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Verschollene Inseln

Julius Rodenberg: Verschollene Inseln - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJulius Rodenberg
titleVerschollene Inseln
publisherVerlag von Julius Springer
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Stillleben auf Sylt.

(1859)

 

Die Einwohner der Inseln sind stille geworden.

Jesaias 23, 2.

 

I.

Westerland, am 10. August.

Hier sind wir am fernsten Nordseestrande. Ein kleines, friedlich stilles Haus unter den Dünen beherbergt uns. Die Wände sind weiß, die Decke ist niedrig; von den Fenstern läßt nur eines halb sich öffnen, die andren sind fest zugenagelt, denn scharf streicht der Wind über Sylt. Unser Blick geht südwärts auf die weite, breite Haide. Einzelne Häuser sind hier verstreut, andere liegen dort beisammen. Wie einsam ist es auf Sylt! Am Abend, als ich ankam, und ein Rauschen, halb des Meeres, halb des Windes, auf dem sanften Rasenboden aber keines Menschen Tritt gehört ward, während mich das Geheimniß der Dunkelheit und des Ungekannten umgab: da hatte ich die Empfindung, als könne man hier ein neues Leben voll schweigender Glückseligkeit beginnen.

Hinter uns liegen die Dünen, bleiche, traurige Hügel mit wehendem Schilf und Riedgras. Unter den Hügeln ist das Meer – weit, breit und gelbgrün gleich der Haide. Aber wie wettert es auf der Meereshaide! Immer Wellen, immer Wind. Die Brandung rollt gegen die Dünenhügel, zeichnet ihre phantastischen Linien in den feinen weißen Sand, und läßt Muscheln, bunte Steine und milchweiße Kiesel zurück, wenn sie geht; Spielwerk aus dem Meeresgrund für die Kinder. Wir sehen es, wir heben es auf, wir schleudern es wieder in die Fluth zurück. Wir werden selber Kinder am Meeresstrand.

Menschen gehen wenig am Strand. Die tiefe Einsamkeit desselben wird selten, selten nur gestört. Der Wanderer kann schweifen, kann sinnen und träumen. Oft stößt sein Fuß auf schwarze dicke torfartige Massen, halb im Sande vergraben, oben von der Fluth frei gewaschen. Das sind die Waldreste von Sylt. Wo wir jetzt im breiten Sonnenschein zur Seite des Meeres auf Sand wandeln, da haben einst hohe, schöne Bäume gestanden; weit hinaus, dort, wo im offenen Meere die Schaumwelle spritzt, hat eine große Stadt gelegen, in welcher reiche Kaufleute gewohnt. Aber das Meer hat dieses Land zerrissen, es hat sich neue Straßen gesucht, und neue Küsten gegründet. Die große Stadt mit den reichen Kaufleuten ist hinunter, der schöne Wald von Sylt ist hinunter; wir leben auf einer kahlen baum- und strauchlosen Haideinsel in drei, vier kleinen Dörfern, und vor uns und hinter uns und rechts und links ist das Meer. Fahren wir nach Norden, so erreichen wir Island. Fahren wir gen Westen, so landen wir bei England. Südlich liegt Hamburg und Helgoland und Deutschland und Belgien.

Das östliche Meer ist still und schmal. Wir sehen gegenüber die Küsten von Jütland und Nordschleswig. Zur Zeit der Ebbe liegt es halb trocken; die Watts, flache Sandbänke treten hervor und flimmern wie Silberstaub in der Sonne, wahrend das blaue Wasser des Wattenmeeres sie wie ein blaues Band vielgestaltig umschlingt. Kleine Fischerböte segeln hin und wieder; ab und an steigt eine Rauchsäule auf, wenn das Dampfschiff von Husum oder Hoyer kommt. Weidenbüsche mit Besenreisern an der Spitze bezeichnen seinen Kurs; sie sind zu beiden Seiten in die Watts gesteckt und zwischen durch in den Kanälen des Wassers steuert das flachgehende Schiff. Man verliert das Land nie aus den Augen; wenn das Festland zur Rechten verschwindet, so tauchen zur Linken aus dem Wasser die Halligen auf, breitgestreckte Sandflächen, deren hügelförmige Erhöhung auf der Mitte drei, vier Hütten, ein paar Scheuern und Ställe trägt. Die Hügelabhänge geben reiche Weide und die Halligbauern haben das schönste Vieh. Im Winter, wenn der Wind kommt und das Wasser thürmt, sitzen sie oft monatelang einsam auf ihren Halligen, sie sehen das Festland, sie können aber nicht hinüber. Mit Böten ist dann gleichfalls nicht anzukommen. Einmal oder zweimal, wenn das Wasser ganz tief gefallen ist, wagen sich junge rüstige Leute, welche mit den gefährlichen Straßen vertraut sind, über die Watts an's Land; während der einen Ebbe hinüber, während der andern zurück. Dieses sind die sogenannten Schlickläufer, deren Schicksale der abenteuerliche Zug sind in der Monotonie der Wattbänke und der Halligen.

Einmal war ein alter Halligbauer, der sich den Fuß gebrochen hatte, an's Land nach Husum gebracht worden, damit ihn der dortige Chirurgus kurire. Es war um die Winterzeit, wo das Meer überzutreten pflegt. Der Kranke hoffte auf Heimkehr, bevor das hohe Wasser sie ihm abschnitte; aber sein Uebel zeigte sich hartnäckiger, und eines Tages kam das Wasser und stieg über den breiten Sand jenseits der Deiche und überschwemmte die Watts, so weit man sehen konnte. Da saß nun der arme Bauer tagelang, den Blick der traurig wogenden Fläche zugekehrt; und des Nachts, seiner körperlichen Schmerzen vergessend, hörte er ihr Rauschen. Sein Heimweh wuchs; und oft, bei klaren Sonnenuntergängen, sah er auf dem kalten Winterabendroth fern zwischen Himmel und Wasser die bläulich-scharfen Umrisse von Giebel, Dach und Mauerwerk. Es war sein Haus auf der Hallig, bis zu deren oberstem Hügelrande das Meer gestiegen. So saß er Tag für Tag, und sein Herz that ihm über die Maßen weh. Da, eines Nachmittags spät, erblickte er auf der Straße von Husum einen Mann, welchen er kannte. Er war von seiner eigenen Hallig, hatte die Zeit des Neumondes wahrgenommen, um über den Schlick nach dem Festland zu laufen und gedachte des Abends, bei Ebbe, den Heimweg zu suchen. Der kranke Bauer rief seinen Freund, den Schlickläufer herein, und sagte ihm, daß er es hier nicht mehr aushalten könne und daß er mit ihm heimkehren wolle. Umsonst daß dieser ihm abredete und mehr als einmal sprach: »Bedenk' was das Ende ist, wenn Dein Fuß Dich nicht mehr tragen will.« Der Bauer beharrte bei seinem Vorsatz. Der Schlickläufer sagte, gleich nach Sonnenuntergang müßten sie sich auf den Weg machen, und heimlich, zu der verabredeten Zeit, stahl sich der Kranke an das Ufer. »Nun folg mir,« sagte der Schlickläufer, »und bleib um Gotteswillen nicht zurück. Wenn die Fluth eintrifft, sind wir verloren, und ich kann Dich nicht retten. So komm!«

Sie gingen und der Neumond schien matt über ihren Pfad, der sich schmal und gefährlich durch's Wasser zog. Eine Stunde lang hörte der Schlickläufer den Schritt des Kranken hinter sich, gleichmäßig wie beim Aussetzen; dann, allmälig, blieb er ein wenig zurück. Er wandte sich um und rief: »Eil Dich, um Gotteswillen! Sonst erreichen wir die Hallig nicht!« – Mehrere Mal noch wandte er sich um. »Holla, ho!« rief er, und »ho!« kam es zurück, erst näher, dann weiter, immer weiter und schwächer, als käm es schon aus dem Wasser.

Zuletzt war es ganz still, nur sein eigenes »Holla, ho!« klang in die Nacht hinaus und mischte sich mit dem fernen Brausen der Fluth, welche von Westen hereinkam. Das Wasser spülte schon flach über seinen Weg und mit lautem verzweifeltem »Holla, ho!« lief er weiter; aber keine Antwort und dicht hinter seinen Fersen das steigende Gewässer. Schweißtriefend erreichte er die Hallig zuletzt, und als er sich umsah, da stand Alles wieder unter Wasser, von dem Hügelrand bis zu den Deichen, die er beim schwindenden Licht der Mondsichel leise verdämmern sah. Trüb und voll rauschte die Fluth herein; von dem kranken Bauern aber hat man nie und nie mehr Etwas gehört. –

So ist das Wattenmeer. Anders die Nordsee, die vom Westen an gegen unsere Dünen rollt. Ihre Brandung ist hoch und gefährlich, ihre Küste für Schiffe unnahbar, zum Landen zu jäh und steil. Darum ist das Meer hier leblos – kein Segel, kein Mast in noch so weiter Ferne; kein Punkt, auf dem das Auge hasten, mit dem das Herz und seine Sehnsucht langsam weiter schwanken möchte. Nur Möven über der breiten, unermeßlichen Wogenmasse und Wolken; das ist Alles. So weit ist der Blick, so hoch der Himmel, so phantastisch, so groß, so golden geballt die Wolken; aber die Seele des Menschen fürchtet sich, mit ihnen zu reisen. Wohin auf dieser kalten, ungastlichen Meeresfläche? Schaurig rollt und rauscht sie; es ist nicht das Lied des Lebens und des kräftigen Wagemuthes, das sie an den Küsten von England singt. Auch in Ostende hatte sie noch andere Töne. Es war Liebe dazwischen, Sehnsucht und Heimweh. Hier singt sie ihm düstern Gesang von Einsamkeit, von Entsagung, von Trauer um Vergangenes.

Oft, wenn ich in der grauen Abenddämmerung durch den Sand gehe und diesen Gesang höre, wird mir ängstlich zu Muthe, und über die Dünenhügel kehre ich auf die Haide zurück, und unter dem schweren Himmel erblicke ich die Abendlichter der kleinen Häuser in der Ferne.

Die Männer, die in diesen Häusern wohnen, sind Seefahrer und weitgereiste Kapitaine, die nun auf ihrer Heimathinsel nach stürmischem Leben zeitlich und ewig zu ruhen gedenken. Aber auch die Frauen tragen ihr Theil von dem, was das Meer giebt und nimmt.

Ich wohne bei einem grau gewordenen Mädchen, des Namens Jungfer Brigitte Marlo, und nicht ohne Ehrfurcht seh' ich im Stillen ihrem Wandel zu. Ihr Liebster ist vor zwanzig, dreißig Jahren auf See verunglückt; aber Brigitte ist dem Todten treu geblieben. Sie hat das Bild des Schiffes, welches er geführt, an die Küchenwand, dem Herd gegenüber, gehängt; sie spricht nicht von ihm, ich weiß kaum, ob sie noch an ihn denkt – sie ist so alt, so grau geworden. Aber treu ist sie ihm geblieben, und obwol sie so gut einen Jüten hätte zum Mann bekommen können, wie manche Andere, so hat sie's doch vorgezogen, so lange beim alten Rathsmann Dekker als Magd zu dienen, bis sie sich ein kleines Vermögen erspart hatte, um davon ihr Alter zu fristen. Sie hatte ein kleines Haus, hundert Schritt von dem entfernt, welches sie heute bewohnt; aber der Blitz schlug ein und verzehrte in einer Nacht, wo der Brand weithin geleuchtet haben soll über die dunkle Insel, Alles, was sie besaß. Da sammelten die Westländer für sie und bauten ihr das neue Haus, stellten ihr Tische, Stühle, Betten für ein billiges Miethgeld in die Stuben, und zogen um den Platz des alten, welches Brigitte jetzt als Garten benutzt, eine Mauer von Erde, Rasen und dunklen Steinen. Statt der gehofften Ruhe hat ihr das Alter neue Sorgen gebracht; sie muß wieder schaffen und arbeiten, wie zuvor; sie thut es stumm, aber mit Freuden, und was ihr auf Erden noch von Liebe und Neigung geblieben, das vertheilt sie ehrlich zwischen den armen Kindern, die mehrere Mal in der Woche zu ihr kommen, und den Schafen, der Kuh und der Katze, die mit ihr den Hüttenraum bewohnen. Viele ehrwürdige Frauen, viele schlanke Mädchen in schwarzen Kleidern und schwarzen Miedern, weiße Tücher um das blonde Haar geknüpft, begegnen uns, wenn wir gegen Abend die Insel durchstreifen, denn jedes Jahr verunglücken sylter Männer auf fernen Meeren, und bei dem engen Verwandtschaftsverhältniß, in dem hier Familie zu Familie steht, ist die Trauer allgemein. Männer mit ergrauendem Haar und harten Händen sitzen vor der Thür oder man trifft sie im Wirthshaus bei einem Glase Grog; es sind Schiffskapitäne, die auf Hamburger Schiffen das atlantische Meer zehnmal gekreuzt haben, oder auf holländischen Fahrzeugen die batavischen Inseln besuchten. Jetzt bauen sie Hafer und Buchweizen, jetzt bekümmern sie sich um die Schafe und um die Kühe; auf der Kommode ihrer kleinen, sauberen Zimmer steht das Modell ihres Schiffes, und gern erzählen sie dem Fremden von den Abenteuern, die sie auf See gehabt.

Einige haben sich dicht an dem geschützten Strande des Wattenmeeres schöne, steinerne Häuser mit weißen Wänden und platten Dächern errichtet. Bei einem dieser Häuser fuhr ich jüngst vorbei, um die Stunde des Sonnenuntergangs. Unten in der schön beleuchteten Stube sah ich Teppichflur und Polsterstühle und bequeme Sophas; auf dem Tische stand ein silbernes Kaffeeservice, die Tassen noch ungeordnet hier und dort, als habe man sich erst eben erhoben. So traulich war dies Zimmer, so voll Abendsonne, so voll Seeluft. Oben auf dem Dache stand der Kapitain und über einen niedrigen Schornstein hatte er sein Fernglas auf den Strand und die blaue See gerichtet.

»Was sucht Ihr, Kapitain?« fragte ich.

»Mein Weib und meine Kinder!« antwortete er. »Sie sind nach dem Kaffee hinunter in die Dünen gegangen. Nun will es Nacht werden und ich habe sie aus den Augen verloren!«

Dann fuhr ich weiter, und lange noch, wenn ich zurücksah, erblickte ich das weiße Haus und im Abendsonnenglanz darauf den Kapitain mit dem Fernrohr, der sein Weib und seine Kinder suchte.

Es ist merkwürdig, wie sehr diese Leute mit ihren falbblonden Haaren, ihren wasserblauen Augen, ihren starken Knochen und ihrem breiten, täppischen Wesen mich an die Engländer erinnern. Auch ihre Sprache erinnert mich jedesmal an sie. Sie reden unser Hochdeutsch, wie die auf dem Continente reisenden Engländer es zu reden pflegen; etwas weniger gebrochen, aber grade so hart, als sei es eine ihnen fremde Sprache. Unter sich gebrauchen sie nichts anderes, als ihr altes, heimathliches Friesisch. Es klingt wie Englisch, und ist die Mutter des Englischen; auch Worte, und namentlich diejenigen Ausdrücke, die sich auf das Meer, die Schiffe und die gemeinsam heidnische Vergangenheit beziehen, sind in beiden gleich. Das Loch heißt Gap und Gat, die Klippe Cliff, die Marsch Marsh, wie an der englischen Ostküste; die Wochentage, deren Namen und Bedeutung aus dem Heidenglauben stammen, sind dieselben: Winjsdei, Türsdei, Fridei – Mittwoch, Donnerstag, Freitag.

Hier hören wir auch das englische » th« wieder, jenen Buchstaben des angelsächsischen Alphabets, dessen Aussprache uns so viele Mühe macht, wenn wir nach England hinüber kommen. Aber die Sylter sprechen ihn schärfer, als die Engländer; sie sagen »Zinghügel« für Thinghügel, und nennen das südwestlich von dem unseren belegene Dorf Thinnum: »Zinnum.« Ja, während das eigenthümliche Zeichen, welches in dem alten angelsächsischen Alphabet für dieses »th« existirte, nämlich ein d mit einem Strichlein durch den Kopf des Buchstabens in England verschwunden ist, hat es sich im Alphabet des Mutterlandes erhalten, und noch heut heißt das deutsche »ob, oder« z. B. auf Sylt: » wedder«, und wird ungefähr so ausgesprochen, wie das englische » wether«.

Eigentliche Schriftsprache ist die Friesensprache nie recht gewesen, obgleich sie sehr edel ist; oder es war ihr doch nicht vergönnt, lange als solche zu bestehen. »Keine Fürsten von Holland und von Dänemark und keine Fürsten von Schleswig und Holstein haben sich je der Friesensprache angenommen oder sie nur irgendwie begünstigt. Wer das Edle untergehen laßt, wenn er es erhalten kann, den wird die Zukunft richten.« So sagt in seinem Buche über Irland der Nordfriese C. J. Clement.

Unsere Insel ist der letzte Vorposten jenes » cimbrischen Chersonesus,« auf dem die Jüten und die Angeln und die nördlichsten Sachsen wohnten; und dieser Boden, auf dem wir stehen, und alles Land ringsum, das wir im Horizonte matt dämmern sehen, wenn wir die Innenhügel besteigen, ist der wahre Boden Alt-Englands. Der englische Antiquar Gunn hält Angeln »für eine kleine Insel bei dem Herzogthum Schleswig in Dänemark, von welcher Flensburg die Hauptstadt ist « Giles, der Herausgeber der » Six Old English Chronicles« druckt diese Angabe gutgläubig nach ( p. 400). Was würde jener aus » Adam Brede« bekannte Kritiker, welcher mit seiner linken Hand die Zwillinge in der Wiege schaukelt, und mit seiner rechten einen im Hebräischen nicht ganz capitelfesten Gegner züchtigt, sagen, wenn ein deutscher Gelehrter sich eines solchen Irrthums schuldig machte

Nordöstlich von Westerland, wenn wir gegen das Dorf Wennigstedt gehen, kommen wir an eine mächtige Einbucht in den Dünenstrichen. Durch die Wölbung sehen wir das blaue Meer zur Linken und schimmernd bis dicht an den jähen Küstenhang rauscht es heran. Kräftiger wettert uns die Meeresluft entgegen; die Halme schwanken, der dürre Sandhafer weht, der langhalmige Dünenroggen schlägt hin und her. Dies ist das Riesgap, Reiseloch, die Bucht der Abreise. Vor uns, am Fuße des rothen Kliffs, steht der Leuchtthurm, dessen wechselnde Flammen wir am späten Abend, im dämmernden Mondeshimmel so gerne betrachten; weit, in blauer Ferne, zeichnen die Thinghügel sanfte Conturen in den Duft des Ostens.

Wo wir nun im Reisegap über ellenhohen Flugsand niedersteigen an die festere Feuchtigkeit, zu den gehäuften Kieseln des Seegestades: da stiegen einst vor vierzehnhundert Jahren wilde Männer, trotzig und halb nackt, mit flachsgelben Haaren, mit kurzen, breiten Schwertern, »Saxe« genannt, und setzten sich in kleine Segelböte von Eschenholz und schwammen hinüber, und schwammen viele Tage, bis sie bei der Insel Thanet, an der Küste von Britannien Anker warfen, und eroberten von der kleinen Insel aus die große Insel, und gaben derselben ihren Namen und ihre Sprache, und herrschen noch immer, nachdem ihre ferne Heimath vom Nordmeere an allen Ecken zerrissen ist, und die kleine Insel, die Insel Thanet, längst keine Insel mehr ist, sondern die letzte Landspitze von Kent bildet. Das Meer ist dasselbe, das die Barken der Angeln und Sachsen und Friesen ans Land trug; die Luft ist dieselbe, die ihre Standarten mit dem schneeweißen Roß flattern ließ, und das schneeweiße Roß ist noch heut das Wappenthier von Kent, von Braunschweig und Hannover.

Gerne sitz' ich auf den Hügeln des Reisegaps und denke an die Männer, die hier niedergestiegen und nach Britannien gefahren sind, und denke an Hengist, ihren grausamen, heldenmüthigen Führer und an Vortigern, den guten, milden, poesiereichen König der britischen Celten, den Freund Merlin's. Dann schlage ich ein Buch auf, das ich mit an das Meer genommen – »Sechs altenglische Chroniken;« ich schlage die britische Geschichte Gottfrieds, des Weihbischofs von Monmouth auf. Der Meerwind aus Westen saust durch die Blätter, und ich lese:

»Inzwischen aber kehrten die Botschafter von Deutschland zurück, mit achtzehn Schiffen voll der besten Kriegsmannen, die zu finden waren. Sie brachten auch Rowena mit, die Tochter des Hengist, eine der schönsten Jungfrauen jener Zeit. Nach ihrer Ankunft lud Hengist den König ein, seine neuen Gebäude und die neuen Männer zu sehen, die herübergekommen. Der König kam; hier ward er mit einem fürstlichen Banquet unterhalten, und als das vorbei war, da kam die junge Dame aus ihrem Gemache mit einer goldenen Schale voll Wein, nahte sich dem Könige damit und sagte unter einer tiefen Verbeugung: »Lord! König, wacht Heil!« Der König, als er das Gesicht der Dame gesehen, war plötzlich eben so erstaunt als bezaubert durch die Schönheit desselben; er rief seinen Dolmetscher, um ihn zu fragen, was sie gesagt habe, und was er antworten solle? »Sie nannte Euch Herr und König«, sagte der Dolmetscher, »und bat um die Erlaubniß, Eure Gesundheit trinken zu dürfen! Ihr müßt nun antworten: Trink Heil!« Vortigern antwortete demgemäß: »Trink Heil!« und bat sie, zu trinken; darauf nahm er die Schale aus ihrer Hand, küßte sie und trank selber. Von jener Zeit bis zu dieser ist es Gebrauch im Britenland geblieben, daß der, welcher einem Andern zutrinkt, sagt: »Wacht Heil!« und dieser Letztere erwiedert: »Trink Heil!« Noch heute finden sich Reste dieses Gebrauches in der Sitte und Sprache Englands. » Wassail« heißt zechen, schmausen, und der » Wassail«-Becher geht noch heut bei Banquet und Festgelag von Hand zu Hand. In der alten Heimath aber, im Friesenland, empfangen die Bauern im Wirthshaus den Neuankommenden noch immer mit dem Gruße Rowena's: »Waes Hial!« und dieser erwiedert wie Vortigern: »Drink Hial!« (S. Hansen, Friesische Sagen etc. p. 135.). Vortigern war nun trunken von den verschiedenen Getränken, und der Teufel nahm die Gelegenheit wahr, um in sein Herz zu schleichen und ihn in das Mädchen verliebt zu machen, so daß er bei ihrem Vater um sie anhielt. Es geschah, sage ich, durch des Teufels Spiel, daß er, so doch ein Christ war, sich in eine Heidin verliebte. Hier nun entdeckte Hengist, der ein schlauer Mann war, den Leichtsinn des Königs, und er überlegte mit seinem Bruder Horsa und den andern alten Männern, was zu thun sei in Bezug auf des Königs Bitte. Sie riethen ihm einstimmig, ihm seine Tochter zu geben und als Gegengabe dafür die Provinz Kent zu verlangen. Demgemäß ward die Tochter ohne Verzug Vortigern übergeben, und Hengist empfing die Provinz Kent, ohne daß Gorangan, der sie verwaltete, Kenntniß davon hatte. In derselben Nacht aber heirathete der König die heidnische Jungfrau und vergnügte sich im höchsten Maße mit ihr; wodurch er den Haß des Adels und seiner eigenen Söhne rasch auf sich lud«.

