der graue » Rocbert« oder »Hexenfelsen« gehalten, einer jener granitnen Kolosse von übereinandergepolterten Steinklötzen, mit wild-grotesken Conturen, welcher von bleichen, traurigen Haidebüscheln umweht und von zahlreichen Furchen und Rissen – Spuren der Hexenfüße, wie die Eingeborenen meinen – durchzogen, auf einer einsamen Wiese über dem Meere steht, nicht zehn Minuten weit von unserer Villa. Hierher, so erzählt das Volk, begaben sich um die Stunde der Mitternacht ehemals viel gottlose Menschen, um mit Hülfe der hier versammelten Hexen über ihr eigenes oder das Schicksal derer, die sie liebten oder haßten, zu entscheiden, wofür sie selber dem Teufel verfielen. Ich habe den grauen Rocbert oft und zu jeder Tageszeit besucht, und immer wahrgenommen, daß die Bauern und Fischer es vermeiden, ihm nahe zu kommen; ja selbst bei Meister Crill habe ich eine unwillkürliche Beschleunigung des Schrittes bemerkt, als wir einst in der Abenddämmerung dem verrufenen Felsen vorbeigingen.

Das Hufeisen an der Thür und ein oder zwei eingesunkene »Pouquelays« So heißen hier die in Wales und Irland »Cromlech« genannten Druidenaltäre, wahrscheinlich mit Bezug auf den wohlbekannten »Puka,« den Kobold der celtischen Feenlehre, von welchem ich jedoch außer dieser muthmaßlichen keine weitere Spur auf Jersey fand. Das » lay« kann nichts anderes sein, als das celtische » lech,« so daß das Wort etwa mit »Stein des Puk« zu übersetzen wäre. auf den Hügeln dieser Insel sind aber auch Alles, was vom Celtenthume übrig geblieben.

Denn hier, wie überall, triumphirte das Normannenthum, welches sich zur Vervollständigung seines inneren Sieges der Sprache der Besiegten bediente, über die Volksreste der alten und verkommenen Cultur, mit der Eisenkur des Nordens das südliche Blut der Celten neu stärkend und belebend.

Das trotz seiner sächsischen Infusion immer noch zu sehr celtisch gebliebene England wurde die Königin der Meere, weil die Normannen es besiegten und unterwarfen; und Irland blieb die Bettlerin und die »Niobe der Nationen,« weil die Normannen es wol unterwerfen, aber nicht besiegen konnten. –

Mit dem übrigen normannischen Besitzthum Wilhelms des Eroberers gingen auch die Inseln des Canals aus England über; und sie verblieben bei England, nachdem die Normandie, das alte Neustrien, unter König Johann wieder an Frankreich verloren ging.

Es läßt sich daher denken, daß diese Inseln seit alten Zeiten ein Gegenstand des Aergers und des Neides für Frankreich waren. Es machte auch viele Versuche, den letzten im Jahre 1781, um sie zu überrumpeln; aber diese Versuche scheiterten an den Felsen dieser Inseln, an den englischen Bollwerken, den englischen Wachtthürmen, den englischen Mörsern und den englischen Rothröcken, welche sich in erstaunlicher Menge noch heut auf jedem hervorragenden Punkte der Küste befinden. Ob die eingeborenen Bewohner von Jersey so treu englisch sind, wie die englischen Handbücher behaupten, wage ich nicht zu entscheiden. Ich glaube es nicht; obgleich ich auch nicht gesagt haben will, daß sie irgend welche prononcirt französische Sympathien hätten. Die Bewohner von Inseln pflegen selbstsüchtige Naturen zu sein; je kleiner die Inseln, je selbstsüchtiger ihre Bewohner. Die von Jersey sind eifersüchtig auf ihre alte Verfassung, ihre alten Gesetze, ihre alte Sprache. Ich weiß nicht, ob sie die Franzosen lieben; aber aus vielen kleinen Zügen, die der Fremde und Unparteiische leichter sieht, als der Einheimische und Betheiligte, habe ich gemerkt, daß sie die Engländer nicht lieben.

Es ist eine oft besprochene Thatsache, daß Jerseyleute keinen geselligen Verkehr mit den dort angesiedelten Engländern haben und Mischheirathen derselben zu den Seltenheiten gehören. Kein Bauer grüßt den Engländer; ja, man ist ziemlich sicher, keine Antwort zu bekommen, wenn man ihnen auf Englisch guten Morgen oder guten Abend wünscht. Sie liegen in der Dämmerung auf den Mauern ihrer Gehöfte, kräftige Bursche in runden Lederhüten, dunkle Mädchen mit sonngebräunten Gesichtern, und unbekümmert um den Fremden, der vorbeiwandert, lachen und scherzen sie in einer dem Engländer unbekannten Weise und singen französische Lieder. Besonders oft hörte ich das » Partant pour la Syrie,« die Nationalhymne des neuen Kaiserreichs. An den Wänden ihrer Stuben hängen französische Bilder, wie sie in den Fabriken des Elsaß verfertigt werden, und wenn sie ja eine Zeitung in die Hand nehmen, so ist es die französisch geschriebene » Chronique de JerseyAußer diesem französischen Blatt erscheinen auf Jersey noch zwei englische: » The Jersey Independent« (täglich) und » The Brithish Press and Jersey Times« mit dem Motto: » pro rege, lege, grege« (dreimal). Sie bringen fast nur Abdrücke aus den leitenden englischen Zeitungen, und sind für die auf Jersey lebenden Engländer, was » Gagliani's Messenger« für diejenigen ist, die auf dem Continente leben. – Frägt man sie in englischer Sprache nach irgend einem Punkte der nächsten Nachbarschaft oder um den Weg, den sie Alle kennen, so erhält man entweder gar keine oder die Antwort, sie wüßten es nicht; wogegen sie sich höchst liebenswürdig bezeigen, sobald man sie auf Französisch anredet. Daher denn die im Innern der Insel unter den Leuten von Jersey lebenden und von ihnen mehr oder weniger abhängigen Engländer auch durchaus nicht freundlich gegen sie gesinnt sind. Die englische Wirthsfrau von Gorey sagte mir, sie seien geizige Leute; der englische Apotheker von Grouville sagte mir, sie seien nicht ehrlich, man könne ihnen nicht trauen; und der englische Kutscher unserer Villa beklagte sich, daß sie so unhöflich seien und ihm niemals ausweichen wollten, wenn er ihnen auf einem schmalen Wege begegne. Wie gesagt, ich glaube nicht an den englischen Patriotismus auf Jersey. –