Und so lieg' ich im Reisegap bei Wennigstedt und denke an den grausamen Hengist, den Sachsen, der seine schöne Tochter Rowena dem weichherzigen König Vortigern zur Frau gab, und ihn später ermorden ließ und sein Reich eroberte ... und der Meerwind streicht durch die Blätter der alten Chronik und dem Westen zugewandt ist mein Auge und der untergehenden Sonne.

 

II.

Am 13. August.

Die Insel Sylt ist das äußerste Stück deutschen Landes, wo noch deutsch geredet und deutsch gefühlt wird. Das wilde Meer, nirgends wilder als an diesen Küsten, hat dies Stück schon seit Jahrhunderten von der mütterlichen Erde des Festlandes abgerissen; wie ein verlorner Posten steht es in der einsamen Wasserwüste, dem zerstörenden Andrang des Meeres preisgegeben. Und wie von der Westseite das Meer heranbraust, so von der Nordseite ein anderes, dem deutschen Wesen nicht minder feindliches Element, das Dänenthum, das die Nordspitze der Insel schon bezwungen hat und weiter dringt. So sehen wir von der deutschen Küste, dem deutschen Meere aus, die Insel langsam untergehen. Es ist nicht, weil sie besonders groß oder schön oder werthvoll für uns wäre, daß wir sie wehmüthig betrachten; aber mit ihr geht ein Theil von uns selber, ein schönes Stück unserer eigenen Vergangenheit hinunter, und ihr Verlust erinnert uns an vieles Andere, was wir schon verloren.

Die Halbinsel, auf welcher jetzt bis an's rechte Elbufer das Regiment des Dänen reicht, war einst der Sitz des kräftigsten deutschen Volksstammes, des freiesten, des stolzesten; die Heimath der Nordfriesen, welche England erobert und dem englischen Volke die Grundlagen seiner Sprache, seines Rechts, seiner Macht gegeben haben. O, spät und als man ihn längst nicht mehr erwartete, hat England die Schuld seines Dankes hierfür gezahlt: mit der parlamentarischen Agitation gegen die schleswigholstein'sche Erhebung, mit den Leitartikeln der »Times« und dem Londoner Vertrag von 1852. Und doch werden sie und wir es nie vergessen, daß die Wurzeln ihrer Macht sich in diesem Boden genährt haben, der deutsch war und deutsch bleiben wird, so lange es Gott gefällt; die blondfalben Haare der Friesen, ihre Sprache, ihre Verfassung und ihr Recht erinnern uns täglich an die Verwandtschaft.

In jenen grauen Tagen nun, wo Hengist und Horsa eben ihre Mannen gen West geführt hatten und die Fahne mit dem weißen Sachsenroß zuerst über den Kalkfelsen von Kent flatterte, wo Vortigern, der gutmüthig schwache Britenkönig, durch Verrath gestorben war und Arthur, der König der mittelalterlichen Romantik, das heilige Drachenbanner der Kymrus in die wilde Einsamkeit des Snowdon's geflüchtet hatte: da waren die friesischen Lande auch noch ganz anders, als sie heute sind. Da hingen die Inseln, die jetzt verloren im Meere schwimmen, mit dem Festland, jener Halbinsel, zusammen; ja es giebt eine Sage, daß Heligoland oder Heiligland, das Helgoland unserer Tage Die Engländer nennen es noch heut » Heligoland«., die Südwestspitze des großen Friesenlandes gewesen. Zu der Zeit, wo die Völker Europas durch die germanische Wanderung zersetzt und neugestaltet wurden, soll auch die Landzunge, welche Frankreich mit England verband, durch den Wellensturz des Atlantischen Ozeans durchbrochen worden sein; die Brücke, über welche die celtische Urbevölkerung aus Iberien und Gallien hinübergewandert, war nicht mehr. Der Damm, der die germanischen Küsten beschützt hatte, deckte sie nicht länger, und Nordfriesland sollte den Stoß zuerst empfinden. Mit dem Fluchstrom aus Nordwest vereinte sich der neue aus Südwest; und er brachte Stürme und Überschwemmungen und Verwüstungen, und er zerriß das Friesenland, und er hat Wangeroge verschwemmt und er droht Helgoland zu begraben.

So hat sich der britische Kanal an dem Lande gerächt, von welchem das Volk kam, das die britischen Inseln erobert und beherrscht hat, bis auf diesen Tag.

Das alte Land der Nordfriesen wurde von den Gewässern in Inseln zerschnitten, die unter den Namen der friesischen Uthlande (Außenlande, Insellande) lange bekannt sind. Sie liegen aufwärts längs der Küste von Schleswig bis Jütland, und die hauptsächlichsten derselben heißen: Nordstrand, Pelworm, Föhr, Amrum und Sylt. Ihren Weststrand kehren sie dem stürmischen Nordmeer zu, das sie zerrissen hat und täglich mehr zerreißt; von der Ostseite sieht man das feste Land gegenüber, und nur das blaue, ruhige Wasser des Wattenmeeres trennt sie von demselben. Oft, zur Ebbezeit, die hier zwei Stunden später eintritt, als in der großen Nordsee, ist dieses Wasser so flach, daß man den Grund sieht und hindurchwaten kann. Dann soll man von Sylt nach Amrum mit einem Wagen fahren, und, wenn man die Straßen kennt, Föhr und die Widingsharde am Festland trocknen Fußes erreichen können; Strecken, über welche die Fluth das Dampfschiff trägt, verwandeln sich alsdann in schwarze fette Schlickmassen, aus welchen trefflicher Marschboden würde, wenn man sie einzudeichen wagen dürfte.

»Es ist diß Land«, sagt Dr. Kaspar Danckwerth, weiland Burgemeister von Husum (Mitte des 17. Jahrhunderts), der diese Stelle jedoch aus einem noch ältern Buche, aus der Chronik des Saxo Grammaticus, welcher um 1200 schrieb, entlehnt hat – »es ist diß Land reich an Korn und Vieh, sonsten aber nah an dem Meer und so niedrig belegen, daß es zuweilen damit übergossen wird. Damit aber solches nicht geschehe, seynd die Ufer rund herumb mit Teichen verwahret: wann aber des Meeres Gewalt dieselben durchbricht, so überschwemmt es das Land, reisset die Häuser danieder und verderbet das Korn. Gemeinlich machet oder reisset das Meer große Wehlen in die Aecker hinein und wirft die Erde auff fremde Felder. – Sonsten trägt Frießland trefflich viel Graß und man siedet daselbsten auch Salz aus gedorrter Erde. Den Winter über liegt das Land stets mit Wasser bedecket und giebt das Ansehen, als ob es ein See wäre, daher es zweiffelhaft, wozu man diß Land eigentlich rechnen soll, dieweil man es zu Sommerzeit pflüget, zu Winterzeit aber mit Böten darüber fähret.«

Hier bekommen wir, von einem Augenzeugen, die Schilderung des Scheidungsprozesses; er selber vollendete sich erst im 16. Jahrhundert, und was dem Augenzeugen und seinen Söhnen und seinen Enkeln vierhundert Jahre lang als ein topographisches Amphibium, als ein Mittelding zwischen Wasser und Land erschienen, ist seit der Zeit eine Inselgruppe, bewohnt von einem muthigen, ehrenfesten Volksstamme, der die deutsche Sprache spricht, uns zwar unverständlich, wie die Sprache des Hildebrandsliedes, aber nicht weniger deutsch, und sich deutsche Freiheiten und Rechte in jahrhundertelangem Kampfe männlich erhalten hat, einem Kampfe, der im achten Jahrhundert begonnen und im neunzehnten noch nicht beendet ist.

Noch zeigt man bei Archsum und bei Tinnum auf Sylt zwei Erdwälle, welche vordem dänische Zwingburgen getragen; die Burgen sind längst zerstört und Schaafe weiden auf der Höhe, wo sie damals gestanden. Freilich liegt, ungefähr in der Mitte zwischen den Wällen, die man noch heute Tinnumburg und Archsumburg nennt, die Landvoigtei, in welcher der dänische Statthalter wohnt; aber sie haben den dänischen Statthalter gezwungen, deutsch mit ihnen zu reden und nach deutscher Weise mit ihnen zu Gericht zu sitzen. Denn ob es auch Mächte und Geschicke im Völkerleben giebt, die ruhig ihren Weg wandeln und zuletzt an das Ziel kommen, trotz allen Widerstandes: so haben diese Leute den Widerstand doch gewagt und, treu ihrem heldenmüthigen Wahlspruch: »Lieber todt als Sklav«, haben sie ihr Land gegen das Meer und ihr Recht gegen den Feind behauptet, – und wenn nun zuletzt, nach Jahrhunderten vielleicht, das Meer und der Feind siegen sollten, so wird man doch sagen: der Kampf ist schön und erhaben gewesen, und mit Wehmuth wird der Blick des spätesten deutschen Geschichtsforschers auf der Stelle haften, wo er auf den nordfriesischen Inseln geführt worden.

Die Insel Sylt ist ihrer Lage nach die äußerste der Gruppe. Sie ist zugleich ihrem Umfange nach die größte. Sie hat in Süd und Nord 4¾ Meilen Länge, in Ost und West ¼ bis 1½ Meilen Breite und zählt 2700 Einwohner. Fruchtbaren Landes giebt es nur wenig, das Meiste ist unabsehbare Haide und aufgethürmter Dünensand, wo nur Schaafe ein kümmerliches Futter finden. Die Mehrzahl der Bedürfnisse muß vom festen Lande bezogen werde. Die Inselbewohner sind muthige, treuherzige, gastfreie Menschen; sie zeichnen sich nicht durch Schönheit aus, aber die Männer sind kräftig und die Frauen haben einen edlen Wuchs und seelenvolle Augen.

Wenn man das Land durchwandert und um die Abendzeit von Dorf zu Dorf geht, dem Meere fern, wo man sein Rauschen nicht hört und nur noch die himmlisch reine Luft athmet, die es entsendet, so könnte man sich einbilden, man sei in einer einsamen, von vielen wilden Blüthen duftenden Haidegegend, und reizend ist es das Verhältniß zu betrachten, in welchem diese Leute zum Meere stehn, das ihre Existenz täglich bedroht und zum Lande, dessen friedliche Fläche sich vor ihren Hütten ausdehnt.

Sie sehen aufs Meer mit wehmüthigen und sehnsüchtigen Blicken; es hat Jedem, der auf der Insel wohnt, schon etwas Liebes, und nicht Wenigen Alles geraubt. Aber ihre Männer hören nicht auf, es zu befahren; berühmt ist der Muth und das Geschick der Sylter Schiffscapitaine auf allen Meeren des Globus, und wenig Knaben giebt es hier, die nicht zur See gingen, sobald sie die Schule verlassen. Viele kehren nie zurück, keiner aber eher, als bis er auf vielen Fahrten so viel erworben, um nun daheim, nachdem die eine Hälfte des Lebens fortgestürmt ist, die andere gemächlich »in Ruh verdehnen« zu können.

Die Sylter Frauen dagegen hängen am Haus und sie verlassen es niemals. Sie fürchten das Meer, das ihre Väter und Brüder, ihre Männer oder Bräutigame befahren; ihr Reiseziel ist das nächste Städtchen des Festlandes. Hamburg zu sehen, ist ein nicht Allen gewährter Lebenswunsch, und nur von Zweien oder Dreien wird erzählt, daß sie in England gewesen. Daher es denn geschieht, daß man auf dieser Insel so wenig junge Männer und so viel Wittwen, so viel alte Mädchen sieht, die nie heirathen. »Sie hätten wohl Alle heirathen können«, sagte meine Wirthin, die Jungfrau Brigitte, »aber der Bräutigam ist verunglückt, und Landsleute oder Jüten, wie die Anderen, haben sie nicht gewollt.« Die Sylter Frauen stehen an ihrem Heerde wie die Priesterinnen der germanischen Vorzeit: sie besorgen das Hauswesen. Im Feld und auf der Wiese sieht man fast nur Frauen, und sie sind es, die das Vieh auf die Weide ziehen und wieder zurückholen.

Die niedrige Feldarbeit wird von eingewanderten Dänen aus Jütland verrichtet. Diese – meist plumpe Burschen, an ihren nichtssagenden Gesichtern, stumpfen Blicken und unbeholfenem Betragen leicht von den freien, stolzen Friesen zu unterscheiden, unter welchen sie sich bewegen, – stehen zu diesen in einem untergeordneten Verhältniß, und werden vorzugsweise als »Knechte« behandelt und bezeichnet. Darum auch »Jüte« genannt zu werden, der größte Schimpfname auf Sylt ist: und diejenigen, welche es wirklich sind, leiden es doch nicht gern, daß man ihnen diesen Namen gebe, mit dem sich stets der Nebenbegriff des Schimpflichen verbindet. Allein das hat doch nicht verhindern können, daß dies jütische Element, verachtet wie es ist, von Jahr zu Jahr mehr vordringt, je mehr das Bedürfniß nach Arbeitskräften fühlbar wird. Und nicht alle Frauen denken so gut altsylterisch, als meine Jungfrau Brigitte. Denn namentlich zeigen sich in neuester Zeit die Seemannswittwen nicht abgeneigt, sich mit jütischen Männern zum zweitenmale zu verbinden, die dann aber den Namen der Ersteren annehmen, da hier zu Lande die verheiratheten Fremden nach ihren Frauen genannt werden. So habe ich auf Sylt manch einen Mann gesehen, der eine deutsche Frau und einen deutschen Namen dazu hat, und nicht deutsch sprechen kann!

Recht aufkommen können aber weder diese Fremden noch diejenigen, welche als »Landsleute« im Gegensatz zu den Andren, den Seefahrern, entweder nicht stark oder nicht muthig genug waren, dem allgemeinen Zuge aufs Wasser zu folgen. Eine lange Vergangenheit voll seefahrender Väter und Vorväter verleiht hier der Familie den patricischen Charakter, deren jede hier ihre Genealogie und ihren Stammbaum hat, wie bei uns auf dem Festland der Adel; und das Mädchen, das im aufgeschürzten Rock die Kühe über die Haide führt, kann die Geschichte seiner Ahnen erzählen und ist stolz darauf. Wunderbare Geschichten sind es zuweilen, denen ähnlich, die man von der Geburt der römischen Zwillinge, oder der Helden und Halbgötter der nordischen Mythe erzählt.

Mein Freund, der Schiffscapitain Dirksen Meinertz Hahn, der die Stammtafeln seiner Familie mit ganz besonderer Genauigkeit geführt hat, beginnt seine Erzählung mit einem schönen Mädchen aus Holland, das von dem Sohne eines reichen und hochmüthigen Kaufherrn in Amsterdam geliebt worden sei. Dieser, der für seinen Sohn eine andere Verbindung wünschte, wußte es zu veranstalten, daß Jens Grete – so hieß das Mädchen – nebst der Frucht ihrer Liebe auf eines seiner Handelsschiffe, das nach Riga gehen sollte, gebracht wurde. Das Schiff scheiterte in einer düstern Novembernacht auf den Hörnumer Bänken, unter ging die Mannschaft, unter ging Jens Grete, die Geliebte des Amsterdamer Kaufmannssohnes, aber eine Wiege schwamm an Land und in der Wiege lag ein Knäblein, und das Knäblein wuchs heran und ging auf See und erwarb sich Ruhm und Reichthümer auf seiner Fahrt und ward der Stammvater der Familie Hahn, in welcher die älteste Tochter immer noch Grete heißt. Und welch eine hübsche Grete, mit welch dunklen Augen und freundseligen Mienen ist es, die in unsern Tagen das Andenken an die unglückliche Stammmutter forterhält!

Und so wie in das häusliche Leben dieses Volkes, so voll von dem Stolz und der Einfachheit der Patriarchen, ein fremdes Element sich störend eindrängt: so stürmt vernichtender noch gegen ihr Land selbst das andere Element, das Meer, heran. Die Dörfer der Ostküste sind freilich geschützt: das stille, an seiner blauen Bucht fast träumerisch gelegene Keitum, – die Dörfer Tinnum, Archsum und das von fetten Marschländereien umgebene Morsum haben Nichts zu befürchten. Aber traurig ist es, die Bewohner der Westdörfer Westerland und Rantum sprechen zu hören. Sie haben zwischen sich und dem Meere die Dünen, aber die Dünen wandern landein. wenn der Südwest im Winter und nahenden Frühling rast, und die Häuser, in denen ihre Eltern gewohnt, und die Stellen, auf welchen sie als Kinder gespielt, werden verschüttet, und über manchen Platz, den die alten Leute noch herausfinden und mit den Fingern zeigen, ebbt und fluthet jetzt die große Nordsee. Boy Jensen, der Schmidt von Westerland, der nun achtzig Jahre alt ist, hat mir Stellen gezeigt, wo er als Knabe die Pferde seines Vaters geritten und die Kühe geweidet hat. Sie liegen jetzt tief, tief unter den Dünen, und die Herren haben ihr Bad daselbst, seit den drei Jahren, daß man angefangen hat in Westerland Seebäder zu nehmen. Es ist traurig genug, wenn man seine Heimath verlassen und in fremde Länder und zu fremden Leuten wandern muß; aber man verliert sie doch nicht, indem man sie verläßt, sie bleibt stehn, wo wir als Kinder sie gesehn, und unsre Träume und Wünsche dürfen sie oft noch besuchen. Diesen Männern aber geht die Heimath unter dem Fuße fort. Sie versuchen sie zu halten, sie umklammern sie mit der ganzen Verzweiflung der Liebe; aber sie geht fort.

Umsonst, daß die Bewohner der Westküste von Sylt dem Ansturz des Meerstroms, dem Wandern der Dünen Einhalt zu thun versuchen. Sie bepflanzen die Dünen, eine nach der andern, die lange Küste hinauf, mit Riedgras und Sandroggen, – dürre, steife Gewächse, deren hartnäckige Wurzelfasern den fliehenden Staub zusammenhalten sollen. Sie liegen, vor Allem wieder die Frauen und Mädchen, denen ja – bei der Abwesenheit der Männer – die Hütung des Landes vertraut scheint, in den kalten stürmischen Herbstmonaten auf diesen Dünen und pflanzen und bauen; und welch hartes Werk es ist, das sehen wir, wenn wir es versuchen', über die Dünenkette hinzusteigen und von dem weichenden Sand und dem Winde, der ihn um uns herumjagt, ermüdet sind, ehe wir die Hälfte zurückgelegt haben. Dekker, der Strandvogt, hat mir von einem Mädchen erzählt, das sich hier in den Dünen den Tod geholt; seine eigene Schwester ist an den Folgen der Erkältung und Ueberarbeitung gestorben. Dieses ist auch ein Tod fürs Vaterland. Seht! wie sie knieend auf den Dünen liegen, im November-Sturm, im eisigen Regen, die Mädchen von Westerland, wie sie das Meer beschwören und anflehn, wie sie ihm ihr jungfräuliches Leben zum Opfer bieten ...

Aber das Meer schlägt donnernd gegen die Küste und ihr Flehen verhallt im Südwest und die Dünen wandern. Und traurig durch die langen, weißen Sandthäler von Hörnum – dem unbewohnbaren Westende der Insel – schwebt das »Stademwüffke«, die weiße Frau von Sylt und weint und klagt über den Untergang, und daß sie Nichts gegen die Thorheit und Verderbtheit der Menschen und Nichts gegen die Bosheit der heidnischen Sturm- und Meeresgeister vermochte, die seit Jahrhunderten Hörnum verwüsten und ganz Sylt dereinst vernichten werden. Und über die Haiden der Nordspitze, von den gespenstischen Bramhügeln bis hinauf zu dem still gewordenen, verödeten Königshafen wandert bei stürmischer Nacht der »Jückersmarschmann« und die Fackel, die er in den Händen trägt, wird weithin gesehn und sein Seufzen weht mit dem Winde von Dorf zu Dorf.