Uebrigens haben die Engländer an diesem unfreundlichen Verhältnisse selbst viele Schuld. Sie kommen unter ein Volk, welches seit unvordenklicher Zeit französisch spricht, und, anstatt sich diese Sprache, so gut es gehen will, anzueignen, sagen sie es den auf Alles, was ihr altes Eigenthum ist, stolzen Bewohnern von Jersey in's Gesicht, daß sie ihr » nasty gibberish,« ihr häßliches Kauderwelsch nicht lernen wollten und könnten. Dagegen die viel gelehrigeren Jerseyleute mit Leichtigkeit so viel Englisch aufpicken, als sie nöthig haben, um im Verkehr des täglichen Lebens und auf dem Markte die Engländer um desto sicherer übervortheilen zu können. Die große Selbstsucht der Engländer und die noch größere der Jerseyleute liefern sich hier beständig kleine Vorpostengefechte; und die zähe Geschmeidigkeit der Letzteren siegt in der Regel über die unveränderliche Schwerfälligkeit der Ersteren.

Das wahre und eigentliche Band, welches diese Inselgruppe dauernd an England gefesselt hat und noch fesselt, ist zunächst das religiöse des Hochkirchenthums, welches hier fast zu derselben Zeit eingeführt ward, als in England; und dann das große Maß der ihr von Alters her gewährten und garantirten Privilegien, deren Mehrzahl schon aus dem zwölften Jahrhundert und der Regierung König Johann's stammt.

Dieselbe Ansicht hatte schon, zweihundert Jahre vor uns, Peter Heylyn, den wir wol als den ersten Touristen auf Jersey betrachten dürfen und der, trotzdem er im Vorworte seines Reisewerkes A survey of the estate of France and of some of the adjoining islands. London, printed by E. Coty for Henry Seiler, over against St. Dunstans Church in Fleetstreet. 1656. Ich fand dieses ziemlich seltene Buch in der vom Bischof Falle, dem Historiker von Jersey, gegründeten und der Stadt St. Helier bei seinem Tode 1736 vermachten Bibliothek, deren Benutzung mir freundlichst gestattet wurde. Einer seiner Nachkommen, ein alter, zuvorkommender Herr, der mir bei meinen Forschungen auf Jersey manch' nützlichen Wink gab, ist Bibliothekar derselben. die richtige Bemerkung macht, daß man über kleine Inseln nicht gut große Bücher schreiben könne, doch einen recht anständigen Quartband geliefert hat. «Die Bewohner dieser Inseln,« sagt er (S. 294), leben so zu sagen in » libre custodia»in einer Art freiwilliger Unterwerfung, und sind in keiner Weise mit Taxen oder anderen Belastungen ihrer Person oder ihres Vermögens bekannt. Daher denn, so oft das Parlament von England seinem Fürsten eine Geldbewilligung macht, sich immer ein Provisum in der Acte befindet, dahin, daß diese Bewilligung oder diese Subsidien oder was darin sonst gewährt sein mag, sich nicht auf eine Verpflichtung der Einwohner von Jersey und Guernsey erstreckt ... Diese Privilegien und Immunitäten (zusammen mit verschiedenen anderen), in neueren Zeiten durch das mächtige Band der Religion unterstützt, sind die Hauptveranlassung jener Beständigkeit gewesen, mit der diese Inselbewohner ihre Treue gegen England gehalten. So viel vermag Freiheit oder wenigstens doch ein erträgliches Joch über den Geist und die Neigung eines Volkes.« – Hierzu macht fünfzig Jahre später der eingeborene Historiker Falle die Bemerkung: »Wir haben, so lange wir im Genuß dieser Privilegien sind, keinen Grund, einen Wechsel unserer Herren zu wünschen.« (Caesarea, or an account of Jersey. I. Edit. 1694.)

Wie zu Peter Heylyn's Zeiten giebt es auch heute noch weder Zölle noch Abgaben, weder Stempeltaxen noch Schlagbäume, weder Steueraufseher noch Controlleure irgend welcher Art auf Jersey: und diese seltene Freiheit, verbunden mit dem Reichthum des Bodens und der Sparsamkeit seiner Bewohner verleihen dieser glücklichen Insel überall den Anblick des friedlichen Wohlergehens, der gesegneten Ordnung, und sie erklären es, warum man nirgends Armuth und niemals einen Bettler sieht.

Auch die innere Verwaltung und Organisation ist durchaus selbstständig und vollkommen unabhängig vom englischen Parlament. Diese Inseln erkennen nur die Königin von England an, und die Gewalt des von derselben eingesetzten Gouvernements ist höchst beschränkt. Jersey und Guernsey haben jede ihr eigenes Parlament, die »Staaten« genannt; das von Jersey besteht aus den zwölf Richtern ( Jurés-justiciers) und den zwölf Geistlichen der zwölf Kirchspiele, den zwölf Bürgermeistern ( connétables) derselben und vierzehn alle drei Jahr neu erwählten Deputirten. Der Civil-Gouverneur der Insel (für Guernsey zusammen mit Sark und Alderney gilt dasselbe) so wie der oberste Befehlshaber der hier stationirten Truppen hat das Recht, den Sitzungen der »Staaten« beizuwohnen und bei ihren Berathungen mitzureden. Ein Stimmrecht hat Keiner von Beiden, sondern nur ein Veto in Fällen, welche das specielle Interesse der Krone berühren; so daß die Canalinseln in der That einer nur unter englischer Oberhoheit stehenden Republik gleichen, in welcher die englische Hochkirche herrscht und die englische Münze cursirt.

In ähnlicher Weise hat sich, wie schon weiter oben angedeutet, das alte Gerichtsverfahren conservirt; und eine der wichtigsten Rechtsquellen, das Gewohnheitsrecht, ist noch heute fast unverändert das » vieux Coutumier de Normandie.« Daher denn auch die Juristen der Canalinseln in Frankreich studieren und in Paris ihre Prüfungen machen, ihre Grade erwerben müssen. Das Erbrecht, dieses für alle stabilen Interessen entscheidende Grundgesetz, hat sich bei den »Seigneurien« in seiner ganzen feudalen Strenge erhalten. Die Seigneurie – etwa dem Begriff eines Rittergutes in Preußen entsprechend – vererbt sich mit Ausschluß jeder anderweitigen Verfügung unter Lebenden oder auf den Todesfall strikt nach dem Gesetze der Primogenitur; das Bauergut dagegen, »die Farm,« wird zu gleichen Theilen unter die Söhne vertheilt, die Töchter erhalten zusammen ein Sohnestheil, und das Farmhaus geht unverändert an den ältesten Sohn über.