Doch wie das Land, auf dem sie wohnen, auch wankt und weicht: fest steht ihr deutsches Recht, ihre deutsche Tugend. Germanischer kann in der Welt Nichts sein, als das häusliche und öffentliche Leben dieses Inselvolkes. Nüchtern und enthaltsam sind die Männer; das Einzige, was viel und gern getrunken wird, ist der Kaffee. Das Gefängniß steht seit Menschengedenken leer, und wenn ja einmal Jemand hineingebracht wird, so ist es ein Ausländer; zuletzt war es ein Blankeneser Fischer, der im Hafen von Keitum ankerte und seinen Schiffsjungen mißhandelt hatte. Nachtwächter giebt es nicht und die Hausthüren verschließt man nur gegen den Sturm, nicht gegen die Diebe, und hängt den Schlüssel auf die Außenklinke; Groot, der Polizeidiener ist ein alter lahmer Mann, der kaum noch gehn kann. Sittsam und streng sind die Frauen. Ihre Unschuld ist so groß, daß der Fremde sie küssen kann, ohne daß sie oder ihre Männer etwas Böses darin finden. Aber nie hat man von den Uebeln gehört, die bei uns im Sonnenschein über die Straße gehn. Kinder, die ihren Vater nicht kennen, giebt es nicht auf Sylt. Der junge Ehemann, indem er seine angetraute Frau zum erstenmal über die Schwelle seines Hauses führte, steckte in alten Zeiten zugleich ein Schwert über die Thür; zum Zeichen, daß sie mit einem Schritte unter sein Dach und unter seinen Blutbann getreten sei, und noch zeigt man den Weg, auf welchem ehebrecherische Frauen an's Meer geführt wurden, das ihre Schuld begraben sollte. Aber nicht dreimal, so weit Sage und Geschichte reichen, ist dieser Pfad zum Meere gewandelt worden.

Das Verhältniß der beiden Geschlechter ist das zarteste, welches sich denken läßt. Im Herbste, wenn die jungen Männer von weiten Reisen zurückkehren und während der Monate, wo die See unfahrbar wird, in der Heimath verweilen, ist die Zeit der Liebe und Liebeserklärungen. Aehnlich dem »Fensterl'n« in den Alpenländern hat sich hier, am Meeresstrand, das sg. »Thüren« erhalten. Das junge, heirathsfähige Mädchen hält Hof an der Hausthür, die »Halfjunkengänger«, so genannt, weil sie im Halbdunkel zu erscheinen pflegen, versammeln sich in der Stube bei den Eltern desselben, und warten, bis ihnen Audienz gegeben wird. Das Mädchen erwählt sich Einen von den erschienen Freiersleuten und die Andern kommen nicht wieder. Dann verloben sie sich und bleiben sich jahrelang treu, und selten nimmt das Mädchen einen Andern, wenn ihr Liebster von der See nicht wiederkehrt. Kommt es jedoch mit Gottes Hülfe zur Heirath, so findet diese regelmäßig am Donnerstage vor dem ersten Advent Statt. Wenn dann die Ströme wieder aufgehen, dann pflegt auch der junge Ehemann wieder zu gehn, und oft, um nicht mehr heimzukehren. Manch eine Wittwe hab' ich auf Sylt gesehn, die nur wenige Monate Frau gewesen. »Die Hochzeiten waren in vorigen Zeiten weit munterer und geräuschvoller als in den späteren Jahren«, heißt es in einem kleinen Büchlein vom Jahre 1828, das ich auf dem Tassenbrett in Jungfer Brigittens Küche gefunden habe. »Man lud sehr viele Gäste dazu ein, und man war bei mäßiger Bewirthung recht fröhlich. Wenn der Bräutigam die Braut aus ihrer Eltern Hause abholte, so begleiteten ihn bisweilen fünfzig, sechszig bis siebzig und mehrere Leute zu Pferde und man zechte lustig darauf los, Branntewein und gutes Bier ... Sonst hat man hier keine öffentlichen Lustbarkeiten, als blos am Petri-Tage, nämlich den 22. Februar, da sehr viele junge Leute sich, insonderheit in Keitum, versammeln und tanzen. An diesem Tage werden auch, einer alten Gewohnheit zufolge, sehr viele Kuchen gegessen und ausgetheilt, so daß dieser Tag für die Bäcker und für die Kinder der angenehmste Tag ist.«

Selbst bei einem Völkchen von so insularer Abgeschiedenheit und conservativer Gesinnung verschwindet Manches, was Herkommen und Sitte geheiligt haben. So ist die malerische alt-sylter Tracht fast ganz verschwunden. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts trugen die Frauen einen kurzen karmoisinrothen Rock, der nicht viel weiter, als über die Knie reichte, weiße Strümpfe, einen feingestrickten Brustlatz und einen Kopf-Aufsatz, dem nicht unähnlich, den wir bei den Damen aus der Zeit und am Hofe der Königin Elisabeth in England sehen. Von den langen Röcken mit großen silbernen Knöpfen und den buntgestickten Westen der Männer wird noch in mehreren Häusern auf Sylt Manches zum Andenken aufbewahrt. Die heutige Tracht der Sylterinnen unterscheidet sich wenig von der, die wir überall sehn. Nur ein weißes Tuch, das sie bei der Alltagsarbeit fest um den Kopf zu schlingen und über den Mund zu ziehen pflegen, wenn sie in den Sturm hinausgehen, giebt ihrem Ansehn etwas Geheimnißvolles, und jenen prophetischen Zug, von dem Tacitus gesprochen.

Das Eigenthümlichste und Ehrwürdigste, weil es sich von Alters her fast unverändert erhalten hat, ist das Gerichtswesen und die bürgerliche Verfassung von Sylt. Der einzige Königliche Beamte auf Sylt ist der Landvoigt, aber seine Macht ist eine nach altem Recht höchst beschränkte. Er kann in eigner Person nur über Sachen entscheiden, die den Werth von 10 Thlr. nicht überschreiten; in allen übrigen Fällen bleibt die Entscheidung den zwölf Rathsmännern von Sylt überlassen. Die zwölf Rathsmänner sind der Rest der Volksgemeinde, die einst auf den Thinghügeln tagten. Die Thinghügel stehen noch, der Landvoigtei grade gegenüber, und die wellenförmigen Conturen ihrer Kuppen werden weithin über die flache Inseln gesehen. Wir wissen aus dem altdeutschen Gerichtsverfahren von zwei ungebotenen, d. h. regelmäßig und ohne besonderes Aufgebot stattfindenden Things, von denen das eine im Frühling und das andere im Herbst abgehalten wurde. Von diesen beiden ist auf Sylt nur das Herbstthing geblieben, und es wird im Anfange des Oktober-Monats nach vierzehn Tage vorher ergangener Bekanntmachung gehalten; nicht mehr auf den Thinghügeln wie in alter Zeit, sondern gegenüber in der Landvogtei, deren nach Vorn geöffnetes Häuserviereck mir immer einen düstern Eindruck gemacht hat, so oft ich vorbeiging. In diesem großen öffentlichen Herbstgericht hat der Landvoigt jedoch keine Stimme; er fungirt nur als Protokollführer. An die Stelle der gebotenen, d. h. bei besonders dringlichen Angelegenheiten außerordentlich angesagten Things ist heutzutage ein Gericht getreten, das aus dem Landvoigt und zweien Rathmännern besteht. Gerichtet wird nach Nordstrander Landrecht, »damit der Durchlauchtige und Hochgeborene Fürst und Herr Johannes der Aeltere von Gottes Gnaden, Erbe zu Norwegen, Herzog zu Schleswig-Holstein etc., seine Unterthanen, die fünf Hardesräthe, Bunde und Einwohner desselben seines Landes begnadet und begabet hat. Anno 1572.« Ich habe mir's vom Rathmanne Dekker auf Westerland geben lassen, als er mir eines Abends vor einem Fuder Heu, das sein Knecht einfuhr, begegnete und wir lange über Sylter Recht und Gericht im Nachhausegehen gesprochen hatten. Das altdeutsche System der Brüche und Mannsbuße findet sich noch darin, und manche sonderbare Bestimmung gegen Viehzauber und Hexerei, woran die Sylter bis auf den heutigen Tag glauben.

Die Communal- und Landschaftsangelegenheiten werden durch neun Landesbevollmächtigte verhandelt und verwaltet. Sie versammeln sich jährlich etwa zweimal in Keitum, in dem Hause zwischen der Post und Groot's Wirthshaus, in welchem eine alte Jungfer und ein alter Junggeselle wohnen, und in dem langen Zimmer, worin zur Winterzeit die Keitumer ihren Sonntagstanz halten. Das Institut der Landesbevollmächtigten ist jedoch bei allem Nutzen, den die innere Oekonomie der Insel davon hat, nicht sehr populär auf Sylt; und zwar nur deshalb nicht, weil es von der dänischen Regierung angeordnet und eingeführt worden ist. So groß ist die Abneigung gegen Dänemark; so groß, so rührend die Anhänglichkeit an das ferne Deutschland, von dessen Segnungen die Insel doch niemals Etwas empfunden.

Als im Jahre 1848 der Ruf des deutschen Volkes nach einem deutschen Parlamente auch hierher gedrungen und nun endlich eine allgemeine und große Wahl ausgeschrieben worden war: da versammelten sich die Männer von Sylt – sonst so indolent, wo sich's um politische Dinge handelte – und nicht viel weniger als vierhundert Stimmen bezeugten es, daß selbst am letzten Küstenrande, wo deutsches Volk wohnt, der Gedanke eines einigen Deutschlands begeisternden Anklang gefunden. Und ein oder zwei Jahr später, als der Krieg um Schleswig-Holstein entbrannt war, da hat auch die Insel Sylt ihr Contingent gestellt und ihre Opfer gebracht. Manch ein Vater erzählt von einem Sohne der drüben auf dem Felde von Idstedt begraben liegt, oder nach dem Kriege die Heimath für immer verlassen und nach Amerika auswandern mußte. Was sollen wir Deutschen erwidern, wenn wir uns solche Geschichten erzählen lassen, auf einer Insel und von einem Volke, das für uns geweint und geblutet hat und das wir kaum dem Namen nach kennen?

Auch hat man mir einen Mann gezeigt, der besonders heftig und im patriotischen Sinne zur Zeit des Krieges auf Sylt agitirt hat; dieser Mann mußte sich ein halbes Jahr lang vor der Rache des Dänen in der wilden Sandwüste von Hörnum verborgen halten, dann wurde er mit den Andern amnestirt. Aber stumm, ernst und schmerzlich in sich gekehrt, geht er noch heute herum.

Die Sprache des Gerichts, der Schule und der Kirche ist deutsch verblieben, das haben diese wackeren Männer durchgesetzt und die Schullehrer und Pastöre von Sylt sind die bravsten Deutschen, die ich je gesehen. Die Pfarreien von Morsum und Keitum sind ansehnlich dotirt; der Pfarrer von Westerland und Rantum jedoch soll sich, wenn man Alles rechnet, was ihm an Gehalt, Ländereiertrag und Sporteln zufällt, nicht auf dreihundert Thaler stehen. Die Männer, welche das Wort Gottes auf den Inseln predigen, müssen sich an Einsamkeit und Entbehrung gewöhnen. Die Prediger auf den kleinen Inseln und Halligen sind zugleich Küster und Todtengräber und erst wenn sie in dieser Weise dem Herrn und ihrer Gemeinde sechs Jahre gedient haben, erhalten sie das Recht, auf einer der größeren Inseln angestellt zu werden.

Lieder habe ich auf Sylt nicht gehört, »Frisia non cantat« ist ein altes Wort; »die Friesen singen nicht.« Der Kampf mit dem Meere hat sie ernst gemacht, und ihr Leben ist ein Leben voller Gefahren und Sorgen und Arbeit. Auch von Volkspoesie habe ich nur wenig vereinzelte Spuren entdecken können. Firmenich's »Völkerstimmen« bringen gleich auf den ersten Blättern ein Paar Gedichte in der Sylter-Friesischen Mundart. Doch sind diese Gedichte noch nicht sehr alt; ihr Verfasser ist der Vater des Schulmeisters C. P. Hansen in Keitum, von welchem wir jüngst ein hübsches Buch über »die Insel Sylt wie sie war und wie sie ist« (Leipzig, Weber) gelesen haben. Die wenigen Dichtungen, die sich aus älterer Zeit erhalten haben, sind von geistlicher Natur, oder sie beziehen sich auf den – Hexenglauben, der, wie in dem Sylter Recht, so hier in der Sylter Poesie seine Spuren zurückgelassen hat. Ich habe oft mit dem Schulmeister Hansen, der die Vergangenheit und die Gegenwart seiner Insel kennt, wie kein Zweiter, über diesen Gegenstand gesprochen; aber Alles, was ich von ihm erfahren habe, sind ein paar Hexensprüche und ein Hexenlied, die ich in hochdeutscher Uebersetzung sogleich mittheilen werde. Es ist zwar die Absicht dieses wackeren Forschers, etwa versprengte Reste der alt-sylter Volksdichtung zu sammeln, wie er früher die »Sagen und Erzählungen« seiner Heimathinsel, und verstreut darin einige jener Reste, gesammelt hat (Altona, Wendeborn); über den Erfolg jedoch muß erst die Zukunft uns belehren. So eben, beim Schlusse dieses Bogens, geht uns ein neues Werk von Hansen zu: » Der Sylter-Friese. Geschichtliche Notizen, chronologisch geordnet und benutzt zu Schilderungen der Sitten, Rechte, Kämpfe und Leiden, Niederlagen und Erhebungen des Sylter Volks in dem 17. und 18. Jahrhundert.« (Kiel, Homann.)

Die Hexensprüche – welche in auffallender Weise an den Goethe'schen Spruch erinnern: »Eines schickt sich nicht für Alle«, nur in die Hexensprache übertragen; – lauten:

Leg Knoten hin für Jedermann,
Stoß hie und da und nirgend an,
Sei hier und da und überall,
Bring Jeden, nur nicht Dich, zu Fall!

Etwas voller in Form und Inhalt klingt folgendes Liedchen, das man schon als eine Sylter Volks-Ballade bezeichnen dürfte, mit dem schauerlichen Ton und Hintergrund der nordischen Mythe:

Glühauge saß auf dem Steinchenbrink,
Und stiert' in den Tag, der zu dämmern anfing;
Sie hat sich verspätet beim Tanze der Nacht,
Drum ist sie verfallen der strafenden Macht.
Sie stiert in das dämmernde Morgenroth,
Sie stiert in's Verderben, sie stiert in den Tod.
Da sieht sie zwei Schwestern – sie fliegen vorbei,
Sie haben verpaßt auch den Hahnenschrei.
Sie sieht sie, sie kennt sie, sie ruft ihnen zu:
Lauf, lauf, lahme Ente! Lauf, manntolle Kuh!
Und die Ente, die läuft, und die Kuh, die jagt,
Und – »Hu! was war das?« Glühauge fragt-
Das Morgenroth riß und es brannte die Sonn' –
Glühauge flog zu dem Henker davon!

Noch vielerlei wäre über diesen Punkt und manchen andern zu forschen und zu untersuchen; aber der Boden ist für die Wissenschaft und ihre fleißige Schwester, die Reisebeschreibung, zu neu, um Alles mit einem Zuge erschöpfen zu können. Wir müssen uns zuletzt bescheiden, und vor manchem Räthsel stehen bleiben. Die Insel liegt ernst und nachdenklich vor uns, und das Volk, das sie bewohnt, spricht nicht viel, und oft genug habe ich an den Spruch denken müssen, den ich an einem dieser Tage über einer Seitenthür der Kirche von Keitum gelesen habe:

Viel wissen und wenig sagen, Nicht antworten auf alle Fragen!

 

III.

Am 16. August.

Das Nordseebad Westerland besteht jetzt drei Jahre. Es will mir nicht einleuchten, warum man erst vor drei Jahren auf den Gedanken kam, hier zu baden. Der Strand an der ganzen Küste hinauf ist vortrefflich; er senkt sich flach und bequem und der Grund ist weicher Sand- und Muschelboden. Das Wasser kann nicht besser und kräftiger sein; hier rollt die breite Woge des Nordmeeres heran, von keiner Insel mehr gehemmt, von keinem letzten Ausläufer des Landes eingezwängt, nur die Sandbänke, die vor unserem Strande liegen, zerreißen ihre ruhige Fläche, und schaumspritzend, in immerwährender Brandung stürzt sie sich auf den Sand, wo wir sie erwarten. Dieses heilkräftige Wellenspiel ist vom Winde nicht abhängig; die See kann blau sein und sonnig vom goldenen Morgen schimmern, ohne daß der Wogenbruch fehlt, der dann wie ein silberner, vielfach gewundener Streif den Biegungen der Küste folgt. Wenn nun aber dunkles Gewölk die Fernsicht beschränkt, wenn der Regen über dem dumpfen Meere steht und der westliche Wind in die trübe Masse von Nebel und Wasser braust; dann scheint die Brandung zu rauchen, wirbelnd überstürzt eine Welle die andere, der aufgewühlte Boden mischt seine röthlichen Bestandtheile mit dem dunkelgrünen Schaume und ein donnerartiges Getöse den Strand entlang verkündet die schwere See. Dann halten wir uns an Seilen, die weiter oben an den Dünen ankerfest gemacht sind, und indem wir, ans Festland gekettet, in den rasch verdunstenden Schaum tauchen, überschauen wir nicht die nächste Welle und bedenken kaum, welcher Schrecken, welch' unsägliche Gefahr hinter den Bänken lauert, von denen sie herantobt.

Wehe dem Fahrzeuge, das in diese Brandung geräth! Wir aber holen uns, dicht aus der Nähe des gräßlichen Todes, neue Kraft, dem Leben zu trotzen; und nicht zwanzig Schritte vom schauerlichsten Grabe, neue Lust, es zu genießen. Und wie herrlich ist die Luft, die uns umwettert, wie rein ist sie, wie kühl – wie weitet sich die ganze Brust, indem sie die köstliche Frische in sich athmet. Man geht ihr entgegen, man glaubt sie umfassen, umarmen zu können. Man sitzt einsam mit ihr auf den Hügeln, sie zieht dahin, ewig neugeboren, und sie flüstert uns schöne Erzählungen in die lauschende Seele, tausend süße Stimmen nimmt sie an, die alle von Liebe und Leben, und Hoffnung und Glück sprechen.

So ist das Seebad von Westerland. Wessen Seele nicht gewohnt ist, die luftigen Pfade zu wandeln, die der Scheidestrahl des sinkenden Tages ins Wasser und weit hinaus zeichnet, der wird sich unglücklich fühlen an diesen Küsten. Wer es nicht vergessen kann, daß jenseits der Gewässer eine Welt liegt, voll zweifelhafter Freuden, voll halber Genüsse, voll unbefriedigter Wünsche, was könnte der hier suchen, auf der entlegensten Insel, die nichts hat als ihr Meer, ihre Haide, ihre strohgedeckten Hütten und ihre schuldlosen Bewohner? Haben wir doch kaum eine Zeitung, die uns Kunde gäbe von dem wirren Laufe der Dinge da draußen, und selten nur kommt der alte Postbote von Keitum mit einem Briefe, der uns erinnert, daß es noch hier und da im Weltall ein Herz giebt, das wir lieben oder verehren dürfen. Die Verbindung mit dem Festland ist mangelhaft und höchst unregelmäßig; von den beiden Dampfschiffen, die den Dienst besorgen sollen, bleibt bald das eine und bald das andere aus. Will man mit einem Segelboote fahren, so muß günstiger Wind abgewartet werden, und nicht selten, mitten in der Reise, schlägt er um, und das Boot muß liegen bleiben oder zurückkehren. Was uns ein neuer Reiz zu sein scheint, ist es nicht für Alle.

Dazu ist das Badeleben höchst monoton. Keine Musik, kein Tanz, keine Gesellschaften; soll etwas dergleichen veranstaltet werden, so müssen die Mittel dazu erst mühsam und mit großem Aufwand vom Lande herbeigeschafft werden. Man wohnt in den beschränkten Räumen, welche die Insulaner mit den Badegästen theilen. Ein kleines Stübchen mit weißer Kalkwand, nicht größer, als daß ein Bett, ein Tisch, ein paar Stühle, vielleicht noch ein Sopha mit Haartuch überzogen, darin Platz finden können, ist unser Quartier. Nicht jeder findet Ersatz darin, daß er mit den Besten der Menschen, mit den Ehrlichsten und Gütigsten Wand an Wand unter einem Strohdach wohnt; daß mit dem Wenigen, was ihm gewährt wird, stets das Gefühl verbunden ist, als sei er ein Gast und kein bezahlender Fremder, dem man es gewährt, und daß die größte Reinlichkeit im Aeußern, die Lauterkeit des Innern überall begleitet.

Von Essen und Trinken ist auch nicht viel zu sagen. Wir müssen an der Genügsamkeit, die uns umgiebt, Theil nehmen. Wir leben zwar am Meere, aber diesseits der Brandung halten sich keine Fische, und jenseits derselben fangen sie die Blankeneser uns weg. Wir schmachten nach Fischen, aber wir müssen uns an Entsagung gewöhnen. Dicht vor der Nordspitze unserer Insel liegen die berühmten Austernbänke, aber der Fang wird erst beginnen, wenn wir sie längst verlassen haben. Nirgends werden mehr Krick-Enten gejagt, als in der Vogelkoje zwischen Wenningstädt und List auf Sylt, aber sie streichen erst, wenn die Westwinde des September wehen. Und werden wir diese Winde nicht durch die dürren Linden von Berlin rauschen hören? Wir stehen, wie Tantalus, bis an's Kinn im Wasser, und können nicht trinken; wir sehen, wie Tantalus, Zweige mit goldenen Früchten über uns hangen, und können sie nicht erhaschen. O, zahlreich und bemerkenswerth sind die Lehren, die uns die Tage von Sylt hinterlassen!

Am Mißlichsten von Allem sind die Mängel, die uns beim Aufenthalt am Strande begegnen. Erstlich ist das Baden bei Ebbezeit einigermaßen beschwerlich; die Badehäuschen, in denen man sich entkleidet, stehen alsdann so weit vom Wasser, daß man oft zwei Minuten über den Sand und durch die kalte Luft, zuweilen im Regen, laufen muß, ehe man die äußerste Welle fängt. Die Westerländer sagen, es sei wegen der meistentheils sehr schweren Fluth unthunlich, die Bretterbuden näher zu bringen, und wegen des weichenden Sandes unmöglich, sie auf Räder zu stellen. Dieser weiche Sand ist eine zweite Mißlichkeit. Man sinkt oft bis an die Knöchel in den feuchten Kies, wenn man am Strande lustwandelt, und eine Promenade, die nicht länger als ein Stündchen zu währen braucht, macht todtmüde. Für Erfrischung nach solchen Touren ist allerdings zur Noth gesorgt; ein paar Leinenzelte sind in den Schutz eines Dünenhügels aufgestellt. Aber gering ist der Comfort, der uns auf den Holzbänken derselben erwartet, und geringer noch die Auswahl dessen, was der Wirth gegen Hunger und Durst in Bereitschaft hat. Auch nicht für Alle wird der Ausblick befriedigend sein, den man von dieser Ruhestatt gegen das breite Meer hat. Kein Schiff mit dem Fernglas zu finden – kein Segel, noch so fern, zu entdecken. Leblos für Jeden, der in der unendlichen Eintönigkeit der wogenden Fläche, in dem ruhigen Wandel von Schatten und Licht nicht die ewige Nahrung alles Lebendigen zu erblicken vermag, liegt die See vor Sylt; und nur selten erblickt man ein Fischerboot von anderen Küsten, das bei östlichem Winde vorbeitreibt.

Es ist nicht Jedermanns Sache, die Natur zu belauschen, die oft am Gewaltigsten redet, wo sie am Tiefsten zu schweigen scheint; was mir den Eindruck dieser Insel vollendet, daß nämlich auch ihre See so einsam, so traurig ist, das wird Andere noch mehr verstimmen. Was kümmert es sie, daß diese See den Gesang des Untergangs singt? Daß die Welle, indem sie heranbraust, einen Fuß breit Erde nach dem andern fortreißt, die Dünenwälle zurückschiebt, und zuletzt die ganze Insel und ihre Bewohner hinunterspülen wird, wie es deren Voreltern und die Stadt, die Dörfer und die Wälder hinuntergespült hat, in denen sie einst wohnten? Werden sie sich geneigt fühlen, die kleinen Züge sorgsam zu belauschen, in denen sich das Wesen eines Volkes offenbart – werden sie sein häusliches Leben beobachten mit seinen unbedeutenden Sorgen, die nicht über den Viehstall und die Weide hinausgehen – oder die abenteuerlichen Wege der seefahrenden Jugend verfolgen, die sich nicht selten in Sturm, Schiffbruch und Tod an fernen, unwirthbaren Küsten traurig verlieren? Werden sie so viel Geduld haben, um die Sagen und alten Geschichten anzuhören? Die Thinghöhen besteigen – auf den Bramhügeln im brütenden Mittags-Sonnenschein träumen? Werden sie in stillem Versunkensein die unscheinbaren Erlebnisse des Tages zusammentragen und aneinanderreihen, aus denen sich zuletzt das Bild dieser Insel und dieses Volkes herstellt – klein, anspruchslos aber ehrwürdig und voll jener süßen Farben, die das Auge besänftigen, voll jener Töne des Friedens, die man im Leben oft bange sucht, ohne zu wissen, wo man sie finden soll? Werden Viele zu solch' verlorenem Thun gestimmt sein? Ich fürchte, nicht Viele.

Zu den geschilderten Uebelständen des Strandes gesellt sich noch dieser, daß die Häuser des Dorfes weit ab von ihm liegen; zehn Minuten die nächsten, bis auf zwanzig Minuten und darüber die entfernteren. Weite Strecken durch struppig Dünengras und aufgehäuften Sand und beschwerlich zu wandeln für Reifröcke und pariser Stiefelchen! Es ist schlechte Gelegenheit auf Sylt für Toilette; fast jede Bequemlichkeit, an die uns Andern das Leben gewöhnt hat, hört hier auf. Johanne, die Nähterin, ist die Einzige, die mit der Nadel umzugehen weiß; die Wäscherin hält kein Wort, der Schuster fühlt sich gekränkt, wenn man ihn rufen läßt. Wer seiner bedarf, soll zu ihm kommen. Endlich hat sich ein Barbier gefunden. Er ist ein Cigarrenmacher und wohnt in Keitum, eine halbe Stunde von hier. Außerdem ist er Kellner in der Dünenhalle. Wenn sein großes, grelles Augenpaar über mir ruht, glaube ich in ein Paar Feuerräder oder ein Paar Katzenaugen, die im Dunkeln leuchten, zu sehen; und sein gelber struppiger Bart erinnert mich an die Moosbüschel einer alten Austernschale. Er heißt Breller, aber so nennt ihn Niemand; Einige nennen ihn Leporello, Andere Rinaldo, und er hört auf beide Namen.

Ein Modebad ist Westerland nicht und wird es, nach den angedeuteten Uebelständen, die zu sehr in der Natur und Beschaffenheit der Insel und des Strandes liegen, auch schwerlich werden. Das dänische Gouvernement scheint nicht geneigt, das junge Bad zu protegiren, obwohl es auch seinem Emporkommen eben Nichts in den Weg legt; und nicht einmal sind alle Sylter sehr für dasselbe eingenommen. Viele von den Einsichtigen fürchten den demoralisirenden Einfluß, den die Leichtigkeit des neuen Gelderwerbs und die Nähe der verderbteren Stadtbewohner ausüben könne; von einem Capitain, der, reich und bejahrt nach vielfältigen Seereisen zurückgekehrt, sich das schönste von den jungen Mädchen der Heimathinsel zur Frau nahm, mit der jetzt in behaglicher Zurückgezogenheit in einem großen Steinhause an der Küste wohnt, sagt man, er habe sich der Einrichtung des Seebades ganz besonders widersetzt, weil er von den jungen Müssiggängern, die sich dort versammeln würden, Gefahr und Nachstellungen für seine Frau befürchtet habe. Das Gottesfürchtigste aber, was wir in dieser Hinsicht gehört haben, ist ein Wunsch, welchen C. J. Clement, der von seiner kleinen Heimathinsel aus so große und durch ihre Forschungen bedeutende Reisen nach Schottland und Irland gemacht, irgendwo in seinen Schriften allen Ernstes ausspricht: »Der Allmächtige braucht nur einen einzigen Haifisch in die Binnengewässer der Friesen zu lassen (denn außen vor giebt es genug von diesen Fischen!) so wird bald kein Bad mehr bei den Inselfriesen sein« ...

Der Besuch von Westerland wird von Jahr zu Jahr wachsen; aber ein Bad für die große und fashionable Welt wird es nicht werden. Es werden Leute hierherkommen, die wie wir, Sehnsucht haben nach der Stille, in der die erschütterten Saiten ihres Innern endlich einmal austönen können; Leute, die dem bunten, flüchtigen Tand entfliehen wollen, anstatt ihn aufzusuchen, die wieder einmal auf kurze Zeit – da ihnen längere nicht gegönnt ist – in die kunstlos einfachen, die natürlichen Bedingungen des Lebens zurückkehren möchten, aus denen sie hervorgegangen sind, die Einen mit, die Andern ohne Schuld.

Mein einziger Umgang unter den hiesigen Badegästen ist ein Müller aus Mecklenburg und ein Wattenfabrikant aus Westfalen. Die guten Leute wissen nicht wie sie hierhergekommen sind; ich weiß es auch nicht. Aber es thut mir wohl, von Mehl und Watten und Packeseln und Kleinstädtern sprechen zu hören; ich fühle mich in die Sphäre und die Räume meiner Kindheit zurückversetzt, und das vollendet das Glück und den Frieden, dessen ich hier vollauf genieße.

Unser Lebenslauf ist höchst einfach und ein Tagewerk gleicht dem andern. Wir stehen in früher Morgenstunde auf, und noch halbwarm vom Schlummer und Traum der Nacht, stürzen wir uns in den Schaum des Meeres und fühlen uns mit Eins gekühlt und gestärkt. Dann gehen wir den Strand entlang und sehen, was die letzte Fluth gebracht hat. Etwas Tuul, – jene schwarzen Torfreste der Wälder von Altsylt – pflegt jedesmal da zu sein. Auch an Quallen fehlt es nicht: blaue Mollusken mit schönen, bunten Rändern. Manche Fluth wirft Tausende zugleich aus; es ist schwer, diesen weichen Klumpen beim Gehen auszuweichen, oft sogar beim Baden schlägt eine Welle sie heran und man fühlt noch lange ein Brennen an dem Fleck, wo das giftige Halbthier gesessen. Bunte Muscheln, zarte Kiesel liegen vor uns ausgestreut. Einjährige Möven, an den grauen Flügeldecken zu erkennen, spazieren durch das stehengebliebene Wasser in den Strandrinnen; weiße Möven schweben in breitem Fluge aus den Dünennestern dem Meere zu und noch lange bleibt ihre Schaar wie eine Silberflocke über der blauen Tiefe sichtbar. Auch der Strandläufer stelzt zuweilen eilfertig an uns vorbei; aber der Sand, der unter unsern Tritten knirscht, scheucht ihn auf und seewärts fliegt er. Je nach dem Winde und der Richtung des Fluthstroms finden sich Pflanzen aus den verschiedenen Regionen und Distrikten des Meergrundes. Schwarze, traurige Gewächse, oder braune und zäh wie Leder, mit langen Fäden, harten Glocken und verworrenen Büscheln, an denen Sand klebt. Aufgeplatzte Rocheneier – lederartig und mit Spitzen versehen – hängen dazwischen. Die röthlichen Schalen der Hummer und des Seekrebses brechen unter unseren Sohlen. In einer vom Seewasser gewühlten Grube liegt ein todter Kabeljau, und die Möven und Wasserspinnen halten ihr Fest an ihm. Ein schwarzes Brett treibt auf dem Wasser; die eine Welle schleppt es heran, die andere schwemmt es zurück. Zuletzt liegt es schaumtriefend im Sande fest. Es ist eine Schiffsplanke. Wer sagt mir, woher sie kommt? Wie lange sie schon in dem Meere getrieben? Wer sagt mir, ob nicht ein Mensch an ihr bis zum Letzten gehängt, und sie fahren ließ und niederging? Das Brett schweigt. Es liegt im Sande fest. Einen Holznagel treibe ich aus der Fuge und trage ihn zum Andenken mit mir. Kein menschliches Wesen außer mir ist am Strande; ganz ferne in der blendenden Helligkeit des weißen Sandes und der Morgensonne wird ein schwarzer Punkt sichtbar, der sich zu bewegen scheint. Es ist der Strandvogt, der die Runde macht.

Nun ist es Frühstückszeit und über die Dünen gehe ich zurück. Mein Haus ist das erste unter den Dünen. Brigitte hat den Tisch mit einem sauberen Leinen bedeckt, der Kaffee ist fertig, Brod, Butter und Eier sind da, und die beste Milch. Eine Kerze steht zum Anzünden bereit; daneben liegt die frische Thonpfeife mit der Siegellackspitze und in einem bunten Schälchen holländischer Rauchtabak. Welch eine Lust, wenn die bläulichen Duftwolken emporkräuseln! Wenn das Meer von Ferne rauscht; durch das eine, halboffene Fensterchen die Morgensonne, die Morgenluft strömt; wenn der Blick auf die ruhige Haide geht, mit einigen Schafen, hier und da, mit werdenden Kühen und einem oder zwei sylter Mädchen, die fern auf den Fußsteigen durch die Wiesen gehen. Alles ist lautlos, Alles ist still; auf dem weichen Rasenboden ist kein Tritt zu hören. Nur Meeresrauschen, Windesrauschen, das Blöken des Schafes, der Ruf der Kuh, das Gackern der Hühner – Nichts vernehmbar, als die Haushaltsstimmen der Natur. So ist auch der Wandel meiner Jungfer Brigitte. Ich höre sie nicht, ich sehe sie selten; entweder ist sie bei den Kühen oder bei den Schafen, oder sie sitzt in ihrem Kämmerchen – dabei aber habe ich das Walten gütiger und unermüdlicher Sorgfalt nie näher und wohlthuender empfunden. – Wenn der Rest des holländischen Tabaks verdampft worden, begeben wir uns wiederum an den Strand; im leichten Leinenrock mit flatterndem Halstuch, mit bequemen Schuhen. Wir könnten hier im Schlafrock und in Pantoffeln gehen und thun es ab und an. Wir setzen uns auf die Bank am Strande zu Paulsen, dem Badewärter.

Paulsen ist sechsundzwanzig Jahre in der Fremde gewesen; er hat amerikanische Schiffe zehn Jahre als Kapitän geführt. Bevor er im sechsten Jahre seiner Reise Sylt verließ, verheirathete er sich. Er sah seine Frau darauf zwanzig Jahre nicht wieder. Er kam nach Newyork, wurde krank, in's Lazareth gebracht und war dem Tode nahe. In solchen Lagen glaubt der Seemann an ein Mittel, das entweder rasch zum Ende oder zur Genesung führt: er muß auf's Schiff und auf See. Paulsen entfloh mit Hilfe eines Kameraden und kam auf einen Westindienfahrer. Der Kapitän entdeckte den Kranken, als es zu spät war ihn auszusetzen. Paulsen verstand keinen Menschen an Bord. Paulsen ward von Keinem verstanden. Sie sprachen Portugiesisch. Aber er genas und kam glücklich in der Havanna an. Vier Jahre später sprach er Portugiesisch und Englisch und hatte ein eigenes Schiff, das er zehn Jahre lang führte. Die letzten sechs Jahre seines abenteuerlichen Lebens war er Goldgräber in Kalifornien. Hier sammelte er ungeheure Reichthümer, baute Häuser, ließ Dampfmaschinen errichten und trieb die Goldgräberei ins Große. Hier traf er auch den täppischen Mommsen, einen armen Schlucker von Landsmann, dem es in der Fremde gar nicht recht gelingen wollte und der es zuletzt nach mancherlei Fahrten im Goldlande zum – Nachtwächter von Sacramento-Stadt gebracht hatte. Diesen nahm Paulsen in seine Dienste und als Beide endlich, jeder nach seiner Meinung, Geld genug hatten, da machten sie sich auf ein Schiff, das nach Liverpool abging, litten an der irischen Küste Schiffbruch, verloren all' ihr Geld und retteten kaum das nackte Leben. Und als sie bettelarm auf Sylt ankamen, da fand Paulsen seine Frau wieder und einen Jungen obendrein von 19, 20 Jahren, der sein Sohn war und den er noch nie gesehen. Und als vor drei Jahren das Seebad zu Westerland eingerichtet wurde, da machte man Paulsen, den Schiffskapitän von New-York und Goldgräber, zum Badewärter, und Mommsen, den Nachtwächter von Sacramento, zu seinem Gehilfen. Und so sitzen wir hier auf der Bank am Strande zwischen Beiden. Paulsen mit seiner blaugestreiften Jacke, seiner weiten Hose, seinem breiten Strohhut sieht aus wie ein Jankee und singt, wenn er sich unbelauscht meint: » Yankee Doodle went to town to by a pair of trowsers« ... und mit einem schwermüthigen Blicke über das weite Wasser gen Westen sagt er, daß er gerne wieder nach Amerika ginge, wenn sein Weib nur wollte. Aber sein Weib sei wie alle Sylterinnen und könne sich von dieser armseligen Insel nicht trennen. Mommsen, der Gehilfe jedoch mag nichts mehr von Amerika hören; mit seinem Friesrock und der Mütze, tief über den Hinterkopf gezogen, sitzt er da und wundert sich über Alles, was er sieht; über den Rock den ein fremder Herr trägt, über einen Regenschirm, über die Badekarren, am meisten über seine eignen Stiefel, die er oft stundenlang ansieht.

Gegen Mittag verlassen die Beiden den Strand, und es ist Zeit, daß auch wir uns auf den Weg zur Dünenhalle und zu Meister Steffens begeben. Meister Steffens ist kein geborner Sylter, aber sein Beruf hat ihn naturalisirt. Er ist der Wirth von Westerland und die »Dünenhalle« ist sein Herrschaftsgebiet. Meister Steffens ist ein kurzer, dicker Mann, der sich jetzt, in seinem sechszigsten Jahre, zum erstenmale den Schnurrbart stehen läßt. Er ist vermählt, hat aber keine Kinder; er arbeitet, wie er sagt, für die Menschheit. Sein Stolz ist ein dreieckiges Holzgerüst von eigener Erfindung, in welchem er Fleischkeulen aufhängt. Er kann stundenlang darunter stehen und die Schwenkungen beobachten, die sie machen, wenn der Wind sie hin- und hertreibt. Die vertrautesten seiner Gäste führt er manchmal in weihevollen Stunden zu diesem Verschlag und fordert sie auf, an dem Anblick Theil zu nehmen. Seine Freude ist der Ochsenbraten, den er Mittags auf den Tisch setzt, und den Werth desselben bemißt er nach dem Schweiße, den er vergießt, wenn er ihn zerschneidet. Sein einziger Verdruß auf Sylt und Erden ist der »Mann im Strandhotel«, der sich als zweiter Wirth seit Anfang dieses Jahres besetzt hat. Steffens verachtet diesen Mann, wie Moses, der Prophet vom Sinai, die Priester des Baals verachtet hat; er haßt ihn, wie Brutus den Cäsar gehaßt, und fürchtet ihn, wie Robespierre den Danton gefürchtet hat. Seine Waffen sind die Tranchirgabel und das Vorlegemesser, das er schwingt, wie ein Hüne das Schlachtschwert schwingen würde, wenn er aus einem der Gräber auferstehen könnte, die wir durch die Fenster unseres Speisesaales fern am Haiderand täglich erblicken. »Laßt ihn nur kommen, den Mann im Strandhotel«, sagt er dann knirschend und triumphirend zugleich, indem er mit der Gabel in den Braten sticht, »von ihm heißt es in der Bibel: sein Geist ist willig, aber sein Fleisch ist schwach.« – Den Abend, als ich ankam, nahm er mich am Wagen in Empfang und behauptete, er kenne mich schon recht gut, könne sich aber nicht sogleich besinnen, wo er mich gesehn. Ich konnte mich auch nicht besinnen und verlangte – hungrig wie ich von der langwierigen Fahrt durch's Wattenmeer war – nach der Speisekarte.

»Wilkens in Hamburg und Steffens auf Sylt führen keine Speisekarte; verlangen Sie, mein Herr!« – Ich verlangte ein Beefsteak.

»Das Beefsteak, mein Herr«, sagte Meister Steffens, »ist gerade alle geworden, damit kann ich für heut nicht dienen!«

»Nun dann etwas Braten.« –

»Vielleicht Kalbsbraten? Oder Hammelbraten – Ochsenbraten? ...« –

»Einerlei, wenn es nur Braten ist«, erwiderte ich, »und recht bald.«

Meister Steffens stand eine Weile vor mir, dem Anschein nach in tiefe Gedanken versunken; dann nahm er eine Prise und sagte: »Ja, mein Herr, Braten ist auch nicht da; ich werde aber sogleich gehen und ihnen das Beste bringen, was Küche und Keller sonst noch vermag.« Meister Steffens ging und nach einer halben Stunde stand ein Souper, bestehend aus Brodt, Butter, Eiern und Käse vor mir.

Dieser Tage kamen ein paar Creolen aus der dänischen Colonie St. Thomas hier an. »Wissen Sie, was diese Creolen zu mir gesagt haben?« raunte mir Meister Steffens in's Ohr, nachdem er mich geheimnißvoll in das dunkele Billardzimmer geführt hatte. »Sie haben gesagt: Steffens, Euer Name ist in ganz Europa berühmt, wir haben von Euch schon in St. Thomas reden gehört. Nun legt eine Probe ab und zeigt uns, daß Ihr's doch besser versteht, als da drüben der Mann im Strandhotel. Da habe ich gesagt, das will ich thun, meine Herren, und habe sie in den Verschlag geführt und ihnen die Braten gezeigt, die dort hingen, und zuletzt habe ich die Creolen auf die Schulter geschlagen und gesagt: solche Ochsen, meine Herren, giebt es da drüben im Strandhotel doch wahrlich nicht! Da haben die Herren gesagt, das wäre richtig, und sie wollten mir ein schriftliches Attest darüber ausfertigen.« ...

Das ist Meister Steffens, und bei ihm verbringen wir unsere Mittage und unsere Abende. Hier sitzen wir an einem langen Tische bei drei oder vier Lichtern und trinken Thee oder Grog; die alten Schiffskapitäne kommen und erzählen von ihren Fahrten und Abenteuern, der Küster von Westerland kommt und bringt einen Collegen aus Schleswig mit, der vom Regiment des Dänen daselbst erzählt. Ich spiele Sechsundsechszig mit dem Müller, und der Watten-Fabrikant liest die neueste Nummer der hamburger »Reform« – acht Tage alt, ehe sie zu uns kommt – und macht darauf in hoher Politik. Andere sprechen von den Hasen in den hörnumer Dünen oder von dem eisernen Hause, das man im nächsten Jahre auf Spekulation dicht am Meere bauen will.