Die Seigneurien, deren es auf Jersey vier (auf Guernsey zwei) giebt, haben viel von der Bedeutung verloren, welche sie in der alten Zeit des Feudalwesens hatten, wo der Grundsatz galt: » nulle terre sans seigneur,« und der Seigneur wirklich noch ein Herr war. Es sind eben nur noch große Besitzungen mit ehrwürdig alterthümlichen Gebäuden hinter hohen, dicken Mauern, um welche Epheu rankt und dunkle Bäume wachsen. Doch haben sich noch manche Reste der Vergangenheit erhalten. So hatte der Seigneur das » droit de colombier,« d. h. das ausschließliche Recht, Tauben zu halten; und noch heut' sehen wir neben den Seigneuriegebäuden den alten runden Thurm, » colombier« genannt, in welchem ihre ehemalige Wohnung gewesen. (Siehe: Le Quésne. 92.) Vormals ward auch der Thurm der St. Martins-Kirche im Kirchspiel gleichen Namens von den Pfarrern desselben als Taubenschlag benutzt; aber einer von den Pfarrern überwarf sich mit dem damaligen Seigneur von Rozel, worauf dieser ihm das Recht nahm, Tauben zu halten. Die Fluglöcher in der Thurmspitze sind aber noch heute zu sehen. (Siehe: Payne: Armorial of Jersey. 22.) – Der Herr der Trinity-Seigneurie ist noch heute verpflichtet, zwei Enten für die königliche Tafel zu liefern, so oft der Souverain oder die Souverainin von England in Jersey zu speisen beliebt. Und bei der Ankunft derselben sind zwei andere von den Seigneurs verpflichtet, ihnen in der See, bis an's Geschirr ihrer Pferde, entgegenzureiten. Der seltsamste aller Gebräuche ist aber mit der Seigneurie von Saumarez verbunden, deren freundlich von blühenden Gärten umgebenem Herrensitz mit hohen Steinportalen, weißen Wänden und grünem Spalier ich oft auf meinem Inlandwege nach St. Helier vorübergehe. Der Pfarrer des Kirchspiels von St. Clement hat nämlich die Verpflichtung, die Herrin von der Seigneurie das erste Mal, wo sie nach einem Wochenbett wieder ausgeht, hinter sich auf einem weißen Pferde von ihrem Hause nach der Kirche zu führen und sie in derselben Weise nach beendigtem Gottesdienste zurückzubringen. Der Seigneur muß das Futter für das weiße Pferd liefern, welches der Pfarrer für diesen Zweck hält. Ob jedoch heut zu Tage der Seigneur diesen Reiterdienst wirklich noch von seinem Geistlichen verlangt, sagt meine Quelle ( Rookse, the Channel Islands, 50.) nicht. –

Auch unter den Farmhäusern habe ich einige von beträchtlichem Alter gesehen. Ueber die Zeit, wo das Cromwell'sche Regiment auch hier Alles umgestürzt zu haben scheint, reicht zwar keines hinaus; aber von den unmittelbar nach jener Revolution neu errichteten hat sich manch' eines erhalten. Man kann dies hohe Alter meist durch Zahlen nachweisen; denn es war von jeher Gebrauch auf Jersey (und ist es noch heute), in den Stein über der Thür die Initialen des Bauherrn und seines Weibes, zwei ineinander gefügte Herzen und die Jahreszahl der Gründung einzumeißeln. Aber auch sonst unterscheidet man diese alten, vom Vater auf den Sohn vererbten Farmhäuser sogleich von den neuen durch ihr ehrwürdiges Aeußere, durch den Umfang der innern Höfe, durch das bemooste Strohdach, die normannische Spitzbogenpforte, die massenhafte Schwere und das castellartige Aussehen der sie einschließenden Mauern. Man sieht es mit einem Blick auf diese normannischen Bauernhäuser, von wem die Engländer es gelernt haben, das stolze Wort: »Mein Haus ist meine Burg!«

Neben diesen behäbig-vollen Wohnsitzen einer begüterten Bauernaristokratie finden sich zahlreich die kleineren Häuser der jüngeren Söhne, welche nicht selten mit Geld abgefunden werden. Kleiner, bescheidener, dürftiger als jene haben sie doch nichts Aermliches in ihrer Erscheinung. Im Gegentheil, mit den wuchernden Blumenbeeten vor ihren Thüren und gekleidet in die duftige Tracht des Lichtes und der Wärme, gleichen sie noch immer angenehmen Stätten des Friedens, die man mit ihren Bewohnern theilen möchte. Und die vielfach parcellirten Felder, golden von der Ernte, die dem Herbste entgegenreift, von zahllosen rothen Blumen am Rande umleuchtet, und von Geisblatthecken, aus denen die Biene Honig saugt, und hohen Bäumen mit tief niederhängendem Laubwerk umschlossen, geben selbst dem hügeligen Ackergrund dieser Insel das Ansehn, als seien es Gärten und Gefilde, geschaffen mehr zu des Menschen Lust und Freude, als dazu, ihn im Schweiße seines Angesichtes zu nähren.

Diese Milde der umgebenden Natur ist nicht ohne Einfluß auf das Recht geblieben und sie scheint es der letzten Consequenz seiner Strenge gänzlich beraubt zu haben. Zwar existirt die Todesstrafe dem Buchstaben des Gesetzes nach auf Jersey; aber sie wird so selten verhängt, daß Meister Crill – meine Autorität in all' diesen Dingen – sich seit vierzig Jahren keines Beispiels derselben entsinnt. Man hat wol einen »Galgenhügel« in der Nähe von St. Heller, dem Fort Regent gegenüber; aber der Galgen ist von demselben seit Menschengedenken verschwunden. Nicht als ob die jedem Sterblichen angeborene Leidenschaft, welche die Quelle der großen Tugenden und der großen Verbrechen ist, sich hier, unter den Blumen und Bäumen der Hügel, so sehr geläutert und geklärt hätte; Meister Crill erzählte, daß bei verhältnißmäßig wenig schweren Verbrechen seit jener Zeit doch drei Mordthaten vorgekommen seien, deren Urheber man mit Genehmigung des Gouvernements auf eine der englischen Strafkolonien deportirt habe. Es ist in der That das Gesetz und das von ihm vorgeschriebene Verfahren selber, welches diese auffallende Erscheinung erklärt. In alten Zeiten galt hier das Asylrecht in seiner ganzen Ausdehnung. Noch zeigt man dem Fremden die » perquages«, eine besondere Art von Wegen, welche aus den verschiedenen Kirchen zum Meere hinunterleiten, und auf welchen jeder Capitalverbrecher, welcher Schutz in ihnen gesucht, das Eiland verlassen durfte, um nie wieder zurückzukehren. In neueren Zeiten, seit mit der Reformation jenes umfassende Schutzrecht der Kirchen verloren gegangen, giebt es hier zwei Geschwornenhöfe, von denen der erste, aus dreizehn Mitgliedern bestehende, » l'Enditement « (der kleine Hof) genannt, nur über die Frage » plotôt coupable qu'innocent« zu entscheiden hat, worauf, im Falle der Entscheidung, » plutôt coupable« an den großen Hof » la grande Enquête« appellirt wird, von dessen vierundzwanzig Mitgliedern fünf hinreichen, um den Angeklagten von der Todesstrafe zu befreien.