Hier ist es auch, wo wir die Bekanntschaft von Wulff Manne Dekker machen. Wulff Manne Dekker ist unser Faktotum. Sein Bruder ist Strandinspektor, sein Vetter ist Strandvogt; seine Familie gehört zu den ältesten der seefahrenden Patricier von Sylt. Wulff Manne hat es auf See nicht weit gebracht; seine Talente sind von festländischer Beschaffenheit und die Natur hat ihn dazu bestimmt, Gottes Wege auf dem Trocknen zu wandeln. Es ist nicht leicht, eine Beschreibung dieses Mannes zu machen, da er ohne bestimmten Charakter Alles ist, ohne bestimmendes Gewerbe Alles thut, und ohne bestimmbares Interesse – Alles weiß. Auch allgegenwärtig scheint er zu sein. Die Suppe und den Braten ißt er bei Steffens, den Pudding nimmt er bei dem »Mann im Strandhotel« ein, und zwischen beiden verspricht er einem Bootsmann aus Föhr, daß er ihm zur Heimfahrt Passagiere verschaffen wolle. Die frühesten Badegäste sehen ihn am Strande, und die spätesten behaupten, ihn auch da gesehen zu haben. Nicht lange darauf aber sitzt er schon beim ersten Frühstück in Keitum, während er bei Gelegenheit des zweiten die Stelle am nösser Ufer in Augenschein nimmt, wo man ein Häuschen zum Empfang der landenden Ankömmlinge errichten will. Die Hasenjäger von Hörnum sind ihm zur Zeit des Sonnenuntergangs begegnet, und die Vergnügungs-Partie, die von Wenningstädt heimkehrt, erzählt, daß er auf der Rampe des Leuchtthurms gestanden habe. Und wenn er des Abends an dem langen Tische in der Dünenhalle sitzt, so ist man nicht sicher, daß er im nächsten Augenblick im Strandhotel erscheint; und daß im folgenden ein Mann aus dem Strandhotel kommt, um sich zu erkundigen, ob man Wulff Manne Dekker nicht gesehen habe? Er ist der leibhaftige Ueberall und Nirgends, und es geschieht Nichts auf Sylt, bei dem er nicht zu Gevatter gestanden. Er ist der Weltmann, der den Verkehr vermittelt; er ist Eisenbahn und Telegraph zugleich. Sein Haus ist das einzige zu Westerland, welches ein Ziegeldach hat. Er versteht es, die gerühmte Biederkeit der Insulaner mit den continentalen Tugenden zu vereinen, die namentlich zur Zeit der Badesaison nicht unnützlich sind. Er hat das Seebad gegründet, und es fehlt nicht viel, so verspricht er dem Badegast Sturm und hohe Wellen für morgen, und günstige Witterung mit klarem Sonnenuntergang für übermorgen. Die Post bleibt aus, weil conträrer Wind das Fährschiff von Hoyer zurückhält; er verspricht, sich um die Sache zu bekümmern, und siehe da – am andern Morgen sind die Briefe da. Man beklagt sich über den sauren Wein und das dünne Bier in den Gasthäusern; acht Tage darauf hat Wulff Manne Sherry und Porter von Hamburg im Keller und seine Preiscourante bedecken die Tische aller Badegäste. In der linken Brusttasche trägt er ein Buch mit Gummilitze, auf dessen Deckel in Goldbuchstaben zu lesen ist: »Baden-Notizen.« In diesem Buche befinden sich die Fahrpläne der Eisenbahnen und Dampfschiffe der ganzen Welt; die Fluthkalender des Außenmeeres und des Binnenmeeres, die Akten über die Entstehung des hiesigen Seebades, die Reden, welche Wulff Manne bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat, der Speisezettel aus dem Strandhotel, die Tanzordnung vom nicht zu Stande gekommenen Ball in der Dünenhalle, – dieses Buch gleicht dem Sack eines Professors der Magie. Alle Wünsche, die man nicht hat, werden befriedigt.

Außerdem hat Wulff Manne eine bemerkenswerthe Leidenschaft für das Anfertigen von Schriftstücken, und in der Geschwindigkeit mit der er eines dem andern folgen läßt, übertrifft er die kühnsten Vorstellungen. Die Tische beider Wirthshäuser liegen voll von seinen Manifesten; und da er gefunden hat, daß man an beiden Orten denselben nicht immer die gebührende Achtung erweist, so hat er zwei schwarze Tafeln verfertigen lassen, an die er sie befestigt. Es erscheint ein gedrucktes Verzeichniß der hier weilenden Fremden. Wulff Manne kann jedoch nicht umhin, es zweimal abzuschreiben und so an die schwarze Tafel zu nageln. In jeder Badekammer hängt ein gedrucktes Register über Ebbe und Fluth. Wulff Manne händigt es seinen Freunden noch einmal geschrieben ein. Es kommt kein Dampfschiff, es geht keines ab, ohne daß Wulff Manne es nicht schriftlich verkündigte, obgleich Alle es auf den Fahrplänen schon vorher gedruckt gelesen haben. Seine Erlasse, Bekanntmachungen und Aufforderungen vermischten Inhalts haben weder Zahl, noch Ziel, noch Grenze. Eine noch größere Leidenschaft womöglich als für die Schrift, hat Wulff Manne jedoch für den Druck. In diesem Punkt ist er Fanatiker. Die Rede, die Jungfer Jaken Eschels sprach, als sie bei Errichtung der Dünenhalle dem Zimmermann den Kranz überreichte, läßt er drucken; und die Rede, mit der Boy Boysen, der Zimmermann, dankte, läßt er gleichfalls drucken.

Daß er seine eigenen, bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden drucken laßt, versteht sich. Es wird ein Plan von Westerland gezeichnet und er läßt ihn drucken. Ein Buch über Sylt erscheint bei Weber in Leipzig; Wulff Manne läßt es in Tondern noch einmal drucken. Auf eine Karte der friesischen Inselgruppen schreibt er mit Bleifeder unter die Brockhaus'sche Firma seine eigene; und in einem Exemplare Gerstäckerschen Reisen lesen wir: »Stuttgart und Tübingen, J. G. Cottascher Verlag. Sylt und Westerland, W. M. Dekker'scher Verlag.« Ganz kürzlich hat er seine Preiscourante auch gedruckt erscheinen lassen. Sie lauten folgendermaßen:

»Verlag von Wulff Manne Decker in Westerland.
Der Fremdenführer auf Sylt 4 Mark.
Plan von Westerland 2 Mark.
Rothwein von 5 Mark an.
Porter (die halbe Flasche) 3 Mark.
Briefbogen mit Ansichten von Westerland ¼ Mark.
NB. Sobald Krickenten zu haben sind, werde ich es bekannt machen.«

In dieses Mannes Gesellschaft, so viel uns davon gegönnt ist, sitzen wir die schon länger werdenden Herbstabende dahin. Gegen zehn Uhr brechen wir auf. Ueber die finstere Haide gehen wir nach Haus. Im Norden leuchtet durch das schauerliche Dunkel der Feuerthurm; sobald wir über die Gräben hinaus sind, wandern wir in vollständiger Einsamkeit und Nichts mehr stört uns, als das Husten eines aus dem Schlafe auffahrenden Schafes, das gespenstisch mit dem Heulen des Nachtwindes dahinwandert. So erreichen wir zuletzt den Hafen, welcher dem Menschen in der Fremde vergessen macht, daß er eine Heimat gehabt und verloren hat: das Bett, in welchem die Leiden und Freuden des Tages für eine Weile ihr Ende finden; und begleitet von dem Rauschen des Meeres gehen wir in jenes stille, selige Reich ein, dessen Grenzen von Abend bis Morgen reichen, und in dem wir alle Menschen und Plätze, die uns je lieb gewesen, noch einmal wieder sehen und besuchen dürfen.

 

IV.

Am 18. August.

In der heißen Mittagstunde lieb' ich es, zu den Bramhügeln zu gehn. Sie liegen seitab von meinem Häuschen, fern in der Haide, unter den Dünen. Ich sehe ihre sanften Wellen, wie sie sich mit dem spärlichen Grün ihrer Moosbekleidung gegen das matte Blau des Augusthimmels erheben. Mein Weg geht zuerst über Stoppelfelder, in welchen ein Weib arbeitend an der Erde kniet, oder ein Schaaf weidet. Dann kommt der weiche Haideboden, mit seinem Geruch, wie der des Kirchhofs meiner Heimath; mit jenen gelb-röthlichen, kleinen Blumen, unter denen ich, in meiner ersten Jugend, auf den Hügeln, so gerne träumte. Die schönen, lächelnden Geister der Kinderzeit kommen und begleiten mich, hier an dem letzten Küstenrande der einsamen See, zu den gespenstischen Bramhügeln.

Ich ersteige die mäßige Höhe, und sehe nun, durch eine Senkung in den Dünen, einen Streifen blauen Gewässers, das vom Mittagsglanze schillert; ich sehe nordwärts im heißen Dufte, der sich von dem Aushauch der Blüthen voll, berauschend ausdehnt, eine gestaltenreiche Niederung – Haidegräber, Dünenhügel, und neblige Thäler dazwischen und ein Dorf, dessen zerstreuten Hütten auf dem traumhaft blauen Hintergrunde zu verdämmern scheinen. Kein lebendes Wesen, kein Wandersmann ist zu sehen, nur das Rauschen des Meeres wandert leise von Düne zu Düne, und sein kühler Athem, der sich flüsternd im Kraute verliert, streift zuweilen die Stirne des Ruhenden.

Solch' ein tiefer Frieden waltet hier oben! Das Herz ruht am Herzen der Natur, und über dem Haupte geben sich stille Blumen die Hände, und nehmen, schon jetzt, in ihren sanften Bund den Erdenpilgrim auf. Zwar mahnt noch Manches an Umkehr in's stürmische Leben. Wie ein Schatten wandelt die Feindschaft vorüber; wie ein Rosengewölk gegen Abend gaukelt Freundschaft und Liebe dahin und manch' ein blonder Engelskopf in ihrem Gefolge. Aber die Seele lächelt, indem sie die Erscheinungen sieht, und sie empfindet es, wie sanft sich 's dereinst unter Blumen ruhen wird! –

Die Bramhügel sind mir darum lieb geworden, und die Mittagsstille wird mir hier nie gestört. Denn die Leute fürchten sich vor der Nähe derselben, weil diese Anhöhen ehedem von den Hexen als Zusammenkunftsorte benutzt worden, und ihre Geister noch immerdar um die Moosfläche rundfahren. Ich aber, in der Einsamkeit der tiefstillen Insel suche die andere Einsamkeit der Gespensterhügel und freue mich der Visionen, die von der brütenden Mittagssonne und dem aufsteigenden Moderduft der Haide geboren, meine Träume besuchen.

Halbwach erhebe ich mich zuletzt und wandle – mir selber vorkommend wie ein Schatten, der über die breite, weite Haide schwankt – den Häusern von Westerland entgegen. Einzeln, hier und da, von der Windmühle herauf – deren Flügel sich matt drehen – bis zu den weißen Dünen liegen sie unter der Gleichmäßigkeit der hohen Sonne, wie ausgestorben und von allem Leben verlassen, eines wie das andere; und verwirrt von dem Lichtglanz der Fläche, dem melancholischen Stillstand der Landschaft, dem betäubenden Dufte des warmen Windes und dem schlaftrunknen Rauschen der See würde ich das meine nicht finden, wäre es nicht um meinen ehrlichen Schlafrock, welchen zu dieser Zeit Brigitte vor die Thür zu hängen pflegt, und welcher mir alsdann mit dem Roth seines Unterfutters ganz in schwere Sonnengluth getaucht, als ein Signalfeuer der Heimkehr leuchtet.

 

V.

Am 19. August.

Gestern, in meinem Friesrock und meinem Filzhut, die beide vor einem Jahre um diese Zeit den Sturm und Regen der Westhaide von Irland und den Salzschaum des Atlantischen Ozeans versucht haben, ging ich in die Dämmerung der Insel hinaus. Es hatte lange geregnet und das Moos und Riedgras war noch schwer und feucht. Auch der Himmel war noch grau und dumpf, aber gegen Westen schien er sich zu öffnen und ein matter Abschiedsglanz kam von daher und fiel für einige Augenblicke schräg über die Dünenabhänge und das ferne Haideland. Ich blieb hinter den Dünen und sah das Meer nicht; aber ich hörte, wie es an- und abrollte, und der Wind blies mir entgegen, schwellend, sinkend; bald, als brause er aus dem ziehenden Gewölk – dem sich der westliche Schimmer leise mitzutheilen schien – bald, als verliere er sich im Gestrüpp unter meinen Füßen. Wie ein Gesang, zu dem ich die Worte suchte; wie eine Musik aus anderen Sphären. Schwebend, schwebend ... o, wer auch so leicht wäre! Und wer singt diese wundersamen Lieder, die unser Herz mit namenloser Sehnsucht füllen? Sind es die Geister der Geschiedenen, die uns grüßen, die uns rufen? Wenn wir nach unserem Einschlafen Luftgeister würden – welch ein Gedanke! Wenn wir so über die Fläche schwebten, über Land, über Meer, wie einst der Geist Gottes – durch alle Welten, höher, immer höher, in ewiger Wanderwonne. Wir sehnen uns nach der Ferne; aber wir erreichen sie nicht. Wir ersteigen den Hügel, und um einen Horizont weiter ist sie uns gerückt. Wir machen eine neue Reise nach der Gegend hin, wo der Himmel die Erde berührte; aber sie liegt noch vor uns. Wir kommen zuletzt an's Meer und stehen dem Sonnenuntergang gegenüber; aber die Ferne ist noch da, weiter, endloser als je. Wir fahren über das Meer und gewinnen das jenseitige Land; aber die Ferne ist aufs Neue da, und sie führt uns immer, immer, von Tag zu Tag, bis wir vielleicht, am Abend unseres Lebens, an dem Punkte wieder angelangt sind, von dem wir ausgingen.

Hier, in der Hütte, die uns geboren, unter dem Hügel, welcher unsere ersten Träume, unser erstes Glück, unsere erste Liebe gesehen, schlafen wir ein. Wir erwachen nicht mehr; aber wir sind in die Luft zurückgekehrt, in unsere ewige Heimath, in das wahre Element unseres Lebens. Nun empfinden wir, daß unser Erdenwallen Nichts war, als eine Sehnsucht nach dem Unendlichen, dem wir nachgingen, ohne es erreichen zu können; und dessen wir nun, gelöst von der Schwere des Körpers, vollauf genießen, athmend, schwebend, stürmend, jauchzend! Wir selber oft, in wehmüthigem Rückerinnern, flüstern durch die Blumen, die auf unserem Grabe stehen.

Auf einmal stand ich vor einem Mauerviereck aus schwarzen Steinen, an welchen ein Schimmer des Abendlichts hing. Es war so einsam und so still ringsum; es war kein Mensch zu sehen. Ueber der schwarzen Thüre war eine schwarze Tafel mit Goldbuchstaben:

Heimathstätte für Heimathlose.
Offenbarung Johannis 14, 13.

Ich öffnete die Thüre und trat ein. Unter der westlichen Mauer waren neun Gräber, ohne Kreuz, ohne Gedenkschrift – kein Name, keine Jahreszahl. Neun Hügel, stumm, dunkel, mit etwas Moos bekleidet. Ich stand eine Weile; dann ging ich und schloß die schwarze Thüre hinter mir, wie ich sie gefunden hatte. Noch immer kein Mensch; ich erstieg die nächste Düne. Je höher ich kam, je offener schien der Himmel zu werden, je breiter der Glanz um mich. Nun war ich oben, und ein goldschillerndes Meer lag vor mir und flammendes Purpurgewölk, so weit der Blick reichte, und schwimmend darin die sterbende Sonne. An dem gelben, breiten Strande gingen noch ein paar Menschen; und auf der Dünenkuppe zu meiner Rechten stand ein Mädchen, und in der Glorie, die sie umgab, flatterten ihre dunklen Röcke.

Da ich nach Haus gekommen war, in der vollständigen Dunkelheit des Abends, schlug ich die Bibel auf und las, beim einsamen Schimmer meiner Kerze, Offenbarung Johannis 14, 13:

»Und ich hörete eine Stimme vom Himmel zu mir
sagen: Schreibe: Selig sind die Todten, die in dem Herrn
sterben, von nun an ...

»Und ich sahe, und siehe, eine weiße Wolke ...«

*

Heute morgen nun war der Himmel blau, und heiter in seiner Höhe stand die östliche Sonne. Das Meer war frisch und bewegt, und eine Lust war es, darin zu baden. Nach dem Bade trat ich meine Wanderung an, den Sand hinunter, dicht am Meere; die wenigen Badekarren und die paar Menschen darin oder daneben blieben weit zurück, und lange war ich allein. Ich traf zuletzt auf einen Mann, welcher Tuul grub. Dieser Mann hatte ein Gesicht, von Wind und Wetter ganz roth geworden; klare, blaue Augen und langes, gelbes Haar. Er mochte wol einige vierzig Jahr alt sein, und wie ich ihn so dastehen sah, in der vollen Helligkeit der Sonne, dem offenen, einsamen Meer gegenüber, über seinen Spaten gebeugt, trat ich zu ihm. Nach Mancherlei, was wir zuerst sprachen, fragte ich ihn über den kleinen Kirchhof mit der schwarzen Mauer, welchen ich gestern Abend unter der Düne gesehen.

»Auf diesen Kirchhof,« sagte der Mann, »bringen wir Diejenigen, welche von der See hier an's Land gewaschen werden.«

»Schiffbrüchige?« fragte ich.

»Schiffbrüchige und Andere. Nicht selten fällt ein Matros, wenn er in der Takelage einen Fehltritt thut, ins Wasser und ist, wenn Wind und Strömung scharf gehen, im nächsten Augenblick weg.«

»Und nicht mehr als neun Gräber in dieser langen Zeit?«

»Der Kirchhof ist noch nicht alt. Früher wurden die Leichen, die wir auf unserem Sande fanden, in den Dünen verscharrt. Es war eine alte Sage, daß man diejenigen, welche das Meer von sich wirft, auch nicht ehrlich, wie andere Christen, begraben dürfe. Da machte man denn ein Loch unter der Düne und legte den fremden Todten hinein, ohne Sarg, wie man ihn gefunden. Der nächste Wind thürmte häuserhohen Flugsand über dem Grab und manch ein vergessen Christenkind liegt dort in den Dünen. In neuerer Zeit hat man sich nun viele Mühe gegeben, diesen unmenschlichen Gebrauch abzustellen; aber die Alten wollten lange Nichts davon hören, und erst seit dem Tode des letzten Strandvogtes, vor ein paar Jahren ist es anders geworden. Da ward der Kirchhof, den Ihr gestern gesehen habt, angelegt; und wenn nun eine Leiche auf dem Sande gefunden wird, so kömmt sie zuerst in die Strandvogts-Scheuer, wird gewaschen und eine genaue Beschreibung derselben, unter dem Datum, an welchem sie gefunden worden, in das Tagebuch gesetzt. Wenn später nun vielleicht ein Freund und Angehöriger nach dem Grabe fragen sollte, so kann man es nach der Beschreibung finden. Denn wir wissen ja nicht, wen wir begraben, – weß Namens und aus welchem Lande er ist. Wir geben ihm einen schwarzen Sarg, eine geschützte Stelle, wo er nicht vom Sand verschüttet wird, und einen Rasenfleck über dem Hügel. Wir tragen ihn hinaus, wie wir unsere eigenen Leute hinaustragen, wir singen ein Lied an seinem Grabe und unser Pfarrer spricht den Segen darüber. Das ist unser Brauch.«

»Und ist der jetzige Strandvogt der neuen Einrichtung zugethan?«

»Ja, ja ... o, ja ...« erwiederte der Mann mit dem rothen Gesicht, das um diese Zeit noch etwas röther geworden, und mit den klaren, blauen Augen, die mich verlegen ansahen. »Eigentlich, um die Wahrheit zu sagen, hat er sie erst durchgesetzt, und nach vielem Verdruß mit Gemeinde und Obrigkeit jenen Kirchhof zu Stande gebracht.«.

»Und wie heißt er?«

»Dekker.«

»Ich möchte ihn kennen lernen. Wo treff' ich ihn?«

Ein wenig stotternd sagte der Mann, indem er sich an seinem Spaten aufrichtete: »Hier.«

Da gab ich ihm, dem Strandvogt Dekker von Westerland, der die Todten des Meeres begräbt, meine Hand und schloß Freundschaft mit ihm; und zurück über die Düne, um sie noch einmal zu besuchen, gingen wir mit einander zu der »Heimathstätte für Heimathlose«.

 

VI.

Am 20. August.

Das Westende von Sylt zieht sich lang und öde in die Einsamkeit des Meeres hinaus; links liegt das unbewegte, flache Watt, bei Ebbezeit einer Sandebene mit Wasserstreifen ähnlicher, als einem Meer, und von rechts heran stürmt die wilde Nordsee, welche die Insel zerstört, und diesen Theil derselben nahezu schon zerstört hat. Er ist so dünn, so lang; man fürchtet, die Strömung könne eines Tages durchbrechen und Alles, was noch übrig ist, begraben. Die Insel soll in 190 Jahren bereits gegen zwei Fünftel ihres Areals verloren haben; an der Westseite aber und ihrem langgestreckten Ende ist diese Abnahme am Bemerkbarsten. Man sieht hier Jahr für Jahr ein Stück nach dem andern hingehen; der Name eines Dorfes, welches vor Zeiten hier gelegen, Alt-Eidum, findet sich auf der Karte, weit ab von dem äußersten Küstenrande, mitten in der tiefen See, wo sie schon seit mehr als einem Jahrhundert frei an- und abläuft. – Die traurigste Geschichte aber, weil sie sich zum Theil noch vor unseren eigenen Augen zuträgt, hat das Dorf, welches am Eingang zu dieser, der Zerstörung verfallenen Welt, halb verschüttet im Sande, halb versunken in der See liegt. Das Dorf heißt Rantum, und es ist die letzte menschliche Wohnstätte, bevor man sich in die Wüstenei der Dünen und des Meeres zu beiden Seiten verliert. Die Sylter sprechen mit Wehmuth von diesem Dorfe; sie sehen in ihm das Schicksal ihrer ganzen Insel. Sie nennen es das »ehemalige« Dorf und erzählen von den alten Häusern, in denen sie manche fröhliche Stunde verlebt, und den alten Leuten, die einst darin gewohnt, und deren Gräber jetzt weit hinaus in der Nordsee liegen. Vor etwa 100 Jahren stand noch die alte Kirche. Darauf aber, nachdem das Dorf von dem westlichsten Theil der daneben belegenen Ackerländereien bis auf den östlichsten Theil derselben verlegt worden war, mußte endlich auch die Kirche versetzt werden. Vor 80 Jahren standen noch gegen 40 Häuser um diese neue Kirche herum und jetzt ist keine Spur mehr vorhanden, weder von dem Dorfe noch von der Kirche. »Sowol die Stelle«, heißt es in Booysen's »Beschreibung der Insel Sylt« aus dem Jahre 1828 Sie erschien in Schleswig; der Verfasser war, wie er im Vorwort sagt, ein »ehemaliger Seemann.«, »wo die Kirche stand, als wo die Häuser standen, ist schon unter den Wellen der Nordsee verschwunden; blos dreizehn, zum Theil sehr elende, von den Einwohnern des vorigen Rantum erbauete Hütten, ein wenig süd-ostwärts vom ehemaligen Rantum, dienen noch als Beweis, daß in der Gegend ehedem ein Dorf dieses Namens gewesen ist und führen noch diesen Namen; diese werden von sechzig Einwohnern bewohnt.« So vor dreißig Jahren. Heut hat Rantum nur noch fünf von Sand und See bedrängte Hütten mit 36 Einwohnern, die – von aller Steuer frei – seit Anfang dieses Jahrhunderts, wo ihre Ländereien ins Wasser gingen, von ihren Schafen, ihren Fischen und dem kümmerlichen Erlös des Dünengrases, aus dem sie Stricke drehen, leben.

Dieses versunkene Dorf habe ich heut Nachmittag besucht. Ueber eine breite, grüne, von zahlreichen Meeresrillen durchrissene Niederung am blauen Watt wanderte ich stundenlang dahin. Kein Mensch begegnete mir mehr, als ich die Häuser von Westerland hinter mir hatte; und die Sonnabendnachmittagsstille, so frisch, so kühl vom Anhauch beider Meere, von denen ich das eine sah und das andere hörte, ward durch Nichts unterbrochen. Die fünf Häuser von Rantum lagen von Anfang an vor mir; erst wie schwache Zeichnungen auf dem Dufte des Hintergrundes, dann bestimmter und lange klar mit ihren Giebeln und Umrissen, ehe ich sie erreichte. Nun war ich unter ihnen. Sie stehen, jedes einzelne, auf einem Hügel für sich; dicht über dem Watt, und den Dünenschluchten zugekehrt, die sich gen West ziehen, ihr letzter Damm gegen die Nordsee, deren Brausen hier stark widerhallt. Auch ein kleines Schulhaus ist auf einem dieser Hügel zu sehen. Aber es giebt keine Kinder in Rantum, die es besuchen könnten; die der letzten Generation sind schon über die Zeit hinaus, und von der jetzigen sind noch keine so weit. So steht die Schule von Rantum auf ihrem Hügel, verschlossen seit manchem Tag. Das erste Haus, an das ich ging, war eines Zimmermanns. Ein Mann und ein Junge waren darin; ich fragte sie nach dem Wirthshaus, und sie zeigten mir das andere Haus gegenüber. Ich erstieg den Hügel, auf welchem es liegt. Es war verschlossen, und durch die Fenster sah ich in leere Stuben. Auf dem Hofe davor lag ein zerschelltes Boot mit englischen Porterflaschen darin, die das Meer angetrieben haben mochte; mit zerbrochenen Segelstangen, mit Kasten, in denen Schiffszwieback gewesen, und an dessen Brettern noch die Firma der Londoner Fabrik zu lesen war, mit Namenbrettern, deren Inschriften meistens englische waren, mit mehreren Schiffsfiguren. Während ich noch so zwischen diesen Trümmern zur See verunglückter Schiffe weilte, kam eine Frau, die mich wahrgenommen hatte, aus den Dünenschluchten und aus weiterer Entfernung folgte ihr ein Mädchen. Die Frau begrüßte mich und schloß das Haus auf, in welches wir demnächst eintraten. Sie sagte, es sei das Haus des alten Strandvogtes von Hörnum, welcher jüngsthin verstorben, und ihr Mann habe es angekauft. Sie wollten es aber erst zum Winter beziehen, und jetzt stehe es leer. Hierauf machte sie ein Feuer und stellte Wasser zum Kaffee daran. Indem trat auch das Mädchen herein. Es war bildhübsch und trug sich reizend, anders als ich bis jetzt auf dieser Insel wahrgenommen. Sie hatte einen kurzen, bunten Rock, mit einem Brustlatz vom schwarzem Sammet, daran silberne Glöckchen zierlich geordnet hingen; eine mit Gold und Silber reich gestickte Haube und lange seidene Bänder daran. Sie war schlank gebaut und ihre Glieder hatten eine ebenmäßige Fülle; ihr Auge war blau, ihr Gesicht ernst aber freundlich. Sie sagte mir, sie sei von der Insel Amrum aus Besuch hierhergekommen und wolle am andern Montag wieder dahin zurück. Dort trügen sich die Mädchen und Frauen alle so. Sie hieß Merret – das ist unser Marie – und sprach das Hochdeutsche mit Mühe; wir konnten uns nicht gut verstehen, und die Frau war unsere Dollmetscherin. Als der Kaffee fertig war, setzten wir uns in des alten Strandvogtes Stube, an den langen, rothen Tisch, und tranken ihn zusammen aus. Die Frau hatte etwas Kuchen im Schranke stehen, und holte ihn herbei, während Merret ruhig neben mir saß. Was sollte ich mit einem so fremden, so jungen und so hübschen Mädchen sprechen? Ich fragte, ob sie auch schon einen Schatz habe? Da sah sie mich lächelnd an und schüttelte den Kopf, denn sie verstand es nicht. Als ich aber das Wort auf »Halfjunkengänger« brachte, was hier für Schatz gesetzt wird, da erröthete sie mit Einemmal und schlug das Auge nieder. Denn das verstand sie.

Als wir mit unserem bescheidenen Freundschaftsmale zu Ende waren, erhob ich mich zur Heimkehr. Es fing schon an dunkel zu werden. Beide Frauenzimmer gingen ein Stück Weges mit mir, und als wir uns verabschiedet hatten, blieben sie noch eine Weile stehen, und wenn ich mich umkehrte, sah ich lange noch in der Dämmerung ihre Tücher wehen, mit denen sie mir Lebewol winkten.

 

VII.

Am 21. August.

Heute ist Sonntag. Das Glöcklein der kleinen Kirche von Westerland läutet aus der Ferne, und der Morgen ist so rein, so klar und so still, daß ich es hier vernehme, in meinem kleinen Hause, dicht unter den Dünen. Die Sonne füllt mein Gemach; in der Küche, am beschatteten Fenster, sitzt Brigitte Marlo, und neben ihr auf dem Tische sitzt die Katze. Sie sehen der Kuh zu, die auf dem Rasenfleck werdet.

Ich verlasse das stille Haus an der Düne und wandere landein, dem Klange des Glöckleins nach. Ueber die sonnige Haide sehe ich hier und dort Menschen wandeln. Der Horizont ist weit und frei, und zu meiner Linken, in der Entfernung des sommerlichen Duftes steht die Kirche von Keitum. Sie steht einsam auf einer Erhebung des Bodens, zwischen dem Grün der Haide und dem Blau des Himmels, und ihr Läuten mischt sich zuweilen, wenn der Wind es trägt, mit dem des Westerland-Kirchleins. Dieses ist so klein; ihr Dach von Schilf und Rohr, ihr Thürmlein von Holz. Sie steht an dieser Stelle nun etwas über zweihundert Jahre, aber die Bausteine ihrer Mauern und ihre Geräthschaften sind viele hundert Jahre älter. Darin stimmen alle Chronisten und Alles, was ich von den Leuten habe sagen hören, überein, daß diese Kirche aus den Ueberresten der alten Eidumkirche sei errichtet worden. Seit dem Jahre 1436 begann der Untergang der Ortschaften längs der Westküste. Heidnische und christliche Erinnerungen vereinen sich in den Sagen von ihrem Untergange. Da war nämlich der Meermann Ekke – der Aigir oder Aegir der nordischen Mythe – der sich in eine Sylter Jungfrau verliebte. Der Umgang mit dem finsteren Gotte des stürmenden Elementes ward aber dem Menschenkinde, welchem er unter einer fremden Gestalt erschienen war, unheimlich und es bat um seine Freiheit. Aber wir kennen ja das wehmüthige Band, welches die Ueberirdischen, die sich nach Liebe sehen, an die Sterblichen fesselt; jenen düsteren Zug, zu genießen und zu verderben, der schon die heitere Mythe des Griechenhimmels trübt. Ekke gab sein Opfer nicht frei; aber sie solle frei sein, sagte er, wenn sie ihm seinen vollen Namen zu sagen wisse. Lange wanderte sie nun allein am Meer hin und durch die Dünen, bis sie in einer Nacht, die sie geängstet durchschritt, einen Gesang vernahm, der aus der Tiefe eines Sandhügels zu kommen schien und mit dem Winde westwärts zum Wasser wanderte:

Heute will ich brauen,
Morgen will ich backen,
Uebermorgen will ich Hochzeit machen.
Ich heiße Ekke Nekkepenn;
Meine Braut ist Inge von Rantum,
Und das weiß Niemand als ich allein.

Das Mädchen war erlöst, und als der Meermann wieder kam, da sagte sie: »Du heißest Ekke Nekkepenn, und ich bleibe Inge von Rantum.« Da kehrte der Meergott zu Rau, seiner Gemahlin, der er lange ungetreu gewesen zurück, und sie – die Mutter der Wellen und Stürme, der Ueberschwemmungen und Schiffbrüche, rächte sich an Sylt, und zerstörte Rantum und Eidum, und nagt an den Dünen von Hörnum in jeder stürmischen Frühlingsnacht, bis Alles dahin sein wird.

So ungefähr berichtet mein Freund C. P. Hansen, der Schulmeister von Keitum, in seinen »Friesischen Sagen und Erzählungen«; und Hans Kielholt, der alte Chronist, der den Untergang jener Ortschaften mit angesehen, da sein Vater Pastor in denselben gewesen, schildert ihn also: »Die schöne Kirche, die mein sel. Vater hatte, steht nun täglich zwei Fuß mit Wasser an den Mauern. Die Bauern sagen, daß die fremden Schiffsleute das Dach, auch das Blei und drei schöne Glocken davon abgenommen haben. Ach und auch Wehe! und jämmerlich zu beklagen, daß das Allerbeste von diesem Land so sehr ist vernichtet, verwüstet und ins Wasser versunken.« Das war um 1436, bei der großen Sturmfluth. Die Eidumer wanderten aus und gründeten Westerland, aber die Kirche blieb, wie sie war, noch zweihundert Jahre stehen. Erst im Jahre 1634 brach man sie ab, und baute aus ihren Materialien die kleine Kirche auf, vor der ich jetzt stehe. Viele der geweihten Gefäße und Utensilien stammen aus jener Zeit und sind uralt; namentlich das Altarblatt, an das sich auch eine sagenhafte Ueberlieferung knüpft. Sie beginnt – wie alle Geschichten auf Sylt – mit einer großen Ueberschwemmung. Alle Dörfer der Nordwestspitze List, die seitdem durch die Dänen in Besitz genommen ist, gingen darin unter, und nur ein Mann mit seiner Frau, Jens Lüngg, blieb übrig. Da nahm er den Altar der Kirche und floh vor den Dänen in die Wildniß von Hörnum und hielt daselbst seinen Gottesdienst. In jener Sturmfluth waren nun aber auch alle Geistlichen auf Sylt ertrunken und große Gottlosigkeit nahm überhand, so daß in den Kirchen getanzt und aus den Weihgefäßen Bier getrunken ward. Da vernahm der Pabst von diesem erbärmlichen Zustand und Hans Kielholt vermerkt: »daß der Pabst durch seine Gevollmächtigten gewesen ist bei der Königlichen Majestät (von Dänemark) mit freundlicher Bitte, daß er das geistliche Regiment über alle Kirchen möchte in eine rechte Ordnung bringen und die Kirchen einweihen lassen, welche Bitte ist dem Pabste geurlaubt worden.« Darauf kamen andere Prediger nach Sylt, die Kirchen wurden aufs Neue geweiht und Jens Lüngg schenkte seinen Altar der von Eidum. Als er nun eines Sonntags dahin kam, um Theil an Gebet und Predigt zu nehmen, da erkannte er seinen Altar nicht wieder. Neben der Mutter Gottes, die ihm traurig, wie aus alter Zeit, entgegenlächelte, sah er zwei grobe dänische Heilige gemalt, vor denen die Gemeinde niederkniete. Er aber wollte seine Knie nicht vor gemalten Götzen beugen, wie er sagte; und als man ihn zwingen wollte, da zog er sein Messer, und fiel vor ihnen nieder, wie es die Anderen wollten, – aber todt! »Da ist ein alter Mann«, sagt unser Predigersohn aus dem 15. Jahrhundert, Hans Kielholt, »der ist ein Heide gewesen, der hat in der Kirche gestanden und zugesehen, da hat er sein eigen Messer genommen und sich selber die Kehle ausgestochen, darum daß er sich nicht wollte mit dem neuen Glauben beladen.« –

Das Altarblatt ist noch heut da mit den beiden Dänenheiligen, welche vor vier Jahren frisch vergoldet worden, und nach einem derselben ist die Kirche St. Niels genannt, bis auf diesen Tag.

In diese Kirche trete ich ein, nachdem ich lange draußen unter den eingesunkenen Grabsteinen verweilt habe. Der Gottesdienst ist hochdeutsch und ein Sylter Mann, der neben mir sitzt, läßt mich in sein Gebetbuch einsehen. Rings an den Wänden des kleinen, dürftigen Innenraums hängen die Bildnisse der alten Pastore von Westerland; mit Allongeperrücken die ersten aus dem siebzehnten Jahrhundert, und so weiter, bis auf diese Zeit, viele treuherzige, starke, verwitterte Gesichter. Darunter sitzt in den Betstühlen die kleine Gemeinde von Westerland und Rantum. Auch Merret seh ich, das schöne Mädchen von Amrum in ihrem Sammetmieder mit den Silberglöckchen daran. Aber sie sieht nicht auf von ihrem Gesangbuch und ihre Lippen rühren sich leise. Eine Orgel haben wir nicht; der Küster giebt mit seiner andächtigen, aber unmelodischen Stimme den Ton an, und die Anderen folgen. Dann besteigt der Pfarrer, ein ernster, vielgeprüfter Mann, die niedrige Kanzel, und am Ende seiner Predigt, mit fester Stimme, spricht er, der lang Verfolgte und schwer Gedrückte, das Gebet für Seine Majestät Christian VII., König von Dänemark, und Herzog zu Schleswig-Holstein und Lauenburg ...

Dann geht die Kirche aus und unter den Heimkehrenden seh ich Merret noch einmal. An ihrer Seite, über die sonnige Haide, geht der Sohn der Wirthin von Wenningstedt, ein schmucker Frieslandssohn, der eben von einer Reise nach Java zurückgekommen ist. Diesmal sieht sie mich; aber sie erröthet und mein Gruß bringt sie in Verlegenheit. Sie erinnert sich gewiß an das, was ich gestern mit ihr von den »Halfjunkengängern« gesprochen habe. –

 

VIII.

Am 25. August.

In der Frühe dieses Tages brach ich auf, um das wilde, von Menschen nicht mehr bewohnte Westende der Insel, die Dünen von Hörnum zu besuchen. Ich hatte einen kleinen Wagen mit zwei Pferden und einen jungen Burschen, der sie führte. Die Luft war frisch und klar, die Sonne schien über Land und Meer. Zur Linken lag das Watt, so blau, so lautlos still, und am Rande des Horizontes erschien der »feste Wall« mit den sanften Umrissen seiner Dorfschaften und Kirchenthürme; zur Rechten standen die Dünen und ihr dunkelblauer Schatten zeichnete große, schöne Formen in den Sonnenschein der Haide. In Rantum machten wir Station; der Junge hielt an dem langen Hause, wo ich vorgestern den Zimmermann gesprochen. Gegenüber auf dem Hügel das Haus des todten Strandvogts war wieder verschlossen, und Merret von Amrum war früh am Morgen über das Wasser heimgekehrt. Des Zimmermanns Mutter ist eine ganz alte Frau. Sie saß in der sonnigen Stube auf einem hölzernen Lehnstuhl. Zahllose Fliegen summten an der Decke und den Fenstern. Hand und Stimme, da sie mich willkommen hieß, zitterten ein wenig vor Alter, aber ihr ehrwürdig Gesicht unter der breiten Haube war heiter, wie die Herbstsonne, an der sie sich wärmte. Diese Frau, wie sie nun dasitzt, am Ende ihrer Tage, in dem verfallenen Dorfe, in dem Hause ihrer heimgegangenen Väter, hat eine schöne und reiche Lebensgeschichte. Am Anfange unseres Jahrhunderts, da sie ein junges, frisches Inselkind war, zu der Zeit, wo England und Dänemark im Kriege lagen, landete ein Kaperschiff unfern dieses Strandes. Da war ein Matros, aus Norwegen gebürtig, hieß Lassen und verliebte sich in die schöne Merret Peter Claassen von Rantum. Das waren noch Zeiten für Seeräuber und verwegene Liebschaften; aber auch für Treue und Zuverlässigkeit. Und als der Krieg ein Ende hatte, da kam Lassen nach Rantum und heirathete die schöne Merret Peter Claassen und zeugte mit ihr 21 Kinder, von denen die Söhne als Schiffscapitaine das Meer befahren und die Töchter sich gut und glücklich nach Westerland verheirathet haben, bis auf Eine, die nicht von der Mutter wollte, und heute noch bei ihr ist. Einer von ihren Söhnen, der Capitain Lassen, der sich in Westerland zur Ruhe gesetzt hat, ist mein guter Freund und manch' ein Glas Grog haben wir zusammen bei Meister Steffen getrunken. Alt Merret's Mann und fünf ihrer Söhne sind gestorben, zur See die Einen, in fernen Landen die Anderen; aber die Bilder Aller, in kunstlosen Zeichnungen und halbverlöschten Daguerreotypen bedecken die südliche Wand ihres Zimmers. Die Mutter sitzt unter ihnen, und die Sonne, welche hereinscheint, umgiebt sie Alle. –

Dieses sind die letzten Häuser und die letzten Menschen; von hier bis an's Ende des Landes, wo die weite See beginnt, die ununterbrochen zwischen dem Sand von Hörnum und den Kalkfelsen von Kent rollt, ist Alles todtenstill, nur die Stimmen der Natur und das Brüten der Einsamkeit ist zu vernehmen. Strandläufer stehen im flachen Wasser des Watts und mit ihren langen zierlichen Füßen verlieren sie sich pfeilschnell weit hinaus, sobald sie unsere Räder hören, die sich im schimmernden Sande knisternd umdrehen. Im harten Riedgras der Dünen weiden die Schafe, und ihre zarten Fußtapfen, die sich im feuchten Sande abgedrückt haben, reichen bis an's Wasser. Eine Möve fliegt vom Westen heran, und das Weiß ihrer Flügel schimmert wie Silber im durchsichtigen Blau des Aethers. Eine zweite folgt ihrem Fluge, und kurze, traurige Töne stößt sie aus, als klage sie, daß die andere ihr entfliehe. Ob es so Etwas wie Untreue auch im Reich der Lüfte und in der unbegrenzten Region zwischen Himmel und Wasser giebt? ... Nun verlieren sich auch die Schafe und das letzte, spärliche Grün verschwindet. Weißer Sand zur Linken verdeckt uns den ferneren Anblick des sanften, blauen Wassers; und weißer Sand zur Linken, hoch aufgethürmt und in strahlende Sonne getaucht, dämpft das Rauschen des Meeres. Weißer Sand liegt vor uns, brennend in der Sonne, blendendes Licht und dumpfe Hitze ausstrahlend. Immer schwerer wälzen sich die Räder in der weichenden Masse, über Hügel, durch Thäler, durch eine einsame, untergehende Welt, welche uns blendet und berauscht. Ein wirres, unheimliches Getöse empfängt uns, je näher wir dem Herzen der Einsamkeit kommen, als wäre es der ängstliche Pulsschlag desselben. Was ist es? Es kann das Rauschen des Meeres nicht sein. Es klingt so traurig, wie ein tiefer, schwerer Seufzer. Ist es der Wind, der klagend durch die Dünen zieht? Nein, es sind die Möven, die hier im Sande nisten, und die – von unserem Wagen aufgejagt – besorgt für ihre Nester und ihre Jungen, jammernd um die Dünen rundfliegen. Es ist der unbeschreiblich herzerschütternde Ton, welcher Anlaß gegeben hat zur Entstehung der Sage vom Stademwüffke, welche die Stätte bewacht, »wo fromme, freie Menschen gewohnt.«

Denn einst hatte Hörnum auch seine lustige Zeit, in den guten, alten Tagen, wo Pidder Lüng, der Enkel jenes Mannes, der sich vor dem Altar der Eidum-Kirche den Tod gegeben, hier lebte und kämpfte. Er kämpfte gegen das Meer und gegen die Dänen für Friesland und die Friesen und sein Lied, einer der wenigen Reste aus der Zeit, wo Friesland noch sang, war:

Frei ist der Fischfang,
Frei ist die Jagd,
Frei ist der Strandgang,
Frei ist die Nacht.
Frei ist die See, frei von Lande zu Land,
Frei ist die See und der Hörnumer Sand!

Hurrah für den Büh! (Jungen, das engl. boy.)
Hat er kein Land,
Hat er tagelang Müh
Beim Fischen am Strand:
Hat er die See doch von Lande zu Land,
Hat er die See und den Hörnumer Sand!

Priester sind störrig –
Doch wir, nicht faul,
Wenn sie zu kurrig,
Schlagen sie auf's Maul.
Uns bleibt die See ja, von Lande zu Land,
Uns bleibt die See und der Hörnumer Sand!

Und so lebten sie, frech und froh, und liebten und küßten, und lachten und sangen, bis eines Tages Pidder Lüng am Galgen über der Höhe von Munkmarsch baumelte. Seitdem liegt Hörnum öd' und verlassen, und Sturm, Sonne, Möve und Hasen sind seine Bewohner. Das Küssethal und das Kressen-Jakobsthal, in welchem ihre »Festung« stand, hört nur noch den Angstruf der aufgejagten Vögel und das Branden der fernen See.