Bertrand Payne, welcher kürzlich begonnen hat, eine Geschichte der edlen Geschlechter von Jersey An Armorial of Jersey; being an acoount heraldic and antiquarian of its chief native families etc. 1859. (Only for subscribers.) zu veröffentlichen, meint in der Vorrede, daß es jetzt die höchste Zeit sei, ein solches Werk zu unternehmen, wenn es überall noch zu Stande kommen solle. »Denn,« so sagt er ( p. 13), »das allmälige Aufgehen der eingeborenen und ausländischen Familien und das Verschwinden manch' eines geehrten Namens, welcher nun beinah vergessen ist, mindert ihre Anzahl; und es mag sein, ehe noch viele Generationen dahingegangen, daß dieser letzte und reinste Rest der alten Normannen in jener Olla Potrida von Nationen, Engländer genannt, untergegangen ist und sein Name den zufälligen Bewohnern der ehemaligen Inselheimath beigelegt wird.«

Dies ist die hergebrachte und beliebte Klage unserer Alterthumsforscher, und sie wiederholt sich heutzutage überall und in allen Verhältnissen. In der That könnten wir auf den Ladenschildern von St. Helier den Commentar dazu finden. Namen, von Robert Wace in der Liste der Ritter aufgeführt, welche unter des Eroberers Leopardenbanner bei Hastings fochten, paradiren heutzutage in der weniger ritterlichen Liste derjenigen, welche Bank- und andere Geschäfte betreiben auf Jersey. Ein Nachkomme der De Carteret-Familie – von deren altem Ruhme so mancher Schloß- und Kirchenbau auf Jersey und Guernsey zeugt und deren heldenthümliche Traditionen die Blätter der normannischen Chroniken erfüllen – hat ein Comptoir an der Ecke des Royal Square in St. Helier. Die Familie der Robins hat 43 Schiffe auf dem Meere, und man hält sie für die reichste der Insel. Andere von den aristokratischen Geschlechtern bewohnen in stolzer Zurückgezogenheit die beschatteten Gehöfte des Inlandes, und kaum, daß man noch an den Thürbogen ihrer Häuser das bemooste Wappen erkennen kann. Auf diesem kleinen Inselstaat, dessen Entwickelung, von keinem äußern Zwange gehemmt, den natürlichsten Verlauf von der Welt nahm, sehen wir den Weg, welchen einzuschlagen die Aristokratie von der Zeit selbst gezwungen wird. Die Stammverwandten erobernder Königsgeschlechter stehen hinter Wechseltischen; die Nachkommen reisiger Schloßhauptleute führen Schiffe nach Neufundland zum Schellfischfang; die Enkel im Gesange lebender Helden bebauen das Land und sorgen für die Heerde, welche im fetten Grase der Triften weidet; und so zeigt uns das Bild dieser gesegnetsten aller Inseln, wie wir Alle, ob wir einen Stammbaum haben, oder keinen, uns genöthigt sehen, Hand an die Arbeit zu legen, welche das strenge Gesetz unserer Tage ist. Ja, noch mehr; wir sehen, wie erst sie, diese Arbeit, es war, die der Insel den gegenwärtigen Anblick des Reichthums und der Fülle gegeben. Sie war nicht immer so, wie sie heut erscheint. Noch Peter Hehlyn beklagt sich bitterlich über die Menge der Bettler, von welchen er sich auf Schritt und Tritt belästigt sieht, und schreibt sie mit Recht dem damaligen Zustande der Indolenz und Unthätigkeit der Insulaner zu. Damals, wo noch die »alten Familien« regierten und Handwerk, Handel und Schiffahrt nicht waren auf Jersey, konnte die Insel kaum 30,000 Einwohner ernähren, wogegen sich jetzt gerade noch einmal so viel des glücklichsten Wohlstandes auf derselben erfreuen. Ach! die Tage des Paradieses waren kurz; und selbst unter den Laubgewölben von Jersey vernehmen wir das traurige Echo des Fluches, welcher uns daraus vertrieben, und lernen, wie die Menschenhand ihn in Segen verwandeln kann und soll.

Dieses sind die Gedanken, welche mich beschäftigen, wenn ich still am Abhange der Hügel sitze, und die lieblichen Scenen überschaue, die mich umgeben: die Obstgärten, die Wiesen, die weißen Fußpfade hier und dort, und die halb von Laub und Blumen verdeckten Häuschen, zu denen sie sich emporschlängeln. Sie begleiten mich auf meinem Lieblingswege zu dem alten Thurme La Hogue Bye, welcher auf der Höhe des Inlands steht, und von welchem die Chronik erzählt, daß ein liebendes Weib ihn zum Andenken an ihren hier erschlagenen edlen Gemahl errichtet habe. Von den Zinnen dieses Thurmes, von welchem einst der Prinz von Auvergne, als er vor dem Blutregiment der Revolution hierher geflohen war, sehnsüchtig nach der bläulich dämmernden Küste des geliebten Frankreichs geblickt, blicke auch ich hinüber, der glücklichen Tage der Jugend und des Frühlings, welche ich dorten verlebt habe, und manch eines guten Freundes, manch einer holden Freundin von drüben eingedenk. Dann, von den trügerischen Bildern der Vergangenheit, welche kommen und gehen, über das Meer im Abendroth heimwandernd, senkt sich das Auge auf das im letzten Sonnenschein träumende Inselidyll zu meinen Füßen; und in weitem, prächtigen Bogen umschreibt es die tiefdunklen Buchten, die Wälder, die den Rand derselben kränzen, die Dörfer mit ihren weißen Kirchthürmen, an denen der Scheidegruß des Abends hängt, den unerschöpflichen Reichthum von Frieden, Schönheit und Segen, der ringsum ausgebreitet ist. Bis zuletzt der flammende West die hohen Pinien und Ulmen um den Thurm ganz mit seinen Gluthen erfüllt, und das grüne, kühle Dunkel des Rasenbodens unter ihnen mit goldenen Flittern bestreut, welche magisch hin- und hertanzen.

Aber auf einem der Heimwege von diesem Thurme – als ob das Schicksal mir selbst hier die seltene Illusion des Paradieses nicht gönnen möchte – war es, wo ich entdecken sollte, daß auch das kindliche Liebesglück meiner beiden Hausgenossen, trotz der Apfelbäume, unter welchen wir sie zuerst wandeln sahen, nicht frei von irdischen Mängeln sei. Denn zu meinem Entsetzen mußte ich vernehmen, daß er – der junge Ehemann von neunzehn Jahren – die Clarinette blies, und seine siebzehnjährige Gemahlin ihn auf einem Pianoforte begleitete, welches – nach dem Klange zu urtheilen – schwarze Untertasten hat. Ich will Nichts von dem peinigenden Lärm sagen, welchen diese beiden Instrumente, jedes unbekümmert um das andere, in der sonst so engelstillen, von Abenddämmerung und Rosenduft erfüllten Villa anrichteten; aber ich kann es nicht lassen, an eine geistreiche Freundin in Berlin zu denken, welche ganz ernstlich behauptet, daß Clarinetteblasen ein Scheidungsgrund sei.

 

Guernsey

Am Tage, da ich Pontac verließ, bemerkte ich schon vom frühen Morgen an auffallende Gruppen des Fischervolkes am felsigen Strande des Vorgebirges von Le Hocq. Der Himmel war klar, aber eine scharfe Brise wehte aus Westen, und die volle Fluth rollte mit seltener Schwere gegen die Felsköpfe der Küste. Ich ging zu den Leuten. Sie hatten etwelche Spiere, Stängen und anderes leichtes Schiffsgebälk aufgefischt, welches unweit des Ufers mit dem Wasser herangetrieben kam. Sie meinten, es könne wol ein Schiff in dieser Nähe zu Schaden gekommen sein. Ein paar Stunden später, als das Wasser zurücktrat, sahen sie durch ein Fernrohr, weit in der Grouville-Bai, zur Linken der Felsen von Ikhot eine Mastspitze. Zwei Böte wurden vom flachbespülten Kies ins Wasser geschoben und segelten alsbald in der Richtung ab, während die Andern, auf die Felsen gelagert, ihnen nachsahen. Gegen Mittag kam die Nachricht, ein Schooner sei zwischen den Klippen gescheitert; die Piloten von Gorey seien schon an Ort und Stelle gewesen, als man angekommen; aber es sei nicht viel zu bergen und von der Mannschaft habe man keine Spur entdeckt. Wahrscheinlich habe sie sich nach den Küsten der Bretagne zu retten versucht.

Nach dem Mittagessen, Nachmittags drei Uhr, nahm ich Abschied von Mr. Tallis, meinem ehrenwerthen Wirthe. Eben kam die Fluth wieder herein, und sie warf die Leiche eines noch nicht lange gestorbenen, aber von der Wildheit des Meeres und des Grundes arg verstümmelten Menschen auf die Bank. Man hatte sie auf ein Lager von Seetang getragen, und die Leute von Pontac und Saumarez standen im Kreise um sie, als ich – auf meinem Wege nach St. Helier – vorbeiging.

Die Sonne jenes Tages ging mit strahlender Schönheit über dem kalten rauschenden Grün der Aubins-Bai nieder. Aber ich werde nicht vergessen, wie unheimlich der Wind in der Nacht pfiff; wie die Fenster klapperten und die Thüren sich in den Schlössern rührten. Früh um sechs Uhr verließ ich das Hotel. Die kleine, hübsche Elizabeth war schon auf. Sie stand in der Thür, als ich ging, und mit einem halb weinenden und halb lachenden Gesichte sagte sie: »Sie werden eine fürchterliche Ueberfahrt haben, Herr!«

Nun folgten Tage, die zu den eigenthümlichsten meines Lebens gehören. Tage voll Sturm und Seegeruch aus ungesunden Kajüten, voll Segelknattern, Mövengeschrei, Nebel, Regenschauer, Marktscenen, Sonntagsglocken und süßem Resedageruch – wie aus andern Welten; Tage, welche in dem schlechten und durch sein trauriges Wetter denkwürdigen Sommer des Jahres 1860 die schlechtesten und denkwürdigsten für mich sind.

Schon im Hafenwasser zitterte das große, mächtig gebaute Packetschiff, und die schwarzen Dampfsäulen seiner beiden schräg liegenden Schornsteine stiegen in den schwarzen Wolkenhimmel. So fuhren wir von Jersey ab. Wie fürchterlich recht hatte die kleine, hübsche Elizabeth gehabt! Aber ich will von dieser Fahrt nichts sagen; sie dauerte nur drei Stunden, und triefend von Salzwasser stieg ich aus dem Schiffe, welches um diese Zeit schon einem großen Lazareth glich, bei St. Peter's Port an das Land.

St. Peter's Port ist die Hauptstadt von Guernsey; sie liegt an der Westseite der kleinen Insel und erhebt sich amphitheatralisch über der Bucht, welche sie hier mit mäßigen, schön belaubten Hügeln bildet. Aber Alles lag in Nebel und Regendunst begraben. Es war ein wunderbares Bild; düster, schwermüthig, geisterhaft. Die Wolkenschichten kamen und gingen; bald gaben sie einen Blick auf die Stadt frei, so daß man die Häusergruppen und Terrassen, die Giebel und Thürme, ja sogar die Farben erkennen mochte; bald war Alles wie weggefegt, und eine finstere Nebelmauer stand auf dem Meere.