Hier verließ ich meinen Wagen und wanderte allein weiter durch den heißen, tiefen Sand. Zerbrochene Eierschalen und die flüchtigen Fußspuren eines Hasen waren die einzigen Zeichen des Lebens. Sonst war Nichts da als weißer, wüster Sand, der todtenstumm unter der Sonne lag, und in der ungeheuren Monotonie schien der Wandel der Zeit seine Merkmale, die Ausdehnung des Raumes ihre Grenzen zu verlieren. Ein großer Sandhügel lag vor mir, mit einer schwarzen Baake, welche – wie ein riesiges Knochengerippe – aus dem weißen Boden in die sonnezitternde Mittagsluft ragte. Ich wanderte und wanderte, aber die Entfernung wollte nicht enden, und wie eine wunderliche Kette lief, wenn ich zurücksah, die Reihe meiner Fußtritte über die weite Sandebene. Endlich, müde genug, stand ich am Fuße des Hügels; endlich war ich oben. Mein Auge, vom ewigen Weiß verwirrt, ward nun von Blau umgeben, so weit es sah – vom Blau des Meeres unten, vom Blau des Himmels oben, und meine heiße Stirne fühlte die frische, weiche Kühle des Windes. Eine kleine, schwarze Bretterhütte, von Innen und Außen getheert, liegt hier im Schutze eines Vorhügels. Sie ist für Schiffbrüchige, die an diese ungastliche Küste geworfen werden. Es ist eine Art von Koje darin und Stroh zum Lager; in einem eingemauerten Fasse Trinkwasser, in einem Blechkasten Schiffszwieback, in einer Blechbüchse Schwefelhölzer. Eine schwüle Luft, von den Ausdünstungen des Theers genährt, füllte den engen, dunklen Raum, welcher wol schon das Dankgebet manch eines den Schrecken des stürmenden Meeres Entronnenen gehört haben mag. – Als ich wieder ins Freie hinaustrat, hatte ich das allerschönste Panorama. Hinter mir die Grabesstille der Sandwelt, ihre Berge, ihre Schluchten – ein wehmüthig fesselndes Bild; vor mir die weite, blaue, träumende Fläche der sommerlichen Nordsee und des Watts, die sich hier an der Hörnumodde vereinen. Zur Linken, aus dem feinen Dufte, den Sonne und Wasser webten, dämmerte Amrum, an dessen Nordküste Merret um diese Zeit wol gelandet sein mochte. Aber ich fühlte kein Verlangen dahin; mein Auge war gen Westen gewandt, und meine Seele wünschte sich Flügel, um – gleich den Möven – hinüber zu fliegen.

 

IX.

Am 31. August.

Auf dem Wege, welchen ich von meiner Wohnung in die Mitte des Dorfes gehe, liegt ein freundliches Häusches, einstöckig und flach, wie die anderen, aber schmucker und behäbiger. Ein grünes Spalier friedet den kleinen Garten vor demselben ein, und mancherlei Gebüsch und Blumenwerk, wie es dem Boden und der späten Jahreszeit angemessen, hält sich hier im geschützten Raume. Die Fenster sind gleichfalls grün gestrichen und Blumentöpfe stehen hinter den Scheiben, und zwischen den Blumen erscheinen oft zwei Mädchenköpfe, der eine braun, der andere blond. In diesem lieben Hause wohnt mein Freund, der Schiffscapitain Dircksen Meinertz Hahn, und in seiner Stube sitz' ich oft am Nachmittag, wo mir dann der braune Mädchenkopf eine gute Tasse Kaffe mit prächtiger Sahne, die man nirgends besser hat, als auf Sylt, und der blonde Cigarre und Feuer dazu bringt. Diese Insel, mit der Abgeschiedenheit, in der sie ihre Bewohner hält, ist reich an Originalen; das beste derselben aber ist mein Freund Dircksen Meinertz Hahn. Eine seefahrende Familie, wie keine zweite, ist es, aus der er abstammt. Seine Reisen sind weit und lang gewesen, und zahllos und höchst merkwürdig die Abenteuer und Schicksale, die er auf ihnen erlebte. Jetzt ist er ein kleines, munteres Männlein von sechzig Jahren etwa, und sein Gesicht ist braun von allem Wind, Wetter und Sonnenschein, dem es die lange Zeit getrotzt hat; jetzt hat er sich zur Ruhe gesetzt und leidlich hat er sich in die Ruhe, die ihn umgiebt, gefunden. Aber wenn er von seinen Fahrten spricht, da fängt das alte Seemannsherz zu klopfen an, und die kleinen, braunen, freundlichen Augen werden gar lebendig; dann schiebt er wol die Mütze vom Ohr, die er sonst schwerlich vom Kopfe läßt, und seine hartgewordene Hand schlägt auf den Tisch und er lacht dazwischen, als wollte er hier, in seiner stillen, grünen Behausung den Sturm noch einmal verlachen. Seine Frau Hedwig ist längst gestorben, aber sie nimmt den ersten Platz in seiner Erinnerung ein, und er spricht von ihr jeden Tag. Seine älteste Tochter Christine hat sich mit dem Capitain Boysen vor drei Monaten verheirathet; Grete, der braune Mädchenkopf, ist mit dem Steuermann Petersen, der seit April auf der Reise nach Valparaiso ist, verlobt, und sie trägt einen dicken Ring von Gold an ihrem Finger. Das jüngste Mädchen, das blonde, heißt nach der Mutter und ist jetzt siebzehn Jahr alt, ein schlankes, frisches Kind, welches immer lacht, wie der Vater und Schwester Grete. Hahn's einziger Sohn ist Kaufmann. Der Alte hat sich's, in einer dunklen Sturmnacht, wo sein Schiff mastenlos auf dem gefährlichen Sande vor Hollands Küsten herumtrieb, verschworen, daß, wenn er je Söhne bekommen sollte, keiner von ihnen Seemann werden sollte. Aber das Sylter Blut steckte in dem Jungen; er ward Kaufmann, wie es sein Vater wollte, und lernte auf einem Hamburger Comptoir. Als er aber mit der Lehre fertig war, setzte er sich auf das nächste Schiff und ging nach Valparaiso, wo er jetzt seit mehreren Jahren in einem Exportgeschäft arbeitet. Dies ist die Familie meines Freundes, und glücklich, in der Sicherheit des Vergangenen die Einen, in dem festen Vertrauen auf das Kommende und Gottes Vatergüte, welche Beides lenkt, die Anderen, leben sie in ihrem Hause. Sie hören das Meer rauschen, leiser, lauter, wie es Fluth und Ebbe, Wind und Jahreszeit mit sich bringt; sie athmen die reine, süße Luft, welche breit über die Hügel und Blumen der Haide heraufweht. Die Bildnisse der Schiffe, die der Vater geführt, zieren die Wände der kleinen Stube; vornan der »Zebra«, auf welchem er eine der ersten deutschen Kolonien nach Australien führte, die seitdem im fernen Lande bestens prosperirte und ihrem heldenmüthigen Capitain zu Ehren eines ihrer Dörfer »Hahndorf« genannt hat. In der Stube gegenüber hat unser Freund einen Bücherschrank mit einer kleinen hübschen Bibliothek, welche zu mustern mir oft schon Vergnügen gemacht hat. Da haben wir Walter Scott's Novellen, Marryat's und Cooper's Seeromane; da haben wir Mügge's »Voigt von Sylt«, und Heinrich Smidt's – des einstigen Gefährten unseres Freundes – »Zu Wasser und Land«. – Gerstäcker's Weltreisen und Kohl's Beschreibungen fremder Länder sind da. Alles in dieser kleinen Bücherwelt bezieht sich auf das Meer und die Ferne, und zwar in der Weise, wie es sich dem Aug' und Herzen des deutschen Wanderers und seines Stammverwandten, des englischen, dargestellt hat. Denn das Meer und die Ferne, mit dem unwiderstehlichen Reiz, den sie auf unser Gemüth üben – mit dem wehmüthigen Zauber, den sie um die Stunde des Abschiedes verbreiten, mit dem Heimweh, das sie bergen und das oft für die Ziehenden ihr einziger Preis und Gewinn ist – das kennt doch kein romanisch Kind! Das ist unser Eigenthum, und das Zeichen, an dem sich Engländer und Deutsche wiedererkennen ... Auch »David Copperfield« von Dickens fehlt nicht; und, als ob das Buch an dieser Stelle zumeist geöffnet worden: jedesmal beim Aufschlagen habe ich die Schilderung des Schiffbruchs an der Yarmouth-Küste in der Hand, jenes Meisterstück der Malerei, welche die Stimmung der Natur und die der Menschenseele in ihrer düsteren, fast dämonischen Harmonie darstellt. –

Das merkwürdigste Werk dieser Sylter Seemannsbibliothek aber ist ein Werk, welches aus zwei geschriebenen Quartbänden besteht. Es enthält die Lebensgeschichte Dircksen Meinertz Hahn's und seiner sämmtlichen Seefahrten Beschreibung, und ist – nachdem er sich zur Ruhe gesetzt – in seine Mußestunden, theils aus seiner Erinnerung, theils nach seinen Schiffsjournalen von ihm selbst verfaßt. Er gab es mir mit und ich kann gar nicht sagen, wie diese Blätter – aus denen das Meer und der Sturm selbst zu mir redeten – hier, in dieser verwandten Umgebung, meine ganze Seele gefesselt, erschüttert, zum Nachdenken angeregt – wie sie meine Phantasie erfüllt haben. In den einleitenden Worten sagt der Schreiber, daß er sein Werk zum Andenken für seine Kinder begonnen habe und demnächst mit Gottes Hülfe zu beenden hoffe; und ich kann mir vorstellen, wie es in den Händen derselben lebt, wenn er selbst lange nicht mehr ist, und wie es als ein heiliges Vermächtniß vom Vater auf den Sohn geht, durch viele Generationen; und wie vielleicht in vierhundert Jahren der Forscher auf Sylt dieses Buch citirt, wie ich heute das auf ähnliche Weise entstandene des ehrenfesten Hans Kielholt, des Predigersohnes von Alt-Eidum, citirt habe. Dies ist die Genesis unserer Geschichtsquellen.

Es ist späte Nacht. Das eine der beiden Bücher liegt offen vor mir – trotz der dicht geschlossenen Fenster wehen auf meinem Tische die Lichter ängstlich hin und her, und die Rahmen klappern. Es ist eine Unruhe in der Natur, die sich auch der Seele schon mitgetheilt hat. Große Wolken jagen bei mattem Mondenlicht über die Haide, und ihre grotesken, unheimlichen Formen deuten mir die Entstehung der nordischen Sage von fürchterlichen Thieren, die durch die Luft stürmen und den Mond zu verschlingen trachten. Der Wind saust nur in Zwischenräumen durch die Ebene; es ist, als ob er noch irgendwo gefesselt sei und an seinen Ketten rüttele. Aber dumpf und so, daß er mich nicht schlafen läßt, ist der Schlag des Meeres gegen die Dünenwand; und unter dem Eindruck des nahenden Sturmes schreibe sich mir folgende Stelle aus dem Tagebuch Dircksen Meinertz Hahn's in das meine.

»1836, in meinem 32. Lebensjahr: ... Bis zu den Azorischen Inseln setzten wir ohne besondere Ereignisse unsere Reise fort, wo uns ein so schwerer Sturm überfiel, wie ich noch früher nie erlebt habe. So wie der Wind zunahm, ließ ich zuerst das Vorluck dicht machen. Dies erkannten die Passagiere schon für eine mißliche Behandlung. Gegen Abend wehete es schon so schwer, daß es nicht zu ändern war, das Hinterluck länger offen zu halten. Ich ging in den Raum nieder und stellte den Menschen vor, wie gefährlich es wäre, mit den offenen Luken unter diesen Umständen zu fahren und sagte, sie müßten zugeben, wenn ich auch das Hinterluck dicht machte. Dieß war aber weit gefehlt, aus allen Ecken überschrien sie meine Stimme – Luft – Luft wollen wir haben! Gut, erwiderte ich, Ihr sollt Euren Willen haben; erschreckt aber nicht, wenn Gott Euren Ungehorsam bestraft. Mir soll es recht sein, mein Leben hat mir nicht mehr Werth, als Euch das Eurige. Kaum war ich wieder auf Deck gekommen, brach eine furchtbare See jämmerlich über das ganze Schiff. Es war mir mit Hülfe des zweiten Steuermannes nicht möglich, das Luck so geschwind überzulegen, daß nicht eine ungeheure Masse Wasser im Raum zu den Menschen hinunterstürzte. Wir legten jedoch so schleunig wie möglich das Luck über. Nachdem ich mich wieder erholt hatte, ließ ich den zweiten Steuermann das Luck wieder so weit aufheben, daß ich zu dieser muthwilligen Gesellschaft hinunterkam, jedoch ohne daß sie meine Gegenwart bemerkten. Jetzt tönte Heulen und Wehklagen, Geschrei aus allen Ecken – wir sind verloren. Einige beteten. Andere weinten; Einige sangen, wieder Andere schrieen. Ich machte mich nach Vorne, wo die, so katholischer Religion waren, von den Lutheranern abgesondert ihr Lager hatten, zu untersuchen, wie viel Wasser eigentlich im Zwischendeck war und fand zu meiner größten Bestürzung die Betten im Lee alle treibend. Die Eigner saßen auf dem Verschlag ihrer Kojen und überließen ruhig ihr Bettzeug dem Spiel des Seewassers.

In diesem Augenblick, da die Menschen meine Gegenwart nicht (wegen Dunkelheit) bemerkten, ließ ich mir Zeit, meine Neugierde zu befriedigen, ein Gespräch zwischen zwei Katholiken anzuhören, dem ich später nachgedacht habe, und das ich hier ebenfalls mit anführen werde.

Erster (der in der oberen Koy saß). Wie soll es wol werden, Bruder?

Zweiter (aus der unteren Koy). Wie soll es werden – so wie es beinah schon ist. Der Tod, der Tod ist da und nicht mehr auszuweichen.

Erster. O, wir haben ja doch noch Hoffnung zu unserem Leben, denn wenigstens schien der Capitain noch unverzagt zu sein, wie ich ihn zuletzt sahe.

Zweiter. Ja, der ist so, wie andere Lutheraner und Schiffer. Die Menschen werden erst bange, wenn sie den Tod fühlen. Von uns hängt dieses Unglück ab, als eine Strafe von Gott.

Erster. Wie meinst Du das?

Zweiter. Weil wir einem Lutheraner unser Leben anvertraut haben.

Erster. Dieserwegen trag' ich nun gar kein Bedenken, denn der Mann versteht wol sein Schiff zu kommandiren.

Zweiter. Das wol, aber der Mann kann in diesem unseligen lutheranischen Glauben nicht glücklich fahren, und wenn ich das früher gewußt hätte, würde ich mein Leben nicht auf ein Schiff gewagt haben, wo der Capitain nicht einmal katholischen Glauben hat. – Du sollst sehen, das Schiff geht diese Nacht zu Grunde und wir sind verloren, dabei bleib' ich. Du siehst ja, es ist bereits über halb voll Wasser. (Sie glaubten, weil das Wasser nicht vom Zwischendeck lief, das Schiff sei so weit voll.)

Ich entfernte mich, unbemerkt wieder auf Deck zu kommen. Neben der Treppe, an Backbord-Seite, lag ein bejahrter, aber bemittelter, ehrlicher und religiöser Bauer, Namens Brick, lutherischer Religion. Ich liebte diesen alten Mann sehr, hatte ihm erlaubt, jeden Abend zu mir in die Kajüte zu kommen, wo er dann gern bis Mitternacht bei mir saß und mir die Langeweile durch seine Erzählungen vertrieb. Dieser hatte eine Familie bei sich von 11 Personen. Ich ließ mir wiederum einen Augenblick Zeit, unbemerkt vor des Alten Bett zu vernehmen, wie er sich bei diesem Umstand hatte. Es ließ sich aber Keiner verlauten, so daß ich mich schon entfernen wollte; fing endlich die jüngste Tochter an, die nur erst fünf Jahre alt war, und in der Mutter Arm zu liegen schien.

Liebe Mutter, warum sind wir doch nicht zu Hause geblieben, wenn wir hier alle sterben sollen. Du hast immer gesagt, in Amerika wäre es besser, zu Hause hat uns aber doch noch nicht so was gedroht?

Ja, mein gutes Kind, erwiderte die Mutter, das wußten wir auch nicht, daß uns Todesnoth begegnen würde auf unserem Wege dahin. Sonst wären wir auch da geblieben – und fing bitterlich an zu weinen.

Wenn wir denn nun sterben, fing das Kind wieder an, willst Du mich dann wol fest in Deinem Arm behalten, Mutter, daß wir nicht von einander kommen?

Hierauf brachen alle übrigen Kinder in Weinen aus, die bereits mehrstens erwachsen waren.

Wiewol mir keine Angst angekommen war, und ich als Seemann diesen Umstand von einer ganz anderen Seite erkannte, wie diese Elenden, und sie gerne getröstet hätte, mußte ich doch in dem Augenblick meiner Feigheit mich schämen, indem ich durch die Sprache dieses Mädchens selbst meine Stimme nicht verlauten lassen mochte. Hielt mich deshalb unbemerkt.

Endlich brach der Alte aus in einem gefaßten und ernsthaften Tone: Kinder, wir könnt Ihr nun weinen, und besonders Du Mutter – Du weißt, wir haben unser Eigenthum in Deutschland verkauft, wo wir unser gutes Auskommen hatten, blos deswegen, daß wir unsere Kinder (weil ihrer so viele waren) nicht unversorgt nach unserem Tode in der Welt zurücklassen wollten. Kämen wir nun auch wirklich nach Amerika hin, so ist es noch eine große Frage, ob wir uns da mehr erübrigen und in dieser Hinsicht unseren Zweck erreichen? Wie kann Gott wol unseren Wunsch besser befriedigen, als wenn er uns nun alle auf Einmal zu sich nimmt? Dann sterben wir überzeugt, daß Keiner von uns später Noth leidet. Keiner braucht dem Andern nachzutrauern, und was noch mehr, Grete, sagte er zu seiner Frau, noch sind unsere Kinder rein und unverdorben, wie ich und Du, wir werden daher ganz gewiß in jenem Leben alle wieder zusammen kommen, daher betet nur Alle mit mir um ein seliges Ende.

Ich stand während dieses Gespräches neben dem alten Manne, der vor seinem Bette auf einer Kiste saß; ließ mich bemerken, legte meine Hand auf seinen sammetnen Callotin, den er gewöhnlich auf seinem Haupte trug und sagte: Verzaget nicht, alter, braver Mann, ich werde Euch mit Gottes Hülfe wol nach Amerika bringen. – O, erwiderte er freundlich, seid Ihr da, Capitain? Ich verlasse mich auf Sie und Gott.

Ich wollte mich jetzt die Treppe hinauf verfügen, bemerkte aber quer über Steuerbord-Seite ein neues Gespräch, das meine Aufmerksamkeit rege machte.

Es lagen nämlich da zwei Personen bei einander. Einer ein Löffelmacher, der Zweite ein Gerber. Diese hatten einen Krug Branntwein bei sich, gaben einander wechselseitig die Hände und tranken sich fleißig zu, jedesmal sagend: Nun Adje, Bruder, im Himmel sehen wir uns wieder.

Ich lernte aus Vorgehendem erkennen, auf wie viel verschiedenerlei Art die Menschen ihren Trost herleiten – verfügte mich wieder auf Deck, nahm die Lampe mit einigen Matrosen mit mir wieder hinunter, das Wasser im Zwischendeck auszuschöpfen. Wie die Menschen meine persönliche Gegenwart in dem Lampenschein gewahrten, schrien sie alle vereint, besonders die Katholiken: Ach, Capitain, retten Sie uns, retten Sie uns!

Ich tröstete und beruhigte sie wieder, stellte ihnen vor, wenn sie meiner Ordre nicht widerlebt hätten, würden sie dieser Angst überhoben gewesen sein und schilderte ihnen das als Strafe von Gott für ihren Ungehorsam. Von allen Ecken erwiderten sie: Wir wollen uns von nun Alles gefallen lassen, nur retten Sie unser Leben.

Nachdem wir das Wasser ausgeschöpft hatten, wünscht' ich ihnen eine gute Nacht, ging auf Deck und machte die Luke dicht.

Es war in der Nacht zwischen dem 28. und 29. September. Der Sturm nahm derart zu, daß es um 10 Uhr Abends schon orkanmäßig wehete; wir lagen bei vor dem Achterstagsegel und stumpf vom Groß-Märssegel. Um eilf Uhr flog ersteres total weg; wir banden ein Vormarssegel statt dessen unter, das ebenfalls im Beisetzen wegflog. Zu 12 Uhr wehete es einen förmlichen Orkan. Der große Mast bog sich furchtbar, daß er ganz abzubrechen drohte, welches mich bewog, einen Versuch zu machen, das Märssegel zu bergen, das jedoch während des Aufgaiens ebenfalls wegflog. Die zerrissenen Stücke von diesem Segel, das noch neu war, klatschten oben so schwer bei jedem Schlag, den es nahm, als wenn ein Kanonenschuß fiele, wodurch die Menschen im Raum bemerkten, daß was Außerordentliches vorgehe. Fingen daher an, mit Brandholz unter die Luken zu schlagen.

Ich hob eine Luke oben auf und rief zu ihnen hinunter: Könnt Ihr es denn nicht mehr im Trocknen aushalten, wollt Ihr Euer Gelübde schon wieder brechen? Eine Stimme erwiderte: wenn Sie nur da sind, dann machen Sie nur wieder dicht.