Ich spannte den Schirm auf und wanderte dem Hotel zu; ich hatte mich nicht zehn Schritte vorwärts gearbeitet, da knickte der Wind mir den Stiel gerade über der Hand ab. Ein anderer Zug des Windes trug mir den prächtigsten Duft von Herbstblumen entgegen, und ich sah, daß die Grundmauern der Lagerhäuser am Wasser mit Heliotropen- und Resedafeldern bekränzt waren. Das Hotel lag dicht am Wasser; eines jener alterthümlichen Gebäude, wie sie auf Guernsey noch so häufig sind. Ich wohnte in einem Thurme, vier Treppen hoch, und hatte die ganze See vor mir mit ihrem Nebel und ihren hohen Wellen. Dort ging das Schiff wieder hinaus – dort wirbelten die beiden Rauchsäulen im Sturme herum – dort war Schrecken und Nacht und Elend in dumpfen Kajüten ... Ha! jedesmal, wenn das Schiff sich hob und senkte, war mir, als thäte der Thurm, in welchem ich saß, desgleichen.

Die Erinnerung, welche ich von St. Peter's Port und Guernsey habe, gleicht einem Nebelbilde. Unklarheit wechselt mit plötzlicher Helle und einer Farbenpracht für Minuten; und das Ganze hat für mich das Unsichere eines schweren Traumes, den magischen Reiz einer Dämmerung am Meere.

Es war Sonnabend, als ich in St. Peter's Port ankam, und das bunte Gewühl des Markttages entwickelte sich wie ein Gauckelspiel aus den Aermelfalten des Nebels. Ein Nebel ganz anderer Natur, als der von London; nicht gelb, sondern weiß, fast farblos – kein zäher Nebel, sondern ein Nebelschleier – zauberhaft, trügerisch, und gefürchtet von den Schiffern, die dieser gefährlichsten aller Küsten vorbeisegeln müssen. St. Peter's Port ist eine alte Stadt, mit Giebeldächern, wie in Nürnberg, mit vorväterlichen Thurmresten an der Seite bürgerlicher Wohngebäude, mit rothen Thüren hier und dort, mit mittelalterlichen Erkern und undefinirbaren Winkeln, mit runden Fenstern und Spitzbogenpförtlein, wie bei den alten Farmhäusern auf Jersey. Ich entsinne mich aus meiner frühesten Kindheit einer Straßenskizze von Guernsey, die ich im Brockhaus'schen Bilderconversationslexicon gesehen. Dieses war dazumal das Buch der Wunder für meine Geschwister und mich; und unsere Bewunderung war so gründlicher und handgreiflicher Natur, daß das Buch mit Stumpf und Stiel ein Opfer derselben geworden. Es ist aus dem Bücherschrank des Elternhauses verschwunden; aber in dem Herbstnebel jenes Sonnabend sollte ich dies alte Bild der Kinderjahre lebendig wieder finden. Da stand es, hinter der Stadtkirche. Da waren die engen Straßen und die Dächer, die sich oben fast berührten; da waren die Erkerfenster und die seltsamen Schnitzereien daran, die Karren mit zwei Rädern, die über das unebene Pflaster holperten, die Fuhrleute in ihren Kitteln, die schweren, breithufigen Pferde, die Frauen in ihren hohen, schwarzen Kappen. Da waren die Treppen, die von Gäßchen zu Gäßchen, den ganzen Berg hinanführen – denn die Stadt liegt am Berge, und dahinter ist Nichts mehr von ihr – da waren die Winkel, wo die Welt plötzlich ein Ende zu haben schien, und zuletzt doch wieder ein schmales Treppchen, über das man weiter stieg. Welch' ein Wirrwarr von Stufen, Zickzackleitern, überhängenden Giebeln, Masten und Raen im Hintergrunde, und Blumensträußen und Blumentöpfen überall!

Blumen bilden den großen Grund- und Charakterzug von Guernsey. Kein Haus ohne Garten, kein Fenster ohne Töpfe, kein Tisch ohne Bouquet. Welch' eine freundliche Ueberraschung, ja, welch' eine Ermuthigung in dieser Finsterniß des Nebels und der Nässe, die kaum für Augenblicke wich. Im Innern des Landes soll sich keine Hütte finden und keine Farmwohnung, in welcher nicht ein eigenthümliches aus Blumen und Farnkraut aufgeschichtetes Lotterbett, das sogenannte »grüne Bett«, die Stelle einnähme, welche man unter weniger blumenliebenden Nationen dem Sopha angewiesen sieht. Blumen waren es auch, welche dem sonst so trübe durcheinander wühlenden Sonnabendsmarkt die Täuschung eines heiteren Reliefs verliehen.

Wie in St. Helier scheidet sich der Markt von St. Peter's Port in einen englischen und einen französischen. Auf der englischen Seite hat man unter hohen Säulengängen vierzig reinliche Boutiquen voll von Rind- und Hammelfleisch, und nebenan, in einem Parallelgange, unter gläsernem Dach, ungefähr eben so viele Fischläden, wo die Hummer im Naturzustand auf dem heimathlichen Grunde von faulem Seetang und Klippenmoos neben zerschnittenen Schollen und Salmen herumkriecht. Das Geflügel, das Gemüse und die Blumen – Alles, was leicht, luftig und duftig ist, befindet sich gegenüber auf der französischen Seite des Marktes, in einem dritten Säulengange, » les Halles« genannt. Die »Damen der Halle« sind Bauernweiber aus der Normandie, die in einem Fischerboote jeden Sonnabend Morgen den Kanal kreuzen, um ihren Platz auf dem Markt von St. Peter's Port einzunehmen. Sie tragen jene hohen, weißen Mützen, die den Ausdruck des Ernstes und der Strenge im Gesichte dieser Frauen in einen schmucklosen Rahmen fassen. Auf dieser Seite des Marktes hört man nur Französisch – jene einschmeichelnd geschmeidigen Wortklänge, die an die Blumen und Bouquets der Madeleine erinnern; unter den Ochsenvierteln und Hammelkeulen der andern Seite wird das mehr verwandte Englisch gesprochen. Die offene Mitte zwischen beiden Säulenportalen ist neutral; hier stehen Honigkuchenbuden und Gingerbiertische, und leichtfüßig durch dies Sprachen- und Volksgemenge, durch all' diese Körbe und vereinigten Gerüche von Meer und Land bewegen sich die lieblichen, kleinen, dunkeläugigen und dunkelhaarigen Töchter der Insel. Feenhaft-anmuthige Wesen, und in ihrer zierlichen Erscheinung, das feine Strohkörbchen unter dem vollen, runden Arm, das kokette Hütchen mit dem kurzen Schleier, der eben ihr Gesicht umspannt, auf dem kecken Kopfe erinnern sie den Fremden an die alte Sage, daß die Guernsey-Leute von den Feen abstammen.

Denn viel mehr, als dies der auf dem von englisch-französischen Cultureinflüssen modernisirtem Jersey der Fall ist, haben sich hier Spuren der frühesten Vorzeit und Reste des ältesten Aberglaubens erhalten. Hier sind die Götter noch nicht alle in's Exil gegangen; hier haben sich die Feen noch nicht in Hexen und Hexenmeister verwandelt, wie drüben, auf dem Schwestereiland. Was von den alten celtischen Heiligthümern übrig geblieben, wird – ganz wie in der gegenüberliegenden Betragne, wie in Wales und in Irland – noch auf die Feen, diese letzten Bewohner des altheidnischen Mythenhimmels, bezogen. Einen Hexenfelsen kennt man hier nicht. Aber man zeigt uns auf einem nördlichen Vorgebirge der Vazon-Bai einen wohlerhaltenen Cromlech, » le creux des Fées« genannt, und erzählt uns, daß von hier aus in alter Zeit die Feen hervorgekommen, um Guernsey zu erobern, und daß sie nun über das Wohlergehen ihrer früheren Heimstätten und ihrer Abkömmlinge, der Leute von Guernsey, wachten. – Ist es nicht bemerkenswerth, daß die Einwohner dieser kleinen, wogenumdrohten Eilande nicht genug zu haben glauben an der Allmacht des Einen, auf den wir Alle vertrauen, und darum eine Geistermacht heraufrufen zu ihrem besondern Schutze? – Ich habe etwas Aehnliches fern im deutschen Meere auf den nordfriesischen Inseln beobachtet. – Ein anderes Celtendenkmal, der Steinpfeiler »Maenhir« im Kirchspiel von St. Peter im Walde, zehn Fuß hoch über dem Grund, ein Gegenstand der Furcht für die Eingeborenen, und der Forschung für die Alterthumskundigen, soll ein Lieblingsort der Feen sein, die oft sich hier in stillen Nächten versammeln. – Zahlreiche kleine, hübsche Feengeschichten, die der Mühe des Sammelns, bevor sie aus der Erinnerung schwinden, wol werth wären, knüpfen sich an diese und ähnliche Denkmale der celtischen Vorzeit.

Nicht minder konservativ zeigt sich dieser kleine von Klippen und Nebel geschützte Fleck Erde mitten im stürmischen Kanal in Bezug auf die Normannenzeit, welche derjenigen der Celten folgte. Guernsey ist bei weitem französischer als Jersey; nicht in der Gesinnung – darüber habe ich in der That kein Urtheil – wol aber in der ganzen Erscheinung, Lebensart und Sprache. Sogar die englische Münze ist vom allgemeinen Cours ausgeschlossen; auf dem Sonnabendsmarkt, in der Stadt und auf dem Lande, überall wird nach französischen Franken und einem eigenen in Guernsey geschlagenen Kupfergelde, den sogenannten »Doubles«, deren acht ungefähr auf einen englischen Penny gehen, gerechnet.

Gegen zwei Uhr Nachmittags hatte die Marktherrlichkeit ein Ende; wahrscheinlich früher als sonst, wegen des Unwetters, welches sich nur in langen Zwischenräumen auf Momente aufhellte. Mit meinem stiellosen Regenschirm in der Hand war ich lange müßig umhergeschlendert. Die Highstreet mit ihren großen, prächtigen Kaufhäusern, durch deren hohe Fenster im Erdgeschoß man einen Blick auf die Schiffe des Hafens und das offene, stürmende Meer hatte, war mehr als einmal durchmessen worden – denn sie hatte hier und dort knappe Grenzen und Endpunkte, und Treppen führten weiter, in die Nebengassen hinauf. Ich erstieg sie, eine nach der andern, und ein wunderliches Panorama von engen Höfen, dunkeln Sackgassen und dreieckigen Erkerhäusern lag zuletzt unter mir, den Berg hinunter bis zum Rande des Meeres. Ich befand mich nun in dem neuern und schönern Theile der Stadt, welcher das schmale Plateau des Hügels bedeckt. Ein furchtbarer Regenschauer, der eisig kalt eben wieder einbrach, zwang mich, in Anbetracht meines mangelhaften Regenschirms, irgendwo in der Nachbarschaft Schutz zu suchen. Da stand ein dunkles, ehrwürdiges Gebäude zu meiner Linken, mit einem Garten davor, in welchem Pinien und Lorber wuchsen, mit einem Rundbogen-Wetterdach über der röthlichen Eingangsthür, mit breiten hohen Fenstern, die alt und ehrwürdig aussahen, mit einem düstern Ernst, einem Schimmer von Schwermuth über der dunkeln Facade. Hierher, auf die Steinstufen unter das Wetterdach trat ich, um Schutz zu suchen. Ich sah eine Messingplatte an der Thür und las darauf die Worte: » Hauteville-House«. Plötzlich zuckte es wie ein Funken durch meine Seele – ich hatte es heute Morgen schon im Hotel gehört, wer der Bewohner von Hauteville-House sei.

Es war der Dichter der Dämmerungsgesänge und des Glöckners von Notre-Dame, es war der erste Romantiker Frankreichs, es war der standhafte Flüchtling und der große Feind Napoleons des Kleinen, – es war Victor Hugo, vor dessen Haus im Exil ich stand!

Ein kurzer Kampf – und ich wandte mich um, und pochte und klingelte. Denn » knook and ring« ist auch das Mene-Tekel unserer großen Dichter in der britischen Verbannung geworden. Es dauerte ziemlich lange, ehe man mir öffnete. Ich fragte nach Monsieur Victor Hugo. Er ist nicht zu Haus, hieß es; er ist von einer Reise nach Irland und England noch nicht zurück. – Alles, was mir blieb, war ein Blick in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster vorn auf die Pinien und Lorbeern des Gartens und hinten auf die See und die Küsten von Frankreich gehen. Mit Ehrfurcht und entblößtem Haupte stand ich eine Weile in dieser Werkstätte eines der erhabensten Geister, und große Schatten, halbfertige, luftartige aus »Weltlegende« gingen an mir vorüber, ehe ich in den kalten Regen des Herbstnachmittags zurückkehrte.