Zuvor habe ich bemerkt, daß zwei Personen unter der Gesellschaft bei einem Kruge Branntwein Abschied tranken. Wie das Segel zu klatschen anfing, hatte einer von diesen den Uebrigen zugerufen: jetzt ist's vorbei, nun ist der Capitain mit allen Leuten schon über Bord und wir segeln hier allein – welches sie zu neuer Unruhe bewogen hatte. Wie sie nun erfuhren, daß ich noch da sei, beruhigten sie sich wieder.

Vermittelst meiner Hängematte, die wir in Besan-Wand ausspannten, lag das Schiff übrigens für Top und Takel ziemlich gut an dem Wind; zu fünf Uhr Morgens sprang der Wind auf Nordost und wurde etwas handsamer, zu sechs Uhr ließ ich wieder eine Luke aufmachen; ich erstaunte über den fürchterlichen Dampf, der bei dieser Oeffnung herauskam. Mit großem Spektakel kam nun Alles nach der Treppe hin, was sich noch bewegen konnte. Der Eine führte mehr Klagen beim Aufsteigen, als der Andere. Wie sie aber die fürchterlich hohe und brechende See gewahrten, hatte Keiner ein Wort weiter zu sagen.

Wie hierauf das Wetter besser wurde, war kein Einziger bange gewesen, vielweniger daß er den Tod gefürchtet hätte, außer dem vorbenannten Bauer Brick. Dieser gestand mir offenherzig, wie ihm zu Muthe gewesen war und was er von den Uebrigen gesehen und gehört hatte.«

 

X.

Am 1. September.

Der Sturm ist losgebrochen. In wahren Fieberträumen habe ich die Nacht verbracht. Das Haus schien zu zittern, der Regen schlug unaufhörlich rasselnd gegen die Fenster und die See brauste, als wolle sie die Dünen noch in dieser Stunde durchbrechen. Ich stand früh auf. Das Haideland, mit seinen düstern, zerstreuten Hütten lag unter schwerem Regen vor mir. Alles sah grau und finster aus, und der Horizont war düster, trostlos und eng. Das erste menschliche Wesen, das ich sah, war der Strandvogt, der vorüberging. Er trug einen Friesrock, bis über die Ohren zu, einen Theerhut, hohe Stiefeln und einen mächtigen Stock. So ging er dahin, um an der Küste zu sehen, ob ein Unglück geschehen, ob ein Schiff in Gefahr. Ich hielt es nicht lange mehr im traurigen Stübchen aus; auch ich nahm Filz und Friesrock und folgte ihm. Ueber die Haide hin, den Dünen zu ging es, bis an die Knöchel im Wasser. Der Sturm sauste mir voll entgegen und hemmte zuweilen Athem und Schritt. Dann weiter bis an den nassen Sand; dann auf zu den Dünen, dann nieder und nun die See im rasenden Sturme vor mir. Die Luft war voll Salzschaum, der Strand bis dicht unter die Hügel voll vom Donner der Brandung. Die Möven, die sonst ruhig dem Meere zuschwebten, waren alle zurückgejagt; und im ängstlichen Fluge, mit Wehgeschrei umflatterten sie die Sandberge. Und Regen und Wogen und Aufruhr erfüllten den Westen, und Himmel und Wasser brauten in unheilvollem Durcheinander. Woge auf Woge – die eine wälzte sich heran, weit und langsam, nun, am Lande, hob sie sich und brach und stürzte mit schaurigem Gepolter, weißzischend, über die Fläche. Die andere, dicht dahinter, fing das rückkehrende Wasser auf, und jagte es mit erneuter Wuth gegen den zitternden Strand. Und eine neue Woge kam – hier, und dort und überall, so weit das Auge reichte, und die Seele bebte, von der Urgewalt der Zerstörungsmusik berauscht. Und ewig, aus ihrem Untergang neu geboren, kehrte Welle auf Welle wieder, und es war, als ob dies grausige Getümmel, meilenweit, aus den Fesseln des Abgrundes losgelassen, nicht eher wieder ruhen werde, als bis es Alles verzehrt und verschlungen, den Sand, die Dünen, uns selber.

Weiter ging ich. Der Schaum der Brandung spritzte gegen meine Kleider. Fern, in der stürmischen Dämmerung des Regens, des Sturmes und des nahen Meeres kämpfte der Strandvogt. Kein Schiff war zu sehen, kein Segel. Ich dankte Gott, daß er den Kurs der an diesen Küsten irrenden Fahrzeuge nicht hierher in den vernichtenden Strudel gelenkt. Die Badekarren waren hoch in die Dünen hinausgeschoben; Paulsen, der Bademeister, saß in einer derselben, und Mommsen, sein Gehilfe, saß in seinem Boote, das er gleichfalls vor dem Wasser hinaufgeflüchtet. Sonst war Niemand auf der Einöde des Strandes. Paulsen saß stille da und sein Auge ging aufs Meer und seine Seele folgte dem Sturm und den Wellen. Ich setzte mich zu ihm. Lange saßen wir stumm neben einander; dann begann er zu reden, und ich lauschte – beim Donner des Elementes – seinen Worten. Solch ein Wetter sei es gewesen, sagte er, das ihm vor Jahren und um diese Herbstzeit sein ganzes Glück und den sauern Erwerb eines Lebens zerschmettert habe. Er könnte jetzt ein reicher Mann sein, sagte er, und das schönste Haus auf Sylt haben, oder auch in einem eigenen Schiffe zur See fahren, anstatt hier auf den Badekarren zu sitzen und den Leuten die Badetücher zu trocknen. Ach, ach – er habe das schon lange verwunden; aber wenn er solch ein Wetter sehe, dann komme es wieder über ihn und er könne sich tagelang nicht vom Aufruhr des Meeres trennen. Damals, nach zwanzigjähriger Abwesenheit von der Insel, habe ihn zuletzt doch die Sehnsucht ergriffen und er habe auf Einmal Hab und Gut und Eigenthum, welches er in Sacramento-Stadt besessen, verkauft. Warum habe er es auch gethan? Tausendmal stehe er jetzt hier, am Rande des Meeres, und blicke hinüber gen Westen und frage sich, warum er das gethan habe? Er könnte jetzt einen Palast in Sacramento-Stadt oder auch in San Franzisco haben. Er habe so viel Geld gehabt; er wisse gar nicht, wie viel und wolle es auch gar nicht wissen, drei, vier Säcke voll. Mommsen, sein Gehilfe, habe auch einen Beutel voll gehabt. »Ist es wahr oder nicht, Mommsen?« fragte Paulsen. Mommsen richtete sich in seinem Boot auf, und mit einer täppischen Miene, zwischen Lachen und Weinen, sagte er: Ja, es sei wahr. »Wir bestiegen in Monterey einen Dampfer und fuhren mit fünfhundert Passagieren und einer starken Ladung Gold Mitte August ab. Die Fahrt bis an die irische Küste ging gut, und wir sahen schon die »zwölf Nadeln« über Galway. Da aber ging unser Unglück an. Gottes Fluch auf die irische Küste! Der Wind sprang nach Südost um, dann kam der Sturm und dann, noch ehe die Nacht da war, der Orkan. Wir konnten den Kurs nicht mehr halten, und statt gegen die Südküste, liefen wir gegen die Nordwestküste von Irland. Wir ließen Raketen steigen, um einen Lootsen zu bekommen. Aber die Raketen verpufften im Sturm und kein Lootse kam. Das Schiff lief mit Gewalt gegen die Küste und uns Allen ward ängstlich zu Muth; der Capitain ließ zwei Anker fallen, um es zum Stehen zu zwingen. Aber die Ankerketten rissen wie Garn, und die Maschine arbeitete aus allen Kräften gegen den Sturm, aber umsonst. Ich dachte, aus so vielen Stürmen bist Du nun so glücklich herausgekommen, da Du noch Nichts zu verlieren hattest, als höchstens das Leben, und hier sollst Du verderben, mit Deinen Säcken voll Gold, die Du Dir mühsam erworben? Da setzte ich mich in meine Koy und meine Säcke um mich her und sagte: mit diesen oder gar nicht! Hab' ich das gesagt, Mommsen?« Ja, sagte Mommsen, das hat er gesagt; und er habe dasselbe gesagt, und seinen Beutel gleichfalls vor sich aufs Knie genommen. »So saßen wir zusammen in unsrer Koy und das Heulen des Sturmes war schrecklich, und die Maschine keuchte, wie wenn ihr der Athem wollte ausgehen, und das Schiff zitterte in allen Rippen. Mit diesen oder gar nicht, Mommsen! sagte ich, und wir waren fest zum Aeußersten entschlossen. Aber Du lieber, grundgütiger Gott, was wird aus dem Menschen, wenn's nun wirklich an's Leben geht? Als ich gegen Mitternacht dicht neben unserer Koy einen Capitain, der kurz vorher erst selbst sein Schiff verloren hatte, sagen hörte: »Macht schnell, wir sind alle verloren!« da merkte ich, daß die Gefahr groß sein mußte; aber ich suchte meinem Gehilfen Mommsen die Furcht auszureden und befahl ihm, bei den Säcken zu bleiben, ich wollte einmal oben nachsehen. Was sah ich da? Die Masten waren schon über Bord gegangen, und das Land – so viel man erkennen konnte – mit einem Tau zu erreichen. Ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Arm, schrie: »wir wollen zusammen sterben!« Ein Matrose mit einem Ankertau stürzte sich ins Meer, um ans Land zu schwimmen; aber weg war er, ehe sich noch eine Hand um ihn bekümmern konnte. Und krach, krach ging es – das waren die ersten Stöße, und wir fühlten nun wol, daß wir uns in Felsengrund befanden. Alles drängte sich in der großen Cajüte zusammen, todtenbleich und frostzitternd, weinend und schreiend; und ein Geistlicher fing an zu beten und beim Jammern der Frauen und Kinder beteten Einige mit ihm. Die Stöße aber wurden gegen Morgen immer furchtbarer, und gegen drei Uhr Morgens war's zu Ende. Der Orkan warf das Schiff auf die Felsen der Küste. Da lag es in vier Faden Wasser, wenn's viel war, auf Leeseite und jede Welle gab uns einen neuen Stoß, so daß unser letzter Muth verschwand. Länger hatte es Mommsen auch nicht im Raume ausgehalten, und in der grauen Sturmdämmerung stand er auf einmal mit seinem Beutel vor mir. Wo hast Du meine Säcke, Unglückskind? fragte ich. Er sagte, sie stünden noch im Raume. Darauf lief ich mit ihm hinunter, um sie heraufzuschleppen. Ich hatte eben wieder das Verdeck erreicht und hielt mich knapp im Gleichgewicht, als plötzlich eine brausend daherkommende Welle die Breitseite faßte. Mit diesen oder gar nicht! rief ich Mommsen zu – da kam ein heftiger Schlag, der das Schiff an den Felsen drückte, es drehte sich noch einmal halb um sich selbst, dann kam ein dumpfes Getöse, zu meinen Füßen theilte sich der Boden und das Erste was ich sinken sah, waren meine Säcke mit Gold. In dem Wahnsinn meines Schmerzes sprang ich ihnen nach – ich sah und hörte Nichts von dem Untergang der Anderen, wie im Augenblick alle Räume unter Wasser waren, und Alles, was nicht sank, von den zusammenbrechenden Trümmern des Vortheils erschlagen ward. Mein Wahnsinn rettete mein Leben. Oft schon habe ich gewünscht, es wäre da geblieben, wo die Anderen liegen. Ich schwamm nicht, denn ich hätte auch gegen die Wellen nicht schwimmen können; ich hielt mich nur eben, halb bewußtlos, über Wasser, und mehrere Male an den Strand und mehrere Male zurückgeworfen, blieb ich zuletzt halb todt auf dem Sande liegen. Wären hier Klippen gewesen, so hätte dieser letzte Stoß meinem Leben ein Ende gemacht. Als ich aus meinem Taumel erwachte, war es breiter Tag geworden; auf dem Wasser trieben die letzten Planken des Schiffes, und über die Felsen kam das irische Gesindel aus dem nächsten Küstendorfe, um Strandgut zu bergen. Dafür hatte aber der Sturm gesorgt, daß sie Nichts fanden, als mich und noch etwa vierzig, die von der ganzen Schiffsmannschaft übrig geblieben, und die Bettler waren, wie ich. Zuletzt fand sich auch Mommsen ein, der über seinen Beutel mit Geld heulte, und sich nicht einmal beruhigen wollte, als ich ihm sagte, ich hätte meine vier Säcke auch verloren. – So kamen wir denn, nach vierzehn Tagen, ärmer als wir gegangen, auf dieser Insel an, und sitzen allhier auf dem Sande von Westerland und denken an unser Geld, welches an der irischen Küste versunken und begraben liegt.«

Paulsen schwieg und Mommsen, sein Gehülfe, desgleichen; und noch lange, nachdem ich schon gegangen, blieben sie sitzen, wie ich sie gefunden, Mommsen in seinem Boote, und Paulsen in seiner Karre, das Auge aufs Meer gerichtet und die Seele folgend dem Sturm und den Wellen.

*

Nach dem Frühstück, als der Tag vorgeschritten war und der Himmel sich ein wenig geklärt hatte, begab ich mich in die Wohnung des Strandvogtes. Er war nicht lange von seiner Wanderung zurückgekommen. Sein Gesicht war noch ganz geröthet vom scharfen Strich des Windes und des Salzwassers, seine Kleider hingen zum Trocknen am Feuer, und er saß vor einem Journal, um Aufzeichnungen über Richtung und Stärke des Windes zu machen, und ging darauf an's Fenster, um nach einem Instrument zu sehen »für einen gewissen Professor in Berlin, Namens Dove«, wie er sagte. Hierauf führte er mich durch sein geräumiges Haus, zeigte mir Stuben und Verschläge, Viehstall, Heuschober – Alles unter einem Dach und dicht gegen das Wetter gemacht. Zuletzt kamen wir in die Scheune, in welcher das Strandgut bis zur Reklamation, oder wo diese nicht erfolgt, bis zur Versteigerung geborgen wird. Da lagen Haufen von Stangen und Gebälk aller Art, zersplittert und vom Salzwasser, in welchem es lange getrieben, ganz schwarz und zerfressen. Da lagen Schiffseimer und Porterkrüge und kleine Fässer und sonstiges Geräthe. Da lag ein Namensbrett von einem Schooner, mit Namen: Magnet, der mit Mann und Maus an der Küste von Norwegen gesunken ist, und die Kajütenthür einer Brigg, von der man weder Namen noch Schicksal bis jetzt erfahren hat. Sie trieb im Frühjahr an und liegt nun in des Strandvogts Scheuer. Sie ist noch gut erhalten, die Farben sind noch erkennbar und folgender Spruch in englischer Sprache steht mit klaren Lettern darauf geschrieben:

Winds may raise and seas roar,
We on his love our spirits stay,
Him with quiet joy adore,
Whom winds and seas obey.

Das heißt zu deutsch:

Mag auch stürmen Wind und Meer,
Still in Seiner Lieb' wir sind –
Freudig geben wir Ihm die Ehr,
Dem Meer gehorcht und Wind!

Als ich dem Strandvogt diesen Vers übersetzt hatte, da nickte er traurig mit dem Kopfe und sagte: Amen!

 

Falsche Kapitelnummerierung im Buch. Nummer XI fehlt. Re.

XII.

Am 8. September.

Zum letzten Male sitze ich im Morgensonnenschein auf dem Rasen und sehe mir das Häuschen mit seiner grünen Bogenthür, seinen vier Fensterchen, seinem Strohdach an, unter welchem ich so viel Tage der Einsamkeit, des Friedens, und der Rückkehr zu mir selber gefeiert habe. Dort an den Dünen weiden ein paar Schafe, dort über die Haide – das weiße Kopftuch fest umschlungen, eine hohe starke Figur, eine wahre Lady Macbeth-Gestalt, geht Jungfrau Brigitte Marlo. Dankbar und gerührt nahm ich Abschied von dem Einen und dem Anderen; von dem Meer, von den Hügeln, von der Haide, von den Menschen, welche ihre stillen und ernsten Bewohner sind. Ich habe viel von ihnen gelernt; aus ihrem Leben, das ohne Leidenschaft und Verbrechen, aber voll großer Sorgen und immerwährender Gefahr, aus ihrer Geschichte, die ohne Bedeutung ist für die heutige Welt, aber ihr ein Muster sein könnte in der Standhaftigkeit ihrer Kämpfe, nehme ich einen Schatz der Erinnerung mit mir.

Gestern zum Abschied hat Wulff Manne Dekker in der Dünenhalle einen Ball der Westerländer veranstaltet, der all' meine Freunde und Freundinnen noch einmal um mich versammelte. Grete Hahn erschien dabei im alten Nationalkostüm der Sylterinnen, welches seit Anfang dieses Jahrhunderts abgekommen, aber noch in einzelnen Exemplaren von mehreren Familien zum Andenken aufbewahrt wird. Es ist das Kostüm, von welchem ums Jahr 1650 der Burgermeister von Husum schrieb: »Die Einwohner dieser Insul haben auch noch ihren besonderen Habit oder Tracht an Kleidung, insonderheit tragen die Weiber kurtze Röcke, so nicht viel über die Knie herunter reichen, wie vormahls die Spartanischen Weiber auch sollen getragen, denen sie an Muth und Hertze sich auch vergleichen.« – Meine kleine braunäugige Spartanerin sah reizend in diesem kurzen weißen Rocke aus. Sie trug dazu hohe, rothe Strümpfe, ein weißes Tuch, das ihren Kopf vestalisch verhüllte, und den berühmten Smak – das altfriesische Hemd mit unzähligen Falten, »wozu einige dreißig Ellen Leinen gingen,« und das, wie Clement behauptet, von den Streifzügen der Friesen und Dänen her sich in Irland lange erhalten hat. Gewiß ist, daß das Hemd in England – freilich um ein Beträchtliches gegen sein friesisches Original verkleinert – noch » smock« heißt; sowie auch, daß es mit den »dreißig Ellen Leinen« dieses Smak's auch Nichts war. Denn da man kein passendes Exemplar aufzutreiben wußte, nahm man eins von – meinen Hemden; und es stand dem Mädchen vortrefflich und gewann über ihrer Brust einen Reiz, den ich bisher nicht an ihm gekannt hatte. – Grete's Partner in Alt-Sylter Tracht war Kruse, der Tanzdeputirte im Bratenrock. Früher war dieser Mann Schiffskoch, und jetzt ist er Vergnügungscommissair von Westerland. Sein eigentliches Geschäft zwar ist das Fuhrwesen; allein damit will es nicht recht vorwärts, sintemal sein eines Pferd todt ist und sein anderes am Rande des Grabes geht. Das Musikchor, welches sich eine Weile in Mißtönen der schreiendsten Natur erging, bestand aus vier Personen. Muck, der Schiffszimmermann, spielte die erste Violine, und Boysen, der Handelsmann, die zweite; die Clarinette blies Nickels, der Tausendkünstler, der sonst auch Daguerreotypen verfertigt, und den Baß strich der lahme Jens, der an Krücken geht. Aber nicht lange, so kam eine andere Musik aufs Tapet. Es schnarrte, dröhnte, gellte und pfiff, daß ich glaubte, es sei wol ein halb Dutzend neuer Musikanten angekommen. Dem war aber nicht so; es hatte sich ein Junge vom Land herübergemacht mit einem wunderseltsamen Instrumente, das er zur Lust und Freude der Tanzenden, die noch einmal so rasch durch den Saal flogen, im reichlichen Schweiße seines Angesichtes bearbeitete. Der Körper dieses Instrumentes war eine Handharmonika, die er aber mit den Knieen spielte, und während seine Rechte über das Tastenwerk hin- und herfingerte, schlug er mit der Linken ein an's Bein geschnalltes Becken und stieß mit dem Mund in eine am Instrument befestigte Trompete, außer bei den zarteren Stellen, zu welchen er pfiff, so daß dieser Mensch mit jedem Glied, das er rühren konnte, Musik machte, und zwar so lange, bis er von allem Arbeiten, Pfeifen, Blasen und Beckenschlagen schweißgebadet und halb lahm war. Dann bekam er eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen, und auch die Uebrigen setzten sich zu diesem Lieblingsmahl der Sylter nieder, bis der neu gekräftigte Orpheus zu neuen Freuden rief.

Doch sieh, was ist das? Dort über das Grün kommt Grete, und vor sich breit im Sonnenschein trägt sie den »Smak«, der nach diesem nächtlichen Streifzug in die Mythe des Frauenreichs, als gewöhnliches Hemd in das Alltagsleben zurückkehren muß!

Am Abend desselben Tages.

(An Bord der »Ida«.)

Wie bunt, bei Sonnenuntergang, war das Ufer von Nösse, woselbst wir uns einschifften! Es sah wie ein Lagerbild aus oder wie eine Auswandererscene. Da brannten kleine Feuer, über denen Wasserkessel hingen, und ihr bläulicher Rauch wirbelte in die Scheidegluth des Westens empor. Da standen Karren und Pferde und friesische Jungen dazwischen mit langen, falben Haaren – solche, wie mich am Tage der Ankunft empfangen hatten. Da waren Gesellschaften von Herren und Damen, welche an die Küste nach Schleswig oder nach Hamburg zurückfahren wollten – da waren Frauen und Mädchen und Knaben, welche mit Kieseln nach den Seevögeln warfen, daß sie erschreckt auffuhren und sich im Glanze des Abends verloren. Da war halb Westerland versammelt, um Abschied zu nehmen, und da war ein Händeschütteln und ein Bitten, Sylt nicht zu vergessen, und ein Versprechen, im anderen Jahr wiederzukommen – und endlich, als die »Ida«, von Föhr herandampfend, Anker warf, ein Stürzen nach den Böten und ein Schieben der Männer, die nackt bis über's Knie im schwarzen Schlick standen. Und dann kam noch einmal Wulff Manne Dekker an Bord, um jedem Einzelnen die Hand zu drücken, und wie er nun die Schiffsleiter hinabstieg in das letzte Boot, welches zurückging, und dann langsam in der Dämmerung des Abends und dem Nebel des Meeres verschwand, war er das Letzte, was wir von Sylt sahen.

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