Was nun folgte, läßt sich in wenig Worten sagen: Regen, Nacht, Morgendämmerung, die hochkirchliche, sang- und klanglose Stille des englischen Sonntags, neuer Regen von Anfang bis zu Ende, neuer Sturm, neuer Nebel. Stundenlang saß ich in meinem Thurme, und sah auf das Meer vor mir, und die Inseln Jeddou, Herm und Sark, die wie drei große Grabhügel im tiefen Dunste des Wassers lagen. – Dann ein Gang in die Hafenbauten und zu dem Felscastell von Castle Cornett, welches sie schützt; dann zurück zu meinem Thurm, in dessen Grundflur auf den Sopha's drei englische Gentlemen und eine Lady gähnten, während Seine Herrlichkeit, der »Waiter,« sonntäglich geschmückt, in weißer Binde, weißer Weste und schwarzem Frack an der Thür gähnte. Der Abend kam, und Lichter funkelten den ganzen Berg hinauf, durch den Nebel. Abendlichter! welche Sprache doch redet Ihr, daß Euch das Herz selbst in solchem Aufruhr und trüben Tumult der Natur selig versteht und begreift? Da saß eine Mutter in Weiß mit ihren Kindern rund um den Tisch, und das älteste Mädchen, ein schwarzer Lockenkopf mit rothen Schleifen am Gewand, las aus der Bibel. Dort unter den Blumen des Fensters, in halber Dämmerung, saßen zwei junge Leute, die sich liebten, Hand in Hand – vielleicht verlobt oder neulich vermählt; – dort stand ein schönes, sinniges Wesen am Schalter, das sich langsam unter ihrer Hand niedersenkte zwischen der Nacht und der Kuppellampe, die im Hintergrund des Zimmers eben angezündet wurde ... Und dort stand die alte Stadtkirche, und matter Schein quoll aus ihren gothischen Fensterbögen und der Choral der Gemeinde mischte sich mit dem Brüllen des Meeres und dem Heulen des Sturmes ...

Am andern Morgen fuhr ich ab. Aus Nebel ging es in Nebel. Die Hand der Vorsehung selber hat ihren Schleier über die Geschichte dieser Reise gebreitet; die meine soll es nicht versuchen, ihn zu lüften. Das Röcheln der Maschine, die Heftigkeit der Sturzseen, das Wimmern des Sturmes, die Nässe, die Kälte, die Unsicherheit, in der wir Alle bis tief in die Nacht hinein zitterten, sollen in der Erinnerung nicht erneut werden. Nur ein Moment wird mir ewig unvergeßlich bleiben.

Mit einem wilden Matrosengesang – ich glaube, es war die Melodie von » So fare thee well, my own Mary Anne« – stürzten die Schiffsleute plötzlich an den Besanmast, um die Segel zu reffen; denn das Schiff ging, als wolle es seinen Bugspriet in den Zenith kehren, und die Gewalt der Sturzseen war so gewachsen, daß das Deck beständig unter Wasser stand. Wir waren in den Strudel zweier gegeneinanderpolternden Fluthen gerathen, die uns trieben, während der Wind von der Gegenseite kam. Und fern im Nebel erblickte ich, unklar über Wasser, eine wüste Felsenmasse, mit etwas Weißem darauf, wie Mauer und Thürme.

»Das sind die Caskets!« hieß es mit Einemmal hier und überall auf Deck, und Alles, was sich von den Passagieren noch bewegen konnte, begab sich auf Steuerbordseite, um sie zu sehen. Der Pilot, welcher – ein braver, wetterfester alter Mann, in Leder gekleidet von Kopf bis zu Fuß – bisher sich gern mit mir unterhalten hatte, weil ich sein Französisch verstand, stand hoch auf der Brücke, bald mit der Rechten, bald mit der Linken dem Manne am Rade Signale gebend. Nachdem eine halbe Stunde also unter beständigem Rollen Und Ueberschlagen der See vergangen war – die schrecklichste halbe Stunde der ganzen Fahrt – kam der Pilot wieder herunter. Ich lud ihn ein, einen Schluck Brandy mit mir zu trinken – und aus dem Fläschchen, an welchem der Mund der irischen Brighit so oft geruht, stillte nun der Lootse der normannischen Inseln seinen gewaltigen Durst. Dann sagte er mir folgendes über die Caskets, welche düster in den Nebel zurücktraten:

»Diese Gruppe einsamer und nackter Felsen, auf welchen kaum ein Steingewächs fortkommt, und ehedem nur einige Seevögel nisteten, war lange ein Schrecken für Seeleute. Denn zwischen der Insel Guernsey und den Caskets sind die Fluthen nimmer still; auf jedem Punkte des Compasses setzen sie im Laufe jeder Ebbe und Fluth von allen Seiten der Nachbarküsten ein und gehen in Winterszeiten oft mastenhoch. Bis zum Jahre 1723 waren diese gefährlichen Felsen durch kein Zeichen der Führung oder Warnung für die Seefahrer ausgezeichnet, und die Folge davon war eine lange, ununterbrochene Reihe der allerschrecklichsten Unglücksfälle. Endlich in jenem Jahre wurden die drei Leuchtthürme auf dem höchsten Felsen errichtet, welche wir heute wegen des Nebels nur undeutlich sehen. Sie stehen im Dreieck und sind durch starke Mauern verbunden, welche einen Fleck von Alderney herübergebrachter Erde einschließen, darin einige Gemüse gezogen werden. Die Thurmwächter sind Leute von jener Insel, und bekommen fünfzig Pfund das Jahr. In den Leuchtthürmen sind Zimmer für sie, und Kammern mit Vorräthen, welche über den ganzen Winter ausreichen müssen, da man alsdann nur mit der äußersten Noth ankommen kann. Sollte jedoch der Vorrath knapp oder die Hilfe eines Arztes nothwendig werden, so kommuniziren die Thurmwächter mit Alderney durch einen kleinen Telegraphen während des Tages, oder durch ein Feuer auf dem Felsen bei Nacht. – Was die Bewohner dieser einsamen Thürme am Heftigsten empfinden, ist die Gewalt der Stürme; sie heulen wüthend rundum und die See, wenn sie empört ist, und der Andrang des Fluthstromes sie noch höher schwellt, speit ungeheure Wassermassen über die Felsen, wobei die Lichter oft getroffen und ernstlich beschädigt werden. In solchen Nächten werden oft die Seevögel, unfähig, länger mit dem Sturme zu kämpfen, von dem Lichte angezogen und gegen die Gläser geschleudert, welche klirrend zusammenbrechen, während die Flammen verlöschen und die armen Vögel todt in die Thürme niederstürzen.«

Noch einen Zug that der Lootse aus meinem Brandy-Fläschchen. Dann wegen der Nähe eines Schiffes, welches im Nebel entdeckt wurde, stieg er wieder auf die Brücke.

Dieses ist die letzte Erinnerung, welche ich von Guernsey habe. –

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